Der Weg zum Tanz der Toten

geschrieben von Ernst Antoni

4. Januar 2015

Erinnerung an Leben und Werk des Künstlers Felix Nussbaum

 

Das Schreiben an den damals 27jährigen Maler und Grafiker Felix Nussbaum war datiert vom 8. August 1932, Absender der »Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung«: »Den gewünschten Studienaufenthalt in der Deutschen Akademie (Villa Massimo) in Rom bewillige ich ihnen als Studiengast vom 1. Oktober 1932 ab zunächst für 6 Monate. Ein Geldstipendium ist mit der Aufenthaltsbewilligung nicht verbunden, jedoch wird Atelier und freie Wohnung einschließlich Beleuchtung sowie Morgenfrühstück gewährt. Für Verpflegung müssen Sie selbst sorgen.«

Immerhin eine Anerkennung für das Schaffen eines jungen Künstlers, obwohl der, aus Osnabrück kommend, einige Monate zuvor in Berlin mit dem gegenüber damaligen Kunst- und Akademie-Autoritäten recht despektierlichen Gemälde »Der tolle Platz« für einen kleinen Wirbel gesorgt hatte. Dennoch nun, zwar nicht gleich als »Stipendiat«, wohl aber als »Studiengast«, die Einladung in die Villa Massimo. Zu den damaligen »Stipendiaten« gehörte übrigens auch der Bildhauer Arno Breker, der in den folgenden Jahren zu einer der Hauptfiguren im Nazipropaganda-Dekorationswesen werden sollte.

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Für Felix Nussbaum, einer jüdischen Kaufmannsfamilie entstammend, sollte nicht nur sein künstlerischer Lebensweg sehr rasch eine andere Richtung nehmen. Antisemitische Angriffe hatte es schon Anfang der 30er-Jahre an Berliner Hochschulen gegeben. Nicht zuletzt sah sich ihnen Max Liebermann ausgesetzt, den Nussbaum in seiner malerischen Autoritäten-Persiflage vom »tollen Platz« als weltentrückten Malerfürsten durchaus in sein ironisches Spektakel einbezieht. Dennoch ist es wohl gerade die liberale Ausbildungs-Atmosphäre in Berlin (neben Liebermann sind da etwa Käthe Kollwitz oder Karl Hofer, der für Nussbaum als Lehrer besonders wichtig wird), die das Schaffen des jungen Mannes beeinflusst.

Mit der Machtübernahme der Nazis mehren sich auch in der Villa Massimo antisemitische Attacken. Felix Nussbaum beschließt, mit seiner Malerkollegin, Freundin und späteren Frau Felka Platek im Exil zu bleiben: zuerst in Italien, dann in Frankreich und schließlich ab 1937 in Belgien, wo das Paar heiratet. Er malt anfangs in Brüssel Bilder in einem von ihm auf eigene Art weiter entwickelten, von Künstlern wie Girgio de Chirico und James Ensor beeinflussten, »magischen Realismus«.

Dabei versteht sich Nussbaum, wie schon in Berlin, durchaus auch als »politischer« Künstler. In Brüssel gibt es Kontakte zu einem »Sozialistischen Club«, zu seinem Berliner Kollegen- und Freundeskreis gehörte das kommunistische Künstlerpaar Dore und Walter Meyer-Vax, abgebildet in der Malergruppe vom »tollen Platz«, wie der Kunsthistoriker und Galerist Richard Hiepe 1986 nachwies.

»Akribische Zeugnisse von Kunst im Widerstand«, seien Felix Nussbaums Bilder, schreibt Reinhard Schweicher 2003 in den »Informationen des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933- 1945«. »Spätestens 1938, als er sich auf Einladung des emigrierten Kunstkritikers Paul Westheim mit der unter dem Titel ‚Freie Deutsche Kunst‘ gegen die Nazi-Schau ‚Entartete Kunst‘ aufgebotenen ersten Kollektivausstellung des ‚Freien Künstlerbundes‘ in Paris beteiligte«, könne man die Nussbaum-Werke so bezeichnen.

Mit dem deutschen Einmarsch in Belgien beginnt die Zeit der Verfolgung – und zunehmend entstehen jene Bilder, die seit der Wiederentdeckung des Werkes des lange verschollenen Künstlers in den 70er-/80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die öffentliche Wahrnehmung prägen: Selbstbildnisse in verschiedenen Variationen (oft »mit Judenpass«), Bilder, in denen die Internierung im französischen Lager St. Cyprien thematisiert werden, die Flucht, das Untertauchen… Illegal wieder zurück in Brüssel, werden Felix und Felka nach einer Denunziation von der Wehrmacht verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort in den letzten Monaten des Jahres 1944 ermordet.

Das Bild »Triumph des Todes«, datiert 1944, Felix Nussbaums Variation der seit dem Mittelalter immer wieder gestalteten »Totentanz«-Motive ist das letzte überlieferte Gemälde aus dem Nachlass des Künstlers. Als Drehorgelmann hat er sich, das Gesicht bereits im Stadium der Verwesung, noch einmal selbst ins Bild gebracht. Zu Füßen der musizierenden Skelette versammelt sind diverse Zeugnisse der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte, die er einst so gerne allegorisch in viele seiner Werke hineinzitiert hat. In diesem Gemälde sind nun auch sie Opfer der Nazibarbarei geworden.

Rücktitel

4. Januar 2015

Ebenfalls ein Todestanz-Motiv: Zeichnung aus dem 1941 entstandenen Zyklus »Danse Macabre« des belgisch-französischen Künstlers Frans Masereel (1889 – 1972).

Ebenfalls ein Todestanz-Motiv: Zeichnung aus dem 1941 entstandenen Zyklus »Danse Macabre« des belgisch-französischen Künstlers Frans Masereel (1889 – 1972).

Editorial

geschrieben von Regina Girod

21. November 2014

Was tun gegen die AfD? Diese Frage stellt sich Antifaschistinnen und Antifaschisten spätestens seit dem rasanten Aufstieg der Partei bei den Europa- und Landtagswahlen dieses Jahres. In Sachsen erreichten NPD und AfD zusammen mit weiteren rechten Wahlparteien um die 15 Prozent der Wählerstimmen. Das gemahnt an die 15 Prozent bis 20 Prozent, die von Sozialwissenschaftlern seit langem als äußerst rechtsgerichtetes Wählerpotential genannt werden. Die Politik rückt nach rechts und die AfD hat schon jetzt einen sichtbaren Anteil daran. Welche Dämme lassen sich dagegen bauen? In unserem »Spezial« untersuchen wir u.a. die Wurzeln der AfD, die keineswegs nur ein deutsches Phänomen ist, sondern als Element eines rechtsliberalen Reformprojekts verstanden werden muss, das sich seit Anfang der 90er Jahre kontinuierlich, durch immer ähnliche Akteure, auf europäischer Ebene Geltung verschafft. Ihr Ziel ist die Begrenzung der politischen und sozialen Integration Europas, insbesondere der Sozialpolitik, bei gleichzeitigem Abbau von Beschränkungen im Handel und Kapitalverkehr. So werden wir auf die neuen Fragen auch europäische Antworten finden müssen. Auf unseren Kulturseiten informieren wir diesmal u.a. über zwei Dokumentarfilme, die antifaschistischen Kunstwerken eines Genres gewidmet sind, das eher selten mit solchen Inhalten in Verbindung gebracht wird – der Musik. Der Film »Dui Rroma« (S. 28) dokumentiert die Enstehung der »Symphonia Rromani« des jungen Komponisten Adrian Gaspar, der, selbst Rom, die Leidensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner vertonte, welcher als Kind die Deportation nach Auschwitz überlebte, aber 36 Familienangehörige dort verlor. Und »Good Bye Barcelona« (S.31) bringt das in London aufgeführte gleichnamige Musical auf die Leinwand, das den Kampf britischer Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg auf mitreißende Weise nacherlebbar macht. Der Film, der schon zweimal in Hamburg gezeigt wurde, wurde im Oktober in Berlin aufgeführt. Man kann ihn sich auch auf youtube ansehen.

Schlimm, der Extremismus…

geschrieben von Ernst Antoni

21. November 2014

Klage der bayerischen VVN-BdA in erster Instanz abgewiesen

 

Am Anfang schleppte sich die Verhandlung vor dem Münchner Verwaltungsgericht wenig unterhaltsam dahin. Allerlei fachimmanentes juristisches Hin und Her, Erläuterungen und Nachfragen von der Richterbank zu den schriftlichen Einlassungen von Kläger- und Beklagtenseite, Verweise auf Gesetzes-passagen und darauf, was eventuell sonst noch zur Wahrheitsfindung beitragen könnte.

Rechtzeitig zu Prozessbeginn hatte die Süddeutsche Zeitung in einem ausführlichen Bericht dargelegt, was da an diesem 2. Oktober verhandelt werden sollte. Unter der Überschrift »Antifaschistisch statt linksextremistisch. Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes klagt gegen Nennung im bayerischen Verfassungsschutzbericht«. Zu Wort kamen in dem Artikel für die Klägerseite der Landesgeschäftsführer und die Landessprecherinnen der VVN-BdA Bayern und deren Anwalt, für die Beklagten ein Sprecher des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz.

Seiten zur VVN im bayerischen Verfassungsschutzbericht für 2013

Seiten zur VVN im bayerischen Verfassungsschutzbericht für 2013

Im Gerichtssaal saßen dann den VVN-Landessprecherinnen Renate Hennecke und Mastaneh Ratzinger und ihrem Anwalt Yunus Ziyal ein Vertreter der Freistaats-Landesanwaltschaft, zwei Damen vom Bayerischen Innenministerium und ein Herr vom Inlandsgeheimdienst gegenüber. Letzterem gelang es schließlich, mit einem seiner Beiträge für eine gewisse Heiterkeit im Saale zu sorgen.

Hatte doch der Richter milde Zweifel an der Relevanz der bisher von dessen Behörde vorgelegten »Erkenntnisse« über die Tätigkeit der VVN-BdA in Bayern geäußert, worauf der VS-Mann sich eifrig bemühte, deren Dürftigkeit zu erklären. Man habe, sagte er sinngemäß, in den letzten Jahren nicht mehr so viel Zeit gehabt, sich den linksextremistischen Umtrieben zu widmen. Weil man sich ja in dem Zeitraum, über den hier verhandelt werde, ständig mit dem Rechtsextremismus habe befassen müssen.

Angesichts dieses selbst ausgestellten Armutszeugnisses aus der Überwacher-Ecke – in der Verhandlung ging es um bayerische Verfassungsschutz-Veröffentlichungen aus den Jahren 2010 bis 2013 – hätte es eigentlich nahegelegen, die Kompetenz jener Behörde für überhaupt irgendetwas anzuzweifeln. Nicht zuletzt, weil bekanntlich das Befassen mit dem Rechtsextremismus auch und gerade in Bayern in Sachen NSU zu wunderlichsten Interpretationen und mörderischen Folgen geführt hatte. Weshalb bis heute der Eindruck besteht, dass die tatsächlichen Kompetenzen dieses Dienstes (hier nicht allein in Bayern) so richtig eigentlich nur in Tätigkeitsbereichen wie Aktenschreddern und Nebelkerzenwerfen auffällig geworden sind.

Umso bedauerlicher ist es deshalb, dass das Gericht der Klage der VVN-BdA Bayern, ihre Nennung als »linksextremistisch beeinflusst« in den in den vergangenen Jahren veröffentlichten Verfassungsschutzberichten des Freistaats ersatzlos zu entfernen, nicht stattgeben wollte. Die Klage wurde in mündlicher Verhandlung schließlich abgewiesen, eine schriftliche Begründung steht noch aus.

»Damit wird«, so Renate Hennecke und Mastaneh Ratzinger in einer öffentlichen Erklärung vom 7. Oktober, »die skandalöse Diffamierung unserer Organisation, die unsere Ziele und unser Wirken völlig missachtet, fortgesetzt.« Erwähnt werden in der Erklärung »ehemalige Widerstandskämpfer und Verfolgte des NS-Regimes in unseren Reihen, wie Ernst Grube, Hermann und Hugo Höllenreiner und Martin Löwenberg, die noch in hohem Alter die Jugend über den Nationalsozialismus aufklären und letztlich als ›Extremisten‹ auf die gleiche Stufe mit Neonazis gestellt werden«. Und angekündigt wird: »Die VVN-BdA wird dies nicht hinnehmen und Berufung gegen das Urteil einlegen.«

Wie wichtig das ist, wurde eine knappe Woche nach dem Prozess überdeutlich. Hatte der Geheimdienst-Mann in der Münchner Verhandlung noch für die kleinen Lacher gesorgt, titelte am 13. Oktober ein Kommentator der »Süddeutschen« auf den ganzen Freistaat bezogen: »Schlapphüte zum Schlapplachen«.

Da war gerade die Sache mit Maik M. öffentlich geworden. Jenem aus Brandenburg nach Oberfranken gezogenen bekannten Neonazi und Sänger der Band »Hassgesang«, der sich in seiner neuen Heimat knapp ein Jahr lang als Zivilrichter am Amtsgericht betätigen durfte.

Bis heute steht hinter den geheimdienstlichen Diskriminierungen ein »Extremismus«-Modell aus Kalten-Kriegs-Zeiten, für das die in obiger Zeitungs-Überschrift formulierte Alternative »Antifaschistisch statt linksextremistisch« gar nicht besteht. Denen ist da echt alles eins. Nach rechts aber sind sie, sanft ausgedrückt, offen.

Blankes Entsetzen

geschrieben von P.C. Walther

21. November 2014

Selbst die »FAZ« ist von diesem Machwerk enttäuscht

 

Antifaschismus ist das Feindbild von Verfassungsschützern – korrekter formuliert: von solchen, die sich beamtet als Verfassungsschützer bezeichnen. Um das Feindbild zu pflegen, hat eine von ihnen, Bettina Blank, die das professionell schon geraume Zeit tut, ein neues über 400 Seiten dickes Machwerk verfasst. Antifaschismus ist für Bettina Blank und ihresgleichen per se »linksextremistisch«. Dazu erdichtet die Verfasserin eine abstruse Beweiskette.

Frau Blank ist gegen alles, was antifaschistisch ist. Sie ist gegen den Schwur von Buchenwald, denn der sei letztlich darauf gerichtet, die kapitalistische Gesellschaftsordnung zu überwinden. Sie ist dagegen, den 8.Mai als »Tag der Befreiung« zu klassifizieren. Sie beklagt, dass die »anhaltende öffentliche Auseinandersetzung um den NSU« dazu benutzt werde, »Druck auf die politischen Entscheidungsträger in Richtung eines verstärkten Vorgehens gegen Rechtsextremisten auszuüben«.

Sie mag keine Antinazi-Aktivitäten. Protestaktionen gegen Neonazi-Aufmärsche, gegen Neonazi-Konzerte und Neonazi-Läden bezeichnet sie als rechtsstaatsfeindlich (»Aufweichung des Rechtsverständnisses«). Sie wendet sich gegen Aktivitäten gegen die NPD. So wirft sie der VVN vor, dass diese »5000 Gründe für ein NPD-Verbot« verbreitet habe.

Als eine »von krudem Antikommunismus geprägte« »Streitschrift mit Sehschwäche« ( »auf dem rechten Auge blind«), bezeichnet Petra Weber in der gewiss keiner Sympathien für links verdächtigen »Frankfurter Allgemeinen« das Werk.

Schon der Titel, »Deutschland, einig Antifa? ‘Antifaschismus‘ als Agitationsfeld von Linksextremisten« verrät, dass die Verfasserin eine Bedrohung darin sieht, Deutschland könnte sich im Antifaschismus weitgehend einig sein. Das wäre dann tatsächlicher Verfassungsschutz.

Noch mehr von allem

21. November 2014

antifa-Gespräch mit Axel Holz über die VVN-BdA-Arbeit nach dem Bundeskongress

 

antifa: Der 5. Bundeskongress der VVN-BdA ist jetzt ein knappes halbes Jahr her. Nach angeregten Diskussionen hatte er 14 Beschlüsse gefasst. Wie ist es mit denen weitergegangen? Wurde bereits etwas umgesetzt?

Axel Holz: Einige Beschlüsse konnten bereits umgesetzt werden. So haben wir zur kritischen Auseinandersetzung mit der AfD zwei Flyer herausgebracht, die die AfD als Teil des rechten Lagers analysieren und ein Plakat dazu geplant. Zur Flüchtlingssituation haben wir Flyer und Plakat herausgebracht, auf denen Flüchtlinge willkommen geheißen werden. In einem Brief an den Generalstaatsanwalt wurden neue Ermittlungen zur Aufklärung über das Oktoberfestattentat in München gefordert. Tatsächlich wurde vor dem Hintergrund von Zeugenaussagen mittlerweile ein neues Verfahren eröffnet. Der Bundeskongress hat sich für die Fortsetzung von antifaschistischen Demonstrationen, für Blockaden gegen Nazi-Aufmärsche und für Solidarität mit angeklagten Blockierern ausgesprochen. Fortgeschritten sind die Vorbereitungen des Zuges der 1.000, mit dem in der Woche um den 8. Mai Jugendliche aus ganz Europa von Brüssel nach Auschwitz fahren werden, darunter 150 Teilnehmer aus den nationalen FIR-Organisationen. Die Veranstaltung wird bereits mit einem Flyer der VVN-BdA bundesweit beworben. Wie in diesem Jahr werden auch im März 2015 wieder deutsche Antifaschisten direkt in Riga gegen den jährlichen Aufmarsch ehemaliger lettischer SS-Verbände protestieren. Weitere Beschlüsse des Bundeskongresses wurden in Arbeitsvorhaben des Jahres 2015 fixiert. So startet im Januar die Homepage »Das Jahr 1945« zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus. Im Juni beteiligt sich die VVN-BdA erneut mit einem großen Stand am Evangelischen Kirchentag in Stuttgart. Im letzten Quartal ist eine Bestandsaufnahme zu Geschichte, Erinnern und Gedenken geplant und die Gründung einer Kommission vorgesehen, die die zukünftige Ausrichtung der Erinnerungspolitik mit Partnern bundesweit besprechen und voran bringen soll. Verstärken wollen wir ebenso die Aktivitäten der VVN-BdA in Bezug auf die Friedensarbeit. Das erste Treffen der neu zu gründenden Bundeskommission »Antimilitarismus und Frieden« wird im Dezember stattfinden.

Axel Holz, Vorsitzender der VVN BdA

Axel Holz, Vorsitzender der VVN BdA

 

antifa: Auf dem Kongress war erstmals auch die neue Neofa-Ausstellung zu sehen. Wie läuft die Ausstellung inzwischen, gibt es erste Erfahrungen?

Axel Holz: Die aktualisierte Neofaschismus-Ausstellung kommt sehr gut an. Seit dem Bundeskongress wurde und wird sie auf Initiative von Schulen, Bündnissen und Gewerkschaften bereits 30 Mal gezeigt, u.a. in Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfahlen. Auch die Hörstationen sind mittlerweile in Funktion und können mit den QR-Codes der Ausstellung aktiviert werden. Damit knüpfen wir an die Mediennutzungsgewohnheiten vor allem jugendlicher Besucher an. Der Blickfang der Ausstellung ist das neue Wimmelbild, das haben uns zahlreiche Besucher bestätigt. Hier ist es gelungen, mit einer comic-artigen Darstellungsform die typischen Aktionsformen und Verbindungen der rechten Szene bildlich zu vermitteln. Es ist wieder so, dass das Bundesbüro Schulungen für Multiplikatoren vor Ort anbietet, die damit befähigt werden, selbst Führungen durch die Ausstellung zu machen. Bewährt hat sich das Format der Ausstellung, die auch in der novellierten Form weiter im Metallkoffer kostengünstig per Post versendet werden kann.

 

antifa: Der Höhepunkt des nächsten Jahres wird der 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus sein. Welche Vorhaben sind von der VVN-BdA dazu geplant?

Axel Holz: Hierzu hat der Bundesausschuss ein ganzes Paket von Aktivitäten beschlossen. Neben einem Aufruf zum 8. Mai als Basis für Bündnisaktivitäten plant der Bundesausschuss zum 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus eine spezielle Homepage, ein Plakat, eine Postkartenaktion und eine Matinee an der Berliner Humboldt-Universität. Eine besondere Herausforderung stellt die Konzipierung der Homepage »Das Jahr 1945« dar, mit der wir an die guten Erfahrungen unserer Website »Das Jahr 1933« anknüpfen wollen. Sie wird die Form einer interaktiven Landkarte haben, auf der man zu den Schwerpunkten Befreiung der Konzentrationslager und der Städte, Kriegsendverbrechen und zu den Hoffnungen der Befreiten recherchieren kann. Wir wollen deutlich machen, dass der 8. Mai eine Chance für Demokratie und Frieden war, dabei an den Schwur der Buchenwaldhäftlinge erinnern und die Bedeutung des 8. Mai für eine lange Friedensperiode in Europa herausarbeiten, die derzeit durch Konflikte und Kriege akut gefährdet ist. Trotz der Verankerung all dieser Aktivitäten im Finanzplan, werden die Ausgaben dafür erheblich sein, während die Anhebung der Länderumlage erst im Verlauf des Jahres finanzstärkend wirken wird. Wir bitten deshalb alle Leserinnen und Leser dringend auch um noch mehr Spenden, damit wir diese anspruchsvollen Vorhaben auch vollständig verwirklichen können.

Die Fragen stellte Regina Girod

Das Unrecht lebt fort

geschrieben von Cornelia Kerth

13. November 2014

Cornelia Kerth am Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas

 

Als das Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas vor nun fast zwei Jahren eingeweiht wurde, dankte die Bundeskanzlerin Romani Rose für seinen 20 Jahre währenden Kampf um dieses Mahnmal. Das war schon eine besondere Qualität, die langjährige Verweigerung und den hinhaltenden Widerstand mehrerer Bundesregierungen schön zu reden.

In den ersten Jahren wurde darüber diskutiert, dass es keine verlässliche Zahl für die Opfer dieses Völkermords gäbe. Gewissermaßen wurden so die Überlebenden und Nachkommen dafür verantwortlich gemacht, dass der Holocaust an den Sinti und Roma bis heute nur mangelhaft erforscht wurde. Die letzten fünf Jahre wurde eine Debatte darum geführt, ob nicht doch der Begriff »Zigeuner« auf den Tafeln des Mahnmals verwendet werden sollte. In diesem Sinne stellt das Mahnmal auf keinen Fall einen Endpunkt dar, sondern muss als Bezugspunkt für die weitere Auseinandersetzung mit dem allgegenwärtigen Antiziganismus begriffen werden.

Brunnenmitte mit Stein und frischer Blume, das Dreieck soll an den KZ-Winkel erinnern. Foto: Asio otus

Brunnenmitte mit Stein und frischer Blume, das Dreieck soll an den KZ-Winkel erinnern. Foto: Asio otus

An dem Tag, an dem das Denkmal eingeweiht wurde, hatte dort eine Gruppe junger Sinti und Roma Jutetaschen umgehängt, auf denen geschrieben stand: »67 Jahre zu spät«. Das waren 67 Jahre, in denen die Überlebenden von Deportation und Völkermord erleben mussten, dass sie in der postfaschistischen Gesellschaft kein Mitleid zu erwarten hatten, keine Reue, keine Scham. Niemand hat sie je um Verzeihung gebeten.

An den Verhältnissen, die die Deportation möglich gemacht hatten, hatte sich nichts geändert: Die 1899 in München gegründete »Zigeunerzentrale«, die 1939 nach Berlin verlegt und dort dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) eingegliedert worden war, wurde 1946 nach der Zerschlagung der faschistischen Institution wieder als »Zigeunerstelle« nach München zurück verlagert. Bis 1970 wurden dort alle Sinti und Roma kriminaltechnisch erfasst. Bereits 1948 wurde in Baden-Württemberg wieder ein »Leitfaden zur Bekämpfung des Zigeuner-Unwesens« erlassen.

Wer heute in Entschädigungsakten von Sinti und Roma recherchiert und nicht völlig verroht ist, dem treten Tränen der Trauer und der Scham in die Augen. Was Gutachter, Ämter und Gerichte in der Bundesrepublik Deutschland den Überlebenden entgegenhielten, macht fassungslos. Das geht weit über die Leugnung, Verdrängung und Rechtfertigung hinaus, die die Verfolgten des Naziregimes ja auch aus allen anderen Zusammenhängen kennen und ist der personellen Kontinuität der dort Tätigen geschuldet: Wie der Leiter der »Rassehygienischen Forschungsstelle«, Robert Ritter, wurden viele ehemalige Mitarbeiter des RSHA ebenso wie diejenigen der Münchner »Zigeunerstelle« als »Experten« für die »Wiedergutmachungs«-Anträge von Sinti und Roma tätig.

Der über Jahrhunderte entwickelte und tradierte Antiziganismus, der den Sinti und Roma an allen Ecken entgegenschlägt, ist heute nicht weniger grausam als in den 1920er oder 1950er Jahren. Statt ihm entgegenzutreten, statt Menschen, deren unvorstellbarem Leid hier ein Denkmal gesetzt wurde, Schutz zu gewähren, statt die Verantwortung wahrzunehmen, von der Frau Merkel bei seiner Einweihung sprach, schüren deutsche Politiker das Ressentiment des Stammtischs und – auch das muss gesagt werden: der Salons – in Worten und Taten.

An dem Tag, an dem das Mahnmal eingeweiht wurde und die Bundeskanzlerin von Verantwortung sprach, sprach der Innenminister Friedrich in die Mikrophone der Bundespressekonferenz, dass Deutschland vor der Zuwanderung von »Armutsflüchtlingen« in seine Sozialsysteme geschützt werden müsse. Er wolle dafür Sorge tragen, dass die EU die Freizügigkeit für Menschen aus Bulgarien und Rumänien wieder aufhebe. Man muss nicht »Roma« sagen, damit alle wissen, dass Roma gemeint sind, vor denen der deutsche Sozialstaat geschützt werden müsse.

Die Aufnahme Serbiens, Bosniens und Mazedoniens in die Liste »sicherer Herkunftsländer« erlaubt nun ihre Abschiebung ohne Prüfung ihres Falls – trotz bekannter Diskriminierung, Ausgrenzung und ständiger Bedrohung. Das ist ein unerhörter Skandal! Verantwortung wahrzunehmen, hieße im Fall der Flüchtlinge, sie so aufzunehmen, wie man in den 1990er Jahren jüdische Nachkommen der Holocaust-Opfer aus der zerfallenen Sowjetunion aufgenommen hat. Dafür werden wir uns weiter einsetzen. Wir werden uns auch weiter dafür einsetzen, dass endlich Schluss gemacht wird mit der Diskriminierung und Stigmatisierung der Sinti und Roma in Deutschland. Wir unterstützen Initiativen zur Anerkennung ihrer Kultur, ihrer Sprache und ihrer Forderung nach gleichberechtigter Teilhabe an dieser Gesellschaft, die eben auch ihre Gesellschaft ist. Und wir unterstützen die Initiativen, die darauf zielen, dass Volksverhetzung auch Volksverhetzung genannt wird, dass sie unterbunden und die Partei, von der sie ausgeht, endlich verboten wird!

»Deutsche, die sich trauen«

geschrieben von Janka Kluge

13. November 2014

Neonazis, rechte Hooligans und Rocker schließen sich zusammen

 

Seit einigen Monaten hat sich im Internet eine neue Tendenz abgezeichnet. Militante, meist rechts gerichtete Hooligans haben sich verabredet, um gemeinsam auf der Straße gegen Salafisten zu kämpfen. Sie nennen sich »HoGeSa«, was ausgesprochen Hooligans gegen Salafisten bedeutet.

Spiegel Online zitiert aus der inzwischen wieder abgeschalteten Facebookseite »Weil Deutsche sich noch trauen«: »Alle – die eine gesunde Einstellung gegen das Gesindel haben sind willkommen! Es geht hier nicht um Vereinsfarben !! Nur gemeinsam sind wir stark !!«

Für Ende Oktober mobilisierten HoGeSa zu einer Großdemonstration nach Köln. Großspurig rechneten sie mit über 1000 Teilnehmern. Selbst wenn es nur 1000 gewesen wären, bliebe die Tatsache erschreckend, dass sich rechte Fußballfans mit Mitgliedern der NPD, Pro NRW, der Partei »Die Rechte« und Mitgliedern der Rockerclubs Hells Angels und Bandidos zusammengeschlossen haben.

Doch es kamen fast 5000 gewaltbereite Nazis. Bereits bei der Ankunft waren Rufe wie »Ausländer raus« und »Deutschland den Deutschen« zu hören. Bezeichnend ist, dass am Anfang der Kundgebung die neonazistische Band »Kategorie C« gespielt hat. In anderen Städten sind Auftritte von Kategorie C schon mehrfach verboten worden. Im Anschluss an das Konzert zog der rechte Mob randalierend durch die Kölner Innenstadt. In Köln hat mit der Demonstration die Vereinigung der gewaltbereiten Neonazis stattgefunden.

Der inzwischen weit rechts angekommene Krimiautor Pirinci hatte in seinem Buch »Deutschland von Sinnen« geschrieben, dass es genüge, wenn es noch tausend Deutsche gebe, die sich gegen die Islamisten erheben und sie bekämpfen. Jetzt schließt sich der rechte Mob zusammen um diesen Kampf auf die Straße zu bringen. Einigen der Autoren auf den besagten Interseiten genügt es nicht, gegen Salafisten zu hetzen. Sie möchten am liebsten alle Muslime aus Deutschland vertreiben. Wenn nötig, phantasiert einer, mit einer Kugel im Kopf. Wohin dass führen kann, sehen wir gerade im NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe in München.

Weitere Demos wurden für November in mehreren Städten angekündigt.

Machen wir nicht den Fehler zu denken, das sind ja nur ein paar durchgeknallte Fußball-Fans Es ist und bleibt Aufgabe der antifaschistischen Bewegung, sich Faschisten egal wie und wo sie auftreten entgegenzustellen. An der Gegenkundgebung in Köln hatten sich mehr als 1500 Menschen beteiligt.

Hilfreicher Hassgesang

geschrieben von Ernst Antoni

13. November 2014

Das Muster ist eigentlich immer gleich: Ein Nazi-Skandal kommt ans Licht, kurzzeitig gibt es öffentliche Aufregung. Je nachdem, welche Institution gerade besonders involviert war, machen daraufhin Verfassungsschutz, BND und andere Dienste, Polizei, Justiz und weitere Behörden, besonders aber die zuständigen Ministerien einen auf zerknirscht und geloben Besserung. Und warten dann umgehend mit »Reformvorschlägen« auf.

Die gehen so: Echt peinlich, was da passiert ist, darf nie wieder vorkommen. Deshalb ist es für die Zukunft unabdingbar, Kompetenz und Schlagkraft der jeweiligen Gremien zu erhöhen. Dafür wiederum bedarf es dringend der Verbesserung der finanziellen und personellen Ausstattung. Die eine oder andere Zentralisierung, verbunden mit dem Abbau von bisher noch bestehenden lästigen Datenschutzbestimmungen, wäre auch nicht schlecht. Wenn nämlich erst solche Hemmschwellen entfallen, die da und dort doch die Feindbeobachtung erschwert haben, kann dem Feind schon im Vorfeld der bösen Tat leichter das Handwerk gelegt werden.

Dem Feind von rechts außen? Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat nach dem Bekanntwerden des monatelangen Einsatzes eines »Hassgesang«-Nazi-Rockers als Richter an einem Amtsgericht des Freistaats einer Zeitung gegenüber deutlich gesagt: »Meines Erachtens muss angesichts des aktuellen Falles ernsthaft überlegt werden, die Regelanfrage beim Verfassungsschutz für alle Beamten und Richter wieder einzuführen«.

Zurück also zum »Radikalenerlass« und den Berufsverboten aus der Alt-BRD. Diese mit der »Regelanfrage« gekoppelten Sanktionen hatten damals zwar kaum einen Nazi, wohl aber Tausende getroffen, die kommunistischer oder sonstiger linker Aktivitäten verdächtigt worden waren.

Herrmanns Ministerpräsident Seehofer fand dessen Vorstoß dann zwar doch etwas daneben – wohl auch wegen eines klaren Urteils des Europäischen Gerichtshofes gegen die damalige Berufsverbots-praxis. Aber warum nicht mal probieren – with a little help from »Hassgesang«…

Freispruch!

13. November 2014

Antifaschismus ist nicht kriminell, sondern notwendig

 

Am Donnerstag, dem 16. Oktober 2014, fand in Dresden der Prozess gegen Markus Tervooren, Geschäftsführer der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) statt. Als angeblicher »Rädelsführer« der erfolgreichen Blockade-Aktionen gegen den Neonaziaufmarsch am 19. Februar 2011 musste er sich vor dem Dresdener Amtsgericht verantworten. Mit Megafon und VVN-BdA Fahne sollte er sich des mehrfachen schweren Landfriedensbruchs schuldig gemacht haben.

Vor dem Gericht in Dresden.

Vor dem Gericht in Dresden.

Zu seinem Prozess begleiteten ihn zahlreiche Freund*innen und Sympathisant*innen entschiedenen antifaschistischen Engagements. Auch aus Berlin war ein Bus in die sächsische Landeshauptstadt gefahren. Schon nach zwei Stunden wurde das Verfahren ohne Schuldeingeständnis nach §153a StGB und 500 Euro Geldstrafe eingestellt. Die konstruierte Anklage, die vor allem vom Verfolgungswillen der sächsischen Strafverfolgungsbehörden gegen Antifaschist*innen zeugte, erwies sich als haltlos und selbst Staatsanwältin und Richter zeigten wenig Lust die skandalöse Anklage weiter zu verfolgen.

Wir hoffen dies als ein positives Signal werten zu können, dass endlich Schluss ist mit der Verfolgung und Kriminalisierung von Antifaschist*innen, den Versuchen Zivilcourage gegen Neonazis zu delegitimieren und engagierten Menschen das Leben, schwer, mitunter sehr schwer zu machen. Für alle Angeklagten in den zahlreichen Blockade- Prozessen sind die haltlosen Vorwürfe eine große Belastung. Pfarrer Lothar König, Tim Herudek aus Berlin und viele andere Freund*innen wüssten sicherlich besseres zu tun, als sich über viele Jahre mit politisch motivierten Prozessen rumschlagen zu müssen.

Unser Berliner Geschäftsführer Markus Tervooren erklärte dazu: »Die sächsischen Verhältnisse, die es erlaubten, dass jahrelang das Umfeld des NSU ungehindert durch Dresden marschieren konnte, wurden auch am 16. Oktober ein wenig in ihre Schranken gewiesen. Ich bin froh und erleichtert, dass der abstruse und skandalöse Prozess gegen mich eingestellt worden ist. Und ich war überwältigt von der großen Solidarität die mir von so vielen Freund*innen erwiesen wurde. Danke!

Danke an alle die mich in der Erklärung ›Wir stehen hinter den Blockaden‹ unterstützt haben! Danke an Lothar, danke an das Bündnis Dresden Nazifrei, danke an die Leute, die mich hier in Berlin und in Sachsen unterstützt haben. Danke an meine Anwält*innen! Dieser Schuss aus Sachsen ging nach hinten los! Jetzt wünsche ich mir dringend die Freisprüche für Tim und Lothar! Antifaschismus- alles eine Frage der Einstellung!«

Die Fahne der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes- Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten wird weiterhin als »Tatwaffe« zum Einsatz kommen – überall wo Neonazis aufmarschieren.

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