Die Rächerin im Batmobil

geschrieben von Axel Holz

4. September 2026

Aktuell im Kino: Faraz Shariats Thriller »Staatsschutz« über Rassismus in der Justiz

Der Film »Staatsschutz« handelt davon, Gerechtigkeit in einem System zu erkämpfen, das rechte Gewalt verharmlost oder sogar deckt. Dass es Rassismus in den Behörden gibt, ist kein Geheimnis und wurde jüngst durch die InRa-Studie im Auftrag des Innenministeriums bestätigt (siehe antifa Mai/Juni 2026). Dass auch eine Staatsanwaltschaft davon betroffen sein kann, finden wir in diesem Film erschreckend bestätigt. Die Verharmlosung oder gar das Ignorieren rechter Gewalt ist ein Problem, das erst durch Fälle wie den Anschlag von Hanau, den Tod von Oury Jalloh in Dessau und rechte Chatgruppen in Polizeikreisen stärker in die Öffentlichkeit gelangt ist.

Um einen fiktiven Fall auf diesem Gebiet dreht sich der Film von Faraz Shariat (Regie) nach einem Drehbuch von Claudia Schaefer, Sun-Ju Choi und Jee-Un Kim. Die 26-jährige Chen Emilie Yan überzeugt als Staatsanwältin Seyo Kim – neben Julia Jentsch als engagierter Anwältin und Alev Irmak als Behördenmitarbeiterin Ayten Alican. Bisher stand die Hauptdarstellerin nur auf Theaterbühnen von Ingolstadt bis Berlin. Die Handlung spielt in Ostdeutschland, wo die junge Staatsanwältin in der angeblich »objektivsten Behörde« tätig ist und sich auf einem vielversprechenden Karrierepfad befindet.

Seyo Kim steht für eine der vielen migrantischen Biografien in Deutschland, die trotz rassistischer Erfahrungen und Widerstände einen beruflichen Aufstieg geschafft haben. In ihren Prozessen muss sich die junge Staatsanwältin auch mit rassistischen Verbrechen beschäftigen und dabei vorurteilsfrei die Rechte der Angeklagten wahren – bis sie nach einer Verhandlung selbst Opfer eines rassistischen Überfalls wird. Sie wird auf ihrem Fahrrad in einem Park unter einer Brücke durch ein anderes Fahrrad zu Fall gebracht und von oben mit zwei Molotowcocktails beworfen. Ihre Jacke brennt, am Hals hat sie Brandwunden. Professionell verständigt sie die Polizei und sorgt selbst für die Sicherung des Tatortes.

Doch in der Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft steht nur, dass eine junge Frau im Park mit ihrem Fahrrad verunglückt sei. Der Fall wird ihrem Chef übertragen, der als Oberstaatsanwalt aber kaum Fortschritte bei der Aufklärung vorweisen kann. Die betroffene Staatsanwältin darf nicht in der Sache ermitteln, entscheidet sich aber, heimlich weiter zu recherchieren. Mithilfe einer engagierten Anwältin von Opfern rechter Gewalt und einer mutigen Behördenmitarbeiterin schafft sie es, Unterlagen zu besorgen, die den Bezug zu weiteren nicht aufgeklärten rassistischen Taten herstellen. Der zuständige Oberstaatsanwalt Forch, der ihr bei ihren Ermittlungen zu rassistischen Anschlägen bereits regelmäßig Steine »von oben« in den Weg gelegt hatte, gerät im Prozess um den Anschlag auf die Staatsanwältin selbst ins Visier des Gerichts. Dass dies geschieht, ist nur der jungen Staatsanwältin zu verdanken, die gegen Regeln verstößt, mutig ihre Karriere aufs Spiel setzt und unerschrocken weiter ermittelt. Während des Gerichtsprozesses erlebt Seyo am eigenen Leib, was es bedeutet, in einem Staat für Gerechtigkeit zu kämpfen, der mit zweierlei Maß misst und rechte Gewalt nicht nur verharmlost, sondern verdeckt.

Ist die Behörde auf dem rechten Auge blind, oder steckt System dahinter? Die Staatsanwältin stößt im Archiv auf zahlreiche Verfahren zu rassistischen Überfällen, die eingestellt wurden. Seyo gelingt es im Zusammenspiel mit Helfern, im Prozess das rechte Netzwerk aufzudecken, das der Oberstaatsanwalt in früheren Verfahren geschickt gedeckt hatte.

Der als Thriller angelegte Film zeigt das Problem des strukturellen Rassismus in Behörden. Das Vordringen rechten Gedankenguts in den Überbau der Gesellschaft ist eine Tatsache, die noch zu wenig benannt und nur inkonsequent verfolgt wird. Wir erinnern uns an das Netzwerk Nordkreuz: Von den beteiligten Polizisten in Mecklenburg-Vorpommern erhielt letztlich nur einer eine Bewährungsstrafe. Die Beschuldigten hatten Tausende Schuss Munition und Leichensäcke für den »Tag X« gehortet und Todeslisten geführt.

Staatsanwältin Seyo kauft sich irgendwann einen protzigen amerikanischen Dodge und braust damit über die Dörfer vor die Häuser verdächtiger Täter aus dem Nazinetzwerk. Sie wird damit cartoonhaft zur Rächerin im Batmobil, in einer fast surrealen Verdrehung des uns bekannten Bedrohungsszenarios. Hier sieht man, dass der Regisseur auch mit Humor arbeitet.

Der Film »Staatsschutz« wurde auf der Berlinale mit dem Panorama-Publikumspreis für den besten Spielfilm ausgezeichnet und erhielt drei weitere Festivalpreise. Er läuft seit dem 27. August in den Kinos. Für den Film hatten die Filmemacher lange an deutschen Gerichten recherchiert. Im Gespräch mit dem Publikum auf dem Schweriner Filmfest im Mai 2026 berichtete das Team, dass es während der Vorbereitung eine Rückmeldung aus den Gerichten erhalten habe: Das geschilderte Problem komme gar nicht so selten vor.

»Staatsschutz« ist Faraz Shariats zweiter Kinofilm. Faraz Shariat, 1994 in Köln geboren, studierte szenische Künste an der Universität Hildesheim. 2015 gründete er gemeinsam mit Paulina Lorenz die Produktionsfirma Jünglinge Film. Das Autorenkollektiv Jünglinge war bereits vor sechs Jahren mit der postmigrantisch-queeren Utopie »Futur Drei« angetreten. Das Debüt war ohne Fördermittel entstanden und hatte seinerzeit in der Filmlandschaft für Furore gesorgt.

»Staatsschutz«, Deutschland 2026, Regie: Faraz Shariat, Drehbuch: Claudia Schaefer, Sun-Ju Choi, Jee-Un Kim. Produktion: Jünglinge Film (Paulina Lorenz, Jorgo Narjes, Faraz Shariat). Mit Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Alev Irmak, Arnd Klawitter, Sebastian Urzendowsky und Marie Rosa Tietjen. 113 Minuten, FSK 16, Verleih: Plaion Pictures. Im Kino seit dem 27. August 2026