Traumata und Verständigung

geschrieben von Ulrike Bez und Walburga Rempe

7. Juli 2026

Offer Avnon geht mit seinem Film »Der Rhein fließt ins Mittelmeer« erneut auf Tour

Der israelische, in Haifa geborene Regisseur Offer Avnon, Sohn eines polnischen Überlebenden der Shoah, hat zehn Jahre in Deutschland gelebt und den Holocaust niemals vergessen können. Nach seiner Rückkehr nach Israel betrachtet Avnon den israelisch-palästinensischen Konflikt mit neuem Blick, der sich im sozialen Raum von Haifa manifestiert. Sein Dokumentarfilm »Der Rhein fließt ins Mittelmeer« wurde 2021 erstmals in Haifa gezeigt. In den vergangenen Jahren stellte Avnon ihn in verschiedenen Städten im Bundesgebiet vor. Derzeit plant er eine weitere Tour für den Herbst; die Termine werden demnächst auf seiner Homepage veröffentlicht.

In assoziativ montierten Bildern und Gesprächen erkundet Avnon Traumata, Mechanismen der Verdrängung und Versuche der Verständigung. Sein Film gibt keine eindeutigen Antworten, sondern nähert sich in fragmentarischer Form der Frage, was die Erinnerung, die Wahrnehmung, das Zugehörigkeitsgefühl, das Bewusstsein, die Identität bei den Nachkommen der Täter und der Opfer des Holocaust prägt. Jede Antwort wirft neue Fragen auf. Das ist eine Stärke des Films.

Avnon spricht mit Überlebenden, Angehörigen, mit Menschen aus seiner Nachbarschaft, mit Schuldbewussten, Gleichgültigen, mit feindlich und versöhnlich Gestimmten in Deutschland, Polen und Israel. So paradox wie der Filmtitel, so paradox und schlüssig zugleich ist der Film selbst. Es sind keine gewöhnlichen Interviews, im Gegenteil: Durch seine kunstvolle Art der Montage setzt er die Aussagen der Interviewten in Beziehung zueinander und schafft Verbindungen, die bei den Zuschauenden zum inneren Dialog und einem tieferen Verständnis anregen, was es heißt, mit einem (transgenerationalen) Trauma zu leben. Dies alles geschieht auf eine ruhige, fließende Art. Doch die Ruhe des Flusses ist nur oberflächlich, darunter lauern viele Gefahren, Ängste und Ungewissheiten. Unaussprechliches bleibt unausgesprochen, aber es gibt Bilder, die von Abwesenheiten erzählen.

Offer Avnon: »Der Rhein fließt ins Mittelmeer« (The Rhine Flows to the Mediterranean Sea). Israel 2021, Dokumentarfilm, 95 Min., OmeU

Offer Avnon: »Der Rhein fließt ins Mittelmeer« (The Rhine Flows to the Mediterranean Sea). Israel 2021, Dokumentarfilm, 95 Min., OmeU

Da ist der Blick auf verlassene Häuser und Wohngebiete in Haifa. Wer wohnte hier, fragt der Regisseur? Wer ist abwesend? Wie empfinden die Menschen in seinem Umfeld diese Situation? »Ich will Israel nicht ohne die Araber. Wir gehören hier alle hin«, erklärte Avnon im Interview mit der Badischen Zeitung (27.1.2024).

Nach dem 7. Oktober 2023 hätte er den Film in dieser Form nicht mehr machen können, sagte Avnon, es hätte ihn emotional zu sehr belastet. Für das Publikum stand dennoch fest: Gut, dass es ihn gibt und dass der Filmemacher bereits mehrere Touren durch Kinosäle und Kultureinrichtungen in Deutschland machen konnte. Gibt er doch wichtige Impulse für die Erinnerungskultur. Avnons Film enthält Anregungen sowohl zur Vergangenheitsbewältigung als auch für gegenwärtige Diskussionen über Antisemitismus.

Dass sich seine ganze Vielschichtigkeit erst bei wiederholtem Sehen erschließt, hat einigen Zuschauer*innen den Zugang erschwert. Das zeigt, wie wichtig die Erläuterungen und Anmerkungen des Regisseurs im anschließenden Publikumsgespräch sind. Wer die Gelegenheit hat, sollte sich den Film unbedingt anschauen.

Auf Avnons Internetseite finden sich Rezensionen zu seinem Film, die immer wieder aktualisiert werden. Nach einer Filmvorführung in München war klar: »Offer Avnons Film geht unter die Haut und entfaltet eine nachhaltige Wirkung. Mit seinen ruhigen Einstellungen lässt er Raum für eigene Assoziationen. (…) Zugleich gelang es Offer Avnon durch seine freundliche, respektvolle Art der Befragung eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Interviewten in Israel, Polen und Deutschland oft überraschende Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt preisgaben. (…) Ist überhaupt eine Annäherung, ein Dialog zwischen Angehörigen von Tätern und Opfern möglich? (…) So bleibt der Wunsch, diesen intensiven, berührenden Film erneut sehen und weitere Facetten entdecken zu können.«

Infos: offeravnon.com