Kommunist und Gerechter

geschrieben von Ulrich Schneider

4. September 2026

Bernd Heyl legt die erste umfassende Biografie Wilhelm Hammanns vor

Eine wichtige Person des antifaschistischen Widerstandes, die 1955 leider viel zu früh infolge eines Unfalls verstarb, war der Groß-Gerauer Kommunist Wilhelm Hammann (1897–1955). Tatsächlich war er im Volksstaat Hessen eine bekannte Persönlichkeit: Als Lehrer trat er mit fortschrittlichen Initiativen in der Schul- und Bildungspolitik hervor, und als Abgeordneter des Hessischen Landtags meldete er sich von 1927 bis 1933 mit klaren Aussagen gegen die aufkommende NSDAP zu Wort. Bernd Heyl hat ihm nun die erste umfassende Biografie gewidmet – und schreibt darin zugleich die Geschichte des jahrzehntelangen Ringens um sein Andenken.

Gestiegenes Interesse

Nachdem es in den 1950er- und 1960er-Jahren – aufgrund seiner Mitgliedschaft in der KPD – um Wilhelm Hammann öffentlich ruhiger geworden war, entwickelte die antifaschistische Bewegung seit Mitte der 1970er-Jahre ein zunehmendes Interesse auch an seiner Person und Biografie. Die DKP, die über viele Jahrzehnte im Kommunalparlament von Mörfelden-Walldorf als Fraktion vertreten war, nahm sich seiner an. Auch nachgeborene Antifaschisten begannen sich in dieser Zeit mit den Zeitzeugen zu beschäftigen.

Im Zusammenhang mit dem Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten erforschte der Kasseler Lehrer Geert Platner mit einer Schülergruppe der Gerhart-Hauptmann-Schule nach Hinweisen von Emil Carlebach die Geschichte dieses ehemaligen Buchenwald-Häftlings; 1983 erschien daraus eine erste Biografie in dem Taschenbuch »Schule im Dritten Reich«. Ungefähr in dieser Zeit begann sich auch Bernd Heyl, damals Lehrer an einer Gesamtschule in Riedstadt, intensiver mit Hammann zu beschäftigen. Im Rahmen eines »Arbeitskreises zur Geschichte der Arbeiterbewegung Groß-Gerau« unter dem Dach von »Arbeit und Leben« vertiefte er die Arbeit ab Anfang der 1980er-Jahre. Er beteiligte sich an Ehrungen und konzipierte in dem Arbeitskreis eine erste Ausstellung, die in Schulen und öffentlichen Einrichtungen gezeigt wurde.

Bernd Heyl: Wilhelm Hammann – Ein Gerechter unter den Völkern. Biografie eines hessischen Antifaschisten. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2026, 276 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 29,90 Euro

Bernd Heyl: Wilhelm Hammann – Ein Gerechter unter den Völkern. Biografie eines hessischen Antifaschisten. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2026, 276 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 29,90 Euro

Von da an ließ ihn diese Persönlichkeit nicht mehr los. Seine berufliche und gewerkschaftliche Arbeit im Gesamtpersonalrat und in anderen Funktionen ließ ihm jedoch nicht die Zeit, sich vertieft mit dem Ziel einer Gesamtbiografie zu beschäftigen. Erst im Ruhestand kehrte er zu diesem Projekt zurück und legte im Frühjahr 2026 das Ergebnis vor.

In drei großen Schritten behandelt Heyl die Biografie, das Leben und Wirken Hammanns, wobei es ihm gelingt, die Persönlichkeit so in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Zeit einzuarbeiten, dass die Prägung durch die Verhältnisse ebenso erkennbar wird wie der besondere Beitrag des Einzelnen – etwa in dem Abschnitt über seine Tätigkeit als Landtagsabgeordneter. »Zerbrecht den Prügelstock« (S. 64) war eine Forderung, die noch in den 1950er-Jahren in vielen bundesdeutschen Schulen aktuell war. Da es zu Hammanns Rolle im KZ Buchenwald, wo er als Blockältester 159 jüdische Kinder vor der Ermordung bewahrte, bereits eine größere Zahl von Veröffentlichungen gibt, konzentriert sich der Autor in diesem Kapitel auf die zusammenfassende Darstellung der wichtigsten Ereignisse.

Ein besonderes Gewicht legt Heyl auf die Nachkriegsentwicklung, in der Hammann ab Juli 1945 als Landrat und als streitbarer Vertreter für einen antifaschistisch-demokratischen Neuanfang gegen die Remilitarisierung hervortrat. Sicherlich lag es auch an der Fülle des Materials, das für diese Kapitel zur Verfügung stand, dass hier ein Schwerpunkt gelegt wurde. Exemplarisch wird die gesellschaftliche und politische Restauration der alten BRD an einer Biografie gezeigt. Dass Hammanns geradlinige Haltung auch bei politisch Andersdenkenden Respekt fand, zeigt Heyl in dem kurzen Abschnitt »Er war ein feiner Mensch!« (S. 205), in dem er die öffentliche Reaktion in der Region Groß-Gerau auf dessen Unfalltod im Juli 1955 nachzeichnet.

Herausforderungen und Brüche in Erinnerung

Spannend ist das Kapitel »Erinnern und Gedenken«, in dem der Autor – in der gebotenen Kürze – die politischen Herausforderungen und Brüche in der Erinnerung an diesen antifaschistischen Lehrer präsentiert. Es beginnt mit der Benennung einer Erfurter Schule nach Hammann, die diesen Namen im Zuge der »Wende« wieder verlor, und reicht bis zu den zivilgesellschaftlichen Initiativen zur Erinnerung im Kreis Groß-Gerau, bei denen die politisch Verantwortlichen oftmals wie der sprichwörtliche Hund zum Jagen getragen werden mussten. Die Ehrung durch Yad Vashem, die Hammann 1984 postum zuteilwurde, nahm man gerne zur Kenntnis, aber einen Kommunisten zu würdigen, blieb dennoch kompliziert.

Den Abschluss des Buches bildet die Selbstauskunft von Wilhelm Hammann, die dieser 1946 während seiner Internierung durch die US-Armee in Dachau zu Papier gebracht hat. Seine Aufzeichnung endet mit der Aussage: »Meiner Ansicht nach ist die Tatsache, dass Kinder im Konzentrationslager festgehalten worden sind, vielleicht das grausamste Kapitel des Naziregimes.« (S. 260) Ein in jeder Hinsicht lesenswertes Buch.