Europa im Widerstand

geschrieben von Raimund Gaebelein

8. März 2015

In Bremen fand die erste Präsentation der FIR-Ausstellung in Deutschland statt

Anruf eines älteren Herrn. Seine Frau hat in der Widerstandsausstellung ein Foto gesehen, das zwei Tote vor einem Hauseingang zeigt. Er lässt sich den Hauseingang beschreiben. Als Fünfjähriger musste er erleben, wie zwei Widerständler in Rotterdam im Treppenhaus erschossen, ihre Leichen zur Abschreckung vor den Hauseingang gelegt wurden. Dieses Bild hat sich bei ihm fest eingegraben. 008 Ero¦êffnung Ausst Europ Wid 210115

Es bedurfte einer ganzen Reihe von Schreiben und Gesprächen, bis die Ausstellung »Europäischer Widerstandskampf gegen den Nazismus« in der Unteren Rathaushalle in Bremen stand. Auf zwei Vorbereitungstreffen im November/Dezember wurden Interessierte darauf vorbereitet. Mit 33 Personen aus den Reihen von VVN-BdA, Kontakty, DKP Bremen und Roter Hilfe konnten wir sie 17 Tage zeigen. Danke an alle, die uns tatkräftig dabei unterstützt haben. Zum ersten Mal wurde die deutschsprachige Fassung der 51 Tafeln präsentiert. Die Bilanz: 3.252 Besucher*innen, davon 371 Schüler*innen aus 19 Klassen.

Das Medienecho war moderat. Vor der Eröffnung hatte FIR-Generalsekretär Dr.Ulrich Schneider ein Gespräch bei Radio Bremen, SAT 1 machte Interviews in der Ausstellung. Während sich der Weserkurier auf die Ankündigung der Eröffnung und nachfolgender Vorträge beschränkte, wurde die Kreiszeitung ausführlicher. Erste Besucher kamen am Tag nach der Eröffnung mit dem Artikel unter dem Arm, um die Ausstellung zu sehen. Was Wunder, dass Anmeldungen zu Führungen vor allem aus Schulen im Umland kamen, wiewohl die Bremer Lehrerzeitung sie bereits im Dezember ankündigte. Bei der Eröffnung wies Bürgermeister Jens Böhrnsen, dessen Vater Zwangsarbeit im Bewährungsbataillon 999 leisten musste, auf die aktuellen Gefahren hin, die Rechtspopulismus und Antisemitismus hervorbringen. Ulrich Schneider, Generalsekretär der FIR, dankte den Frauen und Männern, die aktiv am antifaschistischen Kampf teilgenommen und als Zeitzeugen ihre Erfahrungen zur Verfügung gestellt haben. Ihr Einsatz für Menschenrechte und Freiheit, gegen Krieg und Besatzung, für einen demokratischen Neubeginn hat 70 Jahre nach der Befreiung ungeahnte Aktualität erhalten. Jean Cardoen, Direktor des Brüsseler Instituts der Veteranen, wies auf die Vielfalt der Widerstandsformen in den 21 Ländern hin, deren wichtigsten Ereignisse in der Ausstellung zu sehen sind, von der Untergrundpresse in Belgien und den Niederlanden, zu bewaffneten Partisanenaktionen in Griechenland und der Sowjetunion, Fluchtlinien von Piloten mithilfe eines Netzwerks durch das besetzte Europa und der Rettung tausender jüdischer Kinder vor ihrer Vernichtung. »Wir sind 190 Millionen und sie können uns nicht alle hängen«, symbolhaft blieb der Name der 18-jährigen Partisanin Zoia Kosmodeiamskaïa. Auf den Türmen sowjetischer Panzer stand ihr Name Zoia bei der Befreiung Berlins vor 70 Jahren.

Die Rolle der Frauen im Widerstand war ein wichtiges Thema bei der Führung von Schulklassen. Dank der Fragebögen, die uns Ulrich Schneider als Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt hatte, ließ sich die Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Merkmale des europäischen Widerstands hinführen. Durch Bremer Beispiele wie dem Wahrheitsprozess wegen Verbreitung illegaler Zeitungen zur Aufklärung der Bevölkerung über das wahre Gesicht des Faschismus, wurde Widerstand fassbar. Geschichten wie die des belgischen Lokführers Louis Verheggen, dessen beherztes Rangieren 1944 bewirkte, dass ein letzter Güterzug mit politischen Geiseln nicht die Grenze passieren musste, erleichterten den Zuhörern den Zugang.

Sechzig Einträge im Gästebuch spiegelten das Interesse wider, mehr über die Dimension und Tiefe des Widerstands zu erfahren. Neben der Betonung, die Ausstellung sei informativ, eindrucksvoll, aufschlussreich, notwendig, wurde der Wunsch weitergegeben, dass sie in jedem betroffenen Land zu sehen sein sollte. Für manchen öffnete sich eine »komplett neue Sicht«: »Ich kam mit ganz anderen Erwartungen – und blieb, las und fand doch Neues.« Andere bedauerten den eigenen mangelnden Hintergrund. »Es hätte noch so viel erzählt werden müssen«, hofft ein Kommentator. Bemängelt wurde allerdings auch, dass befreite Gebiete und zentrale Partisanenaktionen auf manchen Tafeln zu kurz gekommen waren. Und der Wunsch, dass Lehren daraus gezogen werden, blieb allgegenwärtig. Die Kommentare zeigen auch die Breite der Besuchergruppen, sind sie doch in acht Sprachen verfasst, darunter in Spanisch, Polnisch, Russisch und Iranisch.

»Frieden« mit der Ukraine

7. März 2015

Das Handelskapital der Hansestädte auf Raubzügen im Osten. Von Jörg Wollenberg

 

Mit dem Diktatfrieden von Brest-Litowsk (3.März 1918) zwischen den Mittelmächten und Sowjetrussland wurde das »Mitteleuropa-Projekt« der »Kriegszielpartei« der Obersten Heeresleitung um Erich Ludendorff und Hindenburg Wirklichkeit. Die Vertreter des Handelskapitals der Hansestädte um Ballin (Hamburg), Possehl (Lübeck) und Roselius (Bremen) gehörten ab 1914 mit dem AEG-Chef und späteren Außenminister Walter Rathenau zu den Propagandisten dieses Projektes: Aus riesigen Gebieten Rußlands entstand damals eine Pufferzone, die von Finnland und den baltischen Staaten über die Ukraine, der Krim bis jenseits des Kaukasus zur türkischen Grenze reichte. Und das Bündnis zwischen Deutschland und dem Osmanischen Reich ermöglichte mit Hilfe der Berlin-Bagdad-Bahn die Eroberung der Erdölfelder im Nahen Osten. Alles wurde kontrolliert und besetzt von deutschen Truppen bis zum Frieden von Versailles (28. Juni 1919). Ein Eroberungsfeldzug, der Hitlers »Fernziel, ein deutsche Ostimperium auf den Trümmern der Sowjetunion aufzubauen« schon 1917/18, hatte Realität werden lassen.

 

Seit 1918 ist die Ukraine unser: Der »Brotfrieden« vom 9. Februar 1918 sichert Deutschland die »Kornkammer Europas« mit Hilfe der Separatisten der Ukraine

Prof. Dr. Jörg Wollenberg, geb. 1937, sollte 1943 eingeschult werden in Kobryn bei Brest-Litowsk. Sein Vater war hier als »Sonderführer« tätig. Stalingrad bewahrte ihn vor diesem Schicksal. Er ist Mitglied der VVN-BdA, Gewerkschafter, war Professor für Weiterbildung in Bremen , ehemaliger Leiter der Volkshochschulen in Bielefeld und Nürnberg und Gründungsmitglied der Gedenkstätte Ahrensbök.

Prof. Dr. Jörg Wollenberg, geb. 1937, sollte 1943 eingeschult werden in Kobryn bei Brest-Litowsk. Sein Vater war hier als »Sonderführer« tätig. Stalingrad bewahrte ihn vor diesem Schicksal. Er ist Mitglied der VVN-BdA, Gewerkschafter, war Professor für Weiterbildung in Bremen , ehemaliger Leiter der Volkshochschulen in Bielefeld und Nürnberg und Gründungsmitglied der Gedenkstätte Ahrensbök.

Prof. Dr. Jörg Wollenberg, geb. 1937, sollte 1943 eingeschult werden in Kobryn bei Brest-Litowsk. Sein Vater war hier als »Sonderführer« tätig. Stalingrad bewahrte ihn vor diesem Schicksal. Er ist Mitglied der VVN-BdA, Gewerkschafter, war Professor für Weiterbildung in Bremen , ehemaliger Leiter der Volkshochschulen in Bielefeld und Nürnberg und Gründungsmitglied der Gedenkstätte Ahrensbök.

Bereits am 9. Februar 1918 hatten das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn einen Friedensvertrag mit den Separatisten der Ukrainischen Volksrepublik geschlossen, die zuvor ihre Unabhängigkeit von Russland erklärt hatten. So entstand aus der Zerfallsmasse des Zarenreichs die »Kornkammer Europas«. Mit diesem sog. »Brotfrieden« endete der Erste Weltkrieg in Osteuropa. So hoffte man die Versorgung mit Nahrungsmitteln für die hungernde deutsche Bevölkerung zu sichern und die Frühjahrsoffensive an der Westfront im März 1918 einleiten zu können. Schon damals mit überraschenden Ergebnissen. So nahm z.B. Alfred Faust, der an der Ostfront eingezogene Bremer Propagandachef von Roselius (Kaffee Hag), als USPD-Mitglied am Kongress der Arbeiter und Soldatenräte vom 16. bis 21. Dezember 1918 in Berlin teil – als Abgeordneter der Ostfront, Wahlbezirks

Heeresgruppe Kiew/Ukraine. Faust berichtete dort über »wilde Truppen« und chaotische Zustände der deutschen Heeresgruppe Kiew. Er wurde u.a. begleitet von dem im August 1916 in russische Gefangenschaft geratenen Ernst Reuter, dem späteren Berliner Oberbürgermeister. Reuter hatte es als damaliger Anhänger der Bolschewiki bis zum Kommissar der autonomen Wolgadeutschen Republik gebracht. Er nahm am Gründungskongress der KPD Ende Dezember 1918 in Berlin teil und blieb als Wortführer der »Linken« bis zum Parteiausschluss im Januar 1922 KPD-Generalsekretär – unter seinem Parteinamen Ernst Friesland.

Der als »historische Stunde« gefeierte Gewaltfrieden von Brest Litowsk sicherte für kurze Zeit den Beginn einer deutschen Vorherrschaft in Osteuropa. Diese Zeit nutzte die Bremer und Hamburger Kaufmannschaft zur Gründung einer »Gesellschaft für internationale Unternehmungen«, um den deutschen Außenhandel auszudehnen und wichtige Teile der baltischen Provinzen Rußlands auszubeuten. Die Beteiligung des führenden Hamburger Bankiers Max Warburg und des Ruhrindustriellen Hugo Stinnes sicherte die Kreditbeschaffung ab. Noch im März 1918 gelang es ihnen, mit dem Bukarester Vertrag eine Neuordnung der rumänischen Erdölwirtschaft unter Einschluss der galizischen Ölfelder abzuschließen. Und schon im Dezember 1917 hatten sie eine neue Mineralöl-Handels- und Beteiligungsgesellschaft gegründet, der sich auch Albert Ballin von der Hapag für den Verein der Hamburger Reeder angeschlossen hatte. Diese Raubzüge der Hanseatischen Kaufmannschaft sollten mit ihrem Drang gen Osten im Zweiten Weltkrieg einen neuen Höhepunkt erreichen.

 

Handelshäuser und Niederlassungen ab 1941/42 in der Ukraine und auf der Krim

Hanseatische Handels- und Verkehrsunternehmen profitierten ab 1941/42 von den Morden und Raubzügen in den besetzten Gebieten im Osten. Abgesichert durch die Wehrmacht und die SS- Einsatzgruppen und geschützt von den hanseatischen Polizeibataillonen und den deutschen Polizeidienststellen vor Ort gründeten die Handelshäuser ihre Niederlassungen vor allem in der Ukraine und auf der Krim, aber auch in Reval/Tallinn und Riga. Lange blieb diese Beteiligung des Handelskapitals an den NS-Verbrechen weitgehend unbemerkt. Dabei hatte eine Ausstellung im Bremer Kulturzentrum Schlachthof schon 1983 auf diesen Tatbestand aufmerksam gemacht – auf der Grundlage der Arbeit von Dieter Pfliegensdörfer zum Bremer Handelskapital in der NS-Zeit. Wir stießen damals auf den heftigen Widerstand nicht nur des politischen Senats, sondern neben der CDU auch aus den Reihen der SPD. Erst 2011 gelang es, dieses Thema im Rahmen der vom Bremer Senat initiierten Polizeiausstellung wenigstens ansatzweise zu behandeln. Karl Schneider hat diesen Akt der Beteiligung der »Pfeffersäcke« an Kriegsverbrechen in seiner 2011 veröffentlichten Dissertation über die »Bremer Polizeibataillone und der Holocaust« behandelt und damit den Anstoß zur Senatsausstellung gegeben. Und die von Karl-Heinz Roth vorgelegte Studie über »Reemtsma auf der Krim« (2011) liefert weitere bedrückende Belegstücke am Beispiel der Tabakhandelsfirmen unter der Ägide der Martin Brinkmann AG und des Reemtsma-Konzerns. Beide hatten sich im Frühjahr 1942 zu einer Tabakbau- und Handelsgesellschaft zusammen geschlossen, um in der Ukraine und im Nordkaukasus ein Syndikat der Tabakproduktion zu gründen. Mit Hilfe der skandalösen Ausbeutung von Zwangsarbeitern gelang ihnen ein riesiger Profit. Sie übernahmen in der zuständigen staatlichen »Zentralen Handelsgesellschaft Ost für landwirtschaftlichen Absatz und Bedarf GmbH« mit 230 deutschen Einsatzfirmen und 1500 deutschen Verwaltern in den Hauptgeschäftsstellen der Ukraine und Kaukasiens eine Vorreiterrolle beim Einsatz von rund 5500 deutschen Kadern (Sonderführern) und etwa 520.000 zur Zwangsarbeit verurteilten einheimischen Arbeitskräften. Zu den Bremer Zweigniederlassungen der ZO gehörten neben der Martin Brinkmann AG und ihrem Seniorchef Ritter so bekannte Namen wie Eduard Schilling, Kaffee Hag (Roselius), Kuhlenkampff & Konitzky (Ostfaser) oder die Tabakhändler Arnold Duckwitz und Beckröde&Renner. Die Gemeinschaftsgründung des Tabakhandels und der deutschen Zigarettenindustrie nahm ihren Hauptsitz in Bremen mit der Niederlassung in Kiew und wies ein Kapital von RM 2.400.000 aus. Die Kaufleute halfen dabei, die sowjetische Landwirtschaft auszuplündern, Wehrmacht und Okkupationsbehörden mit Agrarerzeugnissen zu beliefern und den Weitertransport von geraubten Waren ins Reich durzuführen. Dieser »Erfolg« beruhte mit auf den Formen der polizeilich-militärischen Kollaboration und den von den Sonderkommandos der SS befehligten Selbstschutz-Kompanien in der Ukraine, unterstützt dabei von einheimische Verwaltungskadern, die sich nach den jeweiligen lokalen ethnischen Strukturen in der Regel aus Russen, Ukrainern und anderen Minderheiten (außer Juden) zusammensetzten.

Das Ausschweigen der rigorosen Ausplünderungspraktiken und das Wissen von Mordaktionen gehört bis heute zu den kollektiven Verdrängungsmechanismen. Nach wie vor bleibt es eine ungelöste Aufgabe, Funktion und Rolle der deutschen Einsatzfirmen der Zentralen Handelsgesellschaft Ost aufzuarbeiten, die mehr als eine halbe Million Arbeitskräfte aus der SU schamlos ausbeuteten, ohne dass bislang für eine Wiedergutmachung der Überlebenden gesorgt wurde. Ganz zu schweigen von jenen Firmen, die nach den Luftangriffen Teile der Produktion in die besetzen Länder oder in die Nähe von Konzentrationslagern umsiedelten. Der Bremer Focke-Wulf-Flugzeugbau mit dem Großaktionär Roselius errichtete z.B. ein großes Werk in der Nähe vom KZ Stutthof bei Danzig und ließ dort Motoren bauen. Der Weser-Flugzeugbau errichtete im Sudetenland bei Rabstein einen Zweigbetrieb, in dem 650 Häftlinge Stollen für den Flugzeugbau in das Gebirge treiben mussten. Und die Firmenleitung forderte außerdem den Bau eines Barackenlagers im KZ Flossenbürg.

 

Konfliktlose Rückkehr in die Zivilgesellschaft

Bleibt noch anzumerken, dass Jan Philipp Reemtsma, der Haupterbe des Reemtsma-Konzerns, im Gefolge der Studie von Karl Heinz Roth alle überlebenden ehemaligen Zwangsarbeiter des Reemtsma-Konzerns freiwillig individuell entschädigte, unabhängig von der Bundesstiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft«. Dagegen haben bislang die Arbeiten von Pfliegensdörfer, Roth oder Schneider nicht dazu beigetragen, das »kurze Gedächtnis der Bremer Sozialdemokratie« (Michael Wildt) ein wenig zu lüften. Denn auch in einer »roten Hochburg« wie Bremen gelang »auswärts eingesetzten« NS-Tätern die konfliktlose Rückkehr in die Zivilgesellschaft. Auf über 150 Seiten kann man bei Karl Scheider die bedrückende » Bremer Polizeigeschichte im Spiegel von Polizeikarrieren« verfolgen: Trotz der Verurteilung als Kriegsverbrecher wurde z.B. Karl Schulz, der Leiter der Einsatzgruppe B und Adjutant von Arthur Nebe, 1952 Kriminaldirektor in Bremen. Und Erwin Schulz, der ehemalige Bremer Gestapo-Chef und in Nürnberg als Massenmörder zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilte Leiter eines Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des SD, konnte 1954 auf Bitten des Bremer Senats die Haftanstalt Landsberg vorzeitig verlassen und als verurteilter Kriegsverbrecher seine Dienstbezüge mit einem Übergangsgeld bis zu seiner Pensionierung beziehen. Der SPD-Innensenator Adolf Ehlers hielt es für »durchaus möglich«, Schulz zu einem späteren Zeitpunkt wieder im öffentlichen Dienst zu verwenden. Mit Bürgermeister Kaisen und dessen Pressechef Alfred Faust gehörte Ehlers, unterstützt vom liberalen Justizsenator Spitta, zu den Repräsentanten der Zusammenarbeit von Kaufmannschaft und Sozialdemokratie, die dazu neigten, die NS-Täter mit einer »kalten Amnestie« in die Nachkriegsgesellschaft zu integrieren. Davon profitiert bis heute auch der führende europäische Kaffee-Importeur Ludwig Roselius (1874-1943). Deshalb noch einmal zurück zum Propagandisten der »Ideen von 1914«, die für Roselius im »Geist von Potsdam« am 21. März 1933 kulminierten. Er gehört zu den erfolgreichsten Profiteuren beider Weltkriege.

 

Ludwig Roselius: »Mit der Unterzeichnung des Vertrages von Versailles begann der zweite Krieg gegen Deutschland«

Mit anderen konservativ-chauvinistischen Kräften um Großadmiral Alfred von Tirpitz, dem Historiker Dietrich Schäfer und Wolfgang Kapp (Initiator des Kapp-Putsches von 1920) hatte Roselius Anfang September 1917 die Deutsche Vaterlandspartei (DVLP) gegründet, eine »protofaschistische Massenbewegung«, die zur Heimstätte vieler späterer Nationalsozialisten wurde und die entschieden gegen Kriegsmüdigkeit, Friedenssehnsucht und Revolutionsprozesse in der Arbeiterbewegung ankämpfte. Im September 1918 veröffentlichte Roselius in der »Weser-Zeitung« einen Beitrag unter dem Titel: »Die Lehren des Krieges für den deutschen Außenhandel«. Scharf kritisierte er dort das Krisenmanagement und den »Scheinsozialismus« der Regierung und plädierte im Oktober 1918 für den neuen »sozialen deutschen Gedanken im alten und neuen Regierungsprogramm«.

Ludwig Roselius 1924

Ludwig Roselius 1924

Begeistert waren 1914 die prominenten Vertreter von Handel und Kapital in den Hansestädten den Ideen der »nationalen Revolution« als Geburt der Volksgemeinschaft gefolgt. Ludwig Roselius war einer der einflussreichsten Anhänger der »Ideen von 1914«, dem Geist vom August 1914, der für Roselius im »Geist von Potsdam« am 21. März 1933 kulminieren sollte: die feierlich-suggestive Konstituierung des neuen Reichstages in der Potsdamer Garnisonskirche in Gegenwart von Hitler und Hindenburg: »Will man den deutschen Gedanken in der Welt zum Siege verhelfen, so ist es notwendig, dass ein rein deutsches Stammland erhalten bleibt, und dass den Freundesstaaten, mit denen es die Linie Belgien – Dardanellen beherrscht, die deutsche Auffassung vom Wesen der Dinge nicht als Zwang, sondern als selbstverständliche Beigabe des geschlossenen Bundes erscheint«, so der Bekenner Roselius. Dass nach diesem Kriegszielprogramm mit der Linie von Belgien bis zu den Dardanellen auch große Teile Rußlands bis einschließlich der Duna-Grenze ostwärts von Russisch-Polen dem »Großdeutschen Reich« einverleibt werden sollten, begründet Roselius mit dem Hinweis, so ein starkes Bollwerk im Osten gegen Restrußland zu errichten: »Diese Bollwerk kann nur geschaffen werden durch deutsche Kolonisation. Heute ist noch das Germanentum stark genug, 15 Millionen Menschen an der Ostgrenze der germanischen Kultur zu unterwerfen…« (Brief an den Großherzog von Oldenburg, Januar 1915). Die Beherrschung Europas, Rußlands, Kleinasiens und Afrika: Das war das Ziel der Neuordnung der Welt, ein Projekt, das Roselius mit den »Alldeutschen« und großen Teilen der deutschen Großbourgeoisie teilte.

Um diese Ziele durchzusetzen, forderte der seit 1912 in Berlin-Grunewald residierende Ludwig Roselius das Auswärtige Amt 1914 auf, unter seiner Leitung ein »Hilfskomitée für nationale Propaganda« zu bilden. Das AA lehnte ab, gab ihm aber die Möglichkeit, seine Ziele als Propagandachef auf dem Balkan in Bulgarien zu erproben. Roselius plante dort u.a. die Besetzung der ukrainischen Küste, um die Revolution in Russland einzuleiten. Eine angezettelte Meuterei auf der russischen Schwarzmeerflotte sollte dazu den Anstoß geben. Bis zum Schluss des Krieges kämpfte Roselius für den »Siegfrieden« und lehnt jeden »Verzichtfrieden« wie auch den im Sommer 1917 vom Reichstag angebotenen »Verständigungsfrieden« ab. Ihm gelang es, in Bremen Kaufmannschaft und Handelskammer zur Unterstützung des Programms der 1917 von ihm gegründeten Vaterlandspartei zu gewinnen, die alle Kreise des Volkes zum Durchhalten mobilisieren wollte und deshalb für die Errichtung einer Militärdiktatur eintrat.

Nach Ende des Krieges galt sein Hauptziel, neben den Siegermächten auch den inneren Feind, die sozialistische Arbeiterbewegung, zu bekämpfen, um die Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft zu retten. Schon Ende Oktober 1918 veröffentlichten die Bremer Nachrichten seine Forderungen an ein neues Regierungsprogramm. Er plädierte zur Überraschung seiner Freunde für die »Entwicklung des deutschen sozialen Gedankens«, für die Entmachtung des Kaisers, für Demokratie und Sozialismus. Sozialismus freilich lediglich als Geisteshaltung, nicht jedoch zur Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln. In einer nationalen Sammlung sollten alle Deutsche sich zusammenfinden, vereint unter dem Dach von Nationalismus und Sozialismus. Es ist die Geburtsstunde des National-Sozialismus, ein deutschnationales Projekt, das Roselius zwischen 1918 und 1923 propagiert und das ihn nicht nur in Bremen zum Retter der bürgerlichen Gesellschaft werden lässt.

Ihm gelang es außerdem, über den Kreis von Heinrich Vogeler Kontakt zu nationalrevolutionären KPD-Mitgliedern zu pflegen. Dennoch trug er entscheidend zur gewaltsamen Niederschlagung der Bremer Räterepublik am 4. Februar 1919 im Bündnis mit Gustav Noske und Friedrich Ebert bei. Sein Bremer Schulfreund Johannes Plenge, dem er in Münster zu einem Lehrstuhl verholfen hatte, um die »Ideen von 1914« zu begründen, förderte das Bündnis mit dem rechten Flügel der SPD um Friedrich Ebert, Konrad Haenisch und dem jungen Kurt Schumacher. Plenge trug so dazu bei, die »Volksgenossenschaft des nationalen Sozialismus« unter den nationalrevolutionären Gruppen in der Sozialdemokratie zu verbreiten. Diese beteiligten sich u.a. an der Herausgabe der »Kriegsprobleme der Arbeiterklasse«, herausgegeben vom Verlag »Internationale Korrespondenz« in Berlin. Sie sahen ihre Aufgabe darin nachzuweisen, dass nicht die deutsche Sozialdemokratie 1914 »gänzlich versagt habe«, sondern »dagegen die sozialistischen Parteien des Auslandes, ausgenommen eine kleine Gruppe der englischen Sektion«. Dieses Bündnis veranlasste Roselius nach 1918 zu einem Arrangement auf Zeit mit der Weimarer Republik, ohne dabei die »Kontaktpflege« zu den Rechten zu vernachlässigen, mit Hitler schon ab 1922.

In der Neuauflage der »Briefe und Schriften zu Deutschlands Erneuerung« von 1919 plädiert Roselius 1933 für die Realisierung eines erneuerten nationalen Bündnisses und propagiert im Vorwort mit Entschiedenheit für den März 1933, den neuen, die »Ideen von 1914 vollendenden »Geist von Potsdam« vom 21. März 1933. Im »Schlußwort« seiner »Briefe und Schriften« vom 20 April 1933 hält er fest: »Mit der Unterzeichnung des Vertrages von Versailles begann der zweite Krieg gegen Deutschland… Die im Marxismus international erzogene Arbeiterschaft verkannte, dass die Quellen der Kraft eines Volkes im Nationalen liegen. Noske fand zwar den Mut, den Terror zu unterdrücken, zu einer nationalen Erhebung der Arbeiterschaft fand er aber den Schwung nicht. Ebert, der sich als Präsident zum Deutschlandlied bekannte, wurde von seiner Partei geächtet und mit Schmutz beworfen. Er starb in tiefer Trauer um Deutschland. Seiner Vergangenheit eigener Kreis zog ihn in den Abgrund.« Und der 1919 verfasste Beitrag von Roselius »Gegen Kriegsschuldlüge und Versklavung« beginnt mit einem Angriff gegen die Gegner der »Verteidigungslüge«: Durch kein Beispiel könne die Verwirrung des deutschen Volkes in ein schärferes Licht gezogen werden als durch die Tatsache, dass in dem Geheimarchiv unseres Auswärtigen Amtes nach Ausbruch der Revolution wochenlang ein Feind unseres Volkes, Herr Kautsky, gesessen habe, um Material über die Schuld Deutschlands im Krieg zusammenzutragen. (Karl Kautsky von der USPD war 1919 als Unterstaatssekretär des AA mit der Untersuchung zur Kriegsschuldfrage beauftragt worden, J.W.). Ludwig Roselius hatte sich bereits 1922 zu Hitler bekannt und »die Reinheit seines (Hitlers) Gefühls für die deutsche Sache« gelobt. Mitte März 1933 legte er sein »Hitler-Programm« vor, das der neuen Regierung einen Weg aus der Krise weisen wollte.

 

Hitler-Gegner Roselius

Dass einige der mit dem Kaffee Hag-Besitzer kooperierenden Sozialisten trotz Verfolgung und Haft das »Dritte Reich« mit seiner Hilfe überlebten, begründete den Mythos vom Hitler-Gegner Roselius. Sein einstiger Reklamechef Alfred Faust leitete z.B. im Januar 1919 als USPD-Mitglied das Kommissariat für Presse und Propaganda der Bremer Räterepublik und musste erleben, dass Roselius Ende Januar 1919 nach Berlin fuhr, um die Reichsregierung, die Volksbeauftragten der MSPD Ebert und Noske, aufzufordern, gegen die »Unordnung« in Bremen mit Truppen einzuschreiten. Beide willigten ein und ließen die Division Gerstenberger gegen Bremens Räteregierung aufmarschieren und diese am 4. Februar 1919 blutig niederschlagen. Als jedoch die Bremer Gestapo im April 1933 den Reichstagsabgeordneten Alfred Faust in »Schutzhaft« nahm, beschäftigte der wendige Roselius den späteren Pressechef des Senats unter Bürgermeister Wilhelm Kaisen nach seiner Entlassung aus dem KZ Mißler ab 1934 als Vertreter in seinem Angelsachsen-Verlag in Bremen und Berlin und bat ihn um Mitwirkung an seinem den »Freunden im Ausland« gewidmeten judenfeindlichen Buch über »Fichte von heute« (1938).

Auch den als Juden vom Berufsverbot bedrohten und verfolgten Rechtsanwälten Alexander Lifschütz, mit Roselius 1918 Gründer der Bremer Ortsgruppe der »Deutschen Vaterlandspartei« und ab 1947 Senator für politische Befreiung und damit zuständig für die aus seiner Sicht gescheiterte Entnazifizierung in Bremen, wie auch Wilhelm Nolting-Hauff, Häftling im KZ Farge und nach 1945 Finanzsenator, übertrug er im »Dritten Reich« wichtige geschäftliche Dienste.

Martin Goldyga, Kommunist und Freund des von Roselius gleichfalls geförderten Heinrich Vogeler, konnte sich als Leiter der von Ludwig Roselius verantworteten »Großen Kunstschau« in Worpswede lange behaupten. Vor allem der Angriff in der SS-Zeitschrift »Das schwarze Korps« von 1935 gegen die Böttcherstraße und die »entartete Kunst« Hoetgers half nach 1945 »mächtigen Interessengruppen der Hansestadt, die Legende vom aktiven Hitlergegner und aufrechten Demokraten Ludwig Roselius zu stricken«. »Rotes Herz« (das Werbesymbol des coffeinfreien Kaffee HAG) und »brauner Trank« hatten stets die Gunst der Stunde genutzt und bildeten mit dem Stammhaus, den angegliederten Verlags- und Pressefirmen und der mitbegründeten Focke-Wulf Flugzeugbau AG ein kaum überschaubares Wirtschaftsimperium. »König Ludwig« stellte diesen Konzern in den Dienst der nationalen Volksgemeinschaft.

Roselius förderte den nordischen Gedanken, baulich zwischen 1926 und 1931 realisiert in der Böttcherstraße als Hoffnungstempel für Deutschlands Erneuerung. Die Künstlerkolonie Worpswede mit den Hoetger-Bauten firmierte ab 1929 quasi als eine Filiale des Bremer Kulturtempels. »Ich habe trotz meiner 60 Jahre nur noch ein Ziel«, verkündete der »nationale Sozialist« Roselius als Anhänger der Hitler-Partei in seinem Wirtschaftskonzept »Der Weg zur Rettung« von 1931: »mitzuarbeiten, um der Jugend und dem deutschen Volk zu einer inneren und äußeren Freiheit zu verhelfen«. Den offiziellen Eintritt in die NSDAP vollzog er aber erst im Schreiben an den Reichsschatzmeister der Partei vom 26. November 1933: »Ich habe unserem Führer ewige Treue geschworen…Ich möchte es Ihnen überlassen, wenn Sie es für gut halten, mich als Mitglied in die Partei einzureihen. Nationalsozialist bin ich seit 1918«. Und dennoch verweigerte ihm die NS-Führung die Mitgliedschaft. Erst 1938 erreichte Roselius den Status eines fördernden Mitgliedes.

Dass der Sozialdemokrat Alfred Faust als Pressechef des Senats unter Bürgermeister Wilhelm Kaisen nach 1945 zu den Verteidigern von Roselius gehörte, muss vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen nicht überraschen. Auch nicht, dass nach 1945 Faust und Kaisen unter Einbeziehung von Innensenator Adolf Ehlers den Fall Roselius zur Rechtfertigung des in den norddeutschen Hansestädten herrschenden Schweigepaktes über die NS-Zeit zwischen Kaufmannschaft und sozialdemokratischer Arbeiterbewegung nutzten. Ein Schweigepakt, der wirkungsvoll bis heute fortbesteht.

Das Hoffen nie aufgeben

geschrieben von Ernst Antoni

4. März 2015

Aber auch nicht das Handeln: Zum Beispiel Adi Maislinger

 

Auf den 40. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau hatte sich der Adi gefreut, so, wie er sich jedes Jahr seit 1945 auf dieses Datum freute, wenn der April seinem Ende zuging. Drei Tage davor, am 26. April 1985, hat dann sein Herz beschlossen, mit dem Schlagen aufzuhören. Eigentlich nicht unbedingt ungewöhnlich, wenn einer bereits das 82. Lebensjahr überschritten hat, in diesem Falle aber doch »jäh und unerwartet«.

Adi Maislinger bei einer Führung in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Foto. Friedbert Mühldorfer

Adi Maislinger bei einer Führung in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Foto. Friedbert Mühldorfer

Hatte Adi Maislinger nämlich bis kurz davor noch das getan, was er seit nahezu zwei Jahrzehnten stets zu tun pflegte: Jugendliche durch die KZ-Gedenkstätte Dachau geführt, ihnen von seinen eigenen Erlebnissen und historischen Zusammenhängen berichtet – und bei diesen Führungen, wenn nötig, im Weg stehende Hindernisse wie metallene Geländer mit einer flotten Flanke überwunden. Da staunten die jungen Leute. Und der alte »Arbeitersportler« mit seiner Kunst- und Turmspringer-Vergangenheit zeigte ihnen: Geht doch noch.

Mit seinem weltzugewandt-fröhlichen Naturell und seiner Erzählweise machte der Münchner Maislinger den Gedenkstättenbesuch für Heranwachsende aus Schulklassen und Jugendgruppen zu einem eher lockeren Erlebnis. Ein bayerischer Kommunist, kein »ehemaliger«, sondern ein ganz aktueller, der unverkrampft von seinen konkreten Erfahrungen in diesem KZ Dachau berichtete, von Mord und Elend, aber auch von Solidarität. Vom Bemühen, einander zu helfen und widerständig zu sein. Heldengesänge waren Adis Erzählungen nie, wohl aber Zustandsbeschreibungen von einem, der das Hoffen nie aufgegeben hat.

Am 9. Dezember 1903 in München geboren und von sozialdemokratisch aktiven Eltern mit dem damals gängigen Vornamen Adolf bedacht, macht er eine Maschinenschlosserlehre, engagiert sich in der Gewerkschaftsjugend und wechselt wie nicht wenige Arbeiterjugendliche in München Ende der 20er-Jahre von der SPD-Jugendorganisation SAJ in den kommunistischen KJVD. Dort schon zu den »Reiferen« gehörend, wird Adi nach der Etablierung der NS-Herrschaft 1933 schneller als erwartet mit großen Verantwortlichkeiten bedacht.

Den Nazis gelingt es nicht nur in Bayern, gleich nach ihrer Machtübernahme die führenden Personen der KPD, wo sie ihrer habhaft werden, gefangen zu nehmen und viele zu ermorden. Einige können sich ins Exil retten. Weniger Bekannte, vor allem aus den Jugendorganisationen, übernehmen die illegale Arbeit. Einige daheim, andere von den umliegenden Ländern aus. Einer von ihnen ist Adi Maislinger, der dies von der Schweiz aus versucht. Als er später illegal ins Ruhrgebiet einreisen will, wird er verhaftet.

Es folgt ein Prozess, der ihn über Jahre ins Zuchthaus bringt und 1942 die Überstellung ins Konzentrationslager Dachau. Dort kommt er, dank der Hilfe von Genossen, ins »Desinfektionskommando«, das sich um neu einlaufende Menschentransporte zu kümmern hat und wird zum Lebensretter für viele »Neuzugänge« aus den von Nazis okkupierten Ländern. Mit wem man auch immer gesprochen hat von dem ehemaligen Dachau-Häftlingen aus aller Welt, die ihn aus dem KZ kannten: Auf den Adi ließ niemand etwas kommen. Der hatte bis zur Befreiung alles ihm Mögliche versucht, seinen Mitgefangenen beim Überleben zu helfen.

Die Befreiung: »Alex sagt: ‚Komm Adi‘ und saust los. Wie ich weiter nach vorne komme, sehe ich ein paar hundert Häftlinge, die lachen, jubeln, hüpfen. Dazwischen ein amerikanischer Soldat, den werfen sie in die Höhe, der Helm fliegt davon…Wir waren frei!«

Ein »Sturz in die Freiheit« sei das für sie alle gewesen, sagt er zwei Wochen vor seinem Tod in einem Zeitschriften-Interview, dieser 29. April 1945. Danach hätten sie sich alle erstmal fangen müssen. Und dann hätten sie versucht, das aufzuarbeiten, was halt anstand in dieser Trümmerwelt.

Adi (der nie wieder Adolf genannt werden wollte) wurde zuerst ein von den US-Befreiern eingesetzter kommunistischer Stadtrat im Münchner Kommunalparlament. Damit war es dann bald wieder vorbei, der Kalte Krieg schickte seine ersten Vorboten. Bis zu seiner Pensionierung in den 60er-Jahren konnte er in städtischen Diensten arbeiten. Heute ist in München eine kleine Straße nach ihm benannt.

»Invasion« oder »Kriegsende«

geschrieben von Ulrich Schneider

3. März 2015

Europäische Geschichtspolitik im Zeichen der Ukraine-Krise

 

Der Bürgerkrieg in der Ukraine stellt nicht nur eine Bedrohung des Friedens in Europa dar, er hat auch direkte Auswirkungen auf die geschichtspolitische Erinnerung hat, wie in den letzten Wochen drastisch sichtbar wurde.

Es fing zur Jahreswende wieder einmal mit einem Gedenkmarsch zu Ehren des Nazi-Kollaborateurs Stepan Bandera in Kiew an. Bezeichnenderweise vermeldeten – wenn überhaupt – die deutschen Medien diesen Massenaufmarsch der offen faschistischen Kräfte nur in einer Nebenbemerkung.

Wenige Tage später verblüffte der ukrainische Regierungschef Jazenuk die Öffentlichkeit bei seinem Besuch in Berlin mit der Aussage, die Welt erinnere sich noch gut an den sowjetischen Anmarsch auf die Ukraine und nach Deutschland. Das müsse man heute vermeiden. Es zeigte die Voreingenommenheit der Interviewerin der ARD, dass sie diese Aussage nicht einmal hinterfragte, sondern unkommentiert als ernstzunehmende These eines Regierungschefs akzeptierte. Es ist ein problematisches geschichtspolitisches Signal, wenn der Befreiungskampf um das okkupierte sowjetische Territorium und die mühevolle militärische Zerschlagung der faschistischen Armee hier als quasi »Invasion« denunziert werden konnten.

Ein ähnlich problematisches Verhalten zeigte die polnische Regierung im Zusammenhang mit den Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die sowjetische Armee am 27. Januar 1945. Mit einem Taschenspielertrick hatte die polnische Regierung versucht, sich um die Verantwortung zu drücken, den Präsidenten Russlands, Putin, offiziell als Staatsgast zu diesem Gedenken einzuladen. Man erklärte, man habe überhaupt keine Staatsmänner eingeladen. Interessanterweise wurden jedoch die anwesenden Staatsoberhäupter bei der Feier selbst als Gäste der polnischen Regierung begrüßt. In dem Zusammenhang verstieg sich der polnische Außenminister Grzegorz Schetyna zu der absurden Aussage, die Nichteinladung des russischen Präsidenten begründe sich auch darin, dass die Befreiung von -Auschwitz das Werk ukrainischer Soldaten gewesen sei, denn Soldaten der I. Ukrainischen Front hätten die Tore des Lagers geöffnet. Es war eine Peinlichkeit, dass dem polnischen Minister erklärt werden musste, dass sich die Benennung dieser Militäreinheit aus dem Einsatzgebiet ableitete und nichts mit irgendeiner nationalen Zusammensetzung zu tun hatte. Zwar versuchte der Außenminister noch einmal nachzulegen, er verfüge über gesicherte Informationen, dass es ein ukrainischer Soldat gewesen sei, der das Tor geöffnet habe, aber angesichts der umfänglich erforschten und hinreichend dokumentierten Geschichte dieser Militäreinheit erledigte sich dieser Ablenkungsversuch von selbst.

Wenige Tage später preschte der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski mit einem weiteren Vorschlag vor, der die historische Perspektive auf das Jahr 1945 verschieben würde. Statt auf Einladung des russischen Präsidenten am 9. Mai in Moskau den »Tag des Sieges« zu begehen, könnten doch Politiker aus aller Welt am 8. Mai in Danzig, wo der zweite Weltkrieg seinen Ausgang genommen habe, das Kriegsende feiern.

Damit unternahm er nicht nur einen weiteren Versuch, die militärische Leistung der sowjetischen Streitkräfte zu diskreditieren, sondern auch den 8. Mai 1945 auf seine frühere ideologische Bedeutung allein als »Kriegsende« zu reduzieren. Seit 1985 – mit der Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker – ist es zumindest in der öffentlichen Diktion unstrittig, dass der 8. Mai mehr ist als der »Tag der Kapitulation«, nämlich der »Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg«. Und es war ebenfalls Weizsäcker, der für die deutsche Perspektive betonte, man könne den 8. Mai 1945 nur in Zusammenhang mit dem 30. Januar 1933, also mit der Errichtung der faschistischen Herrschaft in Deutschland verstehen.

Wer diesen Zusammenhang bewusst auseinanderreißt, will nicht, dass der Zusammenhang von Faschismus und Krieg gesehen wird, der will neo-faschistische und extrem nationalistische Kräfte entlasten.

Aus Respekt vor den Opfern

geschrieben von Georges Hallermayer

3. März 2015

Umbenennung der Karl-Theodor-Molinari-Stiftung des Bundeswehrverbandes verlangt

René Vissé gibt auch mit 77 Jahren keine Ruhe. Seine 2008 erschienene Biographie bezeichnet ihn als kommunistisches Urgestein: Fünfmal in den Generalrat von Monthermé (Ardennes) gewählt, vertrat er bis 2004 im Regionalrat Ardennen die Interessen der kleinen Leute, drei Jahre auch als Abgeordneter in der Nationalversammlung Er verschrieb sich besonders dem französischen Widerstand – sein Vater wurde von den Nazis deportiert. Deshalb ließ es ihm auch keine Ruhe: 70 Jahre später trägt ausgerechnet die Stiftung des Bundeswehrverbandes immer noch den Namen von Karl Theodor Molinari, des »Henkers der Maquis des Manises«. Rene Visse war empört: »Der Name beleidigt die Toten«, zitierte ihn die regionale Tageszeitung L‘Union am 22. August 2014. Und René Vissé schrieb an den französischen Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian, denn »der Skandal dauert schon viel zu lange.«

Monument der 106 Maquis des Manises.

Monument der 106 Maquis des Manises.

106 Einwohner, die sich 1944 nach der Landung der Alliierten in der Normandie der örtlichen Résistance angeschlossen hatten, wurden exekutiert – Dutzende nach viehischen Folterungen. Major Karl Theodor Molinari, wie sein Chef Oberst Botho Grabowski 1951 in Metz in Abwesenheit zum Tode verurteilt, machte hingegen in Westdeutschland eine »Bilderbuch-Karriere«: in der CDU umtriebig, dann als Landrat gewählt, nach der Remilitarisierung in die Bundeswehr als hoher Offizier reaktiviert. Molinari wurde als General Personalchef des Heeres und blieb als Zwei-Sterne-General auch in Nato-Frankreich unbehelligt – bis 1969, in der Umbruchzeit mit Willy Brandt als Kanzler. Marcel Noiret, PCF-Bürgermeister von Vivier-au-Court (Champagne-Ardennes) entdeckte bei einem Besuch in der DDR den Namen Molinari als Unterstützer des »Prager Frühlings«. Nach seiner Rückkehr gründete er ein »Komitee für die Bestrafung des Molinari«. Am 5. Dezember 1969 verlangte dies im Parlament die aus den Nürnberger Prozessen berühmte Kommunistin Marie-Claude Vaillant-Couturier, Ehrenvizepräsidentin der Nationalversammlung. Um eine Wiederholung des ganz Frankreich empörenden Skandals um General Hans Speidel 1958 zu vermeiden, musste schnell etwas geschehen. Die Staatsanwaltschaft Hagen leitete ein Ermittlungsfahren gegen General Molinari ein, nachdem »ein Geisteskranker aus Bonn« Strafanzeige gestellt hatte. General Karl Theodor Molinari musste nach anfänglichem Leugnen zugeben, »anwesend« gewesen zu sein. Der Spiegel titelte »Kriegsverbrechen/Molinari: Dabei oder nicht?« . Die Beweise waren zu erdrückend, denn Überlebende hatten im Prozess 1951 in Metz bezeugt, ein »sehr großer Offizier« sei an »Misshandlungen« beteiligt gewesen. Und Molinari überragte alle mit seinem Gardemaß von 1,96 m.

Karikatur von Louis Mittelberg: Speidel: »Si cela peut vous consoler, sachez que j´aurai votre fils sous mes ordres« (»Wenn sie das tröstet: Irgendwann werde ich ihren Sohn unter meinem Befehl haben«)

Karikatur von Louis Mittelberg: Speidel: »Si cela peut vous consoler, sachez que j´aurai votre fils sous mes ordres« (»Wenn sie das tröstet: Irgendwann werde ich ihren Sohn unter meinem Befehl haben«)

René Vissé schrieb am 30. Juli 2014 an den französischen Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian: »Diese Stiftung organisiert oder ko-organisiert mit Euromil, geleitet von (dem Belgier, G.H.) Emmanuel Jacob, Seminare zu Problemen der Zivilgesellschaft und Verteidigung. Unsere Militärakademien können außerdem durch die von diesen Organisationen geführten Studien beeinflusst werden … Sicher, es handelt sich nicht darum, die Geschichte neu zu schreiben, aber das geringste, was wir ohne jeden Zweifel erwarten können, ist aus Respekt und Ehrerbietung den Massakrierten von Manises und der Gesamtheit der Résistance gegenüber die Elimination dieser Stiftung wie auch eine ernste Untersuchung der ideologischen Natur der Ziele, die diese Stiftung wie auch Euromil bis heute verfolgt.« René Vissé beunruhigen u.a. die Bundeswehr in Afghanistan, Aufgaben und zukünftige Szenarios für die Neuordnung der nationalen und europäischen Streitkräfte, die Probleme der Erziehung zur militärischen Sicherheit. Man könnte die Reihe fortsetzen mit dem geplanten Einsatz im Innern etc. pp. Die linke Basisbewegung vor Ort unterstützt das Anliegen und stellte am 20. September 2014 eine Petition ins Netz, mit der die Auflösung der Karl-Theodor-Molinari-Stiftung gefordert wird. Am 5. Dezember waren es über hundert Unterschriften. die damit auch gegen das Vergessen ankämpfen. Philipp Lecler, Historiker über die Résistance in den Ardennen, meinte, es sei sehr ehrenwert, nach 70 Jahren zu fordern, die Stiftung Molinari umzubenennen. »Ich kann nur damit einverstanden sein.«

Der Aufstand in Oberstdorf

geschrieben von Guido Hoyer

2. März 2015

Kaum bekannte Selbstbefreiungs-Aktion im bayerischen Allgäu

 

Als die französische Armee am 1. Mai 1945 den Ort Oberstdorf im Allgäu erreichte, war dort die Befreiung vom Naziregime bereits vollzogen. Eine antifaschistische Organisation, die sich »Heimatschutz Oberstdorf« (HS) nannte, hatte sich in der Nacht zuvor bewaffnet erhoben und die Kontrolle über den Kurort übernommen. Ein Akt der Selbstbefreiung in der bayerischen Provinz, der bis heute weitgehend unbekannt ist.

Dr. Franz Josef Pfister mit Familie in Oberstdorf, aufgenommen 1946 oder 1947. Foto: Privat

Dr. Franz Josef Pfister mit Familie in Oberstdorf, aufgenommen 1946 oder 1947. Foto: Privat

Der Münchner Rechtsanwalt Franz Josef Pfister frönte dem Bergsport und besaß in Oberstdorf ein Haus. Zwei seiner Bergkameraden wohnten ebenfalls in Oberstdorf, die Brüder Karl und Dr. Ernst Richter. Ende 1944 begannen die drei Freunde, ihre Widerstandsgruppe aufzubauen. Die Brüder Richter, beide in der Wehrmacht, fingen dort an, Gleichgesinnte für eine militärische Aktion zu gewinnen, Pfister warb in der Bevölkerung. Schließlich kamen etwa 140 Widerstandskämpfer zusammen, von denen nicht alle bewaffnet werden konnten.

Der Aufstand in der Nacht auf den 1. Mai fand derart überraschend statt, dass die Befreiung Oberstdorfs kampflos erfolgen konnte; in der Nacht zum 1.Mai wurden dort zahlreiche Nazis anhand vorbereiteter Listen vom HS festgenommen. Die deutschen Antifaschisten verfuhren dabei wie die Alliierten mit dem »automatic arrest«: Jede Frau und jeder Mann, deren Tätigkeit in einer NS-Organisation bekannt war, wurde vorläufig festgesetzt. So konnten der französischen Armee 100 gefangene Nazis übergeben werden.

Die Oberstdorfer Antifaschisten durften nach dem Einmarsch der Alliierten bewaffnet an der weiteren Befreiung mitwirken. Erst mit der Ersetzung der französischen Kontrolle durch die US-amerikanische wurde der Heimatschutz Oberstdorf am 12. Juli 1945 aufgelöst. Die Franzosen hatten ihn als Hilfstruppe (»forces supplétives«) betrachtet und in den ersten Maitagen gemeinsam mit den ortskundigen Bewaffneten des HS noch verbliebene SS-Widerstandsnester beseitigt. Über Sicherheit und Ordnung in Oberstdorf wachte der HS, dem die Waffen belassen wurden.

Unter der Regie der deutschen Antifaschisten begann die Entnazifizierung. Bereits am Abend des 1. Mai begann ein Untersuchungsausschuss unter dem Vorsitz von Pfister seine Arbeit. Diesem Ausschuss hatten die Franzosen die Aufgabe übertragen, über Freilassung oder Weiterinhaftierung der Nazis zu entscheiden. Kurz und knapp sind die Begründungen, verraten aber immer gründliche Abwägung.

»Obwohl erhebliche Bedenken dagegen bestehen«, heißt es bei der Frauenschaftsleiterin Wally B., »wurde die Entlassung einstimmig verfügt… Frau B. hat in ihrer Parteieigenschaft zweifellos wiederholt auf Frauen in einem nicht verantwortbaren Sinn eingewirkt. Sie ist eine Hysterikerin, die (…) die Eigenschaften eines derartigen Persönlichkeitsbildes (…) auch auszuwerten versteht.« Dagegen blieb die Denunziantin Maria A. in Haft, da sie »bei Kriegsbeginn eine damals strafbare Äußerung des Frl. Lechner weitergegeben hat, welche zu deren Inhaftierung (…) geführt hat. Es erscheint unbedingt angemessen, hier eine Maßnahme durchzuführen, welche eine gerechte Vergeltung (…) erforderlichen.« Ein PG von 1933 blieb in Haft, »da die Persönlichkeit politisch unzuverlässig erscheint und der Bruder des Vorgeführten Kommandant in Dachau war.«

Auch mutmaßlich hochkarätige Naziverbrecher waren dem HS ins Netz gegangen, wie der Kriminalbeamte Otto P., der sich von Berlin aus nach Süden abgesetzt hatte: »Der Vorgeführte gibt an, dass er zur Rückführung von Kosaken … damit diese nicht in sowjetische Gefangenschaft geraten, nach Süden beordert sei. … (Er) erklärt, dass er während seines Dienstes nur mit rein kriminalpol. Aufgaben zu tun hatte, jedoch nicht mit Aufgaben des SD oder der Gestapo. (Es) wird festgestellt, dass er das goldene Parteiabzeichen habe, er habe im Bahnhofshotel seine ges. Akten verbrannt. Beschluss: Haftfortdauer einstimmig angeordnet. Besondere Vorsichtsmassnahmen u. bes. Sicherung erforderlich..«

Auch in Oberstdorf folgte bald die Zeit, da konsequente Antifaschisten nicht mehr allseits beliebt waren. Ehemalige Nazis bemühten zur Rache an den HS-Männern bereitwillige Behörden: Die Kripo Kempten rief im Mai 1946 geradezu zur Denunziation von »Verbrechen« des HS auf; »Plünderung« und »Diebstahl« wurden angezeigt wie auch ein Zwischenfall in der ersten Tagen nach der Befreiung: Dabei war ein gefangener SS-Scherge, der ein Heimatschutz-Mitglied »auf der Flucht erschossen« hatte, von zwei HS-Männern gelyncht worden. Die Brüder Richter und weitere HS-Leute wurden verhaftet, Strafverfahren eröffnet. Erst nach einem Aktenbände füllendem Federkrieg bis 1948 wurden die Verfahren eingestellt. Pfister hatte sich zuletzt mit seiner Auffassung durchsetzen können, dass der HS als Teil der alliierten Streifkräfte gehandelt hatte.

Zum Umdenken bewegen

geschrieben von Axel Holz

2. März 2015

Erinnerungen eines ehemaligen Sachsenhausen-Häftlings

 

Ende 2013 erhielt die VVN-BdA das Manuskript eines unveröffentlichten Interviews, das die Autorin Regina Scheer in Vorbereitung einer Dokumentation des DEFA-Studios für Dokumentarfilme mit Kurt Schliwski im April und Mai 1987 geführt hatte. Kurt Schliwski hatte als KPD-Mitglied in der Nazi-Zeit Widerstand geleistet, wurde von den Nazis verfolgt und über acht Jahre eingekerkert. Er erlebte auf dem Todesmarsch aus dem KZ Sachsenhausen seine Befreiung kurz vor Schwerin und eröffnete bereits im Sommer 1945 das erste VdN-Büro in Schwerin. Das Manuskript hat uns dazu angeregt, seinen Lebensbericht kommentiert und ergänzt als narrativen Beitrag zur Geschichtsforschung über das NS-Regime und die Geschichte der VVN-BdA herauszugeben. Für das Verständnis künftiger Generationen haben wir kontextuelle Erläuterungen sowie Kommentare in den Zeitzeugenbericht eingefügt.

Das Interview mit Kurt Schliwski aus dem Jahre 1987 hat einen eigenen Wert, weil es in einem besonderen historischen Moment aufgenommen wurde. Die SED-Führung hatte Mitte der 80er Jahre veranlasst, dass mit Antifaschisten, die im KZ Sachsenhausen inhaftiert waren, Video-Interviews geführt werden sollten, damit das Wissen der Vertreter dieser Generation über die Wirklichkeit in den KZ und die Nachkriegszeit nicht verloren ginge. Offensichtlich vertraute man der eigenen Geschichtsschreibung nicht und 1985/86 war durch Gorbatschows Reformpläne auch in der DDR eine neue Situation entstanden. Es schien, dass man sich der jüngeren Geschichte vorurteilsfreier nähern könnte. Die Erfahrungen des Einzelnen schienen auf einmal eine besondere authentische Quelle als Ergänzung eines bereits festgeschriebenen kollektiven Gedächtnisses zu sein. Tabus begannen sich aufzulösen, zumal die Interviewpartner persönlich durch die Parteiführung aufgefordert waren, auch das zu erzählen, was bislang unausgesprochen blieb. Hinzu kam, dass in der zweiten Hälfte der 80er Jahre auch viele der ehemaligen Widerstandskämpfer unzufrieden waren mit der Entwicklung in der DDR und froh, wenn sie nach ihren Ansichten und Erfahrungen befragt wurden.

Kurt Schliwski liefert in seinem Bericht von 1987 Informationen, die bisherige Forschungen über das KZ-System, die Todesmärsche, die Situation nach dem Krieg in Deutschland und die Aufklärung und NS-Aufarbeitung in der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR im Detail ergänzen. Im Text wird der kameradschaftliche Umgang unter den Häftlingen im KZ Sachsenhausen deutlich, es gab aber auch Morddrohungen unter den Häftlingen aus Angst vor Verrat. Im Interview berichtet Schliwski über aktive Solidarität mit zwölf jüdischen Gefangenen im Rahmen einer gefährlichen Sammelaktion von Nahrungsmitteln. In der Beschreibung des Todesmarsches der KZ-Häftlinge aus Sachsenhausen benennt er besonders brutale SS-Leute, erzählt aber auch, wie einzelne SS-Leute Übergriffe der Wehrmacht auf Häftlinge verhinderten. Der Zeitzeuge beschreibt den Aufenthalt der Häftlinge im Belower Wald, die solidarische Essensverteilung durch Häftlinge, aber auch die Bereitschaft, sich der Übergriffe einzelner vor Hunger fast wahnsinniger Kameraden durch Gewalt zu erwehren. Insgesamt bestätigt Schliwski, dass das Verhalten der Bevölkerung gegenüber den Häftlingen überwiegend feindlich war, er beschreibt die Absetzbewegung der SS, auch die Ermordung von entflohenen Häftlingen durch Bauern. Noch kurz vor Schwerin starben 180 Häftlinge durch die Kugeln der SS-Leute, darunter der KPD-Reichstagsabgeordnete Karl Perlemann. Schliwski berichtet über die Arbeit in der neu gegründeten VdN-Geschäftsstelle. Dort leistete er praktische Hilfe für die befreiten Häftlinge, die seine Kameraden waren und denen er sich lebenslang besonders verbunden fühlte. Er beschlagnahmte Wohnungen für deren Unterkunft und organisierte ihren Transport in die Heimatorte. Schliwski konstatiert in seinem Bericht das reservierte Verhalten der Nachkriegs-Bevölkerung, die oft von den Nazi-Verbrechen nichts gewusst haben wollte. Er klärte zusammen mit der Kriminalpolizei den Tod von Häftlingen auf, erinnert sich an das Massengrab von Sülstorf, das er suchen ließ, und berichtet vom Umgang mit den aufgefundenen Toten der »Arcona«-Katastrophe an der Ostsee. Er erzählt, wie er versuchte, als Mitarbeiter der Schweriner VdN-Geschäftsstelle in einem Theaterstück über das Schicksal der Häftlinge in den KZ zu informieren, mit Kinoabenden in ganz Mecklenburg die Verfilmung von Friedrich Wolfs Stück »Professor Mamlock« vorzustellen und damit über die Nazi-Ideologie aufzuklären. Er, der ehemalige Häftling, wollte, ohne sich nach den traumatischen Erlebnissen eine Pause zu gönnen, Nazi-Mitläufer zum Umdenken bewegen. Die Veröffentlichung der VVN-BdA mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung kann dazu beitragen, diese Erinnerung wach zu halten.

Das innere Gefüge

geschrieben von Hans Canjé

1. März 2015

Eine Neuerscheinung zum KZ Sachsenhausen

 

Es sind nicht mehr viele, die in diesen Apriltagen an den Veranstaltungen zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen, an die Stätte ihrer Erniedrigung und Folter, an den Ort zurückkommen können, der am 21. April 1945 von der Roten Armee befreit worden ist. An die 200.000 Menschen aus 40 Nationen waren im »vollkommen neuen, jederzeit erweiterungsfähigem, modernen und neuzeitlichem« KZ (Heinrich Himmler) in den Jahren seines Bestehens eingesperrt. Zehntausende wurden ermordet. Bei einer Gedenkveranstaltung im Brandenburger Landtag wurde am 27. Januar daran erinnert, dass in der Endphase des KZs, den letzten Monaten seines Bestehens, allein 15. 000 Häftlinge, Kranke und Schwache, Juden, als zu einem Aufstand fähige politische Häftlinge, planmäßig ermordet wurden; 30 000 wurden auf den Todesmarsch getrieben.

Günter Morsch: Sachsenhausen- »Das Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt«. Gründung und Ausbau. Metropol Verlag Berlin. 292 Seiten, 22 Euro

Günter Morsch: Sachsenhausen- »Das Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt«. Gründung und Ausbau. Metropol Verlag Berlin. 292 Seiten, 22 Euro

In der Reihe der Forschungsbeiträge und Materialien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten ist jetzt Band 10 erschienen. Der Autor, Stiftungsdirektor Günter Morsch, weist im Vorwort auf die immer noch schwierige Quellenlage hin: »Kurz vor Kriegsende ließ die SS im Heizungskeller der Häftlingswäscherei über Wochen die schriftliche Überlieferung der KZ-Kommandatur, wahrscheinlich zusammen mit den Akten der dem KZ benachbarten Verwaltungszentrale aller Konzentrationslager, der sogenannten Inspektion, verbrennen.« Ein kleiner Rest, »zahlreiche Listen und Meldungen der Kommandantur« verbrannten bei einem Bombenangriff auf die den Todesmarsch begleitenden Lastwagen. Durch den »politischen Umbruch der Jahre 1998/90« sei es wohl nicht mehr zur Veröffentlichung von Forschungsarbeiten der DDR gekommen, die in zwei, jeweils an die 400 Seiten umfassenden Ordnern in der Gedenkstätte vorliegen.

Morsch behandelt unter Beifügung eines umfangreichen Dokumentenanhangs die Anfänge und das innere Gefüge des Lagers. Er beginnt seine Abhandlung mit den Feiern zur Olympiade 1936, in deren Schatten in den heißen Augustwochen »nur acht Kilometer vom Stadtrand der Reichshauptstadt und kaum 45 Minuten Fahrtweg mit der S-Bahn von der Mitte Berlins entfernt« mit dem Bau des KZ Sachsenhausen begonnen wurde. Das waren zu Beginn 50 politische Gefangene. Nach weiteren Transporten vorwiegend aus den Emslandlagern war die Zahl dann auf 900 angewachsen. Nach Recherchen der Gedenkstätte kamen zwischen dem 9. November 1936 und dem 28. Juli 1937 mindestens 37 Häftlinge ums Leben; 36 sind namentlich bekannt.

Im Abschnitt »Die Konzentrationslager-SS« analysiert er das Führungskorps der SS in den Jahren der Existenz des Lagers, wobei Karl Otto Koch als der »schlimmste aller Kommandanten« selbst Himmler »als abschreckendes Beispiel » vor Augen gestanden habe.(Im umfangreichen Anhang – ca. 180 Seiten – sind u. a. auch zahlreiche Fotos aus dem Album Kochs enthalten.) In zwei weiteren Abschnitten »Die Häftlinge« und »Die sogenannte Häftlingsselbstverwaltung« schildert Morsch die sich im Verlaufe der Jahre anwachsende Zahl der Häftlinge und die dabei sich verändernde Zusammensetzung (Kommunisten, Sozialdemokraten, Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und andere Gegner des Regimes). Für die Ausführung der SS-Befehle waren, so Morsch, »die Funktionshäftinge der sogenannten Häftlingsselbstverwaltung verantwortlich.« Das sich daraus ergebende Problem einer Balance zwischen Gehorsam gegenüber der machtausübenden SS-Wachmannschaft einerseits und der Solidarität mit den wehrlosen Häftlingen andererseits, die vor Jahren bereits am Beispiel des KZ Buchenwald zu heftigen Diskussionen über die »Roten Kapos« führte, hat auch in Sachsenhausen eine Rolle gespielt. Morsch wertet hier nicht. Im abschließenden Abschnitt konstatiert er: »Der tägliche Kampf um das Überleben bestimmte den Alltag, der nach sozial-rassistischen Kriterien hierachisierten Häftlingsgesellschaft (…)

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Dem Berliner Verlag gebührt für die Herausgabe der Brandenburger Publikationen große Anerkennung. Bücher dieser Gattung werden es ja wohl kaum auf die Bestseller-Liste des »Spiegels« schaffen. Zu überlegen wäre aber, ob diese Bände nicht »leserfreundlicher«, etwa durch eine größere Schriftart, gestaltet werden könnten.

Kaum jemand leistete Hilfe

geschrieben von Peter Giersich

1. März 2015

Die »Todesmärsche« der jüdischen Frauen aus dem KZ Groß-Rosen

 

Im Frühjahr 1945 bewegten sich zahlreiche Häftlingskolonnen zu Fuß und per Bahn durch den immer kleiner werdenden Herrschaftsbereich der deutschen Faschisten. Ihre Wege waren gesäumt von Leichen: erschossen, erfroren, verhungert. Nur ein geringer Teil der deutschen Bevölkerung zeigte Mitleid mit diesen leidgeprüften Menschen, und noch weniger leisteten ihnen Hilfe.

Dr. Hans Brenner aus Zschopau (Erzgebirge) forscht seit vielen Jahren zur Ausbeutung jüdischer Zwangsarbeiter durch die deutsche Rüstungswirtschaft und die Todesmärsche in den letzten Kriegsmonaten. Zum 70. Jahrestag der Befreiung Europas vom Hitlerfaschismus ist sein neues Buch ein beeindruckender, wertvoller Beitrag gegen das Vergessen.

Hans Brenner: Todesmärsche und Todestransporte / Konzentrationslager Groß-Rosen und die Nebenlager; Verlag Klaus Gumnior Chemnitz 2014

Hans Brenner: Todesmärsche und Todestransporte / Konzentrationslager Groß-Rosen und die Nebenlager; Verlag Klaus Gumnior Chemnitz 2014

Das vorliegende Buch »Todesmärsche und Todestransporte …« basiert auf jahrelanger mühsamer und akribischer Forschungsarbeit und bezieht sich auf die vom KZ Groß-Rosen (heute Rogoźnica in Polen, südlich von Legnica – Jawor) ausgehenden Transporte jüdischer Häftlingsfrauen, welche als billige Arbeitssklaven unter unmenschlichen Bedingungen in der Rüstungsindustrie schuften mussten und nun, da sich die Rote Armee kämpfend den deutschen Reichsgrenzen näherte und diese überschritt, ins Innere des Landes getrieben wurden.

Brenner hat unzählige Stunden in deutschen, tschechischen, polnischen Archiven studiert, mit vielen Überlebenden dieser grausamen Vorgänge gesprochen, Korrespondenzen mit Einrichtungen in Israel – vor allem mit der Gedenkstätte Yad Vashem – und Wissenschaftlern in vielen Ländern geführt. Entstanden ist ein Werk, das allen wissenschaftlichen Kriterien entspricht und doch ein eindrucksvolles, ergreifendes Bild jener Ereignisse zeichnet, das dem Leser zu Herzen geht.

Das Buch ist klar gegliedert und schildert detailliert die Evakuierung der Insassen von 16 Außenlagern des Stammlagers Groß-Rosen. Dabei werden sowohl Archivalien zitiert, als auch schon erschienene Publikationen zu Rate gezogen. Dass auch zahlreiche Opfer der Todesmärsche zu Wort kommen, verleiht dem Buch ein besonderes Gewicht und macht es zu einem emotional anregenden Leseerlebnis. Namen von Opfern werden ebenso genannt wie die Namen der Henker, die Namen der Nutznießer der Sklaverei erscheinen im Klartext wie auch die Bezeichnung der Orte des Grauens und der »Einsatzbetriebe«.

Eingeleitet wird das Buch durch eine Darstellung des Systems der Außenlager für Frauen des KZ Groß-Rosen. »Ein Großteil der Häftlinge des Lagerkomplexes Groß-Rosen, rund 26.000, waren fast ausschließlich jüdische Frauen und Mädchen aus vielen europäischen Ländern, die zur Zwangsarbeit … in 45 Außenlagern hinter Stacheldraht eingesperrt isoliert gehalten wurden.« Die Todesmärsche der Außenlager des KZ Groß-Rosen ist eines der Kapitel der Shoah, weil sie vor allem eine große Zahl jüdischer Menschen betrafen, welche noch vom Mai 1944 an aus Ungarn, Italien, Frankreich und Polen der »Endlösung« zugeführt wurden. Ein bedeutender Teil der Todesmärsche von Groß-Rosen endete in Bergen-Belsen, wo noch zahlreiche Häftlinge vor und nach der Befreiung durch englische Soldaten durch Hunger, Krankheit oder Erschöpfung ums Leben kamen. Die Marschkolonnen gingen an helllichten Tagen durch Dörfer und Städte. Man konnte sie sehen und hören. Die abgemagerten, verhärmten, in Lumpen gekleideten Gestalten lagerten in Scheunen, in Fabrikhallen oder auf kahlem Felde, die Zurückgebliebenen – Erschossenen, Verhungerten, Erfrorenen – lagen an den Straßenrändern. Fragen an das Verhalten der Deutschen drängen sich auf.

Durch die zahlreich zitierten Berichte Betroffener erlangt das Buch eine erdrückende Authentizität. Ellen Bohr aus Hamburg – damals 15 Jahre alt – schilderte ihre Beobachtung eines Todesmarsches durch Reichenberg (Liberec): »Wir konnten die Straße nicht überqueren, weil sich dort viele Menschen angesammelt hatten. Und dann sahen wir etwas, das es gar nicht geben konnte, und was wie ein schwerer Albtraum mich buchstäblich erstarren ließ: Auf einem riesigen Leiterwagen … waren unzählige Bündel gehäuft. Um den Wagen herum schoben und zogen, wie Pferde in die Deichsel gespannt, ausgemergelte, fast unmenschlich aussehende Frauen und Mädchen jeden Alters, in Lumpen gekleidet, dieses überdimensionale Fuhrwerk die hüglige Straße aufwärts. … Was mich mehr noch als alles andere schockierte, war die Tatsache, dass ich vor mir Mädchen sah, die so alt wie ich sein mussten, die aber einfach nicht in mein bis dahin so behütetes Leben passten. Unwirklicheres hatte ich in meinen schlimmsten Träumen nicht gesehen. Auch Frauen in SS-Uniform hatte ich nie vorher gesehen. Dass sie … rechts und links auf Pferden neben dem Wagen ritten und schamlos vor allen Passanten … auf die Frauen einpeitschten, war nur noch ein anderes entsetzliches Detail.«

Ein umfangreiches Quellenverzeichnis und zahlreiche Landkarten zu den zurückgelegten Wegen der Gequälten sowie ein Ortsregister mit den damaligen und heutigen Ortsnamen vervollständigt den Anspruch als wissenschaftlich fundiertes Werk, das nicht nur Historikern, sondern darüber hinaus geschichtlich Interessierten zu empfehlen ist.

Frauen in Haft

geschrieben von Axel Holz

1. März 2015

Neues aus der Geschichte des Berliner Frauengefängnisses Barnimstraße

 

Als Claudia von Gélieu 1994 ein erstes Buch über das Gefängnis in der Barnimstraße veröffentlichte, betrat sie Neuland. Seinerzeit musste sie noch in der Einleitung fragen: »Wen interessiert schon ein Gefängnis?« Mittlerweile ist die Geschichte des Strafvollzugs ein anerkannter Forschungsgegenstand – nicht zuletzt dank ihrer Vorarbeit. Nach zwei Jahrzehnten ist nun eine erweiterte Neuausgabe erschienen.

Das Buch ist zum einen die Geschichte eines Gebäudes, das 1863 als Schuldgefängnis gebaut und ab 1878 für fast ein Jahrhundert verschiedenen politischen Systemen als Frauengefängnis diente. In den 1960er Jahren stand das Haus der »Neugestaltung des Stadtzentrums« im Wege. Daher wurde in Berlin-Köpenick eine neue Haftanstalt errichtet, die Gefangenen 1973 verlegt und das alte Gebäude 1974 gesprengt.

Claudia von Gélieu: Barnimstraße 10. Das Berliner Frauengefängnis 1868-1974. Berlin: Metropol Verlag 2014.  318 S., Abb.; 22 Euro.

Claudia von Gélieu: Barnimstraße 10. Das Berliner Frauengefängnis 1868-1974.
Berlin: Metropol Verlag 2014.
318 S., Abb.; 22 Euro.

Das Buch ist auch eine Geschichte des Strafvollzugs. Freiheitsstrafen setzten sich erst im Rahmen der Industrialisierung durch, erlaubten sie doch den »Zugriff auf billige Arbeitskräfte und deren Gewöhnung an mechanische Arbeitsprozesse«. Gefangene Frauen wurden von Anfang an hauptsächlich in der Textilproduktion eingesetzt, in der Weimarer Republik war sogar eine Ausbildung in hauswirtschaftlichen Arbeiten vorgesehen. 1939 wurde die Gefangenarbeit von »frauengemäß« auf »kriegswichtig« umgestellt. Betriebe wie Elektrolux, Siemens-SSW, AEG richteten ihre Produktionsstätten im Gefängnis ein oder holten Häftlinge, die dann zum Teil in Außenkommandos untergebracht waren. Nach dem Krieg standen wieder die »typischen Frauenarbeiten« auf der Tagesordnung, vor allem das Wäschewaschen. So war es nur konsequent, dass bei der Standortplanung des neuen Gefängnisses von vornherein die Köpenicker Großwäscherei REWATEX ausschlaggebend war, wo bereits ein Außenkommando untergebracht war und wo dann 1974 alle 510 weiblichen Gefangenen arbeiteten.

Claudia von Gélieu wagt in ihrer Gefängnismonographie einen epochenübergreifenden Ansatz. So kann sie Fragen nachspüren wie »Warum gab es ein separates Gefängnis für Frauen?« Sie interessiert sich für den unterschiedlichen Strafvollzug bei Frauen und bei Männern, für die Aufseherinnen, aber auch für die in der Haft geborenen Kinder.

Bei der Umwandlung der Barnimstraße vom Schuld- in ein Frauengefängnis etwa spielten Kostengründe eine Rolle: Für das »schwache Geschlecht« brauchte man geringere Sicherheitsvorkehrungen – normale nur teilweise vergitterte Fenster, einfache Blechbeschläge für die Zellentüren. Ausrüstung wie Fesseln, Pistolen und Gummiknüppel hielt man bei einem Frauengefängnis für entbehrlich – erst in der NS-Zeit erfolgte eine Aufrüstung. Dem stellt die Autorin gegenüber, dass in den 1980er Jahren für das neue Berliner Frauengefängnis Plötzensee das Sicherste für die Frauen »gerade gut genug« erschien.

In den mangelhaften Quellen zur Frühzeit der Barnimstraße finden sich gelegentlich Spuren von politischen Gefangenen: Pauline Staegemann etwa, die trotz des Verbotes für Frauen, politische Vereine zu gründen, den »Berliner Arbeiterfrauen- und Mädchenbund« mit ins Leben gerufen hatte, musste 1879 wegen Äußerungen auf Versammlungen eine Strafe in der Barnimstraße absitzen. Auch Agnes Wabnitz verbüßte dort 1892 ihre Strafe, weil sie gegen das Politikverbot für Frauen verstoßen hatte. Ein ganzes Kapitel gilt Rosa Luxemburg, der »berühmtesten Insassin«.

In der Schilderung der frühen NS-Zeit konnte sich die Autorin auf autobiographische Publikationen stützen: Eva Lippolds »Haus der schweren Tore« (1971) sowie Eva Raedt-De Canters »Vrouwengevangenis«, 1935 in Utrecht erschienen. Dieses basiert auf den Erfahrungen von Helen Ernst, die 1933 in der Barnimstraße inhaftiert war und durch anschauliche – hier reproduzierte – Zeichnungen die Situation innerhalb des Gefängnisses dokumentierte.

Zahlreiche Frauen saßen in der Barnimstraße, bevor sie in Plötzensee hingerichtet wurden. Die Autorin fand 298 Namen, weiß aber auch, dass diese Angabe nicht vollständig ist: Frauen aus der »Roten Kapelle«, der »Baum-Gruppe« und anderen Widerstandszusammenhängen. Doch sie interessiert sich für auch die unbekannten Opfer: So wurde beispielsweise eine Frau hingerichtet, die ihrem Sohn Tipps gegeben hatte, wie er am besten vom Wehrdienst freikommen kann, eine andere, die einem flüchtigen französischen Kriegsgefangenen zu Essen gegeben hatte (Feindbegünstigung), eine andere wegen »Brandstiftung aus Eifersucht«.

Die Gefangenenbücher von März 1944 bis Januar 1945 nennen für jene Zeit typische Delikte, von Abhören feindlicher Sender und Abtreibung über Feldpostdiebstahl bis zum Umgang mit Kriegsgefangenen oder Vergehen gegen die Kriegswirtschaftsordnung. Dabei stellt die Autorin fest, dass die zahlreichen NS-Sondergesetze und ihre willkürliche Anwendung »Unterscheidungen zwischen politischen und kriminellen Häftlingen schwierig« machen und verdeutlicht dies am häufig genannten Delikt »Arbeitsvertragsbruch«: War die Verweigerung aktives Handeln oder konnten die Frauen aufgrund der allgemeinen Umstände während des Krieges nicht immer ihre Arbeitsleistungen erbringen? Konnte Sie zugeben, bewusst die Kriegsproduktion unterlaufen und ihre Pflicht verletzt zu haben, wo dies doch eine härtere Bestrafung oder gar das Todesurteil mit sich bringen konnte?

Die Autorin ging weit über die Akten, die gedruckten Quellen und die bekannten Namen hinaus: Sie suchte und fand – nicht zuletzt auch über einen Aufruf in der antifa – Kontakte zu Zeitzeuginnen. Deren Schilderungen – ausführliche Interviewauszüge, aber auch Briefe – bilden einen besonderen Reichtum des Buches.

Prostituierte machten in der Barnimstraße »fast immer die größte Gruppe der Insassinnen« aus. Lediglich in der NS-Zeit wurden diese eher in Arbeitshäuser oder KZs eingewiesen . Doch bereits 1948 stellten sie wieder die Mehrheit der Gefangenen, andere Frauen saßen wegen Nachkriegsdelikten wie Diebstahl von Kohlen, Lebensmitteln bzw. -karten oder Schwarzhandel. In der Barnimstraße mussten nun auch Naziverbrecherinnen wegen »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« mehrjährige Zuchthausstrafen verbüßen.

Mit der Übernahme des Strafvollzugs durch die Volkspolizei 1951 sollten die zwei Jahre zuvor begonnenen Reformen ihre Ende finden: »Sicherheit statt ›Humanitätsduselei‹« – so heißt das entsprechende Kapitel. »Kommandosprache« war nun gegenüber den Häftlingen vorgeschrieben, die Bibliothek wurde von Schundliteratur und Sittenromanen gesäubert. Anfang 1951 kam es zu mehreren »Meutereien« in der Barnimstraße, eine Westzeitung berichtete von »der bisher größten Revolte innerhalb der ostzonalen Strafanstalten«.

Auch nach 1950 muss diskutiert werden, wieweit es sich um politische Gefangene handelt: Zeuginnen Jehovas, denen in ihren Schriften »Boykott-hetze« vorgeworfen wurde, Frauen, die die DDR unerlaubt verlassen wollten und – da sie Geld oder persönlichen Besitz mitnahmen – als Wirtschaftskriminelle bestraft wurden; ab 1957 war durch das Passgesetz sogar Vorbereitung und Versuch der Republikflucht strafbar.

Die Autorin hat eine spannende Wanderung durch die Geschichte des Gebäudes, die Geschichte des Strafvollzugs, der Justiz in den verschiedenen Systemen und die Geschichte Berliner Frauen vorgelegt. Sie vermag es, einzelne Aspekte zu beleuchten und zu diskutieren, die bei anderen Gefängnismonographien unter den Tisch fallen. Doch gerade -dies macht das Buch besonders kostbar.

Sie lässt auch an ihrem Forschungsprozess teilhaben und schildert etwa, wie sie per Schneeballsystem immer wieder zu neuen Personen und weiteren Informationen kam. Sie beschreibt auch, dass die Einsichtnahme in Gefängnisunterlagen aus der Barnimstraße, die nach 1990 im Frauengefängnis Plötzensee lagerten, aus Datenschutzgründen untersagt wurde.

Mit besonderer Freude aber habe ich das Vorwort zur Neuausgabe gelesen. Darin beschreibt sie nämlich, welche Wirkung ihre erste Forschung hatte, aus der das Buch von 1994, eine Ausstellung und ein Film hervorgingen. Sie traf immer mehr Personen, die etwas über die Barnimstraße wussten, sei es aus dem persönlichen Bereich oder aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Es gab neue Erkenntnisse zu Jüdinnen aus der Barnimstraße, die in den Tod deportiert worden waren, oder über ausländische Zwangsarbeiterinnen, die im Frauengefängnis ihre Kinder zur Welt gebracht hatten. Neue Zeitzeuginnen konnten ihr viel über die Barnimstraße in der DDR-Zeit berichten. Schulprojekte interessierten sich für die Haftanstalt, und nun endlich wird ein Gedenkort am ehemaligen Standort des Gefängnisses entstehen. Bücher leben, Bücher wirken – und dies ist ein besonders gelungenes Beispiel dafür.

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