Die »Mühlviertler Hasenjagd«

geschrieben von Gerald Netzl

4. Januar 2015

Mordaktion gegen sowjetische Flüchtlinge aus dem KZ Mauthausen

Im März 1944 erging reichsweit ein Geheimbefehl (»Kugel-Erlass«) mit der Weisung, aus deutschen Kriegsgefangenenlagern entwichene Offiziere sowie ranghöhere Unteroffiziere nach ihrer Ergreifung vom Sicherheitsdienst (SD) in das Konzentrationslager Mauthausen zu überführen und sie dort »im Rahmen der ‚Aktion Kugel‘ zu erschießen«. Über Wochen und Monate wurden diese Häftlinge von den anderen Häftlingen isoliert, unter unmenschlichsten Bedingungen und fast ohne Nahrung im Block 20 eingesperrt und nach und nach erschossen. Sie wussten, sie alle waren totgeweiht. In der tiefwinterlichen Nacht zum 2. Februar 1945 unternahmen ungefähr 500 »K«-Häftlinge, fast ausnahmslos sowjetische Offiziere, einen Ausbruchsversuch. Mit zwei Feuerlöschern aus ihrer Baracke und verschiedenen Wurfgeschossen griffen sie die Wachtürme an und es gelang ihnen auch, einen davon zu erobern. Der stromführende Stacheldraht wurde mit feuchten Decken kurzgeschlossen und so konnten die Häftlinge die Mauer überklettern. 419 Menschen gelang die Flucht.

mauthausen006

Viele der Geflüchteten blieben wegen ihres schlechten körperlichen Zustands vor Erschöpfung schon kurz nach der Mauer liegen. All diejenigen, denen es nicht geglückt war, in die Wälder zu entkommen, wurden noch in derselben Nacht von SS-Angehörigen erschossen. Unmittelbar nach der Flucht wurde von der SS eine Großfahndung eingeleitet, an der SS, Gendarmerie, Einheiten der Wehrmacht, SA-Abteilungen und Hitlerjugend-Gruppen teilnahmen. Die SS-Lagerleitung wies die Beamten der Gendarmerie an, »niemand lebend ins Lager zurückzubringen«.

Die Treibjagd auf die Entflohenen, an der sich schließlich auch noch Angehörige des Volkssturms und der Feuerwehr sowie Teile der Bevölkerung beteiligten, dauerte drei Wochen lang. Von der SS wurde diese Menschenjagd zynisch »Mühlviertler Hasenjagd« genannt. Interessanter Weise ist dieser Begriff in das antifaschistische Narrativ übernommen worden.

Bis auf elf Offiziere, die entweder bei Bauern Unterschlupf finden oder sich bis Kriegsende in den Wäldern verstecken konnten, wurden alle Geflüchteten wiederergriffen und zumeist sofort an Ort und Stelle ermordet.

BMI / Fotoarchiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen

BMI / Fotoarchiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen

Der nach Kriegsende angefertigte Bericht des Gendarmerie-Majors Johann Kohout, Postenkommandant in Schwertberg, zeigt die außergewöhnliche Brutalität der Ereignisse: »Die Straße von Mauthausen war bereits vom Volkssturm besetzt. Die Leute waren wie bei einer Treibjagd aufgestellt. Es ging sehr wüst zu. Geschossen wurde auf alles, was sich rührte. … Der Schneematsch auf der Straße färbte sich mit dem Blut der Erschossenen. Überall, wie und wo man sie antraf, in den Wohnungen, Wagenhütten, im Kuhstall, am Heuboden, im Keller, wenn man sie nicht herausholte und beim nächsten Hauseck erledigte, erschoss man sie auf der Stelle, egal wer anwesend war … einigen spaltete man das Haupt mit einem Beil. … In der sogenannten Lem-Villa wohnte ein gewisser …, dessen Frau hörte am Abend beim Füttern der Ziegen in der Futtervorratskammer ein Geräusch. Sie holte ihren Mann, der einen Flüchtling aus dem Versteck hervorholte … Der Bauer stach diesem armen Menschen mit seinem Taschenmesser in den Hals, dass das Blut spritzte. Die Frau sprang hinzu und versetzte dem Sterbenden noch eine Ohrfeige.«

Der Ausbruch selbst und die Tatsache, dass einigen die Flucht gelungen ist, stellen einen einzigartigen Vorfall in der Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen dar. Dieser wurde mehrfach literarisch verarbeitet. Und es gibt eine gelungene Verfilmung der Ereignisse: »Hasenjagd: vor lauter Feigheit gab es kein Erbarmen« von Andreas Gruber. Dieser Film ist, auch wenn man den Ausgang bereits kennt, unfassbar spannend inszeniert und atmosphärisch dicht erzählt. Nur handelt es sich hier nicht um einen Hollywood-Thriller, sondern um eine authentische Geschichte…

 

Von Beihilfe kaum die Rede

geschrieben von Hans Canjé

4. Januar 2015

1060 Ermittlungsverfahren gegen Auschwitz-Schergen – fast alle eingestellt

 

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat, wie »Spiegel Online« am 24. August 2014 berichtete, 1060 Ermittlungsverfahren gegen ehemalige Angehörige des Wachpersonals des faschistischen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau geführt. »… und stellte fast alle ein.« Eine der zynischen Begründungen« habe gelautet: »Die ankommenden Opfer hätten nicht gewusst, was ihnen bevorstehe, und folglich nicht fliehen wollen. Der beschuldigte SS-Wachmann habe sie daher an einer Flucht gar nicht hindern können – und sei deshalb nicht wegen Beihilfe zu belangen.«

In den drei großen Auschwitzprozessen ( 1963 – 1965, 1965 –1966, 1967 – 1968) gegen die Mitglieder der SS-Wachmannschaft waren die, einem Verteidigungsplädoyer nahe kommenden, »Argumente« der Anklagevertretung noch anderer Art. In einem Interview zum Film »Im Labyrinth des Schweigens« erinnerte Gerhard Wiese, der damals als junger Staatsanwalt an den durch die energischen Bemühungen des hessischen Generalstaatsanwalts Bauer möglich gewordenen Verfahren beteiligt war, an die Kernanliegen der Anklage. Wir meinten, »dass Auschwitz eine Vernichtungsmaschinerie war, in der jeder ein Rad im Getriebe war und deshalb mindestens wegen Beihilfe hätte verurteilt werden müssen.«

Wer also in den Mordapparat eingebunden war, der mordete mit. Am Ende aber sah das Ergebnis so aus, dass von den rund 6500 Angehörigen der SS-Mannschaft, die den Krieg überlebt hatten, ganze 29 verurteilt wurden. Die anderen konnten im Chor einstimmen in die Schlagzeile der »Nürnberger Nachrichten nach dem ersten Auschwitzprozess: »Wir sind in diesem Fall noch einmal davongekommen«.

Das Hamburger Wochenblatt »Die Zeit« erinnerte am 13. November 2014 an das Klima jener Jahre. Bauer sei, einer der »wenigen unbelasteten Justizjuristen mit einer Führungsposition« in der jungen Bundesrepublik gewesen, umgeben »von Richtern, Staatsanwälten und sonstigen Beamten, die dem NS-Staat gedient hatten und bis auf wenige Ausnahmen im Amt belassen wurden.« Die hätten sich, »wie die Mehrheit der Bevölkerung, nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit« gesehnt.

Den hatte der erste Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer (CDU), schon 1949 gefordert, als er für ein »Ende der Nazischnüffelei« plädierte und durch, von seiner Regierung verkündete diverse Amnestiegesetze, der Rückkehr der Protagonisten des faschistischen Regimes in alle gesellschaftliche Bereiche der jungen Bundesrepublík den Weg bereitete Fritz Bauer hat sich da mit seinem Drang zur Aufklärung der Verbrechen in Auschwitz, nicht viele Freunde gemacht. »Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich Feindesland«, brachte er einmal den Zeitgeist auf den Punkt.

40 Jahre fast konnten die Schergen ihr Leben in Ruhe fristen – sieht man von einigen wenigen und immer wieder an der gängigen Rechtsprechung gescheiterten Versuchen ab, den einen oder anderen doch noch zur Verantwortung zu ziehen. Der eine war »nur Koch« gewesen, der andere hatte sich »nur an der Rampe rumgetrieben«. Individuelle Schuld hatte keiner. Die aber wollte der Bundesgerichtshof nachgewiesen haben. Der Kerngedanke Fritz Bauers bei der Eröffnung des Auschwitzprozesses: »Beihilfe begeht, wer die Haupttat willentlich fördert«, wurde 2011 im Verfahren gegen John Demjanuk, SS-Wachmann in den Konzentrationslagern Treblinka und Sobibor, Urteilsgrundlage. Ein letzter Versuch, mit diesem Urteil doch noch Angehörige der Wachmannschaft vor Gericht stellen zu können, ist offensichtlich gescheitert. Allenfalls zwei Verfahren könne es nach Ansicht von Experten noch geben. Damit ist die »Aufarbeitung« der Akte Auschwitz dann wohl endgültig abgeschlossen – biologisch.

Zum 70. Jahrestag der Befreiung

4. Januar 2015

Brief von Esther Bejarano an die Leserinnen und Leser der antifa

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

wir begehen in diesem Jahr den 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945.

Das war der Anfang der Befreiung vom Hitler-Faschismus, aber nicht die Befreiung der Menschen, der Gefangenen im Ganzen. Nur die Schwachen und Kranken wurden in Auschwitz befreit; alle diejenigen, die noch laufen konnten, mussten auf die Todesmärsche und mussten unter schrecklichen Qualen marschieren.

Das Ziel waren andere Konzentrationslager zur Zwangsarbeit für die dort aufgebauten deutschen Firmen wie Siemens, Krupp und viele andere – ausgenutzt, wie es die Devise der Nazis war: Vernichtung durch Arbeit. So musste ich in Ravensbrück, dem größten Frauenstraflager auf deutschem Boden, Zwangsarbeit für die Firma Siemens leisten, die innerhalb des Lagers viele Hallen errichtete.

Die wirkliche Befreiung aller Gefangenen, aber auch aller Menschen in Deutschland, fand am 8. Mai 1945 statt, an dem die Rote Armee und die Alliierten die Nazis zur Kapitulation zwangen. Was für eine Freude war für mich dieser Tag, als ich mit russischen und amerikanischen Soldaten und mit meinen Freundinnen aus dem KZ gemeinsam unsere Befreiung feierte.

Dieser Tag, der 8. Mai 1945, wird in allen damals von Deutschland besetzten Ländern jedes Jahr groß gefeiert. Nur hier nicht. Ich frage mich, warum? Wir ehemaligen Verfolgten des Naziregimes fordern von unserer Regierung, endlich diesen 8. Mai zum gesetzlichen Feiertag zu deklarieren. Wann wird das endlich wahr? Kämpfen wir weiter dafür!!

Herzlichst, Eure Esther Bejarano

P1220896

Alte Assoziationen

geschrieben von Thomas Willms

4. Januar 2015

Warum Teile der deutschen Rechten gerade pro-russisch sind

 

Der russische Präsident Vladimir Putin findet derzeit nicht viel Rückhalt in der deutschen Medienlandschaft. Eine Ausnahme bilden die Zeitungen und Magazine der extremen Rechten, die sich seit Ausbruch der Ukraine-Krise nahezu geschlossen hinter ihn stellen.

Überraschend ist dies dann nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass das extrem rechte Lager in Deutschland im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges in der »Russland-Frage« weniger homogen gewesen ist, als es die späteren historischen Ereignisse in Russland erscheinen lassen. Tatsächlich zog sich ein ideologischer Konflikt über die »richtige« Ostpolitik bis in die Mitte der 1930er Jahre hin, an deren Ende das NS-Regime divergierende Meinungen mundtot machte. Bis dahin argumentierte eine Gruppe von Autoren, u.a. Hans Schwarz, Giselher Wirsing und Ernst Niekisch sowie Zeitschriften wie »Der Nahe Osten« und »Widerstand« für eine Bündnisoption mit Russland, die heute angesichts der Verbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion außerordentlich befremdlich wirkt.

Putin 003

Der Übergang von der althergebrachten preußisch-zaristischen Liaison zu einer nationalistisch-völkischen begann mit der ersten deutschen Werkausgabe (1905 – 1915) der Romane Fjodor Dostojevskijs und zwar ausgerechnet durch einen der wichtigsten Vertreter der späteren sogenannten Konservativen Revolution, Arthur Möller van den Bruck. Diesem verdankt die Welt immerhin das Schlagwort »Das Dritte Reich« als dem Titel seines Hauptwerkes.

Wer die politischen Schriften Dostojevskijs auf Deutsch lesen will, muss bis heute auf Möllers Ausgabe zurückgreifen. Der russische Romancier begeisterte seinen deutschen Herausgeber und in der Folge weitere nationalistische Autoren durch seinen betonten Antiliberalismus und seine grundsätzliche Ablehnung des »Westens«. In praktische Politik begann Möller seine Haltung im Propagandastab der Obersten Heeresleitung (OHL) im Ersten Weltkrieg umzusetzen. Doch recht auffällig suchte er russische Leser davon zu überzeugen, dass das Heil Russlands im Süden zu suchen sei, der Kampf gegen Deutschland in der Zwischenzone vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer hingegen gar nicht im russischen Interesse liege. Tief enttäuscht zeigte sich Möller dann 1917 angesichts der Oktoberrevolution. Doch der Schreck legte sich ab etwa 1920. Möller und mit ihm einige andere, begannen das entstehende Sowjet-System umzuinterpretieren. »Der Bolschewismus ist russisch. Und er ist nur russisch.« war seine Losung. Gemeint war, dass der westliche Bazillus des Marxismus im russischen Volk ohnehin nicht viel Schaden anrichten könnte. Bis 1932/1933 spitzte sich diese Interpretation z.B. bei Niekisch bis zu offener Begeisterung für den eisigen »militarisierten Arbeitsstaat« Sowjetunion zu. Die Sowjet-union sei das »neue Potsdam« hieß es, voller Treue, Disziplin, Gehorsam und Gemeinschaft. Man hangelte sich an Assoziationsketten entlang, in der der »Westen« mit »Liberalismus« und »Kapitalismus«, der »Osten« hingegen mit »Sozialismus« und »Staat« verbunden wurde.

Die minoritäre rechtsextreme russlandorientierte Fraktion meldete sich nach 1945 in Form kleiner »nationalneutralistischer« Gruppen zurück, um dann Anfang der 1990er Jahre, vom doch lästigen Kommunismus endlich befreit, mit Ideologen wie Reinhard Oberlercher wieder von der »eurasischen Achse« träumen zu können.

Seit Anfang 2014 nun ist Möllers Traum der Wirklichkeit deutlich näher gerückt. Zum ersten Mal dominiert die »Ostorientierung« das Denken des deutschen Rechtsextremismus. Gleichzeitig kooperieren nicht mehr nur windige russische Neonazis mit ihren deutschen Geistesgenossen, sondern Akteure des aktuellen russischen Herrschaftsapparates, in Form verschiedener »Präsidentenberater«. Prof. Alexander Dugin, der als wichtigster geopolitischer Berater Putins vorgestellt wird, wird bspw. im neofaschistischen Nachrichtenmagazin »Zuerst!« breiter Raum eingeräumt. Dessen Buch »Konflikte der Zukunft« erscheint denn auch in einem der Verlage Dietmar Muniers. Wie schon Möller100 Jahre zuvor möchte Dugin dem »westlichen Ziel eines globalen Liberalismus und Kapitalismus unter der Führung der USA« einen »eurasischen Block zusammen mit Russland« entgegenstellen, in dem die »europäischen Völker« ihre »Identität« bewahren könnten. Kein Wunder, dass das Begeisterung im deutschen Neofaschismus auslöst.

Aus Begegnungen Kraft geschöpft

geschrieben von Dieter Chitralla

4. Januar 2015

Zum 100. Geburtstag von Hans Lauter am 22. Dezember 2014

 

Zumindest hatte er ihn in persönlichen Gesprächen gegenüber Freunden bei seinen letzten Geburtstagen »angepeilt« – seinen 100. Geburtstag am 22. Dezember 2014, den er gern mit seiner Familie, mit seinen Genossen, Kameraden und Freunden gefeiert hätte.

Sein Gesundheitszustand – nach zehn Jahren Haft in den Gefängnissen und in den Moorlagern während der Zeit des Faschismus sowie nach aktiver, kräftezehrender Aufbauarbeit für ein neues Deutschland nach 1945 in zahlreichen Funktionen in der SED sowie als Hochschullehrer in Leipzig und in Chemnitz – erlaubten es ihm nicht, dieses Jubiläum zu erleben. Er verstarb am 31. Oktober 2012 nach langer schwerer Krankheit, genau ein Jahr nach seiner Teilnahme an der Einweihung der neugestalteten Gedenkstätte in Esterwegen im Emsland.

Foto: Gustav Peinel

Foto: Gustav Peinel

1914 im erzgebirgischen Adelberg geboren, musste er frühzeitig erkennen, dass er als Kind einer Arbeiterfamilie nicht studieren kann. So hat er den Beruf des Glasschleifers erlernt um zum Lebensunterhalt beizutragen. Geprägt von jugendlichen Vorbildern aus dem Arbeiter-Turn-und-Sportbund wurde er 1930 Mitglied des KJVD. 1935 wird er verhaftet, ist im Polizeigefängnis in der Leipziger Wächterstraße schlimmsten Misshandlungen ausgesetzt und wird zu 10 Jahren Zuchthaus und anschließender Sicherheitsverwahrung wegen » Vorbereitung zum Hochverrat unter erschwerenden Umständen« verurteilt. Drei Jahre sitzt er in Waldheim, danach kommt er ins »Moor«, ins Emsland. Hier hat er all das ertragen müssen, was die meisten aus dem Lied »Die Moorsoldaten« kennen. Auch die weiteren Jahre in Haft erneut in Waldheim und im Gefängnis Radebeul konnten seinen Willen nicht brechen und er gab seine kommunistische Überzeugung nie auf.

So auch nicht nach Rückschlägen durch ungerechtfertigte Anschuldigungen in seiner politischen Tätigkeit in der SED, denen Jahre später die vollständige Rehabilitierung folgte.

Mit viel Engagement widmete sich Hans Lauter der Zeitzeugenarbeit mit der Jugend, bei der er jede noch so profan erscheinende Frage ernst nahm und in seinen Antworten eine große Glaubwürdigkeit ausstrahlte. Ich konnte das bei zahlreichen Veranstaltungen mit Schülern immer wieder aufs Neue erleben. Zum ersten Mal bei einer Begegnung mit Schülern eines Gymnasiums aus Hannover, die in Leipzig weilten. Gespannt lauschten sie den Ausführungen von Hans Lauter über seine Kindheit und Jugend, seine Freude am Sport, seine Tätigkeit im KJVD, seine Verhaftung und seine Jahre im Gefängnis und im Emsland sowie seine abenteuerliche Flucht mit falscher Identität in den letzten Kriegstagen.

Wahrscheinlich schöpfte er selbst – wie viele andere Antifaschisten auch – gerade aus den Begegnungen mit der Jugend immer wieder neue Kräfte, um über die Ursachen und über das Wesen des Faschismus mit seinen unterschiedlichen Facetten aufzuklären und vor dem aufkommenden Neofaschismus im wiedervereinigten Deutschland zu warnen. Legendär waren die zahlreichen Auftritte von Hans Lauter im Rahmen der seit 1995/96 in Hoyerswerda um den 27. Januar stattfindenden Projekttage »Wider das Vergessen« vor Schülern aus fünf Einrichtungen, bei denen er die Zuhörer aufgrund seiner analytischen Fähigkeiten und klaren Sprache sowie seines bescheidenen Auftretens faszinierte.

Diese Eigenschaften verschafften Hans Lauter auch in seiner Arbeit auf Bundes- und Landesebene der VVN-BdA, als langjähriger Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen und Mitglied des Bundesausschusses große Anerkennung bei seinen Kameraden, die ihn auf dem 3. Bundeskongress im Mai 2008 – gemeinsam mit der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejerano – zum Ehrenvorsitzenden ernannten. Bei den Repräsentanten von zahlreichen Kommunen in ganz Deutschland, in denen er als Zeitzeuge auftrat, genoss er eine hohe Wertschätzung nicht nur aufgrund seines hohen Alters.

So ist es m. E. maßgeblich seinem Auftreten auf einer 8. Mai-Veranstaltung von BdA und VVN-BdA in den neunziger Jahren auf dem Leipziger Südfriedhof zu verdanken, dass Oberbürgermeister und Stadtverwaltung das Gedenken an die Befreiung vom Faschismus einige Jahre später zu einem festen Bestandteil der Erinnerungskultur der Stadt Leipzig machten.

Es gäbe noch vieles über Hans Lauter zu berichten – als Familien-Mensch trotz seiner umfangreichen Tätigkeit, als Kenner der klassischen deutschen Literatur und letztlich als einen warmherzigen Menschen, wie ich ihn persönlich erleben durfte. Die Begegnung mit Hans Lauter hat mein Leben sehr bereichert – nicht nur im politischen Bereich.

Seine Chemnitzer Kameraden, Genossen und Freunde haben bereits am 31.10.2014 in einer Veranstaltung an Hans Lauter erinnert In Leipzig erfolgt das erinnernde Gedenken durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, den BdA Leipzig und den Stadtverband der Leipziger Linken am 17. Januar 2015.

Mia und das Nazi-Netz

geschrieben von Janka Kluge

4. Januar 2015

Friedrich Anis neuer Krimi mit Bezug zu NSU und anderen

 

Es gibt in der Kriminalliteratur Autoren, die immer wieder aktuelle Geschichten in ihren Büchern verarbeiten. Zu ihnen gehört der 1959 geborene Friedrich Ani. Eine seiner Figuren ist Kommissar Tabor Süden. Der arbeitet bei seinen ersten Fällen als Polizist auf der Suche nach Vermissten. In einem Interview aus dem Jahr 2003 mit der Süddeutschen Zeitung sagte Ani dazu: »Ich fand es erstaunlich, dass vorher eigentlich kaum jemand über Vermisste geschrieben hat, merkwürdigerweise. Das war eigentlich immer mein Thema. Ich habe eine große Zuneigung zu Leuten, die verschwinden oder weggehen wollten.«

Friedrich Ani »M«, Droemer Verlag, 19,99 Euro

Friedrich Ani »M«, Droemer Verlag, 19,99 Euro

Doch das Schreiben von Krimis war Friedrich Ani, obwohl die Reihe um Tabor Süden erfolgreich war, zu wenig. Neben Hörspielen schrieb er immer wieder auch für das Fernsehen. Die Krimis haben ihn jetzt aber wieder eingeholt. In seinen neuen Reihen spielen ein ehemaliger Mönch, der jetzt bei der Kripo arbeitet und ein blinder Kommissar unter dem Namen »Seher« die Hauptrollen. Für seinen neuen Krimi »M« hat Friedrich Ani aber auch Tabor Süden wieder aktiviert. Der arbeitet inzwischen in einer Münchner Detektei und sucht nach wie vor nach verschwundenen Personen.

Eines Tages kommt eine gewisse Mia Bischof in die Detektei und bittet Tabor Süden, einen verschwundenen Freund zu suchen. Während dieser Suche und vor allem bei der Recherche nach den Lebensumständen des Vermissten stellt Süden fest, dass der gesuchte Siegfried Denning Kontakte zu Neonazikreisen in München hat. Denning arbeitet als Taxifahrer und ist immer wieder gebucht worden, wenn Nazis ein Taxi brauchten. Die jüngeren, militanten aus dem Umfeld des Freien Netzes Süd und der Kameradschaften brauchen zwar kein Taxi, dafür umso mehr die alten Herren der Burschenschaften und der NPD. Immer wieder wurde er zu einem Hotel in Starnberg gerufen, das Mias Vater, Lothar Geiger, gehört. In diesem Hotel treffen sich regelmäßig führende Personen der NPD um Feste zu feiern, oder geheime Treffen abzuhalten. Mit der Zeit wird klar, dass Mia fester Bestandteil dieses neonazistischen Netzes ist. Sie arbeitet als Journalistin im Lokalteil einer Tageszeitung und gilt als engagierte junge Frau, in der niemand eine überzeugte Nazianhängerin vermutet. Sie engagiert sich in einem Kinderhort, betreut manchmal die Kinder und singt mit ihnen alte Volkslieder. Sie ist es auch, die immer wieder neue Frauen mit Kindern für den Hort gewinnt. Niemandem fällt auf, dass alle Mütter und Kinder Deutsche sind. Mia hat einen Mädelring, eine Organisation für Neonazistinnen gegründet und den Kinderhort unterwandert. In einem Gespräch zwischen Mia und ihrem Vater, sagt der ihr, dass er sie irgendwann als Chefredakteurin der Deutschen Stimme und als Leiterin des dazugehörigen Verlags sieht. Den Einwand Mias, dass die nationalen Internetseiten, auch die der NPD, doch gut besucht werden, lässt er nicht gelten. Nach seiner Meinung kann die nationale Bewegung nur siegen, wenn sie eine auflagenstarke Zeitung an den Kiosken hat.

Früher war Mia mit Karl zusammen. Karl, Mitglied einer Münchner Kameradschaft und des Freien Netzes Süd, war nach dem gescheiterten Anschlag auf den Neubau einer Synagoge in München abgetaucht. Er hatte sich bei Kameraden im Osten versteckt. Der Verfassungsschutz vermutet ihn sogar im direkten Umfeld der Zwickauer, wie es im Buch heißt. Karl ist aber schon lange nicht mehr im Osten, sondern in einer konspirativen Wohnung in München, die ihm Mias Vater zur Verfügung gestellt hat. Nach wie vor ist er eine feste Größe in der Münchner Neonaziszene, obwohl er sich bei Versammlungen und Kundgebungen nicht sehen lässt.

»Seit fast zehn Jahren lebte Karl im Untergrund, Niemand, auch ihr Vater nicht, zweifelte daran, dass Karl, wäre der Anschlag auf die Synagoge damals geglückt, heute ein Held wäre und nicht, mehr oder weniger auf sich allein gestellt, wie ein Aussätziger durch Deutschland vagabundieren müsste. Zum Glück, wie Lothar Geiger vor den Kameraden immer wieder betonte, legten sich die Ermittlungsbehörden der herrschenden Polit-Kaste gegenseitig lahm, so dass Karl von dieser Seite wenig zu befürchten habe.«

Als Siegfried Denning sich verdächtig macht, die jungen und alten Kameraden auszuspionieren, lässt Karl ihn entführen. Am Ende sind viele Knoten entwirrt, es gibt eine Reihe Verhaftungen, doch an das Hotel am Starnberger See und seine Besucher geht die Polizei nicht heran. Es hätten sich keine Verbindungen zu den militanten Nazis ergeben.

Das Buch ist nicht nur für Fans von Krimis lesenswert, sondern auch für alle, die nicht unbedingt ein Sachbuch über neonazistische Strukturen lesen wollen. Friedrich Ani hat zwar einiges vereinfacht und wichtige Verbindungen weggelassen, wie die Unterstützertätigkeit von Blood & Honour, trotzdem ist ihm ein guter aktueller Krimi gelungen. Er wird im März als Taschenbuch erscheinen.

Furien oder »Helferinnen«?

geschrieben von Hans Canjé

4. Januar 2015

Wendy Lower über »Deutsche Frauen im Holocaust«

 

Der Originaltitel dieser aus dem englischen übersetzten Untersuchung der britischen Autorin lautet: »Hitler’s Furien«. Eine Furie ist in der Deutung ein »böses, wütendes Weib«. Dem Verlag war das vielleicht etwas zu drastisch und brachte dieses beklemmende Werk mit dem etwas milder klingenden Titel »Hitlers Helferinnen. Deutsche Frauen im Holocaust« auf den Markt. Wer das auf zahlreiche, zum Teil immer noch nicht vollständig ausgewertete, vom Zerfall bedrohten Dokumenten, auf Zeitzeugenaussagen und Gesprächen mit den 13 Frauen, deren Lebensläufe sie hier betrachtet, gestützte Werk beendet hat, wird dem Originaltitel den Vorzug geben.

Wendy Lower: Hitlers Helferinnen. Frauen im Holocaust. Carl Hanser Verlag, 335 Seiten, gebunden mit zahlreichen Fotos. 24,90 Euro

Wendy Lower: Hitlers Helferinnen. Frauen im Holocaust. Carl Hanser Verlag, 335 Seiten, gebunden mit zahlreichen Fotos. 24,90 Euro

Dabei geht es hier nicht um die »großen Namen«, die im Mordgefüge des Regimes eine Rolle gespielt haben. Insoweit ist dem vom Verlag zitierten US-amerikanischen Historiker Timothy Snyder zuzustimmen, dass diese Veröffentlichung »einen Wendepunkt für die Frauengeschichte wie für die Geschichte des Holocaust« bedeutet. Da ist etwa Josefine Bock, die im Juni 1943 in Drohobytsch ihren Mann bei der Auflösung des dortigen Ghettos begleitet. Ein sieben Jahre altes jüdisches Mädchen kam auf sie zu und flehte weinend um ihr Leben. Sie packte die Kleine an den Haaren, schlug mit den Fäusten auf sie, warf sie zu Boden, trat gegen den Kopf, Die Mutter nahm die fast tote Tochter und versuchte vergeblich sie wieder zu beleben. Liesel Willhaus, Ehefrau des SS-Untersturmführers Gustav Willhaus, Kommandant des Lagers Janowska in Lemberg, nutzte ihren Balkon um auf Häftlinge zu schießen, »einfach nur zum Spaß«, wie ein jüdischer Augenzeuge sagte. Oder Johanna Altvater, die jüdische Kinder mit Süßigkeiten zu sich lockte. Wenn sie kamen und den Mund öffneten, schoss sie ihnen mit einer silbernen Pistole in den Mund. .

Einige Beispiele nur aus einer Fülle von Verbrechen, die wir bislang nur aus Berichten über das Wüten der SS-Einsatzgruppen oder der Wehrmacht in Polen und der Sowjetunion kennen, nicht aber von der in der Staatspropaganda gefeierten »kleinen tapferen Soldatenfrau« oder der wackeren Straßenbahnschaffnerin, die an der Stelle der den Osten als »Lebensraum« erobernden Männer die Bahn durch die Trümmer der zerbombten Städte fährt.

Die Autorin spricht von rund 5000.000 Frauen, die in die okkupierten Gebiete des Ostens gingen, in die vom faschistischen Regime so heiß begehrte Ukraine, die »Kornkammer Europas« Sie waren »erschreckend jung«, Sekretärinnen, Ehefrauen, Krankenschwestern, KZ-Aufseherinnen. 30.000 waren es in den Reihen der SS. Hitlers Helferinnen, so die Autorin, »waren der Überzeugung, ihre Gewalttaten seien als Racheakt an Feinden des Reiches gerechtfertigt; in ihren Augen waren solche Gewalttaten ein Ausdruck von Loyalität.« Sie wurden zu Täterinnen, »die aus Überzeugung eigenhändig mordeten«.

Lower konstatiert:« Keine der in diesem Buch vorkommenden Frauen musste töten. Hätten sie sich geweigert, Juden umzubringen, so hätte das keine Bestrafung zur Folge gehabt. Wenn man sich jedoch entschloss, den Opfern zu helfen, kannte das Regime keine Gnade.«

Die aber fanden die Frauen, die wegen ihrer Untaten, wenn überhaupt, in der alten BRD vor Gericht gerieten. »Die meisten Mörderinnen kamen ungestraft davon.« Die Autorin findet dafür u. a. die (stimmende) Erklärung: »(…) die Justiz in Westdeutschland und Österreich war nicht gründlich entnazifiziert.«

Im »Ostdeutschen Polizeistaat« wurde (nach »entlocktem Geständnis«) als einzige der dreizehn Erna Petri schuldig gesprochen. Die Ermittlungsbehörden fanden in ihrem Haus Beweise, dafür, dass das Ehepaar Petri auf ihrem landwirtschaftlichen Gut im ukrainischen Grzenda Zwangsarbeiter und entflohene Jüdinnen und Juden folterte, missbrauchte und ermordete – darunter sechs von Erna eigenhändig erschossene jüdische Kinder.

Eine beklemmende Lektüre, die an einigen Stellen vielleicht »nachgebessert« werden könnte: Wieviel sind »rund fünf«? (S. 175), unbestraft statt »ungestraft« (S. 254). In die Gestapo-Zentrale wurden Deutsche nicht »einbestellt« (S. 81). Sie wurden eingeliefert. Die Zentrale des Mordprogramms »Euthanasie« (T4) befand sich nicht im Berliner Columbia-Haus. (S. 73). T4 steht vielmehr für Tiergartenstraße 4.

Keine Konzertlager

geschrieben von Jörg Wollenberg

4. Januar 2015

Bremer Beiträge in den KZs zu Musik und Literatur

 

Die Konzentrationslager waren als Einrichtung der Ausbeutung und Vernichtung zugleich Orte, in denen Beethoven und Mozart auf dem Programmzettel standen und Goethes Faust gespielt wurde. Es erklang gelegentlich entartete Musik und es wurde zum Swing oder Jazz getanzt. Ein »Nigger-Gesang«, der im »Dritten Reich« verboten war und dazu führte, dass Schüler nicht nur aus Hamburg, Lübeck und Bremen deshalb ins Jugendkonzentrationslager Moringen bei Göttingen deportiert wurden.

Gewiss, das Konzentrationslager war kein Konzertlager. Aber in den deutschen KZ waren Musik und Literatur nicht ausgelöscht. Fast jedes KZ hatte ein Orchester und eine Bibliothek. Was für die Bürger in Deutschland verboten war, das war den Häftlingen erlaubt. Sie konnten die verbrannten Bücher der deutschen Dichter und Denker lesen und »entartete Musik« von Schönberg hören, gespielt in Auschwitz von seinem Schüler Gideon Klein, der am 18. Januar 1945, dem Tag der Befreiung der Lager, aus Krankheitsgründen zurückbleiben musste und dort starb, bevor die sowjetische Armee Auschwitz am 27. Januar 1945 befreite. Unter den schwierigsten Bedingungen und oft illegal bot sich so den Häftlingen die Möglichkeit, an ihren eigenen Ideen und Fähigkeiten festzuhalten, psychisch zu überleben, widerständig zu bleiben.

Edgar Bennert (Foto von 1951) gehörte zusammen mit seinem Bremer Freund Max Burghardt zum Schauspielensemble des Bremer Stadttheaters und war von 1928 bis 1933 Chefredakteur der Bremer Arbeiterzeitung, der Tageszeitung des KPD-Bezirks Nordwest. Als solcher wurde er schon vor 1933 mehrfach mit Prozessen überzogen und verurteilt.

Edgar Bennert (Foto von 1951) gehörte zusammen mit seinem Bremer Freund Max Burghardt zum Schauspielensemble des Bremer Stadttheaters und war von 1928 bis 1933 Chefredakteur der Bremer Arbeiterzeitung, der Tageszeitung des KPD-Bezirks Nordwest. Als solcher wurde er schon vor 1933 mehrfach mit Prozessen überzogen und verurteilt.

Erich Klann, der aus Lübeck stammende und ins KZ Sachsenhausen deportierte spätere Direktor des Arbeitsamtes der Hansestadt, organisierte z.B. mit dem illegalen Lagerleiter von Sachsenhausen Harry Naujoks aus Hamburg und dem Bremer Leiter der Häftlingsbücherei Edgar Bennert nach dem Massenmord an 18.000 sowjetischen Soldaten und der Exekution von jüdischen Häftlingen Musikabende und Lesungen von Goethe- und Tolstoi-Stücken. Sie wollten damit die Moral derjenigen aufrecht erhalten, die angesichts dieser Morde und Untaten verzweifelten. Ein Versuch, die gequälten Häftlinge zu stärken, ihnen Mut zu geben, den Kampf gegen den Faschismus auch und gerade im KZ so lange wie möglich zu führen.

Warum ging die Erinnerung an diese eng mit den Hansestädten verbundenen Männer und Frauen des Widerstands verloren? Zum Beispiel an Edgar Bennert (1890-1960). Er war vor 1933 ein prominenter Schauspieler und Redakteur aus Bremen, der als KPD-Mitglied schon vor 1933 verfolgt wurde. Edgar Bennert leitete die legendären »Blauen Blusen«. Er gründete an der Wende von 1932 auf 1933 die Marxistische Arbeiterschule Bremen, dem Vorläufer der Masch. Und er leitete mit Eberhard Peters die »Soziologische Studiengemeinschaft«, eine Bildungseinrichtung in Kooperation mit fortschrittlichen bürgerlichen Kräften zur Intensivierung der antifaschistischen Aufklärung. Hier kamen noch vor 1933 Erich Weinert, Erich Mühsam und Alfons Goldschmidt zu Wort.

Als KZ-Häftling in Bremen-Mißler, in Esterwegen und Sachsenhausen setzte Bennert die kulturelle Überlebensarbeit fort, u.a. mit Helmut Bock von der SPD als Regisseur von Theaterstücken von Goethe und Hauptmann im KZ Sachsenhausen. Er spielte im KZ den Faust, Gustav Voss den Wagner und Bock den Mephisto. Und er leitete die Häftlingsbibliothek als Keimzelle des Widerstands im KZ. Nach der Befreiung kam kein Ruf aus Bremen. Aber Bennert wurde Intendant des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin.

Nicht anders und besser erging es zunächst dem Bremer Schauspieler, Regisseur, Theaterleiter und Kulturpolitiker Max Burghardt(1893-1977). 1945 nach Verfolgung und Zuchthaus zurückgekehrt nach Bremen, gehörte er zu denen, die das Theaterleben hier wieder aufbauten. Er verfasste für die Bremer Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus (KGF) einen Grundsatzbeitrag zum »Theater als Spiegel der Zeit«, nachzulesen im »Aufbau«, dem Organ der KGF, Nr.8 vom September 1945: »Aus tiefer Not geboren, dient das Theater der Milderung der Not und der Herstellung der Wahrheit«.

Vergeblich wartete der Kommunist Burghardt auf ein Angebot aus Bremen. Er hatte dennoch Glück: Der prominente Theatermann überlebte für kurze Zeit ab Mai 1946 mit Hilfe der britischen Besatzungsmacht als »Roter Intendant« am Kölner Sender, dem Vorläufer des WDR. Er wurde 1947 Intendant der Leipziger Bühnen, bevor er den ehrenvollen Ruf als Leiter der Deutschen Staatsoper in Berlin erhielt und Präsident des Kulturbundes wurde. Ebenso erging es seinem Freund aus Bremer und Düsseldorfer Jahren, dem KZ- Börgermoor-Häftling Wolfgang Langhoff (Die Moorsoldaten). 1945 zurückgerufen aus dem Exil als Mitglied des Züricher Schauspielhauses in seine Heimatstadt als Generalintendant der Städtischen Bühnen Düsseldorf, musste er Platz machen für den Göring-Freund Gustaf Gründgens, konnte aber seine Weltkarriere als Intendant des Deutschen Theaters in Berlin fortsetzen. Also in jenem Theater, das von 1934 bis 1944 von Gründgens als Staatstheater geleitet worden war . In den offiziellen Darstellungen des Theaterlebens von Bremen tauchen sie bis heute nicht auf. Keine Straße, keine Ehrentafel hält die Erinnerung an sie fest.

Die wahren Menschen

geschrieben von Thomas Willms

4. Januar 2015

Über Schwedens Rechtspopulismus und den Umgang mit »Hubots«

 

Schweden muss ein nettes friedliches Land sein. Selbst die Rechtsradikalen sind ein bisschen verdruckst. Und so erscheinen die elementaren Konflikte und Interessensgegensätze, die die international erfolgreiche Fernsehserie »Äkta människor« (bei uns als »Real Humans« im Vertrieb) durchdiskutiert, auf den ersten Blick immer noch als familienfreundliche Version typischerer Erscheinungen des Genres – ja welches eigentlich?

»Äkta människor« steht tief in der Tradition von Science-Fiction-Klassikern wie »Westworld« und hat auch deutliche Bezüge zum neueren Highlight »Cloud Atlas«. Es geht um Roboter, die ein Ich entwickeln; Klone, die an ihrer Identität zweifeln; künstliche Intelligenz, die der menschlichen überlegen ist usw. usf.

»Real Humans – Echte Menschen«, erste Staffel: 600 Minuten, 2012, 18,99 Euro

»Real Humans – Echte Menschen«, erste Staffel: 600 Minuten, 2012, 18,99 Euro

Nur merken tut man dies nicht, denn die Filmemacher haben erfolgreich alles getan, um jeden Anflug von Sci-Fi zu vermeiden. Mit den »Hubots« (humanoiden Robotern) wird in der schwedischen Wohnstraße etwa so umgegangen wie mit Handys. Man kann sie kaufen, wegwerfen oder entsorgen; sie sind Spielzeug, Arbeitsgerät oder Prestigeobjekt; die neuen sind teuer und die gebrauchten billig; manche haben mehr Funktionen als andere und »frisieren« kann man sie auch.

Und damit ist man beim zweiten – hier stärker interessierenden Strang – der Serie. Die Hubots stehen für Migranten und Ausländer, die es in dieser »alternativen Realität« nämlich nicht gibt. Einerseits geht es darum, welchen Platz sie sich selbst erkämpfen wollen, andererseits darum, wie die so aufgeklärte schwedische Gesellschaft mit ihnen umgeht und welche Abgründe hier lauern.

Modellhaft stehen für die Arbeiterschicht die Familie Larsson und für die Mittelschicht Familie Engman. Besonders große Schwierigkeiten mit den Hubots hat Familienvater Roger Larsson. Als eigentlich überflüssiger Vorarbeiter in einem Großhandel hat er gesehen wie die fleißigen, verantwortungsbewussten Hubots nach und nach alle seine Kollegen ersetzt haben. Noch schlimmer ist es zuhause: Seine Ehefrau hat sich bereits einen intelligenten, sportlichen, sauberen, lustigen Begleit-Hubot zugelegt und ihn – nicht ganz legal – auch noch zum dauerpotenten Liebhaber umprogrammiert. Das ist nicht einfach für den übergewichtigen und schlampigen Roger, den es deshalb zur Bewegung der »wahren Menschen« verschlägt. Wie im echten Schweden die »Schwedendemokraten« erzielen diese zehn Prozent der Wählerstimmen mit einem Ausländer-, nein Hubotfeindlichem Programm. Rogers Sohn reicht das nicht. Der nimmt lieber gleich den Baseballschläger, nichtahnend, dass sein leicht beeinflussbarer Vater im geheimen zur rechtsterroristischen Aktion übergegangen ist.

Zerfällt auf der einen Straßenseite exemplarisch die Arbeiterfamilie Larsson, sieht es auf der anderen bei den Mittelschichts-Engmans zunächst besser aus. In mildes IKEA-Licht getaucht, kommen Mutter, Vater, Sohn und Tochter auch ohne Hubot gut zurecht, bis dann doch »Mimi« in ihr Leben tritt. Das erschreckend verletzlich und nicht zufällig koreanisch wirkende künstliche Geschöpf ist das emotionale Zentrum des ganzen Geschehens. Äkta Människor nimmt hier die Vorgabe von »Cloud Atlas« an: wenn schon nicht mehr edle Wilde das Herz anrühren, so sind es jetzt ätherische Koreanerinnen.

An Mimi wird die narzisstische Versuchung, die die rechtlosen Hubots hervorrufen, besonders deutlich. Man kann sie einfach so lange arbeiten lassen wie es einem beliebt, denn sie machen klaglos alles mit. Darüber hinaus müsste man nicht mehr tun als den »Sex-Chip« einsetzen, um sie vollständig ausnutzen zu können, wissen Engman-Vater und Engman-Sohn. Das nicht zu tun, zermürbt beide. Straflos Gewalt gegen menschenhafte Wesen ausüben zu können, ist die dritte Facette der Versuchung, der im Laufe der Handlung auch ausgiebig nachgegangen wird.

Der ideale Hubot ist eigentlich der rechtlose Mensch. Möglich und bereit zur Sklavenhaltung ist jeder, wenn es gesellschaftlich akzeptiert ist. Das ist die beunruhigende Botschaft des Films.

Hubot-Feinde und Hubot-Freunde oder gar –Befreier treten in einen kulturellen und politischen Wettkampf. Und hier beginnen bereits in der zweiten Staffel die dramaturgischen Schwierigkeiten von Äkta Människor, denn der Sci-Fi-Strang und der Antisklaverei-Impetus lassen sich nicht ohne weiteres kombinieren. Ist der aufgeklärte Mitteleuropäer einerseits selbstverständlich für die Befreiung der Hubots, ist den Verschrottungsfantasien der »Wahren Menschen« sachlich kaum etwas entgegen zu halten. Auch wenn es mit eventuellen weiteren Staffeln vermutlich kein gutes Ende nehmen wird, kann sich der Zuschauer doch über eine politisch hochinteressante und hintersinnige erste Staffel freuen.

Kinderweihnacht in Ravensbrück

geschrieben von Regina Girod

4. Januar 2015

Erinnerung an eine märchenhafte Weihnachtsfeier vor 70 Jahren

Vor Jahren hat Lisl Jäger, die nach drei Jahren Zuchthaushaft im September 1944 20-jährig nach Ravensbrück verschleppt wurde, einmal bei einem Zeitzeugengespräch zu Schülern gesagt: »Die SS hatte die Macht, sie konnte alles mit uns machen. Aber menschlich waren wir ihnen überlegen.« Einen besseren Beweis für ihre Worte, als die unglaubliche Geschichte der Weihnachtsfeier, die die Häftlingsfrauen 1944 für die Kinder im Lager organisierten, kann es nicht geben.

Tandera-Theater

Tandera-Theater

Viele Überlieferungen existieren zu diesem Ereignis. So schrieb die tschechische Häftlingsfrau Vera Hozákova: »Der starre Mechanismus des Lagerlebens setzt aus, und langsam schleicht sich durch den Stacheldraht die Vision von Freiheit ein. Dadurch erwachen in unseren Herzen jäh die Erinnerungen an die schönsten Feiertage des Jahres, welche wir zu Hause erlebt hatten – an Liebe und Freude, die du gabst und erfuhrst. Bald sind Weihnachten, und im Lager sind an die 400 Kinder – von denen einige nichts anderes kennengelernt haben als Gefangenschaft und Lager. Kinder, die nicht wissen, was Familie ist – sie kennen die Worte Papa, Oma nicht – sie kennen nur die Mama, die eigene oder die ›Lagermutter‹, Die Mama, die verzweifelt um ihr Leben kämpft – oft ein vergeblicher Kampf. Sie kennen nicht das Gefühl des Sattseins, der sicheren Wärme – wissen nicht, was ein Ball, eine Puppe ist. Die Worte Stadt, Brücke, Fluß, Schönheit sagen ihnen nichts. Sie kennen nur die Mama, sie ist der einzige warme Platz, die einzige Zuflucht im Leben hier – in diesem Nichtleben.« Für diese Kinder bastelten die Frauen heimlich Geschenke, sparten etwas von ihren kargen Rationen ab, dachten sich ein Kaspertheaterstück aus. Ilse Hunger schrieb in ihren Erinnerungen: »Wir lebten neu auf, das ganze Lager lebte neu auf, schöpfte aus diesem Tun neue Hoffnung, vereint in dieser Kinderhilfsaktion. Wir sammelten Esswaren, Leckereien aus Paketen, Äpfel, Gebäck, Brot, Marmelade, viele gaben, nein alle gaben. Wir erreichten von der Lagerführung die Erlaubnis für das Kaspertheater, aber man verbot uns die Verteilung der Geschenke, nachdem man gesehen, welch reizende Sachen gearbeitet worden waren. Aber wir hatten ja fast alles gut versteckt, und heimlich haben wir nach dem Weihnachtsfest diese Sachen auf den Blocks verteilt.«

Lisl Jäger.  Fotos: Jutta Harnisch

Lisl Jäger.
Fotos: Jutta Harnisch

Wie bedrückend ist der Gedanke, dass trotz der nahenden Befreiung nur wenige Kinder das Lager überlebten. Ab Januar 1945 wurden sie von der SS in der Gaskammer von Ravensbrück ermordet oder auf Transport nach Bergen-Belsen geschickt, wo in den letzten Kriegswochen noch tausende Häftlinge umkamen. Am 13. Dezember gedachte die Berliner VVN-BdA gemeinsam mit vielen Unterstützern der Kinderweihnacht von Ravensbrück. Das Plakat der Veranstaltung zierte eine Zeichnung der österreichischen Romni Ceija Stojka, die als elfjähriges Mädchen an der Feier teilnahm und als eine der wenigen ihrer großen Familie 1945 die Deportation nach Bergen-Belsen überlebte.

Zeichnung von Ceija Stojka

Zeichnung von Ceija Stojka

Es war eine berührende Veranstaltung, eingeleitet von dem Theaterstück »1944 – es war einmal ein Drache« des Tandera-Theaters aus Mecklenburg-Vorpommern, in dem zwei Schauspielerinnen und eine Puppenspielerin mit einfachen Handpuppen die Geschichte der Kinderweihnacht ins Heute holten. Anne Hunger, Enkelin der deutschen Häftlingsfrau Ilse Hunger las aus den Erinnerungen ihrer Großmutter, Bärbel Schindler-Saefkow, deren Mutter Änne Ravensbrückerin war, sprach über die Situation im Lager zur Jahreswende 1944/45. Und die 90jährige Lisl Jäger erinnerte sich daran, wie sie einen vierjährigen Jungen zur Weihnachtsfeier zum Block 22 brachte. Welch ein Glück für uns, diese großartige Frau noch immer unter uns zu haben.

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten