Der Weg zur Macht

geschrieben von Harry Friebel

3. November 2026

Sybille Steinbacher über Hitlers Aufstieg und das Versagen der Weimarer Justiz

Sybille Steinbacher, Direktorin des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt am Main, zeichnet in ihrem Buch »Hitler« nach, wie die wahnhafte (Selbst-)Ermächtigung Hitlers und die (Selbst-)Zerstörung der Weimarer Republik historisch zusammenfielen.

1913 zog es den Österreicher Adolf Hitler von Wien nach München. Bei Kriegsbeginn 1914 meldete er sich dort freiwillig zur bayerischen Armee. Für den Vielvölkerstaat Österreich, so Steinbacher, wäre er niemals in den Krieg gezogen – für Deutschland aber wollte der vom Germanenkult und der Musik Richard Wagners beseelte junge Mann kämpfen. Dabei hätten die bayerischen Militärbehörden einen Österreicher gar nicht als Soldaten aufnehmen dürfen. Im Ersten Weltkrieg erhielt Hitler das Eiserne Kreuz Erster Klasse.

Mit der Kriegsniederlage, der Revolution und dem Ende der Hohenzollern-Monarchie steigerten sich Hitlers und Deutschlands exzessiver Nationalismus. Ultrarechte Sammlungsbewegungen marodierten mit dem Ziel der Gegenrevolution umher. »Die Sehnsucht nach einem Führer wurde zum Leitgedanken in chauvinistisch-nationalistischen Kreisen«, schreibt Steinbacher. Hitler schloss sich der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) an, wo ihn sein Redetalent zum »Star der Partei« machte. Er betrieb die Umbenennung in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) und sicherte sich die unumschränkte Führung dieser extrem rechten, antisemitischen und völkisch-nationalistischen Organisation. Ihr Ziel war ein autoritärer Staat, »in dem für Juden kein Platz war«. Es war der Anfang von Hitlers schier grenzenlosem Aufstieg.

1923 schien das Ziel angesichts von Straßenterror und einer Hyperinflation, die Not, Angst und Verzweiflung verbreitete, in greifbarer Nähe. Am 8. November 1923 putschte Hitler gegen die Weimarer Republik. Der Putschversuch mit Hitler, Ludendorff und Göring an der Spitze scheiterte bereits am folgenden Tag.

Der Gerichtssaal als Bühne

Sybille Steinbacher: Hitler. Geschichte eines Diktators. C. H. Beck, München 2025, 128 Seiten, 12 Euro

Sybille Steinbacher: Hitler. Geschichte eines Diktators. C. H. Beck, München 2025, 128 Seiten, 12 Euro

Den Prozess vor dem Landgericht München machte Hitler zu seiner persönlichen Bühne: »Demonstrativ erschien er stets mit seinem Eisernen Kreuz am Revers. Seinen Putschversuch erklärte er zur heroischen Tat und zum Zeugnis seiner historischen Sendung. Spätestens jetzt sah er sich selbst als Erretter der Nation.« Das Gericht zeigte sich von dieser Selbstinszenierung angetan: Hitler erhielt mit fünf Jahren Festungshaft die Mindeststrafe, zudem wurde ihm eine vorzeitige Entlassung auf Bewährung nach sechs Monaten in Aussicht gestellt. Eigentlich hätte er wegen des Putschversuchs zwingend ausgewiesen werden müssen. Doch das Gericht sah davon ab, weil sich Hitler »als Deutscher fühle« und »von hehren patriotischen Zielen erfüllt sei«. Die linke Zeitschrift Weltbühne kommentierte das Urteil als »Justizmord an der Republik«.

Ein Staatenloser greift nach der Macht

Nach der rechtswidrigen Aufnahme ins bayerische Heer und der grotesken Justizposse fehlte Hitler noch die deutsche Staatsbürgerschaft, um politische Ämter bekleiden zu können. Zunächst ließ er sich aus der österreichischen Staatsbürgerschaft entlassen – »nun war er staatenlos«. 1932 erhielt er dann im Freistaat Braunschweig die deutsche Staatsbürgerschaft. Mit seiner Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 war angesichts der dramatischen Folgen der Weltwirtschaftskrise der Weg frei für seinen Wahn und für die gesellschaftliche Sehnsucht nach einem Führer. Im Eiltempo überzog Hitler Deutschland, Europa und die Welt mit grenzenlosem Terror. Steinbacher beschreibt dabei prototypische Exzesse, die sich vor den Augen einer mitmachenden oder (aktiv) wegschauenden Bevölkerung abspielten.

Die Vernichtung von etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden hatte ihren ersten, für alle Deutschen sichtbaren Vorlauf im Novemberpogrom am 9. November 1938. Am 30. Januar 1939 drohte Hitler die »Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa« an. Auf der Wannsee-Konferenz zur »Endlösung der Judenfrage« wurde die Umsetzung organisiert; die Deportationen mit der Reichsbahn waren in ganz Deutschland sichtbar.

Hitlers personalisierter Führungsstil ermutigte zu eigenen Initiativen. »Dem Führer entgegenarbeiten« lautete das Prinzip, bis hin zur Denunziation in Öffentlichkeit und Privatsphäre. »Ziel und Antrieb war es, seine Wünsche und Absichten zu erfüllen.« In allen gesellschaftlichen Organisationen ersetzte das »Führerprinzip« die Gremienarbeit.

Hitler strebte nicht weniger als die Weltherrschaft an: »Hitler ging es darum, das Deutsche Reich zur Herrschaft über Kontinentaleuropa, dann zur Weltmachtstellung und schließlich zur Weltbeherrschung zu führen.« Nach den ersten »Blitzkriegen«, die zugleich Raub- und Vernichtungskriege waren, erklärte der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, Hitler zum »größten Feldherrn aller Zeiten«. Erst der Krieg gegen die Sowjetunion, für den Hitler eine »Vollmacht zum Töten« erteilte, leitete schließlich sein Ende und das des Krieges ein.

Steinbachers schmaler Band zeigt eindrücklich, dass Hitlers Aufstieg kein Naturereignis war: Er war unter anderem auf Rechtsbrüche, Nachsicht der Justiz und die Zustimmung weiter Teile der Gesellschaft angewiesen.