Den eigenen Blick ändern
4. September 2026
35 Jahre nach dem rassistischen Pogrom in Hoyerswerda: Gespräch mit Sabine und Uwe Proksch
antifa: Wie habt ihr das rassistische Pogrom im September 1991 in Hoyerswerda erlebt?
Uwe Proksch: Ich war damals Leiter des Jugendklubs »Laden«, dem Vorläufer der Kulturfabrik – die Kufa selbst gründete sich erst 1994. Wir waren mit einem Kunstprojekt beschäftigt, während draußen eine andere Welt ablief. Die wenigsten haben damals wirklich erfasst, was dort geschah und was in den folgenden Tagen noch folgte: die rassistischen Angriffe, der Abtransport der Vertragsarbeiter und Asylbewerber, die Reaktionen von Antifagruppen.
Sabine Proksch: Jemand aus dem Umfeld des »Ladens« hatte einen Freund unter den Betroffenen und konnte ihn über seine Eltern herausholen, sodass der in Deutschland bleiben konnte – anders als der Großteil, der zurücktransportiert wurde. Betroffen waren vor allem Vertragsarbeiter aus Vietnam und Mosambik sowie Asylbewerber, überwiegend vom Balkan, die in einem anderen Heim, dem in der Thomas-Müntzer-Straße, untergebracht waren.
antifa: Wie wird in Hoyerswerda heute mit dieser Geschichte umgegangen?
U. P.: Es gab immer wieder Versuche der Aufarbeitung – schon 1993 den ersten Gedenkmarsch, später die Gründung der Initiative Zivilcourage und 2015 »Hoyerswerda hilft mit Herz«. In der Zivilgesellschaft angekommen ist das Thema aber erst richtig vor fünf Jahren, mit der großen Gedenkwoche »Pogrom 91« gemeinsam mit der Stadt, mit Gästen aus Mölln, Rostock und Solingen sowie eingeladenen Betroffenen aus Mosambik und Vietnam. Wichtig war auch eine Gruppe junger Leute, die die Rechercheseite »Hoyerswerda-1991« (ursprünglich »Pogrom 91«) aufgebaut hat.
S. P.: Der Begriff »Pogrom« war zunächst ein Stachel im Fleisch der Stadtverwaltung, ist inzwischen aber etabliert – auch weil es mit dem heutigen, deutlich progressiveren Oberbürgermeister einen Wechsel gab. Es ging der Stadtverwaltung lange auch darum, den eigenen Blick zu ändern: Es gibt Opfer, mit denen man sich auseinandersetzen muss – nicht die Stadt selbst ist das Opfer.
antifa: Wie schätzt ihr die aktuelle Lage in Bezug auf Rassismus und rechte Strukturen ein?
U. P.: Rechte Bestrebungen gab es in der Stadt durchgehend seit den Neunzigern. Aktuell sind wieder mehr junge Rechte im Stadtbild sichtbar, was auch mit dem gesamtgesellschaftlichen Rechtsruck und der AfD zusammenhängt. Offene Aggressivität oder Angriffe auf die seit 2015 bestehenden Asylunterkünfte gibt es aber kaum – auch dank einer starken Zivilgesellschaft, die etwa AfD-Infostände oder Auftritte wie den von Alice Weidel mit deutlich mehr Gegendemonstrant*innen begleitet hat. Erschwerend wirkt der demografische Wandel: Die Stadtbevölkerung ist überaltert, eine Antifabewegung fehlt komplett.
S. P.: Sozialarbeit gegen rechte Jugendkultur, wie sie 1991 bis 1996 intensiv betrieben wurde, ist inzwischen weggefallen – die entsprechenden Streetworker-Stellen wurden abgebaut, weil sie angeblich nicht mehr nötig waren – und müsste wieder aufgebaut werden, etwa über Sozialarbeiter, die gezielt in diese Jugendgruppen hineingehen. Ein Bewusstsein in der Politik dafür, dass hier ein neuer Konflikt entsteht, sehen wir bislang kaum; das gilt dort eher noch als Jugendkultur. Testweise durchgeführte Wahlen ab 18 an Gymnasien zeigten erschreckend hohe Zustimmung für die AfD. Wie sich das in den nächsten Jahren entwickelt, ist offen.
antifa: Wer trägt das Bündnis, das am 35. Jahrestag des Pogroms an das Ereignis erinnert, und was soll es erreichen?
S. P.: Die Initiative entstand 2006 nach einer großen rechten Demonstration, als es schwerfiel, genug Gegenprotest zu mobilisieren. Mitglieder sind Einzelpersonen ebenso wie Institutionen wie die Kulturfabrik, die Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Demokratie und Lebensperspektiven (RAA), die VVN-BdA oder die Volkshochschule. Über eine gut organisierte Telefon- und E-Mail-Kette lässt sich seither schnell mobilisieren.
U. P.: Solche Bündnisse werden aber schnell als »links« abgestempelt und bekommen dadurch wenig Unterstützung von SPD, CDU oder den Kirchen. Insgesamt zieht sich die politische Mitte, gerade die vielen älteren Menschen in der Stadt, aus dem Konflikt eher zurück und überlässt ihn den Rändern. Die schweigende Mehrheit ist ohnehin die mit Abstand größte Gruppe in dieser Stadt.
antifa: Was macht die Kulturfabrik heute aus?
U. P.: Als soziokulturelles Zentrum verstehen wir uns als »dritter Ort«, der Initiativen und Bürger*innen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenbringt. Dazu kommen kulturelle Kinder- und Jugendbildung, Kooperationen mit Schulen und Kitas sowie Projekttage zu Asyl, Demokratie und Rechtsradikalismus.
S. P.: In diesem Jahr liegt unser Fokus darauf, die Geschichte von 1991 professionell als Unterrichtsmaterial für alle Schulen aufzubereiten, da das Thema sonst im Unterricht kaum vorkommt. Wirtschaftlich steht die Kufa mit rund 50.000 Besucher*innen im Jahr und einem Betreibervertrag mit der Stadt noch solide da, auch wenn allgemeine Sparzwänge – nicht politisch motiviert – erste Kürzungen erwarten lassen.
Vom 17. bis 23. September 1991 tobte in Hoyerswerda ein rassistischer Mob. Neonazis und applaudierende Anwohner attackierten Unterkünfte von Vertragsarbeitern und Geflüchteten tagelang mit Steinen und Brandsätzen. Anstatt die Betroffenen zu schützen, kapitulierte der Staat vor der Gewalt: 300 Betroffene wurden mit Bussen abtransportiert – unter dem Jubel der Angreifer.
Sabine Proksch arbeitet in der Kulturfabrik Hoyerswerda, ihr Ehepartner Uwe Proksch war in der Geschäftsführung des Zentrums. www.kufa-hoyerswerda.de
Das Gespräch führte Andreas Siegmund-Schultze.
Termine
HOY 91–26 | 35 Jahre nach dem Pogrom in Hoyerswerda
21.9.–31.12. Ausstellung »Herbst 1991«, Volkshochschule
22.9., 17 Uhr, Stadtrundgang, Start Lausitzer Platz
23.9., 14 Uhr, Ausstellung »See my Story. Copyright by Madgermanes«, Lausitz-Center
23.9., 15 Uhr, »Pogrom 91 – nie wieder ist jetzt«, Denkmal Zentralpark
23.9., 15.30 Uhr, »Wir müssen reden«, Martin-Luther-King-Haus
23.9., 18 Uhr, Film »Möllner Briefe«, Schloss
26.9., 14 Uhr, Einweihung Gedenkstein für Mike Zerna, Ziolkowskistr.
Infos: zivilcourage-hoy.de





























