Wessen Geschichte?
4. November 2026
Geschichte der Migration im DOMiD-Archiv
Archive bewahren nicht einfach die Vergangenheit. Was gesammelt wird, welche Quellen erhalten bleiben und wessen Erfahrungen dokumentiert werden, prägt unser Bild von Geschichte. Das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) in Köln zeigt, wie wichtig eigene Geschichten sind, wenn sonst niemand die spezifische Perspektive bewahrt.
Das DOMiD wurde 1990 von Migrant*innen aus der Türkei gegründet. Die Gründungsmitglieder wollten Zeugnisse der Einwanderungsgeschichte sichern, die in der öffentlichen Erinnerung kaum vorkamen. Ausgehend von Leihgaben aus dem persönlichen Umfeld entstand eine Sammlung, die heute Dokumente, Fotografien, Alltagsgegenstände sowie Ton- und Filmmaterial umfasst. Der Schwerpunkt liegt auf der Geschichte der Migration und der Migrationsgesellschaft in Deutschland. Die Sammlung wächst aus dem Vertrauen der Menschen, die ihre Materialien zur Verfügung stellen.
Zu den Objekten im DOMiD-Archiv gehört ein Pixi-Buch aus der Zeit um 1975. Es gehörte einem sogenannten Kofferkind: Während die Eltern in Deutschland arbeiteten, wuchs ihre Tochter in der Türkei bei Verwandten auf. Die Eltern versahen das Buch mit sehnsüchtigen Grußworten. Das kleine Buch erzählt von den Folgen der Arbeitsmigration. Es macht eine Familiengeschichte sichtbar, die sich in Statistiken über Arbeitskräfte und Anwerbeabkommen nicht abbildet. Zugleich verweist es auf eine Erfahrung, die viele Kinder und Familien geprägt hat: Migration bedeutete häufig, lange voneinander getrennt zu sein.
Für die Archivarbeit ist das Objekt ein Beispiel dafür, wie Alltagsgegenstände historische Zusammenhänge erschließen können. Seine Bedeutung liegt in der Geschichte, die mit ihm überliefert wurde.
Ein weiteres Fundstück ist die Reiseschreibmaschine von Theodor Wonja Michael. Michael wurde 1925 in Berlin geboren, überlebte den Nationalsozialismus und engagierte sich später als Journalist, Autor und Zeitzeuge für die Sichtbarkeit Schwarzer Menschen in Deutschland. Seine Familiengeschichte war auch von der deutschen Kolonialgeschichte geprägt: Sein Vater stammte aus Kamerun, das damals deutsche Kolonie war. Anfang der 1960er-Jahre zog Michael nach Köln. Als Journalist und Afrikakorrespondent konnte er sich eine Reiseschreibmaschine leisten, auf der er viele Jahre seine Artikel verfasste. Das Gerät gelangte zusammen mit weiteren persönlichen Gegenständen, Dokumenten, Büchern, autobiografischen Aufzeichnungen und Fotografien in die Sammlung des DOMiD.
Die beiden Objekte stehen für unterschiedliche Erfahrungen und zeigen, was Archive leisten können, wenn sie private und alltägliche Zeugnisse systematisch bewahren. Sie ergänzen die Perspektiven staatlicher Akten um die Sichtweisen der Menschen, deren Leben von Migration, Ausgrenzung und gesellschaftlichen Veränderungen geprägt war.
Die DOMiD-Sammlung eröffnet Anknüpfungspunkte für Fragen nach der Kontinuität von Rassismus, nach den Folgen von Verfolgung und nach der Sichtbarkeit bislang marginalisierter Erfahrungen. Die Geschichte des deutschen Faschismus lässt sich nicht vollständig verstehen, wenn die Geschichte der Nachkriegsgesellschaft und ihrer vielfältigen Lebensrealitäten unberücksichtigt bleibt.
DOMiD erschließt seine Bestände für Forschung, Ausstellungen und Bildungsarbeit. Interessierte können nach vorheriger Anmeldung im Archiv recherchieren; online verfügbare Findbücher erleichtern die Vorbereitung. Mit dem geplanten Museum »Selma« möchte DOMiD der Geschichte der Einwanderungsgesellschaft zudem einen dauerhaften öffentlichen Ort geben. Ein wichtiger Baustein für eine vielfältige Erinnerungskultur, die nicht nur offene Archive braucht, sondern auch die Bereitschaft, danach zu fragen, wessen Geschichten in ihnen bislang fehlen.
Geplantes Museum
Das Museum »Selma« soll in der ehemaligen Industriehalle 70 auf dem früheren Gelände des Konzerns Klöckner-Humboldt-Deutz (KHD) in Köln-Kalk entstehen. Der Bau hat noch nicht begonnen. Förderungen in Höhe von rund 45 Millionen Euro kommen von Bund und Land Nordrhein-Westfalen.






























