Mallorcas vergessene Frauen
4. September 2026
Hartmut Botsmann holt die Frauen des Spanischen Bürgerkriegs ins Gedächtnis
Ein Buch für Kenner und zugleich für ein breiteres Publikum: Mit »Frauen, Bürgerkrieg, Repression. Mallorca 1936« legt der deutsche Historiker Hartmut Botsmann eine Arbeit vor, die im deutschsprachigen Blick auf den Spanischen Bürgerkrieg eine auffällige Lücke schließt. Mallorca, die Lieblingsinsel vieler Deutscher, kommt in der deutschen Erinnerung an den Bürgerkrieg bislang kaum vor. Botsmann verändert diese Perspektive und erzählt die Schicksale von Frauen, die sich auf den Balearen dem Faschismus widersetzten. Sein Buch ist zugleich eine Einführung in die Geschichte der Insel unmittelbar vor und während des Bürgerkriegs und eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie heute an diese Vergangenheit erinnert wird.
Insel als »Flugzeugträger« des Faschismus

Aurora Picomell Femenias (1912-1937) Näherin, Gewerkschafterin und Kommunistin aus dem Palmesaner Stadtteil El Molinar, organisierte seit Begin der Republik Arbeitskämpfe und Frauen in der Arbeiterbewegung. Nach dem Militärputsch 1936 wurde sie verhaftet und im Frauengefängnis CanSales in Palma inhaftiert. Von dort holten die Putschisten immer wieder Gefangene heraus, um sie zu ermorden – >>sacas<< nannten sie das. In der Nacht des 5. Januar 1937, der Nacht vor Dreikönig, traf es Picomell und 4 weitere Frauen. Fast 90 Jahre galt der Friedhof von Porreres als ihr Grab; tatsächlich fanden sich ihre Überreste 2021 in einem Massengrab in Son Coletes bei Manacor. Das Foto zeigt die Bronzebüste, die im Molinar an sie erinnert – und die in den vergangenen Jahren mehrfach beschädigt und mit Nazischmierereien überzogen wurde. (Foto: Paucabot/Wikimedia Commons)
Dabei wird schnell deutlich, dass Mallorca keineswegs eine unbedeutende Nebenrolle spielte. Zwar fiel die Insel nach dem Militärputsch von 1936 rasch in die Hände der Putschisten und erscheint deshalb in vielen Darstellungen des Bürgerkriegs eher am Rand. Strategisch war sie jedoch von großer Bedeutung. Von Mallorca aus starteten Flugzeuge der italienischen Verbündeten Francos und der deutschen Legion Condor Angriffe auf republikanische Städte an der spanischen Küste, darunter Barcelona, Málaga und Valencia. Die Insel wurde, wie Botsmann sie nennt, zu einer Art »Flugzeugträger« des Faschismus.
Der pensionierte Gymnasiallehrer Botsmann wählt eine regionale Perspektive. Vor allem aber interessiert er sich für jene Frauen, die in den klassischen Erzählungen des Bürgerkriegs häufig nur am Rand vorkommen. Denn eigentlich hatte die Zweite Republik gerade für Frauen tiefgreifende Veränderungen gebracht. Sie erhielten das Wahlrecht, das Recht auf Scheidung und neue Formen wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Frauen engagierten sich in der Arbeiterbewegung, organisierten sich politisch und traten zunehmend öffentlich auf. Für die konservativen und faschistischen Kräfte war diese Entwicklung ein Angriff auf die bestehende gesellschaftliche Ordnung. Deshalb hatte die Repression gegen Frauen eine besondere politische und soziale Dimension. Es ging nicht allein darum, politische Gegnerinnen auszuschalten, sondern auch darum, Frauen wieder aus dem öffentlichen Leben zu drängen und sie auf jene traditionellen Geschlechterrollen festzulegen, die die Republik und Arbeiterbewegung aufgebrochen hatten.
Denn der Spanische Bürgerkrieg ist, wie jeder Krieg, nicht nur eine Aneinanderreihung von Schlachten, in denen vor allem Männer kämpfen. Er ist auch eine Geschichte gesellschaftlicher Veränderungen, politischer Emanzipation und ihrer gewaltsamen Rücknahme. Frauen waren nicht nur Opfer, sondern handelten, organisierten sich, kämpften und entwickelten eigene politische Vorstellungen. Gerade deshalb wurden ihre Körper, ihre Beziehungen und ihr öffentliches Auftreten zu einem Teil des Repressionsfeldes. Die Kontrolle über ihr Leben und ihre Körper gehörte ebenso zur Gewalt der neuen Ordnung wie Gefängnisse und Erschießungen. Die patriarchale Dimension des Faschismus bestand auch darin, Frauen wieder in die traditionelle Rolle zurückzuzwingen.
Der Einfluss der Kirche und die patriarchalen Strukturen werden dabei anhand konkreter Biografien sichtbar – etwa an der Geschichte von Aurora Picornell Femenías, einer Kommunistin aus Palma (siehe Spalte). Zugleich widmet sich Botsmann weniger bekannten Milizionärinnen, Aktivistinnen und Intellektuellen und macht damit deutlich, dass Widerstand nicht nur von einigen wenigen berühmten Persönlichkeiten ausging.
Die Geschichte der Repression gegen Frauen endet für Botsmann nicht 1939. Einen wichtigen Teil seines Buches widmet er der Frage der Aufarbeitung. Die schleppenden Exhumierungen der Opfer, die Suche nach Massengräbern und der Kampf gegen die Präsenz franquistischer Symbole im öffentlichen Raum gehören zu jener Geschichte, die Botsmann auf den Balearen seit Jahrzehnten begleitet und teilweise selbst mitgestaltet hat.
Wenig Raum im öffentlichen Gedächtnis

Hartmut Botsmann: Frauen, Bürgerkrieg, Repression. Mallorca 1936. Edition AV, Bodenburg 2026, 372 Seiten, 20 Euro
Gerade deshalb ist sein Buch mehr als eine historische Untersuchung. Es ist auch ein Beitrag zur aktuellen Debatte über Erinnerung. 90 Jahre nach dem Militärputsch von 1936 sollte die Erinnerung an seine Opfer auch in Deutschland wichtig sein, denn der deutsche Nazistaat half den Putschisten militärisch und trug damit zur Niederlage der Republik bei. Umso bemerkenswerter ist, wie wenig Raum diese Geschichte im deutschen öffentlichen Gedächtnis noch immer einnimmt.
Vieles, wogegen Frauen und andere gesellschaftlich marginalisierte Gruppen damals kämpften, ist keineswegs erledigt. Die Auseinandersetzungen um Geschlechterrollen, politische Teilhabe, die Kontrolle über den eigenen Körper und die gesellschaftliche Stellung von Frauen haben sich verändert, aber sie sind nicht verschwunden. Gerade deshalb ist der vorliegende Band nicht nur ein Buch über Mallorca und über den Spanischen Bürgerkrieg, sondern aktueller denn je.





























