An den Kipppunkten

geschrieben von Markus Roth

4. November 2026

Auf einer Konferenz in Berlin wurde über antifaschistische Strategien diskutiert

Als »Kipppunkte« werden in der Klimaforschung Schwellen bezeichnet, an denen kleine Änderungen externer Bedingungen das Gesamtsystem durch sich selbst verstärkende Rückkopplungen sprunghaft in einen neuen Zustand versetzen. Meist mit vielen ungewissen Konsequenzen und vor allem ohne Möglichkeit, in den vorherigen Zustand zurückzukehren.

Aus der Perspektive bereits überschrittener gesellschaftspolitischer Kipppunkte hat im Oktober eine Konferenz in Berlin versucht, diese zu definieren und daraus strategische Notwendigkeiten für die politische Praxis abzuleiten. Denn trotz Massenmobilisierungen, guten Erfahrungen bei Haustürgesprächen und sich neu etablierenden Organisationsformen für verschiedene Zielgruppen ist in den letzten Jahren doch deutlich geworden, dass sich damit an den großen gesellschaftlichen Trends (autoritärer Umbau, nationale Schließung, Kriegswirtschaft, Naturvernutzung) materiell nichts drehen lässt.

Anhand von vier Analyseebenen – »Wenn Rechte regieren«; »Wenn das Kapital sich neu formiert«; »Wenn das Kriegsregime herrscht« und »Wenn das Klima kollabiert« – wurde zunächst ein Problemaufriss gemacht, der im zweiten Teil dann neben die alten und neuen Gegenstrategien gelegt wurde. Die Hauptkategorien waren hier »Solidarität und Schutz«; »Mehrheiten und Alternativen« und »Unterbrechung und Rebellion«. Im dritten Teil der Konferenz wurden Analysen und Strategien dann auf konkrete Praxen (Bündnisarbeit gegen autoritäre Angriffe, Politik nach den Landtagswahlen, Sozialabbau und Klassenkampf, Medienarbeit, Friedenspolitik, Basisarbeit, Künstliche Intelligenz und Antirassismus) angewandt. Ziel war eine Neuausrichtung der eigenen Praxis und die Überprüfung der Strategien, um den veränderten Bedingungen gerecht zu werden.

Teil der auf der Konferenz entstandenen Illustration »Die Welt an den Kipppunkten – Perspektiven auf Gegenwart und Zukunft« von Sebastian Lörscher.

Teil der auf der Konferenz entstandenen Illustration »Die Welt an den Kipppunkten – Perspektiven auf Gegenwart und Zukunft« von Sebastian Lörscher.

Dazu eingeladen hatte die Interventionistische Linke, die mit 24 Ortsgruppen einer der größeren Verbünde der undogmatischen und antiautoritären Linken in Deutschland ist. Mittels eines relativ strengen Auswahlverfahrens wurde sichergestellt, dass möglichst viele Delegierte anderer Organisationen und Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet auf der Konferenz Platz hatten. Über 600 waren gekommen, um an insgesamt 36 Inputs, Workshops und Diskussionen teilzunehmen. Erstaunlich wenig Streit gab es – wohl auch wegen der grundsätzlichen Vertrautheit der Teilnehmenden, ähnlicher Probleme und Erfahrungen in der politischen Arbeit.

Bemerkenswert war die Podiumsdiskussion zu strategischen Allianzen, wobei mit Katharina Dahme auch eine Person aus dem Bundesvorstand der Linken auftrat. Sie schlug mit anderen zuletzt eine Aktualisierung der antifaschistischen Einheitsfront (»Den sozialen Antifaschismus organisieren«)1 vor, die in der Bündnispolitik eine neue Kompromisslosigkeit aus der Stärke einer antifaschistischen Bürger*innenbewegung ableitet. Sie befürwortet praktische Zusammenarbeit trotz Differenzen, warnt aber zugleich davor, dass Bündnisse die eigenständige Politik verdrängen. Das sind genau die Positionen, die bei außerparlamentarisch Aktiven, die in großen Bündnissen und bundesweiten Kampagnen unterwegs sind, gut ankommen.

Am Wochenende herausgekommen ist natürlich keine gänzlich neue Strategie oder besonders aufregende Praxis, aber zumindest eine Vergewisserung, worauf in Zukunft mehr Prioritäten gelegt werden sollen. Denn so ungewiss ist diese Zukunft gar nicht, wenn man dem AfD-Wahlprogramm und den Abläufen in anderen Ländern mehr Beachtung schenkt. David Begrich (Miteinander e. V.) und Fritz Burschel (RLS) wiesen in ihrem Input darauf hin, dass Sachsen-Anhalt insofern auch kein Experimentierfeld ist und man kein kurzentschlossenes Auf-Sicht-Fahren braucht, sondern sich darauf vorbereiten kann, dass die AfD auf eine Tolerierung ihrer Politik im Parlament, in der Verwaltung, in der Justiz, in der Trägerlandschaft und auf der Straße setzen wird. Sie wird – so, wie es ihre internationalen Vorbilder machen – mittels Repressionskulissen (öffentlich, gegen Einzelne) einen Opportunismus bei vielen erzwingen und selten die Stilllegung oder das Verbot praktizieren.

Aus der Beobachtung transnationaler Vernetzungen durch das Rechercheprojekt zu globalem Autoritarismus2, das auch auf der Konferenz sprechen konnte, ist bekannt, dass sich die europäischen Rechtsparteien am disruptiven Ansatz der Heritage Foundation3 orientieren. Die Dynamik der Veränderungen ist von der AfD sehr genau geplant, und ihre Geschwindigkeit sollte uns nicht überraschen.

Auch die Gegenstrategien können sich an den weltweit erprobten orientieren und die dafür nötigen Ressourcen beschaffen, bevor sie gebraucht werden. Das bedeutet, nicht auf den Heldenmut der Träger der Daseinsvorsorge zu setzen, sondern die demokratischen Kerne zu erhalten, in denen die AfD und ihre Haltungen nicht stattfinden und Menschen sich verständigen können. Auf organisatorischer Ebene heißt das, die bestehenden Bündnisse so aufzustellen, dass sie auch in der Lage sind, aus dem Protestmodus in die Sorgearbeit zu wechseln, wenn es die Situation erfordert. Die Konferenz hat dahingehend eine gute Vorarbeit geleistet.

1 Manifest von morgen-rot.org

2 Research against Global Authoritarianism, rega-net.org

3 Heritage formulierte für die zweite Amtszeit Donald Trumps das Ziel, vom ersten Amtstag an handlungsfähig zu sein – mit vorbereiteten politischen Maßnahmen, geschultem Personal und einem Plan für die ersten 180 Tage. Die Veränderungen am Verwaltungsstaat sollten schnell erfolgen, weil die organisatorischen Voraussetzungen (Gesetzesvorlagen, Dekrete, Personal) dafür bereits vor dem Machtwechsel geschaffen wurden.