Der Schoß ist fruchtbar noch

geschrieben von Bernd Kant

3. November 2026

Kurt Pätzolds Sammlung marxistischer Faschismusanalysen von 1922 bis 1964

Die Literatur, die sich mit dem Faschismusbegriff beschäftigt, ist zahlreich. Einzelne jüngere Autorinnen und Autoren versuchen sich an einer »Neudefinition«, andere reproduzieren die große Zahl theoretischer Ansätze mit eigenen Worten. Angesichts der politischen Rechtsentwicklung sowie des Aufschwungs der extremen Rechten in verschiedenen europäischen Ländern und international ist dieses Interesse in jeder Hinsicht nachvollziehbar.

Schwierig wird es immer dann, wenn Autorinnen und Autoren – mit dem gut gemeinten Anspruch, innovativ zu sein – Phänomene der Erscheinungsebene zur Grundlage »neuer« Theorien machen. Das trägt weniger zur inhaltlichen Klärung als zur Verwirrung bei.

Umso verdienstvoller ist die Wiederauflage eines Buches des DDR-Historikers und Faschismusexperten Kurt Pätzold im Deutschen Militärverlag – dem Antikriegsverlag. Ihn vorzustellen erübrigt sich in diesem Rahmen; die Liste seiner Werke zur NS-Aufarbeitung spricht für sich. Eines seiner letzten Werke war das 2015 erschienene kleine Buch »Faschismus-Diagnosen«, mit dem er in die damals rege Debatte um antifaschistische Strategien und den oftmals inflationären Gebrauch des Begriffs »Faschismus« mit theoretischer Substanz eingreifen wollte. Natürlich hätte er auf alle in diesem Buch angesprochenen Fragen mit eigenen Texten antworten können. Er zog es aber vor, Antworten, die insbesondere marxistische Theoretiker der Arbeiterbewegung in den Jahren 1922 bis 1964 gegeben haben, in markanten Zitaten als Denkanstöße zur Verfügung zu stellen. Dass damit die inhaltlichen Ableitungen der jeweiligen Analysen nicht ansatzweise erfasst werden können, ist klar. Literaturliste, Autoren- und Fundstellenverzeichnis geben interessierten Lesenden Hinweise, wo sie sich eingehender damit beschäftigen können. Insofern gibt dieser Band weniger Antworten als Hinweise, wie die Fragen präzisiert und gelenkt werden können.

Kurt Pätzold: Faschismus-Diagnosen. 1922 bis 1964. 62 Texte von 26 Autoren. Deutscher Militärverlag – der Antikriegsverlag, Berlin 2026, 146 Seiten, 14 Euro

In seiner Zusammenstellung versammelt er 62 Texte – nicht nur deutsche Stimmen, sondern für die frühen Jahre auch mehrere italienische Autoren, waren diese doch als Erste mit dem Faschismus an der Macht konfrontiert. Seinem kritischen historischen Verständnis folgend, zitiert Pätzold nicht nur »linientreue« Autoren, sondern alle, von denen aus heutiger Sicht – mit dem Wissen um die faschistische Herrschaft in ihrer eliminatorischen Form – Antworten zu erwarten sind. In seinen Hinweisen zu den Texten gibt er heutigen Lesenden wichtige Punkte zu bedenken: Wichtig war – und sollte es auch heute sein –, dass die Faschismusdiagnosen als Material für praktisches Handeln angelegt waren. Es ging oftmals nicht um »Feinheiten«, sondern um die Gewinnung der Massen für den antifaschistischen Kampf. Daher finden sich in seiner Auswahl auch Texte von August Thalheimer, Hermann Heller oder Wilhelm Reich, die sich mit der Massenwirksamkeit des Faschismus beschäftigten. Pätzold betont, dass Theorien aus dem Jahr 1933 nur angemessen beurteilt werden können, wenn man bedenkt, »dass der Faschismus in den folgenden zehn Jahren seiner Existenz als Staats- und Kriegsmacht Züge annahm, die schwärzeste Pessimisten nicht vorauszuahnen, auch scharfsinnigste Wissenschaftler nicht vorauszusehen vermochten«.

Als Hilfestellung für jüngere Lesende weist Pätzold in seiner Einleitung auf Ambivalenzen älterer Analysen hin. So wurde der Terror der faschistischen Herrschaft zu verschiedenen Zeiten gegen unterschiedliche Gruppen auch taktisch eingesetzt, wie die kurze »Unterbrechung« während der Olympischen Spiele 1936 zeigt. Das änderte jedoch nichts am terroristischen Charakter des Regimes.

In diesem Zusammenhang kritisiert er es als »Etikettenschwindel«, die Judenfeindschaft zum »Alleinstellungsmerkmal« des deutschen Faschismus zu erklären: »Mit der These vom Judenmord als das Hauptcharakteristikum des deutschen Regimes ist nicht nur dessen Einzigartigkeit behauptet, sind nicht nur Hitler, Himmler und Heydrich samt ihrer judenfeindlichen Rassentheoretiker als alleinige Architekten dieses Staatstyps und seiner Politik markiert, sondern das imperialistische Wesen und Programm aus dem Zentrum aller Betrachtungen gerückt. Und mit ihm die Fragen nach der Kontinuität deutscher Politik.«

Für Pätzold ist die Botschaft, die Wolfgang Heise schon vor 60 Jahren formulierte, unverändert gültig: »Solange Privateigentum und Kapitalismus herrschen, bleibt diese latente und unter entsprechenden Bedingungen im Imperialismus nach staatlicher Norm ausbrechende Bestialität als Untergrund der Oberflächenzivilisation bestehen.« Bertolt Brecht formulierte es mit den Worten: »So was hätt’ einmal fast die Welt regiert! Die Völker wurden seiner Herr, jedoch dass keiner uns zu früh da triumphiert – der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.«