Mormonen unterm Hakenkreuz
7. Juli 2026
Zwischen Mittäterschaft, Anbiederung und Widerstand
Der US-Spielfilm »Wahrheit & Verrat – Truth & Treason« (2025) rückt eine vergessene Episode des antifaschistischen Widerstands ins Licht: die Geschichte der Widerstandsgruppe um den jungen Hamburger Mormonen Helmuth Hübener. Der Film ist Anlass, das Verhältnis der »Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage« (»Latter-day Saints«, LDS) zum NS-Staat näher zu beleuchten. Dabei sind verschiedene Ebenen zu berücksichtigen: die Einzelmitglieder, die kirchliche Leitung im Reichsgebiet und in den USA sowie die Aktivitäten der Gestapo.
Der langjährige Bundessprecher der VVN-BdA Ulrich Sander1 hatte sich schon früh mit dem wohl bekanntesten deutschen Mormonen jener Zeit befasst: Helmuth Hübener, Jahrgang 1925. Er war ehrenamtlicher Sekretär des Hamburger Gemeindevorstehers, was ihm heimlichen Zugang zu einer Schreibmaschine verschaffte. Ab 1941 hörte er trotz Verbots Auslandssender wie die BBC ab. Mit seinen Glaubensbrüdern Rudolf Wobbe und Karl-Heinz Schnibbe sowie dem Verwaltungslehrling Gerhard Düwer bildete er eine kleine Widerstandsgruppe. Sie verfassten, reproduzierten und verteilten Flugblätter – von kurzen Parolen wie »Nieder mit Hitler« bis zu detaillierten Berichten über den tatsächlichen Kriegsverlauf.
Tod in Plötzensee
Im Februar 1942 wurde Hübener denunziert und verhaftet. Vor dem Volksgerichtshof wurden alle vier wegen »landesverräterischer Feindbegünstigung« verurteilt. Die drei Mitangeklagten erhielten Gefängnisstrafen zwischen vier und zehn Jahren; Hübener wurde zum Tode verurteilt. Der vorsitzende Richter, SS-Oberführer Karl Engert, erklärte den 17-Jährigen kurzerhand für volljährig. Am 27. Oktober 1942 wurde Hübener in Berlin-Plötzensee2 hingerichtet – er war der jüngste Widerstandskämpfer, an dem der Volksgerichtshof ein Todesurteil vollstreckte. Die LDS-Mitglieder Wobbe und Schnibbe emigrierten nach ihrer Entlassung nach Utah. Hübeners Geschichte ist heute fester Bestandteil der offiziellen Gedenkkultur, so in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand3. In Berlin ist die Schule der Jugendstrafanstalt nahe der Hinrichtungsstätte Plötzensee nach Hübener benannt.
Der LDS-Gemeindevorsteher in Hamburg, Arthur Zander, war NSDAP-Mitglied. Nach der Verhaftung veranlasste er Hübeners Exkommunizierung: Der Teenager habe gegen den 12. Glaubensartikel der Mormonen verstoßen, der sie verpflichtet, staatlichen Regierungen untertan zu sein und dem Gesetz zu gehorchen. Zander soll zudem am Gemeindehaus ein Schild mit dem Aufschrift »Juden ist der Eintritt verboten« angebracht haben. Später rehabilitierte die LDS Hübener vollständig.
Im Gegensatz zu den Zeugen Jehovas – die bereits 1933 verboten und deren Mitglieder mit dem lila Winkel in die KZ verbracht sowie tausendfach getötet wurden – blieb die LDS erlaubt. Dennoch wurden einzelne Gemeinden drangsaliert. Der Regionalleiter Richard Ranglack berichtete, er habe sich »fast jeden oder alle zwei Monate« zur Gestapo in Berlin begeben müssen. Das Singen von Liedern mit dem Wort »Zion« wurde verboten, und Predigten mussten rein religiöser Natur sein.
Kein Verbot im Faschismus
Gestapo und Sicherheitsdienst (SD) betrachteten die Kirche mit Argwohn. Eine Schrift aus dem »Amt Rosenberg« von 1938 hielt fest, die Lehren der »jüdisch-christlichen Sekte« stünden im »krassen Gegensatz zur nationalsozialistischen Weltanschauung«. Da die LDS »international eingestellt« sei und »pazifistische Tendenzen« vertrete, empfahl der SD die Kirche als »äußerst unerwünscht anzusehen« – ein Verbot blieb aus.
Im Jahr 2024 wertete eine kirchennahe Stiftung die Gestapo-Akten im Bundesarchiv4 systematisch aus. Sie belegen das Misstrauen der Nazis. Stiftungsdirektor Josh Coates resümierte: Die Mitglieder der Gemeinden hätten sich im Hitler-Staat »zwar gesetzestreu verhalten, aber meist sorgfältig vom Nationalsozialismus distanziert«. Dagegen lobte Alfred C. Rees, Präsident der Ostdeutschen Mission von 1937–1939, im Völkischen Beobachter die »neuzeitlichen Entwicklungen Deutschlands«. Das Anbiedern Rees’ an den NS-Staat nahm man ihm bei der Gestapo allerdings nicht ab und wertete sein Pamphlet als »bewusste Verdrehung der Tatsachen«.
Aus dem Zentrum der Kirche in Salt Lake City kamen widersprüchliche Signale. Das Leitungsmitglied John A. Widtsoe erklärte, Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus müssten von den Kirchenanhängern »bekämpft werden«. Dagegen wiesen Historiker dem LDS-Oberen J. Reuben Clark antisemitische und rassistische Positionen nach. Auch habe er die Hilfsgesuche österreichischer Juden, die zum Mormonentum konvertierten, abgelehnt. Unter den Einzelmitgliedern fanden sich wohl ähnlich viele NS-Anhänger wie in der übrigen Bevölkerung. Der genannte Glaubensartikel mit seiner Gehorsamkeitspflicht begünstigte jedoch staatsloyales Verhalten.
Das Gesamtbild bleibt ambivalent. Der Historiker Josh Coates formulierte: Die Kirche wandelte auf einem »schmalen Grat zwischen vorsichtiger Unterwerfung und stillem Widerstand«5. Die Geschichte Helmuth Hübeners stellt dabei das deutlichste Beispiel für die widerständige Seite dieses Spektrums dar.
Die Mormonen
Die LDS ist eine 1830 in den USA gegründete christliche Gemeinschaft mit Hauptsitz in Salt Lake City, Utah. Die Kirche ist sehr konservativ, ihre Mitglieder werden Mormonen genannt. Im Deutschen Reich und in Österreich gab es in den 1930er-Jahren rund 15.000 Mitglieder, aufgeteilt auf zwei Missionsgebiete.
Literatur
- David Conley Nelson: Moroni and the Swastika: Mormons in Nazi Germany, University of Oklahoma Press, 2015
- Ulrich Sander: Jugendwiderstand im Krieg. Die Helmuth-Hübener-Gruppe 1941/42, Pahl Rugenstein, 2002
- Karl-Heinz Schnibbe: Jugendliche gegen Hitler. Die Helmuth-Hübener-Gruppe in Hamburg 1941/42, 1991
1 https://nrw-archiv.vvn-bda.de/bilder/hu_bener_web.pdf
2 https://www.gedenkstaette-ploetzensee.de/totenbuch/recherche/person/huebener-helmuth
3 https://www.gdw-berlin.de/vertiefung/biografien/personenverzeichnis/biografie/view-bio/helmuth-huebener/
4 https://bhroberts.org/projects/gestapo
5 https://www.deseret.com/faith/2024/11/12/nazis-disliked-latter-day-saints/




























