CSD-Anschlag im Kontext
4. September 2026
Prides zwischen Sicherheit und Sichtbarkeit
Der Angriff im Umfeld des Berliner CSD hat erneut eine Debatte ausgelöst, die über die Tat hinausweist: Wie sicher können queere Menschen leben, wenn ihre Sichtbarkeit zunehmend zum politischen Konfliktfeld wird? Angriffe auf Prides, queere Einrichtungen und Einzelpersonen sind in den vergangenen Jahren weltweit zu einem wiederkehrenden Muster geworden. Gleichzeitig haben sich politische Gegenbewegungen formiert, die queere Sichtbarkeit und Rechte zum Gegenstand von Kulturkämpfen machen.
Die Prides (übersetzt »Stolz«) formulieren eine einfache, aber umkämpfte Forderung: Menschen sollen öffentlich existieren können, ohne dass ihre Geschlechtsidentität oder Sexualität über ihre Rechte und ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft entscheidet. Queeren Menschen diese Gleichheit und Sichtbarkeit abzusprechen, ist deshalb mehr als ein Vorurteil. Es ist der Versuch, eine gesellschaftliche Ordnung zu stabilisieren, in der traditionelle Geschlechterrollen, heterosexuelle Familienbilder und klare Hierarchien als selbstverständlich gelten. So unterschiedlich extrem rechte, islamistische, religiös-fundamentalistische und andere queerfeindliche Ideologien auch sind: Sie treffen sich häufig in der Ablehnung queerer Selbstbestimmung und der Vorstellung, gesellschaftliche Ordnung müsse über eindeutige Geschlechterrollen und Hierarchien stabilisiert werden. Gerade deshalb werden Prides zu symbolischen Angriffspunkten: Sie stehen öffentlich für eine Gesellschaft, in der diese Grenzen nicht mehr selbstverständlich gelten.
Der islamistisch motivierte Anschlag am 25. Juli muss als solcher benannt werden, um die ideologischen Bedingungen der Tat nicht zu relativieren. Der Hintergrund des Täters verweist auf eine Ideologie, in der queere Lebensweisen als Feindbild einer vermeintlich gottlosen Moderne erscheinen. Gleichzeitig wäre es analytisch verkürzt, Queerfeindlichkeit über Islamismus zu erklären. Sie ist Teil eines breiteren autoritären Musters. Die entscheidende Auseinandersetzung gilt nicht Herkunft oder Religion, sondern Ideologien, die Menschen ihre Freiheit absprechen.
Die politischen Antworten folgten allerdings dem bekannten Muster der Sicherheits- und Ordnungspolitik statt den gesellschaftlichen Bedingungen des Anschlags und den Bedürfnissen nach etwas breiter gedachter queerer Sicherheit: Die AfD baute die Tat in ihre migrationspolitische Feindmarkierung ein und spielte sich als Beschützer für queere Menschen auf, obwohl sie selbst ein Treiber von Queerfeindlichkeit ist. Das CSU-geführte Innenministerium wollte über islamistische »Gefährder«, Präventivhaft, Fußfesseln und die Verankerung im Jugendstrafrecht sprechen, da der Täter bereits vorher auffällig geworden war. Die weniger beachtete Frage lautet: Wie werden bestimmte Gruppen überhaupt zu Feindbildern gemacht? Die Abwägung der Instrumente der Gefahrenabwehr verdeckte schnell die politische und soziale Dimension der Gewalt.
In den Wochen danach wurde über mehr Sicherheit und Kontrolle, stärkeren Schutz und mehr Präsenz der Behörden bei CSDs gesprochen. Natürlich braucht es Schutzkonzepte für Veranstaltungen, wenn die Gefährdungslage so ist. Wenn allerdings die Konsequenz aus Angriffen lautet, CSDs müssten stärker von der Polizei umringt, im Zweifel verkleinert oder gar abgesagt werden (so geschehen in Gelsenkirchen 2025), verschiebt sich die Verantwortung. Dann wird nicht die Gewalt begrenzt, sondern der öffentliche Raum für diejenigen, die angegriffen werden. Es ist ein schma-ler Grat zwischen Sicherheit und Beschränkung von Sichtbarkeit. Gerade darin liegt die politische Bedeutung von Pride-Veranstaltungen. Sie sind nicht deshalb umkämpft, weil sie provozieren wollen, sondern weil sie eine historische Verschiebung sichtbar machen: Menschen beanspruchen einen Platz in der Öffentlichkeit, der ihnen lange verwehrt wurde.
Der Berliner Anschlag steht deshalb in einem größeren Zusammenhang. Besonders trans Menschen sind weltweit zu zentralen politischen Feindbildern geworden. Unterschiedliche autoritäre und fundamentalistische Bewegungen verbinden dabei sehr verschiedene Weltbilder mit einer ähnlichen Erzählung: Die Gesellschaft ist aus den Fugen geraten, weil traditionelle Grenzen verschwunden sind.
Richtig ist, dass in Zeiten von globalen Krisen und Unsicherheit Bewegungen entstehen, die nicht nach mehr Freiheit suchen, sondern nach klareren Hierarchien und einfachen Machtverhältnissen. Queerfeindlichkeit ist deshalb nicht nur als Beharren auf vermeintlichen Traditionen zu verstehen, sondern als Teil einer patriarchalen Formierung: eines Versuchs, angesichts gesellschaftlicher Veränderungen wieder festere Vorstellungen von Dominanz, Unterordnung und sozialer Ordnung herzustellen. In dem Sinne ist Gewalt gegen Menschen, die Geschlechternormen überschreiten, der Versuch, die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten neu abzustecken und ein Signal an alle zu senden, die die Machtverhältnisse – möge es auch an anderer Stelle sein – in Frage stellen.
Die Antwort auf den Anschlag muss deshalb mehr sein als die Forderung nach Schutz vor der nächsten Tat. Sie muss auch die Frage stellen, welche Kräfte gerade daran arbeiten, die gesellschaftlichen Errungenschaften zurückzufahren und was es daran zu verteidigen gilt. Queere Sicherheit bedeutet am Ende nicht, dass queere Menschen sich sicher verstecken können. Sie bedeutet, dass Sichtbarkeit selbst kein Risiko sein darf.
Am 25. Juli 2026 kam es im Umfeld des Berliner Christopher Street Day zu einem tödlichen Angriff. Ein 21-jähriger Mann fuhr mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge; eine Frau starb, mindestens 31 weitere Menschen wurden verletzt. Die Ermittlungsbehörden bewerten die Tat als islamistisch motiviert. Der Tatverdächtige wurde wenige Stunden später von der Polizei erschossen.





























