Gerechtigkeit jetzt

geschrieben von Kamil Majchrzak

20. März 2017

Ghetto-Renten müssen endlich gezahlt werden

Seit Jahrzehnten kämpfen Überlebende der Shoah und des Porajmos um Ghetto-Renten. Erst 1997 erkannte das Bundessozialgericht, dass die Arbeit in deutschen Ghettos (Gegenstand war ein Streitfall aus dem Getto Litzmannstadt) nicht als Zwangsarbeit, sondern mit regulärer sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung gleichgestellt werden kann, wenn diese freiwillig und gegen Entgelt aufgenommen wurde. 2002 folgte ein entsprechendes Ghettorentengesetz (ZRBG), das die Auszahlung einer Ghetto-Rente ermöglichen sollte. Überlebende Juden und Roma mit Wohnsitz in Polen mussten aber erst die Unterzeichnung eines entsprechenden deutsch-polnischen Abkommens im Dezember 2014 erwirken, um anschließend festzustellen, dass die Voraussetzungen für eine reguläre deutsche Rente kaum mit den historischen Verhältnissen in deutschen Ghettos in Einklang zu bringen sind. So wurde zwar die Beschäftigung im Ghetto endlich anerkannt, zugleich schlossen andere Voraussetzungen die Auszahlung wieder aus. Dies betrifft insbesondere Roma-Kinder, die noch vor Vollendung ihres 14. Lebensjahres in Ghettos beschäftigt wurden. Dabei muss gerade den für ihr Leben lang traumatisierten Kindern, die in Ghettos beschäftigt wurden, besonderer Schutz und Anerkennung – auch im rentenrechtlichen Sinne – zuteilwerden.
Anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust versammelten sich deshalb Überlebende Roma und Juden am Holocaust-Mahnmal und forderten die sofortige Verankerung einer subsidiären Wartezeit-Anerkennung im ZRBG und die Anerkennung der gesamten Zeit der NS-Verfolgung als verfolgungsbedingte, rentenrechtlich anrechenbare Ersatzzeit für alle Ghetto-Beschäftigten unabhängig vom Alter. Hintergrund der Forderung ist, dass unstrittig erworbene Ghetto-Beitragszeiten allein nie zu einer Ghetto-Rente führen, wenn nicht insgesamt 60 Kalendermonate an einer Mindestversicherungszeit (Wartezeit) in der deutschen Rentenversicherung vorgelegt werden können. Doch die von Deutschen eingerichteten Ghettos bestanden höchstens 48 Kalendermonate, bevor deren Insassen in Vernichtungslager deportiert und ermordet wurden. Lücken in der Versicherungszeit können zwar zwar durch sogenannte Ersatzzeiten aufgefüllt werden, doch gerade dies wird für Kinder unter 14 Jahren ausgeschlossen. Die Bundesregierung geht davon aus, dass solche Kinder zur Schule hätten gehen sollen, anstatt zur Arbeit und ihnen somit kein zu ersetzender rentenrechtlicher Schaden entstanden sei.
Die Protest-Aktion wurde von der Initiative »Ghetto-Renten Gerechtigkeit Jetzt!« zusammen mit der Berliner VVN-BdA, den Jüdischen Gemeinden und dem Roma-Verband aus Polen durchgeführt. »Wir wollen den deutschen Gesetzgeber zu einem Perspektiven-Wechsel gegenüber den letzten ghetto-überlebenden Juden, Sinti und Roma bewegen« – erklärte Roman Kwiatkowski, Vorsitzender des Roma-Verbandes.
»Als kleines Kind floh ich mit meiner Familie durch die Kriegs-Hölle. Ich erlebte Elend und Hunger im Ghetto, musste kleinere Beschäftigungen, die in meinem Alter möglich waren, aufnehmen, dank derer ich leben durfte. Nach dem Krieg versteckte ich mich vor der Verfolgung in den Wäldern. Doch diese Verfolgungs-Zeit wird nicht als verfolgungsbedingte Ersatzzeit im ZRBG anerkannt, weil ich damals noch nicht 14 Jahre alt war.« – erläuterte der Ghetto-Überlebende Roma Władysław Wejs.
»Es ist der politische Wille, der auch heute noch fehlt. Offenbar spekuliert man angesichts unseres Alters auf eine biologische Lösung des Problems. Denn man kann nicht bei gesundem Menschenverstand an die Beschäftigung im Ghetto während des Nationalsozialismus einen Maßstab anlegen, der nur in Bedingungen einer zivilisierten Gesellschaftsordnung realisierbar ist.« – erklärte Marian Kalwary, Überlebender des Ghettos Warschau und Bevollmächtigter der Vereinigung der Jüdischen Gemeinden aus Polen. Kalwary wandte sich am gleichen Tag gemeinsam mit Kwiatkowski in einem Protestbrief an den Deutschen Bundestag. Zugleich haben sich Historikerinnen und Intellektuelle mit einem Offenen Brief an Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles gewandt und eine dringende Korrektur des ZRBG auch aufgrund der Gefahren von Altersarmut unter den Holocaust-Überlebenden in Europa gefordert. Kalwary erklärte: »Die rücksichtlose und von dem eigentlichen Sinn des ZRBG völlig abstrahierende Anwendung der gegenwärtigen diskriminierenden Regelungen erlebte ich am eigenen Leibe. Ich floh aus dem Ghetto Warschau und Wołomin vor den Deportationen in Vernichtungslager. Ab Januar 1943 arbeitete ich mit falschen ›arischen‹ Papieren in einer Treuhand-Firma. Den Firmenleiter störte es nicht, dass ich erst 12 Jahre alt war. Ich habe bis heute sogar meinen damaligen Dienstausweis mit dem korrekten Geburtsdatum. Ich arbeitete dort bis zur Befreiung im Januar 1945. Das war eine offizielle Arbeit, die amtskundig war. Ich hatte ja auch offiziell Lebensmittelmarken zugeteilt bekommen als Arbeiter. Die Deutsche Rentenversicherung hat aber diese Beschäftigungszeit weder als Beschäftigung noch als Ersatzzeit anerkannt.«

Die Forderung nach einer rentenrechtlichen Lösung zur Behebung dieser gravierenden Gerechtigkeits-Lücke wird unterstützt durch die Jewish Claims Conference, den Zentralrat der Juden in Deutschland, den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, die Berliner VVN-BdA und andere namhafte Organisationen.

100 Jahre Krieg und Frieden

geschrieben von Jakob Knab

20. März 2017

Eine umfassende friedenspolitische Bilanz

Der namhafte Freiburger Historiker Wolfram Wette legt hier eine Summe (wohl auch Zwischenbilanz) seines ertragreichen Gelehrtenlebens als kritischer Militärhistoriker und engagierter Friedensforscher vor. Dabei kehrt er, der von 1971 bis 1995 am Militärgeschichtlichen Forschungsamt Freiburg tätig war, auch zu seinen Ursprüngen zurück, denn seine erste Forschungsarbeit wurde 1971 unter dem Titel »Kriegstheorien deutscher Sozialisten« publiziert. Anstoß nahm das genuin soldatische Milieu dann an seiner politischen Biografie zu Gustav Noske, die 1987 veröffentlicht wurde. Wettes historische Analyse und fundierte Kritik galt stets der kriegerischen Kultur des Militarismus.

Wolfram Wette. Ernstfall Frieden. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914, Donat Verlag, Bremen 2016, 640 S., 24.80 €

Wolfram Wette. Ernstfall Frieden. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914, Donat Verlag, Bremen 2016, 640 S., 24.80 €

Mit seinem nunmehr veröffentlichten Opus Magnum ist es Wolfram Wette gelungen, in einer klaren und verständlichen Sprache Geschichte durchschaubar, verständlich und lesbar zu machen. Die zahlreichen Abbildungen und Quellentexte veranschaulichen und vertiefen die historischen Erkenntnisse. In der Danksagung des Autors erfährt der Verleger Helmut Donat (Bremen) aufrichtige Anerkennung dafür, dass er weit mehr geleistet habe als die übliche Verlagsarbeit: »Diese qualifizierte friedenshistorische Arbeit«, so hebt der Autor lobend hervor, »ließ sich nur von einem Verleger aufbringen, der auf der Gebiet der Historischen Friedensforschung selbst seit Jahrzehnten tätig ist.«
Wettes Darstellung beginnt mit dem Basler Internationalen Friedenskongress 1912. Die kirchenfernen Sozialisten und linken Kriegsgegner bekamen auch Beistand von Seiten der Kirche: Die protestantische Gemeinde vom Basler Münster gab ihre Zustimmung für die Schlusskundgebung im altehrwürdigen Gotteshaus. »Krieg dem Kriege im Namen der Unglücklichen! Rufen wir in die Welt. Wir fordern den Weltfrieden im Sinne eines Friedensbundes, der alle Völker umschließt«, begrüßte der Münsterpfarrer Jakob Täschler die Kriegsgegner, Antimilitaristen, Sozialisten und Sozialdemokraten. Da begannen die Glocken zu läuten, die Orgel setzte brausend ein, und unter ihren Klängen zogen die roten Fahnen der Internationale in das dunkle Kirchenschiff ein – ein ergreifender Augenblick, der sich den Sterblichen, denen es vergönnt war, ihn zu schauen, in schweigender Erhabenheit bot. So eine zeitgenössische Chronik. »Der Krieg«, so verkündete der Münsterpfarrer, »steht im schärfsten Widerspruch zum Evangelium, das eine Botschaft des Friedens, der Liebe, der Humanität, der edlen Menschheit ist.«

Richtiggehend spannend wird Wettes Darstellung, wenn er die »Julikrise 1914« erkundet. Denn die Ermordung von Franz Ferdinand lieferte den Vorwand, um ein diplomatisches Verwirrspiel zu inszenieren. Deutschland wollte den Krieg. Generalstabschef Moltke suchte einen Weg in den Krieg, er argumentierte mit der temporären rüstungspolitischen Überlegenheit Deutschlands.
Zurück zur einst friedensbewegten SPD. Gegen den Willen von 14 ihrer Mitglieder bewilligte die aus 110 Abgeordneten bestehende SPD-Reichstagsfraktion die ersten Kriegskredite und schloss den »Burgfrieden« mit dem Kaiser. Dieser konnte am 4. August 1914 im Reichstag verkünden: »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!«
Unbedingt lesenswert sind die Kapitel »Kein Abschied vom Schwertglauben« sowie über die Kriegslüge der »Dolchstoßlegende«. Wohltuend klare Worte findet Autor Wette, wenn er über die Kriegsschuldfrage und über die apologetischen Tendenzen des Historikers Christopher Clark in dessen Werk »Die Schlafwandler. Wie Europa 1914 in den Krieg zog« spricht.
Wolfram Wette sieht zwei wirkungsmächtige Strömungen in der deutschen Gesellschaft: die eine steht für eine aktive Friedenspolitik, die andere für eine kriegerische Machtpolitik. »Die nationalistischen, auf Machtpolitik setzenden Kräfte vermochten sich bereits ein Jahrzehnt nach der deutschen Revolution von 1918/19 wieder durchzusetzen und den Weg zu einem zweiten kriegerischen ›Griff nach der Weltmacht‹ zu beschreiten. Das militaristische Erbe wirkte fort.«
Wettes Botschaft als Friedensforscher: Es ist bedenklich, Politik ohne Geschichte zu machen, die Gewaltabsage großer Teile der Bevölkerung in den Wind zu schlagen und Konflikten mit den Mitteln gescheiterter Politik-Konzepte beizukommen. Dies wird, so Wettes Urteil, das Land allzu leicht in ein unkontrollierbares Fahrwasser führen. Der Autor plädiert dafür, militärische Zurückhaltung zu üben, sich auf zivile Maßnahmen und Projekte zu besinnen und sich zu erinnern. in welches Schlepptau eine Politik gerät, die sich dem »Ernstfall Krieg« überantwortet. Schließlich werden diese Lehren aus der Geschichte gezogen:

  • Frieden nach außen lohnt sich.
  • Demokratie sichert ein friedliches Zusammenleben im Innern.
  • Ausgrenzung von Minderheiten geht mit uns nicht, weil wir die Unantastbarkeit der Menschenwürde achten.
  • Humanität hat eine Leitlinie unseres Umgangs mit Flüchtlingen zu sein.
  • Es geht darum, den Frieden als Ernstfall zu leben, im politischen, aber auch im persönlichen Bereich.

 

Die »Berufsverbrecherinnen«

geschrieben von Anne Allex

17. März 2017

Ein überfälliges Plädoyer für historische Gerechtigkeit

Auf den Treffen Überlebender des KZ Ravensbrück, die Sylvia Köchl seit 1999 besuchte, fiel ihr auf, dass sich hauptsächlich ehemals »Politische« trafen – obwohl immer »aller Opfer« gedacht werden sollte. Wer waren die Anderen? Was hatten weibliche Häftlinge (»Kriminelle«) mit dem grünen Winkel »verbrochen«? Warum wurden sie verschwiegen? Ihre Nachfragen schienen zu provozieren. Dennoch gelang es ihr bei keinem Treffen der Ravensbrückerinnen, auch nur eine einzige Zeitzeugin ehemaliger »Berufsverbrecherinnen« aufzutun. Doch mehrfach fiel der Name der Österreicherin Marianne Scharinger, die viermal wegen § 144 StGB (Abtreibung im österreichischen Strafrecht) verurteilt worden war. Köchls versuchte Akteneinsicht scheiterte. Das Landgericht Wels gab an, dass die Akte nicht mehr dort sei und der Haftgrund in keiner Verbindung zum KZ stehe. Später erwiesen sich diese Angaben als Täuschung: Die Akten gingen erst 2006 zum Oberlandesgericht Linz und wurden dort 2006 »nach Relevanz« aussortiert. Dabei verschwanden viele Unterlagen. Und die KZ-Haft stand in direkter Verbindung zur Verurteilung. Erst nach der Ausstellung »Wege nach Ravensbrück« 2006, nachdem Marianne Scharinger und Aloisa Oppal (ebenfalls wegen § 144 StGB verurteilt) in einer Radiosendung portraitiert worden waren und sie sich mit einem Fragenkatalog an Parteien, Institutionen und Verbände KZ-Überlebender der Relevanz des Themas versichert hatte, kam Sylvia Köchl mit ihrer Suche weiter.

Sylvia Köchl: »Das Bedürfnis nach gerechter Sühne« – Wege von »Berufsverbrecherinnnen« in das Konzentrationslager Ravensbrück, Mandelbaum Verlag, Wien 2016, 340 S., 24,90 Euro

Sylvia Köchl: »Das Bedürfnis nach gerechter Sühne« – Wege von »Berufsverbrecherinnnen« in das Konzentrationslager Ravensbrück, Mandelbaum Verlag, Wien 2016, 340 S., 24,90 Euro

Ausgiebig klärt Köchl im Buch über die Gesetze im »Dritten Reich« auf und weist auf Unterschiede von Zuchthaus (Deutschland) und schwerer Kerkerhaft (Österreich) hin. Letztere enthielt »Fasten-tage« und »hartes Lager«. Sie stellt fest, dass sich mit dem deutschen »Gesetz zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung« 1937 der Umgang der Kriminalbeamten mit den Häftlingen maßgeblich verschärfte. In den ersten Tagen der U-Haft wurden die Frauen derart bedroht oder misshandelt, dass einige von ihnen beim entscheidenden Verhör Abtreibungen oder Diebstähle zugaben, die sie vorher nie erwähnt hatten.
Die vorgestellten acht Biografien zeigen fast durchgängig Frauenleben in wirtschaftlicher Not. Weil ihnen die schwanger gewordenen Frauen leid taten bzw. sie selbst auf jeden Pfennig angewiesen waren, nahmen einige von ihnen wiederholt Abtreibungen vor. Andere stahlen zum Überleben Wolle, Stoffe und kleines Haushaltsinventar. Die verhafteten Frauen sahen sich in U-Haft, Prozessen, Kerkern und KZ fast ausnahmslos gut verdienenden männlichen Polizeibeamten, Rechtspflegern, Wärtern, Richtern und Justizangestellten gegenüber, die ohne Gnade gegen sie agierten. Denn inzwischen galt im »Deutschen Reich« (Österreich ab 1938) das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs für »arische« Frauen. Die faschistische »Volksgemeinschaft« sah sich der »Aufartung« der »arischen Rasse« verpflichtet. Im Verfahren der ältesten Frau wurde sogar die Todesstrafe erwogen. Gnadengesuche Familienangehöriger der Abtreiberinnen wurden allesamt abgewiesen. Sie kamen ausnahmslos ins KZ. So kam Rosina Schmidinger mit 74 Jahren ins KZ; sie überlebte nur zwei Wochen.
Heraus stechen die Angaben über Marianne Scharinger, die wegen wiederholter Abtreibungen bei anderen Frauen zu schwerem Kerker verurteilt war und nach Abbüßung der Strafe 1941 ins KZ Ravensbrück kam. Sie war zunächst Blockälteste in Block 10 und 11, später Lagerälteste. Scharinger gehörte zu denjenigen mit dem Grünen Winkel, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten korrekt verhielten, die Häftlinge beschützten und sogar politische Aktivitäten des Lagerkomitees deckten. Dennoch saß sie vom 31. August 1947 bis März 1948 in U-Haft, weil gegen sie als »Funktionshäftling« eine Anzeige wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorlag. Sofort nach der Verhaftung wandte sich ihr Mann hilfesuchend an ihre Ravensbrücker Kameradinnen, mit denen sie Briefkontakt hatte. Während ihrer U-Haft wurde ihrem 22-jährigen Sohn wegen des schlechten Leumundes seiner Mutter die Ausbildung bei der Polizei zu Ende 1947 gekündigt. Die ehemaligen Häftlingsfrauen ihres Blockes sandten Stellungnahmen an die zuständigen österreichischen Behörden und bewahrten Scharinger vor erneuter Haft.
Aufschlussreich sind Köchls Erkenntnisse zum Umgang mit »kriminellen« Frauen bei der Opferrentenbeantragung. Nur zwei Frauen gelang die Anerkennung der KZ-Zeit für eine Rente. Einer Frau wurde die Rente nach einer erneuten Abtreibung ganz genommen, ihrem jungen Sohn sofort das erhöhte Ausbildungsgeld gestrichen, das er wegen der politischen Verfolgung des Vaters erhielt. Obwohl in Österreich viele Menschen für Entschädigungsrenten für alle ehemaligen KZ-Häftlinge votierten, unterließen Institutionen nichts, um ehemalige »Kriminelle« und »Asoziale« davon auszunehmen. Das Buch zeigt, dass bis heute mit sozialrassistischen Argumenten »Kriminelle« und »Asoziale« von Haftentschädigung ausgeschlossen sind. Umso unterstützenswerter ist die Forderung am Schluss des Buches, dass das Entschädigungsgesetz in Österreich für diese Personenkreise zu öffnen ist – auch jetzt noch.

 2009 öffnete sich die Lagergemeinschaft Ravensbrück den als »asozial« verfolgten Frauen. Köchl fielen verletzende Angaben, abwertende Bemerkungen und massive Vorbehalte zu »Schwarzen« und »Grünen« auf. Gängig waren Äußerungen wie: »Die kannten keine Solidarität«, »Die waren von der SS nur zum Mürbemachen der Politischen dort eingesperrt«, »Die haben immer nur geklaut« Nur zwei Kommunistinnen im KZ hatten sich für Haftgründe der Schwarz- und Grünwinkligen interessiert; die beiden berichteten auch von solidarischem Verhalten.

Unglückliches Glückskind

geschrieben von Axel Holz

17. März 2017

Ein neuer großer Deutschlandroman von Christoph Hein

Konstantin Boggosch ist ein Glückskind, wie seine Mutter meint. Aber er heißt eigentlich Müller, wie sein Vater, der Kriegsverbrecher, Fabrikbesitzer der Buna-Werke in Schkopau und SS-Brigadeführer, der noch kurz vor Kriegsende sein eigenes Betriebs-KZ errichtete, um Zwangsarbeiter und Häftlinge für sich schuften zu lassen. Konstantin Boggosch hat seinen Vater nie kennengelernt, denn er wurde nach Kriegsende geboren, sein Vater aber kurz vorher von polnischen Partisanen in einem knappen Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet. Dieser Vater bringt dem Ich-Erzähler kein Glück, sondern nur Pech, mit dem er und sein ungleicher Bruder sehr unterschiedlich umgehen.

Christoph Hein. Glückskind mit Vater Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 527 S., 22,95 EUR

Christoph Hein. Glückskind mit Vater
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 527 S., 22,95 EUR

Während der ältere Bruder dem Vater in seinem Opportunismus sehr ähnelt und sich in der DDR geschickt und erfolgreich einrichtet, wird der belaste Vater und die damit verbundene Akte zum Fluch für Konstantin Boggosch, dem zunächst als einem der besten Schüler das Abitur verwehrt wird und der nach bestandener Prüfung an der Filmhochschule auch dort sein Studium durch Ministererlass nicht antreten darf. Während der Bruder von Siegerjustiz spricht und seinem in den Westen geflohenen Onkel Richard die angebliche Unschuld des Vaters abnimmt, führt die Konfrontation der Mutter mit dem KZ-Vorhaben des Ehemannes in den Buna-Werken zu einer klaren Distanzierung von dessen Kriegsverbrechen. Sie legt zusammen mit den Kindern seinen Namen ab, verzichtet auf Eigentumsansprüche und auf Angebote, in den Westen zu gehen und dort Rente und Entschädigung zu erhalten, denn der geflohene Westonkel hat längst in einem Prozess die Hinrichtung des SS-Bruders in Polen als Unrecht anerkennen lassen.
Der zeitgeschichtliche Roman Christoph Heins zeigt mit den ungleichen Brüdern und Verwandten zugleich den unterschiedlichen Umgang mit Schuld und Verantwortung in Ost und West auf. Während beides im Westen jahrzehntelang verdrängt wird und die Protagonisten es geschickt verstehen, nach der Wende ihren Profit aus der nicht anerkannten Schuld zu ziehen, werden Schuld und Verantwortung im Osten nicht selten verwechselt. Wie bei Konstantin Boggosch, der für den kriegsverbrecherischen Vater beruflich in Sippenhaft genommen wird und dennoch seiner Heimat verbunden bleibt, wegen der verfluchten Vater-Akte Staatsnähe meidet und nach familiär tragischen Verlusten seinen Weg bis zum stellvertretenden Direktor einer Schule ohne Parteibuch geht. Hilfe erhält er vom Bezirksschulrat, der seine Fähigkeiten erkennt und ihn im Wissen fördert, dass ihn sein prominenter Vater, der Anarchist Max Hölz, auch lebenslang in seiner Akte verfolgte.
Doch bis dahin ist es ein langer Weg, der den enttäuschen 14-Jährigen nach der Flucht über die Aufnahmestelle Marienfelde nach Marseille führt. Dort wird er bei der Fremdenlegion ausgelacht und lernt einen französischen Antiquar kennen, der ihm Übersetzungsarbeiten bei sich und seinen ehemaligen Resistance-Freunden anbietet, die ihn fördern und ihrem »kleinen Bosch« das Abitur finanzieren. Dort erfährt der Jugendliche einiges über Opportunisten, die früher alle in der Résistance gewesen sein wollen, um ihre Nachkriegsvorteile daraus zu ziehen. Er selbst begeistert sich für die Filme von Murnau und der Nouvelle Vague und genießt die neuen Freundschaften. Wieder fühlt er sich von seinem toten Vater verfolgt, als er in einem Album der Résistance-Kämpfer das Foto seines Vaters wiedererkennt, der Mörder und Folterer seiner neuen Freunde sein könnte. Er flieht noch nach der Grenzschließung zurück in die DDR, muss sich dort erklären und findet bei einem Antiquar Arbeit und letztlich auch seine Liebe, die ihm den Zugang zum Studium und in den Lehrerberuf eröffnet.
Dort bekommt er einen linientreuen Direktor vor die Nase gesetzt, der, mit einer Jugoslawienreise ausgezeichnet, in den Westen flieht und nach der Wende als geeigneter Reformschulleiter im Osten seine Kariere fortsetzt. Boggosch wird über die Steuerfahndung durch seinen toten Vater erneut eingeholt und lehnt den Widerruf seiner Eigentumsverzichtserklärung kategorisch ab, ganz im Gegenteil zu seinem Kariere-Bruder, der mit dem Millionenerbe des Kriegsverbrechervaters in der Provinz ein gemachter Mann bleibt. Ein großer Deutschland-Roman mit autobiografischen Elementen, der uns an den notwendigen adäquaten Umgang mit unserer eigenen Geschichte erinnert.

 

Esther Bejarano auf Kuba

geschrieben von Jochen Vogler

17. März 2017

Musik als Mittel der Verständigung und des Kampfes

Eine Woche dauerte die Konzert-Tournee von Esther Bejarano und der Microphone Mafia mit Auftritten in Havanna, Camaguey und Santa Clara. Die Pressekonferenz zu Beginn der Tournee hatte ein eindrucksvolles Medienecho zur Folge.
Esther Bejarano zeigte sich in Kuba mit ihrer Lebensgeschichte als Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz als überzeugende Vertreterin des antifaschistischen Kampfes:
»Ich bin eine glühende Antifaschistin. Wenn es möglich ist, werde ich das ganze Leben lang kämpfen, damit der Faschismus nie wieder aufkommt, der meine Schwester umgebracht hat. Mit diesem Ziel habe ich Konzerte in vielen Ländern Europas und der Welt gegeben. Wir singen Lieder gegen den Krieg und für die Liebe. Ich habe begriffen, dass es sehr wichtig ist, dass die Jugend erfährt und versteht, was während des Faschismus geschah, damit das nicht wieder passiert. Deshalb arbeite ich seit Jahren mit dieser Rap-Gruppe und wir sind schon eine große Familie, denn sie sind Antifaschisten wie ich.« Und in jedem Beitrag betont sie: »In der Gruppe sind wir drei Generationen und repräsentieren drei Religionen: die jüdische, den Islam und das Christentum. Wir haben eine ausgezeichnete Kommunikation. Das ist etwas, was wir der Welt beibringen wollen. Ganz unterschiedliche Personen können eine gute Arbeit schaffen mit einem wirklichen Respekt vor der Verschiedenheit, aber immer darauf konzentriert, das Gute und die Gerechtigkeit zu vertreten«.
Von insgesamt vier Konzerten in Kuba war Esther bei drei Konzerten dabei. Wegen einer Erkrankung konnte sie am Abschlusskonzert im Garten des kubanischen Musikinstituts in Havanna leider nicht mehr teilnehmen. Dieses Konzert entwickelte sich dann zu einer Rap-Session der Microphone Mafia mit verschiedenen kubanischen Rap-Gruppen.
Eindrucksvoll war der Austausch über Fragen der Menschenrechte im Zentrum der Forschung über internationale Politik im Netzwerk zur Verteidigung der Menschenrechte. Von großer Bedeutung war auch der Empfang der Hebräischen Gemeinde von Havanna. David Prinstein, der Vize-Präsident der jüdischen Gemeinde von Havanna sagte u.a.: »Die jüdische Gemeinde in Kuba kann sich als privilegiert betrachten angesichts unbegrenzter Möglichkeiten der Religionsausübung auf der einen und der gesellschaftlichen Abwesenheit von Judenhass auf der anderen Seite. Kuba ist wahrscheinlich das einzige Land auf der Welt, in dem die Synagogen keines bewaffneten Schutzes bedürfen.«
In guter Erinnerung bleiben auch die Begegnungen im Alphabetisierungsmuseum und im Stadtteilprojekt des Künstlers Kcho.

Druck gegen die AfD

16. März 2017

antifa-Gespräch mit Nora Berneis von der Kampagne »Aufstehen gegen Rassismus«

antifa: Was macht die Kampagne zur Zeit?
Nora: Wir bereiten gerade eine Aktivenkonferenz für den 10./11. März vor. Die wird in NRW stattfinden, an der Ruhr-Universität in Bochum. Wir wollen uns dort inhaltlich austauschen, es wird einige Referate geben, z. B. »Was macht die AfD so gefährlich?« oder »Was rechtfertigt unseren Widerstand gegen die AfD?« Auf der anderen Seite werden wir auch Aktionsworkshops anbieten, auf denen es zum Beispiel um Wahlkampfveranstaltungen der AfD auf der Straße geht. Auf einem wollen wir eine Social-Media-Kampagne entwickeln und es werden auch ganz praktische Fragen diskutiert, z.B. wie man sich zu Veranstaltungen verhält, auf denen die AfD eingeladen ist. Auf der anderen Seite dient so ein Treffen natürlich auch der Vernetzung. Sicher werden viele Teilnehmer aus NRW dort sein, aber auch bundesweit anreisen. Wer neu zur Kampagne stößt, kann dort Gruppen und Projekte kennen lernen, bei denen er aktiv werden kann. Die zweite Sache ist, dass die AfD ihren Bundesparteitag angekündigt hat. Er wird am 22./23. April in Köln stattfinden. Die Bündnisse »Köln stellt sich quer« und » Köln gegen Rechts« haben für den 22. 4. Großdemonstrationen angemeldet und wir werden bundesweit zu diesen Demos mobilisieren. Wir sind gerade dabei, einen eigenen Aufruf für Köln zu erarbeiten. Die Mitgliedsorganisationen unseres Bündnisses organisieren schon Busse für ihre Teilnehmer. Wir wollen in Köln mit einer möglichst großen Demonstration ein klares Zeichen setzen: Die AfD gehört nicht in den Bundestag!

Nora an ihrem Arbeitsplatz, der sich im Bundesbüro der VVN-BdA befindet

Nora an ihrem Arbeitsplatz, der sich im Bundesbüro der VVN-BdA befindet

antifa: Und wie steht es mit der Ausbildung der Stammtischkämpferinnen?
Nora: Wir bekommen immer mehr Anfragen von überall: Schulen, Kirchen, Gewerkschaften und verschiedene Organisationen aus allen Ecken der Bundesrepublik. Wir sind gerade dabei, noch einmal einen Schwung neuer Teamerinnen auszubilden, die dann wiederum die Stammtischkämpferinnen ausbilden. Wenn wir uns anstrengen, werden wir die Zahl von 10 000 Stammtischkämpferinnen, die wir uns vorgenommen haben, tatsächlich erreichen.
antifa: Habt ihr hier in Berlin einen Überblick darüber, was bundesweit im Rahmen der Kampagne alles passiert?
Nora: Bei den Stammtischkämpferinnen ist es so, dass die Seminare oder Anfragen über die Bundesebene laufen. Aber auch nicht immer. Wer Teamer ist und vielleicht schon fünf Seminare abgehalten hat, der macht auch mal eins, von dem wir nichts wissen. Dann können wir das nicht mitzählen, aber das ist auch nicht das Wichtigste. Die anderen Sachen laufen oft so, dass es vor Ort schon lokale Strukturen gibt, z. B. ein Bündnis gegen Rechts oder antirassistische Gruppen. Die bestellen dann unser Material, verteilen es und treten auch als Teil der Kampagne in Erscheinung, haben sich manchmal aber gar nicht auf unserer Website eingetragen. Wenn sie das tun, sind sie von Interessierten besser zu finden, das ist natürlich ein Vorteil. Wie eng sie dann mit der Bundesebene zusammenarbeiten, entscheiden sie natürlich selbst.
antifa: Insgesamt werden es aber mehr?
Nora: Ja, die Kampagne wächst. Ein Missverständnis gibt es manchmal noch, das wir ausräumen müssen. Manche denken, dass wir mit »Aufstehen gegen Rassismus« eine Parallelstruktur zu bestehenden Strukturen aufbauen wollen, quasi als Konkurrenz. Das Gegenteil ist der Fall. Als bundesweite Kampagne können wir bestehenden Gruppen helfen, indem wir z. B. neue Kräfte aktivieren und Material zur Verfügung stellen. Demnächst wird es noch einmal neues Material geben, direkt für Aktionen im Wahlkampf.
antifa: Die Kampagne wirkt also aktivierend?
Nora: Über die Monate, die wir arbeiten, ist deutlich geworden, dass überall Menschen zu uns stoßen, die vorher noch nie politisch aktiv waren, aber jetzt etwas tun wollen. Immer mehr Leuten wird bewusst, wie gefährlich die Situation durch die AfD geworden ist und sie suchen nach Möglichkeiten, sich einzubringen.
antifa: Du bist Politikwissenschaftlerin und eine von zwei Mitarbeiterinnen, die für ein halbes Jahr auf je einer halben Stelle für das Bündnis arbeitet. Wir bist du selbst zur Kampagne gekommen?
Nora: Ich bin schon seit einigen Jahren beim SDS aktiv und kannte Leute aus der Linken und dem SDS, die von Anfang an bei »Aufstehen gegen Rassismus« dabei waren. Im letzten Sommer bin ich selbst zum Berliner Bündnis gestoßen und ab August in die Arbeit auf Bundesebene eingestiegen. Ich arbeite für die Kampagne, weil das für jetzt und hier das Wichtigste ist, was ich tun kann. In diesem halben Jahr entscheidet sich, wie stark die AfD in den nächsten Jahren sein wird und das Bündnis ist für mich die einzige Kraft, die der AfD bundesweit etwas entgegensetzen kann.
antifa: Braucht ihr noch Aktive, die die Arbeit auf der Bundesebene unterstützen?
Nora: Unbedingt. Die meisten Menschen müssen natürlich in Gruppen vor Ort aktiv sein, dort findet die Hauptarbeit statt. Wir brauchen im Moment dort vor allem Teamer für die Stammtischkämpferausbildung. Aber auch auf Bundesebene sind noch manche Aufgaben offen. Je mehr Aktive wir sind, desto besser.

Das Gespräch führte Regina Girod

Regeln für Revolutionäre

geschrieben von Thomas Willms

14. März 2017

Die US-Opposition formiert sich

Die sofortigen und massiven Proteste gegen die Politik Donald Trumps zeigen eine US-Oppositionsbewegung, die bei weitem stärker ist als alles, was in Deutschland je auf die Beine kommt. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis langjähriger Organisationsarbeit in den Bereichen Antirassismus, Umweltschutz usw.. All diese Bewegungen wiederum fanden Anfang 2015 in der Kandidatur des altbekannten Außenseiters Senator Bernie Sanders um die Position des demokratischen Präsidentschaftskandidaten einen Fokus. Sanders unterlag im Juli 2016 auf dem Nominierungsparteitag Hillary Clinton knapp mit 46%. Nicht wenige halten dies für eine wesentliche Ursache für den späteren Sieg Trumps.
Becky Bond und Zack Exley, die Architekten des erstaunlichen Erfolges der Sanders-Kampagne, warfen noch im November 16 eine Betriebsanleitung unter dem unbescheidenem Titel »Regeln für Revolutionäre« auf den Markt, um ein Hilfsmittel für die nächsten linksoppositionellen Kampagnen und letztlich den nächsten Sturm auf das Weiße Haus bereit zu stellen.
»Becky« und »Zack« schießen sich in 22 kurzen Kapiteln die Bälle zu wie austrainierte Fußballstürmer. Ihre Thesen sind streitlustig, immens fokussiert und von einer rücksichtslosen Eskalationsbereitschaft. Revolutionär sind nicht die politischen Ziele des Senators (z.B. eine Krankenversicherung für alle oder gebührenfreies Studium), dafür aber die Bereitschaft es mit dem »big money« aufzunehmen und dafür eine echte Massenbewegung auf die Beine zu stellen.
Die Zahlen der eigentlich hoffnungslos unterlegenen Sanders-Kampagne sind in der Tat unerhört: 2.700 Massenveranstaltungen und 75 Millionen (!) Wähler-Telefonanrufe wurden innerhalb weniger Monate durchgeführt und das nahezu ohne hauptamtlichen Apparat. Funktionieren konnte das nur, da nicht nur die üblichen Protest-Milieus, sondern z.B. die nationale Vereinigung der Krankenschwestern und Scharen von gut ausgebildeten, aber bislang unpolitischen Aktivisten hinzusprangen.

Becky Bond/Zack Exley: Rules for Revolutionaries. How Big Organizing can change everything. , November 2016, 202 Seiten, 16,99 €

Becky Bond/Zack Exley: Rules for Revolutionaries. How Big Organizing can change everything. , November 2016, 202 Seiten, 16,99 €

Der Sandersche Organisationsansatz ist den traditionellen Methoden genau entgegengesetzt. Üblich sind heute einerseits hohe Ausgaben für Fernsehwerbung, andererseits Methoden die dazu dienen, das Elektorat in immer kleinere Segmente zu zerlegen und gezielt anzusprechen. Die Trump-Kampagne hat diesen Ansatz mit den Technologien des »big data« extrem zugespitzt. Millionen von Datensätzen aus den sozialen Medien (z.B. »likes« bei Facebook) ermöglichten es ihr, nicht mehr nur Gruppen wie »weiße männliche katholische Busfahrer aus dem Mittleren Westen«, sondern tatsächlich einzelne Wähler nach psychologischen Gesichtspunkten gezielt anzusprechen.
»Big organizing« tut genau das Gegenteil. Zwar baut auch sie auf intensive Nutzung von Software, aber nur in dem Sinne, dass diese es erlaubt, Massen von Freiwilligen innerhalb kürzester Zeit in Großveranstaltungen zusammen zu bringen und sie sofort in relevante politische Tätigkeit zu versetzen. Unvermeidliches Chaos wird lustvoll umarmt und als Quelle neuer Prozesse verwendet. Die These zu diesem Problem lautet z.B.: »In einer erfolgreichen Bewegung, Kampagne oder Revolution wächst und verändert sich alles zu schnell, als dass es Sinn macht, langfristige detaillierte Pläne zu machen. Um aber wirklich groß zu werden, müssen Prozesse immer komplexer werden. Lass Komplexität wachsen in dem du praktische Probleme mit engagierten Aktivisten löst.« Es folgen Beispiele, die deutlich machen, dass es in der Sanders-Kampagne etwa so entspannt zuging wie in einer Hotelküche fünf Minuten vor dem Hochzeitsbuffet.
Zwiespältig ist der demokratische Eigenanspruch. Einerseits kann jede und jeder sofort der Horde beitreten, innerhalb kürzester Zeit zu einem »super volunteer« werden und Leitungsfunktionen übernehmen. Andererseits ist kein Raum für inhaltlichen Widerspruch vorgesehen und de facto innerhalb einer Nominierungskampagne auch nicht möglich. Die gemeinsamen Inhalte werden für gegeben angenommen. Es bleiben nur die Optionen Mitmachen oder Gehen. Auf gar keinen Fall will man sich in den eigenen Strukturen mit destruktiven, dominierenden Klugschwätzern abgeben. Die bekommen gesagt, dass sie gehen sollen und zwar mit der richtigen Ansage, dass es nicht um die Unterdrückung eines Einzelnen, sondern um die Befreiung aller anderen Freiwilligen geht.
Insgesamt denkt man bang an die Freiwilligen, die wie humanoide Pyrotechnik eingesetzt wurden (anzünden, 30 Sekunden glitzern und dann qualmend und ausgebrannt am Straßenrand liegenbleiben). Und doch ist man froh, dass Trump ganz sicher eine äußerst ungemütliche Massenopposition bevorsteht.

 

Den Überlebenswegen gefolgt

geschrieben von Markus Tervooren

14. März 2017

Der Dokumentarfilm »Wir sind Juden aus Breslau«

Einer der Protagonisten des Dokumentarfilms »Wir sind Juden aus Breslau«, Fritz Stern, der große amerikanische Historiker, ist Mitte letzten Jahres gestorben. Das beschreibt vielleicht die Dringlichkeit, die diesen Film durchzieht, letzte Selbstzeugnisse der Überlebenden des Holocaust festzuhalten, Wege zu suchen, sie an junge Leute weiterzugeben, Spuren des Terrors der Nazis, über die die Zeit hinweggeht ,die verlorengehen, zu sichern.
Der Film der beiden Berliner Regisseure Karin Kaper und Dirk Szuszies zeigt die Begegnung deutscher und polnischer Schüler mit vier von 14 jüdischen ehemaligen Breslauern, die den Holocaust überlebt haben und deren Lebenswege der Film vorzustellen versucht.
Es ist sehr anrührend, wie sich die alten und jungen Teilnehmer umeinander bemühen. Zusammen laufen sie durch das Breslau der »Alten« – damals waren sie Kinder und Jugendliche –, durch die Straßen, in denen sie einst wohnten, die Schule, die Esther Adler besuchte. Sie besuchen die erst kürzlich wieder hergestellte Synagoge zum Weißen Storch, besuchen das Gefängnis, in das die Nazis die Schwestern Anita Lasker und Renate Lasker nach einem Fluchtversuch und vor ihrer Deportation nach Auschwitz eingesperrt hatten. Abraham Ascher betritt mit den Schülerinnen den Balkon des Hotels Monopol, von dem vor 80 Jahren Hitler zu den jubelnden Breslauern sprach, unter ihnen, unerwünscht aber neugierig, der kleine Junge von damals.
Sind diese Jugendlichen die künftigen Zeuginnen und Zeugen der Zeitzeugen? Ich habe mich auch gefragt, ob sich Anita Lasker-Wallfisch, Esther Adler, Prof. Abraham Ascher und Wolfgang Nossen den Jugendlichen auf eine noch ganz andere Weise offenbart und geöffnet haben als den Filmemacherinnen; eine Szene, in der sich eine alte Frau und eine junge Frau gegenübersitzen, ansehen, an den Händen halten und unterhalten, legt das nahe, ebenso der Ausspruch einer Schülerin: »Wir haben ihre Lebensgeschichten erfahren. Jetzt sind wir verpflichtet, sie weiterzugeben.«
Zu den stärksten Bildern des Films zählen die schweigenden, frontal aufgenommenen Porträtsequenzen der 14 ehemaligen Breslauer. Sie sind Ausgangspunkt zu den Überlebenswegen, die nach Frankreich, England, in die USA, in einem Fall nach Erfurt und immer wieder nach Israel führen. Zwischenstationen sind Auschwitz und Bergen Belsen, aber auch die Schiffe der Haganah nach Palästina. Die Filmemacher haben die heutigen Wohnorte besucht, Interviews und kleine Momentaufnahmen aus dem jetzigen Leben der »Überlebenden« aufgenommen. Das ist das Interessanteste in diesem Film. Und das macht ihn als »Heimatfilm« konsequent ungenießbar. Vielleicht stellvertretend für alle stellt Anita Lasker-Wallfisch fest: »Nach der Befreiung in Bergen-Belsen war die Rückkehr nach Breslau unmöglich geworden. Alle waren tot, die Heimat verloren.«
Karin Kaper und Dirk Szuszies erlauben es sich zu staunen, das ist sympathisch. Sie fragen und haken nach, das ist gut. Die Interviewten sind oft sehr sprachgewaltig, einige sind Historiker, Intellektuelle: Der New Yorker Historiker Abraham Ascher verfasste erst vor wenigen Jahren eine Pionierstudie zu der Geschichte der Breslauer Juden, Anita Lasker-Wallfisch sprach wenige Tage nach ihrer Befreiung in Bergen-Belsen einen der ersten Berichte für das britische Radio – sie sind gewohnt zu sprechen. Andere sind stiller, verstummen immer wieder, ihnen ist die Qual und Trauer über Erlittenes deutlich anzumerken.
Einige Male habe ich auf »bessere«, vielleicht kenntnisreichere Fragen gewartet. Ist das ungerechtfertigt? Die Interviews sind von allen Interviewten gegengelesen worden, erzählt Dirk Szuszies bei einer Vorführung im Regenbogen-Kino in Berlin Kreuzberg. Nicht alle Fragen wurden beantwortet, mit einigen wird Mensch wärmer, andere sind zurückhaltender. Es ist im Film auch sehr spürbar, wie unterschiedlich die persönliche(n) Geschichte(n) von den Porträtierten »bearbeitet« wurden.
Das führt zurück zu der Dringlichkeit, die den Film gezwungenermaßen durchzieht. Die betagten und letzten Zeitzeuginnen werden bald sterben, nicht gestellte Fragen können nicht mehr gestellt werden. Auch das wird beim Anschauen des Films klar. Darüber hinaus fehlt einer kleinen unabhängigen Produktion Zeit und Geld. Es bleibt das Gefühl, mehr erfahren zu wollen, und dass noch vieles fehlt. Dirk Szuszies hat angekündigt, dass im Herbst weiteres Interviewmaterial veröffentlicht wird. Darauf bin ich sehr gespannt.
Im Übrigen ist es dem Film anzumerken, dass sich die Filmemacher dem Staat Israel, dem Staat der Überlebenden des Holocaust, in dem viele der Porträtierten heute leben, auf eine für sie neue Art annähern. Das hat Dirk Szuszies im Filmgespräch auch bestätigt.
Fazit: Ein wichtiger Film, teilweise ein schöner Film, manchmal ein ärgerlicher Film, eher »work in progress« als fertiggestellt. Reingehen, angucken, die Filmemacherinnen einladen und diskutieren.

 

Wir sind Juden aus Breslau, Deutschland 2016, Regie: Karin Kaper und Dirk Szuszies, 107 Minuten
Karin Kaper Film GbR, Naunynstr.41a, 10999 Berlin
Tel: +49 30 61 50 77 22,
Mail: kaperkarin@web.de,
www.judenausbreslaufilm.de

Mach weiter so, Alter

14. März 2017

Die Aktionen, Performances und Bilder von Günter Wangerin

Zwölf braune Bänke insgesamt. Nicht gerade die neuesten. Zwar wirken sie noch recht stabil, aber einige Jahrzehnte haben sie, so wie sie aussehen, wohl schon auf dem Buckel. Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts? Könnte vielleicht passen – dafür spräche auch die Frakturschrift auf den Schildern, die mittig an den Lehnen angebracht sind. Auf den deutschsprachigen Schildern zumindest. Die Beschriftungen variieren, es gibt sie in diversen Sprachen und Zeichen. Der Inhalt ist identisch: »Nur für Deutsche ohne Migrationshintergrund«. Wobei die Wortschöpfung »Migrationshintergrund« wesentlich jüngeren Datums ist, wie wir alle wissen. Das rückt diese Bänke wieder in unsere Jetztzeit. Aufgestellt hat das Sitzmöbel-Ensemble mehrere Male in den vergangenen Monaten der Münchner Künstler Günter Wangerin. Das Banken-Arrangement war an unterschiedlichen Orten in der bayerischen Landeshauptstadt zu sehen. Bevorzugt in der Innenstadt, dort, wo viele Leute vorbeikommen. Stets waren die Präsentationen verbunden mit Hinweisen auf das von der Bayerischen Staatsregierung konstruierte und CSU-mehrheitlich im Landtag beschlossene »Integrationsgesetz«. Ein Gesetzeswerk, das dem beinahe zeitgleich auf Bundesebene entstandenen juristischen »Integrations«-Text doch noch einiges voraus hat. »Völkisches« betreffend und Demokratie- und Grundrechte-Abbau. Nicht zuletzt gehören dazu Sanktionsdrohungen, die sich im bayerischen Gesetz nicht allein gegen unwillkommene Ausländer richten. Sondern auch gegen Eingeborene und »Zuagroaste« aus anderen deutschen Binnenländern, sollten diese die eine oder andere im Text aufgeführte »leitkulturelle« Ordnungsvorstellung nicht akzeptieren wollen. Der Künstler Günter Wangerin ist 1945 geboren. Hauptberuflich war er nach Schule und Medizinstudium längere Zeit als Arzt tätig, begann aber bereits Ende der 1960er-Jahre, sich aktiv in bild- und aktionskünstlerischen Umfeldern zu engagieren. Ende der 70er- und in den 80er-Jahren etwa als Mitgestalter jener auf Bertolt Brechts Gedicht »Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy« fußenden Straßeninszenierungen und Polit-Prozessionen, an deren Öffentlichkeitswirksamkeit in der damaligen BRD auch Brecht-Tochter Hanne Hiob als Rezitatorin wichtigen Anteil hatte. Wangerin entwickelt in dieser Zeit kostüm- und maskenbildnerische Fertigkeiten, die bei seinen Kunstaktionen bis heute eine wichtige Rolle spielen. Vor ziemlich genau einem Jahr haben wir hier über solch eine Aktion berichtet, die da gerade ein gerichtliches Nachspiel gefunden hatte: Günter Wangerin mit selbst gefertigter Gauck-Maske als Präsidenten-Double mit umgehängtem riesigen Eisernen Kreuz beim Bundeswehr-Beförderungsappell vor dem Schloss Nymphenburg in München. Bundeswehr-Feldjäger bringen ihn zu Fall, sistieren ihn höchst unsanft. Das Verfahren gegen den Künstler wird im März 2016 eingestellt. Der künstlerische Auftritt, die Reaktionen darauf, das Medienecho: Der beabsichtigte Protest gegen zunehmende Militärspektakel in öffentlichen Bereichen, damit verbunden gegen Auslands- und geplante Inlandseinsätze deutscher Soldaten, hat zweifellos seine Wirkung gehabt. Auf solche Wirkungen setzt Günter Wangerin in allen Kunst- und Darstellungsformen, derer er sich bedient – ob Grafik oder Montage, Gemälde oder Bildhauerisches, Objekte, Installationen bis hin zur Performance, die einem, wie beim Gauck-Auftritt, auch »Fixierungen durch kontrollierte Nasenhebel« und andere schmerzhafte von »Ordnungskräften« beigebrachte Reaktionen bringen kann. Verständlich, wenn auch schade, dass der Künstler manchmal zu meinen scheint, diese oder jene seiner Botschaften müsse ab und zu auch »per Holzhammer« vermittelt werden. Aber vielleicht sehe ich das ein wenig zu abgehoben… Seine Homepage (https://guenterwangerin.jimdo.com/) hat Wangerin unter das Motto »Kunst in Zeiten der Barbarei« gestellt. Seit geraumer Zeit stellt er auch Zeichnungen und Gemälde aus, wenn sich Ausstellungsmöglichkeiten ergeben. Und er merkt an zu diesen Werken, zu denen auch die hier abgebildete 2013 entstandene »Strandlandschaft« gehört, die das Berliner Reichstagsgebäude (zu Recht) extrem nah an eines der zahllosen Flüchtlingsdramen rückt: »Meine Malweise ist ›konservativ‹. Anders gesagt: mein Stil ist eigentlich überholt, altmodisch, wenn man so will. Das spüre ich an den Reaktionen vor allem junger Betrachter. Manchmal glaube ich eine Spur Mitleid in ihrem Blick zu erkennen, was bedeuten könnte‚ ›der stammt aus einer anderen Zeit‹. Wenn ich nicht engagiert wäre – dass ich es bin, erfüllt sie, die Gleichgesinnten, mit einer gewissen Sympathie – würden sie mich wahrscheinlich gar nicht wahrnehmen. So aber klopfen sie mir auf die Schulter im Sinne von ›Mach weiter so, Alter…‹ Es stört mich nicht…« Ernst Antoni »Daran kann ich mich aus heutiger Sicht nicht mehr erinnern«: Unter diesem Titel ist bis zum 20. April eine Ausstellung mit Skizzen aus dem NSU-Prozess von Günter Wangerin im Münchner »Kulturhaus Milbertshofen«, Curt-Mezger-Platz 1, zu sehen. Vernissage mit einer Einführung von Robert Andreasch von NSU-Watch am Samstag, 11. März, 19 Uhr. Öffnungszeiten 12 – 18 Uhr (außer Montag)

Titel Rückseite – „We the people“

14. März 2017

Shepard-GreaterThanFear

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