Zum Artikel »Der unbestimmte Modus« in der antifa Mai/Juni

geschrieben von Else Heiermann und Hannah Schönig

8. Juli 2015

Nach dem Lesen dieses Artikels schaute ich erschrocken auf die Titelseite der Zeitung: Nein, doch nicht die Bildzeitung! Thomas Willms steigt gleich in die Vollen. Wichtig ist zuerst seine Befindlichkeit: er findet es nicht schön, er ist hilflos und es wird ihm übel.

Weil der Rapper Wojna einen »microfonverstärkten Redebeitrag« hält. Bei Großveranstaltungen ist das zwar üblich, aber bei Wojnar kommt hinzu, dass er die Situation genießt! Woran er das fest macht, lässt er uns Leser nicht wissen.

T.W. kennt die Rapper – meint er – und ordnet Wojna einer Richtung zu, der er übelste Ansichten und Eigenschaften unterstellt. Wojnar gebraucht dabei linkes Vokabular, das er dann ideologisch auflädt, was immer das auch heißen mag. Wie lächerlich diese Aussage, die dann auch nicht durch eine Kostprobe belegt ist. Nur noch absurd ist dann der Vergleich mit angeblichen Menschenfressern und man fragt sich, wieso sich jemand dazu hinreißen lässt, so einen Unsinn zu Papier zu bringen.

Wieso T.W. uns mitteilt, dass er Wojnar nur leidlich hübsch findet, bleibt sein Geheimnis – oder hat das was mit seinen Texten zu tun?

T.W. zitiert Gemeinplätze aus der NLP und aus den Journalistengrundsätzen – und das auf niedrigstem Niveau. Kein einziges Lied wird von ihm analysiert!

Und wenn man denkt, platter geht es nicht, dann setzt T.W. noch eins drauf: »Warum gerade Duisburger Rapper wissen sollten, was die angeblich stärksten Mächte in der Welt verbergen wollen, widerspricht zwar jeder Wahrscheinlichkeit…« Er hält also die Duisburger für besonders unwissend! Wie blöd ist das denn? Schlußendlich fordert T.W., dass von einfachen Antworten auf schwierige Fragen Abschied genommen werden sollte. Genau – und deshalb wünsche ich mir von meiner Zeitschrift »antifa«, dass sie uns mit solchen Pamphleten in Zukunft verschont.

Zum Artikel »Der unbestimmte Modus«, antifa Mai Juni 2015

geschrieben von Jan Große Nobis

8. Juli 2015

Vielen Dank für Thomas´ Willms Artikel. Er analysiert sehr gut die sprachliche Ebene des »Links-Blinken-rechts-Abbiegens«. Ich möchte dazu noch ein paar »hard facts« beisteuern:

Bei der sogenannten EnDgAmE-Veranstaltung in Halle durfte »der ›Reichsbürger‹, Rechtsextremist und verurteilte Holocaustleugner Christian Bärthel sprechen und die Haftentlassung des Rechtsextremisten Horst Mahler fordern. Die Band ›Die Bandbreite‹ lieferte die musikalische Umrahmung«. Die Bandbreite hat also kein Problem mit ausgewiesenen Neofaschisten als Redner auf der gleichen Veranstaltung, auf der sie reden und spielen.

Ebenso waren dort im Übrigen Alexander Kurth (Die Rechte), Rolf Dietrich (NPD), Gerhard Pitsch (NPD), Anne Adler (NPD), Sven Liebich (Ex Blood&Honour) anwesend. Der Sänger »Wojna« der »Bandbreite« war dort auch im trauten Gespräch mit Thomas »Steiner« Wulff von der NPD Hamburg – einem ausgewiesenen »Nationalsozialisten« – zu sehen. Ob er ihn persönlich kennt?

Wie einige andere (ehemalige) Linke (Arbeiterfotografie, Neue Rheinische Zeitung und einige andere aus der Friedensbewegung), die »EnDgAmE« verteidigen – ist die Band »Die Bandbreite« längst eine Querfront mit dem völkischen Antiimperialismus à la NPD eingegangen. Kein Wunder, wenn man vor Hass auf den US-israelischen Imperialismus die Kritik am EU-Imperialismus und vor allem am deutschen Imperialismus ausblendet.

Inzwischen vertont die Band nach eigenen Angaben die rechten Theorien der »Wissensmanufaktur« von Andreas Popp und Rico Albrecht, die auch Teil der extrem rechten Ausläufer der Montagsmahnwachen sind. Nicht zu vergessen sind die sexistischen Songs »Eingelocht« und »Miesmuschel« der »Bandbreite«, von denen sie sich zwar mal distanziert haben, die sie danach aber immer noch fleißig verkauft haben.

Gefahr selektiver Erinnerung

geschrieben von Kamil Majchrzak

6. Juli 2015

Zygmunt Bauman und Aleksandra Jasińska-Kania zu Gast in Berlin

Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus besuchte am 6. Mai der polnische Soziologe und Widerstandskämpfer Zygmunt Bauman gemeinsam mit der Soziologin Aleksandra Jasińska-Kania die Berliner VVN-BdA. Hans Coppi und eine Gruppe junger Antifaschistinnen und Antifaschisten tauschten sich mit beiden über die Notwendigkeit des Kampfes um Erinnerung und die Bewahrung der Werte des antifaschistischen Widerstandes aus. Zygmunt Bauman ist einer der anerkanntesten Soziologen und Globalisierungs-Kritiker Europas.

Zygmunt Baumann. Foto: Andreas Domma

Zygmunt Baumann. Foto: Andreas Domma

Zygmunt Bauman floh als 14-Jähriger bei Kriegsausbruch 1939 aus Poznań in die UdSSR. Dort trat er der in der Sowjetunion formierten 1. Polnischen Armee unter General Zygmunt Berling bei, die aus Sibirien-Deportierten und Flüchtlingen bestand. Er kämpfte u.a. am Pommernwall, wo er mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet wurde. Trotz Verwundung bei Kolberg meldete er sich freiwillig zum Sturm auf Berlin. Nach dem Krieg wurde seine 4. Jan-Kiliński-Division in den Korps der Inneren Sicherheit (KBW) überführt. Dort kämpfte er gegen nationalistische Banden, die Überfälle auf jüdische Überlebende und die neuen kommunistischen Machthaber organsierten. Aleksandra Jasińska-Kania wurde 1932 in Moskau geboren. Sie stammt aus einer nicht-ehelichen Beziehung der Widerstandskämpferin Małgorzata Fornalska und Bolesław Bierut, der 1947 Staatspräsident der Volksrepublik Polen wurde, und sein Land nach dem Vorbild der damaligen Sowjetunion gestalten wollte. Ihre Mutter war Funkerin der Volksarmee (Armia Ludowa – AL) und wurde wenige Tage vor Ausbruch des Warschauer Aufstandes im Gefängnis ermordet. Aleksandra wuchs als Waisenkind mit Kindern von Widerstandskämpferinnen im Interdom in Iwanowo bei Moskau auf.

Baumans soziologische Auseinandersetzung mit dem Holocaust begann relativ spät. Große Bedeutung hatten die Erlebnisse seiner damaligen Ehefrau Janina Bauman, die das Ghetto überlebte. Ihre Bemühungen, während des Warschauer Aufstandes in die AK aufgenommen zu werden, wurden mit dem Hinweis, dass sie Jüdin sei, abgewiesen. Als Janina 1986 in London ihre Aufzeichnungen »Winter in the Morning« [Als Mädchen im Warschauer Ghetto] veröffentlichte, strich sie aus dem Buch mehrere Passagen, die den Antisemitismus in Polen betrafen, u.a. die Schilderung ihrer Rückkehr nach Warschau, nach mehreren Jahren im Versteck. Auf der Überfahrt wurde sie mit den Worten begrüßt: »Unglaublich! Sie sind noch immer da. Diesen deutschen Pfuschern gelang es, doch nicht, alle zu vergasen!«. Diese Erinnerungen und das Bewusstsein, dass in Polen nach der Befreiung mehr als 2000 überlebende Juden ermordet wurden, führten Bauman zu seiner Studie »Dialektik der Ordnung«.: »[W]as zum Vorschein kam, geht nicht nur die Urheber, die Opfer und die Zeugen des Verbrechens etwas an, sondern ist von größter Bedeutung für alle, die heute leben und auch in Zukunft leben wollen.« Bauman unterstrich, dass der Völkermord keine Unterbrechung im Lebenslauf der Rechtsstaatlichkeit darstellte, sondern dieser Völkermord im Namen des Rechts geschah.

Aleksandra Kania-Jasińska schilderte ihre Kindheitserlebnisse und die unterschiedlichen Perspektiven der Erinnerung z.B. familiär und politisch auch angesichts der Fehler und Verbrechen die während der stalinistischen Periode begangen wurden. Sie mahnte deshalb: »Immer wenn wir handeln sollten wir unsere Tätigkeit auf unsere Werte überprüfen. Wir dürfen nicht glauben, dass es nur die eine Antwort auf die Lösung aller sozialen Probleme gibt und nur eine Interpretation der Geschehnisse. Wir müssen im Gegenüber immer auch einen Menschen entdecken.«

Bauman hob hervor, dass er erst spät entdeckte, »dass die Ursprünge des Faschismus in unserer, universellen Art zu Denken liegen: dem Projekt der Moderne. Eines der gefährlichsten Elemente der Nazi-Ideologie ist die Idee vom ‚unwerten Leben‘. Dieses wurde nicht nur auf Nationen bezogen, nicht nur Juden oder Homosexuelle. Es wurde auch gegenüber ‚reinen‘ Deutschen angewendet, die auf die eine oder andere Weise als defekt erklärt wurden.«

Bauman warnte »Vergesst nicht, dass ihr mit einem Feind kämpft, der weitaus starker ist als Faschisten-Gruppen. Es sind nicht nur die Neonazis! Ihre wesentliche Stütze ist weit breiter als sie selbst. Sie nähren sich von unserer Kultur, und unsere Kultur ist in vielerlei Hinsicht sehr unangenehm falsch. Wenn ihr wirklich dieses immer wieder kehrende Phänomen mit seinen Wurzeln vernichten wollt, und die Auferstehung der extremen Rechten mit dessen Konzept des ›unwerten Leben‹ verhindern wollt, dann müsst ihr auch etwas gegen die Art wie wir leben unternehmen. Ihr dürft es nicht als isoliertes Phänomen betrachten, es hat weitreichendere Verästelungen.«

Keine Einbahnstraße

geschrieben von P.C. Walther

5. Juli 2015

Solidarität mit Griechenland ist im Interesse aller Europäer

Im April kam es im Frankfurter Gewerkschaftshaus zur Gründung des Griechenland-Solidaritätskomitees Frankfurt/Rhein-Main. Die Liste der Unterzeichnerinnen der Gründungserklärung zeigt ein breites politisches Spektrum, das über die Gesamtheit der Linken (verstanden von DKP und Linkspartei bis zu SPD und Grünen) weit hinausreicht. Es waren vor allem führende Gewerkschafter, vom früheren DGB-Landesvorsitzenden Dieter Hooge über Michael Erhardt von der IG Metall, Jochen Nagel von der GEW bis zum Frankfurter DGB-Vorsitzenden Harald Fiedler, die zusammen mit weiteren Aktiven wie Elisabeth Abendroth, Andrea Ypsilanti und Knut Dörfel, die Initiative zur Bildung des Solidaritätskomitees ergriffen.

Seitdem ist das Komitee rührig. Neben einem fast täglichen Informationsaustausch via Internetplattform, mit Hinweisen auf entsprechende Veröffentlichungen und Informationsquellen, sowie auch einem Meinungsaustausch untereinander, finden regelmäßige Treffen statt. Veranstaltungen werden entweder selbst organisiert oder solche von anderen Veranstaltern beworben.

Neben der Verbreitung von Materialien, wie z.B. der Zeitschrift »Faktencheck«, hat das Komitee auch eine Petition mit der Forderung auf Rückzahlung des seinerzeit von Nazideutschland erzwungenen Darlehens auf den Weg gebracht (www.zurueckzahlen.de). Ebenso werden die Forderungen nach Entschädigungen für die Kriegsverbrechen, Zerstörungen und Morde an der Zivilbevölkerung während der deutschen Besatzung in Griechenland thematisiert oder Schreiben an Bundestagsabgeordnete gerichtet.

Auf Ereignisse wird reagiert. So richteten z.B. Mitglieder des Komitees einen Offenen Brief an Vizekanzler Siegmar Gabriel, als dieser sich zu Stammtisch-Parolen gegen Griechenland herabließ.

Alle diese Aktivitäten sollen vor allem Gegenöffentlichkeit schaffen. Fakten und Argumente an die Öffentlichkeit bringen, die dem Griechenland-Bashing entgegenwirken, die politisch Verantwortlichen unter Druck setzen, von der erpresserischen Austeritätspolitik abzulassen und stattdessen Griechenland zu helfen, aus der elenden Situation, in die das Land und seine Menschen durch die Austeritätspoiitik gebracht wurde, herauszukommen.

Natürlich wollen die Beteiligten in erster Linie ihre Solidarität mit Griechenland zum Ausdruck bringen. Das wird jedoch nicht als Einbahnstraße gesehen. Die Wende, die in Griechenland mit der Wahl im Januar eingeleitet wurde, wird von den Trägern des Solidaritätskomitees auch als Signal und Chance für das Ansteuern und Erreichen eines Umbruchs zu einer gerechteren, demokratischeren, sozialen und ökologischen Politik in Europa gesehen. Das kann Griechenland, gerade in seiner äußerst schwierigen Situation, nicht allein erreichen. Dazu bedarf es wirksamer Unterstützung in ganz Europa, erst recht in Deutschland. Dazu will das Frankfurter Solidaritätskomitee nach besten Kräften beitragen. Es hofft auf Verbündete und Nachahmer an möglichst vielen Orten Deutschlands.

Zu Gast in Mailand

geschrieben von Helmut Hirsch

5. Juli 2015

Ausstellung über den Widerstand der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation

Pünktlich zum 70. Jahrestag der Befreiung Italiens vom Faschismus am 25. April 2015 wurde die Ausstellung über die Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation in Mailand eröffnet.

Bewegend und zutiefst beeindruckend war die gewaltige Demonstration zum Tag der Befreiung mit über dreihunderttausend Teilnehmern. Auch die nicht so stark besuchte Demonstration und Kundgebung zum 1. Mai war bunt, temperamentvoll und mitreißend.

Nachdem die Ausstellung bereits 2013 mit großem Erfolg in Genua gezeigt wurde, hat das »Centro Philippo Buonarroti« die Ausstellung in Mailand organisiert. Gezeigt wurde sie im Mailänder Haus der Nationalen Vereinigung der Partisanen Italiens A.N.P.I.

An den sechs Ausstellungstagen besichtigten viele Besucher die Ausstellung, darunter zahlreiche Schulklassen und Studentengruppen. Deutlich über 100 Ausstellungskataloge in vorbildlichem italienischem Layout wurden verkauft. Zwei Konferenzen wurden ebenfalls in dieser Zeit durchgeführt: »Paul Hirsch und die Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation in den Askania-Werken Berlin«, eine PowerPoint-Präsentation in Italienisch und eine Podiumsdiskussion zum Thema »Deutscher Widerstand und Italienischer Widerstand«.

Die Ausstellung verringerte eine Lücke im öffentlichen Geschichtsbewusstsein Italiens. Geprägt wird das Bild Deutschlands und der Deutschen durch den Einmarsch von SS-Panzer- und -Motorisierten Divisionen im Herbst 1943 in Nord- und Mittelitalien bis Monte Cassino südlich von Rom. Damals versuchte die militärische Führung Italiens, das Achsen-Bündnis mit Nazi-Deutschland zu verlassen und auf die Seite der Alliierten überzugehen. SS-Truppen nahmen daraufhin die italienischen Soldaten gefangen und deportierten sie zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Durch schrankenlosen Terror wurde versucht, den Widerstand der starken italienischen Partisanenbewegung mit zahllosen Massakern, Geiselerschießungen und Deportationen in Konzentrationslager zu brechen. Das ist nicht gelungen, kostete aber ungeheure Opfer unter den Partisanen und der Zivilbevölkerung.

Die Ausstellung vermittelte nun das für viele Italiener überraschende Bild, dass selbst in Nazi-Deutschland ein Netz sehr aktiver Widerstandsgruppen existierte.

Noch während der Ausstellungstage kamen Vertreter der starken Gruppen der A.N.P.I. in Turin und Rom und regten an, die Ausstellung auch in diesen Städten zu zeigen.

Widerstand in Europa

5. Juli 2015

Im Juli erscheint im PapyRossa Verlag der Katalogband der FIR-Ausstellung zum antifaschistischen Widerstand in Europa. Mit zahlreichen Bildern porträtiert der viersprachige (deutsch/englisch/flämisch/französisch) Band den Kampf gegen den Faschismus in 21 europäischen Ländern – von Guernica über das Warschauer Ghetto bis nach Stalingrad – und stellt dessen unterschiedlichen Charakter dar: Von der Resistenza in Italien, der Résistance in Frankreich und dem Netzwerk »Comet« in Belgien über den griechischen, jugoslawischen und tschechoslowakischen Widerstand bis zu den Internationalen Brigaden gegen Franco. Der Band ist eine Hommage an den Mut von Menschen wie Sophie Scholl, Manolis Glezos, der die Hakenkreuzfahne von der Akropolis riss, oder der Partisanin Zoia Kosmodemianskaja. Die deutsche Fassung der Ausstellung wurde bisher in Bremen, Hamburg und Berlin gezeigt. Sie kann für weitere Präsentationen beim VVN-BdA Bundesbüro ausgeliehen werden.

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Das Potsdamer Abkommen

4. Juli 2015

Vor 70 Jahren wurden die Grundzüge der Nachkriegsordnung beschlossen

Die wichtigste Konferenz zur Neuordnung Deutschlands und Europas nach der Befreiung vom Faschismus war ohne Zweifel die Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945. Auf ihr trafen sich die Staatschefs der drei Siegermächte Großbritannien (Churchill, später Attlee), Sowjetunion (Stalin) und USA (Truman), um endgültige Festlegungen für das Nachkriegseuropa zu treffen. Zentrale Punkte waren bereits auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 angesprochen worden, wo bereits die Behandlung Deutschlands und Österreichs nach dem Sieg, die Notwendigkeit der Reparationszahlungen sowie Instrumente und Grundlagen einer friedlichen Nachkriegsordnung in Grundzügen fixiert worden waren. Nach dem militärischen Sieg in Europa und dem erkennbaren Ende des Krieges im pazifischen Raum sollten nun Regeln für den politischen Neubeginn insgesamt definiert werden.

Gemäß der Vereinbarungen von Jalta hatten sich die jeweiligen Alliierten auf die vereinbarten Grenzen ihrer Besatzungszonen zurückgezogen. Auch Frankreich war bereits als Besatzungsmacht tätig. Und die Umsiedlungen der deutschen Bevölkerungsteile aus dem Sudetengebiet und Polen waren bereits im vollen Gange.

In Potsdam klärten die die Vertreter der Siegermächte folgende Fragen:

• Man formulierte gemeinsame Grundsätze über die Behandlung Deutschlands, da in allen Besatzungszonen vergleichbare politische und soziale Bedingungen hergestellt werden sollten. Zur gemeinsamen Verwaltung wurde ein Alliierter Kontrollrat geschaffen.

• Der antifaschistisch-demokratische Neubeginn sollte sich an den »großen D’s« orientieren: Demokratisierung, Demilitarisierung, Demonopolisierung, Denazifizierung, Dezentralisierung.

• Auf der Konferenz wurde auch die Schaffung eines Internationalen Militärgerichtshofs zur Verfolgung der Hauptkriegsverbrecher beschlossen, der im Oktober 1945 in Nürnberg seine Arbeit aufnahm.

• Die Staatschefs legten die Reparationen, ihren jeweiligen Umfang sowie die Verteilung der Lasten zwischen den Besatzungszonen fest.

• Beim Thema »Polen« wurden die polnische Westgrenze (Oder-Neiße-Linie) und der polnische Anteil Ostpreußens endgültig fixiert, wobei zu diesem Thema auch eine polnische Delegation gehörte wurde.

• Eine wichtige Frage war die Überführung der deutschen Bevölkerungsteile aus Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei. Die Frage war nicht, ob sie ausgesiedelt werden sollten, sondern nur in welcher Geschwindigkeit und wohin die Umsiedlung erfolgen solle.

Die dreiwöchige Beratung lief nicht ohne Widersprüche. In dieser Zeit realisierten die USA ihren ersten erfolgreichen Atomwaffenabwurf, was kurzfristig eine militärische Überlegenheit der USA signalisierte. In Großbritannien wurde Winston Churchill bei der Parlamentswahl durch eine Labour-Regierung abgelöst, was den amerikanischen Einfluss wiederum schwächte. So spiegelten die Ergebnisse dieser Konferenz das damals recht fragile Kräfteverhältnis angemessen wider.

Wie in der Diplomatie nicht ungewöhnlich, wurde kein formeller Vertrag geschlossen. Die Konferenz endete mit einem Protokoll, das die drei Staatschefs als gemeinsame Willenserklärung unterzeichneten und das die Grundlage der kommenden politischen Entscheidungen sein sollte.

Auch die französische Regierung, die zwar nicht an der Konferenz beteiligt war, trat am 7. August 1945 dem Abkommen bei und verpflichtete sich, diese politischen Ziele in ihrer Besatzungszone umzusetzen. Trotz des seit 1947/48 dominanten Kalten Krieges waren die Festlegungen des Potsdamer Abkommens geschichtswirksam.

Das Abkommen zielte auf eine stabile friedliche Nachkriegsordnung, in der die Rolle der Vereinten Nationen als Konfliktvermittler gestärkt würde. Dies ist eine Perspektive, die bis heute Bedeutung hat. Bei den Festlegungen der Grundsätze zur Behandlung Deutschlands wurden Kriterien für eine antifaschistische und friedliche Perspektive dieses Landes formuliert, wie z.B. Forderungen nach Auflösung hegemonialer Wirtschaftsstrukturen, Forderungen nach wirklicher demokratischer Partizipation, Entmilitarisierung u.a., die bis heute visionären Charakter besitzen.

»Niedergeführte Existenzen«

geschrieben von Hans Canjé

4. Juli 2015

Das Mordprogramm »Euthanasie« im Blick

Rechnen hatten wir in der Volksschule bei Fräulein Fuchs. Mathematik gab es da noch nicht und unsere Lehrerinnen hießen alle »Fräulein«. Bei ihr haben wir gelernt, dass es allemal besser sei, die Gelder, die für geistig oder körperlich unheilbare Volksgenossen ausgegeben werden müssen, als Ehestandsdarlehen für gesunde Eltern und damit also auch für erbgesunden Nachwuchs aufzuwenden. Damit wurden wir hingeführt zu der »logischen Akzeptanz der uns damals noch unbekannten Praxis, den Nachwuchs von »Ballastexistenzen« zu verhindern und uns des vorhandenen »lebensunwerten Leben« zu entledigen.

Forschungen zur Medizin im Nationalsozialismus. Vorgeschichte – Verbrechen – Nachwirkungen. Herausgegeben von Alfred Fleßner, Uta George, Ingo Harms und Rolf Keller. Reihe: Schriftenreihe der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten; Bd. 03, € 29,90

Forschungen zur Medizin im Nationalsozialismus. Vorgeschichte – Verbrechen – Nachwirkungen. Herausgegeben von Alfred Fleßner, Uta George, Ingo Harms und Rolf Keller. Reihe: Schriftenreihe der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten; Bd. 03, € 29,90

Auf dem Territorium des heutigen Landes Niedersachsen gab es in den Jahren der faschistischen Herrschaft keine solche Vernichtungsanstalt zur Ermordung »lebensunwerten Lebens«, wie etwa in Pirna-Sonnenstein, Hadamar oder Brandenburg-Görden. In diesen Einrichtungen wurden jeweils um die 10.000 Menschen systematisch umgebracht. Im Mörderjargon wurde von der »Niederführung« dieser geistig oder körperlich Behinderten, vorwiegend Kindern, gesprochen. »Euthanasie« hieß der staatlich organisierte Massenmord, also »Gnadentod« Dem Thema ist in den letzten Jahren sowohl durch wissenschaftliche Tagungen und Publikationen als auch durch Gedenkstätten verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt worden.

Im Band drei der Schriftenreihe der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten »Forschungen zur Medizin im Nationalsozialismus. Vorgeschichte –Verbrechen –Nachwirkungen« stehen die Heil- und Pflegeanstalten in Wehen und Lüneburg im Mittelpunkt, in denen, auch in eigens dafür eingerichteten Kinderabteilungen, durch Hungermorde« und »abspritzen« das grausige Programm zur »Gesund-erhaltung des deutschen Volkskörpers exekutiert wurde. In Lüneburg fielen mehr als 350 Kinder diesen Morden zum Opfer. Gehirnpräparate von 12 Kindern wurden zwischen 2011 und 2012 in einem Hamburger Forschungsinstitut entdeckt.

Nach einer Predigt des Bischofs von Galen am 3. August 1941 in Münster erfolgte zwar aus taktischen Gründen eine offizielle Einstellung der Aktion »T 4«. (In der Berliner Tiergartenstraße 4 war der Sitz des mit dem Mordprogramm beauftragten Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden«.) Tatsächlich aber folgte in den Jahren 1942-1945 »eine zweite Vernichtungswelle«, »die sich verdeckter Tötungsmethoden bediente und immer neue Opfergruppen erfasste«. Unter dem Aktenzeichen »14f13« habe die SS bereits seit dem Frühjahr 1941 »systematische Selektionen von KZ-Insassen« praktiziert. Mancherorts seien die »Patiententötungen« bis nach Kriegsende weitergegangen, schreibt Gerrit Hohendorf

Der vorliegende Band fußt auf einer 2012 durchgeführten Konferenz der Stiftung und fasst Forschungsergebnisse nicht nur diese Bundeslandes zusammen. Dargelegt werden die schmähliche gerichtliche »Aufarbeitung« diese Kapitels, die unbeanstandete Weiterbeschäftigung der involvierten Mediziner, denen »Verbotsirrtum«, »befreiender Irrtum« oder »nicht schuldhaftes« Verhalten attestiert wurde. In einem der seltenen, schließlich mit Einstellung endenden Prozesse hieß es gar: »Den Angeklagten konnte nicht mit hinreichender Sicherheit widerlegt werden, dass sie die Geisteskranken, an deren Tötung sie mitgewirkt haben, für Menschen ‚ohne natürlichen Lebenswillen’, für ‚niedergeführte Existenzen’, für ‚leergebrannte Menschenhülsen’ gehalten haben.« Nachgezeichnet werden der mühevolle Weg zur Anerkennung und Entschädigung der Opfer der Zwangssterilisation und der »Euthanasie«. Der Band schließt ab mit Überlegungen zur aktuellen Debatte um gesetzliche Regelungen zur »Sterbehilfe« über die der Bundestag im September in erster Lesung beraten soll. Ein Thema, das vor dem Hintergrund des in dieser beachtenswerten Publikation dargestellten faschistischen Mordfeldzugs gegen »lebensunwerten Lebens« äußerste Sensibilität erfordert.

Der Iwan war erst 12

geschrieben von Regina Girod

3. Juli 2015

Ulrich Sander erinnert an die Zwangsarbeiterentschädigung vor 15 Jahren

Auch 70 Jahre nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus ist das Thema »Entschädigung der Opfer« noch immer aktuell. Im Mai hat der Bundestag den etwa 4000 ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, die heute noch leben, eine Entschädigung von jeweils 2500 EUR zuerkannt. Weniger als eine Geste, wenn man bedenkt, dass von den mehr als 5 Millionen sowjetischen Soldaten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, bis zum Ende des Krieges bereits 3 Millionen umgebracht worden waren.

So kommt das Buch »Der Iwan kann bis Lüdenscheid« von Ulrich Sander gerade recht, um uns ein anderes Kapitel des Entschädigungsthemas noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: Die (ebenfalls sehr eingeschränkte) Entschädigung von ausländischen Zwangsarbeitern durch die Bundesrepublik Deutschland, die in den Jahren 2000 – 2006 erfolgte. Ulrich Sander hat daran mitgewirkt, Entschädigungsberechtigte im Raum Lüdenscheid zu ermitteln. Im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme durchforstete er Archive und erstellte einen Datensatz mit rund 7500 Namen. Was ihm dabei begegnete, wer seine Arbeit unterstützte und wer sie behindert hat, hat er nun – mit der Publikation seines Tagebuches aus den Jahren 2000-2002 – öffentlich gemacht. Der etwas kryptische, an das »Lenin…Lüdenscheidt«-Buch des Bestsellerautors Richard David Precht erinnernde Titel geht auf einen zwölfjährigen russischen Zwangsarbeiter zurück, den Ulrich Sander stellvertretend für die vielen Menschen, auf seinen Titel hob.

Ein Tagebuch zu veröffentlichen, hat Vor- und Nachteile. Einerseits ist es authentisch. Es lässt konkrete Zeitumstände auferstehen. So, wie der Schreiber sie erlebt hat. Mit dem Wissen von damals, nicht mit dem von heute. Das regt natürlich zu Vergleichen an, auch zu der Frage: Hat die späte Entschädigung der Zwangsarbeiter etwas verändert im Bewusstsein der Bundesrepublik? Und wenn ja, was? In dieser Hinsicht spiegelt Ulrich Sanders Protokoll Historie sogar zweifach wider. Zum einen als Geschichte der Zwangsarbeit, wie sie sich aus den gefundenen Dokumenten erschließt. Zum anderen in Gestalt der Situation des Jahres 2000, als durch die Entschädigung der Zwangsarbeiter viele Menschen erstmals überhaupt gezwungen waren, sich mit der Problematik zu befassen. In dieser Beziehung ist das Buch ein interessantes Zeitdokument.

Doch es kann auch mühsam sein, ein Tagebuch zu lesen. Wenn man nicht weiß, ob das, was einen wirklich interessiert, überhaupt vorkommen wird. Weil an Stelle einer Systematik die Chronologie den Ablauf bestimmt. Und wenn einem, wie in diesem Fall, keine der handelnden Personen wirklich nahe kommt. Denn dieses Tagebuch ist ein Arbeitsjournal. Es beschreibt Vorgänge und Abläufe und die Menschen, von denen in ihm die Rede ist, bleiben auf ihre Funktionen beschränkt. Das ist unverzichtbar, sonst hätte sich der Autor wohl nicht vor Klagen retten können. Doch es macht aus seinem Text einen ziemlich trockenen Stoff.

Vor 20 Jahren habe ich, ebenfalls in einem ABM-Projekt, an einem Buch über jüdisches Leben in Berlin Friedrichshain mitgearbeitet. Vieles von dem, was Ulrich Sander beschreibt, ist uns da auch begegnet: Nachbarn und Kollegen, die von nichts gewusst haben wollten, oder versicherten, selbst stets menschlich geblieben zu sein. Der Osram-Konzern, der jüdische Zwangsarbeiterinnen beschäftigt hatte, doch beteuerte, darüber keinerlei Unterlagen zu besitzen (»Alles im Krieg verbrannt«) oder eine Grundstücksgesellschaft, die sich weigerte, an ihrem Haus eine Erinnerungstafel für eine kleine Synagoge anbringen zu lassen (»Kein Interesse«). Am Ende hatten wir, wie Ulrich Sander, eine Datenbank mit den Namen von mehr als 4000 jüdischen Menschen aus dem Stadtbezirk, die wir dem Heimatmuseum übergaben. Doch viel wichtiger war das Buch. In ihm waren exemplarisch Schicksale, Erinnerungen und Dokumente versammelt .Wenigstens einigen jüdischen Nachbarn aus Friedrichshain konnten wir damit ein Gesicht geben und die Verbrechen des Faschismus dort sichtbar machen, wo sie stattgefunden hatten – im normalen Alltag.

»Der Iwan kam bis Lüdenscheid« enthält Material für viele solcher Bücher. Material, das nun wohl nicht mehr genutzt werden wird. Wie der Autor damals fragt sich der Leser heute: Was ist aus dem 10jährigen Nikolai Keemann aus Kiew geworden, der laut Unterlagen »geflohen« war. Oder aus der 14jährigen Polin Leokadia Magnik, die als Landarbeiterin schuften musste? Haben sie überlebt? Konnten sie mit den Folgen der Versklavung fertig werden?

Für eine Antwort ist es heute zu spät. Eigentlich war es auch im Jahr 2000 schon zu spät dafür.

So bleibt es das Verdienst des Buches, am Beispiel der kleinen Stadt Lüdenscheid dokumentiert zu haben, wie schwierig es selbst 55 Jahre später war, wenigstens einem Teil der Zwangsarbeiter eine Entschädigung zukommen zu lassen. Dieses Unrecht, das Millionen Menschen durch den Faschismus erlitten haben, blieb im Prinzip ungesühnt. Eine bittere Wahrheit.

Mit der Resistenza in die Moderne

geschrieben von Thomas Willms

3. Juli 2015

Bis heute sind die Anstrengungen der Partisanen in der Reggio Emilia sichtbar

Jemanden wie Giacomo Notari möchte man gerne kennen. Natur- und menschenverbunden, temperamentvoll aber ausgeglichen, voller Geschichten, bescheiden und klug. Bei Auftritten in Berlin fand er problemlos großen Anklang bei 500 Zuschauern als er seine Autobiografie vorstellte, die jetzt auf Deutsch erschienen ist.

Giacomo Notari: Ihr Partisanen, nehmt mich mit euch! Ein Bericht aus der Resistenza, PapyRossa Verlag, 159 Seiten, 12,00 €

Giacomo Notari: Ihr Partisanen, nehmt mich mit euch! Ein Bericht aus der Resistenza, PapyRossa Verlag, 159 Seiten, 12,00 €

Am besten beginnt man mit dem Nachwort, der »Verabschiedung von den Lesern«. Notari vergleicht sein winziges Abruzzendorf der Gegenwart mit dem der 1930er Jahre. Was ihm missfällt, ist das allgemeine Desinteresse an dem was seine Kindheit und Jugend ausgemacht hat: die Wälder voller Esskastanien, die kleinen Felder, die Gärten. Was fehlt, ist auch der Großteil der Menschen, die in die Städte abgewandert sind, insbesondere die Scharen von Kindern. Man kann diese Welt von früher auch mit weniger Freundlichkeit beschreiben als Notari es tut. In Cesare Paveses Erzählungen herrscht zum Beispiel immer Trübsal zwischen den Geschlechtern und am Schluss ist jemand vergewaltigt oder tot, mindestens aber todunglücklich.

Die Welt der 1930er Jahre war von tiefer Armut geprägt. Jagen und Sammeln waren noch von enormer Bedeutung, jede Maispflanze wurde hingebungsvoll gepflegt. Abgesehen von vier Jahren Grundschule war der Staat nahezu völlig abwesend. »Italien« war nicht mehr als eine vage Vorstellung, für die einige ältere Männer 1915-1918 an die Isonzo-Front verschleppt worden waren. Es war ein Leben ohne fließend Wasser, Strom, Radio, Zeitungen und Uhren. Der Staat, der nichts lieferte, konnte aber auch nichts erwarten. Die bürokratische Herrschaft war nicht nur physisch noch nicht angekommen, sondern hatte sich auch noch nicht in der Psyche festgesetzt. Selbst der Faschismus änderte daran erst einmal wenig. Der Mangel am blinden Gehorchen-Wollen zeigte sich an den Fronten, an denen italienische Soldaten eingesetzt wurden. Auf allen Seiten galten die gewöhnlichen italienischen Truppen als unzuverlässig, zur Freude der Alliierten und zum Verdruss der Deutschen. Dass die italienische Regierung 1943 versuchte, die Seiten zu wechseln, als die Dinge nicht mehr gut liefen, beantworteten die Deutschen umgehend mit der Übernahme der Kontrolle über das Land und mit dem Versuch, nunmehr ein Regime ganz nach deutschem Gusto zu installieren. Die Bevölkerung lernte Begriffe wie »Durchkämmungsaktion« zu fürchten.

Der Krieg überdehnte die ohnehin schwache ökonomische Kraft der mit Subsistenzwirtschaft funktionierenden Welt der Berge. Für die Dörfler, insbesondere 17jährige Jungen wie Notari, war nichts natürlicher, als sich den plötzlichen Zwängen entziehen zu wollen. Weglaufen, sich verstecken, schwindeln – Überlebensinstinkte und nicht das große politische Konzept brachten die große Mehrzahl der Menschen in Opposition zu den Deutschen. Nur in einer solchen Lage konnte Notari seinen ersten und wichtigsten Auftrag überleben, nämlich sich freiwillig zur faschistischen Miliz zu melden und dort für Desertion zu agitieren.

Diese, aus heutiger Sicht für geradezu idiotischen Leichtsinn sprechende Aufgabe für einen völlig unvorbereiteten Jugendlichen, überstand er mit traumwandlerischem Glück – andere nicht. Die Resistenza führte ihn Ende 1944 zur PCI (Partito Comunista Italiano) und verband ihn und viele andere zum ersten Mal mit einer nationenweiten und »städtischen« Bewegung. Danach gab es kein Zurück mehr in die Isolation der Vorkriegszeit. Die Jahrzehnte nach 1945 sahen ihn als Partei-Kader, Genossenschaftsgeschäftsführer, Kommunalpolitiker und Bürgermeister. Die Umwälzungen, die er aktiv mit erzeugte, waren zwar nicht so schmerzhaft wie der Krieg, bedeuteten aber eine im Grunde größere seelische Anstrengung. Wasserleitungen, Buslinien, Wasserkraftwerke und dann gar ein Tennisplatz entstanden durch sein Engagement. Auf breiter Front organisierte die kommunistische Partei in klassisch sozialdemokratischer Manier eine neue Welt und fand Masseneinfluss, der in der Reggio Emilia noch heute von Bedeutung ist. Autonomie und Ungehorsam aber, die die Resistenza erst ermöglicht hatten, wichen den Annehmlichkeiten und gleichzeitigen Zwängen von Arbeitslosenversicherung, Steuerwesen und Zeitdruck.

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