Kein »Ein-Buch-Autor«

geschrieben von Bernd Kant

1. März 2016

Eine politische Biographie über Bruno Apitz

 

»Jeder Schriftsteller hat sein Thema. Das meine ist der Antifaschismus, und ich betrachte seine literarische Gestaltung als eine wichtige und aktuelle Aufgabe unserer sozialistischen Literatur.« Dieses Bekenntnis formulierte Bruno Apitz (1900 – 1979) im Jahr 1966 in der Zeitschrift »Neue Deutsche Literatur«. Sein Ziel war »eine neue moralische Qualität unserer Jugend« zu fördern. Und er leistete dazu mit dem Buchenwald-Romans »Nackt unter Wölfen!« und der eindrucksvollen Skulptur »Das letzte Gesicht« wichtige Beiträge.

Lars Förster, Bruno Apitz, eine politische Biographie, 250 S., be.bra wissenschaft Verlag, Berlin 2015, 36,00 €

Lars Förster, Bruno Apitz, eine politische Biographie, 250 S., be.bra wissenschaft Verlag, Berlin 2015, 36,00 €

Doch über den Autor und Künstler selbst, über das politische, schriftstellerische und künstlerische Schaffen dieses Antifaschisten und Buchenwald-Häftlings, ist heute wenig bekannt. In der öffentlichen Wahrnehmung gilt er vielfach als »Ein-Werk-Autor«, obwohl er mehrere Romane, Erzählungen und zahlreiche Essays verfasst hat, selbst wenn manche davon erst spät, teilweise nach seinem Tod, veröffentlicht wurden. Und in der Wahrnehmung des Literaturbetriebes der alten BRD war Apitz darüber hinaus noch als »linientreuer« Autor negativ vorbelastet, da er trotz aller eigenen negativen Erfahrungen unbeirrt zur DDR und der Idee des Sozialismus stand – also kein »Regimekritiker« oder »Freigeist« war, mit dem man sich in der BRD gerne schmücken konnte.

Lars Förster hat mit seiner 2014 beendeten Doktorarbeit nun eine Informationslücke geschlossen. Auf der Basis umfänglicher Quellenarbeit und ausführlicher Gespräche mit Marlis Apitz, der Witwe von Bruno Apitz, und zahlreichen Freunden und Weggefährten gelang es ihm, eine fundierte, aber gleichzeitig empathische Biographie zu verfassen, die den Schriftsteller als politischen und privaten Menschen in seiner ganzen Vielschichtigkeit erfasst.

Förster schildert den politischen Werdegang von Apitz in der Kaiserzeit und der Weimarer Republik, wie er als Jugendlicher aus dem proletarischen Milieu kommend zum revolutionären Sozialisten wird, der wegen seiner Kriegsgegnerschaft ins Gefängnis geworfen wird. Für Apitz war die Novemberrevolution ein Versprechen auf eine bessere Zukunft, so dass er sich in der Weimarer Republik in der KPD engagierte und in Leipzig eine Agitprop- Gruppe aufbaute. Als die Faschisten an die Macht gelangten, organisierte er gemeinsam mit anderen eine illegale Widerstandszelle. Er wurde verhaftet, angeklagt und zu Zuchthaushaft in Waldheim verurteilt. Förster beschreibt diese Periode der Entwicklung zwar mit dem Wissen der heutigen Zeit, aber er hält sich mit bewertenden Urteilen über die Überzeugungstreue der damaligen Antifaschisten erfreulich zurück. Für ihn steht die Bereitschaft, sich für die Ideen einzusetzen, im Vordergrund.

Am 4. November 1937 wurde Apitz mit der Häftlingsnummer 2417 in das KZ Buchenwald verschleppt. Förster nimmt als wichtige Quelle den Tatsachenbericht: »Das war Buchenwald«, den Rudi Jahn 1946 im Auftrag der KPD Leipzig zusammengestellt hatte. Apitz hatte dazu mehrere Beiträge beigesteuert. Apitz hatte im Kommando Bildhauerei eine relativ ruhigere Arbeitsstelle. In das Kommando Pathologie verlegt, nutzte er die Möglichkeiten des Büros, um auch schriftstellerisch tätig zu werden. Manche seiner Texte konnte er bereits im Lager vortragen. Auf der »Liste der 46« stehend, von der SS gesucht, wurde Apitz im April 1945 vom ILK versteckt und konnte bis zur Selbstbefreiung überleben.

Nach der Zerschlagung des Faschismus vertrat er eine ganz eigene »Kollektivschuld-These«: »Wir müssen der Welt beweisen, daß wir in jeder Beziehung mit dem Faschismus und Militarismus und seiner Ideologie gebrochen haben.« In diesem Sinne setzte er sich für den Aufbau des Sozialismus in der DDR ein. Förster zeichnet das Verhältnis von Apitz zu seiner Partei und der DDR-Staatsführung kritisch und offen nach. Selbst bei der Herausgabe des Romans »Nackt unter Wölfen« gab es zahlreiche Einsprüche und Vorbehalte, auf die sich Apitz zähneknirschend eingelassen habe. Interessant ist auch die Perspektive auf den politischen Umgang der BRD mit Apitz. Als er im Oktober 1962 auf Lesereise unterwegs war, wurde er in Dortmund von der Polizei verhaftet und wegen »fehlendem Visum« in die DDR abgeschoben – und das, obwohl die BRD zu dieser Zeit die Existenz der DDR überhaupt nicht anerkannt hatte.

Lars Förster ist mit dem vorliegenden Band eine einfühlsame und sehr solidarische Biographie eines großen Antifaschisten gelungen.

Der letzte Zeuge

geschrieben von Thomas Willms

1. März 2016

Zum Tod von Samuel Willenberg

Mit Samuel Willenberg starb am 19. Februar im Alter von 93 Jahren der letzte Überlebende des Vernichtungslagers Treblinka. Damit endet die konkrete Erinnerung an eine der furchtbarsten Einrichtungen, die von Deutschen erdacht und bis zum bitteren Ende in Funktion gehalten wurden. Gleichwohl ist sie im Land der Erinnerungsweltmeister genauso weitgehend unbekannt wie Sobibor und Belzec, die anderen Vernichtungsstätten der unter dem Namen »Aktion Reinhard« betriebenen Einrichtungen zur Ausrottung aller Jüdinnen und Juden Polens. Dies fällt besonders im Kontrast zu »Auschwitz« auf, einem Ort, den jeder kennt (wirklich?), über den es eine riesige Menge Literatur gibt und der jährlich von Hunderttausenden aufgesucht wird. Eine der Gründe dafür ist, dass es Tausende von Menschen gegeben hat, die Ausschwitz überlebt haben, aber nur eine winzige Anzahl, die Treblinka von innen gesehen haben und danach noch darüber berichten konnten. Eine »Lagergemeinschaft Treblinka« hat es nie gegeben und konnte es auch nicht geben, denn Treblinka war überhaupt kein Lager, sondern in noch größerer Reinheit als Auschwitz die Inkarnation des unbedingten Vernichtungswillens, eine reine Mordstätte. Willenberg gehörte als Jugendlicher zu denjenigen, die die Begleitbeute der sofortigen Ermordung zu sammeln, sortieren, aufzubereiten und verpacken zu hatten. Dass er davon berichten konnte, verdankt sich einem Aufstand 1943, in dessen Verlauf er fliehen konnte. An der planmäßigen »Abwicklung« Treblinkas konnte der Aufstand nichts ändern. Nach dem Abschluss der »Aktion« wurde die Stätte abgebaut und Tarnmaßnahmen durchgeführt.

Samuel Willenberg: Bericht einer Revolte, 240 Seiten, 22,00 €, Unrast-Verlag

Samuel Willenberg: Bericht einer Revolte, 240 Seiten, 22,00 €, Unrast-Verlag

Außer den wenigen Dutzend Überlebenden konnte nur eine ebenso kleine Gruppe von Tätern Auskunft erteilen. An deren Spitze stand der ehemalige Kommandant Franz Stangl, den die englische Journalistin Gitta Sereny 1971 ausführlich in der Haft interviewte und dessen Werdegang vom kleinen österreichischen Polizeibeamten zum akribischen Administrator des Massenmordes sie in »Into that darkness« recherchiert hat. Liest man Sereny, Willenbergs »Revolte in Treblinka« und Richard Glazars »Die grüne Falle«, meint man nahezu jeden mit Namen zu kennen, der an den Massenmorden entweder beteiligt war oder zwangsweise ihr Zeuge wurde.

Über lange Jahre gab es auf dem Buchmarkt kein einziges deutschsprachiges Werk zu diesem Thema. Willenberg habe ich über eine in Warschau erschienene englischsprachige Ausgabe seines 1986 erschienen Buches kennengelernt, erworben an einem Kiosk in der menschenleeren Gedenkstätte Treblinka. Es ist, wie Semprun es ausgedrückt hat, ein »Schreiben das zum Tode zurückführt«. Man möchte es eigentlich gar nicht haben, nicht lesen, sich nicht an die Lektüre erinnern und man möchte, dass sein Inhalt nur ausgedacht oder reiner Wahn ist. Das Erschütterndste an diesem erschütternden Werk ist die Tatsache, dass Willenberg ihm seine persönliche Adresse und Telefonnummer voranstellte. Man kennt das höchstens aus akademischen Zirkeln– der Autor gibt seine E-Mail-Adresse an, um die Bereitschaft mitzuteilen, dass er zu irgendwelchen abgelegenen Themen weitere Auskünfte erteilen oder Diskussionen zu führen bereit ist.

Für Willenberg war die israelische Adresse zum einen der Ausdruck von Zugehörigkeit und nach vorn gerichteter Ortsfestigkeit, als auch das Signal, dass man ihn ansprechen könne. Aber wen mag er damit gemeint haben? Die englischsprachige Fassung, im Latein von heute, war ein Angebot an die ganze Welt. Natürlich habe ich ihn nie angerufen. Was hätte man und in welcher Sprache hätte man es sagen sollen? Willenberg hat mit vielen Menschen gesprochen, er war oft mit Gruppen in Treblinka. Für die anderen schrieb er sein Buch. Für optisch ausgerichtete Menschen zeichnete er einen Lageplan von Treblinka. Und dann wurde er im Alter auch noch Bildhauer. Seine Skulpturen wurden unter dem Titel »Die Kunst der Erinnerung« auch in deutschen Städten ausgestellt.

Seit 2009 gibt es dank des Münsteraner Unrast-Verlages Willenbergs »Revolte in Treblinka« endlich auch auf Deutsch. Auch Glazars Buch wurde von ihnen neu herausgebracht. 2014 erschien zudem »Nach dem Untergang. Die ersten Zeugnisse der Shoah in Polen 1944-1947. Berichte der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission« mit dem allerersten Bericht, den ein Geflohener überhaupt über Treblinka verfasst hat.

Willenberg hat sein unwahrscheinliches und langes Leben genutzt, damit Israelis, Polen und besonders auch Deutsche eine Ahnung davon haben können, was Treblinka gewesen ist. Die Telefonnummer ist jetzt obsolet, aber sein Werk ist es nicht.

Man nannte sie »U-Boote«

geschrieben von Axel Holz

1. März 2016

Eine Ausstellung über Fluchtorte für Verfolgte

 

Etwa 7.000 jüdische Verfolgte sind allein in Berlin untergetaucht, um der Deportation durch die Nazis zu entgehen, 1.500 davon haben überlebt.

Die Ausstellung »Dem Leben hinterher – Fluchtorte jüdischer Verfolgter« dokumentiert, dass zahlreiche jüdische Menschen ihre Verfolgung nicht hingenommen haben, sondern sich den Repressalien der Nazis und der Deportation durch Flucht oder Abtauchen in den Untergrund entzogen haben. Sie macht aber auch deutlich, wie wichtig die Zivilcourage der Helfer war, die ihre Menschlichkeit bewahrten.

Die Ausstellung des Berliner Museums Blindenwerkstatt Otto Weidt, selbst ein Fluchtort jüdischer Verfolgter in der Nazi-Zeit, wurde gemeinsam von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und der Rosa-Luxemburgstiftung Mecklenburg-Vorpommern an zwei Orten in Schwerin gezeigt – in der Volkshochschule »Ehm Welk« und in den Räumen der Linken Landtagsfraktion Mecklenburg-Vorpommerns. Zahlreiche Schüler haben die Ausstellung gesehen, darunter zwei Klassen des Schweriner Gymnasiums Friderizianum. Es gab anerkennende Rückmeldungen von den Schülern, die sich durch die Darstellung dutzender Einzelschicksale untergetauchter Berliner Juden angesprochen fühlten.

Die Ausstellung liegt mit ihrer Gestaltung in einem aktuellen Trend museumspädagogischen Umgangs mit den Themen Faschismus, Holocaust und 2. Weltkrieg – weg von der Abbildung von Leichenbergen und der Aufzählung kaum vorstellbarer Opferzahlen und hin zur Darstellung einzelner Schicksale, in diesem Falle zur Vermittlung konkreter Fluchtorte und Fluchtsituationen und zur Darstellung der konkreten Hilfe oder dem Versagen von Hilfe. Weniger als ein Viertel der untergetauchten Juden hat die Nazi-Zeit in Berlin überstanden. Dafür sind die schwierigen Bedingungen des Überlebens im Untergrund verantwortlich, der eingeschränkte Zugang zu Lebensmitteln, ständige Razzien und Denunziationen, aber auch Bombenangriffe der Alliierten, vor denn untergetauchte Juden nicht in Schutzbunker flüchten konnten. Etwa jeder Zehnte der nach Kriegsbeginn in Berlin verbliebenen Juden ist nach dem Auswanderungsstopp der Nazis und mit Beginn der Deportationen untergetaucht. Damit ist das Phänomen der sogenannten U-Boote keine Einzelerscheinung, sondern viel stärker ausgeprägt, als lange Zeit angenommen. Der Mord an den Juden im Osten hatte sich bereits herumgesprochen, so dass sich tausende Menschen der bevorstehenden Deportation zu entziehen versuchten, durch 5.000 Selbstmorde allein in Berlin, aber auch durch Flucht in den Untergrund.

Einzelne hatten diesen Schritt geplant, andere haben sich spontan entschlossen, einige wurden durch Bekannte und Freunde zur Flucht aufgefordert, anderen wurden Zufluchtsorte bei Freunden angeboten, die sich damit selbst in Gefahr brachten. Wenn man bedenkt, dass zahlreiche Abgetauchte häufig ihr Versteck wechsel mussten, müssen ihnen wiederum tausende Menschen bei der Flucht geholfen haben. Warum ist davon lange nichts bekannt geworden? Überlebende und Helfer waren nach der Befreiung vom Faschismus mit der Gestaltung ihrer ungewissen Zukunft beschäftigt, mit Wiederaufbau oder Emigration. Beiden Gruppen schlug der Antisemitismus, der auch nach Kriegsende noch in ganz Europa existierte, entgegen, so dass Schweigen nicht selten die Opfer vor neuen Angriffen oder Rechtfertigungen schützte.

Auch steckt im Mythos von den Juden, die sich angeblich wehrlos zur Schlachtbank führen ließen, selbst ein Stück nicht überwundener Antisemitismus. Erst spät wurde erforscht, dass Juden sich neben der Emigration auch durch Flucht in den Untergrund oder aus Deportationszügen der Vernichtung entzogen. Erst spät wurde bekannt, dass sie in Widerstandsgruppen und Partisaneneinheiten kämpften und sich selbst in den Vernichtungslagern mit Aufständen gegen den sicheren Tod wehrten, wie in Auschwitz und Sobibor. Die Blindenwerkstatt Otto Weidt in den Berliner Hackeschen Höfen, in der während der Nazizeit blinde und sehbehinderte Juden zunächst mit Arbeitsangeboten integriert und später versteckt wurden, ist heute ein Museum Dort gibt es zahlreiche weitere Materialien, in denen die Fluchterfahrungen untergetauchter Juden beschrieben werden. Geschichten, wie Inge Deutschkrons Bericht »Wir entkamen. Berliner Juden im Untergrund« sind es, die auch die Schweriner Schülerinnen und Schüler bei der Ausstellungseröffnung besonders berührten.

Die Unbekannten im Fokus

geschrieben von Cora Mohr

1. März 2016

Eine Ausstellung über den Widerstand von Frauen – mit neuen Gesichtspunkten

 

Widerstand und Widerständigkeit von Frauen gegen das Naziregime am Beispiel von achtzehn Biographien zeigt die neue Ausstellung des in Frankfurt am Main ansässigen Studienkreises Deutscher Widerstand unter dem Titel »Nichts war vergeblich – Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus«.

Nicht bekannte Frauen wie Sophie Scholl oder Erika Mann stehen hier im Fokus, sondern die Lebensläufe und Leistungen von Frauen, die in der öffentlichen Wahrnehmung bislang weniger präsent waren. Ihre Biographien machen deutlich, auf welch vielfältige Weise die Frauen dem Regime die Gefolgschaft verweigerten. Auch sich nicht anzupassen, nicht mitzumachen, war Widerstand. Oft ging er noch viel weiter und war in aller Regel mit Lebensgefahr verbunden.

»Nichts war vergeblich, was sich gegen das Regime gerichtet hat«, diese Worte der Résistance-Kämpferin Gerti Schindel sind das Motto der Ausstellung. Eröffnet wurde sie im Januar in der Zentralbibliothek Frankfurts. Die nächste Station ist Wuppertal. Dort ist sie vom 8. bis 18.März im Lichthof Rathaus am Johannes-Rau-Platz zu sehen.

Auf Zweck und Ziel der Ausstellung ging Cora Mohr vom Studienkreis Deutscher Widerstand bei der Eröffnung ein. Sie stellte uns folgenden Textauszug zur Verfügung:

 

Der Blick auf diese Frauen hat unseren Begriff von Widerstand erweitert. Als Widerstand wird nicht mehr nur der politische Widerstand gesehen, sondern alle Aktivitäten, die sich gegen das Naziregime richteten. Wir nennen das »Widerständigkeit«.

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Der Anteil der Frauen am »Widerstand« wurde lange Zeit als sehr gering eingeschätzt. Lange haben Frauen auch ihre eigene Widerständigkeit als »nicht so wichtig« gesehen. Mit offenen Augen auf den Widerstand von Frauen zu schauen, ist unser Ansatz. Wir stellen Frauen vor, deren Motive für Widerstand und deren Widerstandshandlungen vielfältigster Art sind. Allen gemeinsam ist, dass sie sich nicht unter die »herr«schenden Normen zwingen ließen.

Erst in den später 1990er Jahren begann die Auseinandersetzung um einen zu verändernden Widerstandsbegriff, der neben einer politischen und bewaffneten Dimension auch eine humanitäre Dimension hat. Es ist aktiver Widerstand, der die eigene Moral und den Überlebenswillen aufrecht erhält, der Menschenleben rettet. Alle Tätigkeiten hängen voneinander ab und bauen aufeinander auf. Die hierarchische Bewertung widerständigen Handelns hat viel zu lange den Blick verstellt.

Die Bereiche, in denen Frauen aktiv waren, sind immer noch die am wenigsten beachteten: sei es die Fluchthilfe für politisch Verfolgte, für jüdische Menschen oder der Rettungswiderstand durch Verstecken. Sie leisteten Unterstützung beim Untertauchen verfolgter Menschen oder Hilfe für Zwangsarbeiter/innen. Frauen sammelten Spenden, transportierten und verteilten Nachrichten und Flugblätter; organisierten die Kommunikation.

Die Einengung des Widerstandsbegriffs auf »politischen« Widerstand und die Geringschätzung der Widerstandsarbeit von Frauen führte auch dazu, dass nach 1945 vielen Frauen keine Entschädigung für Verfolgung und Haft zugesprochen wurde. Begründungen dafür waren u.a., ihre Arbeit habe keinen politischen Hintergrund gehabt; ihre Aktivitäten wären aus Mitleid, Menschlichkeit erfolgt oder sie hätten gegen geltende Gesetze (z.B. gegen die sogenannten »Rassengesetze«) verstoßen.

Wie sahen die konkreten Formen des Widerstehens der Frauen aus? Die eine wird inhaftiert, weil sie, aus einer Sintifamilie stammend, trotz offiziellen Verbots einen kranken Onkel besucht. Die andere lässt ihren jüdischen Ehemann nicht im Stich und protestiert mit mehreren Tausend anderen in der Berliner Rosenstraße gegen deren Inhaftierung. Die eine liebt den »falschen« Mann, die andere läuft weg, weil sie nicht die Ausbildung, die Arbeit machen darf, die sie möchte.

Die eine verteilt Flugschriften und Wurfzettel für den Internationalen Sozialistischen Kampfbund; die andere ist Fotografin. Eine ist Schriftstellerin und Kabarettistin, die dritte Malerin, die andere aktiv in der Kommunistischen Partei. Eine ist Mitglied in der Bekennenden Kirche, gibt ihren Lehrerberuf auf, weil sie nicht »im nationalsozialistischen Sinne« unterrichten will; sie stellt ihr Wochenendhäuschen als Zuflucht zur Verfügung. Diese Aufzählung ließe sich unendlich fortsetzen. Über einige dieser Frauen berichten wir in der Ausstellung.

Alle diese Frauen verdienen unsere Achtung. Uns hat interessiert, warum die Frauen Widerstand geleistet haben; aus welchem familiären, sozialen oder religiösen Hintergrund sie kommen. Welche Erfahrungen haben ihnen den Mut gegeben, sich nicht anzupassen, sich nicht unterzuordnen. Es gibt unzählige Antworten; einige haben wir für die Ausstellung aufgezeichnet.

Feldjäger fällen Präsident

geschrieben von Ernst Antoni

1. März 2016

Prozess wegen Kunstaktion bei Bundeswehr-Beförderungsappell

 

Es handelte sich um einen »Beförderungsappell«. Knapp 450 Offiziersanwärter der Bundeswehr waren am 27. Juni vergangenen Jahres vor dem Schloss Nymphenburg in München angetreten, um ihren Aufstieg mit militärischem Zeremoniell und klingendem Spiel bestätigt zu bekommen. Öffentlichkeitswirksamkeit war durchaus beabsichtigt, davon zeugte schon die Wahl des historisch-pittoresken Rahmens für den Appell.

»Knapp eine Woche vor dem Ereignis waren die Münchner – also auch ich – zu einer öffentlichen Feier mit Marschmusik (‚Des Großen Kurfürsten Reitermarsch‘) eingeladen«, berichtet Günter Wangerin, 70, Arzt im Ruhestand, und seit langem auch kritischer Maskenbildner, Grafiker, Maler und Aktionskünstler über das Ereignis. Allerdings habe, so die Süddeutsche Zeitung in ihrem Bericht über den derzeit gegen den Künstler wegen »Hausfriedensbruchs« in München stattfindenden Prozess, »die Bundeswehr-Universität zunächst die Bevölkerung zum Appell groß eingeladen und dann wieder ausgeladen (…), als sich Demonstranten ansagten. Es kamen aber trotzdem etliche Neugierige und nicht nur Angehörige der Soldaten.«

Günter Wangerin dazu in seiner »in großen Teilen politischen Erklärung« (SZ) vor Gericht: »Ich hatte die kurzfristige Absage nicht mitbekommen und mich ungehindert mit einem kleinen Podest und einer Plastiktüte, in der sich eine Gauckmaske und ein großes eisernes Kreuz befanden, an dem Platz eingefunden, an dem die Eltern der Jungoffiziere standen. Ich plante eine Kunstaktion.«

Dazu bestieg er, in feines Tuch gekleidet, die Maske mit dem Bundespräsidenten-Antlitz vor dem Gesicht und die Brust dekoriert mit dem »Eisernen Kreuz«, die mitgebrachte Trittleiter, salutierte und rief laut »Habt acht!«. Zweimal. Daraufhin rissen Bundeswehr-Feldjäger das Präsidenten-Double mehr als unsanft vom Podest, fixierten den Liegenden, so ihre Aussage, mit einem »kontrollierten Nasenhebel« und legten dem Überwältigten Handschellen an.

Niemand habe ihn, so Günter Wangerin, vor diesem Feldjäger-Einsatz aufgefordert, das Gelände zu verlassen. »Ich wehrte mich nicht, weil ich wusste, welche juristischen Folgen das haben würde, protestierte aber laut und deutlich gegen dieses Vorgehen. Dazwischen forderte ich die beiden auf, mir die Handschellen abzunehmen, sie sähen doch, dass ich mich nicht wehrte. Ohne Erfolg. Sie schienen stumm. Sie zerrten mich dann hoch und rissen mich im Laufschritt mit sich fort zur Polizei. Irgendwo auf dem Rasen nahmen sie mir dann die Handschellen ab.«

Vor Gericht stand nun die Bundeswehr-Aussage dagegen, dass es sehr wohl vorher Aufforderungen an den Künstler gegeben hätte, vom Podest zu steigen. Erst dann habe man, so ein Feldjäger, »den Herrn Doktor zu Boden geführt«. An solche Vorwarnungen kann sich jedoch nicht nur der zu Boden Geführte nicht erinnern, sondern auch zwei zivile Zeugen nicht, die bei dem Ereignis anwesend waren. Die einander widersprechenden Aussagen haben vorerst zur Aussetzung des Verfahrens geführt. Es soll, so die SZ, »ein weiterer Soldat, der momentan in Afghanistan ist, gehört werden«.

Womit der Prozess sehr deutlich an die beabsichtigten aktuell-politischen Bezüge der jäh unterbrochenen Kunstaktion anknüpft. Am Rande sei vermerkt: Auch der Künstler hatte nach dem Vorfall Anzeige erstattet. Wegen »Körperverletzung«. Diese Anzeige wurde von der Staatsanwaltschaft abgewiesen. Der »Hausfriedensbruch«-Strafbefehl gegen ihn dagegen aufrecht erhalten. Zu diesem gehören auch die Vorwürfe von Klägerseite, Wangerin habe von seinem Sockel aus gerufen: »Für die Abschaffung der Bundeswehr!« Schwer vorstellbar: Da steht – wie ja auch die Fotos von der Aktion zeigen – einer, der den Bundespräsidenten darstellt, schwer ordensbehängt, salutierend – und der fordert dann die Abschaffung der Bundeswehr…Ein bisschen viel Verfremdung.

Weshalb dem Künstler vor Gericht hier an einer Richtigstellung gelegen war: »Bedenken Sie: meine Aktion war eine satirische. Als Gauck stand ich doch für die Bundeswehr da und nicht gegen sie! Ich rief ‚Habt Acht!‘, eine Aufforderung also, wachsam zu sein. Warum Gauckmaske? Weil Pastor Gauck der entschiedenste Befürworter von Bundeswehreinsätzen in aller Welt ist und keine Gelegenheit verstreichen lässt, für solche Einsätze zu werben. Die Auffassung, dass diese Einsätze verfassungswidrig sind, entstammt nicht meiner krankhaften Phantasie, sondern wird auch von bedeutenden Verfassungsrechtlern geteilt.«

Die Fortsetzung des Prozesses wird zeigen, ob es hier lediglich darum geht, ein Exempel zu statuieren gegen Menschen, die sich mit künstlerischen und anderen demokratischen Mitteln zunehmender Kriegs- und Militärverherrlichung entgegenstellen. Jedenfalls war die kritische Resonanz am und nach dem ersten Prozesstag, auch in nahezu allen Münchner Tageszeitungen, beeindruckend.

Aus den Landesvereinigungen und Verbänden

28. Februar 2016

Hier finden Sie Beiträge aus dem Verband sowie aus den Landesvereinigungen Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen: AntifaLS_2016_0304_web

Titel

12. Januar 2016

Veranstaltung gegen Rechts im Jugendzentrum von Langen in Hessen. Der eritreischer Musiker Semereab Teklia vor dem Wimmelbild der VVN-Neofaschismus-Ausstellung. Foto: Philipp Schappert

Veranstaltung gegen Rechts im Jugendzentrum von Langen in Hessen. Der eritreischer Musiker Semereab Teklia vor dem Wimmelbild der VVN-Neofaschismus-Ausstellung.
Foto: Philipp Schappert

Editorial

geschrieben von Regina Girod

12. Januar 2016

Wird der Rechtsruck, den das Jahr 2015 in etlichen Ländern Europas gebracht hat, in absehbarer Zeit aufzuhalten oder sogar umzukehren sein? Sicher nur, wenn es Linken und anderen Demokraten gelingt, dafür ihre Kräfte zu vereinen. Antifaschistinnen und Antifaschisten können dazu Wesentliches beitragen, denn Widerstand gegen den Vormarsch rechtspopulistischer Parteien und das Erstarken neofaschistischer Bewegungen ist der originäre Auftrag antifaschistischer Bewegungen. Dafür müssen wir europaweit enger zusammenrücken, stärker kooperieren und voneinander lernen.

Ganz in diesem Sinne ist die Situation in Frankreich und die Zusammenarbeit mit FNDIRP ein Thema, dem wir mehrere Beiträge dieser antifa gewidmet haben. (Seite 3, 9 und 21) Zu guter Letzt haben wir auf den Rücktitel dieser Ausgabe eine französische Karikatur gegen den FN gesetzt, die von einer Gewerkschaftsinitiative stammt. Sie würde auch auf die AfD passen.Neben wachsenden Rassismus und Beispielen staatlicher Repression gegen zivilgesellschaftliches Engagement thematisieren wir in dieser Nummer den großen Einsatz vieler Freiwilliger für die Flüchtlinge in unserem Land. Jürgen Horn von der evangelischen Kirchengemeinde Heilig-Kreuz-Passion in Berlin fasst im Interview seine Erfahrungen so zusammen: »Anstatt sich von Ehrenamtlichen unterstützen zu lassen, sollten sich die staatlichen Stellen besser darauf konzentrieren, die Ehrenamtlichen zu unterstützen.« (S.5)

Mit dem Porträt von Dolores Ibarruri, die im Dezember 120 Jahre alt geworden wäre (Seite 19) und der spannenden Lebensgeschichte des ungarisch-deutschen Interbrigadisten Ludwig Detsinyi, der unter dem Namen David Martin ein bekannter australischer Schriftsteller wurde (Seite 31-32), nehmen wir ein Datum in den Blick, dessen 80. Wiederkehr in diesem Jahr ansteht: Der Kampf für die Spanischen Republik und die Gründung der Internationalen Brigaden im Oktober 1936. Dieses Jubiläum werden Antifaschistinnen und Antifaschisten in vielen Ländern und im Oktober gemeinsam in Spanien begehen.

Antifaschismus international

geschrieben von Cornelia Kerth

11. Januar 2016

Wir dürfen Europa nicht in die Hände von Nazis und Rassisten fallen lassen

 

Auch im Jahr 2015 ist Europa wieder ein Stück weiter nach rechts gerückt. Neben Ungarn, wo der extrem nationalistischen und rassistischen Fidesz und der neofaschistischen Partei Jobbik zusammen nur eine Stimme an der absolute Mehrheit fehlt, ist jetzt auch Polen fest in rechter Hand. Mit 37,6 Prozent der Stimmen konnte die PiS (»Partei für Recht und Gerechtigkeit«) die absolute Mehrheit der Sitze im Parlament gewinnen und das Ergebnis ist fast allabendlich in deutschen Medien zu sehen: in Windeseile sollen Staat und Gesellschaft dem Parteiprogramm der klerikal-reaktionären PiS angepasst werden. Anders als wir es in Ungarn kennengelernt haben, ruft das in Polen massenhaften Protest hervor und ebenfalls anders, als wir es bei der Regierungsübernahme durch Orban erlebt haben, kommt aus der EU Kritik.

In Frankreich konnte ein Wahlsieg des Front National in der zweiten Runde der Regionalwahlen im Dezember nur durch den Kandidatur-Verzicht meist sozialistischer Kandidat_innen zugunsten der Konservativen (und gelegentlich umgekehrt) verhindert werden. 6,6 Millionen oder 27,4 % der französischen Wähler haben extrem rechts gewählt.

Anlass zu großer Sorge für unsere französische Partnerorganisation FNDIRP (Nationale Vereinigung der Deportierten und Internierten, Widerstandskämpfer und Patrioten), die am 30. und 31. Oktober 2015 ihren 39. Kongress im großen Festsaal des Pariser Rathauses abhielt und zugleich ihren 70. Geburtstag feierte. Als Motto hatten die Kameraden und Kameradinnen »Erinnern und wachsam bleiben« gewählt. In nahezu allen Redebeiträgen der beiden Tage und in den vielen Gesprächen mit den Delegierten wurde die Notwendigkeit, dem Anwachsen rassistischer und ausgrenzender Diskurse im Alltag und die Ausbreitung von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit entgegenzutreten, thematisiert.

Nach vielen Jahren, in denen sich die FNDIRP aus der internationalen Arbeit der FIR zurückgezogen hatte, war die VVN-BdA als befreundete Organisation eingeladen und wurde mit großer Herzlichkeit empfangen. In unserem Grußwort nahmen wir – nach einem Rückblick auf gemeinsame erfolgreiche Aktivitäten in der Vergangenheit – ebenfalls Stellung zur Rechtsentwicklung in Europa. Dabei stand selbstverständlich die Entwicklung in Deutschland im Mittelpunkt. AfD, Pegida und der fast alltäglich gewordene rassistische Terrorismus beunruhigen auch unsere französischen Freunde stark.

Bei den erstaunlich vielen Überlebenden und ihren Angehörigen ist die historische Erfahrung noch sehr lebendig. Die abschließende Perspektive des Grußworts, dass wir es schaffen müssen und können, die gemeinsame Erfahrung des Widerstands über politische Parteien, persönliche Überzeugungen und Herkunft hinweg in den heutigen Auseinandersetzung fruchtbar zu machen und zu verhindern, dass Europa in die Hände von Rassisten und Neofaschisten fällt, stieß auf große Zustimmung. Zum Abschluss des Besuchs wurde der beiderseitige Wunsch nach Verstetigung unserer Beziehungen und Zusammenarbeit am gemeinsamen Ziel vereinbart.

Unsere dänische Partnerorganisation FIR Dänemark hatte für November zu einem europäischen antifaschistischen Kongress nach Kopenhagen eingeladen. Neben unserem Dachverband FIR waren mehrere dänische Bündnispartner und eine Delegation der VVN dieser Einladung gefolgt. Hier ging es im Wesentlichen um Grundlegendes wie die Frage des Verhältnisses von Geschichtsinterpretation und Gegenwart und die Rechtsentwicklung in der dänischen Gesellschaft, die von einigen Referenten anhand ausgewählter Beispiele thematisiert wurden. Schade, dass die europäische Situation nur in einem Vortrag über Neofaschismus und Rechtspopulismus in Europa beleuchtet wurde und eine Debatte dazu nicht vorgesehen war.

Zu einer engagierten Diskussion kam es im Kongressverlauf nur ein Mal, als ein Vertreter der griechischen KKE den Klassenkampf zum einzigen wirksamen Mittel im Kampf gegen die »Goldene Morgenröte« und andere Neofaschisten erklärte und unsere Delegation an dieser Stelle widersprach.

Wir wollen 2016 wieder einen solidarischen internationalen Beitrag leisten, indem wir – wie schon 2014 – die Freunde von »World without Nazism« in Riga bei ihren Protesten gegen den Aufmarsch der Veteranen der lettischen Legion der Waffen-SS und ihres Anhangs unterstützen. Da der eigentliche Jahrestag am 16. März ein Wochentag ist, dürfte der Marsch am Sonntag, den 20. März stattfinden; er beginnt regelmäßig nach dem Gottesdienst (!) im Dom.

Wer sich vorstellen kann, dabei zu sein, melde sich bitte möglichst bald im Bundesbüro. Dort soll es ab Mitte Januar auch verlässliche Informationen zu Datum und Reisebedingungen geben.

Lasst uns unseren Beitrag dazu leisten, dass 2016 für Antifaschist_innen in Europa ein erfolgreiches Jahr wird!

»Straßenterror« in Leipzig

geschrieben von Markus Roth

11. Januar 2016

Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) und die »Kriminellen«

 

Nicht der Aufmarsch des Neonazikaders Christian Worch mit 150 Anhängern sondern der antifaschistische Protest dagegen war für den OB vergleichbar mit dem Straßenterror der SA in den 30iger Jahren.

Schon seit Monaten läuft eine Kampagne von Staats- und Verfassungsschutz gegen die angebliche Militanz von Links. Während Pegida, Legida, NPD und andere Rassisten in Sachsen den Flüchtlings-Diskurs bestimmen, beschäftigen sich die Sicherheitsbehörden vorrangig mit nächtlichen Sachbeschädigungen an Gerichten und Polizeiwachen, die in den letzten Monaten durch die aktionsorientierte linke Szene in Leipzig verübt wurden.

Diese »Kriminellen« hätten auch wieder am 12. Dezember »bürgerkriegsähnliche Zustände« im Stadtteil Connewitz herbeigeführt. Nicht die offene Propagierung von Rassismus und das Gutheißen von Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte machen dem OB Jung Sorgen, sondern der unversöhnliche Widerstand, der sich nicht mit einem Lächeln in die Polizeiabsperrungen und damit in den Kompromissvorschlag sächsischer Zustände begibt. Denn dieser Kompromiss untersagte den Protest in Sicht- und Rufweite der Neonazis und wurde mit Wasserwerfen und Tränengas durchgesetzt. Wer daran Anstoß nahm, wurde, wie der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König nebst Lautsprecherwagen, bis in die Nacht festgesetzt.

Richtig ist, dass es regelrecht geknallt hat in Leipzig-Connewitz. Doch mit »Straßenterror« hat das nichts zu tun. Wut und Frustration über die Gesamtsituation in Sachsen und die Aussichtslosigkeit von Blockadeversuchen haben dazu geführt, dass einige die »antifaschistische Notwehr«, wie schon im September in Hamburg, überspannt haben. Klar, das muss diskutiert werden – aber bitte unter AntifaschistInnen und nicht mit denjenigen die Antifaschismus per se diskreditieren.

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