Leben gegen das Schweigen
4. September 2026
Nachruf: Reinhard Strecker deckte NS-Seilschaften auf und wurde dafür angefeindet
»Die Freie Universität trauert um Reinhard Strecker, der am 2. August 2026 im Alter von 95 Jahren in Berlin verstorben ist.« So würdigt die Berliner Universität in einem Nachruf1 einen Pionier der NS-Aufarbeitung. 1960 durfte die von Strecker konzipierte Ausstellung »Ungesühnte Nazijustiz« auf Druck des Berliner Senats nicht in den Räumen der FU Berlin gezeigt werden. Erst zwei Monate vor seinem Tod verlieh ihm die Hochschule die Goldene Ehrennadel der Uni. Sie erkennt an, dass die Entscheidung von 1960 »aus heutiger Sicht falsch war«. Damit drückte sich die Universitätsleitung auch heute noch um die klare Aussage, dass das Verbot der Ausstellung auch schon vor 66 Jahren falsch war.
Das Land ändern
Reinhard Strecker war bereits in jungen Jahren klar, dass er sich mit dem Verschweigen der Naziverbrechen nicht abfinden wollte. Zunächst wollte er sich Anfang der 1950er-Jahre in Frankreich eine neue Existenz aufbauen. Doch unter dem Druck seiner Eltern kehrte Strecker nach Deutschland zurück und entschloss sich, politisch aktiv zu werden. »Wenn ich in Deutschland bleiben sollte, musste sich das Land ändern. Dass man mit den alten Verbrechern die Demokratie aufbauen konnte, hielt ich für idiotisch«, sagte Strecker 2019 in einem Interview mit der Deutschen Welle.
An der Freien Universität, an der Strecker Sprachwissenschaften studierte, fand er Gleichgesinnte. Er wurde Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und der SPD. Strecker hatte sich zum Ziel gesetzt, die Kontinuitäten hoher Nazis in den Institutionen in der BRD und in Westberlin öffentlich zu machen. Angeregt dazu hatten ihn Broschüren und Bücher, die damals in der DDR herausgegeben wurden. Er konnte die Dokumente dazu in Ostberlin einsehen. Er kam zu dem Schluss, dass sie in einigen Punkten propagandistisch übertrieben, aber zum größten Teil korrekt waren.
Antikommunistisches Klima

Reinhard Strecker, 2015 (Foto: Wikimedia Commons/Matthias Burchard)
Doch allein, dass Strecker in die DDR reiste und die Dokumente studierte, trug ihm im antikommunistischen Klima der frühen 1960er-Jahre den Vorwurf ein, ein »Handlanger Pankows« zu sein. Deshalb wurde auch die Ausstellung »Ungesühnte Nazijustiz« bald massiv angefeindet. Die SPD, die anfangs noch unterstützte, distanzierte sich. Die Ausstellung durfte nicht in öffentlichen Gebäuden und Universitäten gezeigt werden. In Westberlin wurde die Galerie Springer unter Druck gesetzt, weil sie die Ausstellung zeigte. Doch sie beugte sich nicht. Je mehr die Ausstellung von konservativen Politiker*innen und Medien angegriffen wurde, desto größer wurde das Interesse im In- und Ausland an ihren Inhalten. Strecker initiierte ein überparteiliches Komitee, dem auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Westberlin, Heinz Galinski, und der Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre angehörten. Von Anfang an arbeitete Strecker mit der VVN und später der VVN-BdA zusammen.
Noch im hohen Alter war der Antifaschismus für Strecker ein wichtiges Anliegen. So reiste er vor über zehn Jahren in das westpolnische Słońsk, wo ein Gedenkort für das ehemalige NS-Konzentrationslager Sonnenburg eröffnet werden sollte. Weil es vom zwölf Kilometer entfernten Bahnhof Transportprobleme gab, fuhr Strecker per Anhalter nach Słońsk und war als Erster vor Ort. 2011 führten Gottfried Oy und Christoph Schneider ein langes Interview mit Strecker, das in dem im Dampfboot-Verlag erschienenen Buch »Die Schärfe der Konkretion«2 veröffentlicht wurde. Dort machte er auch erstmals öffentlich, dass er 1960 vom Dekan der Wirtschaftswissenschaften im vollbesetzten Audimax wegen der Ausstellung ins Zuchthaus gewünscht wurde. »Dokumente aus dem Ausland zu besorgen, um Deutsche ins Gefängnis zu bringen, sei wirklich das Letzte an nationaler Verkommenheit«, tönte der rechte Professor. Strecker ließ sich von diesen Drohungen nicht einschüchtern.
Umfangreiches Beweismaterial gegen Globke
1961 gab Strecker das Buch »Dr. Hans Globke, Aktenauszüge, Dokumente« heraus. Globke war unter anderem Mitverfasser des Kommentars zu den »Nürnberger Gesetzen«, die die juristischen Grundlagen für die Judenverfolgung bildeten. In der BRD war er jahrelang Staatssekretär und Chef des Bundeskanzleramtes unter Adenauer. Das von Strecker zusammengetragene umfangreiche Beweismaterial fand zwar Eingang in einen Prozess gegen Globke vor dem Obersten Gericht der DDR, welches ihn im Juli 1963 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in teilweiser Tateinheit mit Mord in Abwesenheit zu lebenslangem Zuchthaus verurteilte, führte aber zu keinen Konsequenzen im Westen.
Auch nach seinem Tod wird Strecker nicht vergessen. So will eine antifaschistische Studierendengruppe noch in diesem Jahr eine Gedenkveranstaltung zu Reinhard Strecker durchführen. Es wäre sehr zu wünschen, dass an den lebenslangen Vorkämpfer für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen weiter erinnert wird.
1 https://www.fu-berlin.de/news/kurzmeldungen/2026/20260804-trauer-reinhard-strecker.html





























