Theorie ihrer Zeit

geschrieben von Christian Meyer

3. November 2026

Orientierung im Dickicht der Faschismustheorien

Der Sammelband »Was war Faschismustheorie?« unterscheidet sich von anderen Publikationen, die sich dem Thema Faschismus widmen und in den letzten Jahren die Sachbuchregale und Feuilletonseiten beleben. Die literaturwissenschaftliche und theoriegeschichtliche Herangehensweise wirkt auf den ersten Blick für thematisch interessierte, aber fachfremde Leser_innen ungewöhnlich, zumal der Band weniger auf »Evergreens« als auf »randständige Perspektiven« (S. 12) setzt. Manche Zugänge sind nischig bis esoterisch: Surrealismus, tropischer Faschismus, Roland Barthesʼ Sprachphilosophie oder die jüngst verstorbene bildende Künstlerin Henrike Naumann.

Dabei verfolgt das Buch ein Problem, dem alle Antifaschist_innen schon begegnet sein dürften: Wie sind Theorie und Praxis im Kampf gegen den Faschismus zu verknüpfen, das heißt, wie hängen dabei »Verstehen und Verhindern überhaupt zusammen (…)« (S. 9)? Oder: »Wie wird aus der Faschismustheorie heute eine antifaschistische Theorie?« (S. 132)

Die Beiträge sind in vier Abschnitte gegliedert, die sich der Faschismustheoriegeschichte überblicksartig zuwenden, sie im Kontext der BRD-Geschichte betrachten, »den faschistischen Aufstieg theoretisieren« und Faschismustheorie mit kulturellen Fragen in Bezug auf die Gegenwart verbinden. Einen Großteil der Faschismustheoriegeschichte liefert der Herausgeber selbst. »Schlüsselmomente der überhundertjährigen Geschichte der Faschismustheorie in Deutschland« (S. 43) stellt er in beeindruckender Ausführlichkeit über fast 100 Seiten dar.

Ausgehend von Ernest Mandel, der über Leo Trotzkis Faschismustheorie schrieb, führt der Text über die Kritische Theorie und ihr Nahestehende (Adorno, Horkheimer, Marcuse, Neumann, Reich) zum Marburger Politikwissenschaftler Reinhard Kühnl, erwähnt Diskussionen im Argument-Verlag, Theweleits »Männerphantasien« und die französischen Philosophien von Foucault und Deleuze. Dabei werden nicht nur Kernargumente referiert, sondern die Theorien in ihrem geschichtlichen und gesellschaftlichen Rezeptionszusammenhang dargestellt: NS, Kalter Krieg, 68er-Revolte, Ära Kohl, »Ende der Geschichte« bis zum aktuellen globalen Rechtsruck. So sei mit der Totalitarismustheorie im Kalten Krieg der Faschismus an der Macht und damit stärker der Staat fokussiert worden, »während die Bewegungsdimension faschistischer Politik, die insbesondere vor 1933 ein wichtiger Gegenstand der Analysen gewesen war, in den Hintergrund trat« (S. 63). Mit dem Begriff der Faschisierung wurde in den 1970ern wiederum das Prozess- und Tendenzhafte betont. Der Antisemitismus im NS nahm erst vergleichsweise spät eine zentrale Rolle in den Analysen ein. Damit erzählt diese Faschismustheoriegeschichte auch eine Geschichte antifaschistischer Bewegungen von KPD und Widerstandsgruppen, Studentenprotesten, K-Gruppen, autonomer Antifa, Wohlfahrtsausschüssen und Antideutschen.

Morten Paul (Hrsg.): Was war Faschismustheorie? Verbrecher-Verlag, Berlin 2026, 432 Seiten, 28 Euro

Viele der Analysen jüngeren Datums (Bindestrich-Faschismen), die ebenfalls erwähnt werden, seien selbsterklärt in der »Absicht formuliert (…), den Kampf gegen den Faschismus zu unterstützen« (S. 121), doch fragten sie nicht danach, »was die Bedingungen für so eine Wirkung wären – und was daraus möglicherweise für die Theorien folgen müsste« (S. 121). Konkret bedeute das auch, zu realisieren, dass heutige Faschismustheorie weder die Massenbasis einer mitunter militanten Arbeiter_innenbewegung noch eine besonders starke außerparlamentarische Bewegung adressieren könne.

Caroline Adler beschreibt, wie Walter Benjamin Vorstellungen und Strömungen bürgerlicher Intellektueller in der Zwischenkriegszeit in den Blick nahm, welche diese »für den Faschismus und den bevorstehenden Krieg empfänglich machten« (S. 160). Gerade Benjamins Perspektive auf Technik und Naturbeherrschung, bei einer gleichzeitigen »winzigen moralischen Erhellung« (zit. n. S. 171), kann auch heute antifaschistisches Denken inspirieren, das daran interessiert ist, innerhalb bürgerlicher Verhältnisse »protofaschistische Tendenzen« (S. 176) auszumachen.

Eine im Band dokumentierte Diskussion zwischen dem Herausgeber, dem Politikwissenschaftler Alex Demirović, der queerfeministischen Philosophin Luce deLire und der Humanökologin Tatjana Söding behandelt den Drang nach »Checklisten mit Merkmalen des historischen Faschismus« (S. 313) zur Analyse aktueller Phänomene. Wie schon bei Benjamin geht es auch um die Möglichkeiten der Entstehung von Faschismus unter demokratisch-kapitalistischen Bedingungen. Söding: »Rechte Agitation allein führt noch nicht zum Faschismus als Herrschaftsform. Ihre Normalisierung trägt jedoch dazu bei, dass faschistische Politik als Lösung erscheinen kann, wenn (…) Teile des Systems (…) in eine Reproduktionskrise geraten« (S. 317).

»Es mangelt nicht an Kenntnissen über den Faschismus« (S. 330) – woran es mangelt, ist Reflexion über die (ausbleibende) »Wirkung der Theorie« (S. 125), über den Zusammenhang von »Verstehen und Verhindern« (S. 9). Das ist es, was uns das Buch mitgibt.

Der Band geht zurück auf eine Tagung desselben Titels im September 2024 am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen.