Was wussten die Deutschen?
7. Juli 2026
Eine neue Holocaustausstellung in der Berliner »Topographie des Terrors«
Die aktuelle Sonderausstellung in der Berliner »Topographie des Terrors« besteht aus drei Teilen. Der erste beleuchtet, was das NS-Regime über die Verfolgung (und Ermordung) der Juden und Jüdinnen selbst öffentlich bekannt gab. »Hinweise im Alltag« als zweiter Teil hat Gerüchte und inoffizielle Nachrichten und den Umgang damit zum Gegenstand. Der letzte Teil präsentiert drei Beispiele dafür, wie Einzelpersonen Informationen zusammenfügten und ihre Schlussfolgerungen daraus zogen.
Die Ausstellung und die preiswerte Begleitpublikation zeigen, dass Kriegsgefangenschaft, Zwangsarbeit, »Euthanasie«, Antisemitismus und rassistisch begründete Morde in der Öffentlichkeit sehr wohl sichtbar waren. Beispielsweise, indem Versteigerungen von ehemals jüdischem Eigentum öffentlich stattfanden und Kriegsgefangenenlager häufig Ziel sonntäglicher Ausflüge waren. Vieles war Teil der »Propaganda«, und das Wissen um Massenerschießungen in Osteuropa zirkulierte zum Beispiel in privaten Briefen und auf anderen Wegen, aber nicht öffentlich. Wer, wie nur wenige, gegen das Naziregime eingestellt war, interpretierte diese Phänomene und Nachrichten selbstverständlich anders als Anhänger*innen der Nationalsozialisten.

Stiftung Topographie des Terrors (Hg.): Der Holocaust – Was wussten die Deutschen? dt/engl., Berlin 2026, 340 Seiten, 18 Euro
Die rund 300 Exponate finden sich auch in der Begleitpublikation wieder, was den Vorteil hat, dass sich Briefe oder offizielle Dokumente in Ruhe studieren lassen, obwohl diese im Katalog oftmals leider sehr klein abgebildet sind. Wie die persönlichen Dokumente zeigen, war oder fühlte sich der Großteil der vorgestellten Personen isoliert und vereinzelt, denn kollektive Organisationen, die nicht vom Regime kontrolliert wurden, gab es nicht mehr. Diese waren von den Nazis längst zerschlagen worden. Andere wiederum gaben in Zeitungsanzeigen stolz und unter ihrem Namen bekannt, dass sie ein einst jüdisches Geschäft »arisiert« und übernommen hatten.
Letztlich bleiben viele Fragen offen. Wie kann man »etwas Unglaubliches« wissen, und was bedeutet »Wissen« in diesem Zusammenhang? Kann von »Wissen« gesprochen werden, wenn nahezu jede daraus folgende Handlung versperrt scheint? Darauf gibt die Ausstellung nur sehr begrenzt Auskunft. Sie zeigt aber, wie »normal« und »alltäglich«, wenn diese Begriffe in diesem Zusammenhang verwendet werden können, der Nationalsozialismus jahrelang war. Und dies wiederum kann vielleicht erklären, warum die allermeisten Deutsche über die Ermordung der Juden und Jüdinnen sowie andere Verbrechen doch mehr wussten, als sie nach 1945 immer wieder beteuerten.
Die Ausstellung ist noch bis zum 31. Januar 2027 im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin zu sehen.




























