Notwendiges Erinnern
7. Juli 2026
»Unternehmen Barbarossa«: 85 Jahre nach dem Naziüberfall auf die Sowjetunion
Ohne Kriegserklärung begann am 22. Juni 1941 der deutsche Überfall auf die UdSSR. Offiziell hieß es, gerichtet an die Öffentlichkeit im Ausland wie an die deutsche Bevölkerung, man sei zu »militärischen Gegenmaßnahmen« gezwungen worden. Hitler verbot, von Krieg zu sprechen. Propagandistische Verschleierung und bewusste Irreführung lenkten von eigener Kriegsschuld ab. Diese wies man »anderen« zu, gemäß einer Methode, die bereits im Ersten Weltkrieg praktiziert worden ist. Verkündet wurde zudem, man habe einem unmittelbar bevorstehenden Angriff der Roten Armee zuvorkommen müssen. Verlogen hieß es an diesem Tag in Hitlers »Aufruf an die Soldaten der Ostfront«, Deutschland habe reagieren müssen auf ein »Komplott der jüdisch-angelsächsischen Kriegsanstifter und der ebenso jüdischen Machthaber der bolschewistischen Moskauer Zentrale«.
Es wurde ein Vernichtungskrieg geführt. Bekannt sind seine unheimlich bitteren Folgen. An vieles ist zu erinnern, unter anderem daran, wie intensiv der sogenannte Feldzug im Osten vorbereitet und wozu er entfesselt wurde. Historiker in Ost und West haben alles umfassend erforscht. Zahlreiche Dokumente belegen unumstößliche Tatsachen. Ändert sich heute etwas daran angesichts des furchtbaren russisch-ukrainischen Krieges?
Es waren ausufernde Großmacht- und Kolonialpläne, die den Versuch deutscher Faschisten belegen, mit ihrer Vormacht in Europa eine Basis deutscher Weltmachtträume zu erreichen. So erklärte Hitler bereits am 3. Februar 1933 im Gespräch mit Befehlshabern von Reichswehr und Reichsmarine knapp, aber eindeutig, man müsse »gegen Versailles« kämpfen sowie für »Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung«. Dann folgten konkrete Pläne: Im November 1940 wurde die lange vorbereitete »Barbarossa«-Weisung Nr. 21 unterzeichnet. In ihr hieß es, die Wehrmacht müsse »darauf vorbereitet sein, auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen«. Am 16. Juli 1941 sprach Hitler von der Absicht, den »riesenhaften Kuchen handgerecht zu zerlegen, damit wir ihn erstens beherrschen, zweitens verwalten und drittens ausbeuten können«. Im Kampf gegen die Sowjetunion handele es sich, wie Joseph Goebbels im Sommer 1942 schrieb, um einen »Krieg für Getreide und Brot, für einen vollgedeckten Frühstücks-, Mittags- und Abendtisch, (…) um Gummi, um Eisen und Erze«.

Im Jahr 2025 erschien vom Autor Manfred Weißbecker (Hg.) gemeinsam mit Kurt W. Fleming, Walter Schmidt und Erika Schwarz der Sammelband »Wider das Vergessen. Erinnern an verstorbene DDR-Historiker der Faschismus- und Weltkriegsforschung«. Download unter max-stirner-archiv-leipzig.de/dokumente/Nachrufe.pdf.
Monströse und verbrecherische Ziele ließ insbesondere der »Generalplan Ost« erkennen. Ihn zu erarbeiten hatte Heinrich Himmler im Jahr zuvor befohlen. Das Dokument existiert in einer Reihe unterschiedlicher Ausarbeitungen für die Ent- und Besiedlungspolitik in den besetzten Gebieten. In der Fassung vom September 1942, benannt auch als »Generalsiedlungsplan«, war vorgesehen, dass rund zwölf Millionen Deutsche, sogenannte Volksdeutsche, und einige »skandinavische Arier« in einem 330.000 Quadratkilometer umfassenden Gebiet mit 360.100 landwirtschaftlichen Gütern angesiedelt werden. Ein »Großgermanisches Reich Deutscher Nation« sollte von der Atlantikküste bis zum Ural geschaffen und »germanisiert« werden. Die »Eindeutschung« von Slawen war als unmöglich definiert, andere Menschen waren als »nicht lebenswert« eingestuft. Im »Hungerplan« des Ministers für Ernährung und Landwirtschaft, Herbert Backe, hieß es 1942/43, dass während der folgenden zwei Jahrzehnte im europäischen Teil der Sowjetunion 50 bis 60 Prozent der Russen zu beseitigen und weitere 15 bis 25 Prozent nach Sibirien zu vertreiben seien. Zudem sollten 25 Prozent der Ukrainer und Weißrussen vernichtet sowie 30 bis 40 Prozent der Ukrainer bzw. 30 bis 50 Prozent der Weißrussen in den Osten »ausgewiesen« werden. Die europäischen Juden sollten vollständig ermordet werden.
Alles in allem: Am 22. Juni 1941 begann ein Vernichtungskrieg sondergleichen. In ihm verbanden sich eng miteinander wirtschaftliches und geopolitisches Kalkül sowie rassistisch-antisemitischer Wahn. Der Krieg gegen die Sowjetunion war ein deutscher. Seit 1942 versuchten die deutschen Faschisten, ihn auch als einen europäischen zu führen. Man sprach von der »Festung Europa«, die sich gegen die »russischen Horden aus Asien« verteidigen müsse. Zunehmend, teils sogar gegen Hitlers Willen, wurden Truppen der »Verbündeten« eingesetzt (siehe Spalte).
Die Vielzahl dieser Helfer beim »Kreuzzug gegen den jüdischen Bolschewismus« erforschten neben anderen die Münchner Historiker Rolf-Dieter Müller und Christian Hartmann. Letzterer schlussfolgerte, der am 22. Juni 1941 entfesselte Krieg sei an seiner Basis ein deutscher gewesen, in Ansätzen aber »auch ein europäischer Krieg, in dem sich viele, zum Teil höchst heterogene Vorstellungen und Intentionen bündelten«.
Wir wissen seit dem 8. Mai 1945: Die deutschen Aggressoren scheiterten trotz europäischer Unterstützung. Es misslang ihnen ebenso wie Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts und wie deutschen Militärs, die bereits im Ersten Weltkrieg ein »Deutsches Ost-Reich« schaffen wollten. Auch daran ist heute zu erinnern. Manfred Weißbecker
Das ausländische Kontingent der Wehrmacht gegen die Sowjetunion
Auf sowjetischem Boden marschierten 800.000 ungarische, 500.000 finnische, 500.000 rumänische, 250.000 italienische, 145.000 kroatische und 45.000 slowakische Soldaten. Darüber hinaus beteiligten sich »Freiwillige«: 47.000 Spanier, 40.000 Niederländer, 38.000 Belgier, 20.000 Polen, 10.000 Franzosen, 6.000 Norweger, 4.000 Dänen sowie kleinere Gruppen von Schweden, Portugiesen und Schweizern. Auf deutscher Seite dienten auch Kollaborateure: 800.000 Russen, 280.000 Kaukasier, 250.000 Ukrainer, 100.000 Letten, 60.000 Esten, 47.000 Weißrussen und 20.000 Litauer. In der Summe bedeutet das: Jeder dritte Uniformträger auf deutscher Seite war ein Ausländer.




























