Syrische Nachkriegsordnung

7. Juli 2026

Interview zur Selbstbehauptung der kurdischen Gebiete in Rojava

antifa: Wie hängen die andauernden Angriffe auf die kurdischen Gebiete in Syrien nach dem Sturz Assads Ende 2024 mit den Machtverschiebungen im gesamten Mittleren Osten zusammen?

Rojin Kadir: Der Syrien-Krieg ab 2011 und der Machtwechsel lassen sich nicht verstehen, ohne den Blick auf die gesamte Region des Mittleren Ostens und globale Entwicklungen zu richten. Wir befinden uns in einer Phase, in der die bisherige unipolare Herrschaft der USA zunehmend einer multipolaren Ordnung weicht. Die daraus entstehenden Machtkämpfe drehen sich um ökonomische und militärische Vorherrschaft. Die Kriege im Gazastreifen, im Libanon, in Syrien, im Irak und im Iran sind sowohl Konflikte um regionale Dominanz als auch um die Kontrolle strategischer Territorien für Handelsrouten und Energieprojekte.

Die aktuelle Eskalation begann mit dem 7. Oktober 2023 – dem Angriff der Hamas auf Israel. Nüchterne Zwischenbilanz davon ist, dass die sogenannte Achse des Widerstands mit dem Hauptakteur Iran zunehmend geschwächt ist, während Israel seine regionale Hegemonie ausbauen konnte. Vom Ergebnis her betrachtet, liegt der Verdacht nahe, dass Israels Geheimdienste die Angriffe mehr oder weniger bewusst zugelassen haben, um sie als strategisches Momentum zu nutzen. Die offiziellen Untersuchungen in Israel dazu werden blockiert.

antifa: Kanzler Merz traf Syriens Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa im Frühjahr in Berlin und lobte ihn für »den Willen, Minderheiten zu schützen und eine neue, demokratische Ordnung aufzubauen«. Welche Bedeutung hat der Machtwechsel in Syrien?

R. K.: In Syrien wurden andere Mittel gewählt, um die »Achse des Widerstands« zu brechen. Dort gelangte die HTS faktisch nur mit westlicher Unterstützung an die Macht. Der HTS-Anführer Al-Scharaa kann die Rolle als akzeptierter Staatsmann nur spielen, weil ihn die britischen NGO Inter Mediate jahrelang politisch coachte. Der damalige US-Botschafter in Syrien, Robert Ford, bestätigte, von der NGO 2023 beauftragt worden zu sein, die HTS im Übergang zur zivilen Staatsführung zu beraten.

Eine im Kern dschihadistische Bewegung, die jahrelang gegen den Westen und Israel auftrat, wurde innerhalb weniger Wochen zu einem politischen Partner – auch um wirtschaftliche und geopolitische Interessen durchzusetzen. Im September 2025 meldete das syrische Energieministerium, dass erstmals seit 14 Jahren wieder offiziell Rohöl aus dem Hafen Tartus Richtung Europa exportiert wurde. 2025 wurden Verträge mit US-Ölfirmen abgeschlossen, auch über jene Vorkommen, die in Rojava liegen. Zudem hat die Europäische Union 600 Millionen Euro Wiederaufbauhilfe gewährt – sicherlich nicht ohne Hintergedanken. Merz hat sein Interesse klar geäußert, nämlich die Abschiebung der rund eine Million Syrer, die in Deutschland Zuflucht fanden. Davon sind natürlich die 7.000 Ärzte ausgenommen, die in Syrien fehlen, in Deutschland aber bleiben sollen.

antifa: Warum steht die Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien unter Druck?

R. K.: Es gab noch am 4. Januar Gespräche zwischen der Selbstverwaltung und der neuen syrischen Regierung, die positiv verliefen. Am 5. Januar fand in Paris ein Sicherheitstreffen zwischen Vertretern der HTS, der USA und Israels statt. Angeblich wurde sich nur auf einen Kommunikations- und Sicherheitsmechanismus für Südsyrien geeinigt. Wir gehen davon aus, dass hinter den Kulissen über den Umgang mit den autonomen Gebieten verhandelt wurde. Denn am 6. Januar begann eine neue militärische Offensive dschihadistischer Milizen gegen die Region Nord- und Ostsyrien. Diese endete am 18. Januar mit dem Verlust der administrativen und militärischen Autonomie. Es geht aber nicht um den militärischen, sondern vor allem um einen ideologischen Konflikt. Mit den Angriffen ging eine verstärkte öffentliche Kritik an dem politischen Modell der Demokratischen Selbstverwaltung einher. Es wird behauptet, ein friedliches Zusammenleben von Arabern, Kurden, Assyrern und Armeniern sei nicht möglich. Die Erfahrungen in der Region zeigen das Gegenteil. Für uns ist klar: Ein Projekt, das nicht auf einen Nationalstaat, sondern auf demokratischen Sozialismus, Selbstverwaltung und gesellschaftliche Vielfalt setzt, ist eine Gefahr für die bestehenden Machtverhältnisse und wird deshalb bekämpft.

Dabei war nach dem Machtwechsel im Frühjahr 2025 bereits ein Prozess der Integration in den neuen syrischen Staat begonnen worden, die demokratisch sein sollte. Die Angriffe zeigen auf, dass die HTS-Regierung keine Integration, sondern Vernichtung will. Es wurde sich trotzdem, nach zwölf Jahren ständigen Kriegs, entschieden, keinen Krieg zu führen, sondern auf andere politische Mittel zu bestehen. Zudem führten innere Widersprüche auch dazu, dass die Bevölkerung in den nicht-kurdischen Gebieten nicht bereit war, die Autonomie zu verteidigen. Fokus bleibt das Paradigma von Frauenbefreiung, Ökologie und Basisdemokratie, welches sich nicht mit Waffen aufbauen lässt.

Rojin Kadir ist eine Internationalistin in Rojava. Das Gespräch führte Markus Roth.