Mechanik des Frauenhasses

geschrieben von Michael Mallé

7. Juli 2026

Blick auf antifeministische Netzwerke, digitale Hetze und Macht öffentlicher Pranger

Veronika Kracher legt mit ihrem aktuellen Buch den Finger in eine offene gesellschaftliche Wunde: die Mechanismen von Frauenhass, digitaler Hetze und antifeministischer Mobilisierung. Bereits mit ihrem ersten Buch über »Incels«1 bewies Kracher ein Gespür für brisante Themen – und für den richtigen Zeitpunkt, sie sichtbar zu machen. Etliche Anschläge und Schießereien in dieser Zeit trugen die Handschrift von Incel-Tätern, inklusive seitenlangen misogynen Manifesten. Spätestens mit der Netflix-Serie »Adolescence« aus dem letzten Jahr ist das Thema in aller Munde.

»Bitch Hunt« schließt daran an, nimmt sich den Aspekt digitaler misogyner Kampagnen vor und seziert ihn zu einer Zeit, in der die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes das sexistische und gewalttätige Verhalten ihres Exmannes Christian Ulmen öffentlich gemacht und damit eine gesellschaftliche Debatte über Deepfakes und Frauenverachtung im Netz entfachte. Auf das Entsetzen über die Taten Ulmens und Demonstrationen folgte ein enor-mer Backlash an Relativierung und öffentlichem Schmutz, der auf der Betroffenen Fernandes abgeladen wurde. An vorderster Front der Kommentarspalten waren Männer (und Bots2), die bislang jede Verfehlung ihrer männlichen Lieblingspromis zu rechtfertigen wussten.

Genau bei diesen Dynamiken setzt das Buch an. Es arbeitet sich durch die medial viel diskutierten Fälle wie jene um Till Lindemann (»Rammstein«) sowie des Comedians Luke Mockridge und blickt auf die verstärkende Rolle, die antifeministische Netzwerke und radikalisierte Internettrolle bei Diskussionen im digitalen Raum haben. Immer wieder kommt Kracher dabei auf Internetforen zu sprechen, die einen zentralen Stellenwert bei der antifeministischen Radikalisierung junger Männer einnehmen. Unter dem Deckmantel der absoluten Meinungsfreiheit werden dort jegliche moralischen Tabus gebrochen und Menschen, vor allem Frauen und trans Personen, niedergemacht. Diese Foren sind das Zentrum von gezielten Kampagnen gegen Frauen und Queers, die eine Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit und in Szenen, wie der Gaming-Community, einfordern. Die Kampagnen zielen dabei auf die Zerstörung des öffentlichen Rufs, auf den Verlust von sozialen Beziehungen, Jobs und führen in extremen Fällen bis zum Suizid der Betroffenen. Auch für politische Kampagnen lassen sich die Aktivist*innen aus diesen Foren mobilisieren, wie zum Beispiel den Wahlkampf von Donald Trump, dessen Kommunikationsstrategien sich oftmals mit denen der misogynen Onlinetrolls decken.

Veronika Kracher: Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen. Verbrecher Verlag, Berlin 2026, 300 Seiten, 22 Euro

Veronika Kracher: Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen. Verbrecher Verlag, Berlin 2026, 300 Seiten, 22 Euro

Einen weltweit beachteten Fall nimmt Kracher als Herzstück ihres Buches, den Prozess um die Schauspieler*innen Amber Heard und Johnny Depp wegen Gewalt in der Partnerschaft. Trotz oder gerade wegen der erdrückenden Fülle an Beweisen für das grenzenverletzende Verhalten Depps, brachte Depp neben einem professionellen Anwaltsteam eine konzertierte Internetkampagne gegen seine Expartnerin Heard in Stellung. Er versuchte damit recht erfolgreich, ihre Karriere und ihren öffentlichen Ruf zu vernichten. Der öffentlich ausgetragene Prozess wurde begleitet mit einer Flut von Internetclips und Memes3, die jedes vermeintliche Fehlverhalten der Betroffenen aufgriffen und ins Lächerliche zogen. Die Trollarmee stand dabei fest an Depps Seite und nahm jede*n ins Visier, die*der Solidarität für Heard signalisierte, so Veronika Kracher. Mit den Beweisen oder der eigentlichen Dynamik des Prozesses hatte das wenig zu tun. Das Reden über Partnerschaftsgewalt wurde zum Spektakel, an dessen Ende der Rückzug Heards aus Hollywood und aus der Öffentlichkeit stand, während Depp sich weiterhin nicht über Filmangebote und Werbedeals beschweren kann. Die »Me too«-Bewegung, die in den Jahren zuvor Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt von Männern im Filmbusiness anprangert hatte, wurde, so die Einschätzung von Beobachter*innen, mit dem Prozess Heard/Depp beendet. Übergriffige Männer aus Film- und Musikindustrie, wie der Musiker Marilyn Manson, bedienen sich seither derselben Strategien wie Depp, um die Betroffenen mundtot zu machen.

Natürlich spielen sich die dargestellten Fälle und Internetdynamiken nicht im luftleeren Raum ab, wie Kracher umfassend darlegt. Gesamtgesellschaftliche Verfasstheiten spielen in solchen Fällen den frauen- und transfeindlichen Dynamiken in die Hände. In Zeiten, in denen rechte Kräfte, von Trump über Putin bis hin zur AfD, weltweit die queere Community als einen Hauptfeind auserkoren haben, fallen solche Aushandlungen auf einen fruchtbaren Boden. Im Patriarchat hat der Täter einen Vertrauensvorschuss, die Betroffenen müssen demgegenüber Beweise für Fehlverhalten mühsam erbringen. Kracher ordnet diese Entwicklungen theoretisch ein und stützt sich dabei unter anderem auf Ausführungen des Sozialpsychologen Rolf Pohl und des Kulturtheoretikers Klaus Theweleit. Sie stellt die beschriebenen Fälle sehr detailliert dar und garniert sie mit persönlichen Bezügen. »Bitch Hunt« ist ein inhaltlich rundes Buch, es ist eine unbedingte Leseempfehlung, vor allem für Männer, die ihr eigenes Verhalten auf misogyne und problematische Dynamiken abklopfen wollen. Diese Reflexion ist immer die schwerste.

1 Radikalisierte junge Männer mit einem Hang zu Frauenhass und Gewalt, siehe auch Veronika Kracher: Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults

2 Automatisierte Nutzerkonten, die in sozialen Netzwerken Inhalte verbreiten, Diskussionen beeinflussen oder koordinierte Kampagnen unterstützen.

3 Bilder, Videos oder Textbausteine, die sich im Internet viral verbreiten und zur Unterhaltung, aber auch zur politischen Propaganda oder Diffamierung genutzt werden.