Der Pfad des Rückschritts

geschrieben von Zan Debevec

4. Mai 2016

Eine kurze Darstellung der internationalen »eurasischen Bewegung«

In Zeiten, da der alte Kontinent einen signifikanten Aufstieg von rechtsgerichteten Parteien mit ihrer Anti-Flüchtlings-Rhetorik erfährt, die derjenigen faschistischer Parteien recht nahe kommt, gibt es eine selbsternannte antikapitalistische Stimme aus Moskau namens Alexander Dugin, die Parteien wie den Front National, Jobbik oder die AfD unterstützt. Dugin wurde von Foreign Affairs, dem führenden US-amerikanischen Magazin für außenpolitische Analysen, als »Putins Gehirn« tituliert und vom VICE-Magazin als »Zizeks böser Bruder«.

 Dugin und der Eurasismus

Dugin ist 54 Jahre alt, politisch engagiert und ein soziologischer und geopolitischer Denker. Eingebunden in nationalistische (Pamjat), faschistische (Nationalbolschewistische Partei), kommunistische (Kommunistische Partei) und esoterische Zirkel, welche er einen nach dem anderen wieder verließ, begann er Mitte der 90er Jahre seine Tätigkeit in der Duma. Er neigt nach eigener Aussage weder Faschismus noch Nazismus noch Traditionalismus zu und sieht sich selbst als jenseits von rechts und links stehend. Sein 2009 veröffentlichtes Werk »Die vierte politische Theorie« ist der Versuch, Raum für eine neue konservativ-revolutionäre Politik und Praxis zu schaffen.

Nach einer erfolglosen Kandidatur für die Duma 2002 wandelte er die Eurasische Partei in eine NGO namens Internationale Eurasische Bewegung (MED) um. Während die Partei hauptsächlich aus zivilgesellschaftlichen Akteuren bestand, verfügt die NGO über eindeutige Verbindungen zu Parlament und Regierung.

Dugin versteht die eurasische Bewegung als antikapitalistisch und gegen die Globalisierung gerichtet, aber ich kann in keiner Weise behaupten, dass er ein fortschrittlicher Denker sei. Er würde auch behaupten, seine Gedanken seien antirassistisch, aber statt von Multikulturalismus spricht er von Multipolarität, einer Idee, die mit dem rechtsextremen Autor Carl Schnitt verbunden ist. Dessen 1954 erschienenes Buch »Land und Meer« erklärt die Weltgeschichte als eine ewige Schlacht zwischen den Mächten des Meeres und des Festlands.

Dugins Pfad, so sehr er sich auch bemüht, nicht als Traditionalist gesehen zu werden, ist der Pfad des Rückschritts. Der gegenwärtige Zustand der Dinge funktioniere nicht, und es ist sein Plan, zu einem »organischen Zustand der Nationen« zurückzufinden, z.B. zu Nazi-Deutschland, zum faschistischen Italien, zum indischen Kastensystem oder zu Russland unter Stalin. Jegliche Gedanken, die von den lokalen Traditionen abweichen (wie z.B. Frauenrechte oder Homosexuellenrechte), werden als Perversion oder als »atlantizistische Ideologie« gesehen. Seine ultimative Vision sieht die Welt unterteilt in übernationale »Zivilisationen« (er zählt zwölf relevante), welche jede ihre traditionellen Werte verteidigt. Aber es gibt eine Ausnahme.

 Der ewige Feind

Diese Ausnahme wird als »atlantizistische Zivilisation« bezeichnet, der liberale Westen oder die USA, die nach weltweiter Hegemonie streben und ihre liberalen Werte und kapitalistische Ordnung dem Rest der Welt aufzwingen wollen. In seinem Werk kommt Dugin immer wieder darauf zurück und gibt dem Liberalismus die Schuld für jedes Problem einer jeden Gruppe. »Der Amerikaner« verkörpert buchstäblich den Feind in gleicher Weise, wie »der Jude« als Bedrohung in Nazi-Deutschland dargestellt wurde oder »der Flüchtling« im heutigen Europa. Den Amerikanern wird eine Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft unterstellt; sie seien verantwortlich für die Zerstörung unseres (kulturellen) Erbes und den allgemeinen kulturellen Verfall.

Dugins ideale Welt bestünde aus zwölf verschiedenen Zivilisationen, von denen sich elf zu einer Allianz zusammenschließen – in einem apokalyptischen und nie endenden Kampf gegen den liberalen Westen. Diese Zivilisationen sollten einen streng hierarchischen Großraum bilden, welcher über alle strategische Ressourcen, über Moral und Ethik verfügt, während die individuelle Freiheit in nicht-strategischen Bereichen gewahrt bleibt.

In seinem Buch »Putin vs. Putin« von 2014 verherrlicht Dugin die »autoritären Tendenzen« des russischen Präsidenten, die »Einschränkung der Redefreiheit« und andere Maßnahmen, mit denen Putin Gegner bekämpft. Im eurasischen Manifest liest sich das so: »Wir werden für den Präsidenten sein, inbrünstig, radikal, bis zum Ende, kleinen Ungenauigkeiten keine Beachtung schenken und alle Härten und Schwierigkeiten akzeptieren.«

Die Anziehungskraft von Dugins »Faschismus ohne Rassismus« und die Tatsache, dass er zu Kampf gegen den Kapitalismus bereit ist, stellt eine Gefahr für linke Aktivisten dar. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Distanzierung von den USA aufgrund ihrer neokolonialen Aktivitäten etc. und einer vollständigen Abwendung von, bzw. einer Kriegserklärung an das »böse Amerika«. Mein Rat ist, Dugins Werk sorgfältig zu lesen, bevor man es sich zu eigen macht. Es ist nicht nur problematisch, sondern auch unglaublich widersprüchlich und vage.

22. Juni 1940 bis 22. Juni 1941

geschrieben von Manfred Weißbecker

4. Mai 2016

Die Nazis lassen ihren lang gehegten Absichten den »Plan Barbarossa« folgen

Deutschland hatte, wie im Sommer 1941 die Reichsgruppe Industrie frohlockend schrieb, dank der militärischen Erfolge die wirtschaftliche Führung in Europa erlangt. Im Inneren befand sich das faschistische Regime auf dem Höhepunkt seiner Macht. Als »größter Feldherr aller Zeiten« sonnte sich Hitler in trügerischem Glanz bisher errungener Siege.

Wie also weiter mit der »Neuordnung Europas« – zu dieser Frage entbrannten interne Diskussionen und Auseinandersetzungen. Sollte erst Großbritannien bezwungen, Gibraltar erobert und Griechenland besetzt werden, bevor man zum großen Schlag gegen die UdSSR ausholt? Soll ein Zwei-frontenkrieg vermieden werden? Muss die Großmacht USA ins Kalkül gezogen werden? Könnte ein »Ostkrieg« – Fixpunkt aller Vorstellungen über den Weg zur Vorherrschaft in der Welt – auch erfolgreich sein, obgleich im Westen noch nicht alle Ziele erreicht sind? Schritt für Schritt setzte sich in der deutschen Führung der Gedanke durch, Russland sei relativ leicht und rasch zu besiegen. Unmittelbar nach dem Sieg über Frankreich tönte Hitler: »Jetzt haben wir gezeigt, wozu wir fähig sind […] ein Feldzug gegen Russland wäre dagegen nur ein Sandkastenspiel.« Ohne dazu beauftragt zu sein, begann General-stabschef Franz Halder bereits während des Krieges gegen Frankreich mit der Sammlung von Material über die militärische Stärke der Sowjetunion. Und er suchte zuverlässige Offiziere dafür aus, erste Pläne für den Ablauf eines Überfalls zu entwerfen.

Je mehr sich im Herbst des Jahres 1940 herausstellte, dass der Luftkrieg gegen England erfolglos blieb, dass auch die mit dem Codename »Seelöwe« geplante Invasion auf der britischen Insel nicht gewagt werden konnte, desto eindeutiger und einmütiger verfolgten Hitler sowie die militärische Führung das Ziel, im Mai oder Juni 1941 den Krieg im Osten zu beginnen. Nach intensiver Vorbereitung unterschrieb Hitler am 18. Dezember 1940 die »Weisung Nr. 21 Fall Barbarossa«. In ihr hieß es, es gelte »auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen.« Der Wehrmacht wurde befohlen, bis zum Einbruch des Winters eine Linie zu erreichen, die 400 Kilometer östlich von Moskau von Archangelsk am Weißen Meer bis zur Mündung der Wolga am Kaspischen Meer verlief. Dieses Gebiet umfasste den europäischen Teil der Sowjetunion bis zum Ural und zum Kaukasus. Es sollte Bestandteil eines deutschen Ostimperiums werden, das »bevölkerungspolitisch« neu zu ordnen sei.

Maßlose Überbewertung der eigenen Kräfte und Fähigkeiten ging einher mit einer nahezu irrationalen Unterschätzung der sowjetischen Streitkräfte. In der Vorstellung der Wehrmachtführung galten diese nicht als ernstzunehmende militärische Gegner. Die Rote Armee sei von Stalin zwischen 1936 und 1938 »enthauptet« worden und würde einen »Koloss auf tönernen Füßen« darstellen. Rassistischen Wertungen zufolge handele es sich bei den Russen ohnehin nur um »slawische Untermenschen«, unfähig den kulturell-zivilisatorisch und technisch-organisatorischen Fähigkeiten der arischen Deutschen zu widerstehen.

Von Anfang an war ein gigantischer Raub- und Vernichtungskrieg geplant. Die Wehrmacht sollte sich bereits beim Vormarsch aus dem Land versorgen, um unabhängig vom eigenen Nachschub über die immer ausgedehnteren Transportwege sein zu können. Es hieß, »so viel wie möglich Lebensmittel und Mineralöl für Deutschland zu gewinnen« sei das Hauptziel des Krieges im Osten. Viele Millionen Menschen, auch Kriegsgefangene sollten verhungern. Zugleich sollten, zusammen mit der Wehrmacht, spezielle SS-Kommandos, die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, mörderisch tätig werden. Dazu hatten am 26. März 1941 das Reichsicherheitshauptamt und die Wehrmachtführung vereinbart, Aufgabe der Einsatzgruppen sei die »Erforschung und Bekämpfung der staats- und reichsfeindlichen Bestrebungen« sowie ein sogenannte Sicherstellung von »Emigranten, Saboteuren, Terroristen usw.«.

Im Morgengrauen des 22. Juni 1941 begann der deutsche Überfall auf die UdSSR, jenes abenteuerliche, erbarmungslos geführte und in vieler Hinsicht illusionäre antikommunistisch-antirussische Unternehmen, das die NSDAP bereits zwei Jahrzehnte zuvor auf ihre Fahnen geschrieben hatte, unterstützt von großen Teilen der militärischen und wirtschaftlichen Eliten Deutschlands.

»Wurzeln« des Faschismus

geschrieben von Friedbert Mühldorfer

3. Mai 2016

Von der Schwierigkeit den »antifaschistischen Konsens« zu beschreiben

 

Ulrich Schneider beleuchtet in seinem Artikel »Auftrag Antifaschismus. Vom Nachkriegs-Bündnis zum Zukunftsmodell« (antifa März/April 2016) die Entwicklung antifaschistischer Bestrebungen vor und nach 1933 und begründet stichhaltig, dass es nicht Aufgabe einer antifaschistischen Bündnisorganisation wie der VVN sein könne, im Sinne einer Partei oder einer parteipolitischen Organisation zu wirken und dezidiert weltanschauliche Positionen zu vertreten. In der Tat liegt die Eigenart der VVN gerade darin, für die unterschiedlichsten Zugänge zum Antifaschismus offen zu sein. Dieses pluralistische Verständnis ist den historischen Erfahrungen nahezu aller nichtfaschistischen Kräfte vor und nach der Niederlage des Faschismus geschuldet; sie alle hatten verhängnisvolle Fehler begangen und dies mehr oder weniger selbstkritisch eingeschätzt: vom Scheitern der Antifaschistischen Aktion (KPD) über das Vertrauen auf Weimarer Verfassungsnormen (SPD) bis zur Politik des »kleineren Übels NSDAP« (bürgerliche Parteien).

Im »Schwur von Buchenwald« zeigt sich für uns diese Absage an das frühere Gegeneinander und stattdessen der Wille, nun gemeinsam, ohne jede Ausgrenzung, ohne jeden Wahrheitsanspruch, ohne jede Instrumentalisierung für eine weltanschauliche Zielsetzung, den »Nazismus mit seinen Wurzeln zu vernichten«. Das Bemühen, jenen »antifaschistischen Konsens« von 1945 zu beschreiben, ist jedoch nicht einfach, weil er nirgends explizit in einer gemeinsamen programmatischen Erklärung formuliert worden ist.

So sind viele Zielsetzungen letztlich unscharf und wurden und werden unterschiedlich bewertet; aber diese Offenheit war notwendig, galt es doch, die unterschiedlichen Positionen zusammenzuführen und einen gemeinsamen Nenner zu finden und zu erhalten. Folglich gab es auch unterschiedliche Vorstellungen davon, was unter »Wurzeln des Nazismus« zu verstehen ist: Für die einen waren das eher die Beseitigung der Freiheitsrechte oder die NS-Propaganda oder das soziale Elend, für die anderen waren es die Beseitigung des Rechtsstaates, die Abkehr vom Christentum oder die autoritäre Tradition in Deutschland oder die bürgerliche kapitalistische Gesellschaft. Diese unterschiedlichen Sichtweisen sollten jedoch nicht trennen, sondern verschiedene Zugänge zum gemeinsamen Handeln ermöglichen.

Aber inhaltlich lässt sich doch aus Zukunftsprogrammen des Widerstandes, aus dem Potsdamer Abkommen, Verlautbarungen von Ausschüssen und von ersten VVN-Gruppen, aus ersten Parteiprogrammen und Beratungen zur Hessischen oder zur Bayerischen Verfassung Grundzüge jener »Welt des Friedens und der Freiheit« erkennen: eine Gesellschaft, in der volle demokratische Freiheiten und soziale Gerechtigkeit für alle Menschen gewährleistet, wirtschaftliche Machtkonzentration verhindert, konsequente Friedenspolitik gesichert, alle Bereiche demokratisch organisiert und jegliche faschistische Propaganda und Aktivität ausgeschaltet sein sollten.

Dieser »Kompromisscharakter« betraf auch gerade die Frage der wirtschaftlichen Orientierung. Breite Übereinstimmung gab es, analysiert man die einschlägigen Dokumente, dass Kapitalkonzentration und monopolartige Unternehmen zu beseitigen und Schlüsselindustrien zu sozialisieren seien, weil der politische Machtmissbrauch im Faschismus offen zutage getreten war bzw. das Gemeinwohl das erfordere.

Diese weitverbreitete »antimonopolistische« Orientierung lässt sich aber nicht mit einer durchgängig antikapitalistischen Orientierung gleichsetzen. Der Hinweis auf das Ahlener Programm von 1947 (in der Einleitung: »Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden«) nützt hier nichts, denn dieses Programm zeigt im Hauptteil – genauso übrigens wie die ersten Aufrufe der KPD und der SPD vom Juni 1945! – eben gerade die Abwehr monopolartiger Gebilde zur Sicherung einer freien, am Gemeinwohl orientierten Privatwirtschaft, und wendet sich dezidiert gegen Planwirtschaft. Wenn »Kapitalismus« kritisiert wurde, dann war hier der »freie, ungezügelte Kapitalismus« von Großkonzernen gemeint. Deren Beseitigung entsprach in der Tat der Meinung breiterer Kreise. Dafür, aber nicht für generelle »antikapitalistische« Überzeugungen stehen auch die entsprechenden wirtschaftspolitischen Bestimmungen der Hessischen Verfassung.

Deshalb: »Antikapitalistische Überzeugungen« gehörten damals sehr wohl zum Spektrum der verschiedenen Kräfte (vor allem aus der Arbeiterbewegung), können aber nicht einfach als Bestandteil des »antifaschistischen Konsens« der unmittelbaren Nachkriegszeit bestimmt oder gar als zentrale »Wurzeln« des damaligen Schwurs von Buchenwald gedeutet werden. Diese Breite wurde damals nicht als Ausgrenzung, sondern als Chance gesehen.

So könnten wir es auch heute halten: Unterschiedliche Zugänge und kontroverse, aber solidarische Diskussionen fördern – aber niemanden ausgrenzen durch enge, weltanschaulich und parteipolitisch geprägte Festlegungen. Diese Balance immer wieder zu finden, ist schwer genug, aber lohnend!

Als die VVN jünger wurde

geschrieben von Ulrich Schneider

3. Mai 2016

Vor 45 Jahren öffnete sie sich für Nachgeborene

 

Eine Zäsur in der Organisationsgeschichte der VVN war ohne Zweifel der Oberhausener Kongress Mitte Mai 1971. Im Zentrum der Debatte stand neben der Frage, wie der politische Kampf gegen Reaktion und Neofaschismus intensiviert werden kann, die endgültige Beschlussfassung über die Öffnung der Organisation für nachgeborene Generationen, die nicht als Familienangehörige mit den Überlebenden verbunden waren. Schon in den 50er und 60er Jahren waren Jugendliche über »Hilfskonstruktionen« Mitglieder der VVN geworden, z.B. FDJler, die als Friedenskämpfer Widerstand gegen Remilitarisierung geleistet hatten und verfolgt wurden. Auch Teilnehmer der Feriencamps der FIR oder Mitglieder der »Geschwister-Scholl-Jugend« standen in direktem Kontakt zur VVN. Doch von einer gleichberechtigten Mitarbeit innerhalb der Organisation war man in dieser Zeit weit entfernt. Die VVN war auch im Selbstverständnis ihrer Mitglieder eine Gemeinschaft vor allem der Frauen und Männer aus dem Widerstand gegen Faschismus und Krieg und der Opfer der NS-Herrschaft.

Doch die politischen Entwicklungen in den 60er Jahren in der BRD erforderten eine Veränderung dieser Sichtweise. Die VVN wurde nicht zuletzt durch das Wiedererstarken des Alt- und Neofaschismus und die politischen Auseinandersetzungen um Notstandsgesetze und Kriegsgefahr zunehmend mit politischen Aufgaben der Gegenwart konfrontiert. Natürlich spielten Entschädigung und Wiedergutmachung immer noch eine Rolle, die Renazifizierung der politischen und wirtschaftlichen Elite blieb ein innenpolitischer Konfliktpunkt, auch der gesellschaftliche Umgang mit der Erinnerung an Widerstand und Verfolgung war eine Daueraufgabe für die VVN, aber die Bewegungen »Kampf dem Atomtod«, die beginnenden Ostermärsche und die außerparlamentarische Opposition (APO) mobilisierten zahllose Menschen in diesem Land für antifaschistische Themen, auch wenn sie nicht selbst Verfolgte waren.

Zudem wurde deutlich, dass sich die Studentenbewegung zunehmend kritisch mit dem gesellschaftlichen Verschweigen der faschistischen Vergangenheit auch ihrer akademischen Lehrer beschäftigte (»Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren!«). Junge Menschen gingen auf die Straße gegen die Auftritte der NPD und für die Erweiterung demokratischer Rechte. Das waren Antifaschisten, die nicht aus eigenem Erleben oder familiärer Tradition, sondern aus politischer Überzeugung handelten.

In einem Bericht über den Oberhausener Kongress heißt es dazu: »Für die VVN wurde deshalb immer dringlicher, auch im Erscheinungsbild und im Namen der Öffentlichkeit deutlich zu machen, daß in ihren Reihen Platz für alle ist, die bereit sind, aktiven Anteil an der Verteidigung des Humanismus und der Demokratie gegen Neonazismus und Rechtskartell zu nehmen. Damit soll nicht gesagt werden, daß die VVN-Bund der Antifaschisten sich anmaßt, die Sammlung aller Gegner des Neonazismus zu sein … Aber für alle diejenigen, die denken, in den Reihen der VVN am besten und wirksamsten die alten und neuen Feinde und Gefahren bekämpfen zu können, ist nach der Namensänderung jede Möglichkeit eine aktiven Betätigung gegeben.« (»Stimme des Widerstandes«, Sondernummer Juni 1971).

Diese Änderung des Statuts war der Schlusspunkt einer mehrjährigen Debatte innerhalb der Organisation, bei der viele Ängste und Vorbehalte gegenüber der »rebellischen Jugend« überwunden werden mussten. Doch mit dem Beschluss selbst war es nicht getan. Zum einen mussten innerhalb der VVN noch viele ältere Mitglieder von der Richtigkeit dieser Erweiterung überzeugt werden und auch in der FIR blieb diese Öffnung für Nichtverfolgte nicht ohne Widerspruch. Zum anderen war es notwendig, nun auch innerhalb des Verbandlebens eine Kultur des Miteinanders zu entwickeln, die eine tatsächlich gleichberechtigte Mitwirkung von Angehörigen der nachgeborenen Generationen ermöglichte. In manchen Kreisvereinigungen dauerte es noch einige Jahre, bis jungen Antifaschisten in den Leitungsgremien und anderen Aufgabenbereichen Verantwortung übertragen wurde.

Sicherlich hat dazu auch beigetragen, dass sich besonders jüngere Antifaschisten in der Aufarbeitung der regionalen antifaschistischen Geschichte engagierten und damit sichtbar machten, welchen wichtigen Beitrag sie für die Bewahrung des politischen Vermächtnisses der Frauen und Männer aus dem Widerstand zu leisten bereit waren.

Weltanschauung Faschismus

geschrieben von Janka Kluge

2. Mai 2016

Die Tagebücher eines Vordenkers des Holocaust

 

Nazis schrieben eigentlich keine Tagebücher. Es gibt allerdings zwei Ausnahmen. Goebbels notierte genauso wie Alfred Rosenberg regelmäßig seine Gedanken. Obwohl Rosenberg der wichtigste und gefährlichste Theoretiker der NSDAP war, kennt ihn heute kaum noch jemand. Er wurde im Januar 1893 in Reval geboren. 1917 erlebte er die Revolution in Moskau. Aus dieser Zeit stammt auch sein Antisemitismus. Für ihn war die Revolution die Folge einer jüdischen Weltverschwörung. Als er dann nach München zog, kam er in Kontakt mit antisemitischen Kreisen in Deutschland. Durch sein Wirken und seine Veröffentlichungen beeinflusste er Hitler und die NSDAP stark. Rosenberg nahm am Putschversuch der Nazis beim sogenannten Marsch auf die Feldherrnhalle teil. Da ihm kein Prozess gemacht wurde, beauftragte ihn Hitler, die nun verbotene NSDAP in der Illegalität weiterzuführen. Seit dieser Zeit gehört er zum engen Kreis um Hitler. Während der Weimarer Republik veröffentlichte er zahlreiche Artikel und Schriften. Höhepunkt dieser schriftstellerischen Arbeiten war sein 1930 veröffentlichte Buch »Mythos des 20. Jahrhunderts«. In dem Buch entwickelt Rosenberg die Idee einer germanischen Religion, die das Christentum ablösen soll.

Alfred Rosenberg »Die Tagebücher von 1934 bis 1944« Fischer Verlag, 23,99 EUR

Alfred Rosenberg »Die Tagebücher von 1934 bis 1944« Fischer Verlag, 23,99 EUR

1933 ernannte Hitler ihn zum Leiter des Außenpolitischen Amts der NSDAP, außerdem wurde er 1934 zum »Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP«. Damit war er formal der oberste Mann für die gesamte weltanschauliche Schulung der Partei und ihrer Gliederungen. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt setzen die jetzt veröffentlichten Aufzeichnungen ein. Sein erster Eintrag ist datiert auf den 14.5.1934. Nachdem er schreibt, dass er seit 15 Jahren kein Tagebuch mehr geschrieben hat und »dadurch vieles heute geschichtlich Gewordenes in Vergessenheit geraten« sei, nimmt er sich zwei Punkte vor zu denen er Notizen machen möchte. Da ist zum einen die damals diskutierte Einbindung Englands in ein Bündnis gegen die Sowjetunion und »die Durchsetzung unserer Weltanschauung gegen alle Gegner.« (S.112)

Die Einträge lesen sich zum großen Teil langweilig. Immer wieder aus Neue notiert er, mit welchen ausländischen Gästen er sich getroffen hat und wie sie ihn für seine Veröffentlichungen gelobt haben. Das »Amt Rosenberg« war zuständig für den Diebstahl zehntausender Kunstschätze aus den Museen der besetzten Länder. Außerdem plünderten seine Mitarbeiter zahlreiche Bibliotheken und schafften große Buchbestände nach Deutschland. Hitler hat in einem Erlass vom März 1942 ausdrücklich Rosenberg mit diesen Aktionen beauftragt,

Alfred Rosenberg war auch ein Vordenker des Holocaust. Für ihn war die Vernichtung aller Juden so selbstverständlich, dass er sie in seinen Aufzeichnungen nicht einmal erwähnte. Neben dem Tagebuch sind einige Dokumente abgedruckt. Dabei handelt es sich um Reden und Texte von Rosenberg. Im Dokument 7 sind Anweisungen aus dem »Amt Rosenberg« für den Umgang der Presse mit den Juden Osteuropas vom Frühjahr 1942 » (…) Daß die Juden selbstverständlich von uns als Hauptschuldige hingestellt werden, wird sicherlich von der ganzen Bevölkerung begrüßt werden. Die Judenfrage kann zu einem erheblichen Teil dadurch gelöst werden, daß man der Bevölkerung einige Zeit nach Inbesitznahme frei Hand lässt.« (S.555) Deutlicher wird er bei einer Rede zur Eröffnung eines »Instituts zur Erforschung der Judenfrage« in Frankfurt, die er ungefähr zur gleichen Zeit gehalten hat. » (…) Für Deutschland ist die Judenfrage erst dann gelöst, wenn der letzte Jude den europäischen Kontinent verlassen hat. Es ist dabei ganz gleich, ob ein solches Programm in 5, 10 oder 20 Jahren verwirklicht werden kann.« (S. 553)

Besonders hervorheben möchte ich das Vorwort der beiden Historiker Jürgen Matthäus und Frank Bajohr. Zum einen untersuchen sie die Frage, warum die Tagebücher erst jetzt komplett zugänglich sind, obwohl die in den ersten Jahren geschriebenen Einträge Teil der Anklage im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess waren. Der ehemalige Chefankläger, Robert M. W. Kempner, bekam nach dem Prozess die Erlaubnis, Dokumente aus dem Verfahren privat zu entnehmen. Berichte und Artikel, die er später veröffentlichte, lassen vermuten, dass er Teile der Aufzeichnungen mit in die USA genommen hat. Nach Kempners Tod 1993 beschlossen die Erben, alle Unterlagen und Dokumente an das Holocaust Museum zu übergeben. Noch bevor dies geschah, sind allerdings viele Dokumente verschwunden. Die Suche nach ihrem Verbleib gestaltete sich schwierig. 2003 ordnete ein Gericht an, dass die Unterlagen, die sich noch im Besitz eines Altwarenhändlers befanden, dem Document Center übergeben werden müssen. Es dauerte zehn weitere Jahre, bis das Center weitere 425 handbeschriebene Tagebuchblätter bekam.

Alfred Rosenberg wurde in Nürnberg zum Tod verurteilt und 1946 hingerichtet.

Aufstand in Auschwitz

geschrieben von Gerald Netzl

2. Mai 2016

Am 7. Oktober 1944 erhoben sich die Häftlinge des Sonderkommandos

 

Dieses Buch über das Sonderkommando Auschwitz-Birkenau rekonstruiert auf Grundlage zahlreicher, zum Teil noch unveröffentlichter Zeugenaussagen und schriftlicher Quellen die dramatischen Ereignisse des Aufstands der jüdischen Häftlinge gegen ihre SS-Bewacher am 7. Oktober 1944. Der Historiker Gideon Greif und der Journalist Itamar Levin haben in den vergangenen Jahrzehnten mit Überlebenden gesprochen und Niederschriften der Häftlinge ausgewertet. Ihr Buch verfolgt die Ereignisse und die diversen Aufstandsplanungen, die der Revolte vorausgegangen sind, zeichnet den Aufstand nach und legt die Folgen für die Überlebenden dar.

Gideon Greif, Itamar Levin Aufstand in Auschwitz Die Revolte des jüdischen »Sonderkommandos« am 7. Oktober 1944, 300 Seiten, 24,99 EUR

Gideon Greif, Itamar Levin
Aufstand in Auschwitz
Die Revolte des jüdischen »Sonderkommandos« am 7. Oktober 1944, 300 Seiten, 24,99 EUR

Wurden die Aufstände in Treblinka am 2. August 1943 und in Sobibor am 14. Oktober 1943 in eingehenden Beschreibungen gewürdigt, war das für Auschwitz-Birkenau bisher nicht der Fall. Der Reihe nach: Am 15. Februar 1942 fand die erste Vergasung jüdischer Familien, noch im Stammlager, statt. Im Frühjahr 1943 wurden Morde und Leichenverbrennung nach Auschwitz-Birkenau verlegt – die Krematoriumsöfen des Stammlagers reichten nicht mehr aus, die große Zahl an Getöteten zu beseitigen. Es waren jüdische Häftlinge, zumeist aus Polen, aus Griechenland und ab 1944 auch aus Ungarn, die gezwungen wurden, die Leichen aus den Gaskammern herauszuholen und in den Krematorien zu verbrennen. Bis Februar 1944 belief sich die Zahl der Sonderkommando-Häftlinge nahezu permanent auf 400, im Zuge der »Ungarn-Aktion« stieg sie Ende April auf 900. Die vielen Todesfälle in ihren Reihen, zurückzuführen auf die schlechten Lebensbedingungen, auf Krankheiten, Gewalttätigkeiten, Selektion und Selbstmord, wurden aus dem nicht versiegenden Nachschub aufgefüllt. Die Größe des Sonderkommandos, seine Zusammensetzung und seine Aufgaben hatten zur Folge, dass es zum ersten Mal jüdische Blockälteste, Stubendienste und Vorarbeiter gab. Schon am 23. September 1944 wurden 300 von ihnen selektiert und von der SS ermordet.

 

Shlomo Dragon erinnert sich an den grauenhaften Anblick (zit. S. 32):

»Wenn man die Türe nach der Vergasung öffnete, lagen die Leichen alle aufeinander, dichtgedrängt in Schichten, andere waren aufrecht stehengeblieben. Oft sah ich auf den Lippen der Toten etwas Weißes. In der Gaskammer herrschte eine fürchterliche Hitze, man spürte den süßlichen Geschmack des Gases. Manchmal hörten wir beim Eintritt in die Gaskammer noch Stöhnen, besonders, wenn wir begannen, die Leichen an den Händen aus der Kammer zu zerren. […] Nachdem die Leichen herausgeholt worden waren, mussten wir das Haus sauber machen, den Boden mit Wasser wischen, Sägespäne wurden ausgeschüttet und die Wände geweißt.«

Wichtig ist festzuhalten, dass keiner der Männer auch nur einen einzigen Menschen umgebracht hat – die eigentlichen Mörder in Auschwitz-Birkenau waren immer und ohne Ausnahme Deutsche. Mehr als eine Million Jüdinnen und Juden wurden von den Nationalsozialisten im Lagerkomplex von Auschwitz ermordet.

Während des im Buch so weit wie möglich rekonstruierten zwölfstündigen Aufstands am 7. Oktober 1944 wurden drei SS-Männer und 452 Aufständische getötet. Doch wie ist es zu erklären, dass es überlebende Mitglieder und somit Zeugen gibt? Nach dem Aufstand und der Einstellung der Morde mit Zyklon B verblieben Anfang November noch 100 Häftlinge zur Leichenverbrennung. Zu ihrer Verwunderung und offensichtlich unbeabsichtigt wurden diese bei der Auflösung des Lagers im Januar 1945 nicht ermordet, denn ihnen gelang es, sich im Durcheinander der Evakuierung in die langen Reihen der Tausenden Häftlinge einzureihen, die auf Todesmarsch geschickt wurden oder mit Zügen weggebracht wurden. Höchstens 100 von 3.000 Männern, die dem Sonderkommando angehört hatten, haben überlebt.

Autor Gideon Greif hat Regisseur László Nemes für seinen mehrfach ausgezeichneten Film »Son of Saul« beraten. Dessen Handlung während des Aufstands (!) ist komplett fiktional (was zumindest den Autor dieses Artikels irritiert), gleichzeitig laut Greif jedoch höchst authentisch.

Folgende Worte des Auschwitz-Überlebenden Mordechai Fraenkel aus einem Brief an seinen Bruder beschließen das Buch (S. 303):

»Die jüdischen Jungen haben gezeigt, dass sie nicht im Feuer verbrennen werden und dass das Gas sie nicht töten wird. Das ist ein sehr schwacher Trost, aber wer auch immer die Geschichte von Auschwitz niederschreibt, wird nicht vergessen, sie zu erwähnen.«

Sie wollten frei sein

geschrieben von Wolfgang Gehrcke

2. Mai 2016

Edelweißpiraten – Jugendliche im Widerstand gegen die Nazidiktatur

 

Es gibt nicht viele Bücher, die zugleich den Verstand und das Herz berühren. Alexander Goeb hat das mit seinem Buch »Die verlorene Ehre des Bartholomäus Schink. Jugendwiderstand im NS-Staat und der Umgang mit den Verfolgten von 1945 bis heute« zumindest bei mir erreicht. Ich empfehle dieses Buch zu lesen, sich berühren zu lassen und die Kenntnisse über die Vielfältigkeit des antifaschistischen Widerstandes zu erweitern.

Am 10. November 1944 wurden in Köln-Ehrenfeld 13 Widerstandskämpfer, sechs Jungen und sieben erwachsene Männer, zwei davon erst Anfang 20, ohne jegliches Gerichtsurteil in einer öffentlichen Straße in Köln aufgehängt. Nach den Berichten, die Alexander Goeb wiedergibt, sollen Kölnerinnen und Kölner, die zur Betrachtung des Mordes vor Ort befohlen waren, zumindest zum Teil Beifall geklatscht haben. Ein Teil der Ermordeten gehörte den Edelweißpiraten, einer losen Jugendvereinigung, deren Mitglieder auch aus der Bündischen Jugend kamen, an. Ermordet wurden Günther Schwarz (16) Bartholomäus Schink (16), Johann Müller (16), Franz Rheinberger (17), Gustav Bermel (17) und Adolf Schütz (18). Zu den Ermordeten gehörte auch Hans Balzer (16), der kurz vor diesem öffentlichen Mord von der Gestapo erschossen worden war. Alle Ermordeten waren zuvor in der Kölner Folterzentrale der Gestapo schwerst misshandelt worden.

Alexander Goeb: Die verlorene Ehre des Bartholomäus Schink: Jugendwiderstand im NS-Staat und der Umgang mit den Verfolgten von 1945 bis heute. Die Kölner Edelweißpiraten Brandes & Apsel 2016; 180 Seiten, 16,90 EUR

Alexander Goeb: Die verlorene Ehre des Bartholomäus Schink: Jugendwiderstand im NS-Staat und der Umgang mit den Verfolgten von 1945 bis heute. Die Kölner Edelweißpiraten
Brandes & Apsel 2016;
180 Seiten, 16,90 EUR

Alexander Goeb lässt in seinem Buch die Gruppenmitglieder der Edelweißpiraten lebendig werden. Eine Überlebende, Zilly Serwe, sprach über die Motive der Edelweißpiraten : »Gruppenmitglieder in dem Sinne gab es nicht; das war alles nicht fest organisiert. Die machten mal das, dann mal der und dann kam mal jener.« »Wir waren gegen die Nazis, war das nicht genug?«, war ihr Resümee. Die Edelweißpiraten erreichten in den letzten Kriegstagen in verschiedenen Städten des Rheinlands einige tausend Jugendliche: eine ernstzunehmende Kraft im Widerstand gegen die Nazis. Sie versteckten Flüchtlinge, die aus KZ´s und Zuchthäusern entkommen konnten, brachten Jüdinnen und Juden in illegalen Quartieren unter und retteten so vielen Menschen das Leben. Sie leisteten den Nazis auch wo immer es nötig und möglich war, bewaffneten Widerstand. Die Waffen entstammten zumeist Entwaffnungen von Angehörigen der Wehrmacht. Die Edelweißpiraten organisierten ihre Kontakte auch zu Kommunisten und anderen Angehörigen des Widerstandes. Mein Genosse Heinz Humbach, der über viele Jahre Vorsitzender der Kommunisten im Rheinland war, ein rundum Kölner, gehörte zu den Edelweißpiraten und war bzw. wurde Kommunist.

Die Edelweißpiraten nannten ihre Gruppen nach Indianerstämmen, die von Köln nach den Navajos. Man wollte draußen sein, nicht diszipliniert, nicht eingeordnet, das Lagerfeuer und die Gitarre waren Bindeglieder der Edelweißpiraten. Eine Edelweißpiratin schreibt darüber, dass in den Edelweißpiraten-Gruppen Jungen und Mädchen, Männer und Frauen, völlig gleichberechtigt waren. Franz-Josef Degenhardt hat den Edelweißpiraten ein musikalisches und literarisches Denkmal gesetzt. In seiner Ballade über Nevada-Kid beschreibt er, dass man sich am Grab von Nevada-Kid nach 1945 mit dem berühmten Erkennungspfiff der Edelweißpiraten, basierend auf dem Lied »Es war ein Edelweiß«, mit drei quergepfiffenen Liedzeilen verabschiedet hat. Alle die es können, und das Buch von Alexander Goeb lesen, empfehle ich: Hört Euch zusätzlich die CD von Franz-Josef Degenhardt dazu an. Franz-Josef Degenhardt beschreibt wie Nevada-Kid und seine Edelweißfreunde Munitionsdepots der Nazis in die Luft jagten, wie man Bomben-Züge entgleisen ließ und mit allem was man hatte, gegen die Nazis kämpfte. Nach der Befreiung war der schwule Nevada-Kid, so singt Degenhardt, für einige Tage der Held mit seiner Rumba-Gitarre und dann war er wieder kriminell. Auch das ist mir erst bei der Lektüre des Buches wieder ins Bewusstsein gedrungen, dass Homosexualität mit dem berüchtigten Paragraphen 175 bis zum Jahr 1994 formell ein Straftatbestand war.

Gegen den Vorwurf, mit der Waffe in der Hand gegen die Nazis gekämpft zu haben, mussten die Edelweißpiraten noch lange Jahre nach 1945 ankämpfen. Was beim 20. Juli, beim militärischen Widerstand das Normale war, dass man mit Waffen gegen Waffen vorging, war bei den Edelweißpiraten nicht schicklich. Waffen in der Hand von jungen Arbeiterinnen und Arbeitern war eine Schreckensvorstellung der etablierten Nazis vor 1945 und nach 1945. Der Kampf der Edelweißpiraten um die Anerkennung ihres Widerstandes ging bis zum Jahr 2005. Erst dann kam es zur Anerkennung der verfolgten Jugendlichen als politische Widerstandskämpfer. Viele von den Edelweißpiraten haben diese Anerkennung nicht mehr erleben können. Umso wichtiger, dass ihr Vermächtnis »Frei sein zu wollen«, von den nachfolgenden Generationen heute weitergetragen wird.

Gesichter und Geschichte

geschrieben von Heinrich Fink

2. Mai 2016

Gabriele Senfts Fotoband über Schriftsteller der DDR

 

Die »Junge Welt« hatte zum 13. April in die Ladengalerie eingeladen, um den bekannten Fotografen Horst Sturm zu ehren. Mir war er, ich muss es gestehen, nicht mehr in Erinnerung. Als ich aber seine, von Gabriele Senft für die Ausstellung ausgewählten Bilder sah, schämte ich mich vor mir selbst: Wie konnte ich nur das Bild vom noch nicht fertigen Fernsehturm vergessen, auf dem er sich aus der Kuppel herauslehnte, oder das bekannte Bild von Bert Brecht und Helene Weigel auf dem Dach des BE oder das weltbekannte Portrait von Anna Seghers oder Che Guevara.

Dialog. Schriftsteller der DDR. Fotografien von Gabriele Senft, 192 Seiten, Verlag: Wiljo Heinen 2015, 19,80 EUR

Dialog. Schriftsteller der DDR. Fotografien von Gabriele Senft, 192 Seiten, Verlag: Wiljo Heinen 2015, 19,80 EUR

Zu meinem Erstaunen war der Raum (wie so oft) überfüllt, es waren sehr viele Fotografen-Kollegen von Horst Sturm und Gabriele Senft gekommen und auch viele VVN-Kameradinnen und -Kameraden. Nach der Rede von Gabriele stellte ich fest, dass dieser Abend ein »Doppelkonzert« wurde – die biografischen Informationen zu Horst Sturm, der ihr Lehrer war und durch den sie sowohl die künstlerische als auch die handwerkliche Erfahrung bekam; auch sein politischer Einfluss waren klar zu erkennen. Zu Gabriele Senfts künstlerischen Lehrern gehörten auch Sibylle Bergemann, Walter Heilig und Eva Kemlein. Durch deren politischen Einfluss engagierte sie sich und fotografierte u.a. Fritz Cremer, Käthe Reichel, Angela Davis, Mikis Theodorakis, Ruth Werner, Herman van Veen und Gerhard Gundermann. Die Fotografin war auf allen politischen Demonstrationen – die Bilder zeigen es. Im »Neuen Deutschland« und in der »Jungen Welt« ist sie präsent.

Dem Verlag Wiljo Heinen und ihr ist zu danken, immer wieder auch den Rückblick auf ostdeutsche Befindlichkeiten nach der Vereinigung beider deutscher Staaten zu aktualisieren. Nach mehreren Reisen in den Kosovo hatte Gabriele Senft ihre Fotoausstellung über Jugoslawien erarbeitet. Schwerpunkt war ihr Erlebnis des Luftangriffs auf die Brücke von Wawarin. Die Ausstellung wurde in 50 Städten gezeigt, auch in Prag und in Wien. Sie rührte an Gefühl und Vernunft der Menschen. In ihren ausdrucksstarken Bildern klagt sie den Wahnsinn der Kriegstreiber an und unterstützt die Friedensbewegung.

Mit ihrem Buch zu den DDR-Schriftstellern hat Gabriele Senft für meine Generation Erinnerungen ins Gedächtnis zurückgerufen. Sie meint in ihrer Einführung: » Die Seiten dieses Buches werden bei manchem ein Gefühl der Wehmut hervorrufen; denn dem Anspruch aus der Kinderhymne Brechts wurden die, die sich erinnern – die die DDR gestaltende Generation – nicht gerecht. Wir haben es vergeigt, aus objektiven, mehr noch aus subjektiven Gründen.«

Es waren nicht nur die Schriftstellerkongresse, die Friedensfeste und die Begegnungen mit Kindern, die die Verbundenheit der Schriftsteller mit der Bevölkerung zeigen, ihr Interesse am Gespräch. Das Motto des Buchbasars auf dem Berliner Bebelplatz am 8. Mai 1983 »Dem Frieden das Wort und die Tat« verbindet alle im vorliegenden Bildband versammelten Anlässe und Orte der Begegnung, Davon zeugen auch die wiederholten Treffen mit Autoren anderer Länder – Orte der Verständigung untereinander, wie bei den Schriftstellerkongressen, dem Poetenseminar und den Begegnungen mit Lesern, wie im Kabelwerk in Berlin, bei Lesungen und Buchbasaren.

Die Auswahl der Fotos ist mehr als ein Katalog zur Ausstellung »Dialog. Schriftsteller in der DDR.« Etwa 40 der hier abgedruckten Bilder werden dort gezeigt und sie ist auch kein »unvollständiges Schriftsteller-Lexikon«. Das Fotobuch möchte vielmehr zum Sehen und Nachdenken einladen.

Gabriele Senft wünscht sich, dass »es gelungen ist, wenn das Blicken in die Gesichter Vergnügen bereitet.« Mir hat es großes Vergnügen bereitet. Ich habe manchmal beim Lesen der Texte und Betrachten der Bilder meinen Platz am Schreibtisch verlassen, bin zum Bücherregal gegangen und habe mich im Stillen mit dem einen oder anderen Autor unterhalten.

Mich hat sehr beeindruckt, wie die Autorin an dem Abend in der Jungen Welt über die Zerrüttung der augenblicklichen Friedensbewegung sprach. Ich hoffe, dass ihre Position dazu in dem Band zu Horst Sturm »Das Einfache« abgedruckt wird. Es würde sich, wie alles, was Gabriele Senft publiziert, weiterzudenken lohnen.

Dem Verlag sei an dieser Stelle für den Spürsinn seiner Veröffentlichungen gedankt.

Eltern, Kinder, Enkel

geschrieben von Eva Neumann

2. Mai 2016

Erfahrungen der »Kinder des Widerstands« finden positive Resonanz

 

Wir, die Gruppe »Kinder des Widerstandes – Antifaschismus als Aufgabe« waren überrascht und erfreut: Nach knapp drei Monaten mussten wir die zweite Auflage unserer Broschüre drucken lassen. Die erste Auflage war vergriffen!

Kurz ein paar Informationen: Die in der Gruppe Mitarbeitenden sind Kinder von Naziverfolgten, die entweder ins Ausland fliehen konnten und sich dort oft den jeweiligen Widerstandsbewegungen anschlossen oder von solchen Verfolgten, die in Deutschland Konzentrationslager oder Zuchthaus und Gefängnis erleiden mussten.

Die Schrift »Kinder des Widerstandes« ist für 6,- Euro (inclusive Versandkosten) zu beziehen bei: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Landesvereinigung Nordrhein-Westfalen, Büro Gathe 55, 42107 Wuppertal.

Die Schrift »Kinder des Widerstandes« ist für 6,- Euro (inclusive Versandkosten) zu beziehen bei: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) Landesvereinigung Nordrhein-Westfalen, Büro Gathe 55, 42107 Wuppertal.

Viele Angehörige dieser Generation sahen es nach 1945 als ihre Aufgabe an, vor allem Jugendliche über alten und neuen Faschismus zu informieren; Zeitzeugen, die leider inzwischen verstorben sind oder so gebrechlich, dass sie nicht mehr an Veranstaltungen teilnehmen können.

Seit 2011 versuchen wir, diese Lücke ein wenig zu verkleinern, indem jetzt wir als Nachkommen in Schulen, Vereine, Organisationen gehen und dort informieren und diskutieren. Auch durch Zeitungsartikel, Mitwirkung an Radiosendungen (WDR), Betreuung von Ausstellungen und Beteiligung an Studienfahrten zu Gedenkstätten konnten wir inzwischen viele Menschen erreichen.

Oft wurden wir nach weiteren Einzelheiten zur Geschichte unserer Eltern und Großeltern gefragt und auch zu unserer eigenen Nachkriegsgeschichte.

Mit unserer ersten Broschüre, in der acht »Kinder« aus NRW sehr persönlich erzählen, wollten wir diesem Interesse nachkommen und auch versuchen, mit der Broschüre noch mehr Menschen zu erreichen. Es gibt längere Erzählungen, Episoden, Berichte – der Stil und auch die Herangehensweise an die Familiengeschichte ist ganz unterschiedlich.

Die Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern waren ausnahmslos positiv. Stellvertretend drei Kommentare.

Jemand aus Recklinghausen schreibt: »Ich habe Euer Buch mit sehr großem Interesse gelesen. Es hat mich so in den Bann gezogen, dass ich es ohne Pause durchgelesen habe. Vieles kannte ich bereits, trotzdem habe ich noch viele wertvolle Informationen erhalten. Mein Exemplar des Buches habe ich an Freunde weitergegeben, weil ich es so informativ finde.« In ihrem weiteren Schreiben schlägt sie vor, in weiteren Artikeln stärker auf das Zusammenleben mit den Eltern einzugehen, ob und wie sie den Lebensweg beeinflusst haben, auf mögliche Differenzen mit ihnen und eigene Entscheidungen.

Interessant waren auch die Äußerungen einiger Leserinnen und Leser aus der ehemaligen DDR. Sie sagten übereinstimmend, dass sie solche Erzählungen wie die unseren natürlich kennen. Aber die Berichte, die sie über die 50er und 60er Jahre der BRD in der DDR hörten, wurden durch unsere Erzählungen bestätigt. Es war eben keine »DDR-Propaganda« sondern ganz reale bedrückende Erfahrung im »freien Westen«.

 

Der folgende Kommentar drückt treffend aus, was wir mit unserer Broschüre beabsichtigten: »In einer Zeit, in der aufgehetzte Bürger in Duisburg und anderswo wieder rassistische Parolen grölen, ist umso wichtiger die Erfahrungen des Faschismus weiter zu geben und aus dem Erleben und Handeln der Menschen, die darunter gelitten und sich gewehrt haben, zu lernen. Das Buch ›Kinder des Widerstands‹ macht uns bekannt mit Menschen, die sich engagieren und die Erfahrungen ihrer Eltern weitergeben. Sie haben sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zu informieren und mit ihnen zu diskutieren, wie der Satz ›Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus‹ heute aktiv verwirklicht werden kann. Gerade die politische Bildung muss ihre Chancen nutzen, mit vielen Bürgern diese Fragen zu erörtern und Perspektiven des Handelns zu entwickeln. Es ist gut zu wissen, dass die Nachkommen der Menschen, die im Widerstand waren, bereit sind ihre Erfahrungen und Gedanken in der Öffentlichkeit zu diskutieren. In Duisburg haben wir die Gelegenheit.« (Achim Ziellenbach, Ev. Bildungswerk Duisburg, Fachbereichsleiter Politische Bildung)

 

Solche Rückmeldungen ermutigen uns, weitere Broschüren zu planen. Allerdings wollen wir nicht mehr Berichte aus ganz NRW in einem Buch zusammenstellen, sondern regionale Geschichten erfassen. Ein erstes Treffen für eine Broschüre »Bergisches Land« hat es schon gegeben, weitere z. B. für den Raum Köln, das Ruhrgebiet und den Raum Düsseldorf sollen folgen.

Unser letzter Sommer

geschrieben von Thomas Willms

2. Mai 2016

Eine Geschichte aus dem besetzten Polen

 

»Unser letzter Sommer«, eine deutsch-polnische Produktion des polnischen Regisseurs Michał Rogalski, ist ein ruhiger, sogar leiser Spielfilm über den Sommer des Jahres 1943 im besetzten Polen. Einige historische Fehler unterlaufen ihm. Zum Beispiel machten alliierte Bomberverbände ganz sicher keinen Umweg über Polen, um nach Berlin zu fliegen.

Trotzdem hat Rogalski einen außerordentlich realistischen, analytischen und offenen Film über den Massenmord an den polnischen Juden gedreht und das mit bewundernswerter künstlerischer Unabhängigkeit gegenüber dem Geschehen auf dem Filmmarkt.

unser-letzter-sommer-poster

Dampfloks und Güterwaggons sind die gar nicht heimlichen Stars des Films und verweisen doch gleichzeitig auf den nazistischen Völkermord an den Juden Polens. Die Rangierloks fahren nämlich bis zum Tor »333«, der Strecke zur »Desinfektionsrampe«, d.h. zum Vernichtungslager Treblinka.

In dieser Landschaft treffen sich die Lebenswege von fünf Heranwachsenden: der Polen Romek und Franka, der polnischen Jüdin Bunia und ihres Bruders und des Deutschen Guido. Während sich für das Bauernmädchen Franka nicht viel geändert hat durch den Krieg, muss Romek als Heizer auf der Lok des Freundes seiner Mutter arbeiten. Da gibt es auch öfter Knuffe, aber was soll man machen, wenn es sonst keine Arbeit gibt? Außerdem können die beiden nebenbei interessante Geschäfte machen. Entlang der Schienen finden sich immer wieder wie Strandgut Kleider und auch ganze Koffer voller Sachen. Einen davon bringt Romek nach Hause. Die Mutter nimmt ihn an sich wie ein Weihnachtspaket. Beklommen sieht man, wie sie mit geübten Griffen nach versteckten Wertsachen sucht und dabei achtlos das Grammophon mit den Jazzplatten beiseite schiebt. Diese Musik ist es, die die beiden polnischen Jugendlichen mit Guido verbinden wird, der als Wehrpflichtiger zur deutschen Sicherheitspolizei eingezogen worden ist, von der ein Zug im Dorf stationiert ist.

Das Handeln der Personen wird ganz wesentlich durch Hierarchien bestimmt, wobei die traditionellen »Alt vs. Jung«, »Mann vs. Frau«, »wohlhabend vs. arm« durch die neuen »Deutscher vs. Pole«, »bewaffnet vs. unbewaffnet« und vor allem »Arier oder Jude« überlagert und ersetzt werden. Auch die deutsche Sprache wird in dieser Lage zu einem grausamen Instrument der Herrschaft. Noch der unbedeutendste Deutsche erhält durch sie eine dramatische Überlegenheit.

Die Zugehörigkeit zu der »besseren« Gruppe entscheidet über den Zugang zu Ressourcen, die Möglichkeiten zum Tauschen, Sammeln und Rauben und letztlich über die eigene Sicherheit.

Die allerschlechtesten Karten hat deshalb Bunia, schließlich ist sie jung, weiblich, mittellos und vor allem jüdisch. Halbverhungert ist sie zusammen mit dem Bruder dem Todestransport vom Warschauer Ghetto nach Treblinka entkommen und ergreift, sich wie eine Katze bewegend, die wenigen Chancen, die es gibt. Vor der polnischen Bevölkerung kann sie sich nicht sicher fühlen. Die Wahrscheinlichkeit auf jemanden zu treffen, der heilfroh darüber ist, dass die Deutschen mit den Juden aufräumen, ist groß. Dass sie sich an Romek hängt, den sie im Wald trifft, ist deshalb ein rein instrumentelles Verhalten. Sie weiß nicht, dass der zuvor schon – hilflos und zu Recht ängstlich – den sterbenden Bruder gefunden hatte. Eindeutig ist hingegen Bunias Verhältnis zu den Deutschen. Die muss man töten, anders geht es gar nicht. Als Bunia, Romek und Guido aufeinandertreffen und ein Handgemenge ausbricht, bringen die beiden unfertigen Jungen es nicht fertig, sich zu erschießen, was das Mädchen sicher getan hätte, könnte sie mit der Waffe umgehen.

Bunias einziges Tauschgut ist ihre Sexualität, die sie Romek aufdrängt. Aber er taugt nicht als Lösung für das Überleben. Viel besser ist für sie ein durchziehender sowjetischer Partisanentrupp, der die Ordnung des deutsch besetzten Polens durchbricht und mit dem sie schließlich mitgeht. Vorsichtig, lauernd und gewalttätig streifen die Russen durch die Wälder, vor den Deutschen genauso auf der Hut wie vor polnischen Partisanen. Als junge Frau ist sie den bewaffneten sowjetischen Männern ausgeliefert, aber nicht als Jüdin. Das ist das Wichtigste für sie. Der Zuschauer muss entscheiden, ob er den Akt, den er sieht, als Prostitution oder Vergewaltigung oder beides zugleich sehen will.

Der junge Deutsche träumt derweil weiter, obwohl er selbst zum Mordkommando gehört. Er verzieht sich gerne auf den Dachboden, hört heimlich Musik und versteht nicht, in welche Gefahr er das polnische Mädchen bringt, das er an sich zieht. Vom Vorgesetzten erwischt, bringt dieser das Erziehungsprogramm zu Ende. Guido muss Franka selbst erschießen.

Auch Romek ist am Schluss gereift. Er kann in diesem Sommer 1943 noch etwas aus sich machen. Entschlossen ergreift er die Chance, Mutters Freund von der Lok zu verdrängen. Er übernimmt selbst den Posten an den Hebeln der Dampflok und die Rangierstrecke – die nach Treblinka.

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