Strafrecht politisch instrumentalisiert

geschrieben von Marek Winter

13. November 2014

Einstellung des Verfahrens gegen die Auflage, 500 Euro an eine Kirchengemeinde zu zahlen – das ist das Ende des Gerichtsverfahrens gegen den Geschäftsführer der Berliner VVN-BdA. Ihm wurde vorgeworfen, bei den Protesten gegen den Dresdener Naziaufmarsch 2011 als Rädelsführer aufstandsähnliche Ausschreitungen, auf juristisch »schweren Landfriedensbruch«, zu verantworten gehabt zu haben. Dieser Freispruch dritter Klasse zeugt davon, auf welch tönernen Füßen die Anklage stand. Angesichts der bundesweiten Öffentlichkeit für dieses Verfahren und nach dem skandalösen Prozess gegen Lothar König wollte die Staatsanwaltschaft offenbar nicht noch einmal das Risiko eines öffentlichen Prozesses eingehen. Unter halbwegs rechtsstaatlichen Verhältnissen hätte das Verfahren nie eröffnet werden dürfen. Wie schon in den Verfahren gegen Tim und Lothar König und viele andere, über die mangels »Prominenz« kaum berichtet wird, hat sich wieder einmal gezeigt, wie sehr die sächsische Justiz sich zum bloßen Werkzeug anti-antifaschistischer Politik in Sachsen gemacht hat. Kritik an den Verhältnissen, die es ermöglicht haben, dass jahrelang der größte deutsche Naziaufmarsch durch Dresden ziehen konnte und an der nicht nur klammheimlichen Übereinstimmung zwischen dem Geschichtsbild der »normalen« Dresdner Bevölkerung und dem der Nazis soll, vor allem wenn sie von »Auswärtigen« vorgetragen wird, mit den Mitteln des Strafrechtes abgewehrt werden. Zwar gelang es mittlerweile erfolgreich, den Nazis ihr jährliches Schaulaufen in Dresden zu verleiden. Das Problem antidemokratischer, autoritär orientierter, rechter Strukturen in Politik, Verwaltung und Justiz in Sachsen bleibt bestehen: davon zeugt jeder Prozess in Dresden. Deswegen verdienen alle Angeklagten unsere Solidarität – nicht nur die »Prominenten«.

Große Fragezeichen

geschrieben von Katharina König

13. November 2014

Der Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss und seine Ergebnisse

 

Zweieinhalb Jahre. Mehr als 10.000 Aktenordner. Über 50 Zeugen- und Sachverständigenanhörungen. Der Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss »Rechtsterrorismus und Behördenhandeln« versuchte in der letzten Legislatur Aufklärung rund um den NSU-Komplex zu betreiben. Es gelang nur teilweise. Schweigende Zeugen, Schwarmdemenz bei Mitarbeitern des Verfassungsschutzes, aber auch aktive Versuche der Behinderung der Arbeit, bspw. durch fehlende Akten u.a. aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz, erschwerten die Arbeit. Trotzdem ist dem Thüringer Untersuchungsausschuss viel gelungen. Die 90er Jahre detailliert aufzuarbeiten, Fehlverhalten von Verantwortungsträgern in Sicherheitsbehörden, Politik aber auch Gesellschaft darzustellen. Besonders wichtig aber sind die im Abschlussbericht formulierten offenen Fragen und offenen Komplexe, welche in einem neu einzusetzenden NSU-Untersuchungsausschuss weiter zu bearbeiten und aufzuklären sind.

Katharina König ist Landtagsabgeordnete der »Linken« in Thüringen und war Mitglied im dortigen NSU-Untersuchungsausschuss. Sie geht davon aus, dass es in dieser Legislatur einen neuen NSU-Untersuchungsausschuss des Parlaments geben wird, da viele Fragen noch offen sind.

Katharina König ist Landtagsabgeordnete der »Linken« in Thüringen und war Mitglied im dortigen NSU-Untersuchungsausschuss. Sie geht davon aus, dass es in dieser Legislatur einen neuen NSU-Untersuchungsausschuss des Parlaments geben wird, da viele Fragen noch offen sind.

Keine Antworten können wir nach der zweieinhalbjährigen Arbeit im Untersuchungsausschuss »Rechtsterrorismus und Behördenhandeln« u.a. auf die folgenden Fragen geben:

• Wie groß das von uns unterstellte und in Teilen herausgearbeitete Netzwerk ist, welches das NSU-Kerntrio in unterschiedlichen Formen unterstützte.

Die insbesondere für die Angehörigen der Ermordeten quälende Frage, wie die individuellen Opfer der NSU-Mordserie ausgewählt wurden. Auch wenn das von uns vermutete Unterstützer-Netzwerk einen Ansatz bieten kann, erklärt es noch nicht, wie und warum die »Auswahl« der Ermordeten seitens des NSU stattfand. So bleiben die Angehörigen mit der Ungewissheit alleine, warum ausgerechnet ihr Ehemann, ihr Vater, ihr Bruder oder Onkel ermordet wurde.

• Offen ist für uns das Motiv, welches zur Ermordung der Thüringer Polizistin Michèle Kiesewetter und zum versuchten Mord an ihrem Kollegen führte.

• Mit großen Fragezeichen versehen ist für uns der Ablauf des 04.11.2011 in Eisenach und insbesondere die durch die Ermittlerinnen vor Ort getroffenen Entscheidungen, bspw. zur Verbringung des Wohnmobils mit den Leichen des Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos vor der Tatortsicherung.

• Aufgrund der unter dem Deckmantel der Geheimhaltungspflicht praktizierten Verweigerungshaltung des Bundesministerium des Inneren und des Bundesamtes für Verfassungsschutz zur Her-ausgabe noch vorhandener bzw. nach der Vernichtung am 04.11.2011 wieder rekonstruierter Aktenteile zu V-Leuten, ist es nicht gelungen aufzuklären, inwieweit der Vernichtung ein Vertuschungsmotiv zugrunde lag. Wir gehen davon aus, dass Bezüge zum NSU-Komplex in den geschredderten Akten ersichtlich waren und möglicherweise aus rekonstruierten Teilen ersichtlich sind.

• Im Ausschuss wurde versucht, die Verbindungen zwischen Thüringer Neonazis und Baden-Württemberger Neonazis zu thematisieren. Aus den Akten ist ersichtlich, dass ein jetzt in Baden-Württemberg lebender Neonazi in den 90er Jahren eng an den THS angebunden war. Durch Recherche-Erkenntnisse antifaschistischer Gruppen und investigativer Journalistinnen und Journalisten ergeben sich Verknüpfungspunkte, welche im Zusammenhang mit dem Mord an Michèle Kiesewetter stehen könnten.

• Die Verbindungen zwischen Neonazis und dem Bereich der »Organisierten Kriminalität« sind in Thüringen ersichtlich geworden. Dringend müssen Akten aus dem OK-Bereich einem künftigen Ausschuss zur Verfügung gestellt werden.

Im August 2014 legten wir den Abschlussbericht des Thüringer Untersuchungsausschusses vor. Fast 2000 Seiten. Unzählige Details, Verbindungen, Namen und Strukturen. Vor allem aber offene Fragen. Ob wir jemals die Antworten finden werden, ist fraglich. Wir müssen es versuchen. Wir sind es den Betroffenen der Sprengstoffanschläge und den Opferangehörigen schuldig. Trotz – auch eigener – alltäglicher Erfahrungen von Drohungen, körperlichen Angriffen bis hin zu Brandsätzen gegen engagierte Menschen, haben auch wir uns nicht in letzter Konsequenz vorstellen können, dass Neonazis die Terrorkonzepte des »führerlosen Widerstands« und des »Rassenkriegs« über Jahre hinweg in Deutschland umsetzen konnten, ohne von Strafverfolgern gestoppt zu werden.

Analog der Aufforderung an Polizei und Staatsanwaltschaften bei Gewaltkriminalität, einen rassistischen, antisemitischen oder neonazistischen Hintergrund zu prüfen, sollten auch wir entsprechende Übergriffe nicht allein der Bewertung von Behörden überlassen, sondern Kontakt zu den Betroffenen suchen und kritisches Hinterfragen zum Maßstab des Handelns machen.

Meldungen

13. November 2014

Aufklärung notwendig

In Hessen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen wurden nunmehr auch Parlamentarische Untersuchungsausschüsse gebildet, nachdem CDU, Grüne und/oder SPD dies, unterschiedlich motiviert, zunächst abgelehnt hatten, es dann aber selbst beantragten bzw. zustimmten. Die Ausschüsse sollen Ursachen und Zusammenhänge mit dem NSU-Terror insbesondere im Hinblick auf das Verhalten von Politik und Behörden (Verfassungsschutz, Polizei und Justiz) in den betreffenden Ländern untersuchen und aufklären.

 Verdacht erhärtet

Die erst Anfang Oktober an die Öffentlichkeit gelangte Meldung, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz bereits 2005 von dem V-Mann »Corelli« eine CD mit einem Hinweis auf die Existenz des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) erhielt, dies aber unbeachtet und darüber auch nichts verlauten ließ , hat den Eindruck und Verdacht des Vertuschens und Verschleierns bis hin zur »gezielten Sabotage« erneut verstärkt. Als »Corelli« im März d.J. vernommen werden sollte, lag er tot in seiner Wohnung.

Asylverschärfung

Mit der Einstufung von drei Balkanstaaten zu »sicheren Herkunftsländern« wurde die bundesdeutsche Asylpraxis erneut verschärft. Flüchtlinge und Asylsuchende aus diesen Ländern können so schneller abgelehnt und abgeschoben werden, obwohl insbesondere Roma dort massiver Diskriminierung und unerträglichen Zuständen ausgesetzt sind. Die Zustimmung des grünen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Kretschmann, ermöglichte im Bundesrat die erforderliche Be-schlussmehrheit trotz schärfster Kritik der Grünen an dieser Gesetzgebung.

Misshandlungen

Flüchtlinge sind in Deutschland nicht nur Diskriminierungen sondern auch Gewalt und Folter ausgesetzt. In der Nähe von Rostock wurden Brandsätze auf eine Flüchtlingsunterkunft geworfen. In mehreren Unterkünften wurden Flüchtlinge von Wachleuten privater Sicherheitsdienste misshandelt. Dabei wurde bekannt, dass Wach-, Versorgungs- und Betreuungsaufgaben in Flüchtlingsunterkünften vielerorts an private Firmen und Dienste vergeben werden. Von solchen Diensten werden in einigen Fällen sowohl Vorbestrafte als auch Neonazis beschäftigt; zuweilen bewegen sich Betreiber solcher Wach- und Sicherheitsdienste selbst in diesem Umfeld. Von Seiten der Bundes- und Landesregierungen und Behörden wurden »Überprüfungen« angekündigt, nachdem Berichte und Bilder von den Misshandlungen an die Öffentlichkeit gelangt waren.

Krasse Vorurteile

In der deutschen Bevölkerung gibt es nach wie vor erhebliche Vorurteile bis hin zu strikter Ablehnung gegenüber Sinti und Roma. Jeder dritte Deutsche will sie nicht in seiner Nähe haben. Das ergibt eine Studie, die von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) vorgestellt wurde. Nach Auffassung rund der Hälfte der Deutschen sind die Diskriminierten daran selbst schuld. Jeder zweite Befragte war der Auffassung, dass Sinti und Roma ebenso wie Muslime durch ihr Verhalten »Feindseligkeit hervorrufen« würden. »Gleichgültigkeit, Unwissenheit und Ablehnung bilden zusammen eine fatale Mischung«, erklärte die Leiterin der ADS.

Dresdner Ermittlung

Zum Vorwand für umfassendes Ausspähen, darunter hunderttausendfache Telefonüberwachungen und Aufzeichnungen von rund 55.000 Personen, dem sogen. Handygate, das später vom Gericht in Teilen für illegal erklärt wurde, dienten u.a. die Ermittlungen der Dresdener Staatsanwaltschaft gegen rund 25 Nazigegner wegen angeblicher »Bildung einer kriminellen Vereinigung«. Nach mehr als dreieinhalb Jahren wurden die Ermittlungen eingestellt. Die behauptete »kriminelle Vereinigung«, die »Antifa-Sportgruppe«, hat es nie gegeben.

Milde für Neonazis

Acht Neonazis, die in Hoyerswerda ein junges Paar stundenlang massiv bedroht hatten (der Fall erregte bundesweit Aufsehen, weil die Polizei den Bedrohten zur Flucht geraten hatte), kamen im Januar mit milden Urteilen davon. Das einzige etwas härtere Urteil gegen den Haupttäter wurde nunmehr vom Landgericht Bautzen um drei Monate abgemildert auf insgesamt siebzehn Monate. Auf die Konsequenzen milder Urteile wies kürzlich die »Süddeutsche Zeitung« im Zusammenhang mit dem NSU-Prozess hin. Das Blatt erinnerte daran, dass Uwe Böhnhardt, nachdem er 1996 wegen eines vorgetäuschten Bombenattentats (Aufstellen einer Bombenattrappe zusammen mit dem Aufhängen einer Puppe mit Davidstern und der Aufschrift »Jude«) zu dreieinhalb Jahren verurteilt worden war, vom Landgericht Gera in einem Berufsverfahren freigesprochen wurde. »Es ist diese Haltung, mit der viele Gerichte in den 90er Jahren den Rechtsradikalen das Gefühl gaben, sie könn-ten sich alles erlauben«, kommentierte die Süddeutsche Zeitung unter der Überschrift : »Wie der Staat Rechtsradikale züchtete« (SZ, 15.10.14).

»Mafia-Niveau«

Unter dem Vorwurf der Beteiligung an einer Messerstecherei wurde der stellvertretende bayerische NPD-Landesvorsitzende Sascha Roßmüller verhaftet. Roßmüller, der führendes Mitglied der Rockergruppe »Bandidos« ist, sollte neuer stellvertretender Bundes-Vorsitzender der NPD werden. »Die Partei wäre dumm, wenn sie auf einen politisch intelligenten Mann verzichten würde«, erklärte dazu NPD-Bundessprecher Frank Franz, der selbst Vorsitzender der Bundes-NPD werden will. Dagegen beklagte Bayerns NPD-Vorsitzender Karl Richter auf Facebook , dass die NPD dem Eindruck nach »endgültig Mafia-Niveau erreicht« habe. Neue Schwierigkeiten haben auch die NPD-Führer Udo Pastörs und David Petereit. Gegen sie laufen Verfahren wegen Volksverhetzung (Petereit) und einem illegalen Aufmarsch von Neonazis (Pastörs).

Aufarbeitung nötig

Eine Aufarbeitung der Vergangenheit des Bundeskanzleramtes in personeller und inhaltlicher Hinsicht durch eine unabhängige Historikerkommission – wie bei anderen Bundesministerien und Bundesbehörden – wird in einem Antrag der Linksfraktion gefordert. Erster Leiter des Kanzleramtes war Hans Globke, Kommentar der NS-Judengesetze.

In US-Diensten

US-Geheimdienste haben nach 1945 mindestens eintausend Ex-Nazis »jeglichen Ranges« beschäftigt. Das berichtet die »New York Times«, nachdem Einblicke in bislang unter Verschluss gehaltene Akten möglich geworden waren. Die Nazis galten als »Experten« für Antikommunismus und gegen die Sowjetunion gerichtete Arbeit. Sie wurden gezielt vor Strafverfolgungen geschützt. Zu ihnen gehörte zum Beispiel auch der Adjudant Adolf Eichmanns, SS-Hauptsturmführer Otto von Bolschwing.

(Zusammengestellt von P.C. Walther)

Schleichender Untergang

geschrieben von Martin Schirdewan

13. November 2014

Hat die NPD die extrem rechte Erneuerung verpasst?

 

Natürlich leben Totgesagte länger. Und ja, die NPD wird sich nach den drei ostdeutschen Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen nicht gleich selbst zu Grabe tragen. Auch wenn das politisch angemessen wäre. In Sachsen (darüber wurde in der jüngsten Ausgabe berichtet), scheiterte die NPD mit 4,9 % und nur wenigen hundert fehlenden Stimmen am Wiedereinzug in den sächsischen Landtag. In Brandenburg erreichte sie 2,2 % der abgegebenen Stimmen, was einem Verlust von 0,4 % im Vergleich zu den Landtagswahlen 2009 entspricht. In Thüringen verlor die Partei 0,7 % ihrer Stimmen im Vergleich zur Landtagswahl 2009 und erreichte nur noch 3,6 %.

Da nach dem deutschen Parteiengesetz ab einem Zweitstimmenanteil von 1,00 % bei Landtagswahlen die Parteien in den Genuss einer jährlich auszuzahlenden staatlichen Zuweisung gelangen, wird auch die NPD entsprechende Gelder erhalten. Dennoch werden die Verluste sich finanziell schmerzhaft auswirken und den politischen Handlungsradius der Partei weiter einschränken. Der Untergang der Partei ist ein schleichender. Und er vollzieht sich derzeit auf vielen Feldern. Finanziell wegen sinkender staatlicher Unterstützung und eigenhändig organisierter Finanzskandale um falsche Rechenschaftsberichte.

Personell, weil führende Nazikader wie in Sachsen der ehemalige Fraktionschef Holger Apfel und in Thüringen der Spitzenkandidat Patrick Wieschke mit privaten Skandalen, die massiv die Glaubwürdigkeit der beiden Personen und darüber hinaus der gesamten Partei beschädigten, in die Medien geraten sind. Apfel zog sich bereits vor den Wahlen zum sächsischen Landtag aus der ersten Reihe zurück, Wieschke wurde nach den Wahlen in Thüringen seiner bundespolitischen Verantwortung innerhalb der Partei enthoben, bleibt aber vorerst Landeschef seiner Partei in Thüringen.

Politisch, weil mit der AfD eine Partei entstanden ist, die mit ähnlichen Slogans und Inhalten auf Stimmenfang geht. Und der – trotz aller gegenteiligen Tendenzen – bislang kein rechstextremes Image anhaftet, vor dem Otto-und-Erna-Normal-Stammtisch-Protestwähler in ihrer wutbürgerlichen Protesthaltung zurückschrecken könnten. So konnte die AfD gerade in den grenznahen Regionen in Sachsen und Brandenburg hohe Stimmenanteile gewinnen, indem sie dort das Thema der inneren Sicherheit in den Vordergrund stellte und damit rassistische Ressentiments bediente.

Strategisch hat sich die NPD selbst ins Abseits gestellt. Der anhaltende faschistische Kurs der Partei steht im Gegensatz zu einer allgemeinen Modernisierung der europäischen Rechten. Erfolgreich sind hier insbesondere populistische Formationen, die einerseits einen antiliberalen Grundgestus pflegen und zugleich einer knallharten neoliberalen Marktlogik verpflichtet sind. Das (ökonomisch basierte) Recht des Stärkeren spiegelt sich hier in wohlstands-chauvinistischen, rassistischen, sexistischen, antiegalitären, antidemokratischen und antisozialen Positionen. »26 million people in Europe are looking for work. And whose jobs are they after?«, fragt etwa UKIP aus Großbritannien. »Ni droite, ni gauche – français«, behauptet der Front National zu sein, während Geert Wilders »Meer veiligheid, minder immigratie« (Mehr Sicherheit, weniger Immigration) fordert. Dass die NPD mal eben »Gas geben« plakatiert oder andere faschistische Idiotien verbreitet, zeigt eindrücklich, dass der Zug der europäischen rechtspopulistischen und rechtsextremen Erneuerung im Zuge der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise an der deutschen Nazipartei ohne Halt vorbeigefahren ist.

Falsche Strategie, keine originären Inhalte, schlechtes Personal, Skandale, marode Finanzen. Der Untergang? Nein. Noch gibt es eine NPD-Fraktion im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern und die Partei hält einen Sitz im europäischen Parlament. Aber der Abwärtstrend ist unverkennbar.

Aus antifaschistischer Sicht

geschrieben von Janka Kluge

13. November 2014

NSU-Watch erhält den Hans-Frankenthal Preis des Auschwitz-Komitees

 

Wenn Preise und Ehrungen verliehen werden, ist das meist eine gute Gelegenheit, die Geehrten öffentlich zu würdigen. Der Hans-Frankenthal-Preis des Auschwitz-Komitees, der jedes Jahr für antifaschistisches Engagement vergeben wird, ist solch eine Gelegenheit. Letztes Jahr bekamen ihn die VVN-BdA für die Neofa-Ausstellung und die Bürgerinitiative Glinde für ihren Kampf gegen einen Naziladen. In diesem Jahr wurden sogar drei Projekte ausgezeichnet. Neben NSU Watch wurden die Vereinigung der Okkupationsopfer 1941 -1945 aus Slowenien sowie die Infogruppe Rosenheim und das Bündnis rabatz – autonome Vernetzung Oberbayern/Salzburg/Tirol geehrt. Eigentlich hätte jede dieser Gruppen hier eine eigene Würdigung verdient. Wir hatten aber bereits vor der Bekanntgabe der Preisträger beschlossen, den Lesern der antifa einmal die Arbeit von NSU-Watch vorzustellen.

Nach dem Auffliegen des NSU-Trios Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe war verschiedenen antifaschistischen Gruppen klar, dass es wichtig sein würde, den Prozess gegen Beate Zschäpe aus antifaschistischer Sicht zu beobachten. Der Kreis der Gründer von NSU-Watch bestand aus den antifaschistischen Zeitungen »Der rechte Rand« und das »Antifaschistische Infoblatt«, sowie der antirassistischen Zeitung »Lotta«, den Archiven und Dokumentationszentren »apabiz« (Berlin) und »a.i.d.a.« (München), dem antifaschistischen Rechercheteam Dresden (ART), dem »Antirassistischen Bildungsforum Rheinland«, dem »Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus« und dem Netzwerk antirassistischer Initiativen »Argumente e.V.«. Es hatten sich damit Gruppen zusammengefunden, die seit vielen Jahren antifaschistische und antirassistische Arbeit in Deutschland leisten.

NSU Watch garantiert nun, dass an jedem Prozesstag Antifaschistinnen und Antifaschisten den Prozess beobachten und danach ein ausführliches Protokoll verfassen. Diese Protokolle werden anschließend in leicht gekürzter Fassung auf der eigenen Internetseite veröffentlicht. Inzwischen sind so die Protokolle von 150 Verhandlungstagen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Um die oft vorhandenen Grenzen zwischen deutschen Antifaschisten und türkischen oder kurdischen Migrantinnen aufzubrechen, wurden die Protokolle von Anfang an auch ins Türkische übersetzt.

Seit kurzem gibt es auf der Internetseite auch eine Liste der Zeugen und Zeuginnen, die vom Gericht verhört worden sind. Sehr hilfreich ist, dass die jeweiligen Namen mit den entsprechenden Seiten der Protokolle vernetzt sind, so dass sich ihre Aussagen dort leicht finden lassen. Es ist gut und wichtig, dass die Antifaschistinnen, die den Prozess beobachten, über jahrelange Erfahrungen im Kampf gegen Nazis verfügen und so eher und besser als das Gericht in der Lage sind, Aussagen von Zeugen einzuordnen.

Der Hans-Frankenthal- Preis ist nicht die erste Auszeichnung, die NSU-Watch bekommen hat. Sie erhielten 2013 den Medienprojektpreis der Otto Brenner Stiftung für ihre Internetseite und den Sonderpreis des Journalistenmagazins »medium«. Dieses Jahr folgte der »alternative Medienpreis« 2014 der Nürnberger Medienakademie.

Mit der Gründung einer Gruppe in Hessen reagiert die Initiative auf die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses im hessischen Landtag. Auch in Baden-Württemberg gibt es mit »Tatort Theresienwiese« eine Initiative, die die Enquete-Kommission des Landtags beobachtet und Protokolle ihrer Sitzungen im Internet veröffentlicht hat. Auf der Theresienwiese war die Polizistin Michele Kiesewetter unter bis jetzt nicht geklärten Umständen ermordet worden. Die Annahme der Bundesanwaltschaft, dass sie als Zufallsopfer von den Nazis ermordet wurde, lässt sich nach den Analysen von Beobachtern wie NSU-Watch ebenso wenig halten, wie die These, dass es sich beim NSU um eine kleine Gruppe von drei Mördern gehandelt habe.

An den Protokollen und Analysen von NSU-Watch kommt schon lange niemand mehr vorbei, der sich ernsthaft mit dem Thema NSU-Komplex beschäftigt. Um ihre herausragende antifaschistische Aufklärungsarbeit weiter leisten zu können, benötigt NSU-Watch trotz aller Preise nach wie vor Spenden und Unterstützung.

Jetzt gibt es zwei Probleme

geschrieben von Thomas Willms

13. November 2014

Die AfD und ihr Personal nach den Landtagswahlen 2014

 

Die Landtagswahlen von Sachsen, Brandenburg und Thüringen haben aus antifaschistischer Sicht fast das schlechtest denkbare Ergebnis gebracht. Statt einem Problem, nämlich eine bis in die Landtage vordringende neo-nationalsozialistische NPD, gibt es jetzt gleich zwei. Zusätzlich zur NPD hat sich mit 10% und mehr die AfD als eine weitere rechts von der CDU stehende Partei etabliert. Das Parteiensystem hat sich mit dem Kollaps der FDP verändert, »Rechts wählen« ist möglich geworden. Was aus diesem einmal mobilisierten Potential in einigen Jahren werden wird, weiß niemand.

weltsozialamt-480x225

Die vom Umfrageinstitut Infratest veröffentlichten Wählerwanderungen zeigen, dass nur das Wählerreservoir der Grünen einigermaßen immun gegen die AfD ist. Alle anderen Parteien erlitten deutliche Verluste. Bei den Verlusten lagen in Sachsen die »anderen Parteien« (39.000) und die CDU an der Spitze (33.000), gefolgt von der FDP (18.000) der Linken (15.000) und der SPD (8.000). Die NPD verlor bei der Sachsen-Wahl relevant an die Nichtwähler und die AfD (13.000), gewann aber außer bei der SPD gegenüber allen anderen Parteien. Im Ergebnis scheiterte sie mit 4,95 % oder 809 Stimmen denkbar knapp an der 5%-Hürde. Ist die Differenz zur 5%-Marke auch so gering, dass man von Zufall sprechen kann, sind die Ergebnisse in praktischer Hinsicht trotzdem erheblich. Der Verlust an (bezahlten) Abgeordneten und hauptamtlichen Mitarbeitern trifft die NPD schwer.

Hingegen hat die AfD 36 Landtagsmandate errungen, was zusammen mit den Mitarbeitern ca. 80 hauptamtliche rechtsgerichtete Politiker mehr bedeutet. Finanziell profitiert die AfD von den drei Wahlen mit geschätzten 4 Millionen EURO jährlich, direkt durch Wahlkampfkostenerstattung und indirekt durch die Gelder für die Parlamentsarbeit.

Das Bestreben der AfD-Führung eine »kompetent« wirkende Mannschaft zusammen zu bringen, zeigt sich bei den Berufen der Gewählten, bei denen Juristen, Unternehmer, Unternehmensberater, Manager und ähnliche dominieren. Von den 36 Gewählten sind nur 9 Frauen. Weniger erfolgreich war die AfD darin, ihre Ränge auch politisch »sauber« zu halten. In allen Fraktionen sind Mitglieder vertreten, die bereits Funktionen in anderen rechten Gruppierungen, insbesondere in »Die Freiheit« und der »Pro-Bewegung«, innehatten.

Alle drei Landesverbände gelten im AfD-Jargon als »patriotisch-konservativ«, d.h. in ihnen haben aus der FDP stammende nationalliberale Kräfte wenig zu sagen.

Die Führungskräfte der drei neuen Fraktionen zeigen trotzdem die Bandbreite der AfD.In Sachsen steht die bekannte Chemikerin aber farblose Politikerin Frauke Petry an der Spitze. Wäre man gehässig, könnte man sagen, dass sie sich vielleicht besser mehr um ihr Unternehmen gekümmert hätte, das nämlich insolvent gegangen ist. Petry beschrieb ihre Partei explizit als »konservativ«, nach wie vor kein selbstverständlicher Begriff in der deutschen Politik-Landschaft. Damit meint sie z.B., dass auf Kindergeburtstagen eher deutsches Liedgut und nicht mehr so viel »Happy Birthday« gesungen werden sollte.

Ihr brandenburgischer Kollege Alexander Gauland hat mit dem Konservatismus-Stempel ebenfalls keine Probleme. Gauland ist im Gegensatz zu Petry ein erfahrener Berufspolitiker. Er ist Fleisch vom Fleische der CDU, der zuletzt als Leiter der hessischen Staatskanzlei (1987 – 1991) unter Walter Wallmann diente. Es folgte eine Karriere als Her-ausgeber der »Märkischen Allgemeinen Zeitung« und als gefragter Kolumnist.

Im Spiegel konnte man lesen, Gauland habe vier der Gewählten wegen ihrer rechtsgerichteten Vergangenheit zum Mandatsverzicht gedrängt. Es folgte eine bizarre Affäre, in deren Ergebnis die Fraktion gleich um eine Person kleiner geworden ist. Der Verräter, der Sohn von Gaulands Freundin, die wiederum Redakteurin der Märkischen Allgemeinen ist, darf jetzt alleine sitzen. Immerhin dürfte das Gauland immer noch lieber sein, als mit dem potentiellen Nachrücker, einem offenkundigen Antisemiten, zusammensitzen zu müssen. Gauland, früher im Stiftungsrat des Jüdischen Museums in Berlin, kann man immerhin das abnehmen. Im Kern ist Gauland ein konservativer Außenpolitiker, der »Realpolitik« im »deutschen Interesse« machen möchte: lieber mit Russland als den USA, wenn immer nötig auch mit Waffengewalt.

Der undurchsichtigste Vertreter ist der thüringische Fraktionsvorsitzende Björn Höcke. Der Gymnasiallehrer tritt auf als »Anti-Politiker«, der es den Altparteien einmal zeigen möchte. Ausgerechnet dem ohne Zweifel neofaschistischen Magazin »Zuerst!« erklärte er in der Oktober-Ausgabe seine Vorhaben. Ein Dorn im Auge ist ihm besonders die »political correctness«. Seine Visitenkarte ziert der Spruch »Die politische Korrektheit liegt wie Mehltau über unserem Land. Ich bin angetreten, um diese politische Korrektheit wegzuräumen.«

Was er unbedingt sagen möchte und nicht zu dürfen behauptet – »Zuerst!«-Leser wissen sicher Bescheid. Das angebliche Aussterben des »deutschen Volkes« zu verhindern ist ihm jedenfalls eine erkennbar starke Antriebskraft.

Projekt »Europaskepsis«

geschrieben von Markus Roth

13. November 2014

Wie in der EU das Reformprojekt einer »partiellen Integration« wirksam wird

 

Bei all den programmatischen Widersprüchen und den populistischen Wahlkämpfen der Alternative für Deutschland (AfD), fällt es schwer, das Programm dieser neuen Partei zu charakterisieren. Wer verstehen will, was die AfD letztlich will, sollte deren Traditionslinien in der organisierten Zivilgesellschaft (Interessengruppen, Vereine, private Institute, Kampagnenmacher usw.) anschauen und die Berührungspunkte im europäischen Kontext analysieren. Denn die AfD wurde nicht aus dem Stand Anfang 2013 von ein paar frustrierten CDUlern und besserwisserischen Professoren gegründet – sie ist vielmehr als Element eines rechtsliberalen Reformprojekts zu verstehen, das sich seit Anfang der 90er Jahre kontinuierlich, durch immer ähnliche Akteure, auf europäischer Ebene Geltung verschafft.

Ziel ist die Begrenzung der politischen und sozialen Integration Europas (insbesondere der Sozialpolitik), bei gleichzeitigem Abbau von Beschränkungen im Handel und Kapitalverkehr. Dieser Wunsch nach partieller europäischer Integration geht einher mit dem Kampf um konservative Werte, um traditionelle Familienmodelle und ein Zurückdrehen des Minderheitenschutzes und individueller Freiheit.

Die AfD-Gründung stellt wahrlich nicht den Beginn solcher Reformbemühungen in Deutschland dar, aber zumindest einen qualitativen Sprung, indem die parlamentarische Repräsentationslücke für diese europaskeptischen und konservativen Meinungsbilder, die offensichtlich in CDU/CSU und in Teilen der FDP nicht mehr durchsetzbar waren, geschlossen wird. Gleichwohl der Europaskeptizismus parteipolitisch vor der AfD kein kanalisiertes Angebot hatte (die EU ist schließlich das Jahrhundert-Projekt der CDU), gab es dieses Angebot außerhalb der Parlamente durch Denkfabriken, kleinere und größere akademische, publizistische und kampagnenfähige Netzwerke, die sich auch international in rechtsliberalen Diskurs-Koalitionen wiederfinden und sich gegenseitig verstärken. Aus diesen Netzwerken heraus wurde die AfD entwickelt.

Allianz der Europäischen Konservativen und Reformisten

Die AfD ist im Europaparlament mittlerweile Mitglied der Fraktion »Europäische Konservative und Reformisten (EKR)«. Diese Fraktion geht zurück auf die 2009 von den britischen Torries (die Partei des Premiers Cameron) gegründeten Europa-Partei »Allianz der Europäischen Konservativen und Reformisten« (AECR). Sie stellte erstmalig eine ernstzunehmende parlamentarische Desintegrationsperspektive auf europäischer Ebene dar. Ohne diese diskursive Öffnung der Europapolitik hätte es die Ablehnungen zur EU-Verfassung in Frankreich und den Niederlanden nicht geben können.

Diese AECR als Anti-Europa-Partei auf europäischem Parkett wurde von Tories zusammen mit anderen rechts-konservativen Parteien gegründet, weil diese sich in der »Europäischen Volkspartei (EVP)« nicht mehr wirkungsmächtig genug wiederfanden. Mit dabei war v.a. Polens »Recht und Gerechtigkeit«, die »Demokratische Bürgerpartei« von Václav Klaus aus Tschechien und ähnliche, aber eher kleinere Parteien aus Belgien, Litauen und Luxemburg. Mittlerweile sind 13 der 27 EU-Mitgliedsstaaten durch kleinere und größere Parteien in der AECR vertreten. Die Partei bildet im wesentlichen die neue Fraktion der »Europäische Konservativen und Reformisten« (EKR), wo mit z.B. der AfD auch nicht AECR-Mitglieder mitmischen dürfen. Mit 70 Abgeordneten sind aus 15 Mitgliedsstaaten Abgeordnete in der EKR-Fraktion vertreten. Die EKR betreibt im EU-Parlament keine fundamentale EU-Kritik sondern stellt vielmehr einen Mehrheitsbeschaffer für konservative Politik dar, die mit Merkels Europäischer Volkspartei (EVP) gegen die Sozialisten im Europaparlament durchgesetzt werden soll.

Bindeglied dieser neuen konservativen Fraktion ist das »Prager Manifest der radikalen Reformer« von 2009, eine Kombination von marktradikalen und konservativen Werten, die in zehn Punkten aufzählt, was wir von der AfD auch zur Genüge kennen: nationaler Wohlstand, individuelle (Markt-)Freiheit, Familienpolitik, Energiesicherheit, Souveränität statt EU-Föderalismus, Migrationskontrolle, Bürokratieabbau usw. Die AECR und deren Fraktion im EU-Parlament streben eine Rückabwicklung des bisherigen Verlaufs europäischer Integration an, die u.a. die Regional-, Sozial- und Umweltpolitik sowie die Freizügigkeit wieder einschränken soll. Gänzlich unberührt bleiben ihnen wichtige Elemente der Wirtschaftspolitik. Im Gegensatz zur nationalistischen Rechten betreiben sie damit eine partielle Desintegrationsstrategie zur Re-Nationalisierung gesellschaftspolitischer Belange. Das ist auch das Programm der AfD, die deshalb folgerichtig Teil dieser Fraktion ist. Doch es gibt noch mehr Verbindungen.

 

Das Netzwerk der New Direction Foundation

Camerons Europa-Partei AECR hat 2010 die Parteistiftung New Direction Foundation (NDF) gegründet. Diese tritt radikaler auf als die AECR, und fordert beispielsweise die Halbierung des EU-Haushalts und die Auflösung des Euro-Raumes, begleitet aber gleichzeitig die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen mit den USA. Diese Stiftung unterhält seit ihrer Gründung Partnerorganisationen in nahezu allen EU-Mitgliedsstaaten, die dort als Brückenköpfe dienen, auch und gerade, wenn es keine parlamentarische Kraft gibt, die der neuen konservativen Europa-Partei angehört. Es geht dabei um die Verankerung der rechtsliberalen Europakritik in den neoliberalen Think Tanks der Nationalstaaten – und letztlich um die verbindliche europäische Vernetzung all dieser Organisationen. Aus diesen Partnerorganisationen kommt zwar wenig wissenschaftliche Expertise, aber umso mehr Positionspapiere für Gesetzesvorhaben. Sie betätigen sich als Meinungsmacher, Politikberater und Kampagnenprofis bei Themen, die in der »Prager Erklärung« von 2009 aufgezählt sind.

Partnerorganisation in Deutschland ist beispielsweise das Institut für Unternehmerische Freiheit (IUF), dessen Vorstand auch an der Wahlalternative 2013, der Gründungsplattform der AfD, beteiligt war. Hans-Olaf Henkel, auch Wahlalternative 2013, und jetziger AfD-Aktivist, sprach schon 2011 beim Stiftungs-Forum über die Aufspaltung der Eurozone. Vielfältige personelle Überschneidungen lassen sich zwischen den Stiftungs-Partnerorganisationen und etlichen deutschen Beratungsfirmen, sowie akademischen und zivilgesellschaftlichen Organisationen belegen. Prominent sind hier Henkels »Bürgerkonvent«, die »Allianz für den Rechtsstaat« und »Zivile Koalition« von Beatrix von Storch (AfD-Abgeordnete im EU-Parlament und Gründungsmitglied). Sie alle eint ein genereller Vorbehalt gegenüber einer vertieften politischen Union und der Wunsch nach partieller Desintegration bei fortschreitender ökonomischer Liberalisierung, wenngleich sie sich im Ton und in den Nebenforderungen (z.B. von Storchs Hardliner-Kurs in Sachen Abtreibungen) doch erheblich unterscheiden.

Diese Netzwerke existieren schon seit den 90er Jahren. Schon 1992 kritisierten 155 deutsche Ökonomen in einem offenen Brief die Euro-Politik, parallel zu ähnlichen Initiativen der Torries in England (damals noch unter Magret Thatcher). Daraufhin entstand der erste euroskeptische deutsch-britische Think Tank in Brüssel, das »Centre for a New Europe«. Daraus entwickelten sich weitere Netzwerke und letztlich die heutigen Partnerorganisationen der New Direction Foundation. Der neueste Coup ist das Berliner »Open Europe«, ein Ableger des Londoner Open-Europe-Instituts, der Denkfabrik der Tories. Im Kuratorium von Open Europe Berlin tummeln sich nicht nur viele Ökonomen und Unternehmer, sondern auch ein ehemaliger Bundesbanker, eine ehemalige Führungskraft des bekannten Institut der deutschen Wirtschaft, ehemalige SPD-Mitglieder und Vera Lengsfeld (CDU), die auch bei der Zivilen Koalition (Beatrix von Storch) dabei ist und die AfD unterstützt.

 

Keimzellen der AfD

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat in ihrer Kurzstudie von 2013 auch versucht, die Hintergründe der AfD zu erfassen. Demnach finden sich viele der heutigen AfD-Aktivisten schon im 1994 von europaskeptischen ex-FDPlern gegründeten Bund Freier Bürger (BFB). Diese Kleinstpartei begann früh mit den Klagen gegen den Maastrichter Vertrag. Der geringe Wahlerfolg des BFB hielt die Protagonisten (u.a. Karl Albrecht Schachtschneider) nicht davon ab, den Weg der Verfassungsbeschwerden gegen EU-Verträge bis heute weiterzuverfolgen. Andere, wie z.B. der Publizist Bruno Bandulet schreiben heute für die Junge Freiheit und das neurechte Portal »Eigentümlich Frei«. Der neoliberale Ökonom Joachim Starbatty, und das verschweigt die Adenauer Stiftung, ist Vorsitzender der »Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft«, die viele Berührungspunkte zur CDU/CSU und personelle Überschneidungen zu den oben beschriebenen Denkfabriken der New Direction Foundation hat. Neben der ähnlich klingenden arbeitgebernahen »Initiative Soziale Marktwirtschaft« (ISM) geht es bei der Aktionsgemeinschaft ebenso um die umfassende Reform der Europapolitik und, bis zur AfD-Gründung, auch um die außerparlamentarische Stärkung des rechtsliberalen Wirtschaftsflügels der CDU.

Gemeinsamkeiten lassen sich auch in der Finanzierung dieser »parapolitischen« Organisationen im Dunstkreis der AfD finden. So hat der Mövenpick-Milliardär August von Finck viele dieser Projekte (u.a. den Bund Freier Bürger in den 90er Jahren) und nun auch die AfD auf die professionellen Beine geholfen. Weitere bekanntgewordene Millionenspender der AfD, wie der Außenwerber Wall-AG, der Maschinenbauer SMS Group und der Hamburger Reeder Folkard Edler eint, dass sie Familienunternehmen sind. Es ist kein Zufall, dass beim diesjährigen »Tag der Familienunternehmen« AfD-Chef Bernd Lucke als erster Redner auftreten durfte. Die AfD ist offensichtlich der parlamentarische Arm dieser Kapitalfraktion, die bisher nur als Lobbyisten direkten Zugang zum deutschen Parlament hatten.

Drei Mittel gegen die AfD

geschrieben von Thomas Willms

13. November 2014

Die offenen Flanken der Partei angehen

 

Das zur Zeit wirksamste Mittel gegen die AfD sind ihre eigenen Mitglieder. Der unglaublichen Entsolidarisierung in den eigenen Reihen widmete Bernd Lucke nach den großen Wahlerfolgen den größten Teil eines »Briefes an die Mitglieder und Förderer«. Er beklagt darin, dass Mitglieder »bewusst Falschinformationen verbreiten und damit neue, destruktive Gerüchte schüren«, dass sie »jedes skandalisierende Gerücht … bereitwillig glauben und an möglichst viele weiterverbreiten« und vieles mehr. Die anti-solidarische Ideologie der AfD wendet sich in der durch ihre Mitglieder verinnerlichten Form gegen sie selbst und ist ein beredtes Zeichen dafür. was einer Gesellschaft blüht, in der diese Prinzipien zur alleinigen Norm werden.

114015

Das egozentrische und oft naive Verhalten der Mitglieder und Funktionäre ist ein wichtiger Ansatzpunkt für Politik gegen die AfD, insbesondere da ihre überfallartigen Erfolge sie dazu zwingen, auf vielen Ebenen jetzt auch »zu liefern« wie das früher bei der FDP hieß. Es rächt sich auch bereits, dass die AfD fast ihre gesamte Führungsspitze ins Europaparlament im fernen Brüssel expediert hat, von wo aus z.B. nun im fernen Pasewalk Organisationsprobleme gelöst werden müssen.

Allerdings verändern die Erfolge der AfD auch die Bedingungen, unter denen man sie effektiv kritisieren kann. Sie sorgen dafür, dass chauvinistische Einstellungsmuster immer offener zum Ausdruck gebracht werden können. Die klassische Methode, mit der über längere Zeit rechtspopulistische Parteien und Gruppierungen in Deutschland weitgehend erfolgreich bekämpft werden konnten, war das Aufzeigen von Schnittmengen und Kooperationen mit neofaschistischen Strukturen. Insbesondere die Entwicklung der »Pro-Bewegung« stockte, weil wichtige Funktionäre als vormalige REP-Funktionäre erkennbar waren und weil die Ideologie und Propaganda die Partei als extrem rechts verortbar erscheinen ließen.

Der AfD-Führung ist es hingegen überwiegend gelungen, »präsentables« Personal zumindest für Landtagswahlen aufzustellen. Trotzdem ist es nach wie vor möglich und nötig, personelle Schnittmengen mit früheren extrem rechten Gruppierungen aufzuzeigen. Dies macht wenigstens deutlich, dass die AfD eben auch für diesen Personenkreis attraktiv ist, wenn nicht sogar, dass diese die AfD als erfolgversprechendstes Vehikel zur Durchsetzung ihrer Ziele sehen. Auf der kommunalen Ebene muss die AfD darüber hinaus in kürzester Zeit hunderte von Positionen besetzen. Dass sich hier in noch stärkerem Maße »belastete« Neufunktionäre tummeln, kann angenommen werden.

Die zweite gängige und nach wie vor notwendige Methode besteht darin, ideologische Schnittmengen mit NPD und anderen neofaschistischen Organisationen aufzuzeigen. Im Falle der offiziellen Aussagen der AfD ist eine genaue und intensive inhaltliche Kritik notwendig, da die Autoren der Wahlplattformen o.ä. viel Aufwand betreiben chauvinistische Positionen medienkonform zu verpacken. Ist »NPD« quasi ein Argument gegen sich selbst, gilt dies für die AfD (noch) nicht.

Die zahllosen halbprivaten oder privaten »social media«-Seiten von AfD-Funktionären und Mitgliedern durchzusehen ist eine zwar unerquickliche, aber ergiebige Herangehensweise. Bereits in vielen Fällen zeigte sich, dass diese dort oft kein Blatt vor den Mund nehmen und ihre rassistischen und verschwörungstheoretischen Überzeugungen verbreiten. Allerdings hat diese Methode, z.B. der »Rassismus-Nachweis«, seine Grenze an der Erwartungshaltung der potentiellen Wähler. Schließlich wählen viele die AfD gerade weil sie diese für eine – wie verklausuliert auch immer sich artikulierende – chauvinistische Plattform halten.

Der Königsweg der inhaltlichen Kritik, der dritten Methode, besteht darin, aufzuzeigen, dass die AfD eben nicht für eine »Alternative« eintritt, sondern vielmehr eine radikalisierte Version des Bestehenden fordert. Der radikalkapitalistische ökonomische Kern spielt allerdings in vielen ihrer Äußerungen nur eine mittelbare Rolle, ist anscheinend selbst einem Teil ihrer Mitgliedschaft nicht bewusst. Deshalb erscheint es erfolgversprechender, die zahlreichen offenen Flanken der AfD zu attackieren. In etwas naiver Selbstüberschätzung möchten AfD-Funktionäre gleich mehrere Kulturkriege gleichzeitig anzetteln und stellen sich gegen den – zumindest gegenwärtigen – Trend der Zeit. Dies sind insbesondere die Homosexuellen-Gleichstellung, der Wunsch nach Gleichbehandlung und gleichen Chancen im Schulwesen, der Wunsch nach gleichen Chancen und Rechten im Berufsleben für Frauen und die würdevolle Behandlung auf den Job- und Sozialämtern .

Auf wenigstens einem Gebiet ist die AfD tatsächlich sogar eine »Partei gegen die Realität«. Klimawandel-Leugner haben in der AfD einen guten Stand. In einer Art kindischem Trotz verkauft die AfD demonstrativ 10er Packs konventioneller 100-Watt-Blühbirnen, um gegen die Energiewende zu demonstrieren und stellt damit naturwissenschaftlich gesichertes Wissen in Frage. Diese letzten Punkte laden zu einer bissigen Kritik an der feisten Selbstgerechtigkeit der AfD ein.

Aus den Landesvereinigungen und Verbänden

13. November 2014

Hier finden Sie Berichte und Nachrichten aus den Landesvereinigungen Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen:

AntifaLS_2014_1112_S.1-16

Über die deutschen Unrechtsstaaten

geschrieben von Ulrich Sander

13. November 2014

Die aktuelle Debatten blenden Vieles bewusst aus

Die Nazis haben die KPD 1933 verboten, 150.000 ihrer 300.000 Mitglieder eingekerkert und 30.000 von ihnen ermordet. Mein Schwiegervater Artur Burmester wurde 1933 zum ersten Mal – 17jährig – inhaftiert. Als er in den 60er Jahren um Haftentschädigung nachsuchte, bescheinigte ihm der auch in der Nazizeit führende Psychiater Prof. Bürger-Prinz: Man könne die Entschädigung nicht befürworten, denn »der Kläger nahm die Risiken einer Verfolgung im Sinne einer mehr oder weniger bewußt gewählten Selbstbewährung im Einsatz für die Idee auf sich, unterscheidet sich darin also gegenüber der unausweichlichen Situation eines rassisch Verfolgten«. Das Opfer habe selbst Schuld…

1956 wurde die KPD erneut verboten, und es wurden mindestens 250.000 Verfahren gegen des Kommunismus verdächtige Bürger durchgeführt, 10.000 wurden oft langjährig eingesperrt. Tausende erhielten Berufsverbot.

Wir haben als Verwandte der Betroffenen jetzt die Gruppe »Kinder des Widerstandes« gegründet, um an das Unrecht, das man unseren Eltern und Großeltern antat, zu erinnern und sie wenigstens in der Erinnerungsarbeit zu würdigen. Vielen unserer Eltern und Großeltern hielt man in Prozessen der Adenauerzeit vor, sie seien uneinsichtig, denn sie wären doch schon nach 1933 vorbestraft und hätten nichts dazu gelernt. Die solches sagten, waren oft schon Richter und Staatsanwälte in der Zeit 1933-1945.

Eine weitere Überlegung zur Frage »Staat der Gerechtigkeit oder Unrechtsstaat«: Hilmar Thate, Schauspieler, hat Lebenserfahrung in der DDR (bis 1980), in der westdeutschen Bundesrepublik und inzwischen in der um Ostdeutschland vergrößerten BRD gesammelt und so zusammengefasst: »Früher durfte man zu seinem Chef sagen ›Du bist ein Arschloch‹, aber nicht ›Honecker ist ein Arschloch‹. Heute darf man über den Kanzler sagen, was man will, aber nicht zum Chef, sonst ist man seinen Job los.« Das Landesarbeitsgericht Mainz und andere Gerichte haben diese Darstellung bestätigt. Wer seinen Vorgesetzten »Arschloch« nennt, kann wegen nachhaltiger Störung des Betriebsklimas fristlos entlassen werden, auch wenn er sich für die Entgleisung sofort entschuldigt (Aktenzeichen: 9 Sa 967/00). Die Kündigungsschutzklage einer entlassenen Frau, nach deren Angaben der Vorgesetzte ihr nachgestellt hatte, wurde abgewiesen.

In der DDR gab es ein einklagbares Recht auf Arbeit und Vollbeschäftigung. In der BRD steht das Recht auf Arbeit in manchen Landesverfassungen, zum Beispiel in der von NRW. 750.000 erwachsene Bürger von NRW sind arbeitslos.

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten