Neue Bündnisse, alte Konflikte
4. November 2026
Die Friedensbewegung im Wandel
Der Herbst 2026 zeigt: Der Widerstand gegen Wehrpflicht, Aufrüstung und Militarisierung ist vielfältiger geworden. Neben etablierten Friedensorganisationen treten zunehmend junge Menschen, Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Bündnisse auf den Plan. Auch lokale Initiativen gegen Rüstungsproduktion und militärische Infrastruktur gewinnen an Bedeutung. Die Herausforderung besteht darin, diese unterschiedlichen Akteur*innen zusammenzubringen.
Am Antikriegstag, dem 1. September, mobilisierten traditionelle Friedensinitiativen und Gewerkschaften. Die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht brachten am 25. September erneut fast 50.000 junge Menschen auf die Straße. Besonders erfreulich: Die Proteste fanden in mehr Städten statt als zuvor. Die Bewegung wächst in die Fläche und baut dauerhafte Strukturen an Schulen und vor Ort auf. Der DGB-Aktionstag am 26. September unterstrich die Bedeutung der Gewerkschaften. Sie stärker für Friedensproteste zu gewinnen, ist entscheidend, um Hochrüstung und Sozialabbau gemeinsam zu thematisieren.
Mit der »Unzwingbar«-Kundgebung am 2. Oktober in Berlin zeigte sich wiederum das Potenzial neuer Protestformen. K.I.Z, Disarstar und Martin Sonneborn erreichten ein junges Publikum. Zugleich gelang es, mit Organisationen wie »medico international«, Greenpeace und »Sea-Watch« neue Bündnispartner zu gewinnen. Die Demonstrationen am 3. Oktober waren dagegen stärker von der traditionellen Friedensbewegung geprägt. Ihr breites politisches Spektrum verdeutlichte zugleich bekannte Konfliktlinien zwischen möglichst großer Bündnisbreite (ca. 300 verschiedene Organisationen) und notwendiger politischer Abgrenzung.
Neben diesen bundesweiten Mobilisierungen sind lokale Proteste ein wichtiger Bestandteil des antimilitaristischen Widerstands. Ob das »Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion«, die Initiative »Kein NATO-Hafen«, Proteste gegen Atomwaffen in Büchel und Nörvenich oder Aktionen vor Rüstungsstandorten: Sie machen Militarisierung vor Ort sichtbar und bieten konkrete Möglichkeiten, aktiv zu werden.
Eine zunehmend wichtige Frage ist dabei die Umstellung ziviler Betriebe auf Rüstungsproduktion. Beschäftigte, deren Arbeitsplätze künftig von der Waffenproduktion abhängen könnten, brauchen solidarische Unterstützung und zivile Alternativen. Dies kann die Friedensbewegung und die Gewerkschaften weiter zusammenbringen.

Yannick Kiesel ist Politischer Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK)
Die unterschiedlichen Proteste machen zugleich alte und neue Konfliktlinien sichtbar. Junge Aktivist*innen entwickeln eigene Aktionsformen, während die traditionelle Friedensbewegung häufig auf etablierte Bündnisse und Demonstrationen setzt. Bürgerliche Organisationen, Gewerkschaften, pazifistische Verbände, Jugendorganisationen und linksradikale Gruppen bringen unterschiedliche politische Vorstellungen und Protestkulturen mit. Das eröffnet neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit, führt aber auch zu Spannungen.
Besonders deutlich werden diese bei der Abgrenzung nach rechts. Der Wunsch nach möglichst breiten Bündnissen darf weiterhin nicht dazu führen, dass nationalistische, verschwörungsideologische oder geschichtsrevisionistische Positionen unwidersprochen bleiben. Auch um die inhaltliche Ausrichtung wird gerungen: Soll der Protest sich auf konkrete Forderungen wie die Ablehnung der Wehrpflicht konzentrieren oder Aufrüstung, Sozialabbau und andere gesellschaftliche Krisen zusammendenken? Beides muss kein Widerspruch sein. Konkrete Anliegen erleichtern die Mobilisierung, eine breitere Perspektive schafft Verbindungen zu anderen Bewegungen.
Eine ermutigende Entwicklung erleben wir in der Beratung zur Kriegsdienstverweigerung. Hier kommen zunehmend junge und ältere Menschen zusammen. Jugendliche fragen nach Erfahrungen früherer Verweigerer, während Ältere neue Protestformen solidarisch unterstützen. Die Aufgabe etablierter Organisationen besteht darin, Räume, Ressourcen und Erfahrungen bereitzustellen, ohne die jungen Bewegungen zu vereinnahmen.
Der nächste wichtige Schritt ist der internationale Streiktag am 20. November. Auch in Frankreich und Italien formiert sich Widerstand gegen Militarisierung. Die internationale Vernetzung der Jugendbewegung verdient deshalb besondere Unterstützung. Die Wehrpflichtdebatte politisiert junge Menschen, weil sie unmittelbar betroffen sind. Zugleich geraten durch das Reservistenstärkungsgesetz auch ehemalige Soldat*innen und Reservist*innen stärker in den Fokus. Je mehr Menschen die Folgen der Militarisierung spüren, desto breiter kann der Widerstand werden. Dies zeigt sich bereits an den enorm steigenden Zahlen der Kriegsdienstverweigerungen.
Die unterschiedlichen Akteur*innen müssen nicht dieselben politischen Überzeugungen oder Protestformen teilen, um gemeinsam gegen Militarisierung aktiv zu werden. Entscheidend sind klare gemeinsame Ziele, gegenseitiger Respekt und eine solidarische Zusammenarbeit, die Unterschiede aushält, ohne grundlegende antifaschistische und menschenrechtliche Positionen aufzugeben.
Yannick Kiesel ist Politischer Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK)
Yannick Kiesel
Kongress-Empfehlung
Autoritäre Zuspitzung: Militarismus, Rechtsruck und Klassenkampf von oben. IMI-Kongress, 13.–15. November 2026, Mensa Uhlandstraße, Tübingen. Abschlusspodium: »Antimilitarismus ist Antifaschismus ist Antikapitalismus«. Eintritt frei, keine Anmeldung nötig. imi-online.de






























