Momentaufnahme im Sumpf
4. September 2026
Ein populärer Streifzug durch die Ära Trump
Im 250. Jahr des Bestehens der USA und wenige Monate vor den Midterm-Wahlen im November erscheint mit »Trumps Welt« ein neuer Band des Politikwissenschaftlers Stephen Eric Bronner. Das Buch ist keine chronologische Monografie, sondern eine Sammlung von 16 überarbeiteten Beiträgen, die größtenteils auf Social-Media-Posts der vergangenen zehn Jahre basieren und Orientierung im Sumpf der Dekrete und willkürlichen Entscheidungen der zweiten Trump-Administration liefern sollen. Der Autor schreibt bewusst populär und kommt fast ohne Fußnoten aus – das erleichtert den Zugang, an manchen Stellen hätte man sich aber eine tiefere Erklärung oder einen Quellenhinweis gewünscht.
Bronner beginnt mit einer historischen Einordnung: Die US-Demokratie in ihrer heutigen Form existiert eigentlich erst seit dem Civil Rights Act von 1964, und die Sehnsucht der MAGA-Welt nach den »guten alten Zeiten« ist untrennbar mit der rassistischen Tradition des Landes und einer im Vergleich zu Europa um Jahrzehnte hinterherhinkenden Sozialgesetzgebung verbunden. Besonders bemerkenswert ist Bronners These, dass Trump seine Stimmen im Wesentlichen aus denselben Staaten bezieht, die einst die Sklaverei verteidigten – und dass die Südstaaten, langfristig betrachtet, den Bürgerkrieg eigentlich gewonnen haben. Angesichts des Wiedererstarkens des weißen Nationalismus als Machtbasis Trumps liegt der Autor damit kaum falsch.
Von hier aus spannt Bronner den Bogen über den Aufstieg der Tea-Party-Bewegung zum politischen Mainstream, die Verklärung der Konföderierten und die Verwischung der Grenzen zwischen legalen und illegalen Geschäften bis hin zum institutionalisierten Verschwörungsglauben, zu Trumps charismatischen Größenfantasien und seiner Selbstinszenierung als Marke trotz gescheiterter Immobilienprojekte. Die Sehnsucht der MAGA-Basis nach einer solchen Figur beschreibt Bronner treffend mit Herbert Marcuses Begriff der »repressiven Toleranz«. Der Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 wird als Schlüsselmoment der extremen Rechten markiert.
Außenpolitisch zeigt Bronner, wie »America First« zum Leitspruch einer faschistischen Bewegung wurde, wie Trump Geschäfte gern mit Diktatoren macht und Konflikte in Gaza oder der Ukraine für eigene Zwecke instrumentalisiert. Grundsätzlicher wird er, wenn er offen ausspricht, dass sich die USA zu einer faschistisch-autoritären Diktatur entwickeln – und wenn er dies im Kontext des weltweiten Rechtsrucks vor allem in Europa verortet, bis hin zu einer entstehenden internationalen faschistischen Allianz. Beim Lesen wird einem bewusst, wie wenig das, was in den USA zur Wahl Trumps geführt hat, von dem entfernt ist, was gerade in Deutschland zu beobachten ist.

Stephen Eric Bronner: Trumps Welt. Nachrichten aus dem neuen Amerika. Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Bonn 2026, 176 Seiten, 18 Euro
Bereichernd ist, dass Bronner für seine Vergleiche auf weltbekannte Literaten und Philosophen zurückgreift, von Brecht über Balzac bis Ibsen. Neben der Darstellung Trumps als autoritärem Demagogen spart er auch nicht mit Kritik an den Demokraten, die Trump lange nur als Witzfigur abgetan hätten, ohne eigene Ideen zu entwickeln. Positiv hervorzuheben ist zudem, dass er immer wieder auf die Bedeutung sozialer Bewegungen als Gegenkraft verweist.
Leider leidet das Buch unter seiner losen Struktur: Weil die Beiträge ursprünglich einzeln und für Social Media geschrieben wurden, stolpert man immer wieder über dieselben Themen, was stellenweise ermüdet. Auch der Versuch, alle relevanten Politikfelder abzudecken, wirkt manchmal zu gewollt – besonders im Kapitel »Trump von Arabien«, in dem der Nahostkonflikt so viel Raum einnimmt, dass Trumps eigene Rolle fast austauschbar wirkt und die lobenden Worte für seine »Friedenspolitik« befremdlich naiv erscheinen.
Dass Bronner klar Position bezieht – als erklärter Linker und emeritierter Professor –, macht das Buch streckenweise erst lesenswert. Weniger überzeugend sind dagegen manche der Mittel, mit denen er das tut: Die wiederkehrenden Vergleiche Trumps mit Hitler oder Stalin wirken etwas plump; ähnlich fragwürdig ist die Aussage, Israel trage eine Mitschuld am weltweiten Erstarken des Antisemitismus. Auch der Verweis auf »wenig gebildete« Trump-Wähler*innen stößt auf, zeigt sich doch, dass die MAGA-Basis längst auch aus gut ausgebildeten Eliten besteht – hier schaut der Autor merklich durch eine privilegierte Brille auf die USA. Kritisch anzumerken ist außerdem die Verwendung des nicht mehr zeitgemäßen Begriffs »Farbige« für BIPOC beziehungsweise Afroamerikaner*innen; interessant wäre zu wissen, welchen Begriff er im englischsprachigen Original verwendet.
»Trumps Welt« ist kein akademisches Werk, sondern ein populärer Streifzug durch die Ära Trump. Die genannten Schwächen trüben diesen Eindruck streckenweise, ändern aber nichts daran, dass das Buch eine aufschlussreiche Momentaufnahme bleibt: Manches wirkt angesichts der Schlagzahl neuer Entwicklungen bereits überholt, anderes ist schon wieder vergessen. Das Buch erinnert daran, was Trump zu Beginn seiner politischen Laufbahn getan hat, und lässt einen feststellen, dass seither alles noch schlimmer gekommen ist.





























