Kraft statt Kapitulation
4. September 2026
Trainierbare Widerstandsfähigkeit gegen die Dauerkrise
Durch die Polykrisen der Gegenwart sind viele Menschen belastet, ausgelaugt und voller Zukunftsängste. Die Sozialpsychologin Pia Lamberty zeigt in ihrem neuen Buch auf, wie eng mentale Gesundheit und der Einsatz für Demokratie sich wechselseitig bedingen. Widmen sich ihre vorherigen Bücher noch der Auseinandersetzung mit Verschwörungserzählungen und den Gefahren von Esoterik, verschiebt sich in diesem Buch ihr Fokus von Risiken für die Gesellschaft hin zu Schutzfaktoren. Dabei geht sie von einer einfachen These aus: Stress, Hoffnungslosigkeit und Rückzug belasten nicht nur Individuen, sondern auch die Demokratie, da Teilhabe dadurch nicht wahrgenommen werden kann. Gleichzeitig können gesellschaftliches Engagement und Mitbestimmung einen positiven Einfluss auf die mentale Gesundheit von Menschen haben – und sie so besser auf Krisen vorbereiten oder diese überstehen lassen.
Kohärenzgefühl ist ein zentraler Faktor, um mit Krisen umgehen zu können. Das bedeutet, dass Menschen ihre innere und äußere Welt als strukturiert wahrnehmen und davon ausgehen, Probleme prinzipiell bewältigen zu können. Die Gliederung des Buches folgt entsprechend den drei Säulen Verstehen, Bewältigen und Sinnerleben, auf denen Kohärenzgefühl basiert. Denn dieses ist nicht allein angeboren, sondern kann erlernt und trainiert werden. Dazu bereitet Pia Lamberty nicht nur Forschungsergebnisse aus unzähligen Studien zugänglich auf, sondern bezieht sich auch auf Aussagen und Erlebnisse von Menschen, die durch Krisen hindurch gegangen sind, Katastrophen überlebt haben oder zu diesem Thema seit vielen Jahren forschen und arbeiten. Jedes der neun Kapitel schließt mit zentralen Erkenntnissen ab, die die Leser_innen dabei unterstützen, Kohärenz aufzubauen und ihre Resilienz zu stärken. Dabei geht es der Autorin nicht um Selbstoptimierung und individuelle Achtsamkeit, sondern um den Ausbau kollektiver Selbstwirksamkeit als wichtiges Instrument, um »verbunden, handlungsfähig und sinnorientiert« zu bleiben.
Die vermeintliche Flucht ins Private im Angesicht von globalen Krisen und die damit verbundene Normalitätsbeschwörung stellt Lamberty in Frage – denn wer passiv bleibt, beteiligt sich nicht an aktiver Veränderung für eine bessere Zukunft. Kraft spendet die Hoffnung auf eine bessere Zukunft – und diese Hoffnung hilft, auch auf Durststrecken mit dem Stress der ständigen Krise und nahenden Apokalypse umzugehen.
Das Buch ist faktenbasiert und bietet unzählige Ansatzpunkte für die Stärkung gesellschaftlicher Widerstandsfähigkeit. Dabei ist es klar in der Perspektive, dass Hoffnung notwendig ist, um für eine bessere Zukunft für alle zu kämpfen.
Pia Lamberty: Der Untergang kann warten. Wie wir in Krisenzeiten Hoffnung schöpfen. Quadriga, Berlin 2026, 272 Seiten, 22 Euro





























