Ein Stachel im Fleisch

geschrieben von Janka Kluge

4. September 2026

Ruth Hoffmann über den langen deutschen Streit um den 20. Juli 1944

Die Journalistin Ruth Hoffmann nimmt den 80. Jahrestag des Attentats vom 20. Juli 1944 zum Anlass für eine Geschichte des Erinnerns: wie Deutschland mit dem Widerstand gegen die Nazis umgegangen ist. Nach der Befreiung 1945 galten die Männer um Stauffenberg als Vaterlandsverräter, für die Opfer interessierte sich kaum jemand. Geändert hat sich diese Wahrnehmung erst durch Fritz Bauer. Der Jurist, als jüdischer Sozialdemokrat aus Deutschland geflohen, hatte sich im Exil mit der Frage befasst, wie eine juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen gelingen kann.

Als Generalstaatsanwalt in Braunschweig klagte er 1952 Otto Ernst Remer an. Dieser war als Major an der Niederschlagung des Aufstands vom 20. Juli beteiligt gewesen; nach 1945 gehörte er zu den Gründern der Sozialistischen Reichspartei, einer Nachfolgeorganisation der NSDAP, und hetzte auf deren Veranstaltungen gegen den militärischen Widerstand. Bauer ging es um den Nachweis, dass das NS-Regime vom ersten Tag an ein Unrechtssystem war und Widerstand dagegen geboten. Das Gericht folgte ihm: Der NS-Staat sei kein Rechtsstaat, sondern ein Unrechtsstaat gewesen, die Attentäter des 20. Juli mithin keine Hochverräter. Remer wurde zu drei Monaten Haft verurteilt. Doch obwohl das Urteil öffentlich wahrgenommen wurde, änderte sich in der Bevölkerung zunächst nichts. »Die wenigsten waren bereit anzuerkennen, dass Widerstand gegen die NS-Diktatur richtig war. Das hätte bedeutet, sich mit dem eigenen Wegsehen zu befassen und anzuerkennen, dass es Menschen gegeben hatte, die hingeschaut hatten und nicht bereit gewesen waren, das Unrecht hinzunehmen. Der Widerstand war ein Stachel im Fleisch der deutschen Nachkriegsgesellschaft, weil er die Deutschen mit einer Scham konfrontierte, die sie so gründlich abwehrten, dass sie nicht zu spüren war.« (S. 52)

Ruth Hoffmann: Das deutsche Alibi. Mythos »Stauffenberg-Attentat« – wie der 20. Juli 1944 verklärt und politisch instrumentalisiert wird. Goldmann Verlag, München 2024, 400 Seiten, 24 EuroAuch als günstige Taschenbuchausgabe in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich (Bd. 11168, 2025, 5 Euro).

Ruth Hoffmann: Das deutsche Alibi. Mythos »Stauffenberg-Attentat« – wie der 20. Juli 1944 verklärt und politisch instrumentalisiert wird. Goldmann Verlag, München 2024, 400 Seiten, 24 Euro
Auch als günstige Taschenbuchausgabe in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich (Bd. 11168, 2025, 5 Euro).

Zum zehnten Jahrestag des Attentats fand 1954 die erste offizielle Gedenkfeier der Bundesrepublik statt. Theodor Heuss, wenige Tage zuvor als Bundespräsident wiedergewählt, sprach am 19. Juli in Berlin vor Angehörigen der Attentäter. Mit der Neugründung von Bundeswehr und Geheimdiensten im Kalten Krieg boten sich die Attentäter als Traditionslinie an, in die sich die neue Armee jenseits von Reichswehr und Wehrmacht stellen ließ. Von da an fungierte die Erinnerung an den militärischen Widerstand als Alibi, mit dem sich die Regierung und viele Deutsche entlasten konnten.

Der politische Widerstand blieb offiziell ignoriert; sein Andenken hielten vor allem Verbände der Überlebenden wie die VVN hoch. Erst 1969 zitierte Bundespräsident Gustav Heinemann (SPD) in seiner Gedenkrede in Plötzensee einen kommunistischen Widerstandskämpfer: den Hamburger Fiete Schulze, der am 6. Juni 1935 nach gut zwei Jahren Haft hingerichtet wurde.

Sehr lesenswert fand ich Hoffmanns Gedanken zur Instrumentalisierung Stauffenbergs durch die »Neue Rechte« und die AfD. Die Gedenkfeiern blieben ein Gradmesser dafür, inwieweit das offizielle Deutschland den Widerstand als Ganzes anerkannte. Ruth Hoffmann hat mehr geschrieben als die Geschichte dieser Feiern: Sie hat den gesamten Widerstand im Blick. Für das Buch war sie 2024 für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert.