Vom Ort eines Massakers

geschrieben von Ernst Antoni

3. Juli 2015

Zeitzeugen-Beiträge, die das »Erinnern für die Zukunft« befördern

»Ich frage mich heute oft, ob wir den Toten von damals gerecht geworden sind. Ich fürchte nein. Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie die Zahl der Rechtsradikalen von Jahr zu Jahr zunimmt und sie sogar in Parlamenten sitzen; wie es seit Jahren beinahe zur Tagesordnung gehört, dass Menschen überfallen werden, dass jüdische Friedhöfe geschändet werden, dass Asylbewerber gejagt werden oder ihnen das Haus über dem Kopf angezündet wird, dass Schwarze diskriminiert werden. Und wenn ich mir vor Augen führe, wie unser Staat immer mehr zu einem Überwachungsstaat wird, der uns Bürger unter Generalverdacht stellt, sie aushorcht und bespitzelt, der auf dem ‚rechten Auge blind‘ ist und stattdessen diejenigen verfolgt, die sich den Nazis entgegenstellen. Nein, das habe ich mir anders vorgestellt, als wir damals in Berlin waren, zwar befreit , aber konfrontiert mit dem Unvorstellbaren, das in den Konzentrationslagern geschehen ist. Wir haben uns ein anderes Deutschland erhofft.«

Friedbert Mühldorfer (Hg.), Gedenkfeiern gegen das Vergessen – Der KZ-Friedhof Surberg. Mit Gruß- und Geleitworten von Bürgermeister Josef Wimmer, Surberg, und Landrat Siegfried Walch, Traunstein, Liliom Verlag Waging am See, 160 S., 15 Euro

Friedbert Mühldorfer (Hg.), Gedenkfeiern gegen das Vergessen – Der KZ-Friedhof Surberg. Mit Gruß- und Geleitworten von Bürgermeister Josef Wimmer, Surberg, und Landrat Siegfried Walch, Traunstein, Liliom Verlag Waging am See, 160 S., 15 Euro

Diese Sätze hat die Münchner Journalistin Karin Friedrich, die dieses Jahr 90 Jahre alt geworden ist, im Mai 2007 in ihrer Gedenkansprache auf dem KZ-Friedhof im oberbayerischen Surberg gesagt. Als Jugendliche in Berlin war sie an den Aktivitäten einer Widerstandsgruppe aus dem Freundeskreis ihrer Mutter Ruth beteiligt, die NS-Verfolgte vor den Nazis versteckte und unterstützte.

Karin Friedrichs Sätze, aktuell wir vor acht Jahren, sind nachzulesen in dem Buch »Gedenkfeiern gegen das Vergessen – Der KZ-Friedhof in Surberg«, das Friedbert Mühldorfer zum 70. Jahrestag des an diesem Ort stattgefundenen SS-Massakers, das über 60 Häftlinge das Leben kostete, veröffentlicht hat. »Die Todesmärsche«, schreibt der Herausgeber einleitend, » – ein Begriff, den Häftlinge selbst geprägt haben – zeigten gerade auch in der Endphase nochmals den Kern nationalsozialistischer Ideologie und Politik: die rücksichtslose Ausbeutung angeblich minderwertiger und politisch missliebiger Menschen zur Sicherung der Vorrechte selbst definierter ‚Herrenmenschen‘. Dazu wurden zunächst durch Terror nach innen die politischen Gegner ausgeschaltet und durch Rassismus und Ausgrenzung eine deutsche ‚Volksgemeinschaft‘ beschworen. Mit Unterdrückung, Krieg, Ausplünderung der eroberten Länder und durch millionenfache Vernichtung von Juden, Sinti und Roma und Slawen sollte dieses Ziel der Vorherrschaft erreicht werden.«

Das Massaker an den KZ-Gefangenen im Surtal fand wenige Stunden vor dem Eintreffen der amerikanischen Befreier im Landkreis Traunstein, zu dem das Tal gehört, statt. Im Einleitungskapitel »Die Geschichte des KZ-Friedhofs Surberg« wird darauf und auf die Folgen eingegangen. Beginnend mit der feierlichen Beisetzung der Ermordeten im November 1945 wird das Entstehen einer Gedenkstätte in den folgenden Jahren geschildert. Noch 1947 geplant mit einer »aus Kupferblech getriebenen Friedenstaube als Symbol« bekommt sie schließlich 1952/53 unter Regie der »Bayerischen Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen« die Form einer »Kriegsgräberstätte« mit einem fünf Meter hohen Holzkreuz und zahlreichen kleinen Grabkreuzen. Die jüdische Herkunft eines großen Teils der Ermordeten wird ignoriert.

Danach setzen dann auch hier, so das Buch, »Jahrzehnte des Schweigens und der Verdrängung« ein . Unter der Überschrift »Würdige Gedenkfeiern seit 1985« wird dokumentiert, wie auf Betreiben der Anfang der 80er-Jahre im Landkreis wiedergegründeten VVN-BdA der Gedenkort dem Vergessen entrissen, die verwilderte Anlage renoviert wird. Und wie dann das seither jährlich stattfindende Gedenken zunehmend breiteres Interesse findet, wie sich etwa zum 50. Jahrestag des Massakers eine Bürgerinitiative gründet, die erreicht, dass ein Chanukka-Leuchter aus Bronze als Hinweis auf die jüdischen Opfer aufgestellt wird.

Die gewachsene Aufmerksamkeit, die der Veranstaltung zuteil wird, liegt aber vor allem daran, dass es der VVN-BdA Traunstein als Initiatorin und Hauptveranstalterin bis jetzt gelungen ist, jedes Jahr als Rednerinnen und Redner Überlebende der NS-Verfolgung und aus dem Widerstand zu gewinnen. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus aller Welt, die schildern, was sie erlebt haben – und welche Folgerungen sie daraus für die Gegenwart ziehen.

Die Dokumentation dieser Beiträge macht den Hauptteil des Buches aus. Ansprachen ganz unterschiedlicher Art – aber jede für sich eine wertvolle Anregung zum Weiterdenken. In Surberg ergriffen im Lauf der vergangenen 30 Jahre das Wort: Salec Beldengruen, Marko Feingold, Karin Friedrich, Ernst Grube, Hugo Höllenreiner, Hermann Höllenreiner, Pavel Hajduk, Pavel Kohn, Zbigniew Kolakowski, Martin Löwenberg, Max Mannheimer, Kurt Messerschmidt, Carl Ostermayer, Anni Pröll, Karl Rom, Marie-Luise Schultze-Jahn. Von einigen mussten wir uns inzwischen leider für immer verabschieden, vor kurzem gerade erst von Hugo Höllenreiner.

So ist diese Dokumentation zu einer Gedenkveranstaltung auch selbst schon wieder eine Art Gedenkbuch. Und dank der dort zusammen getragenen Aussagen nicht allein dem Erinnern, sondern auch unserem weiteren Handeln zuträglich.

Dialog mit der Tochter

geschrieben von Janka Kluge

3. Juli 2015

Argumente und Gedanken von Tahar Ben Jelloun

Der in Paris lebende Autor und Journalist Tahar Ben Jelloun hat unlängst eine Reihe Artikel, die zuvor in verschiedenen Zeitungen erschienen waren, in Deutschland veröffentlicht. Jelloun gilt als der bekannteste und wichtigste Autor aus dem Maghreb. Seit vielen Jahren setzt er sich mit dem militanten Islam auseinander, schreibt gegen die Islamisten an und wirbt dafür, im Islam nicht die Religion des Verbrechens zu sehen. Zuletzt sind von ihm Jugendbücher über den Islam und die Entstehung von Rassismus erschienen, deren Themen er im Gespräch mit seiner Tochter erörterte. Die Bücher »Papa, was ist ein Fremder« und »Papa, was ist der Islam« sollten heute in jeder Schule Pflichtlektüre sein.

Tahar Ben Jelloun »Der Islam der uns Angst macht« Berlin Verlag 2015, 10.- Euro

Tahar Ben Jelloun »Der Islam der uns Angst macht« Berlin Verlag 2015, 10.- Euro

Die beiden haben ihren Dialog wieder aufgenommen. Jetzt gilt ihr Augenmerk Fragen wie der, ob der Islamismus im Islam zwangsläufig angelegt ist und es dafür keine Alternativen gibt, oder warum mehr als 1000 junge Menschen aus Frankreich in den Irak und nach Syrien gereist sind, um sich dort dem IS anzuschließen. Tahar Ben Jelloun sieht die Ursache in der Vernachlässigung der Jugendlichen in den Vorstädten. Er schreibt »Warum begeistert und fasziniert der Dschihadismus so viele junge Europäer, seien es Konvertierte oder Nachkommen muslimischer Einwanderer? Er füllt eine Lücke. Nach dem Fall der Sowjetunion, dem Niedergang der sozialistischen Systeme in der arabisch-muslimischen Welt, auch dem Scheitern der nationalen Bewegungen im Sinne Nassers, nach der iranischen Revolution, die behauptet, eine islamische Revolution sei möglich, ist der Dschihadismus als `Ideal´ und neue `Bestimmung´ der Muslime aufgetaucht. Deren Rolle darin besteht den Islam zu ehren, indem sie ihn überall verbreiten Aus dem Kontext gerissene Verse werden benutzt, um Kämpfer zu rekrutieren.« Die Lösungen, die Tahar Ben Jelloun in dem Gespräch mit seiner Tochter vorschlägt, umfassen vier Punkte. »Erstens, die Schulbücher zu überarbeiten und die Geschichte der drei monotheistischen Religionen objektiv zu erklären. Zugleich sollte die Lehre begleitet sein von einer konkreten Idee: den Kindern Toleranz und Ablehnung des Fanatismus beizubringen, die Mechanismen des Rassismus zu erklären.« Zweitens fordert er zu schauen, was in den französischen Gefängnissen passiert. Es hat sich heraus gestellt, dass viele spätere Dschihadisten und Salafisten in den Gefängnissen angeworben wurden. Drittens fordert er, genauer zu schauen, was in den Moscheen gepredigt wird. Imame und Prediger, die aus dem Ausland finanziert werden, sollen seiner Meinung nach in Frankreich keine Moscheen mehr leiten, oder dort predigen dürfen. Das hat natürlich zur Folge, dass der französische Staat mehr Imame ausbilden muss. Außerdem fordert er, dass endlich die Politik gegenüber den Ghettos und Vorstädten geändert werden muss, damit auch die Jugendlichen von dort die Möglichkeit haben, Teil der Gesellschaft zu sein. Für Tahar Ben Jelloun haben die islamischen Terroristen nicht nur dem gemäßigten, weltlichen Islam den Krieg erklärt, sondern den ganzen Westen. Nach den Anschlägen auf die Redaktion der Satirezeitung Charlie Hebdo schrieb er: »Der Angriff auf Charlie Hebdo war eine Kriegshandlung. Doch die ermordeten Journalisten waren keine Krieger. Sie waren Dichter, Spötter, Narren der Freiheit, Genies, die mit Farbstiften, kluger Vorstellungskraft und aufklärerischem Licht kämpfen. Es ist ein Krieg gegen das freie Schreiben, Zeichnen und Schaffen. Ein gesichtsloser Krieg gegen die Laizität, die Tradition der Satire, des Humors, der Verspottung, der harten fruchtbaren Kritik. Am liebsten hätten die Terroristen Voltaire, Montaigne und Rabelais ausgegraben und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.« Obwohl Jelloun die Bombardierung der Stellung des IS im Irak und Syrien verteidigt, vergisst er nicht, dass es die Regierung der USA unter -Bush war, die die Region so destabliert hat, dass die Kämpfer des IS in das entstandene Vakuum vordringen konnten. Er fordert von den arabischen Staaten, dass sie sich verstärkt in dem Kampf eingliedern. Auch wenn einige dieser Thesen von Tahar Ben Jelloun auf Ablehnung stoßen sollten, ist es sinnvoll und wichtig, sich mit seinen Gedanken auseinanderzusetzen.

Todesmutige Aktionen

geschrieben von Axel Holz

3. Juli 2015

Mehr als 750 Menschen konnten aus Zügen nach Auschwitz fliehen

Warum ließen sich die Juden widerstandslos zur Schlachtbank führen? Hinter dieser Frage steckt selbst ein Stück Antisemitismus, in dem Juden nicht nur von Nazis gern als falsch, verschlagen und feige gekennzeichnet werden. Dass das tatsächliche Verhalten der verfolgten Juden in der NS-Zeit lange nicht an die Öffentlichkeit kam, hat auch etwas damit zu tun. Tatsächlich emigrierte die Hälfte der deutschen Juden, als die Nazis ihre Rassegesetze und rassistischen Verordnungen umsetzten. In anderen europäischen Ländern schafften das deutlich weniger Menschen, da ihnen weniger Zeit zur Flucht blieb. Tausende Juden kämpften in den Reihen der Alliierten gegen die Nazis, in Partisanenverbänden und im Widerstand, wie die jüdische Widerstandsgruppe in Berlin um Herbert Baum. Selbst in den Vernichtungslagern Auschwitz und Sobibór fanden Aufstände gegen die unendlich überlegenen Wacheinheiten statt.

Tanja von Fransecky, Flucht von Juden aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden, Metropol-Verlag, Berlin 2014, 398 Seiten

Tanja von Fransecky, Flucht von Juden aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden, Metropol-Verlag, Berlin 2014, 398 Seiten

Ein wenig bekanntes Kapitel des Widerstandes der Juden in Frankreich, Belgien und den Niederlande beschreibt die Sozialwissenschaftlerin Tanja von Fransecky vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin in ihrer nun veröffentlichen Promotion über »Flucht von Juden aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden«. Die Autorin arbeitet an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und erhielt für ihre Arbeit 2013 den Herbert-Steiner-Förderpreis.

Die Autorin lernte schon vor Jahren den jüdischen Überlebenden Simon Gronowski kennen. Zusammen mit seiner Mutter war der Elfjährige 1943 aus dem 20. Deportationszug geflohen, der ihn vom Sammellager Mechelen in Belgien nach Auschwitz bringen sollte. Den Absprung vom Zug hatte er mit anderen Kindern in Mechelen geübt, indem sie im Lager von den dreistöckigen Hochbetten sprangen. Als ihr Deportationszug die deutsche Grenze erreichte, waren insgesamt 232 Gefangene aus dem Wagen geflohen.

Am 19. April 1943 hielten drei junge Männer den 20. Deportationszug kurzeitig auf und befreiten 17 Menschen. Ausgerüstet mit einer Pistole und einer roten Sturmleuchte stoppten die Widerstandskämpfer Youra Livschitz, Jean Franklemon und Robert Maistriau den Todeszug so lange, bis die überraschten Wachmannschaften das Feuer eröffneten. Andere Häftlinge hatten von dem Vorhaben gehört und Werkzeuge in den Waggons versteckt. So konnten weitere 200 Häftlinge auf der Fahrt fliehen. Die Flüchtigen wurden verfolgt, 26 Häftlinge erschossen und 87 erneut verhaftet. 119 Deportierten gelang es zu entkommen, nicht zuletzt durch die Hilfe der belgischen Bevölkerung. Immerhin 40 Prozent der 65.000 Juden, die sich beim Überfall der Nazis auf Belgien im Lande befanden, wurden in belgischen Familien, auf Bauernhöfen und in Klöstern versteckt. Zahlreiche der verfolgten Juden waren selbst vorher in jüdischen Organisationen aktiv oder fanden den Weg in den Widerstand. Schon nach dem zweiten Deportationszug nach Auschwitz meldeten sich die in Belgien lebenden Juden nicht mehr bei den Sammelstellen und versuchten unterzutauchen. Insgesamt konnte Tanja von Fransecky 577 Fluchten aus Deportationszügen in Belgien belegen, 155 in Frankreich und 29 in den Niederlanden.

Über solche Fluchten, die aus fast allen Todeszügen erfolgten, war bisher wenig bekannt. Dafür gibt es gute Gründe. Für die Häftlinge waren die Transporte mit 50 bis 80 Personen in einem Wagon, mit wenig Wasser und Nahrungsmitteln und ohne sanitäre Anlagen, mit Gestank, Krankheit und Tod so traumatisch, dass die Überlebenden die schreckliche Fahrt in ihren Erinnerungen oft verdrängten. Außerdem standen die Fluchtwilligen vor einem moralischen Dilemma. Die Nazis hatten den Häftlingen angedroht, alle Personen des Waggons zu erschießen, wenn einzelne Häftlinge fliehen sollten. Die Häftlinge wussten nicht, dass dies nur eine Drohung war. Sie standen unter dem Druck, andere Häftlinge oder gar Verwandte in den Todeszügen zurücklassen zu müssen. In den Waggons spielten sich tragische Szenen ab, als einzelne Häftlinge oder Gruppen mit den Fluchtvorbereitungen mit Hilfe von eingeschleusten Werkzeugen begannen. In den Waggons brach nicht selten Panik aus. Die Fluchtgegner und Waggonältesten mussten gelegentlich überwältigt werden. Zahlreiche Häftlinge wagten die Flucht nicht oder waren zu alt oder zu schwach dafür. Außerdem waren mit der Flucht zahlreiche Gefahren verbunden, da die Flüchtenden nicht selten beim Absprung verletzt oder getötet wurden und die Wachmannschaften oder bewaffnete Bahnposten die Flüchtenden verfolgten, erschossen oder zurückführten.

Tanja von Fransecky hat die situationsübergreifenden strukturellen Faktoren untersucht, die Fluchten ermöglichten oder behinderten. Sie hat damit ein bisher wenig bekanntes Kapitel der Judenverfolgung durch die Nazis in Europa offen gelegt, das die Aktionen zahlreicher verfolgter Juden beschreibt, die die Naziverfolgung nicht hinnahmen und mit ihrer Flucht selbst Widerstand leisteten.

Ein Workshop in Minsk

geschrieben von Philipp Dinckelaker

3. Juli 2015

Wissenschaftlicher Austausch über »Besatzung-Zwangsarbeit-Vernichtung«

Seit 1994 finden sich fortgeschrittene Studierende, Promovierende und andere Wissenschaftstreibende regelmäßig zum Workshop zur Geschichte und Gedächtnisgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager zusammen, um an der Schnittstelle zwischen Wissenschafts- und Gedenkstättenpraxis neue wissenschaftliche Ansätze und aktuelle Forschungen aus verschiedenen Fachrichtungen zu diskutieren. Der Workshop wird von den Teilnehmenden selbst organisiert und hat den Charakter einer Forschungswerkstatt, in der sich Wissenschaftstreibende und Gedenkstättenmitarbeiterinnen in kollegialer und kooperativer Atmosphäre fächerübergreifend austauschen. Dazu stellen etwa ein Dutzend Teilnehmende ihre Forschungsarbeiten zur Debatte. Des Weiteren werden eine oder mehrere Gedenkstätten besucht, um mit den dortigen Mitarbeitern deren pädagogisch-wissenschaftliche Ansätze zu diskutieren.

Der diesjährige 20. Workshop trug den Titel Besatzung – Zwangsarbeit – Vernichtung. Ausgehend von der Geschichte der nationalsozialistischen Besatzungsherrschaft sollten die Hintergründe und Folgen dieser Politik für die deutsch besetzten Länder diskutiert sowie ein transnationaler Wissenstransfer angeregt werden. Anlässlich des 70. Jahrestages des Endes der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft fand der Workshop in Minsk, Belarus, und damit in einem Land statt, welches von den Folgen der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik besonders betroffen war.

Der Berliner Verein Kontakte-Kontakty e.V. und das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin unterstützten das aus den Teilnehmenden des letztjährigen Workshops gewählte Organisationsteam wissenschaftlich und logistisch. In Minsk kooperierte der Workshop mit der halbstaatlichen Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte »Johannes Rau« (IBB) sowie der regierungsunabhängigen Geschichtswerkstatt Minsk, einem Ausstellungs- und Begegnungszentrum zur Geschichte der Shoah in Belarus auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos.

Das Ziel, neue Forschungsansätze zu diskutieren und einen internationalen wissenschaftlichen Transfer anzuregen, erreichte der Workshop erfolgreich. Unter den Teilnehmenden aus Belarus, Holland, Deutschland, Russland, Frankreich und Österreich entstand eine intime Atmosphäre. Diskussionen und fachlicher Austausch wurden während der Pausen und Mahlzeiten und oft bis in die frühen Morgenstunden bei erstklassigem belarussischem Wodka fortgesetzt. Man beleuchtete Dimensionen und neue Aspekte von genozidaler deutscher Kriegführung gegen die sowjetische Zivilbevölkerung und von Zwangsarbeit in den besetzten Territorien sowie im »Altreich«. Die in »West« und »Ost« unterschiedlichen Ansätze prallten in fruchtbarer Diskussion aufeinander und wurden gemeinsam neu gedacht. Man stellte fest, dass der Lagerbegriff der klassischen (deutschen), sich häufig kritisch verstehenden KZ-Forschung mit der osteuropäischen Terminologie und Opferperspektive inkongruent ist. So werden in westeuropäischen und deutschen Forschungen »camps« wie Osaritschi – von der Wehrmacht eingerichtete »Sterbelager« zum Zweck, den Vormarsch der Roten Armee zu verzögern – etwas stiefmütterlich unter »Rückzugsverbrechen« subsumiert. Die deutsche Öffentlichkeit nahm und nimmt von diesen Lagern keine Notiz, während sie in Osteuropa gedenkpolitisch und wissenschaftlich unter der Bezeichnung KZ firmieren und große erinnerungskulturelle Bedeutung haben. Die Brisanz liegt hier nicht in terminologischen Spitzfindigkeiten, sondern in den (erkenntnis)theoretischen sowie gedenk- und entschädigungspolitischen Konsequenzen.

Die Exkursionen zu den Gedenkstätten Khatyn, Ghetto Minsk, Maly Trostenez und Blagowtschina (Mordstätte in Waldstück nahe Maly Trostenez) waren in historischer und gedenkpolitischer Hinsicht interessant. Es war dem Organisationsteam gelungen, zur in Entstehung begriffenen Gedenkstätte Maly Trostenez die staatlich beauftragte Chef-Architektin und auch Gallina Lewin, die Tochter des belarussisch-jüdischen Gedenkstätten-Architekten Leonid Lewin für ein Gespräch zu gewinnen. So entsteht am Ort des ehemaligen KZ Maly Trostenez eine zentrale nationale Gedenkstätte mit staatlichen Geldern. Die Blagowtschina allerdings – ein Tatort der Shoah an dem die Deutschen mehrere zehntausend Jüdinnen und Juden töteten – ist aber nur auf Druck »von unten« in dieses Konzept einzubinden. Die laufenden gedenkpolitischen Auseinandersetzungen, der problematische Umgang mit der Shoah und die politischen Gepflogenheiten einer postsowjetisch-prowestlichen-staatskapitalistischen Diktatur waren an diesen und anderen Stellen eindrücklich wahrnehmbar.

Ob sich eine Begegnung mit NS-Verfolgten auch auf dem kommenden Workshop wird organisieren lassen? Es bleibt zu hoffen, denn nächstes Jahr findet der 21. Workshop unter der Ägide eines neuen Organisationsteams in Frankreich zum Themenschwerpunkt Kollaboration statt.

Die längste Diktatur Europas

geschrieben von Gerald Netzl

3. Juli 2015

In Lissabon wurde das Aljube-Museum eröffnet

»Grândola, Vila Morena« – den stampfenden Rhythmus dieses Liedes, das das Zeichen für den Aufstand gegen die Diktatur in Portugal gab, haben viele von uns noch im Ohr. Nun wurde am 25. April 2015 im Zentrum Lissabons das städtische Museum über »Widerstand und Freiheit« eröffnet (Museu do Aljube – Resistência e Liberdade; Aljube bedeutet im Arabischen »Gefängnis«). 37 Jahre lang, von 1929 bis 1965, wurden dort tausende Gegner des autoritären Salazar-Regimes, Linke, Demokraten, Antifaschisten, von der berüchtigten Geheimpolizei PIDE verhört, gefoltert und inhaftiert. Im Jahr 2009 wurde das Gebäude des ehemaligen Geheimdienstgefängnisses vom damaligen sozialistischen Justizminister Antonio Costa an die Stadt Lissabon übergeben, um dort einen Erinnerungsort für den antifaschistischen Widerstand zu schaffen.

Aus der Ausstellung

Aus der Ausstellung

48 Jahre lang war Portugal eine Diktatur, Antonio Salazar nahm Anleihen beim italienischen Faschismus. Die Ausstellung beginnt mit der Geschichte des Landes von 1890 bis 1976. Der Schwerpunkt liegt auf dem Kampf progressiver und reaktionärer Kräfte um die Macht im Staat, den Letztere 1926 für sich entschieden. Sie endet aber nicht mit dem 25. April 1974, der Nelkenrevolution, sondern beleuchtet auch die Kämpfe in der Gegenwart für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit, gegen Ausbeutung und Diskriminierung. Der Besucher wird über die Ideologie des Salazar-Regimes informiert: Im Bunde mit den konservativen Reichen und der gehätschelten Armee schuf der Bauernsohn Salazar mitten im 20. Jahrhundert ein Stück machiavellistischer Vergangenheit, mit einem einfachen, holzschnittartigen Weltbild von Gott und Vaterland, Familie, Arbeit und Autorität.

Im zweiten Stock werden Methoden individuellen und kollektiven Widerstands, öffentlicher wie Untergrundaktivitäten sowie die Funktionsweise des Unterdrückungsapparates gezeigt. Gängigste Methode zur Erzwingung von Geständnissen war die »Schlaf-Folter«, bei der die Häftlinge gewaltsam am Schlafen gehindert wurden. Rekord: 16 Tage und Nächte ununterbrochenen Gewecktwerdens. Drei ehemalige Häftlingszellen wurden in die Ausstellung integriert.

Ende der 1960er Jahre hatte Portugal das niedrigste Pro-Kopf-Einkommen, aufgrund der Kriege in seinen Kolonien die relativ höchsten Militärausgaben, das relativ niedrigste Bildungsbudget und die höchste Analphabeten-Rate aller Länder Europas: Von zehn Portugiesen konnten vier weder lesen noch schreiben. Die männliche Jugend wurde in einen vierjährigen Militärdienst gepresst, um Kriege zu führen, die sie nicht führen wollte. Die Ausstellung zeigt im dritten Stock die verheerenden, dreizehn Jahre dauernden Kolonialkriege aber auch, dass es auch Portugiesinnen und Portugiesen gab, die den antikolonialistischen Befreiungskampf in Afrika unterstützten.

Aktuell ist die gesamte Ausstellung und der Katalog leider nur auf Portugiesisch zu bekommen, nicht einmal auf Englisch gibt es Kurzinformationen oder einen Überblick. Einzig ein kurzer chronologischer Film verfügt über englische Untertitel. Interessierte antifaschistische Portugal-Touristinnen sind aber über die Zeitgeschichte informiert und können daher auch einen Nutzen aus dem Besuch des Museums ziehen.

Beredtes deutsches Schweigen

geschrieben von Peter Gstettner

3. Juli 2015

Neue Gedenkstätte in Österreich erinnert an ermordete Kärtner Slowenen

Dass ich gebeten worden bin, hier bei der Denkmaleinweihung zu sprechen, verdankt sich neben anderem auch dem Umstand, dass ich von Beginn an die Projekte der Initiative »Hlipovčnik-Bunker« begleiten durfte. Dass diese Ansprache in Deutsch gehalten wird, verweist u.a. auf folgenden Sachverhalt: Die NS-Opfer von Zell/Sele wurden in einer Zeit hingerichtet bzw. kamen in einem KZ um, als die deutschen und österreichischen Nazis mit ihren »Blutrichtern« und SS-Schergen über Leben und Tod entschieden. In deutscher Sprache wurden die Urteile ausgestellt, in deutscher Sprache wurde den Hingerichteten das Lebensrecht und die Ehre aberkannt: »Sie sind für immer ehrlos«, hieß es im Todesurteil.

Peter Gstettner bei seiner Ansprache.

Peter Gstettner bei seiner Ansprache.

Auf Deutsch mussten die KZ-Häftlinge ihre Nummer sagen, wenn sie beim Appell aufgerufen wurden. Wenn sie das nicht sofort erlernten, konnte das ihren Tod bedeuten. Und wenn sie ihre Nummer auf Deutsch sagen konnten, ihr Überleben für diesen Tag. Die Nazis hatten ihnen ihren Namen geraubt, längst bevor sie ihnen das Leben raubten.

Auch wenn manche Kollaborateure slowenisch oder kroatisch gesprochen haben, die Tätersprache war Deutsch. Das ist eine Tatsache. Sie ist nicht relativierbar, auch wenn wir heute von einem Nazi-Unrechtstaat sprechen und wenn die Verurteilten als »rehabilitiert« gelten. Die Aufhebung der Unrechtsurteile der damaligen Nazi-Juristen geschah in Österreich erst vor fünfeinhalb Jahren. Dies änderte nichts an dem Umstand, dass die Wiederherstellung der Ehre der Hingerichteten Jahrzehnte lang kein Anliegen des deutschsprachigen Kärntens war. Lieber Totschweigen als Erinnern war das Motto.

Auch das Schweigen über die Nazi-Verbrechen in Kärnten geschah in deutscher Sprache. Es war ein deutsches Schweigen, ein beredtes Schweigen, das bald zum deutschen Vergessen wurde. Slowenisch waren Trauer und Verzweiflung; geflüstert und gestammelt waren die slowenischen Gebete und Fürbitten, am heimatlichen Herd und in der Kirche. In Deutsch wurde dafür über etwas Anderes sehr wohl gesprochen, nämlich darüber, ob die Täter vielleicht nicht auch »Opfer« gewesen wären, zumindest »Opfer von Verfolgung« nach 1945. Wir kennen das alle, weil es öffentlich geschah: Am Ulrichsberg wurde ja schon seit Jahren vom »Opfergang der Weltkriegsteilnehmer« und von den Kriegshandlungen jener SS-Soldaten gesprochen, die angeblich damals schon für ein »vereintes Europa« gekämpft haben.

So kam es, dass die Tätergesellschaft ihre »Helden« auf einer Unzahl von Kriegerdenkmälern verewigte. Im Gegenzug wurden die NS-Opfer aus dem Gedächtnis verdrängt, um sie schließlich ganz vergessen zu machen. Folglich war es nicht opportun, ihnen offizielle Denkmäler zu setzen. Die Schicksale und die Namen der NS-Opfer sollten auf diese Weise aus der deutsch-kärntner Heimatgeschichte verschwinden; dies geschah absichtsvoll oder nicht, vielleicht war es auch dem kollektiven Unbewussten geschuldet. Jedenfalls wurden damit genau die Menschen aus dem Geschichtsbewusstsein eliminiert, die die wahren Helden und Heldinnen waren. Sie hatten sich nicht mit den Nationalsozialisten arrangiert, sie waren keine Mitläufer und keine Mittäter, sie waren auch keine Karrieristen, die eine Position im Naziapparat haben wollten. Sie waren eben im Widerstand. In dieser Zeit der brutalsten Kriegsverbrechen der Nazi-Deutschen repräsentierten sie die Hoffnung auf die kommende Befreiung. Dafür setzten sie das Kostbarste ein, was Menschen haben: ihr Leben. Sie gaben es hin für eine Zukunft in Freiheit.

Dass die Befreiung im Frühjahr 1945 auch am Kärntner Horizont herauf dämmerte, verdankt auch das »Deutsche Kärnten« diesen mutigen Männern und Frauen. Deshalb ist der heutige Tag nicht nur ein Gedenktag unter vielen, die derzeit überall in Österreich begangen werden. Für uns, für die Kärntner Mehrheitsbevölkerung vor allem, soll die heutige Denkmaleinweihung auch ein Denk-Anlass sein, eingedenk der Zeit, in der die Mehrheit auf der Seite der absoluten Macht und Unmenschlichkeit stand und bei der Auslöschung aller menschlichen Werte mitwirkte.

Mit den Langzeitfolgen dieser verkehrten Welt, in der die radikale Umwertung aller menschlichen Werte geschah, sind wir permanent konfrontiert: Der Mensch hat sich vom Menschsein immer weiter entfernt. Und ist das menschliche Zusammenleben einmal so grundlegend zerstört, lässt sich das nur mehr schwer wieder gut machen. Die Zeit jedenfalls heilt keine Wunden. So fanden Hass und Gewalt in vielerlei Gestalt Fortsetzung bis in die heutigen Tage. Ein Denkmal wird daran so viel oder so wenig ändern wie ein Grabmal. Vielleicht kann aber – das ist unsere Hoffnung – die lebendige Erinnerung an die Menschen, die durch ihr Handeln dem Krieg und Terror die Stirn boten, unserem eigenen Handeln Orientierung geben und uns zukunftsfähig machen im eigenen Widerstand gegen Unrecht und Gewalt. – Ich danke für ihre Aufmerksamkeit. Hvala lepa.

Länderseiten

2. Juli 2015

Mit Beiträgen aus dem Verband sowie den Landesvereinigungen Baden-Württemberg, Berlin, Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen. AntifaLS_2015_0708_web

Sonderbeilage der antifa zum 8. Mai 2015

2. Juli 2015

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Rücktitel

2. Juli 2015

Am 2. Juli wurde im Brandenburger Hennigsdorf aus Anlass des 120. Geburtstages von Hans Beimler ein Gedenkstein für ihn wieder eingeweiht. Die Initiative dafür ging von einem SPD-Stadtverordneten und Betriebsrat aus und war vom DGB aufgenommen worden.  Foto W. Girod

Am 2. Juli wurde im Brandenburger Hennigsdorf aus Anlass des 120. Geburtstages von Hans Beimler ein Gedenkstein für ihn wieder eingeweiht. Die Initiative dafür ging von einem SPD-Stadtverordneten und Betriebsrat aus und war vom DGB aufgenommen worden.
Foto W. Girod

Titel

28. April 2015

Der Eingang der Klosterruine in Berlin-Mitte im April 2015

Foto W. Girod

Foto W. Girod

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