Ein Problem?

geschrieben von Mathias Wörsching

4. November 2026

Neoleninistische Jugendgruppen und ihre Auswirkungen auf solidarische Linke

Bei antifaschistischen Demonstrationen sind sie immer häufiger zu sehen: größere Gruppen junger und sehr junger Menschen, sichtlich bemüht, einen kämpferischen und disziplinierten Eindruck zu erwecken. Häufig einheitlich schwarz gekleidet, tragen viele von ihnen rote Schlauchhalstücher und rote Fahnen, oft mit Hammer und Sichel. Auch Palästina-Fahnen und -Tücher sind beliebt. In linken und antifaschistischen Kreisen wird das Phänomen meist unter der Sammelbezeichnung »Rote Gruppen« verhandelt.

Am 4. Juli 2026 in Erfurt, beim Protest gegen den AfD-Bundesparteitag, waren diese Gruppen sehr präsent. Auf der Rückreise fragten wir uns: »Gibt es hier eigentlich ein Problem?« Manche fühlten sich von den »Roten Gruppen« instrumentalisiert, manche fanden die Sprechchöre nicht nur verkürzt, sondern politisch schlicht falsch, und einige konnten aus der Vorbereitung von unangenehmen Situationen berichten.

Zwar muss nicht unbedingt auf alle diese Gruppen zutreffen, was einer oder mehreren von ihnen vorgeworfen wird. Aber da, wo unterschiedliche Linke zusammentreffen – in breiten Bündnissen wie etwa »widersetzen«, bei größeren Demos und Kundgebungen –, kommt es regelmäßig zu Konflikten. »Rote Gruppen« werden dafür kritisiert, Bündnisse und Veranstaltungen zu kapern oder sogar zu sprengen, keine Rücksicht auf die Wünsche und Bedürfnisse lokaler Initiativen zu nehmen und bei Aktionen junge Menschen verantwortungslos in gefährliche oder frustrierende Situationen zu bringen. »Rote Gruppen« nehmen mitunter Mitglieder, denen sexualisierte Übergriffe vorgeworfen werden, gegenüber feministisch motivierten Ausschlüssen in Schutz (»Täterschutz«). Bedrohung und Gewalt gegen andersdenkende Linke sind ein ständiger Kritikpunkt, ebenso wie ein antisemitischer Antizionismus, der zu Massenmord und Vertreibung jüdisch-israelischer Zivilbevölkerung aufruft.

Besorgt fragen sich Beobachter*innen, was mit jungen Menschen in solchen Strukturen geschieht. Funktionieren sie wie Sekten, ähnlich früheren »K-Gruppen«? Werden junge Menschen mit Freund-Feind-Schablonen sowie Opfer- und Märtyrer*innenkult fanatisiert? Wird für bewaffnete Organisationen rekrutiert, um Jugendliche an fernen Fronten Westasiens kämpfen und sterben zu lassen? Kurz: Werden Kinder und Jugendliche in diesen Gruppen dazu gebracht, anderen und sich selbst Schaden zuzufügen? Anzeichen dafür gibt es.

Alle »Roten Gruppen« berufen sich auf Lenins schon einmal katastrophal gescheiterte Strategie- und Organisationsmodelle. Manche orientieren sich am Sowjet- und DDR-Marxismus der 60er- und 70er-Jahre, andere an Stalin und Mao. Es sind Aktivist*innen einer neuen Generation, die sich abseits einschlägiger Parteien wie DKP und MLPD organisieren. Mehrere »Rote Gruppen« greifen ideologische Versatzstücke des heutigen Antirassismus und (Queer-)Feminismus auf. All das legt nahe, dass der Oberbegriff »Neoleninismus« angemessen sein könnte.

Neoleninistische Gruppen wurden nach den Coronajahren, also ab 2023, immer auffälliger. Vermutlich konnten sie den Bruch und die Schwächephase ausnutzen, die Corona für große Teile der außerparlamentarischen Linken mit sich brachte.

Mittlerweile gibt es einige kritische Analysen zum Thema. Es existiert eine verwirrende Vielfalt von Gruppennamen und Labels, wohl auch von Tarnnamen und Vorfeldorganisationen. Einerseits scheint es zwischen einigen Gruppen personelle Überschneidungen zu geben, doch gehören andererseits auch Zerwürfnisse und Spaltungen zum Gesamtbild. Offenbar verfügen zumindest größere Organisationen über einige bezahlte Stellen, sodass gezielt Kader zum Aufbau neuer Ortsgruppen entsendet werden können.

Doch warum gewinnt der Neoleninismus an Bedeutung? Die nebenstehenden Texte von Tobias Prüwer (Leipzig), Democ e.V. (Berlin) und »Basisgruppe Antifa« (Bremen) präsentieren mehr oder weniger den gleichen Erklärungsansatz: Der Neoleninismus ist Reaktion auf krisenbedingte Verunsicherung, bedient ein Bedürfnis nach einfachen Antworten und festen Ordnungen, ist die linke Entsprechung der autoritären Formierung der Gesamtgesellschaft, gleichsam Ausdruck des Rechtsrucks in der Linken. Für diese Erklärung spricht, dass antiautoritäre Politik- und Organisationsformen, zum Beispiel anarchistische und autonome, irrelevanter werden.

Nicht wenige in der VVN-BdA haben das tragische Scheitern des leninistischen Partei- und Sozialismusmodells schmerzhaft selbst erlebt und teilweise (selbst-)kritisch verarbeitet. Einer farcehaften Wiederholung dieser Geschichte des Scheiterns beizuwohnen, bedeutet sicher neuen Schmerz.

Die beschriebenen Konflikte und Gefahren, vor allem für junge Menschen, machen eine kritische Auseinandersetzung mit den neoleninistischen Gruppen notwendig. Aus dem antifaschistischen Protestgeschehen sind sie vorläufig ohnehin nicht wegzudenken. Dabei gilt es, zwischen unterschiedlichen Gruppen und Personen zu unterscheiden und Vorwürfe nicht zu pauschalisieren. Zugleich dürfen autoritäre Strukturen, der Umgang mit sexualisierter Gewalt, die Bedrohung politisch Andersdenkender und Antisemitismus nicht verharmlost werden – vor allem in der Bündnisarbeit.

Tobias Prüwer: Rotes Reenactment. Marxistisch-leninistische Gruppierungen in Leipzig. In: Demokratie in Sachsen. Jahrbuch des EFBI für 2025, Seiten 243–260 (2026). Download unter: efbi.de

Democ e.V.: Die Erben Stalins. Autoritarismus und Antisemitismus bei kommunistischen Jugendgruppen. (2025). Steht unter democ.de zur Verfügung.

Basisgruppe Antifa/Kommunistische Gruppe Bremen: Thesen über die autoritäre Linke. (2024). basisgruppe-antifa.org