Schülerstreiks gegen Wiedereinführung der Wehrpflicht

7. Juli 2026

Anlässlich des Schülerstreiks am 8. Mai 2026 wurden bei mehreren Kundgebungen Vertreter*innen der VVN-BdA, von den »Kindern des Widerstands« und anderen Veteran*innen der antifaschistischen Bewegung eingeladen, die den jungen Menschen ihre historischen Erfahrungen und den Zusammenhang zwischen »Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!« und keine neue Wehrpflicht anschaulich erläuterten. Sie sprachen in Bremen, Dortmund, Essen (siehe NRW-Seiten), Kassel (siehe Hessen-Seiten), Köln und bei weiteren Kundgebungen. Wie unterschiedlich diese Zugänge sein konnten, verdeutlichen die hier abgedruckten Auszüge der Ansprachen.

Ansprache von Ulli Sander in Dortmund:

Ich bin vom Jahrgang 1941. Das älteste Erlebnis, an das ich mich erinnern kann, ist jenes von der Bombardierung meiner Heimatstadt Hamburg im Jahr 1944. Ich werde dies furchtbare Erlebnis nie vergessen.

Den 8. Mai 1945, den Tag der Befreiung von Krieg und Faschismus, erlebte ich in einem Flüchtlingslager in Mecklenburg. Es kamen Russen in unser Dorf. Einer von ihnen hatte an die Wand des Berliner Reichstags geschrieben: »Wir kamen zu Euch und hoffen, dass Ihr nie wieder zu uns kommt.« Der USA-Präsident Roosevelt nannte in jenen Tagen als oberstes Ziel die »Zerschmetterung des deutschen Militarismus«. Das ist auch ein Auftrag des Grundgesetzes, das in Artikel 139 bekräftigt, dass die Bestimmungen »zur Befreiung des deutschen Volkes von Nationalsozialismus und Militarismus« weiterhin in Kraft sind. Die AfD ist somit illegal und gehört verboten.

Heute wird eine wüste Hetze gegen die sowjetischen Befreier von 1945 betrieben. Wir sollen uns auf einen neuen Krieg gegen die Russen einstellen, so wie 1914 und 1941. Wir sagen jedoch: Wir wollen Frieden und keinen Krieg. Verhandeln statt schießen ist die Devise.

Am 1. Mai im Dortmunder Westfalenpark kam die Jugend zu Wort. »Keine Wehrpflicht!« war eure Hauptforderung. Und dann eine wirkliche Bildungs-, Klima- und Sozialpolitik und daher Schluss mit den irrsinnigen Ausgaben für die Rüstung.

Es ist gut, dass ihr den Aufruf der Arbeiterbewegung zum politischen Streik aufgegriffen habt. Den Schülerinnen und Schülern ist zu danken, dass sie den älteren Menschen sagen, wo es lang geht! 

Meine Frau und ich haben zwei Söhne, drei Enkelkinder und eine Urenkelin, und wir sagen mit Reinhard Mey: Nein, meine Kinder geb’ ich nicht.

Als ich dereinst gemustert wurde, stellte man meine Dienstunfähigkeit aus gesundheitlichen Gründen fest. Dennoch wurde mir ein Wehrpass ausgestellt und darin stand »tauglich für Ersatzreserve zwei«. Da habe ich verweigert. Meine Empfehlung für heute: Keinen Fragebogen ausfüllen und nicht zur Musterung gehen.

Die Sache mit der Reserve wurde durch eure Streiks erst richtig bekannt. Wenn ihr länger ins Ausland fahren wollt, sollt ihr die Bundeswehr um Erlaubnis fragen. Ihr sollt Reservisten sein – bis zum Rentenalter. Der Bundeswehrminister teilte kürzlich mit: In den nächsten zehn Jahren soll die Zahl der aktiven Soldatinnen und Soldaten von 180.000 auf 260.000, die Zahl der ständig einsatzbereiten Reservisten auf 200.000 steigen. Es sollen sich also mindestens 460.000 Soldaten ständig zur Verfügung halten. Und zwar für den Dienst im In- und Ausland. Denn die Notstandsgesetze sehen auch die Amtshilfe der Soldaten im Einsatz gegen die eigenen Landsleute vor, falls diese endlich mal zu einer volksfeindlichen Politik der »Kanonen statt Butter« massenhaft nein sagen. Und auf die Straße gehen.

Ulrike Eifler von der IG Metall rief kürzlich dazu auf, »der politischen Klasse das Leben zur Hölle zu machen«, wenn sie glaubt, »sie müssten sich nicht an das Friedensgebot im Grundgesetz halten.« Jawohl, darum geht es.

Regina Albrecht in Bremen:

Der Kampf gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht und die Kriegsmobilmachung, den ihr heute mit dem Schulstreik führt, hat eine längere Vorgeschichte, und es ist vielleicht nützlich, wenn man die kennt. Denn es ist eine sehr grundsätzliche Auseinandersetzung.

Im Potsdamer Abkommen vom August 1945 war in Bezug auf die Armee folgendes festgelegt worden: »Alle deutschen Streitkräfte zu Land, zur See und in der Luft (…) mit allen ihren Organisationen, Stäben und Einrichtungen, einschließlich des Generalstabes, des Offizierskorps, Reservekorps, der Militärschulen, Organisationen ehemaliger Kriegsteilnehmer und aller anderen militärischen und quasi-militärischen Organisationen (…) sind vollständig und endgültig aufzulösen.«

»Alle Arten militärischer Ausbildung, militärischer Propaganda, militärischer Betätigung jeglicher Natur sind dem deutschen Volk verboten, ebenso die Bildung irgendwelcher Organisationen zum Zweck der Förderung von militärischer Ausbildung irgendwelcher Art (…).«

Der Großteil der Bevölkerung hatte auch die Schnauze voll vom Krieg. Und so gaben auch Politiker antimilitaristische und pazifistische Sätze von sich. Zum Beispiel ein Franz Josef Strauß von der CSU im Jahr 1949: »Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen«. Und der SPD-Politiker Carlo Schmid erklärte 1946: »Wir wollen unsere Söhne niemals mehr in die Kasernen schicken (…). Wir wollen in Deutschland keinen Krieg mehr führen, und wir wollen darum auch keine Vorbereitungen treffen, die das Kriegführen ermöglichen können, weder im politischen noch im wirtschaftlichen Sinne.«

Auch der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer, CDU [äußerte]: »Wir sind einverstanden, dass wir völlig abgerüstet werden, dass unsere reine Kriegsindustrie zerstört wird.«

Nun, in Wirklichkeit tagten spätestens seit 1947 die Zirkel aus Nazigenerälen und westdeutschen Politikern, um die Wiederbewaffnung vorzubereiten. Und im Dezember 1949 gab der Bundeskanzler in einem Zeitungsinterview quasi offiziell bekannt, dass die BRD wieder Soldaten haben sollte. Die Opposition, die sich daraufhin in der Bevölkerung bildete, hatte eine Breite und Größe, von der wir heute bislang nur träumen können.

Ein Jahr lang, vom Frühjahr 1951 bis Frühjahr 1952, führten die Gegner der Remilitarisierung eine Volksbefragung durch, die von der Bundesregierung als »staatsgefährdend« verboten worden war. Es war eine riesige Mobilisierung, die trotz dieses Verbots erreicht wurde. Millionen Menschen sprachen sich gegen die Remilitarisierung aus, über 70.000 Befragungsaktionen in Betrieben, Stadtteilen und Dörfern waren durchgeführt worden. Es gab 6.136 öffentliche Versammlungen und Kundgebungen. Man muss wissen, dass es kein Internet gab, keine Onlinepetitionen, die man bequem auf dem Sofa unterschreiben konnte. Es war Hand- und Fußarbeit.

Gegen die Befragungsaktionen gab es 8.781 polizeiliche Einsätze, 7.331 Helfer wurden verhaftet und mehr als 1.000 Gerichtsverfahren eingeleitet.

Besonders die Jugend aller Strömungen stand hier im Kampf. Und es brachte ihr 1951 das Verbot der Freien Deutschen Jugend ein. Am 11. Mai 1951 kamen an die 30.000 Jugendliche nach Essen für eine Demonstration. Die war aber einen Tag vorher von der Landesregierung verboten worden, und so wurden die Jugendlichen von mehreren Hundertschaften von Polizisten erwartet. Die trieben mit Gummiknüppeln und Schüssen die Demonstranten auseinander, es gab mehrere Schwerverletzte, der 21-jährige Arbeiter Philipp Müller aus München wurde von einem Polizisten erschossen, 260 Jugendliche wurden verhaftet. Im selben Jahr, im November 1951, beantragte die Bundesregierung das Verbot der KPD. In einigen Bundesländern wurde im selben Jahr auch die VVN verboten.

Dies zeigt vielleicht ein wenig, wie grundsätzlich diese Auseinandersetzung ist, wenn die Ablehnung einer Wiederbewaffnung als staatsgefährdend verfolgt wird. Die Bundeswehr wurde dann 1955 aufgestellt und im April 1956 rückten die ersten Wehrpflichtigen ein.