Jeden Dienstag ein Zug

geschrieben von Gerald Netzl

4. September 2026

Wie die Niederlande an die Lager der deutschen Besatzung erinnern

Die Kleinstadt Vught liegt etwa 3,5 Kilometer südlich der Provinzhauptstadt ’s-Hertogenbosch. Dort, im Süden der Niederlande, entstand ab 1942 das einzige SS-Konzentrationslager außerhalb Nazi-Deutschlands; ab Januar 1943 war es belegt. Seine offizielle Bezeichnung war Konzentrationslager Herzogenbusch, in den Niederlanden spricht man vom Kamp Vught. Besonders perfide: Die Errichtungskosten von fünfzehn Millionen Gulden (entspricht heute rund 136 Millionen Euro) mussten die Juden der Niederlande tragen. Obwohl es formal ein »richtiges« KZ war, gab es im Lager selbst vergleichsweise niedrige Opferzahlen. Die Häftlinge mussten Zwangsarbeit leisten und auch das Lager selbst am Laufen halten. Darüber hinaus wurden sie zunehmend für die deutsche Kriegsindustrie eingesetzt.

Die 12.000 Juden, die zeitweise dort interniert waren, erwartete nach Vught ein grausamer Tod. So wurden am 6. und 7. Juni 1943 insgesamt 3.014 Menschen auf Transport geschickt, darunter fast 1.300 jüdische Kinder im Alter von null bis sechzehn Jahren. Wenige Tage später wurden sie fast alle im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Ein eigenes Denkmal in der Gedenkstätte erinnert daran.

Anfang September 1944 fanden die letzten Transporte statt. Als die alliierten Soldaten das KZ im Oktober 1944 erreichten, war es ruhig und leer. In der Dauerausstellung »Kamp Vught: Sieben Jahreszeiten und 32.000 Geschichten« lässt sich die Vergangenheit anhand vieler persönlicher Erzählungen und Gegenstände nachvollziehen.

Nationale Gedenkstätte Lager Amersfoort

Auf dem historischen Gelände des Polizeilichen Durchgangslagers Amersfoort wird die Erinnerung an rund 47.000 Gefangene, von denen rund 37.000 registriert wurden, wachgehalten; von den Lagergebäuden ist bis auf einen Wachturm nichts erhalten geblieben. Im unterirdischen Museum erfahren BesucherInnen mithilfe eines Audioguides (Niederländisch/Englisch) mehr über die Geschichte des Lagers. Zehn Biografien von Gefangenen und Wärtern werden vorgestellt, in Videointerviews berichten Zeitzeugen über ihr Leben im Lager.

1939 errichtete das niederländische Militär auf dem Gelände eine Kaserne. Sie wurde bald nach der deutschen Besetzung im Mai 1940 von der Wehrmacht übernommen. Ein knappes Jahr später zog das Militär aus, die Baracken dienten fortan als Polizeiliches Durchgangslager. Es gab einen SS-Bereich und ein Häftlingslager, das mit Stacheldraht und Wachtürmen gesichert war. Amersfoort war später auch Hinrichtungsort. Bis zur Übergabe des Lagers an das niederländische Rote Kreuz im April 1945 wurden 32.500 Personen offiziell eingewiesen. Zeitweilig diente das Lager auch als »Auffanglager« für inhaftierte Frauen und Kinder mit amerikanischer Staatsangehörigkeit.

Erinnerungszentrum Westerbork

1939, kurz nach Kriegsbeginn, errichteten die niederländischen Behörden im Norden des Landes das »Zentrale Flüchtlingslager Westerbork«, um die große Zahl jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich aufzufangen. Soweit sie sich meldeten oder festgenommen wurden, kamen alle in die Niederlande geflohenen jüdischen Deutschen und Österreicher hierher in Haft – später auch die niederländischen Juden.

Am 1. Juli 1942 wurde aus dem bisher niederländisch verwalteten Zentralen Flüchtlingslager offiziell das »Polizeiliche Judendurchgangslager Kamp Westerbork« unter direkter deutscher Verwaltung. Am 15. Juli begannen die Deportationen aus den gesamten Niederlanden nach Westerbork, wo die SS fast alle Transporte zusammenstellte, und von dort weiter in die Vernichtungslager. Die deutschen Besatzer praktizierten in Westerbork eine wohl einmalige Täuschung der Lagerinsassen: Mit einer Schule, einem Krankenhaus, einem Waisenhaus, kulturellen und sportlichen Veranstaltungen und der Abwesenheit von offenem Terror wurde eine trügerische Hoffnung erweckt.

Die meisten Opfer waren nur wenige Tage in Westerbork. Jeden Dienstag fuhr ein Zug »nach Osten«, überwiegend nach Auschwitz-Birkenau beziehungsweise Sobibor. Die Fahrt dauerte zumeist drei Tage. Insgesamt wurden von 1942 bis 1944 245 Sinti und Roma und mehr als 107.000 Juden aus den Niederlanden per Zug deportiert. Nur etwa 5.000 von ihnen überlebten.

In den 1960er-Jahren wurden alle erhalten gebliebenen Gebäude abgerissen. Auf einem Teil des Areals stehen heute riesige Radioteleskope – das verwundert einigermaßen. Abgesehen von einigen Denkmälern, Erläuterungsobjekten und eben den Teleskopen beeindruckt und erschüttert die Leere des Ortes. Das Erinnerungszentrum, also das Museum, befindet sich 2,5 Kilometer vom ehemaligen Lager entfernt. Dort parkt man, denn zum ehemaligen Lager darf man mit dem Pkw nicht fahren.

Im Unterschied zu den meisten Ländern, in denen der Besuch von Gedenkstätten des NS-Terrors gratis ist, zahlt man in den Niederlanden Eintritt: Vught 12 Euro, Amersfoort 14 Euro, Westerbork 13,50 Euro.

Web-Tipps:

www.nmkampvught.nl

www.kampamersfoort.nl
www.kampwesterbork.nl