Verpasste Einheitsfront

geschrieben von Peter Nowak

4. September 2026

Das Reichsbanner verweigerte sich dem Bündnis mit der KPD

Der Berliner Historiker Hans-Rainer Sandvoß hat sich mit seinen Forschungen über den sozialdemokratischen Widerstand gegen den deutschen Faschismus große Verdienste erworben. Letztes Jahr hat er im Metropol-Verlag unter dem Titel »Schutztruppe der Republik« ein Buch über das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold in Berlin und Brandenburg in den Jahren 1924 bis 1933 veröffentlicht. Es war sein Beitrag zum 100. Geburtstag des SPD-nahen Reichsbanners, der aber in der Öffentlichkeit wenig Beachtung gefunden hat.

Justiz als Hofiererin der Nazis

Ausführlich würdigt Sandvoß in dem Buch die Reichsbanner-Mitglieder, die Opfer des Naziterrors wurden. Der rechte Terror begann bereits in den letzten Jahren der Weimarer Republik. Ausführlich geht Sandvoß auf Naziüberfälle 1930 in Röntgental und Mittenwalde ein. Er zeigt auch, wie die Justiz die Nazis begünstigte und Reichsbanner-Mitglieder, die sich gegen den rechten Terror wehrten, zu langen Gefängnisstrafen verurteilte. Nach 1933 wurden viele Reichsbanner-Mitglieder in die Illegalität gedrängt, mussten emigrieren oder wurden ermordet.

Eine besondere Stärke des Buches ist der kritische Blick, den Sandvoß auf die Politik des Reichsbanners bewahrt. Denn er verstand sich eben nicht nur als antifaschistische Kampforganisation. Seit seiner Gründung betonte die Organisation vielmehr ihre Frontstellung gegen rechte und linke Gegner*innen der Weimarer Republik. Die Kommunist*innen wurden nicht als linke Konkurrenz der SPD, sondern als Feind wahrgenommen. Diese Abgrenzung gehörte zu der DNA des Reichsbanners, lange bevor die KPD mit ihrer Sozialfaschismustheorie die SPD mit der NSDAP auf eine Stufe stellte.

Hans-Rainer Sandvoß: »Schutztruppe der Republik«. Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold in Berlin und Brandenburg 1924 bis 1933. Metropol-Verlag, Berlin 2025, 547 Seiten, 36 Euro

Hans-Rainer Sandvoß: »Schutztruppe der Republik«. Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold in Berlin und Brandenburg 1924 bis 1933. Metropol-Verlag, Berlin 2025, 547 Seiten, 36 Euro

Wie schon im Namen deutlich wurde, verlangte das Reichsbanner von seinen Mitgliedern eine vorbehaltlose Anerkennung der Weimarer Republik und ihrer Fahne. Sehr deutlich wird das bei den vom Reichsbanner initiierten Verfassungsfeiern in den Jahren 1928 und 1929, die Sandvoß ausführlich beschreibt. Dabei fällt auf, wie stark die Rhetorik der Funktionäre sich auf Fahnen und nationale Symbole konzentrierte. So heißt es über die Verfassungsfeier des Reichsbanners vom 11. August 1929: »Man fühlt es überall und immer wieder. Berlin ist eine republikanische Stadt. Die Straßen prangen in schwarzrotgoldenem Fahnenschmuck im Norden und Süden, im Osten und Westen, überall grüßen die stolzen Farben der Republik« (S.185).

In den Ansprachen auf dieser Republikfeier wird eine Rhetorik gegen die Feinde von links und rechts verwendet, die heute als Totalitarismustheorie von Antifaschist*innen kritisiert wird. So erklärte der Reichsbanner-Vorsitzende Otto Hörsing im Lustgarten: »Deutschland im Innern muss sofort gereinigt werden. Wir können daher den Reichs- und Staatsregierungen nicht dringend genug empfehlen, das Ansehen Deutschlands dadurch sichtbar zu heben, dass man dem Rowdytum der Nationalsozialisten und Kommunisten ein Ende macht« (S. 186).

Mit solchen Tönen hat das Reichsbanner einer Einheitsfront gegen die Nazis ebenso geschadet wie die KPD mit ihrer Sozialfaschismustheorie. Zudem wird auf der Republikfeier Geschichtsklitterung begangen, wenn dort angekündigt wird, es sollen die geehrt werden, »die im Kampf für die Republik fielen, meist im feigen Mord derer von rechts und links« (S.186). Der Publizist Emil Gumbel hatte schon 1921 in seiner Schrift »Zwei Jahre Mord« nachgewiesen, dass die Rechte für die übergroße Mehrheit der oft ungesühnten Morde an politischen Gegner*innen verantwortlich war. Viele der Opfer waren die vom Reichsbanner verfemten Kommunist*innen.

Gegen nationalistische Rhetorik

Sandvoß setzt sich erfreulich kritisch mit der teilweise nationalistischen Rhetorik des Reichsbanners auseinander. Es gab sogar einige prominente Männer aus der Führung, die Anfang der 1930er-Jahre ins rechte Lager wechselten. Sandvoß berichtet aber auch von der linken Opposition im Reichsbanner. »Der profilierteste Vertreter des linken SPD-Flügels, Paul Levi, sah die große Gefahr, dass bei einem Bündnis des Reichsbanners mit bürgerlichen Kreisen die Arbeiterschaft ihre Klassenkampforientierung aufgeben und damit die kapitalistische Gesellschaft zementieren würde« (S. 335). Vor allem in den letzten Monaten der Weimarer Republik gab es an der Basis des Reichsbanners verstärkt Versuche, zu einer Bündelung der Kräfte gegen den Nationalsozialismus zu kommen. Schließlich waren vom NS-Terror Mitglieder der KPD, der SPD und auch anderer linker Organisationen gleichermaßen betroffen. Doch die Reichsbanner-Führung ging bis zum Ende der Weimarer Republik mit Ausschlüssen gegen jene Mitglieder vor, die die Frontstellung nach links aufweichen wollten. Es ist Sandvoß in dem Buch gelungen, die NS-Opfer des Reichsbanners zu würdigen, ohne kritische Positionen zu verschweigen.