Aufmarsch im Verborgenen
4. September 2026
Was hinter dem AfD-Streit in NRW wirklich steckt
Es schien alles glattzulaufen am 12. Juli bei der Aufstellungsversammlung der AfD in Nordrhein-Westfalen für die Landtagswahl im Jahr 2027. Mit knapper Mehrheit setzte sich das Lager um Landessprecher Martin Vincentz aus Krefeld bei den ersten 21 Plätzen der Landesliste weitgehend durch. Gewählt wurden fast nur Vincentz-nahe Kandidaten, überwiegend Männer.
Bei Kandidat 22 schlägt die »Operation Filibuster« zu, eine Telegram-Gruppe des Lagers um den Dortmunder AfD-Rechtsaußen Matthias Helferich. Mit dem sogenannten »Filibustern« zögern Minderheiten im US-Senat Gesetze oder politische Entscheidungen durch endloses Reden hinaus. Für den Listenplatz 22 melden sich 100 Kandidaten, oftmals junge Nachwuchsradikale des Helferich-Lagers. Mindestens 81 von ihnen bewerben sich tatsächlich und stellen sich in achtminütigen Reden vor. Weitere Wahlen gibt es an diesem Sonntag im Juli nicht mehr.
Das Ziel der Aktion: Verhandlungen zu erzwingen, um es Kandidaten beider Lager zu ermöglichen, auf die aussichtsreichsten ersten 30 Listenplätze für die Wahl zum NRW-Landtag zu gelangen. Dazu kommt es nicht. Beide Seiten werfen sich gegenseitig Sabotage, Eingriffe in die Wahlfreiheit der Delegierten und parteischädigendes Verhalten vor. Drohungen werden ausgesprochen, die Wörter »Kameradenschweine« und »Spalter« fallen. Mindestens drei Strafanzeigen von AfD-Delegierten gegen »Parteifreunde« landen bei der Polizei.
Screenshots aus der geleakten Chatgruppe zufolge ist der Kölner AfD-Politiker Sven Tritschler Administrator dieser Gruppe, die er als »Schattenarmee« bezeichnet. Er war erst wenige Wochen zuvor auf Vorschlag von Alice Weidel zum Bundesvize gewählt worden. Der Landtagsabgeordnete Tritschler war bereits zu Beginn der Wahlen in NRW mit knapper Mehrheit auf Platz 4 der Landesliste gekommen.
Der AfD-Bundesvorstand fordert eine Wiederholung der Wahl und den Stopp der weiteren Nominierungen. Die AfD NRW widersetzt sich dieser Forderung. Vincentz beschuldigt die Parteispitze um Weidel, sich in unzulässiger Weise in die Wahlversammlung eingemischt und »Antifa-ähnliche Auswüchse« toleriert zu haben. Die Versammlung in Marl wird fortgesetzt und endet mit der Aufstellung von insgesamt 82 Kandidaten. Da hat das Helferich-Lager den Versammlungsort schon verlassen. Wer nun meint, bei der Schlammschlacht in NRW handele es sich um die AfD-interne Auseinandersetzung zwischen einem bürgerlich-konservativen und dem völkischen Flügel, irrt.
Schon in der 2023 erschienenen Broschüre »(extrem) rechte strukturen in krefeld« hieß es über die Krefelder AfD: »Der Versuch, sich ein ›konservatives‹ Image in Abgrenzung zum ›völkischen Flügel‹ aufzubauen, kann als rein taktisches Manöver betrachtet werden. Nicht nur hat die Krefelder AfD keine Berührungsängste mit offen extrem rechten Personen und Strömungen in der Partei, sie arbeitet sogar ganz konkret mit ihnen zusammen und bietet diesen eine Bühne. Eine Trennung zwischen der neofaschistischen ›Höcke-AfD‹ und dem Krefelder Kreisverband kann kaum gezogen werden.«
Am Ende ist der Streit in NRW nur ein Symptom für einen Konflikt, der schon auf dem Bundesparteitag in Erfurt schwelte, wie die rechte Postille Junge Freiheit (Ausgabe 31–32/2026) bemerkte. Hier steht auf der einen Seite ein immer einflussreicheres Netzwerk um den Bundestagsabgeordneten Sebastian Münzenmaier, das auch Weidel stützt; auf der anderen Seite stehen das Vincentz-Lager in NRW und der Landesverband Niedersachsen um Ansgar Schledde, die als Chrupalla-nah gelten.
So könnte sich auf dem Wahlparteitag der AfD 2028 die Frage stellen, ob die Partei von der Doppelspitze auf ein Modell umschwenkt, das einen Parteichef mit einem Generalsekretär vorsieht. Und diese könnten Weidel und Münzenmaier heißen. Es sei denn, eine Sperrminorität würde die dafür notwendige Satzungsänderung verhindern. Diese wäre rechnerisch fast erreicht, wenn sich Vincentz in NRW und Schledde in Niedersachsen durchsetzen würden und fast ausschließlich Delegierte ihres Lagers gewählt würden.
Bei 600 Delegierten insgesamt könnte NRW rund 100 und Niedersachsen rund 60 Delegierte stellen. Welches Lager unter den NRW-Bundesdelegierten eine Mehrheit bekommt, hängt wiederum davon ab, wer bei der Landtagswahl 2027 ein Mandat erringen kann, wie Vertreter beider Seiten gegenüber der Jungen Freiheit schildern. Immerhin erhält jeder Landtagsabgeordnete eine Mitarbeiterpauschale von mehr als 10.500 Euro pro Monat. Bei zu erwartenden 30 bis 40 Mandaten kommt man da auf 315.000 bis 420.000 Euro. Im Monat. Für dieses Geld kann man sich dann Parteimitglieder einkaufen und gegebenenfalls auf seine Seite ziehen. Genug Geld, um das gegnerische Lager faktisch zu »zerschlagen«, wie es ein »Strippenzieher« gegenüber der JF bemerkte.
Der AfD-Bundesvorstand will nun eine Untersuchungskommission einsetzen und den Landesverband NRW unter die Lupe nehmen. Der Landesverband hat gegen den Bundesvorstand eine einstweilige Verfügung am Landgericht Düsseldorf beantragt. Die Auseinandersetzung ist damit noch nicht beendet.





























