Marke Speer vom Markt?

geschrieben von Ernst Antoni

13. Juli 2017

Ausstellung in Nürnberg und neues Buch machen Hoffnung

 

Wer in die Halle im Dokumentationszentrum des ehemaligen »Reichsparteitagsgeländes« eintritt – elf Meter hoch und breit, 40 Meter lang – steht vor einer begehbaren Installation. Ein nach oben offener Pavillon. Die Außenwände gebildet aus fünf riesigen Buchstaben. Darauf Fotografien: Immer wieder ein Mann, mal in Uniform, öfter in Zivil. An seiner Seite Persönlichkeiten eines einst öffentlichen Lebens. Unübersehbar der mit dem Bärtchen.

»Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit«, heißt die Ausstellung über den, der nicht nur dieses schließlich unvollendet gebliebene Areal für Nürnberg, die »Stadt der Reichsparteitage«, entworfen hatte, sondern in den zwölf Jahren des geplanten »Tausendjährigen Reiches« führender Architekt bleiben sollte. Auch im übertragenen Sinne. Nicht zuletzt als Rüstungsminister.

Großbuchstaben bilden das Gerüst der Installation. S, P, E, E und R.: SPEER. Sie springen uns auch weiter ins Auge, wenn wir den »Empfangs-Pavillon« verlassen haben. In diesem gab es die Hauptperson im O-Ton, Lese-, Anhör-, Anschauungsstoff, Text-, Film- und Tondokumente. Vieles blieb da noch ins Halbdunkel getaucht, Orientierungshilfe gefragt…

Die folgt, bringen Besucherinnen und Besucher die notwendige Zeit und Geduld mit. In der Ausstellungshalle wartet ein Tisch-Geviert, an dem manches, was eingangs zu erahnen war, nun deutlicher präsentiert wird. Ausführlich wird dokumentiert, wie Bewohnern der damaligen Bundesrepublik (und nicht nur diesen) von der Mitte der 60er-Jahre an beinahe bis heute ein entscheidender Protagonist der NS-Herrschaft als »Gewandelter« verkauft werden konnte. Als einer, der unwillentlich ins Räderwerk des Regimes eingebunden wurde. Als einer, den 20 Jahre Haft durch die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition in Spandau so geläutert hätten, dass er nun unbedingt Zeugnis ablegen wollte. Als Beinahe-Helden gar, der – vergeblich – versucht habe, dem Regime aktiv entgegenzutreten.

Buch-Neuerscheinung zum Thema: Magnus Brechtken, Albert Speer. Eine deutsche Karriere, Siedler Verlag München, 912 S., 40 Euro

Buch-Neuerscheinung zum Thema:
Magnus Brechtken, Albert Speer. Eine deutsche Karriere, Siedler Verlag München, 912 S., 40 Euro

Die auskragenden Rahmen des Tisch-Rechtecks, vor dem wir uns nun befinden, sind »Büchertische«. Hier liegen anschaulich nebeneinander aufgereiht viele mit gefälligen Schutzumschlägen versehene Hardcover-Editionen. Dazwischen auch der eine oder andere Taschenbuch-Titel, der diesen folgte. Auf den Umschlägen lesen wir, meist in Großbuchstaben gesetzt, den Namen. Das Erlebnis vom Eintritt ins Ausstellungsgebäude wiederholt sich. SPEER bleibt Logo. Auch dann, wenn der so Präsentierte gar nicht Autor des Werks ist sondern nur Interviewpartner ist oder Porträtierter.

Ein »Markenname«. SPEER stand (und steht?) für etwas, was nicht nur kommerziell bedeutsam war: Für »Authentisch-Historisches«, »Informationen aus erster Hand«. Und für: »Wir waren es doch nicht, sondern nur der Hitler und ein paar Obernazis«. Für »Da-konnte-man-halt-nichts-machen« und »Wir-haben-immer-das-Beste-gewollt«. Für späte »Persilscheine«, ausgestellt von einem von »ganz oben«, der nun »gesühnt« hatte.

Das funktionierte nicht nur »daheim«. In den USA etwa oder in Großbritannien – auch das zeigt die Ausstellung – wurde Speer präsentiert als »the good Nazi«. Dies in »Kalte-Kriegs«-Muster einzuordnen ist bestimmt nicht falsch – ausreichend ist es nicht, sieht man, wer diesem Konstrukt alles auf den Leim gegangen ist.

Umso verdienstvoller ist der mit der Ausstellung und auch mit der kurz nach deren Eröffnung erfolgten Publikation der neuen Biographie »Albert Speer. Eine deutsche Karriere« von Markus Brechtken eingeleitete Versuch einer nun endgültigen »Entzauberung« der »Marke Speer«. Im Inneren des Nürnberger Bücher-Gevierts sind Zitate von Zeitgenossen zu lesen, als der »Speer-Hype« vom FAZ-Mann und »Hitler-Spezialisten« Joachim C. Fest und vom Verleger Wolf Jobst Siedler (damals beim Springer-Ableger »Propyläen«) angeschoben wurde. Kritischen Stimmen – u.a. der Auschwitz-Überlebende und Autor Jean Améry oder der Psychologe Alexander Mitscherlich – waren da erschreckend in der Minderheit.

Wer sich in die Info-Monitore der Schau versenkt, kann von heutigen Forscherinnen und Forschern (Isabell Trommer, Jörn Düwel, Bertrand Perz, Jens-Christian Wagner, Susanne Willems, Matthias Schmidt und Heinrich Schwendemann) und auch von Heinrich Breloer (seinen TV-Film »Speer und Er« betreffend) einiges lernen, wie der »Speer-Fake« lanciert, etabliert und jahrzehntelang haltbar gemacht werden konnte. Und welch bedeutende Rolle dieser Speer im Massenmordsystem des NS-Regimes tatsächlich gespielt hat.

Die Ausstellung ist noch bis zum 26. November 2017 in der Großen Ausstellungshalle des Dokumentationszentrum Reichsparteigelände, Bayernstraße 110, 90478 Nürnberg zu sehen. Katalog: Michael Imhof Verlag, 88 S., 9,80 Euro

Der alte Auschwitz-Täter

geschrieben von Axel Holz

13. Juli 2017

Winterjagd: Ein Film über die Nachwirkung faschistischer Verbrechen

 

Einen Konflikt zur Nazivergangenheit über drei Generationen hinweg hat ein Psychothriller der ZDF-Nachwuchsredaktion »Das kleine Fernsehspiel« zum Gegenstand. Er wurde mit großer Resonanz Anfang Mai auf dem Schweriner Filmfest gezeigt und wird voraussichtlich im Herbst 2017 im ZDF zu sehen sein. Nach dem Drehbuch von Daniel Blickermann und Astrid Schult führte die Autorin Astrid Schult selbst Regie, die bereits durch ihren engagierten Film »Colonia Dignidad« über einen chilenischen Ort des Schreckens bekannt wurde.

Der Film kommt mit vier Schauspielern aus, darunter Carolyn Genskow sowie Michael und Elisabeth Degen. Die 25-jährige Lena (Carolyn Genskow) verschafft sich Zutritt zu dem einsam gelegenen Haus des über 90-jährigen Unternehmers Anselm Rossberg (Michael Degen). Rossberg ist ein angesehener Unternehmer der Schwerindustrie, die sich nach dem Krieg nicht nur seiner Auschwitztäterschaft entledigen konnte, sondern auch als Industrieller in Spitzengremien Karriere machen konnte. Anselms Tochter (Elisabeth Degen) leugnet nach dem Eindringen von Lena in das einsame Schloss des 90-Jährigen die Anwesenheit ihres Vaters, dessen Auschwitz-Vergangenheit gerade durch die Medien geht, und versucht, die junge Frau abzuwimmeln. In typischer Weise wurde der 90-Jährige gerade in einem Prozess von jeglicher Schuld freigesprochen. Das ist der Grund, warum Lena, die Enkelin einer Auschwitzüberlebenden, Rossberg zur Rechenschaft ziehen will.

Michael Degen und Carolyn Genzkow in Winterjagd

Michael Degen und Carolyn Genzkow in Winterjagd

Als Lena dann Rossberg im Haus findet, mit einer Waffe bedroht und eine schreckliche Anklage erhebt, stehen alle drei vor einer schwierigen moralischen Entscheidung. Denn im erzwungenen Gespräch mit dem Auschwitztäter zeigt sich nicht nur, dass sich dieser keiner Schuld bewusst ist und jegliche Verantwortung ablehnt, sondern auch, dass sich das Leid der Opfer über die nachfolgenden Generationen fortsetzt. Während Lenas Großmutter über den Freispruch des Täters Rossberg verbittert stirbt, hat sich deren Sohn in der Folge der KZ-Erlebnisse seiner Mutter bereits vor Jahren das Leben genommen.

Für den Zuschauer stellt sich die Frage, ob die Enkelin nach ihren Schießübungen im Wald Rache nehmen will, die Wahrheit erfahren möchte oder ein Schuldgeständnis des Täters erzwingen will. Diese Konstellation erinnert sehr an Jurek Beckers »Bronsteins Kinder«, der als Kind die KZ Ravensbrück und Sachsenhausen überlebt hatte und im Buch selbst Hand an die Täter anlegt.

Der Regisseurin gelingt es überzeugend, die Spannung zwischen den Akteuren zu erhalten und die Motive der Beteiligten schrittweise herauszuarbeiten. Lange bleibt im Dunkeln, ob Anselm Rossberg tatsächlich Täter ist, ob Anselms Tochter ihren Vater im Wissen um dessen Verbrechen schützt oder selbst von dessen Unschuld überzeugt ist, ob Lena gegen die ungerechte Nazi-Rehabilitation revoltiert oder ob noch mehr dahinter steckt. Davon kann sich der Zuschauer im Film persönlich ein Bild machen. Besonders beindruckend ist, wie das Vater-Tochter-Verhältnis im Film durch Michael Degen und dessen Tochter Elisabeth Degen dargestellt werden. Die grausame persönliche Verstrickung dreier Generationen in Schuld und Last, die bis heute fortwirkt, macht den Film besonders wertvoll. Die Lebenssituation und Abhängigkeitsverhältnisse dreier Genrationen von Tätern und Opfern werden idealtypisch von einer jungen Nachwuchsregisseurin zu einer spannenden Geschichte verwoben. Das ist ein interessanter Ansatz, um mit einer persönlichen Erzählung junge Leute zu den Verbrechen des deutschen Faschismus anzusprechen, die von diesem Geschehen mittlerweile Generationen entfernt sind. Der Film ist ein gelungenes künstlerisches Werk, um die moralischen Dimensionen von Schuld und Verantwortung über die faschistischen Verbrechen und den notwendigen Umgang damit auf moderne Weise zu vermitteln.

Er hat für das Schweriner Filmfest aber noch eine besondere Bedeutung, denn parallel zur Filmpräsentation stockt in Neubrandenburg seit Monaten ein Prozess gegen einen Auschwitz-Täter, der wie im Film angeblich nur ein Schreibtischtäter war. Es bleibt zu hoffen, dass die Wende in der juristischen Bewertung der persönlichen Schuld von Nazi-Tätern, wie sie nach dem Demjanjuk-Prozess eingesetzt hat, auch in Neubrandenburg ankommen wird.

»Banditi e ribelli«

geschrieben von Markus Tervooren

12. Juli 2017

Die italienische Resistenza 1943-1945 »Banditi e ribelli«

Die italienische Partisanenbewegung war nach der jugoslawischen die zweitgrößte in Westeuropa, Zehntausende kämpften bewaffnet gegen Faschismus, deutsche Besatzung und Krieg. Eine neue Wanderausstellung vom Geschichtsinstitut Istoreco aus Reggio Emilia und CultureLabs aus Berlin hat ihr kein weiteres Denkmal gesetzt, sondern zeigt detailliert auf, was damals wie und warum passiert ist.

Die sehr schöne, gestalterisch mehr als gelungene Ausstellung stützt sich auf 58 Tafeln und vor allem auf 120 Bilder, sie ist fotodokumentarisch und mit sehr kurzen prägnanten Texten versehen – eine Gestaltung die bestens funktioniert.

Die nächsten Ausstellungstermine sind vom 1. bis 20. September 2017 in Göttingen und vom 1.bis 22. Oktober 2017 in Hamburg.

Die nächsten Ausstellungstermine sind vom 1. bis 20. September 2017 in Göttingen und vom 1.bis 22. Oktober 2017 in Hamburg.

Der italienische Historiker und Chronist des bewaffneten Widerstands gegen den Faschismus, deutsche Besatzung und Krieg in Italien, Santo Peli, Verfasser etlicher Bücher über die GAP, die antifaschistischen Stadtguerilla und die Resistenza, hat seine jahrzehntelangen Forschungen auf kurze Textblöcke von nicht mehr als 600 Zeichen reduzieren müssen. Das ist ihm in Zusammenarbeit und als Mitglied des Kollektivs der Ausstellungsmacherinnen und Steffen Kreuseler, der die Texte ins Deutsche übertragen hat, hervorragend gelungen.

Es sei für ihn eine große Herausforderung gewesen, nach Jahren als wissenschaftlicher »Einzelkämpfer« an der Universität von Padua, erzählt er bei der Eröffnung der Ausstellung in Berlin.

Drei Thesen ziehen sich durch die chrono-logisch aufgebaute Ausstellung. Die ribelli waren überwiegend sehr jung und schlossen sich zumeist spontan und aus unterschiedlichen Gründen den Gruppen der Resistenza an. Gemeinsam war ihnen aber eines, sie wollten leben, überleben, besser leben. Und das ging nur im bewaffneten Widerstand gegen den Faschismus.

Die Grundvoraussetzung für den Erfolg der Resistenza war die militärische Niederlage Italiens und der Waffenstillstand mit den USA und Großbritannien, den Marschall Badoglio am 8. September 1943 verkündete. Am gleichen Tag besetzten die Deutschen das Land ihres ehemaligen Achsenpartners Italien. Mussolini war bereits im April 1943 abgesetzt und verhaftet worden.

Die Organisatoren des Widerstands, der in einen Aufstand mündete, waren tausende erfahrene linke militanti, die sich auch nach 20 Jahren faschistischer Diktatur ihre klandestinen Organisationsformen bewahren konnten und nach dem Sturz Mussolinis aus dem Gefängnis oder der Verbannung freikamen oder aus dem Exil zurückkehrten.

So beginnen die »20 Monate«: von den ersten Streiks, Massendesertationen aus der italienischen Armee und bewaffneten Anschlägen auf die deutschen Besatzer, hin zu befreiten Gebieten und offenen militärischen Kampf gegen die deutsche Armee und faschistische Milizen bis zum 25. April 1945, dem Tag der Befreiung.

Der chronologische Aufbau der Ausstellung schildert das erst allmähliche, dann immer schnellere Schwinden der Unterstützung der 20 jährigen faschistischen Diktatur durch die italienische Bevölkerung. Soldaten die sich zuvor durchaus als Profiteure des Regimes fühlen konnten, wollten sich nach dem Beginn der Invasion der Alliierten in Süditalien und der Kapitulation des Königs nicht mehr in die Truppen der faschistischen »Sozialrepublik« von Deutschlands Gnaden pressen lassen. Der Krieg stand jetzt im eigenen Land. Zuvor hatten schon massive Lohnkürzungen, massive Ausbeutung, Hunger in den Städten, verbunden mit den beginnenden Bombardierungen der Alliierten, zu massenhaften Aufkündigungen des faschistischen Konsens geführt. Überwiegend kommunistische Aktivisten organisierten seit Frühjahr 1943 eine Streikwelle und gaben damit Orientierung für die gleichgeschalteten Arbeiter. Später demonstrierten die Aktionen der Stadtguerilla das Ende der Ohnmacht. Kommunistische, sozialistische, anarchistische, teils auch konservative Partisanengruppen auf dem Land und in den Bergen im Norden Italiens boten Deserteuren Zuflucht und jungen Leuten die Chance, ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen, den konservativen Elternhäusern zu entfliehen und sich auszutauschen.

Den jüdischen Italienerinnen und Italienern gab es zudem die Möglichkeit, den Nazis mit der Waffe in der Hand entgegenzutreten. Dokumentiert sind auch die brutalen, mörderischen Reaktionen der italienischen Faschisten und der deutschen Besatzer, die meisten Mörder waren im gleichen Alter wie die Aufständischen.

Die Ausstellung bietet spannende Aufklärung, konzentriertes Geschichtswissen, aber auch ganz einfach ein ästhetisches Vergnügen. So locker und klar wird Widerstandsgeschichte selten vermittelt. Toll auch der Katalog: In sieben hübschen Heften kann man die Texte und Bilder mit nach Hause nehmen.

 

»Da habe ich den Unterschied tatsächlich begriffen. Zuhause wäre es unmöglich gewesen, bei einem Mann zu schlafen« erinnert sich »Laila« Anita Malavasi lächelnd an ihren ersten Tag in einer bewaffneten Partisaneneinheit. »Wir haben die ganze Nacht geredet. Was wussten wir denn von Politik, im Faschismus war sogar diskutieren verboten.«

Die nächsten Ausstellungstermine sind vom 1. bis 20. September 2017 in Göttingen und vom 1.bis 22. Oktober 2017 in Hamburg.

Die Ausstellung kann und möchte möglichst oft ausgeliehen und gezeigt werden. Kontakt: Istoreco Via Dante Alighieri 11, 42121 Reggio Emilia / Italy : +39 0522 437327 info@banditi.org

 

Unter http://www.banditi.org/ finden sich auch Partisan*inneninterviews.

Wie Statisten Henker wurden

geschrieben von Ernst Antoni

12. Juli 2017

Alfred Hrdlickas großer 20.Juli-Bilder-Zyklus in München

Der unmittelbare »Lokalbezug« stellt sich beim Betrachten des Blattes 28 aus dem Radierungs-Zyklus »Wie ein Totentanz« her, den der österreichische Bildhauer und Grafiker Alfred Hrdlicka 1974 zum Thema 20. Juli 1944 geschaffen hat. Nicht als »Heldenehrung« gedacht, seien diese Bilder, »bei allem Respekt für jene Männer, die es wagten, sich gegen ein barbarisches Regime zu erheben«, vielmehr, hielt der Künstler fest, sollen sie eine »Warnung vor falschen Leitbildern« beinhalten.

Die 53teilige Bildfolge ist seit einigen Wochen nun erstmals vollständig in der ehemaligen Nazi-»Hauptstadt-der-Bewegung« zu sehen, im NS-Dokumentationszentrum in München.

Chile 1974, 505 x 5698 mm, Ätzung, Kaltnadel, Mezzotinto geschabt und Stichel auf Kupfer. Leihgeber der Zyklus-Bilder: Museum Morsbroich Leverkusen

Chile 1974, 505 x 5698 mm, Ätzung, Kaltnadel, Mezzotinto geschabt und Stichel auf Kupfer.
Leihgeber der Zyklus-Bilder: Museum Morsbroich Leverkusen

Das Blatt 28 (500 x 651 mm, Aquatinta geschabt, Kaltnadel und Wiegemesser auf Kupfer) trägt den Titel »Vom Todeskult zur Todesfabrik«. Wie viele der Exponate ist es ein sehr dunkles Bild, das nahes Herangehen erfordert. Links unten sehen wir Menschen vor einem Krematoriumsofen, am rechten Bildrand eine Soldatenfigur mit Stahlhelm und darüber eine rauchende »Opferschale«.

Winfried Nerdinger, Direktor des Dokumentationszentrums, schreibt im Katalog: »Das Blatt (…) bezieht sich auf den Königsplatz, den Ort, an dem in der NS-Zeit der ›Totenkult‹ der Nationalsozialisten zelebriert wurde, und der heute im benachbarten NS-Dokumentationszentrum München an zentraler Stelle erläutert wird. Auf dem Königsplatz fand alljährlich am 9. November ein pseudoreligiöses Ritual statt, bei dem die Namen der beim Putschversuch 1923 erschossenen sogenannten ›Blutzeugen‹ und ›Märtyrer‹ aufgerufen wurden, worauf die aufmarschierte Menge wie beim Appell ›Hier‹ brüllte. Diese Einübung in das Sterben für Hitler wird bei Hrdlicka parallelisiert mit den ›Todesfabriken‹ und er zeigt den Zusammenhang zwischen NS-Ideologie und rassistischer Volksgemeinschaft, sowie die Folgen auf: ›(…) aus den Statisten der Weihefestspiele waren Henker geworden‹.«

Das vollständige Hrdlicka-Zitat hängt beim ausgestellten Bild – und dieses Prinzip, die jeweiligen Einzelkommentare des Künstlers all seinen Blättern beizugeben, macht die Ausstellung besonders aufschlussreich. Hat Alfred Hrdlicka (1928–2009) doch, als er in den 70er-Jahren den Zyklus schuf, damit einen ganz großen Bogen gespannt. Beginnend beim Preußen Friedrichs des Großen und schließlich mit dem Blatt »Chile 1974« den Zyklus beendend. Manchmal sind die Anmerkungen des Künstlers sehr eigenwillig, ebenso wie die Auswahl der jeweiligen Radierungs-Themen, und zeugen, trotz der realistisch-unverstellt wiedergegebenen Gewaltakte, oft von der ironischen Distanz, die der Künstler ebenfalls einzusetzen verstand (Blatt 1 etwa, Aquatinta geschabt: »Casanova am Hof Friedrichs des Großen«). »1746«, heißt es im ersten Satz dazu, »besuchte der Erzzivilist Casanova den modernsten Militärstaat Europas, Preußen,…«

»Militarismus«, so formulierte es Winfried Nerdinger bei einer Führung durch die Ausstellung, sei für Hrdlicka »das Entscheidende, aus dem der Nationalsozialismus nur zu erklären ist.« Vor diesem Hintergrund gewinnen die Kommentartexte aus Künstlerhand noch einmal an Tiefe – und oft fällt einem beim Betrachten und Lesen etwas auf, was einem längst entfallen war. Beispiel »Chile 1974«: »Dreißig Jahre nach dem 20. Juli 1944«, schreibt Hrdlicka, »erregt die Anwesenheit eines Zivilisten in einer Militärdiktatur das Interesse der internationalen Presse. Es ist der als Kriegsverbrecher gesuchte ehemalige SS-Offizier Walter Rauff. In einer offiziellen Aussendung wird Rauff als Mitarbeiter der Geheimdienstabteilung DINA genannt. Diplomatische Vertreter Chiles dementieren, die Junta habe die Hilfe ausländischer Spezialisten nicht nötig, der ehemalige Einsatzleiter der Vergasungswagen und Kommandant deutscher Konzentrationslager (…) sei weiter nichts als Privat- und Geschäftsmann – Zivilist!«

Die Ausstellung ist bis 27. August zu sehen. Das NS-Dokumentationszentrum München, Brienner Straße 34, ist dienstags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Der Besuch der Sonderausstellung ist im Eintrittspreis von 5 Euro inbegriffen (ermäßigt 2,50 Euro, bis 18 Jahre frei). Außerdem gibt es ein Begleitprogramm: Details und Termine sind auf www.ns-dokuzentrum-muenchen.de zu finden.

Rückseite

12. Juli 2017

Wie ein Totentanz
Die Ereignisse des 20. Juli 1944

Wie ein Totentanz

Editorial

geschrieben von Regina Girod

6. Juni 2017

An diesem Wochenende, an dem wir die Mai-Ausgabe der antifa für den Druck vorbereiten, demonstrieren in Köln Tausende Antifaschistinnen und Antifaschisten gegen den Bundesparteitag der AfD, entscheiden die Wählerinnen und Wähler in Frankreich, ob ihre Republik künftig durch eine Präsidentin des Front National regiert werden kann und ist die Gefahr eines Krieges, den die USA im asiatisch-pazifischen Raum vom Zaun zu brechen drohen, so groß wie nie seit dem Koreakrieg Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Schwere Zeiten für alle, denen Frieden, Demokratie und ein menschliches Miteinander am Herzen liegen!
Trotzdem oder vielleicht sogar deswegen präsentieren wir uns in dieser Ausgabe besonders bunt und lebendig – mit großen Fotostrecken dokumentieren wir zwei Ereignisse der letzten Wochen, an denen viele von uns beteiligt waren. Auf den Seiten 8 und 9 geht es um die von VVN-BdA und FIR gemeinsam organisierten Proteste gegen den jährlich in Riga stattfindenden Gedenkmarsch für die lettischen Legionäre der Waffen-SS. Und unser um eine Seite erweitertes »Spezial« widmet sich auf den Seiten 12 – 16 der Festveranstaltung zum 70. Jahrestag der Gründung der VVN und dem sich anschließenden 6. Bundeskongress der VVN-BdA, die vom 29. März bis zum 1. April in Frankfurt/Main stattgefunden haben. Wer dabei gewesen ist, wird bestätigen können, dass die Freude und das Gemeinschaftsgefühl der Geburtstagsfeier, die wir zusammen mit vielen Weg- und Kampfgefährten begangen haben, auch auf die Atmosphäre des Kongresses ausstrahlten.
Im politischen Bericht an den Bundeskongress hieß es: »Unser originärer Beitrag zur Bekämpfung der AfD ist die neue Ausstellung ›Der Arm der Bewegung‹, die die Neofa-Kommission erarbeitet hat… Mit ihr wollen wir den Charakter der AfD, ihre vielfältigen Verbindungen in unterschiedliche rechte Milieus darstellen und auf politische Bedingungen verweisen, die ihr entgegenkommen.«
Wir stellen die Ausstellung auf den Bundesseiten dieser Ausgabe noch einmal vor und empfehlen ihren intensiven Einsatz in den nächsten Wochen.

Titelbild

6. Juni 2017

Günter Pappenheim (Mitte), als Jugendlicher selbst Häftling im KZ Buchenwald beim Gedenken am Ort des ehemaligen »Kinderblocks 8«, dessen Insassen die diesjährige Veranstaltung am Befreiungstag gewidmet war. Foto: W. Girod

Günter Pappenheim (Mitte), als Jugendlicher selbst Häftling im KZ Buchenwald beim Gedenken am Ort des ehemaligen »Kinderblocks 8«, dessen Insassen die diesjährige Veranstaltung am Befreiungstag gewidmet war. Foto: W. Girod

70 Jahre VVN – wir machen weiter!

geschrieben von Cornelia Kerth, Axel Holz

6. Juni 2017

Der 6. Bundeskongress der VVN-BdA tagte in Frankfurt am Main

70 Jahre VVN – das war ein Fest! Nach den vielen schönen »Geburtstagsfeiern« in den Bundesländern war unsere Frankfurter Festveranstaltung im vollen Haus Gallus sicher ein glanzvoller Höhepunkt und eine wunderbare Einstimmung auf den Kongress an den beiden folgenden Tagen. Einen kleinen Eindruck davon kann man auf den Seiten 12 und 13 dieser Ausgabe gewinnen. Unser Kamerad Gerhard Hallermayer aus Bayern hat zudem alle Reden und Kulturbeiträge gefilmt und inzwischen auf youtube eingestellt; die Links dazu gibt es auf unserer Homepage.
An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an die Kreisvereinigungen Frankfurt und Hessen-Süd und besonders an P. C. Walther und Norbert Birkwald, die nicht nur die Veranstaltung und den Kongress organisatorisch ermöglicht haben, sondern mit Sekt und Selters, selbst gebackenem Kuchen und einer Wein-Edition »70 Jahre VVN« Gästen und Delegierten ein warmes Willkommen bereitet haben.
127 Delegierte waren nach Frankfurt gekommen, dazu konnten wir 24 Gastdelegierte begrüßen. Nach den Berichten und der Entlastung des Vorstands war es ein emotionaler Moment, als unsere langjährige Schatzmeisterin Regina Elsner mit »standing ovations« verabschiedet wurde. Sie wird in Zukunft das Land Sachsen im Bundesausschuss vertreten und so an der weiteren Entwicklung unserer Vereinigung mitwirken.
Für die inhaltlichen Schwerpunkte des Kongresses konnten wir drei großartige Referenten gewinnen: Lühr Henken, einer der Sprecher des Kasseler Bundesausschuss Friedensratschlag informierte uns über die gigantischen Aufrüstungspläne der Bundeswehr. Helmut Kellershohn, Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) analysierte die Entwicklung der AfD, das gesellschaftliche Umfeld, in dem sie sich entwickelt und auf das sie Einfluss nimmt. Fabian Virchow, Leiter des Forschungsschwerpunkts Rechtsextremismus und Neofaschismus (FORENA) an der FH Düsseldorf verschaffte uns einen Überblick über die Entwicklung der völkischen Massenbewegung und beleuchtete dabei deren Entstehungsbedingungen und Organisationsformen und Zusammenwirken der verschiedenen Akteure der extremen Rechten.
Allen drei Referenten ist es gelungen, uns in kurzen 30 Minuten mit vielen Informationen und Erläuterungen wichtige Impulse für unsere Diskussionen und unsere Arbeit in den nächsten drei Jahren zu »liefern«. Die Delegierten waren offensichtlich sehr interessiert und haben eine hohe Konzentration aufgebracht. Wir werden vermutlich – wie von etlichen Delegierten gewünscht – die Beiträge als Broschüre veröffentlichen, um Delegierten und den Kreisvereinigungen eine weitere Beschäftigung damit zu ermöglichen.
Dies umso mehr, als das Format der Diskussion in kleinen Gruppen leider in diesem Fall nicht ideal war. Selbstkritisch ist festzustellen, dass wir sicher einen größeren Ertrag aus den Referaten gehabt hätten, wenn wir jedes einzelne im Plenum zur Debatte gestellt hätten oder drei Themenräume für die Diskussion mit den drei Referenten eingerichtet hätten. Für die Zukunft müssen wir aus dieser Erfahrung lernen, dass unterschiedliche Themen und Problemstellungen unterschiedliche Diskussionsformen verlangen.
Am Sonntag wurden die eingebrachten Anträge diskutiert und die Wahlen durchgeführt. Neben den wiedergewählten Vorsitzenden sowie Regina Girod, Ulrich Sander und Ulrich Schneider wurden zwei weitere Sprecher gewählt: Florian Gutsche (29) aus Berlin und Ulrich Stuwe (48) aus Bremen. Neuer Schatzmeister ist Andreas Schmiemann (22) aus Berlin.
Wir haben in der vergangenen Periode eine Reihe von Konflikten ausgetragen, die sich zumindest teilweise auch innerhalb der VVN-BdA gespiegelt haben. Die Wahlergebnisse zeugen aber durchaus von einer großen Zustimmung zur Arbeit des entlasteten Sprecherkreises und der von diesem vorgeschlagenen Kandidaten: alle wurden mit mindestens 80 % Zustimmung (100 von 125 abgegebenen Stimmen) gewählt. Das ist ebenso wie die einstimmige Verabschiedung des Leitantrags (bei 4 Enthaltungen) eine gute Voraussetzung für die gemeinsame Arbeit in den nächsten drei Jahren.
Cornelia Kerth, Axel Holz

Dr. Axel Holz und Cornelia Kerth wurden als Vorsitzende der VVN-BdA wiedergewählt
Die Referate, der politische Bericht und die beschlossenen Anträge sind auf unserer Homepage zu finden.

Läuft nicht mehr?

geschrieben von Janka Kluge

6. Juni 2017

Kopp Verlag stellt sein Internetportal ein

Obwohl der Kopp Verlag zu den großen und umsatzstarken Verlagen gehört, die AfD und Pegida-Anhänger mit Büchern versorgen, hat das Unternehmen jetzt sein Internetportal »Kopp-Online« eingestellt. Als erster Schritt war bereits vor Monaten die Kommentarfunktion auf der Seite geschlossen worden. Auf Nachfragen hat der Verlag eine Standardantwort verschickt, die aufhorchen lässt. In dem Brief heißt es: »Obwohl das Interesse an Kopp Online überwältigend groß war (in der Spitze weit über 600 000 Besucher pro Tag) hat uns leider die Unterstützung unserer Leser gefehlt.« Bereits im September 2015 hat der Verlag einen Aufruf veröffentlicht, in dem er im Falle fehlender Unterstützung die Einstellung der Internetseite angekündigt hat. Unterschrieben wurde der Aufruf von vielen Autoren und Autorinnen, die im Kopp Verlag veröffentlichen.
Ernüchternd war für den umtriebigen Verleger aus der schwäbischen Kleinstadt Rottenburg wahrscheinlich die Reaktion auf den Hilferuf. In dem Brief heißt es dazu, dass in einem Jahr gerade 6000.- Euro für die Internetseite gespendet wurden. Weiter heißt es: »Das reicht nicht einmal um die Seite eine Woche lang in der gewohnten Qualität zu betreiben.« Diese Zahl bedeutet hochgerechnet, dass der Verlag um die 300 000.- Euro für den Erhalt der Seite investiert hat.
Außerdem konnten die Käufer und Käuferinnen der Bücher aus dem Verlag zum großen Teil nicht dazu bewegt werden, ihre Bücher bei der an den Verlag angegliederten, Versandbuchhandlung zu bestellen.
Diese Entwicklung zeigt aber noch etwas anderes. Der Zugriff auf die Seiten vom Kopp Verlag erfolgte hauptsächlich aus dem Umfeld von Pegida-Demonstranten, AfD-Wählern und sogenannten »besorgten Bürgern«. Ihre Bindung zu einer Nachrichtenquelle scheint nicht so hoch zu sein, dass sie bereit sind, dafür Geld zu zahlen.

Was plant Frauke Petry?

geschrieben von Janka Kluge

3. Juni 2017

Die Kämpfe um den Kurs der Partei gehen in die nächste Runde

Die Delegierten und Teilnehmer des Parteitags der AfD in Köln wussten was sie Frauke Petry zu verdanken haben. Sie war seit dem Parteitag 2015 das Gesicht der Partei. Damals war sie noch die Gallionsfigur eines großen Teils von Parteimitgliedern, die Bernd Lucke die Gefolgschaft gekündigt hatten. Die Zahl von fast 2000 Mitgliedern, die Lucke gefolgt sind,konnte die Partei innerhalb weniger Monate wieder ausgleichen. Ihr traten nun noch mehr von jenen bei, die den völkischen, offen nationalistischen Kurs stärken wollten.
All das weiß Frauke Petry nur zu gut. Warum hat sie sich in Köln dann auf eine Auseinandersetzung um den Kurs der Partei eingelassen. In ihrem zu spät eingereichten »Zukunftsantrag« forderte sie, dass die AfD sich von der »Fundamentalopposition« verabschiedet und in Zukunft koalitionsfähig wird. Wenige Tage davor ließ sie bereits erklären, dass für sie die AfD nicht alternativlos ist und zog die Zusage, im Bundestagswahlkampf als Spitzenkandidatin zur Verfügung zu stehen, zurück. Damit der Antrag überhaupt diskutiert wird, war die Zustimmung der Mehrheit der Anwesenden nötig. Obwohl der Parteitag in NRW stattfand, dem Landesverband von Petrys Ehemann Markus Pretzell, war zu erwarten, dass diese Mehrheit nicht zustande kommt.
Der Antrag, Björn Höcke aus der AfD auszuschließen, der zwar vom Bundesvorstand gestellt wurde, aber von Petry und ihrem Mann vorangetrieben wurde, ist jetzt mehr als unsicher.
Das Verhalten von Petry/Pretzell deutet daraufhin, dass sie sich von der AfD trennen wollen, um eine eigene Partei zu gründen. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass sie diesen Schritt kurz vor der Landtagswahl in NRW und der Bundestagswahl gehen werden.

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