Vom Ruhrpott nach Amsterdam

geschrieben von Eva Petermann

4. September 2026

Alice und Werner Stertzenbach: Lost and found im Widerstand

Tatsächlich hatten sie verblüffend viel gemeinsam, die beiden fast Gleichaltrigen aus dem Ruhrpott. Aber erst der Widerstand im holländischen Exil brachte Alice David und Werner Stertzenbach zusammen.

In ihrer Jugend schlossen sie sich dem Jüdischen Wanderbund an, beschäftigten sich mit Stenografie, Arbeiterfotografie und Esperanto – üblich in der Arbeiterkultur der Weimarer Republik. Beide mussten sie ihre Berufswünsche aufgeben: Alice ihr Zahnarztstudium, Werner den Traum vom Vortragsredner beim Arbeiter-Esperanto-Bund. Politisch hellwach, organisierten sie sich früh: Werner in der Gewerkschaft, Alice im Roten Studentenbund, wo sie bei einer Aktion einen Polizeiknüppel zu spüren bekam.

Alice Stertzenbach, geb. David, starb am 19. Februar 1996 in Düsseldorf; Werner Stertzenbach am 10. Juli 2003. Stella Pach starb am 17. März 1992. Foto ohne Jahresangabe: Manja Pach/Privatarchiv

Alice Stertzenbach, geb. David, starb am 19. Februar 1996 in Düsseldorf; Werner Stertzenbach am 10. Juli 2003. Stella Pach starb am 17. März 1992. Foto ohne Jahresangabe: Manja Pach/Privatarchiv

Mit 21 trat Alice in die KPD ein. Da diese auch aus Werners Sicht den »schärfsten Kampf gegen den Faschismus« führte, wurde auch er Mitglied. Nach 1933 kam Werner als Staatsfeind in »Schutzhaft«: »meine ersten Erfahrungen mit dem Faschismus, jeden Tag Verhör, Misshandlung, Totschlag«. Nach seiner Entlassung war er arbeitslos, jüdische Menschen wurden zunehmend ausgegrenzt – auch Alice wurde ihre Abschlussprüfung verwehrt. Sie stürzte sich in die illegale Arbeit: Geldsammlungen, Fluchthilfe, das Verteilen illegaler Zeitungen. Prompt wurde sie erwischt – »zu leichtsinnig und zu wenig misstrauisch«, wie sie später sagte. In Einzelhaft verhalf ihr ein Rabbiner zum Kontakt mit ihrem späteren Ehemann Georg Heymann und mit ihrer Mutter. Nach ihrer Entlassung heiratete sie Georg und setzte die illegale Arbeit fort – nun disziplinierter und konspirativer als zuvor.

1936 holte die Gestapo zum größeren Schlag aus: 150 Mitglieder ihrer Gruppe flogen auf, man fahndete nach Alice, deren Führungsrolle die Nazis ahnten. Ohne gültigen Pass musste sie über die Grenze nach Holland; ihr Mann Georg blieb zurück. Wie zehntausende Verfolgte fand sie dort, im als tolerant geltenden Nachbarland, Zuflucht – bis nach der Bombardierung Rotterdams und dem Überfall der Wehrmacht 1940 auch dort Judenfeindlichkeit und Hass auf die Deutschen wuchsen, die verächtlich »Moffen« genannt wurden.

Rechtzeitig gewarnt, war auch Werner geflüchtet, ohne Pass, als Tourist getarnt, nach Amsterdam. Dort lebte die junge Lehrerin Stella Pach, mit der er zuvor Briefe gewechselt hatte. Es folgte eine verwickelte Odyssee mit Ausweisung nach Belgien, Wiedereinreise und erneuter Haft, bis er im Durchgangslager Westerbork landete, von wo die Massentransporte nach Mauthausen, Auschwitz oder als Zwangsarbeiter zurück »ins Reich« liefen.

Alice übernahm die Leitung im »Tehuis Oosteinde«, dem Begegnungszentrum des Jüdischen Komitees, und bot dort als Kulturkoordinatorin Kurse, Vorträge und Flüchtlingsgespräche an – eines Tages kreuzte ihrer Erinnerung zufolge auch Anne Frank auf, ein »munteres Mädchen«. Für die Geflüchteten war das gemeinsame Zusammenkommen »mit Menschen aus verschiedenen Organisationen« wie ein Lebenselixier, nicht zuletzt für Alice selbst.

Gisela Blomberg: Alice und Werner Stertzenbach im antifaschistischen Widerstand – »Fest entschlossen, nicht kampflos unterzugehen«. Vorwort von Dr. Ulrich Schneider. Mit Fotos von Cas Oorthuys aus dem Amsterdamer »Hongerwinter«.
Edition UZ, Essen 2026, 376 Seiten, 24,90 Euro

Gisela Blomberg: Alice und Werner Stertzenbach im antifaschistischen Widerstand – »Fest entschlossen, nicht kampflos unterzugehen«. Vorwort von Dr. Ulrich Schneider. Mit Fotos von Cas Oorthuys aus dem Amsterdamer »Hongerwinter«.
Edition UZ, Essen 2026, 376 Seiten, 24,90 Euro

Mit Beginn der Besatzung 1940 waren die Grenzen dicht, Razzien auf Juden, Sinti, Roma und Widerstandskämpfer an der Tagesordnung. Das nach dem Tehuis Oosteinde benannte Widerstandsnetzwerk um Alice ging in den Untergrund; alle Kraft galt nun der Rettung vor Deportation und der Versorgung der »Unterduikers«.

Kaum erfuhr Alice von Werners Eintreffen in Westerbork, wurde er ihr Verbindungsmann. Er meldete sich zu den widerwärtigsten Aufgaben, wenn sie nur Fluchtwege eröffneten. So rettete er viele Menschen. Als er im Krematoriumsdienst Zeuge eines Massenmords der SS wurde, musste er aus dem strengstens bewachten Lager sofort verschwinden. In Amsterdam wohnte er fortan in wechselnden Unterkünften, unter anderem bei Alice und bei Stella Pach.

Nach der Befreiung kehrte Werner in die zerstörte Heimat zurück, während Alice in der Leitung der Organisation deutscher Antifaschisten unentbehrlich war. Beider Eltern waren ermordet worden. Stella Pach dagegen erwog keine Sekunde, »ins Land der Mörder« zu gehen; Ende 1945 brachte sie ihre und Werners Tochter Manja zur Welt.

Öffentliche Ehrungen oder Wiedergutmachung gab es für die Kampfgefährten im Nachkriegsdeutschland kaum – immerhin erhielten Alice und Werner 1994, hochbetagt, die Johanna-Kirchner-Medaille der Stadt Frankfurt. Bei KPD und VVN wurden sie dagegen mit offenen Armen empfangen; Alice arbeitete zeitweise als Sozialarbeiterin – ihre eigentliche Berufung. Nicht lange danach trafen sie das KPD-Verbot und die Repressionswellen wie Zehntausende andere.

Ende der 1960er wehte endlich ein anderer Wind, die DKP wurde legal gegründet. Nach einer Zeit als »Berufsrevolutionäre« wechselte Alice zum VVN-Präsidium, während Werner sich journalistisch betätigte – sein alter Berufswunsch: Als Chefredakteur der VVN-Zeitung Die Tat berichtete er über die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt und den Eichmann-Prozess in Israel.

Zeit ihres Lebens sah man die Kampf- und Lebensgefährten bei Demos und Kundgebungen, im Gespräch am Infostand, bei Vorträgen und Festen – eben dort, wo »Menschen aus verschiedenen Organisationen gemeinsam etwas zustande bringen«.