Was sagen tote Zeugen?

geschrieben von Janka Kluge

27. April 2015

Im Umfeld des NSU sterben immer wieder Zeugen. Da ist Florian Heilig, ein junger Naziaussteiger aus einem kleinen Ort bei Heilbronn. (Siehe S.12) Er verbrannte genau an dem Tag in seinem Auto, als er erneut vom Landeskriminalamt vernommen werden sollte. Florian Heilig hatte davor von Treffen zwischen Nazis aus den Gruppen NSU und NSS erzählt. Er war massiv von seinen ehemaligen Kameraden mit dem Tod bedroht worden. Diese Drohungen und ein Angriff auf ihn, bei dem er schwer verletzt wurde, reichten nicht aus, dass ihn das LKA schütze. Jetzt ist bekannt geworden, dass auch seine ehemalige Freundin gestorben ist. Bei ihr, so die offizielle Version, war es eine Lungenembolie, die durch einen Motorradunfall wenige Tage zuvor verursacht worden sei. Auch die Freundin, Melissa M., hatte sich bedroht gefühlt. Sie wollte oder konnte allerdings nicht sagen, wer hinter den Drohungen steckte. Der Untersuchungsausschuss in Baden-Württemberg hat sie so ernst genommen, dass sie in einer nicht öffentlichen Sitzung gehört wurde.

Bedroht fühlt sich auch eine weitere Zeugin. »Bandini«, ebenfalls eine ehemalige Freundin von Florian Heilig, gibt an, dass sie Angst hat.

Ein weiterer toter Zeuge aus dem Umfeld des NSU ist Thomas Richter, alias Corelli. Thomas Richter war viele Jahre ein aktiver Nazi. Er organisierte in Sachsen Aufmärsche von Neonazis und arbeitete zeitweise bei dem Fanzine »Der Weisse Wolf« mit, in dessen erster Ausgabe 2002 im Vorwort stand »Vielen Dank an den NSU. Es hat Früchte getragen. Der Kampf geht weiter.« Auch Thomas Richter war immer wieder in Baden-Württemberg unterwegs. Er war einer der Gründer des Ku-Klux-Klan in Schwäbisch Hall. Nach seinen eigenen Aussagen war er für die Anwerbung neuer Mitglieder zuständig. Bei dieser Gruppe des KKK waren zeitweise mindestens zwei Polizisten aus Baden-Württemberg aktiv, unter anderem der Einsatzleiter von Michele Kiesewetter am Tag ihrer Ermordung.

Thomas Richter starb wenige Tage bevor er beim Prozess in München aussagen konnte an einer nicht erkannten Diabetes.

Eigenartig ist nicht nur diese Häufung von Todesfällen bei Zeugen des NSU, sondern auch die Tatsache, dass alle Kontakte in die militante Naziszene Baden-Württembergs hatten.

Recherchen mit Hindernissen

geschrieben von Janka Kluge

27. April 2015

Der NSU-Untersuchungsausschuss in Baden-Württemberg

 

In Baden-Württemberg hat es lange gedauert, bis ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zum NSU-Komplex eingerichtet wurde. Zuerst entstand eine Gruppe beim Landeskriminalamt (EG-Umfeld), die alle Ermittlungen zum Mord an Michele Kiesewetter noch einmal überprüfen sollte. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Ermittlungsbehörden keine Fehler gemacht hätten und es im Land keine nennenswerten Naziaktivitäten gibt. Als die Proteste gegen diese Verharmlosung immer lauter wurden, richtete die grün-rote Landesregierung eine Enquete-Kommission ein. Diese Kommission hatte wenig Befugnisse und kaum ein Abgeordneter zeigte Interesse an ihrer Arbeit. Nach einem Fehler des grünen Vorsitzenden platze die Kommission und als Ausweg blieb nur noch die Gründung eines Untersuchungsausschusses.

In dessen ersten Sitzungen wurden Experten geladen, die den Mitgliedern deutlich vor Augen führten, dass es in Baden-Württemberg durchaus eine gefährliche Naziszene gibt, die auch Kontakte zum Thüringer Heimatschutz hielt. Bei den anschließenden Befragungen zeichneten sich die meisten Abgeordneten dadurch aus, dass sie diese Einschätzungen in Frage stellten.

Als nächstes nahm sich der Ausschuss vor, den Tod von Florian Heilig zu untersuchen. Heilig war ein Aussteiger aus der Naziszene aus dem Kreis Heilbronn, der gegenüber zwei Mitschülerinnen geäußert hatte, dass er wisse, wer die Polizistin Michele Kiesewetter ermordet hat. Nachdem sein Zimmer in einem Wohnheim durchsucht worden war, erzählten die beiden Schülerinnen die Begebenheit einer Lehrerin, die daraufhin die Polizei einschaltete. Bei der Durchsuchung seines Zimmers hatte die Polizei zwei Waffen gefunden, die Kameraden bei ihm deponiert hatten, weil er noch nicht so bekannt war. Bei der Vernehmung durch die Polizei sagte Heilig, dass er nicht wisse wer die Polizistin ermordet habe, dass aber Nazis im Raum Heilbronn damit prahlten, schon Menschen ermordet zu haben. Außerdem habe es Treffen zwischen den beiden »radikalsten Gruppen« Deutschlands gegeben. Mehrfach hätten sich Mitglieder einer Gruppe mit dem Namen NSU mit einer regionalen Gruppe NeoSchutzStaffel (NSS) in Öhringen getroffen. Als Florian Heilig, den Namen NSU nannte, war er in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt. Nach eigenen Angaben war er bei einem solchen Treffen dabei. Ein Kumpel mit Namen »Matze« habe ihn vom Bahnhof in Öhringen abgeholt und zu dem Treffen mitgenommen.

Bei der Anhörung der Polizistin im Untersuchungsausschuss, die Florian Heilig damals vernommen hatte, kam heraus, dass sie ihm kein Wort geglaubt und auch nie versucht hatte, diesen »Matze« zu finden. Florian Heilig identifizierte bei einer Ortsbegehung in Öhringen das »Haus der Jugend« als den Treffpunkt. Doch die Polizei konnte unter den Nutzern des Hauses keine Nazigruppe entdecken und legte daher alles zu den Akten. Nach Aussage von Florian Heilig sollen an dem Treffen fast fünfzig Menschen teilgenommen haben. Erst jetzt ist es der Polizei gelungen »Matze« zu identifizieren. Er hat sich den Schriftzug NSS und ein Hakenkreuz eintätowieren lassen. In einem ersten Verhör hat er die Angaben von Florian Heilig bestätigt.

Am 16. September 2013 hatte Florian Heilig einen Termin bei der EG-Umfeld. Am Abend davor bekam er einen Anruf, der ihn nach Aussagen der Eltern völlig verstört hat. »Die bekommen mich, egal wo ich bin« habe er zu ihnen gesagt. Kurze Zeit später ist er mit zwei Mitschülern, er hatte inzwischen den Ausbildungsplatz gewechselt, zum neuen Wohnheim gefahren. Als er wenige Tage zuvor einen Nazi aus Heilbronn in der Parallelklasse der Berufsschule gesehen hatte, hatte er überlegt, die Ausbildung zu beenden. Nachdem er die Mitschüler abgesetzt hat, ist er weitergefahren. Das nächste, was von Florian Heilig eindeutig bekannt ist, ist, dass er am Cannstatter Wasen in Stuttgart morgens um 9 Uhr in seinem Auto verbrannt ist.

Die Staatsanwaltschaft legte sich schon nach wenigen Stunden darauf fest, dass er Selbstmord begangen habe. Die offenen Fragen, vor allem die, die auf einen Mord hindeuten, wurden zu den Akten gelegt. Der Vater machte vor dem Ausschuss deutlich, wie entwürdigend das Verhalten der Polizei für die Familie war. Jetzt hat die Familie dem Untersuchungsausschuss mehrere Gegenstände übergeben, die sie im ausgebrannten Auto ihres Sohnes gefunden hat. Darunter eine Pistole, eine Machete und der Schlüsselbund mit dem Autoschlüssel.

Nachdem der Druck des Untersuchungsausschusses auf die Staatsanwaltschaft und die Polizei zugenommen hat, nahm die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen zum Tod von Florian Heilig wieder auf. Die Schwäbische Zeitung berichtete am 11.4., dass gegen den Polizisten der den Tod von Florian Heilig untersucht hat, wegen »Strafvereitelung im Amt« ein Disziplinarverfahren eröffnet wurde. Es bleibt spannend im Stuttgarter Landtag.

Bewahren und verändern

geschrieben von Raimund Gaebelein

27. April 2015

Aktuelles aus der Begegnungsstätte Heideruh

 

 

Vielen Antifaschisten und Antifaschistinnen ist Heideruh ein Begriff. Unweit von Hamburg in der Nordheide gelegen, ist es seit Jahrzehnten Erholungsort und Treffpunkt. Ehrenamtliche Mitarbeit ist hier eine Selbstverständlichkeit und ein Muss, denn das Heim lebt von Spenden. Aufgebaut und mit Leben erfüllt wurde es von Kameradinnen wie Hilde Bentin und Gerda Kranz in der Tradition der Freien Deutschen Jugend. Doch die FDJ’ler wurden älter, das Angebot Heideruhs passte sich ihrem Bedürfnis nach Erholung und Austausch an und wurde Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband. Die allmähliche Überalterung und die gesundheitsbedingte stetige Verringerung der Zahl der Übernachtungen ließen sich jedoch nicht aufhalten.

Mit viel Elan und einer Spendenkampagne sollte Heideruh dennoch erhalten bleiben. Durch Spenden alleine ließ es sich aber auf Dauer nicht wirtschaftlich betreiben. Der Zufluchtsort musste sich also nach außen öffnen. Mit einer verjüngten Geschäftsführung unter Bea Trampenau, einem schlagkräftigen Team von Ehrenamtlichen, einem jüngeren Vorstand und dem neuen Projektnamen »Antifaschistische Erholungs- und Begegnungsstätte Heideruh« wollte man neue Zugangswege eröffnen. Nicht zuletzt, um den Grundgedanken gegen das Vergessen: »dass nie wieder geschehe, was einst geschah« zu verbreiten. Seit fünf Jahren ist Heideruh nun auch ein internationales Begegnungszentrum. Jedes Jahr kommen Ende Juli/Anfang August Gruppen des Service Civile International und bis zu 60 antifaschistische Jugendlichen aus der Umgebung zum Work-, bzw. Jugendcamp. Heute trifft man in Heideruh überhaupt viel mehr jüngere Antifaschisten. Sie versammeln sich wöchentlich zu gemeinsamen Diskussionen, Beratungen, Musik- und Filmabenden, und sie engagieren sich vehement für die Verbesserung der Lage von Flüchtlingen. Erneut ist Heideruh zum Zufluchtsort geworden, für Jüngere aus dem Landkreis und für Menschen, die hier auf den erfolgreichen Abschluss ihres Asylverfahrens warten. Heute stammen sie mehrheitlich aus dem Sudan, morgen vielleicht aus dem Mittleren Osten?

Geöffnet hat sich Heideruh auch zur Stadt Buchholz hin. Die Ausstellung einer Berliner Studiengruppe um den Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Oliver Rump hatte in den vergangenen Jahren Erstaunliches und kaum Bekanntes über die 90-jährige Geschichte und Wirkung Heideruhs zutage gefördert. Zum 27. Januar 2013 wurde sie in der Stadtbücherei Buchholz feierlich eröffnet. Gegen verleumderische Angriffe seitens der AfD wurden Heideruhs Jugendliche wie die Begegnungsstätte von der Stadt offiziell in Schutz genommen. Geöffnet hat sich die »Antifaschistische Erholungs- und Begegnungsstätte« auch für Seminargruppen sehr unterschiedlicher Herkunft. Nach wie vor finden Kaffeetafeln statt und Ausflüge in die Umgebung. Die Heideblüte ist Hochsaison für Erholungsgäste. Nicht alle Schwierigkeiten sind gelöst. Finanziell ist Heideruh nach langen Mühen wohl über den Berg. Trotzdem fallen verstärkt Reparaturen an, denn auch das Heim ist in die Jahre gekommen. Eine Sanierung der Kühlanlagen und der Leitungen lässt sich überbrücken, aber nicht dauerhaft hinausschieben. Trotzdem und gerade deshalb hoffen wir auf zahlreichen Besuch. Eine gute Gelegenheit bietet das Sommerfest am Samstag, den 25. Juli ab 14 Uhr. Höhepunkt wird das Mikis-Theodorakis-Programm der Gruppe Quichote aus Chemnitz sein.

Der Kampf um die Befreiung

26. April 2015

Schon Monate vor dem 8. Mai 1945 hatte er begonnen

 

Aachen

Im September 1944 erreichten die West-Alliierten die Westgrenze Deutschlands, und am 2. Oktober begann die »Schlacht um Aachen«. Die Stadt war Bestandteil der Hauptkampflinie am Westwall, dem bedeutendsten Verteidigungsnetzwerk an der deutschen Westgrenze. Die US-Armee ging von einer schnellen Einnahme der Stadt und einem Vorrücken in Richtung Ruhrgebiet aus, doch die Kämpfe dauerten fast 20 Tage, was zu großen Verlusten auf beiden Seiten führte. Die deutsche Garnison ergab sich endlich am 21. Oktober und die Aachener Bürger begrüßten die Amerikaner als Befreier. Aachen war die erste deutsche Stadt, die von den Alliierten besetzt wurde. Während des Angriffs wurde die Stadt in Teilen zerstört. Aachen war auch die erste Stadt in Deutschland, die einen von den Alliierten eingesetzten Bürgermeister bekam: Franz Oppenhoff, der schon bald auf Befehl Heinrich Himmlers durch ein SS-Kommando ermordet wurde.

 

Breslau

Breslau, eine der größten deutschen Städte, Zentrum der Rüstungsproduktion und Hauptstadt der preußischen Provinz Schlesien, wurde am 16. Februar 1945 von der 6. Armee der 1. Ukrainischen Front der Roten Armee vollständig eingeschlossen. Gauleiter Karl Hanke und der Festungskommandant, General der Infanterie Hermann Niehoff, ließen Teile der zur Festung erklärten Stadt niederbrennen, um in den Ruinen Angriffe besser abwehren zu können. Die in der Stadt verbliebene Bevölkerung, fast 200.000 Zivilisten, Knaben ab 10, Mädchen und Frauen von 12 bis 70 Jahren wurden rigoros zu Schanzarbeiten eingesetzt. Trotz mehrfacher Aufrufe zur Kapitulation durch die Rote Armee, kämpften die Wehrmachtseinheiten, etwa 50.000 Soldaten zu 50 % aus Volkssturmbataillonen bestehend, verbissen weiter. Am 6. Mai zerschlug die Rote Armee endgültig die in der Stadt befindlichen Wehrmachtstruppen. Gauleiter Hanke floh zuvor mit einem Flugzeug.

 

Nürnberg

Am 16. April 1945 erreichten US-amerikanische Panzer die Nürnberger Stadtgrenze.

Bis zum 20. April fanden zwischen den US-Streitkräften und einem letzten Aufgebot aus SS, HJ und Volkssturm erbitterte Straßenkämpfe statt. Karl Holz, Gauleiter und »Reichsverteidigungskommissar« hatte die Verteidigung Nürnbergs bis zum Äußersten und um jeden Preis angeordnet. Jeder, der eine weiße Fahne hisst, werde aufgehängt. Das war keine leere Drohung. Bis zuletzt wurden Nachrichten über Hinrichtungen von Volkssturmmännern und Zivilisten, die beim aussichtslosen Kampf nicht mehr mitmachen wollten, veröffentlicht. Hunderte von Zivilisten starben in diesen letzten Kriegstagen. Die Aufforderung zur Übergabe der Stadt hatte Oberbürgermeister Liebel unbeantwortet gelassen.

Am 20. April abends war der Krieg in Nürnberg zu Ende. 95 Prozent der Bausubstanz in der Altstadt waren vernichtet. Die US-Streitkräfte hissten auf dem Hauptmarkt, dem einstigen Adolf-Hitler-Platz, inmitten der zu 90 % zerstörten Altstadt die amerikanische Flagge. Tags darauf hielten sie eine große Siegesfeier und Parade ab.

 

Schwarzenberg

Einen Sonderfall bei der Befreiung vom Faschismus stellt die später so genannte »Freie Republik Schwarzenberg« in Sachsen dar: Am 8. Mai war der Krieg zu Ende, aber weit und breit waren keine alliierten Truppen zu sehen. Die Gründe hierfür sind bis heute ungeklärt. Der Kreis lag an der Demarkationslinie zwischen den amerikanischen und sowjetischen Truppen, aber vollständig auf US-Seite. Da niemand kam, ergriffen Antifaschisten in den einzelnen Orten die Initiative, setzten die verbliebenen Nazi-Machthaber ab und bildeten Aktionsausschüsse. Deren Zweck war in erster Linie die Sicherstellung der Versorgung. Die Gründung einer Freien Republik war zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt. Erst einen Monat nach Kriegsende am 9. Juni 1945 übernahmen sowjetische Truppen gemäß den Vereinbarungen von Jalta die Kontrolle über das Gebiet. Am 24. Juni wurden die antifaschistischen Aktionsausschüsse auf Befehl des sowjetischen Kommandanten aufgelöst, die Schwarzenberger Antifaschisten blieben jedoch in ihren Ämtern, die sie zuvor besetzt hatten.

 

Buchenwald 2015

26. April 2015

Dokumentarisches von den Befreiungsfeiern

Treffen der Nachgeborenen im Kinosaal der Gedenkstätte.

Fotos: Gabriele Senft

 

Erklärung der Nachgeborenen

Vor siebzig Jahren befreiten sich die Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald mit großem Mut aus eigener Kraft. Blick in den Saal Die Befreiten manifestierten mit ihrem Schwur den Willen, für alle Zeiten den Nazismus auszumerzen, um künftig frei und friedlich in einer solidarischen Welt leben zu können.

Dr. Silvio Perritone vom Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland

Dr. Silvio Perritone vom Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland

Dessen gedenkend trafen sich auf Einladung der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers, Angehörige und Nachkommen von Häftlingen, Antifaschistinnen, Antifaschisten und Gäste auf dem Ettersberg.

Martin Schulz bei seiner Rede

Martin Schulz bei seiner Rede

Mit dem 6. Treffen der Nachkommen wurden die Befreiungstat und die Zukunftsorientierung des Schwurs von Buchenwald gewürdigt. Siebzig Jahre nach der Befreiung vom deutschen Faschismus ist festzustellen, dass es in der Bundesrepublik Deutschland nicht gelungen ist, neofaschistischen Entwicklungen die Möglichkeit weiteren Gedeihens zu entziehen. Wir haben erfahren müssen, dass in Staaten der Europäischen Union und solchen, die dort ihre Mitgliedschaft anstreben, Judenhass geschürt, Sinti und Roma diskriminiert, beleidigt, gehetzt, Andersdenkende brutal verfolgt werden und dass im Krieg wieder ein Mittel zur Konfliktlösung gesehen wird. In der unwidersprochenen Verherrlichung von SS-Verbrechen und Pflege der SS-Heldenmythen, in profaschistischen Machtambitionen, in offener internationaler Präsenz neofaschistischer und rechtspopulistischer Parteien sehen wir große Gefahren.

Zwei deutsche Buchenwalder - Günther Pappenheim und Gerd Schramm im Foyer des Theaters. Fotos: Axel Holz

Zwei deutsche Buchenwalder – Günther Pappenheim und Gerd Schramm im Foyer des Theaters. Fotos: Axel Holz

Marco Puppini, stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der italienischen Spanienkämpfer

Marco Puppini, stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der italienischen Spanienkämpfer

Wir erwarten von bundesdeutscher und europäischer Politik ernsthafte Maßnahmen, die diese Gefahren bannen. Wir wollen keine europäischen Streitkräfte, weil der Frieden in Europa so gestärkt werden muss, dass er dazu beitragen kann, Konflikte in der Welt ausschließlich friedlich zu lösen. Wir wollen, dass die Würde des Menschen überall geachtet und tatsächlich nicht angetastet wird. Buchenwald, am 12. April 2015

 

Am 11. April pflanzten Familien und Freunde aus Frankreich, Deutschland und Polen an der Blutstraße 12 Bäume zur Erinnerung an ehemalige Häftlinge und die Kinder von Buchenwald. Die Pflanzaktion erfolgte im Rahmen der Aktion 1000 Buchen für Buchenwald des Lebenshilfe-Werks Weimar/Apolda e. V. Die Fotos zeigen Vertreter des Vereins »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939«, die einen Baum für den Spanienkämpfer und Buchenwaldhäftling Otto Kipp pflanzten und die Angehörigen zweier französischer Häftlinge bei ihren Ansprachen. Diese Fotos sind von Wilhelm Girod KFSR Baumpfl.Franzosen-Baumpfl.

 

 

 

 

 

 

 

Am 11. April wurde am ehemaligen Block 41 ein Gedenkstein für die republikanischen Spanier enthüllt, die in Buchenwald inhaftiert waren. An der Zeremonie nahmen ehemalige Häftlinge aus mehreren Ländern, darunter Bertrand Herz und Günter Pappenheim teil, sowie der Botschafter des Königreiches Spanien in der Bundesrepublik und ein Vertreter der Regierung von Katalonien.

Teilnehmer aus Jugoslawien

Teilnehmer aus Jugoslawien

ein französischer Überlebender

ein französischer Überlebender

ehemalige Häftlinge aus der Ukraine

ehemalige Häftlinge aus der Ukraine

Miglieder der VVN-BdA, u. a. die Enkelin von Emil Carlebach, Lena Sarah Carlebach.

Miglieder der VVN-BdA, u. a. die Enkelin von Emil Carlebach, Lena Sarah Carlebach.

Herz auf Appelplatz

Das Foto ist von Gabriele Senft.

Der Appell von Mauthausen

26. April 2015

Befreite KZ-Gefangene für »eine Welt des freien Menschen«

 

Das einzige Konzentrationshauptlager auf österreichischem Territorium wurde 1938 gegründet. Die ersten Häftlinge trafen am 8. August 1938 in Mauthausen ein. Im Dezember 1938 waren in Mauthausen schon knapp 1.000 Häftlinge interniert.

Für Angehörige bestimmter Nationen und Häftlingskategorien war Mauthausen bis zum Spätsommer 1943 nahezu ausnahmslos ein Todeslager. Davon waren neben Juden und Zigeunern auch Polen und Russen (hier vor allem Kriegsgefangene), Tschechen und Republikanische Spanier betroffen. Im Herbst 1941 wurde mit dem Bau einer Gaskammer begonnen, die für die Ermordung kranker und arbeitsunfähiger Häftlinge benutzt, aber auch für groß angelegte Exekutionen verwendet wurde.

Zur Durchführung des Arbeitseinsatzes der Häftlinge in der Rüstungsindustrie wurden zuerst im Umkreis des KZ Mauthausen und später in ganz Österreich (ab Salzburg ostwärts) Nebenlager des Stammlagers gegründet. Die geografische Lage in den Alpen oder im Alpenvorland begünstigte die luftangriffsichere Verlagerung der Produktion in Stollen und Bergwerke, die entweder bereits bestanden oder von den Häftlingen unter unvorstellbaren Bedingungen in das Gestein vorgetrieben wurden. Gusen, das erste Nebenlager des KZ Mauthausen wurde im nur fünf Kilometer entfernten Langenstein im Mai 1940 eröffnet.

Der Häftlingsstand wuchs bis Ende 1944 auf über 74.000 an, um Anfang März 1945 den Höchststand von über 84.000 Insassen zu erreichen. Insgesamt wird die Zahl der Häftlinge in Mauthausen auf über 200.000 geschätzt, eine endgültige Zahl wird jedoch nie vorliegen, da unzählige Häftlinge ohne Registrierung nach Mauthausen deportiert und dort ermordet wurden. Unter diesen 200.000 Häftlingen waren auch über 8.000 Frauen, die im Männerlager Mauthausen interniert worden waren.

Die Befreiung des KZ Mauthausen war die letzte Befreiungsaktion der alliierten Soldaten, nachdem sich die SS-Bewachungseinheiten Anfang Mai sukzessive aus dem Lager entfernt hatten. Zwischen dem 5.-7. Mai 1945 wurde das Lager von der 11. Panzerdivision der 3. US Armee unter dem Kommando des Colonel Seibel endgültig übernommen und somit auch endgültig befreit.

Der Schwur der befreiten Häftlinge

Das CIM (Comité International de Mauthausen) übernahm in den ersten Stunden der Befreiung am 5. Mai 1945 und in den Tagen danach die organisatorische Leitung des Lagers und versuchte bis zur Übergabe des Lagers an die US-Armee die wichtigsten Strukturen, wie die Küche u.ä. aufrecht zu erhalten. In den ersten Tagen nach der Befreiung entstanden weitere überparteiliche Komitees, die alle ihre Vertreter ins CIM entsandten.

Aus Anlass des Abmarsches der sowjetischen Häftlinge am 16.5.1945 aus Mauthausen erließ das CIM einen Appell, den Schwur von Mauthausen. Dieser Appell wurde von Vertretern der folgenden Nationen unterzeichnet: Albanien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, Jugoslawien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Polen, Rumänien, Spanien, Tschechoslowakei, UdSSR und Ungarn.

»Der vieljährige Aufenthalt im Lager hat in uns das Verständnis für die Werte einer Verbrüderung der Völker vertieft. Treu diesen Idealen schwören wir, solidarisch und im gemeinsamen Einverständnis, den weiteren Kampf gegen den Imperialismus und nationale Verhetzung zu führen. So, wie die Welt durch die gemeinsame Anstrengung aller Völker von der Bedrohung durch die hitlerische Übermacht befreit wurde, so müssen wir diese erkämpfte Freiheit als das gemeinsame Gut aller Völker betrachten.

Der Friede und die Freiheit sind die Garantien des Glücks der Völker, und der Aufbau der Welt auf neuen Grundlagen sozialer und nationaler Gerechtigkeit ist der einzige Weg zur friedlichen Zusammenarbeit der Staaten und Völker. Wir wollen nach erlangter Freiheit und nach Erkämpfung der Freiheit unserer Nationen die internationale Solidarität des Lagers in unserem Gedächtnis bewahren und daraus die Lehren ziehen: Wir werden einen gemeinsamen Weg beschreiten, den Weg der unteilbaren Freiheit aller Völker, den Weg der gegenseitigen Achtung, den Weg der Zusammenarbeit am großen Werk des Aufbaus einer neuen, für alle gerechten, freien Welt.

Wir werden immer gedenken, mit welch großen blutigen Opfern aller Nationen diese neue Welt erkämpft wurde. Im Gedenken an das vergossene Blut aller Völker, im Gedenken an die Millionen, durch den Nazifaschismus ermordeten Brüder geloben wir, dass wir diesen Weg nie verlassen werden. Auf den sicheren Grundlagen internationaler Gemeinschaft wollen wir das schönste Denkmal, das wir den gefallenen Soldaten der Freiheit setzen können, errichten: DIE WELT DES FREIEN MENSCHEN. Wir wenden uns an die ganze Welt mit dem Ruf: Helft uns bei dieser Arbeit. Es lebe die internationale Solidarität! Es lebe die Freiheit!«

Widerstand, Verfolgung, Neuaufbau

geschrieben von Rosel Vadehra-Jonas

25. April 2015

Erinnerung an die hessische Antifaschistin Käthe Jonas

 

Die Geschichte von Käthe Jonas und ihrer Familie ist beispielhaft zum einen für den Widerstand und die Verfolgung zahlloser kommunistischer Arbeiterfamilien und zum anderen für das Engagement der Überlebenden für den Wiederaufbau Deutschlands nach der Befreiung vom Faschismus.

Käthe Jonas wurde 1902 als Katharina Margarete Seng in Dörnigheim am Main geboren. Sie war das vierte von sechs Kindern einer Arbeiterfamilie. Schon ihr Großvater mütterlicherseits war aktiver Sozialdemokrat. Nach dem Ersten Weltkrieg schloss sich die Familie der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an.

Mit vierzehn Jahren begann für sie das Berufsleben als Arbeiterin in einer Munitionsfabrik in Frankfurt-Fechenheim.

1921 heiratete Käthe. Ein Jahr später wurde ihr Sohn Friedel geboren. Ihr Mann konnte schon nach wenigen Ehejahren seinen Beruf als Maler und Anstreicher nicht mehr ausüben. Er litt an der Bechterewschen Krankheit. Die Familie geriet dadurch in große wirtschaftliche Not. Von da an musste Käthe – zunächst durch Gelegenheitsarbeiten – maßgeblich den Lebensunterhalt der Familie bestreiten. Erst durch den Aufbau einer Hühnerfarm und einer Versuchstierzucht gelangten die Eheleute wieder zu einem bescheidenen Einkommen. Zu den Wahlen im März 1933 kandidierte Käthe auf der Liste der KPD für den Kreistag in Hanau und für die Gemeindevertretung in Dörnigheim. Dies war der Anlass für ihre erste Verhaftung. Über die Wahlen hinweg wurde sie ohne Urteil vier Wochen inhaftiert.

Käthes jüngsten Bruder, Karl Seng, brachte man ebenfalls schon 1933 im Alter von 19 Jahren in das Konzentrationslager Breitenau, wo er vier Monate festgehalten wurde.

1935 wurde Käthe zusammen mit 88 Bürgerinnen und Bürgern aus der Stadt und dem Kreis Hanau wegen Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Im gleichen Verfahren erhielten auch ihr Ehemann Peter Jonas, ihr Vater Karl Seng und ihre beiden Brüder Adam und Karl Seng Haftstrafen. Man konnte ihnen nachweisen, dass sie Flugblätter verteilt oder angenommen hatten, mit denen die Bevölkerung über die Ziele des Hitlerfaschismus aufgeklärt werden sollte. Käthe musste die Strafe in den Strafanstalten Ziegenhain, Aichach und Laufen verbüßen.

Ihr Bruder Karl wurde nach Ablauf seiner 2 ½ -jährigen Zuchthausstrafe nicht nach Hause entlassen, sondern in das KZ Buchenwald gebracht. Während des Krieges steckte man ihn in das berüchtigte Strafbataillon 999. Unmittelbar nach dem Attentat auf Hitler im Juli 1944 wurde Käthe erneut verhaftet und in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gebracht. Die Befreiung erlebte sie auf dem Todesmarsch.

Die Festnahmen bedeuteten für Käthe stets die Trennung von ihren Kindern. 1933, bei ihrer ersten Verhaftung war ihr Sohn elf Jahre alt. Als sie 1944 nach Ravensbrück gebracht wurde, blieb ihre dreijährige Tochter zurück. Ihr Sohn war damals schon als Soldat der Hitlerwehmacht an der Ostfront vermisst.

Die Existenzgrundlage der Familie, die Versuchstierzucht war kurz vor Kriegsende durch Beschuss der Alliierten völlig zerstört worden. Aufgrund der Gesundheitsschäden, die Käthe durch die Inhaftierung in Ravensbrück erlitten hatte, war an einen Wiederaufbau der Zucht nicht zu denken,

Käthe gehörte zu den ersten, die nach Kriegsende das Gemeinwesen in Dörnigheim wieder aufbauten. Bis zum Verbot der KPD war sie Mitglied der Gemeindevertretung Dem Vermächtnis der Opfer des Naziregimes und den sozialen Belangen der Verfolgten widmete sie einen großen Teil ihrer Zeit und ihrer Kraft. Sie hatte maßgeblichen Anteil am Aufbau der ›Betreuungsstelle für politisch, rassisch und religiös Verfolgte‹ in Hanau. Hier fand Käthe 1946 eine Anstellung. Nach Auflösung dieser Dienststelle im Jahre 1952 arbeitete sie als Sachbearbeiterin bei der Stadtverwaltung Hanau.

Käthe war Mitbegründerin der VVN im Kreis Hanau. Sie gehörte dem Kreisvorstand Hanau und zeitweise dem Landesvorstand der VVN Hessen an. Sie war Hauskassiererin und vertrieb allwöchentlich die Zeitung der VVN ›Die Tat‹ im Freiverkauf.

1963 schied Käthe aus dem Berufsleben aus. Die Krankheit ihres Mannes war inzwischen so weit fortgeschritten, dass er auf Betreuung angewiesen war. Dennoch fand Käthe in den sechziger Jahren die Zeit, um gemeinsam mit anderen Überlebenden des Konzentrationslagers Ravensbrück die Lagergemeinschaft Ravensbrück in der Bundesrepublik Deutschland aufzubauen. 1966 wurde sie zur Vorsitzenden der Lagergemeinschaft gewählt. Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland, dass parallel dazu erneut von der Staatsanwaltschaft gegen Käthe ermittelt wurde. Dieses Mal wegen »staatsabträglicher Verbindungsaufnahme«. Das Verfahren wurde später ohne Angabe von Gründen eingestellt.

Nachdem die Schlussnovelle des Bundesentschädigungsgesetzes verabschiedet war, hielt Käthe 1966 erneut ehrenamtlich Sprechstunden im Rathaus in Hanau ab, um Verfolgte zu beraten und bei der Antragstellung zu unterstützen. Käthe Jonas starb im Jahre 1977.

Darstellung ein Tabubruch?

geschrieben von Ulrich Schneider

23. April 2015

Vom schwierigen Umgang mit der Geschichte des antifaschistischen Widerstands

 

Seit vielen Monaten wird die gemeinsame Ausstellung der FIR und des »Institut des Vétérans« in verschiedenen europäischen Ländern mit großer Resonanz gezeigt. Anfang 2015 wurde eine ungarische Ausgabe in Budapest und weiteren ungarischen Städten präsentiert und seit Ende März steht die Ausstellung für sechs Wochen im Foyer des zentralen Museums des Großen Vaterländischen Krieges in Moskau. Dies zeigt, welch große Bedeutung dieses Thema und welch hohe Anerkennung die Arbeit und die Ausstellung finden.

Nun kam es jedoch zu einer Kontroverse, die deutlich macht, wie kompliziert der Umgang mit diesem Thema sein kann, wenn dadurch ein kollektives Selbstbild betroffen ist. Der serbische Mitgliedsverband der FIR, SUBNOR Serbija, kritisiert mit scharfen Worten, dass auf der Tafel zum Widerstand in Jugoslawien das Bild einer Tschetnik-Einheit zu sehen sei. Er schlussfolgerte, dass eine solche Erwähnung eine Revision der Geschichte des Widerstandes darstelle.

Zum historischen Hintergrund ist zu erwähnen, dass sich völlig unstrittig die Führung der Tschetniks im Verlauf der faschistischen Okkupationspolitik zu Kollaborateuren entwickelte.

Der Führer der militärischen Einheiten der Tschetniks war Draza Mihailovic, der sich als Vertreter der »Jugoslawischen Exilregierung« sah und eine nationalistisch ausgerichtete passive Sammlung »patriotischer Kräfte« propagierte. Einige seiner Unterführer rebellierten gegen seine Passivität. Deshalb sah sich Mihailovic gezwungen, noch im Herbst 1941 mit Titos Volksbefreiungsarmee eine formelle Abmachung zu treffen. Ab Ende September kam es zu partiellen gemeinsamen bewaffneten Aktionen der Tito-Partisanen mit den »Draza – Tschetniks« gegen die deutschen Besatzer und ihre offenen Kollaborateure. Die Hauptlast des Kampfes trugen allerdings die Tito-Partisanen.

Der Versuch von Mihailovic, die Volksbefreiungsarmee militärisch auszuschalten, scheiterte im November 1941. Seit dieser Zeit kämpften die »Draza-Tschetniks« an der Seite der Okkupanten gegen die Partisanen, einige Einheiten schlossen sich jedoch der Volksbefreiungsarmee an und wurden Teil der Tito-Partisanen.

Mihailovic wurde übrigens 1946 wegen Kollaboration zum Tode verurteilt und gehängt.

Diese komplexe historische Entwicklung haben die Ausstellungsmacher versucht, auf den Tafeln unter dem Titel »Zwischen Widerstand und Verrat« und im erläuternden Text zu erfassen. Dazu findet man auch ein Bild einer Tschetnik-Einheit.

Für die ehemals jugoslawischen Veteranen war bereits eine solche Darstellung ein Tabubruch, der nur schwer hinnehmbar war. Für sie, die nach der Zerstörung der sozialistischen Grundlagen und der anschließenden gewaltsamen Zerschlagung der Bundesrepublik Jugoslawien in zweifacher Hinsicht ihrer Wurzeln beraubt waren, schien eine solche Erwähnung der Tschetnik-Einheit ein weiterer Versuch zu sein, sie ihrer historischen Identität zu berauben.

Dass weder das »Institut des Veterans« noch die FIR irgendeine Veranlassung hat, die großen Leistungen und die Opfer des jugoslawischen Partisanenkampfes in Frage zu stellen, steht außer Frage. Auch haben der Präsident der FIR und der russische Vize-Präsident im vergangenen Jahr mit ihrer Teilnahme anlässlich der Gedenkveranstaltungen zur Befreiung Belgrads vor 70 Jahren gezeigt, wie sehr sie deren historischen Beitrag würdigen. Doch bis heute ist es schwierig, einen historisch-kritischen Zugang zu dem Thema zu finden, der angemessen die Befindlichkeiten der ehemaligen Veteranen berücksichtigt.

Doch auch für die FIR ist es – im Sinne historischer Glaubwürdigkeit und einer angemessenen Weitergabe historischer Erfahrungen – notwendig, ein differenziertes Geschichtsbild unter Würdigung der Leistungen der Frauen und Männer des Widerstandes zu entwickeln. Wenn wir die »Flamme der Erinnerung« am Brennen halten wollen, müssen wir auch solch komplizierte Themen in angemessener Form aufarbeiten und in unsere Darstellung des internationalen Widerstandskampfes aufnehmen.       

Nazitreffen in St. Petersburg

geschrieben von Boris Spiegel

23. April 2015

Erklärung der Bewegung »Welt ohne Nazis« vom 23. März 2015

Die Internationale Menschenrechtsbewegung »Welt ohne Nazis« protestiert scharf gegen das sogenannte »Russisch-Internationale Konservative Forum«, das am 22. März in St. Petersburg stattfand und an dem elf radikal nationalistische Parteien aus dem Ausland teilnahmen.

Der Neonazi-Kongress wurde gemeinsam von der deutschen NPD, der griechischen Goldenen Morgenröte, der bulgarischen Ataka, der italienischen Forza Nuova, der Dänischen Volkspartei, der British National Party – bekannt für ihre Holocaustleugnung, der Schwedischen Volkspartei – bis vor kurzem als Nationalsozialistische Partei bekannt, und anderen Radikalen organisiert.

Die Hauptziele des Treffens wurden wie folgt formuliert: Vereinigung »aller gesunden Kräfte in Europa« gegen die »Erosion nationaler Identität«; Etablierung einer Bewegung, um alle »konservativen und national orientierten Kräfte in Europa und Russland« zu vereinen, welche eine Plattform für die Kooperation »national-konservativer Kräfte« werden soll; und »die Entwicklung eines allgemeinen Konzepts zur Zusammenarbeit konservativer und national-orientierter Kräfte, um eine dauerhafte Entwicklung national orientierter Staaten zu unterstützen«.

Es hat den Anschein, dass »gesunde Kräfte in Europa« sich auf Kräfte bezieht, die für gewöhnlich als neonazistisch oder aggressiv nationalistisch beschrieben werden. Diese Kräfte unternehmen derzeit den Versuch, sich selbst unter einem respektableren Namen zu entmarginalisieren – als »Nationalkonservative«. Allerdings ändert dies nichts an ihrem Wesen. Hinter dem Slogan, der sich gegen die »Erosion nationaler Identität« wendet, versteckt sich der alte und bewährte Ruf, gegen Fremde zu kämpfen, speziell gegen Immigranten. »Entwicklung national orientierter Staaten« maskiert eine Politik der Assimilation von Minderheiten und priorisiert die nationalistische Komponente in der Innenpolitik. Diese Politik hat bereits in vielen europäischen Staaten in die Sackgasse und in einem – der Ukraine – zu einem Bürgerkrieg geführt.

Indes haben sich diejenigen, die sich in St. Petersburg getroffen haben, im Gegensatz zu anderen radikalen Nationalisten als »Freunde Russlands« positioniert. Aber ist ihnen bewusst, dass Russland ein multinationaler Staat ist, der seine Weite, seine Stärke und Macht wesentlich durch seine gewichtige Außenpolitik und seine Bemühungen zur Zügelung von radikalem Nationalismus erhalten konnte?

Es stellt sich auch die Frage, welche Ziele die Organisatoren der Konservativen Forums erreichen wollten und was sich die städtischen Behörden dabei dachten, als sie die »positiven Nationalisten« in einem der besten Hotels der Stadt unterbrachten. Die Organisatoren behaupten, dass mit dem Treffen die internationale Unterstützung für Russland gestärkt werden sollte. Kein wasserdichtes Argument. Es ist klar, dass internationale Beobachter Russland nur bemitleiden können, wenn es solche Verbündete hat.

Wir sind der festen Überzeugung, dass der internationale Kongress der Nationalisten in St. Petersburg Russlands Image als ein internationales Land, als Bollwerk antifaschistischer Kräfte in der modernen Welt untergräbt. Diese neuen »Konservativen« sind keine Verbündeten, sondern zeitweilige Kumpane, mit denen mehr zu verlieren als zu gewinnen ist.

Die politischen Konsequenzen dieses Treffens verursachen besondere Besorgnis. Gemäß den Zielen des Forums soll St. Petersburg zur Heimstätte internationaler Neonazis werden. Mit anderen Worten: Eine Stadt, die während des zweiten Weltkrieges so gewaltig gelitten hat, kann zur Wiege für eine neue internationale radikal-nationalistische Organisation werden, deren Zielsetzung in der Desintegration Russlands als multinationalem Staat und der Gründung »europäischer nationenorientierter« Staaten an seiner Stelle besteht.

Das Treffen wurde in zeitlicher Nähe zum siebzigsten Jahrestag des Sieges über den Nazismus abgehalten. Wir sind der Ansicht, dass dies das Andenken an dessen Opfer, das Andenken an die Soldaten der Roten Armee, die ihr Leben im Kampf gegen die braune Pest gaben, beleidigt. Wir sind besorgt über die Teilnahme einiger führender russischer Politiker, die es für angemessen hielten, Mitglieder des »national-konservativen Forums« zu unterstützen.

Während wir das demokratische Prinzip der Versammlungs- und Redefreiheit hochhalten, verurteilen wir als die IHRM »Welt ohne Nazis« dieses Treffen. Wir mahnen die Regierung der Russischen Föderation und den Vorstand der Partei Einiges Russland, die politische Verantwortung von einigen ihrer Mitglieder und Abgeordneten der Staatsduma, die an dem internationalen Nationalistenkongress in St. Petersburg teilgenommen haben, zu bedenken. Wir schlagen auch vor, dass die Stadtverwaltung von St. Petersburg ein internationales antifaschistisches Forum erwägt, um den siebzigsten Jahrestag des Großen Sieges über den Nazismus in diesem Jahr zu begehen.

Exil der Schwestern Úriz Pi

geschrieben von Peter Steglich

22. April 2015

Eine Ausstellung über spanische Emigranten in der DDR

 

Im März wurden zahlreiche Besucherinnen und Besucher im spanischen Instituto Cervantes in Berlin Augen- und Ohrenzeugen einer eindrucksvollen und höchst bemerkenswerten Veranstaltung. Eindrucksvoll deshalb, weil dem Publikum das Leben zweier Schwestern aus Spanien – sorgfältig aufgearbeitet und mit zu Herzen gehender Wärme – nahe gebracht wurde, deren Schicksal als Exilantinnen bis dahin nur einem kleinen Kreis der im Saal Anwesenden bekannt gewesen sein dürfte. Die Namen dieser aufrechten Frauen: Pepita und Elisa Úriz Pi, In ihrer spanischen Heimat wirkten sie als geachtete Pädagoginnen, anerkannte Reformerinnen des Erziehungs- und Bildungswesens und in der spanischen Republik galt ihre Kraft als Politikerinnen der Neugestaltung der pädagogischen Arbeit. Beide Schwestern setzten sich als Mitglieder der Kommunistischen Partei und Aktivistinnen der demokratischen Frauenbewegung in ihrem Lande für die Rechte von Frauen und Kindern ein. In Frankreich, dem ersten Land des Exils von Pepita und Elisa, kämpften sie weiter gegen das Franco-Regime. Sie konzentrierten sich in ihrer antifaschistischen Tätigkeit auf die Hilfe für spanische Lehrerinnen und Lehrer in den Flüchtlingslagern der französischen Exilheimat. Nach dem Überfall und der Besetzung Frankreichs durch Nazideutschland arbeiteten sie mit daran, die vor dem Franco-Regime geflohenen spanischen Flüchtlinge in den Kampf der Résistance einzubeziehen. Später, in ihrem zweiten Exilland, der DDR, galt ihr Kampf sowohl der Weiterführung des antifaschistischen Widerstandes gegen das faschistische Regime in Spanien als auch ihrem Wirken in internationalen Organisationen, vor allem der Internationalen Demokratischen Frauenföderation mit Sitz in Berlin. Sie blieben damit ihrem Lebensthema treu, nämlich der Arbeit für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen und Kindern. Diese Arbeit wurde nach dem Tode Pepitas in Berlin von Elisa weitergeführt.

Bemerkenswert war dieser Abend im Instituto Cervantes aber auch aus einem anderen Grund. Das Büro des Bürgermeisters von Badostain, der Heimat von Elisa und Pepita, sowie die Gemeindeverwaltung des nächst größeren kommunalen Verwaltungsgebietes »Valle de Egües« in Navarra unterstützten die Initiative und Forschungsarbeit des Schriftstellers und Journalisten Manuel Martorell. Mit ihm gemeinsam hat sich eine kleine Gruppe engagierter Frauen und Männer aus Spanien und Deutschland der Aufgabe gestellt, mit dieser Ausstellung an das Leben zweier Antifaschistinnen zu erinnern. Im Zuge der berüchtigten geheimen »Operation Bolero-Paprika«, die von der französischen Regierung und Franco-Regierung in Szene gesetzt wurde, um spanische Kommunisten und Antifaschisten aus Frankreich auszuweisen, wurden beide Schwestern 1951 in die DDR, also auf die andere Seite des »Eisernen Vorhangs« abgeschoben. Eine in der Ausstellung dokumentierte Zusammenkunft von Aktivistinnen der spanischen Frauenunion mit Dolores Ibarruri, der Symbolfigur des spanischen Widerstandes gegen den Faschismus, lässt ahnen, dass solche Begegnungen den Exilspaniern Kraft, Mut und Optimismus für das Leben unter nicht einfachen Bedingungen gaben..

Elisa und Pepita nutzten die Jahre ihres Exils in der DDR auch, die sich entwickelnde neue Welt nicht nur auf einem Teil deutschen Bodens sondern auch anderswo kennen zu lernen. Sie besuchten Leningrad, heute St. Petersburg, und trafen sich dort mit spanischen Kindern. Auch darüber berichtet die Ausstellung. Sie dokumentiert, dass in der DDR nicht wenig getan wurde, den spanischen Exilanten zur Seite zu stehen, wissend, dass ihnen die wirkliche und geliebte Heimat nicht ersetzt werden konnte. Beiden Schwestern war es, gleich anderen ihrer Landsleute, nicht vergönnt, ihren Traum zu verwirklichen, nach Spanien zurückzukehren

Alle an diesem Abend im Instituto Cervantes Anwesenden, haben mit Freude zur Kenntnis genommen, auf welche Weise das offizielle Spanien an der Würdigung von Pepita und Elisa mitgewirkt hat. Der Botschafter des Königreichs Spanien lud aus diesem Anlass am Tage der Eröffnung Spanier und Deutsche zu einer Begegnung in die Botschaft ein. Der kleine Ort Badostein, wie die Gemeindeverwaltung vom Valle de Egües, waren durch die Chefs ihrer kommunalen Körperschaften vertreten. Diese Gesten von Hochachtung gegenüber zwei spanischen Antifaschistinnen sollten gewürdigt und mit Dank aufgenommen werden. Nicht immer sind es spektakuläre Aktionen, die Wirkung erzielen. Der Abend im Instituto Cervantes hat gezeigt, dass menschliche Größe auch im »kleinen Format« von Wert ist.

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