Kooperieren statt bekriegen

geschrieben von Stefan Dietl

4. September 2026

Ein verdrängtes Kapitel des arabisch-israelischen Konflikts

Seit Jahrzehnten beschäftigt der arabisch-israelische Konflikt die Weltöffentlichkeit und auch die deutsche Medien- und Bücherlandschaft. Etliche Regal-meter füllt die alljährlich erscheinende Literatur zum Nahostkonflikt. Dabei überwiegen gerade hierzulande meist dichotome Gegenüberstellungen der scheinbar unversöhnlichen Feindschaft zwischen Arabern und Juden, zwischen Palästinensern auf der einen und Israelis auf der anderen Seite. Diese öffentliche Präsentation des Konflikts als irrational und un-überwindbar erlaubt es der deutschen Politik, in ihre Lieblingsrolle zu schlüpfen: die des Schiedsrichters, der die beiden Streithähne beim Aufeinander-losgehen kritisch beäugt.

Komplexität der Geschichte

Man präsentiert sich als interesseloser »ehrlicher Makler«, der den – quasi naturgegebenen – Konflikt zwar nicht löst, ihn jedoch moderiert und im Zaum hält. Nur die deutsche Vernunft und Vermittlung würde eine »weitere Eskalation im Nahostkonflikt« verhindern. Ein tatsächlich weitgehend friedliches Zusammenleben gilt dagegen als Illusion. Der Komplexität der arabisch-israelischen Geschichte, einer Geschichte der Kriege und Konflikte, aber auch der wechselseitigen Annäherung und Verständigung durch die Jahrzehnte, wird dies kaum gerecht.

Ein Gegenbild zur gängigen Darstellung der sich rachsüchtig und unnachgiebig gegenüberstehenden Araber und Israelis liefert die Lektüre des jüngst auf Deutsch erschienenen Buches »Schattenarmee. Arabisch-palästinensische Kooperation mit dem Zionismus, 1917–1948« des israelischen Historikers Hillel Cohen. Darin widmet sich Cohen der lange verborgenen und gerade in Europa bewusst ignorierten Geschichte der Zusammenarbeit zwischen Arabern und Juden während der Zeit des britischen Mandatsgebiets Palästina. Seine akribische Darstellung ist dabei im besten Sinne als eine Geschichte von unten zu verstehen. Er begibt sich auf die Spur tausender Araber, die mit dem Zionismus kooperierten oder gar mit ihm sympathisierten: die Land an den Jüdischen Nationalfonds verkauften, jüdische Nachbarn unterstützten und persönliche Bande knüpften, in jüdischen Einrichtungen arbeiteten und zionistische Organisationen mit Informationen versorgten oder den zionistischen Milizen im Kampf gegen nationalistisch-islamistische Hardliner Waffen lieferten.

Hillel Cohen: Schattenarmee. Arabisch-palästinensische Kooperation mit dem Zionismus, 1917–1948. Hrsg. von der Gesellschaft für kritische Bildung. Hentrich & Hentrich, Berlin/Leipzig 2026, 382 Seiten, 32 Euro

Hillel Cohen: Schattenarmee. Arabisch-palästinensische Kooperation mit dem Zionismus, 1917–1948. Hrsg. von der Gesellschaft für kritische Bildung. Hentrich & Hentrich, Berlin/Leipzig 2026, 382 Seiten, 32 Euro

Die Motive für diese Zusammenarbeit mit dem Zionismus sind – wie Cohen an zahlreichen Beispielen aufzeigt – vielfältig. Finanzieller Eigennutz und Karrierehoffnungen spielten dabei ebenso eine Rolle wie persönliche Freundschaften und das gepflegte Ideal einer guten Nachbarschaft. Oftmals setzten auch ganze Dorfgemeinschaften darauf, von jüdischen Siedlungen in der Nachbarschaft zu profitieren: durch einen Ausbau der Infrastruktur, durch Arbeitsplätze und nicht zuletzt durch das technische Know-how und Wissen der Siedler.

Cohens quellennahe und detailreiche Studie liefert eine Alternative zur in Deutschland üblichen Beschreibung der Mandatszeit und macht zudem noch einmal deutlich, dass es nicht selbstverständlich war, dass sich der später von den Nationalsozialisten unterstützte radikale Flügel der palästinensischen Nationalbewegung unter der Führung des Mufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, letztlich durchsetzte. Verpflichtet fühlten sich palästinensische Araber zu Beginn der Mandatszeit weniger einem konstruierten Heimatland als vielmehr örtlichen Strukturen, Dörfern und Familien, die teils von der Zusammenarbeit mit jüdischen Siedlern profitierten.

Hergestellt wurde der palästinensisch-arabische Nationalismus letztlich mit roher Gewalt. Erst mit Plünderungen und Massakern an Juden, begleitet von einer blutigen innerarabischen Terrorkampagne, gelang es den radikal-islamistischen Kräften, die Oberhand zu gewinnen und die palästinensische Nationalbewegung bis heute zu dominieren. Die Getreuen des Muftis terrorisierten die eigene Bevölkerung und liquidierten gezielt ihre politische Konkurrenz, bis jegliche Opposition mundtot gemacht war.

Andere Entwicklung wäre möglich gewesen

Die Grundlage ihres Handelns war dabei ein dschihadistischer Antisemitismus, der den Kampf gegen den Zionismus nicht nur zur politischen Notwendigkeit, sondern zur religiösen Pflicht erklärte. Ein antisemitischer Wahn, der für die Araber Palästinas schließlich in die Katastrophe führte. Cohens Buch zeigt eindrücklich, dass im israelisch-arabischen Konflikt auch eine andere Entwicklung möglich gewesen wäre: eine Entwicklung des Zusammenlebens und der gemeinsamen Verbesserung der eigenen Lebensumstände. Haupthindernis dafür war auch damals schon der Antisemitismus.

Cohens Forschungsergebnisse passen nicht in die deutsche Erzählung des Nahostkonflikts – weshalb wir lange auf die Übersetzung warten mussten. Zum einen entziehen sie sich der gängigen polarisierenden Darstellung, zum anderen machen sie Hoffnung. Hoffnung auf eine Zukunft, in der sich doch noch die Kräfte der Kooperation und des friedlichen Nebeneinanders zum Wohle aller durchsetzen, denn immerhin zeigt Hillel Cohen, dass man dabei an historische Wurzeln anknüpfen könnte.

Ein Buch im Ehrenamt

Es ist der Gesellschaft für kritische Bildung zu verdanken, dass Hillel Cohens bereits 2004 erschienene und 2008 ins Englische übersetzte instruktive Studie nun auch in deutscher Sprache vorliegt. Dass es – wie auch schon beim bekannten israelischen Historiker Benny Morris – ein kleines Kollektiv in die Hand nehmen musste, eines der zentralen Werke der israelischen Geschichtswissenschaft mit viel ehrenamtlichem Engagement endlich einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen, wirft einmal mehr ein bezeichnendes Licht auf die oberflächliche Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt in Deutschland.