Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages hat seinen Bericht vorgelegt. Ein wesentliches Ergebnis ist die Feststellung, dass nach wie vor »weitreichende Mängel« bei der Aufklärung der Verbrechensserie und des »staatlichen Versagens« bestehen. Das Täterumfeld der NSU-Terroristen sei nicht erhellt worden. Der Ausschuss hegt starke Zweifel daran, dass die Täter nur aus einem Trio bestanden. Im Zusammenhang mit der Arbeit des hessischen Untersuchungsausschusses wurde bekannt, dass zumindest zwei Verfassungsschutzbehörden bereits Ende der 90er Jahre, also vor Beginn der Mordtaten, einen Hinweis auf »Nationalsozialistische Untergrundkämpfer« erhalten haben. Doch dem wurde ebenso wenig wie in den meisten anderen Fällen nachgegangen. Näheres Material darüber unterliegt der Geheimhaltung – teilweise für 90 bis 120 (!) Jahre. Andere Unterlagen sind bekanntlich vernichtet worden.
Gesamtkonzept fehlt
31. Juli 2017
Das »Fehlen eines schlüssigen Gesamtkonzepts zur Bekämpfung des Antisemitismus« bemängelte der Koordinator des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, Patrick Siegele, bei der Vorlage des Antisemitismus-Berichts des Kreises. Er empfiehlt neben der Berufung eines Antisemitismus-Beauftragten eine »konsequente Erfassung, Veröffentlichung und Ahndung antisemitischer Straftaten« und die dauerhafte Förderung von Präventionsmaßnahmen insbesondere von zivilgesellschaftlichen Trägern. Die Bekämpfung des Antisemitismus bleibe eine »dauerhafte Aufgabe für Politik und Gesellschaft«.
Ein Ex-REP beim BAMF
28. Juli 2017
Ein ehemals führendes Mitglied der rechtsextremen Partei »Die Republikaner«, der u.a. stellvertretender Landesvorsitzender in Hessen war, arbeitet als Entscheider in der Offenbacher Außenstelle der dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) unterstehenden Erstaufnahmeeinrichtung Gießen. Ein BAMF-Sprecher erklärte lt. Frankfurter Rundschau, dass die »Republikaner« seit 2002 vom Verfassungsschutz nicht mehr beobachtet würden und auch aus Sicht des Bundesverfassungsgerichts »nicht als verfassungsfeindliche Partei anzusehen« seien.
Aktionen mit Waffen
28. Juli 2017
Bei Razzien in Thüringen und Niedersachsen wurden bei Neonazis und Rechtsextremisten Waffen und Munition gefunden. Die Razzien erfolgten wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Einige der Beschuldigten sollen der »Europäischen Aktion« angehören, einer international agierenden rechtsextremen Bewegung, die u.a. Ausbildungscamps mit Waffen organisiert. Nach Auskunft der Bundesregierung besitzen 750 Rechtsextreme in Deutschland einen Waffenschein. Das geht aus der Antwort auf eine Anfrage der Linken-MdB Martina Renner hervor. Die Zahl legaler Schusswaffenbesitzer im rechtsextremen Bereich hat sich damit erhöht. 2014 waren es rund 400. Erhöht hat sich dem Bericht zufolge auch die Zahl der Angriffe mit Waffen auf Flüchtlinge, Unterkünfte und Helfer. Registriert wurden 79 solcher Fälle im Jahre 2016; im Jahr zuvor waren es rund dreißig.
Neonazi-Chef V-Mann
28. Juli 2017
Der ehemalige Deutschland-Chef der seit 2000 verbotenen Neonazigruppierung »Blood and Honour«, Stephan Lange, war offenbar V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Das geht aus Recherchen der ARD-Magazine Fakt und Report hervor. »Blood and Honour« gilt als wichtigster Unterstützer der rechtsterroristischen NSU-Gruppe.
Gedränge am Tatort
25. Juli 2017
Im Mordfall Michele Kiesewetter bleiben viele Fragen offen
Vor zehn Jahren wurde die Polizistin Michele Kiesewetter in Heilbronn ermordet und einer ihrer Kollegen schwer verletzt. Die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft waren in diesen zehn Jahren davon geprägt, dass falschen Spuren nachgegangen wurde und andere nicht verfolgt und einfach ignoriert wurden. Am Anfang war die Polizei davon ausgegangen, dass die Tat von einer Gruppe reisender Roma(!) verübt worden war.
Erst nach der Selbstenttarnung des NSU-Trios vollzog die Bundesstaats-anwaltschaft eine Kurskorrektur. Die rassistisch geprägten Ermittlungen wurden eingestellt und Mundlos und Böhnhardt als Täter präsentiert. Auf dem Bekennervideo, das Beate Zschäpe auf ihrer Flucht verschickt hat, ist eine kurze Sequenz mit Bildern vom Tatort in Heilbronn zu sehen.
Doch zehn Jahre nach dem Mord sind nach wie vor viele Fragen ungeklärt und die Staatsanwaltschaft lässt auch keine Bereitschaft erkennen, sie noch klären zu wollen. Da ist beispielsweise die Frage, warum gerade Michele Kiesewetter ermordet wurde. Bereits früh war klar, dass die Polizistin wie die Täter aus Thüringen kam. Der NSU ist aus dem Netzwerk des Thüringer Heimatschutzes hervorgegangen. Hier hatten sich unterschiedliche Kameradschaften und Nazigruppen unter der Führung von Tino Brandt organisiert. Teile dieser Gruppen hatten Kontakte zu Kriminellen, die in den Handel mit Waffen und Rauschgift verstrickt waren. Genau in diesem Milieu hat Michele Kiesewetter in Süddeutschland immer wieder verdeckt ermittelt. Am Tag vor ihrer Ermordung war sie mit einem Kollegen in einer Böblinger Pizzeria verabredet. Vor dem baden-württembergischen Untersuchungsausschuss hat er ausgesagt, dass sie sich an jenem Abend verfolgt und bedroht gefühlt habe.
Eine Auswertung der Funkzellendaten am Tatort hat ergeben, dass im Bereich des Tatorts allein 16 Handys eingeloggt waren, deren Besitzer Bezüge zur organisierten Kriminalität Osteuropas hatten. Obwohl die ermittelnden Beamten die Spur für so wichtig hielten, dass sie ihr weiter nachgehen wollten, wurden sie von der Staatsanwaltschaft gestoppt.
Die Staatsanwaltschaft hält auch bis heute alle Zeugen für unglaubwürdig, die unabhängig von einander mehrere Männer gesehen haben, die vom Tatort geflohen sind. Einer von ihnen soll »Davej, davej!« gerufen haben, bevor er in ein vorbeifahrendes Auto gesprungen ist. Davej ist russisch und heißt »los, schnell«. Trotz aller Hinweise, dass es mehr als zwei Täter gegeben haben muss, beharrt die Bundesstaatsanwaltschaft auf der These der beiden Einzeltäter. Vielleicht will sie damit verhindern, dass bekannt wird, wie viele Mitarbeiter von unterschiedlichen Geheimdiensten damals vor Ort oder in unmittelbarer Nähe waren.
Beim Untersuchungsausschuss in Baden-Württemberg hatte sich vor einigen Wochen eine Rechtsanwältin gemeldet, die aussagte, dass eine »Kontaktperson« ihr gesagt habe, zur Tatzeit auf der Theresienwiese in Heilbronn gewesen zu sein und dass es um Waffengeschäfte gegangen sei. Die Anwältin war eine der Verteidigerinnen im Prozess gegen die Sauerlandgruppe. Bei der Gruppe handelte es sich um Islamisten, die in Deutschland einen Anschlag verüben wollten, aber bereits während der Planungen von Verfassungsschutz und LKA überwacht worden sind.
Ein Verfassungsschützer aus Stuttgart war zu der Zeit ebenfalls auf dem Weg zur Heilbronner Theresienwiese. Er wollte sich nach eigenen Angaben mit einem Informanten aus der Ulmer und Neu-Ulmer Salafistenszene treffen. Zu diesem Treffen sei es dann aber wegen der hohen Polizeipräsenz nicht gekommen. Auf dem Weg nach Heilbronn wurde ein Auto wegen zu hoher Geschwindigkeit geblitzt. Als die Polizei das Kennzeichen prüfte, staunte sie nicht schlecht, auf ein Auto gestoßen zu sein, das vom amerikanischen Geheimdienst benutzt wird. Mittlerweile ist klar, dass ein Mitarbeiter des FBI auf dem Weg nach Heilbronn war. Der türkische Geheimdienst soll ebenfalls mit mindestens einer Person vor Ort gewesen sein.
Was, wenn hier zwei Geschehen fast zur selben Zeit am gleichen Ort stattgefunden haben? Zum einen war ein Treffen mit einem Informanten aus der Islamistenszene geplant. Vielleicht sollte sie wirklich mit Waffen versorgt werden. Dieses Treffen muss so brisant gewesen sein, dass Geheimdienstmitarbeiter verschiedener Ländern anwesend waren, oder sich auf dem Weg dorthin befanden. Gleichzeitig fand der Mord an Michele Kiesewetter statt. Wegen der hohen Polizeipräsenz kam es dann nicht zu dem geplanten Treffen. Und um die Operation der Geheimdienste zu decken unternahm die Bundesstaatsanwaltschaft anschließend alles in ihrer Macht Stehende, um von ihr abzulenken. Wenn die Ereignisse rund um den Mord an Michele Kiesewetter so betrachtet werden, ergibt auf einmal vieles Sinn.
Fast zur Nebensache wurde es dann, dass ein Filmteam des SWR, welches Aufnahmen anschaute, die kurz nach dem Mord gemacht worden sind, den Schriftzug des NSU an einer Wand in der Nähe des Tatorts entdeckte. Wer soll das gewesen sein? Für das LKA bestand die Heilbronner Naziszene immer nur aus handlungsunfähigen Trinkern.
»Wir klagen an«
25. Juli 2017
Im Mai fand in Köln das »NSU-Tribunal« statt
Das Münchner Verfahren gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), die Hauptangeklagte Beate Zschäpe und Unterstützer neigt sich dem Ende zu. Doch die Ergebnisse der Verhandlungen sind ernüchternd. Wer gehofft hatte, über das weit verzweigte Netzwerk des NSU oder die Verstrickung der Sicherheitsorgane in die Terrorserie mehr zu erfahren, wurde bisher enttäuscht. Angeklagt sind nur wenige Neonazis. Relevante Fragen, die durch die Nebenklage der Angehörigen der Opfer immer wieder gestellt werden, bleiben unbeantwortet. Auch die Untersuchungsausschüsse der Länder und im Bundestag umschiffen die Probleme eher und verheddern sich im Kleinklein. Merkels Versprechen von 2012, den NSU-Komplex vollständig aufzuklären, bleibt unerfüllt. In der politisch-juristischen Inszenierung werden die Opfer des NSU zu StatistInnen und der NSU zum Ausrutscher der Sicherheitsbehörden. Dabei ist doch offensichtlich, dass der NSU nur morden konnte, weil Neonazis von Teilen der Gesellschaft und des Staates verharmlost, geschützt und gefördert wurden. Rassistische Klischees gegenüber den migrantischen Opfern verhinderten eine Aufdeckung der wahren Hintergründe. Auch die »kritische Öffentlichkeit« versagt hier auf ganzer Linie. Doch wo kommen diese Zusammenhänge zur Sprache und wird an ihrer Überwindung gearbeitet?

Die 60seitige Anklageschrift des NSU-Tribunal gibt es als Broschüre zum download unter nsu-tribunal.de
Das Tribunal wurde filmisch festgehalten. Auf dem Youtube-Kanal gibt es zahlreiche Kurz-Dokus von den einzelnen Workshops und Veranstaltungen.
Leerstelle Opferperspektive
Um einige Leerstellen der Aufarbeitung zu schließen, aber vor allem um die Opferperspektive in den Mittelpunkt zu rücken, fand in Köln-Mühlheim das NSU-Tribunal mit rund 800 Teilnehmenden statt. An fünf Tagen konnten in kleineren Workshops und größeren Abendveranstaltungen rund um den NSU-Komplex, Alltagsrassismus und die Kämpfe dagegen diskutiert werden. Zentral waren die Geschichten der Betroffenen des NSU-Komplexes, die im geschützten Rahmen ihrer Trauer Ausdruck verleihen, ihre Analysen präsentieren und ihre Forderungen stellen konnten. Der Ort in der Nähe der Keupstraße wurde bewusst gewählt. Hier ließ der NSU 2006 eine Nagelbombe explodieren. Die vor allem türkischstämmigen Gewerbetreibenden waren jahrelang falschen Verdächtigungen durch die ErmittlerInnen und durch die Öffentlichkeit ausgesetzt. Nach der Selbstenttarnung des NSU 2012 gründeten sie die Initiative »Keupstraße ist überall« um auf ihre Erfahrungen als Opfer von Neonazigewalt aufmerksam zu machen. Die Initiative ermutigte viele andere ihre Stimme ebenfalls zu erheben. Ihre Forderung: Den NSU als Komplex wahrzunehmen und die Aufklärung entsprechend breit anzulegen.
Da dies in den letzten vier Jahren nicht durch die zuständigen Stellen erfolgte, wurde nun ein eigener Beitrag zur Aufklärung geliefert. Das Tribunal mündete in neun Anklagepunkten gegen etwa 100 namentlich genannte Personen. Darunter nicht nur viele Neonazis, PolizistInnen und Verfassungsschützer-Innen, sondern auch PolitikerInnen und JournalistInnen. Denn so die Tribunal-MacherInnen: »Jeder besitzt einen Spielraum und kann sich entscheiden, ob er ein Opfer anlügt, eine Akte vernichtet, ein Gedächtnis vor Gericht verliert oder wider besseres Wissen die Aufklärung behindert oder nicht.« Wer den NSU-Komplex tatsächlich aufklären will, muss all diese Dimensionen betrachten.
Die Anklage
Als erster Punkt wird die gesellschaftliche Akzeptanz und das Klima der Straffreiheit für rassistische Gewalt zur Geburtsstunde des NSU in den 90er Jahren aufgeführt. Nicht nur der Polizeieinsatzleiter bei dem Pogrom am Rostocker Sonnenblumenhaus 1992, Siegfried Kordus, wird hier benannt, sondern auch die jetzige Bundeskanzlerin, die damals als Bundesjugendministerin die akzeptierende Jugendarbeit für Neonazis forcierte. Ein weiterer Anklagepunkt befasst sich mit der Durchführung und Planung des Neonaziterrors. Alte Bekannte aus dem Blood&Honour Spektrum und V-Personen finden sich hier wieder. Die Verharmlosung und Leugnung rechtsterroristischer Strukturen und indirekte Förderung als »Möglichkeitsstrukturen« kommen ebenso zur Sprache. Ein Angeklagter, der Totalitarismusforscher Eckhard Jesse, der den Sicherheitsbehörden immer wieder bescheinigte, dass die Neonaziszene eher subkulturell geprägt ist und als Gefahr hochgespielt werde. Für einige Furore dürfte noch der Anklagepunkt zur medialen (De-)Thematisierung des rassistischen Tatmotivs und die Diffamierung der Opfer sorgen. Hier werden namhafte JournalistInnen, wie der aktuell vom NSU-Prozess berichtende ARD-Terrorexperte Holger Schmidt, benannt.
Wahrscheinlich war das ein Grund dafür, dass das Tribunal nur wenig medialen Wiederhall fand. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob der Anspruch der Anklage, dass die Gesellschaft politische und nicht nur juristische Konsequenzen ziehen möge, erfüllt wird.
Bundeswehrgeschichte aufarbeiten
22. Juli 2017
Erklärung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma
Das Bekanntwerden rechtsradikaler Strukturen und potentieller rechtsradikaler Straftäter in der Bundeswehr ist für den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma gleichermaßen beunruhigend wie altbekannt. Seit ihrer Gründung war die Bundeswehr immer wieder für die enge Verbindung von Nazi-Größen und -Kriegshelden wie Hans-Ulrich Rudel und anderen öffentlich kritisiert worden, ohne dass sich an der Grundhaltung innerhalb großer Teile der Bundeswehr etwas geändert hätte. Bis heute ist das Bild von Marinemaler Claus Bergen, das den sinnlosen Untergang der »Bismarck« im 2. Weltkrieg zeigt, Ausdruck eines falsch verstandenen Heldentums, das soldatisches Handeln unabhängig von demokratischer Legitimation sieht. Das Bild ist seit Jahrzehnten in der Marineschule Mürwik Symbol einer Traditionspflege, die gerade nicht die demokratischen Werte der Bundesrepublik Deutschland in den Mittelpunkt stellt.
Dass jetzt in der nach Helmut Schmidt benannten Bundeswehr-Universität Hamburg ein Bild von Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform abgehängt wurde, zeigt, dass die Bundeswehr die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte nach 1945 noch immer nicht ernst nimmt. Im Gegenteil wird durch das Abhängen des Bildes von Helmut Schmidt ein sozialdemokratischer Bundeskanzler noch nachträglich diffamiert. »Helmut Schmidt hat nach 1945 erkannt, dass das staatliche Handeln, und dies galt für ihn in besonderem Maße für die Bundeswehr, demokratisch legitimiert sein muss. Jetzt sein Bild in der nach ihm benannten Bundeswehr-Universität abzuhängen dient offenkundig nur dazu, die gesamte notwendige Diskussion ins Lächerliche zu ziehen«, so der Vorsitzende des Zentralrats, Romani Rose.
Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma fordert Bundesministerin von der Leyen auf, die Aufarbeitung der Geschichte der Bundeswehr nach 1945 nicht auf die Umbenennung von Kasernen zu beschränken, sondern eine unabhängige, kritische Historiker-Kommission zu beauftragen, die dann auch Zugang zu den entsprechenden zeitgeschichtlichen Akten haben muss. »Eine solche Dokumentation wäre die notwendige Grundlage für einen neuen Traditionserlass der Bundeswehr, wie ihn Ministerin von der Leyen jetzt erarbeiten will«, so Rose. Zentralrat Deutscher Sinti und Roma
»Bewältigtes« neu benennen
22. Juli 2017
Der Schriftsteller Johannes Bobrowski war Christ, Humanist und Antifaschist
Vor 100 Jahren, am 9. April 1917 wurde Johannes Bobrowski in Tilsit, nahe der litauischen Grenze, geboren. Die Eltern des Vaters waren Bauern, eingewanderte Hugenotten, die die christliche Tradition der Familie begründeten. Wichtig für Bobrowski waren die verschiedenen Nationalitäten, die in diesem Grenzgebiet zusammenlebten – Polen, Litauer, Russen und Deutsche, unter ihnen allen viele Juden. Das Aufwachsen als Deutscher unter diesen Völkern wurde zum Thema seines Lebens und Schreibens.
1928 zog die Familie nach Königsberg, dem Sammelpunkt bürgerlichen Geisteslebens oder, wie Bobrowski oft sagte, dem Gipfel der Aufklärung. Er besuchte das Gymnasium, vor dem ein Denkmal von Immanuel Kant stand. Bobrowski berichtet: »In diesem humanistischen Gymnasium war die latinisierte Eleganz des 17. und 18. Jahrhunderts genauso zu Hause wie der humorvolle derbe Dialekt ostpreußischer Bauern.«
Zur Selbstverständlichkeit seiner Eltern gehörte der sonntägliche Kirchgang. Dem nazikritischen Dompfarrer verdankt er seine frühe Aufklärung über den Streit in der Kirche. Er bekam lebendig mit, wie die »Deutschen Christen« in ihrer Sympathie für die Nazis und die Gruppe der »Bekennenden Kirche«, einer kritischen Bewegung in Opposition zur faschistischen Gleichstellungspolitik, zur herrschenden Auffassung, ihre gegensätzlichen Standpunkt ausfochten.
In seiner Erzählung »Der Mahner« bringt er die Haltung der Bekennenden Kirche zum Ausdruck. Immer wieder wird über den Umgang der Gemeindemitglieder mit den Juden diskutiert. Zum großen Entsetzen seiner Familie erkannten sie plötzlich, dass der Pfarrer der Deutschen Christen unter seinem Talar eine SA-Uniform trug. Dies macht die Gruppe der Bekennenden Kirche wütend. Wie seine Mitschüler, so diskutierte auch Johannes Bobrowski mit seinem Lateinlehrer. Es war der Schriftsteller Ernst Wiechert, der 1935 eine berühmte Rede an der Münchner Universität hielt und später, nach dem Protest gegen die Verhaftung von Pastor Niemöller, im Konzentrationslager Buchenwald eingesperrt war. Dessen Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche prägte Bobrowskis weitere Entwicklung in seinem antifaschistischen Denken und im dann folgenden Widerstand gemeinsam von Klassenkameraden und Lehrern.
1938 siedelte Familie Bobrowski nach Berlin-Friedrichshagen um. Im selben Jahr wurde er zum Arbeitsdienst eingezogen und dann zur Hitler-Wehrmacht. Der Krieg führte ihn wieder nach Ostpreußen, in eine Landschaft, die seinem Geburtsland ähnelte. Bobrowski sagte später, dass die von ihm später verfasste Literatur »so etwas wie eine Kriegsverletzung war«. »Ich bin als Soldat in die Sowjetunion gewesen, ich habe dort das noch vor Augen geführt bekommen, was ich historisch von der Auseinandersetzung des Deutschen Ritterordens mit den Völkern im Osten von der preußischen Ostpolitik, aus der Geschichte wußte.« An anderer Stelle heißt es: »Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmensee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher.«
Krieg und Gefangenschaft zwingen ihn, politisch-historische Zusammenhänge zu sehen, und er beginnt, neu darüber nachzudenken. Er stand als Mitglied der Bekennenden Kirche auf der Seite des christlichen Widerstands gegen den Hitlerfaschismus und hatte engen Kontakt mit dem Theologieprofessor Hans Iwand, der die Gemeinde über das Denken von Dietrich Bonhoeffer aufklärte.
1949 kam Bobrowski wieder nach Berlin-Friedrichshagen zurück. Er fand hier in seiner Familie den Ort, von dem aus er wirken konnte. Die Umsetzung der Erfahrungen aus den Kriegerlebnissen schlug sich in seinem Schreiben nieder. Seine Bekanntschaft mit Peter Huchel gab ihm die Möglichkeit, seine ersten Gedichte in der Zeitschrift »Sinn und Form« zu veröffentlichen.
1950 begann er als Lektor im Altberliner Verlag Lucie Groszer. Dort hatte er die Möglichkeit, Bücher zu lektorieren, die in sein Denken passten, z.B. den »Märkischen Eulenspiegel aus dem Jahr 1587«. Später wechselte er ins Lektorat des Union-Verlages. Dort wurde er in Literaturkreisen bekannt und zu Lesungen eingeladen. Als Dichter wurde er von der »Gruppe 47« entdeckt und konnte seine Gedichte auf deren 22. Tagung vortragen. Ehrungen blieben nicht aus. Er bekam z.B. 1962 in Wien den Alma-Johanna-König-Preis, benannt nach der jüdischen Dichterin, die von den Faschisten verschleppt und ermordet worden war. Im gleichen Jahr folgte der Preise der Gruppe 47 und der Heinrich-Mann-Preis. Bobrowski wird über die Grenzen hinaus bekannt, besonders mit seinem Meisterwerk »Levins Mühle«.
Bobrowski schrieb: »Ich bin dafür, dass alles neu benannt wird, was als ›bewältigt‹ bezeichnet wird. Es muß in seiner Wirkung der jungen Generation bewußt gemacht werden und deren Folgen in der Geschichte.« Er beschreibt das auch in einem Gedicht – »Holunderblüte«, für mich eines seiner eindrücklichsten.
Johannes Bobrowski starb am 2. September 1965. Er hinterließ mit seinem Werk einen großen, nicht vollendeten Entwurf zeitgeschichtlicher und lyrischer Arbeiten.
Holunderblüte
Es kommt
Babel, Isaak.
Er sagt: Bei dem Pogrom,
als ich Kind war,
meiner Taube
riß man den Kopf ab.
Häuser in hölzerner Straße,
mit Zäunen, darüber Holunder.
Weiß gescheuert die Schwelle,
die kleine Treppe hinab –
Damals, weißt du,
die Blutspur.
Leute, ihr redet: Vergessen –
Es kommen die jungen Menschen,
ihr Lachen wie Büsche Holunders.
Leute, es möcht der Holunder
sterben
an eurer Vergeßlichkeit.
Internationales Workcamp
22. Juli 2017
In Umsetzung des gemeinsamen Aufrufes von VVN-BdA und KFSR e.V. zur Ehrung der Freiwilligen, die im Spanischen Krieg 1936 – 1939 an der Seite der Republikaner kämpften, findet vom 21. August bis 1. September 2017 das 2. Internationale Workcamp unter dem Motto »Voluntarios de la Libertad unvergessen«, organisiert von KFSR und Vereinigung junger Freiwilliger e.V. in Berlin statt. Schon im vergangenen Jahr, hatten sich zwölf Jugendliche aus verschiedenen Ländern den Ehrennamen »Brigada internacional« gegeben.
Jugendliche aus verschiedenen Ländern, wie Korea, der Ukraine, der Türkei, Russland haben sich schon angemeldet. Sie werden auf dem Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde Pflegearbeiten an Gräbern von Spanienkämpfern und anderen Antifaschistinnen und Antifaschisten vornehmen. Gesucht werden Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen 18 und 25 Jahren aus Deutschland, bei Bereitschaft zur Campleitung auch älter.
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