Ohne Hoffnung auf Verstand

geschrieben von Thomas Willms

22. April 2015

Bandera und die Geschichte des ukrainischen Nationalismus

 

Hätte man die monumentale, tiefschürfende und quellengesättigte Darstellung der Geschichte des ukrainischen Nationalismus des in Polen geborenen und in Berlin lebenden Historikers Rossolinski-Liebe schon 2013 gekannt, hätte man sich über den kurz danach ausgebrochenen ukrainischen Bürgerkrieg nicht mehr gewundert, sondern ihn vielmehr erwartet. Das Werk endet nämlich mit der detaillierten Auflistung von Denkmalserrichtungen für Stepan Bandera einerseits und solchen für die Opfer der von ihm angeführten »Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) andererseits. Die Ortsnamen für letzteres heißen Simferopol und Luhansk, für erstere Kiev und Orte westlich davon.

Grzegorz Rossoliński-Liebe: Stepan Bandera. The Life and Afterlife of a Ukrainian Nationalist. Fascism, Genocide and Cult, Stuttgart 2014, 652 Seiten, 39,95 €

Grzegorz Rossoliński-Liebe: Stepan Bandera. The Life and Afterlife of a Ukrainian Nationalist. Fascism, Genocide and Cult, Stuttgart 2014, 652 Seiten, 39,95 €

Ausgehend von einer terroristischen Vorläuferorganisation entwickelte sich die OUN auf dem Gebiet des Zwischenkriegs-Polens, der sogenannten »Zweiten Republik«, dem damals die westlichen (galizischen) Teile der heutigen Ukraine zugehörig waren. Dieses Polen ist heute völlig vergessen und nur noch schwer vorstellbar. Es war ein Vielvölkerstaat, seiner eigenen Grenzen und inneren Verfasstheit unsicher, stark orientiert auf den Staatsgründer, Marschall Józef Piłsudski. Nach dessen Tod 1935 ging der Weg dieses Staates nach rechts und der in seinen Grenzen operierenden OUN noch viel mehr. Wenn überhaupt eine der zahlreichen faschistischen Organisationen Europas den Vergleich mit der NS-Bewegung aufnehmen konnte, dann sie. Ihr Ziel war die gewaltsame Gründung eines ukrainischen Staates unter ganz bestimmten Vorgaben. Die Staatsgründung sollte einhergehen mit einer »Säuberung« von Polen, Juden und Russen als Voraussetzung zur Reinheit der »ukrainischen Rasse«. Einzige politische Kraft sollte die OUN unter ihrem »Providnyk« (Führer) Stepan Bandera sein. In der zweiten Hälfte der 30er Jahre entfachte die OUN dafür eine Welle der Gewalt gegen polnische Bauern, Lehrer und Beamte, die vom für ukrainisch deklarierten Land vertrieben werden sollten. Ihre große Stunde schlug jedoch erst mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen und zwei Jahre danach auf die Sowjetunion. Die Deutschen wurden heiß ersehnt, ihr Führer und seine Armee bewundert und die konkrete Zusammenarbeit eingeleitet. Eine Unterstützung der Staatsgründung, wie im Falle der Slowakei und Kroatiens, wurde erwartet. Systematisch bereitete man sich vor und deklarierte im Gefolge der Deutschen in L‘viv am 30. Juni 1941 endlich den erhofften Staat. In den Wochen danach begann man damit, den Deutschen teilweise vorauseilend, in den von den Sowjets verlassenen Gebieten die neue Ordnung zu errichten. Unmittelbarer Ausdruck davon war der Mord insbesondere an Juden, für den man sich gerne festlich ukrainisch-folkloristisch anzog. 1943 führte die Wende des Krieges zur höchsten Entfaltung der OUN und zur Gründung der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) und ihres Geheimdienstes SB. Von den Deutschen ohnehin enttäuscht – Bandera selbst wurde im KZ Sachsenhausen in »Ehrenhaft« interniert – die gar nicht daran dachten, irgendeinen anderen Nationalismus wirklich zu fördern, erwartete die OUN nunmehr die Niederlage Hitlers. Die Zeit bis dahin nutzte man, im Staatsgebiet nun selbst im Stil der deutschen Einsatzgruppen, Polen und überlebende Juden auszurotten. Massenhaft wurden entsetzliche sadistische Verbrechen verübt, 70.-100.000 Polen oder für »polnisch« Erklärte umgebracht.

1945 erzwangen die Sowjetunion und die von ihr neugegründete polnische Volksrepublik einen massenhaften Bevölkerungsaustausch. Paradoxerweise hatte der moskowitische Urfeind der OUN damit den zweiten bevölkerungspolitischen Traum der OUN erfüllt, nachdem die Deutschen die Juden in Galizien nahezu ausgelöscht hatten. Es blieb als drittes, die Vertreibung der Russen in die Wege zu leiten, was die OUN/UPA/SB auf sowjetischem Territorium bis Anfang der 50er Jahre in einem extrem grausamen Guerilla-Krieg zu verwirklichen suchte. Währenddessen flutete ein beträchtlicher Teil der Kader mit den Deutschen nach Westen, emigrierte danach ins westliche Ausland oder blieb in Bayern. Der Providnyk und seine Gefolgschaft vereinigten sich in München wieder. In der bayrischen Diaspora spalteten sich die Nationalistengruppen und bekämpften sich mit Entführungen, Folter und Mord gegenseitig. Von etwa 100 Toten gehen die Polizei-Unterlagen aus, was westliche Geheimdienste jedoch nicht hinderte, die Szene zu finanzieren und auszunutzen. Die Ermordung Banderas durch den sowjetischen Geheimdienst 1959 machte ihn endgültig zum Märtyrer und Helden der antikommunistischen Diaspora, die nie die Hoffnung auf den Zusammenbruch der UdSSR aufgab. Zögerlich, beginnend ab Ende der 1980er Jahre und in triumphaler Form nach 1991 wurde der Bandera-Kult in die Heimat reimportiert und kam doch nicht viel weiter als bis Kiev.

In den letzten Kapiteln des Buches werden die Namen von Politikern und Organisationen, die R.L. nennt, immer gegenwärtiger. Für und wider Bandera zu sein, den gewissenlosen und eiskalten Demagogen, der in seltsamer Umkehrung der Sowjetterminologie zum »Helden der Ukraine« erklärt wurde, geriet zum Erkennungszeichen der Gesinnung. Danach kam nur noch der Bürgerkrieg. Man muss dankbar sein für dieses Buch.

Heiliger Kampf gegen Dummheit

geschrieben von Janka Kluge

20. April 2015

Zum Kriminalroman »Der Verdacht« von Friedrich Dürrenmatt

 

Das Buch »Der Verdacht« von Friedrich Dürrenmatt gehört mit zu den ersten literarischen Verarbeitungen des Holocaust. Friedrich Dürrenmatt hat den Roman in den Jahren 1951/1952 in der Zeitschrift »Der Schweizer Beobachter« veröffentlicht. Nach Angaben des Verlags handelt es sich bei dem Buch um einen Kriminalroman. Das stimmt nur teilweise, der Roman hat auch Ansätze zu einer Parabel.

Friedrich Dürrenmatt »Der Verdacht« Diogenes Verlag, Zürich, 8.90 EUR

Friedrich Dürrenmatt »Der Verdacht« Diogenes Verlag, Zürich, 8.90 EUR

Die Geschichte ist schnell erzählt. Der Berner Kommissär Bärlach steht kurz vor der Pensionierung und liegt schwer erkrankt in einem Krankenhaus. Dort liest er in einer alten Ausgabe des Magazins »Life« einen Artikel über einen Arzt aus dem Konzentrationslager Stutthof. Dort hat dieser sadistische Arzt namens Nehle Häftlinge ohne Narkose operiert.

Als der behandelnde Arzt und Freund Bärlachs, Hungertobel, die Photographie auf dem Bett sieht, erbleicht er. Das Foto erinnere ihn an seinen Studienkollegen Emmenberger. Der wanderte 1932 nach Deutschland und später nach Chile aus. Erst nach 1945 sei Emmenberger zurück in die Schweiz gekommen und leite seitdem ein Krankenhaus für reiche Schweizer. Obwohl Hungertobel beteuert, dass es sich bei dem Bild um keinen Fall um seinen Studienkollegen handeln könne, da dieser ja in Chile war, ist dass Misstrauen Bärlachs geweckt und der Verdacht da.

Als ihn sein Vorgesetzter besucht, um ihm seine Pensionierung mitzuteilen, bittet er ihn um einen letzten Gefallen. Er solle beim internationalen Dienst zu Nehle nachfragen, »ob er noch in einem Gefängnis lebe, oder was sonst aus ihm geworden sei« Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Nehle sei am zehnten August 1945 in einem Hamburger Hotel tot aufgefunden worden. Er habe sich, so stand es in den offiziellen Unterlagen, vergiftet.

Kommissär Bärlach gibt sich aber mit dieser Auskunft nicht zufrieden. Er lässt nach einem Holocaustüberlebenden mit dem Namen Gulliver schicken. Hier wird der Kriminalfall zu einer Parabel. Gulliver wurde von Nehle in Stutthof ohne Narkose operiert. Er gehört zu den wenigen, die diese Tortur überlebt haben. Als Belohnung hatte ihm Nele versprochen, ihn in ein anderes KZ verlegen zu lassen. Auf dem Todesmarsch von Stutthof wird er zusammen mit anderen Häftlingen niedergeschossen, überlebt aber schwerverletzt und kann sich retten. Er erzählt Bärlach: » (…) und als ich mich nach Stunden blutüberströmt unter den Flieder verkriechen konnte, der nicht weit davon blühte, so daß mich das Kommando, welches das Ganze zuschaufelte, übersah, habe ich geschworen, von nun an immer diese armselige Existenz eines geschändeten und geprügelten Stücks Vieh zu führen, wenn es schon Gott gefalle, dass wir in diesem Jahrhundert oft wie die Tiere zu leben haben.« Gulliver lebt in Kellern und auf Friedhöfen und reist »in jedes Land wo es noch gemarterte Juden gibt«. Er ist das Abbild des ewig reisenden Juden, der aber gleichzeitig zum Rächer wird.

Im zweiten Teil des Romans begibt sich Bärlach unter falschem Namen in die Klinik von Emmenberger. Davor hat er einen Journalisten, der früher mit seiner Zeitung für eine bessere Welt gekämpft hat, darum gebeten, in einem Artikel zu schreiben, dass die Polizei kurz davor sei, einen verbrecherischen KZ-Arzt zu verhaften, der jetzt in der Schweiz ein Sanatorium für Reiche leitet.

In dem Sanatorium wird er schnell enttarnt. Von dem Wunsch getrieben, den Verbrecher zu verhaften, beginnt er unter Morphium und ans Bett gefesselt zuerst die Ärztin Dr. Marlok und dann Dr. Emminger in Gespräche zu verwickeln. Es entwickeln sich philosophische Gespräche, die auch heute noch spannend zu lesen sind. Die Ärztin Dr. Marlok war früher Kommunistin. »Mein Glaube war groß, so groß, daß ich nicht verzweifelte, als ich in das Elend der russischen Massen einging. (…) Als ich jedoch eines Morgens nach wochenlanger Fahrt in irgendeinem Viehwagen von Sibirien her von russischen Soldaten tief im Winter des Jahres vierzig, mitten in einer Schar zerlumpter Gestalten über eine jämmerliche Holzbrücke getrieben wurde (…) und als uns am anderen Ufer die aus den Morgennebel tauchenden schwarzen Gestalten der SS in Empfang nahmen begriff ich den Verrat.«

Dr. Emminger, der weder Mitglied der NSDAP noch der SS war, betont in seinen Auslassungen: »Ich wagte es, ich selbst zu sein und nichts außerdem, ich gab mich dem hin was mich frei machte, dem Mord und der Folter, denn wenn ich einen anderen Menschen töte (::) wenn ich mich außerhalbjeder Menschenordnung stelle, die unsere Schwäche errichtete, werde ich frei.«

Friedrich Dürrenmatt hat seine eigene Anschauung Bärlach in den Mund gelegt, als dieser sagt: »Der Kampf gegen die Dummheit und des Egoismus der Menschen war seit jeher schwer und kostspielig, und mit Armut verbunden und mit der Demütigung, aber er ist ein heiliger Kampf, der nicht mit jammern, sondern mit Würde ausgefochten werden muss.«

Es sei noch gesagt, dass der Roman am Schluss gutausgeht, Gulliver taucht, durch die Fragen von Bärlach alarmiert, im Spital auf und bringt Emminger und Marlok um. Ein interessantes Zeitdokument- auch für heutige Leser.

Der unbestimmte Modus

geschrieben von Thomas Willms

20. April 2015

Die Sprache der Band »Bandbreite«

 

Gegen Auftritte der Band »Bandbreite« zu demonstrieren, ist notwendig, aber sicher kein schönes Erlebnis. Mit großer Regelmäßigkeit wird man dann nämlich zum hilflosen Adressaten eines mikrofonverstärkten Redebeitrages des Rappers Wojna. Danach ist einem gewiss ein wenig übel, wie nach dem Genuss einer Pilzmahlzeit, bei der irgendetwas schiefgegangen ist. Wojna genießt diese Situationen. Rapper gibt es natürlich, wie bei allen Kunstformen, so´ne und solche. Wojna wendet aber Rapper-typisches unheilvoll ins Politische.

Bandbreite-Reflexion

Als Künstler kommt er aus der Welt der »battle-raps«, Improvisations-Wortwettkämpfen, in denen es darum geht, den Konkurrenten zu »dissen«, ihn öffentlich gekonnt zu demütigen, zu beleidigen und vorzuführen, seine Glaubwürdigkeit zu zerstören und sich gleichzeitig selbst aufzuwerten. Was, wie beim Sport, die symbolische Bändigung von Gewalt sein könnte, endet in Los Angeles auch schon mal in einer Schießerei, oder kann, wie bei Wojna, zur politischen Waffe werden.

Es wundert nicht, dass diese Fertigkeiten des leidlich hübschen jungen Mannes in politischen Szenen, in der sich häufig hölzerne Redebeiträge immer noch mit zur Klampfe gesungenen Liedern ablösen, als modern, dynamisch und attraktiv gelten. Doch wenn das gesprochene Wort derart im Mittelpunkt der Akt-ion steht, was ist dann dessen Inhalt? Bei Wojnas Sprache lassen sich drei Bereiche erkennen, die zum besseren Verstehen hier separiert werden sollen, in der Realität aber völlig vermischt auftreten.

Auffällig ist zunächst der häufige Gebrauch von »–ismen« wie »Imperialismus«, »Faschismus«, »Zionismus«, »Antifaschismus«, gerne auch als Ausruf: »Faschist!«, »Zionist!« usw. . Sie entstammen überwiegend, aber nicht nur, dem Vokabular der politischen Linken. Eindeutig sind sie aber nicht, sondern vielfach ideologisch aufgeladen. Man tut gut daran, Wojnas »-ismen« mit demselben Misstrauen zu begegnen, das ein Missionar im vergangenen Jahrhundert vernünftigerweise den – mit eindeutigen Gesten der Nahrungsaufnahme verbundenen –Äußerungen von Angehörigen eines unbekannten Volksstammes in Neuguinea entgegenbrachte. Schließlich war nicht klar, ob man Anlass oder Gegenstand eines Festmahles werden würde.

Besonders beliebt ist bei Wojna – und den anderen, die zur Zeit über Mahnwachen-Gegner herziehen – der Ausruf »Antideutscher!«. Dieser Vorwurf hat einen Vorteil, den z.B. auch der NKWD schon zu nutzen wusste: die geheimen Netzwerke »polnischer Agenten«, »trotzkistischer Verschwörer« oder heute »antideutscher Spalter« existieren schlicht nicht und können gerade deshalb umso leichter dämonisiert werden.

Wojnas »-ismen« sind eingebettet in einen unspezifischen Sprachmodus, der auf das Unterbewusste zielt. Dieser ist an sich weder gut noch schlecht. Die Methode findet Verwendung in Therapien, Motivationsreden oder Berufsberatungen und gehört bei Pfarrern geradezu zum Berufsbild. Missbraucht und zum Nachteil der Zuhörer verwendet wird er gerne von Börsengurus, Sektenführern oder politischen Demagogen. Man kann ihn lernen, z.B. beim Studium des NLP, dem neurolinguistischen Programmieren.

In diesem Modus werden bevorzugt Komparative (tiefer, leichter, schwerer), Universalquantoren (jeder, alle, immer, usw.), allgemeine Urteile (»es ist falsch«, »es ist gut«), Adverbien der Zeit (schon, immer noch, sobald), indirekte Fragen (»Ich frage mich, was du als nächstes tun willst…«) und viele andere Techniken angewendet. Der Effekt ist, dass es dem Zuhörer überlassen wird, fehlende Informationen selbst zu finden und eine passende Bedeutung zu entwickeln. Bleibt der Sprecher in diesem einen Modus, weiß man gar nicht, was er eigentlich wirklich meint.

Wie leicht man so in die Irre geführt werden kann, zeigt das Beispiel Xavier Naidoos. »Dieser Weg wird kein leichter sein…« zu dem unsereins früher so gerne schwelgte, war von ihm doch ganz anders gemeint, wie sich herausgestellt hat: dieser Weg führte ihn nämlich direkt zu den Reichsbürgern.

Die wirkliche Wahrheit Wojnas, seine Weltsicht, seine Analyse und seine Feindbilder, werden dann kenntlich, wenn man bei seinen Texten den Kontermodus zur unspezifischen Sprache anwendet, den man aus gutem Journalismus kennt. »Wer, wer genau, wann, wie, was genau« ist zu fragen oder auch »Woran erkannt man, dass…?«, »Woher weiß man, dass…?

Kritisch auseinandergenommen bleibt an echten Inhalten bei Wojnas Songs und Redebeiträgen sehr wenig übrig. Es sind in erster Linie Selbstgratulationen, Schuldzuweisungen und Feinderklärungen schlichterer Art. Es geht um das Bündel aus »denen da oben, den Amerikanern und der Lügenpresse«, von dem man sich genauso gut auf Pegida-Kundgebungen berichten lassen kann.

Die Leichtigkeit und Nachhaltigkeit mit der ein zynischer Demagoge wie Wojna gleichzeitig neben zahllosen Rechts-Kontakten in Kreise einbricht, die sich selbstverständlich für kritisch und fortschrittlich halten, ist erschütternd. Lernen kann man aber daraus, dass von den ganz einfachen Antworten auf schwierige Fragen dringend Abschied genommen werden muss.

Widerstand und Widersprüche

geschrieben von Hans Rentmeister

20. April 2015

Ein Roman über eine antifaschistischen Familie

 

Zögernd forschen und berichten heute Angehörige der zweiten Generation über das Leben, den Kampf und die Leiden ihrer Familienangehörigen während des Faschismus. Die Autorin und ihr Ehemann gehören zu dieser zweiten Generation. Christel Weiß versucht, einseitigen Betrachtungen auf anspruchsvolle Weise zu widersprechen. Anhand der eigenen Familiengeschichte schildert sie in ihrem Roman die Zeit vom Beginn des vorigen Jahrhunderts bis 1945. Basis der Handlung sind real existierende Personen wie Fritz und Lea Große, Albert Hähnel, Rudolf Harlaß, Edith und Kurt Kretzschmar, Max Müller, Lilli und Jakob Segal, Curt Wach. Diese realen Protagonisten werden mit fiktiven Personen und Handlungen verknüpft. So kann die Form einer strengen Dokumentation gesprengt und eine spannende Handlung entwickelt werden.

Da war nicht nur einer… eine proletarische Familien-Saga Roman von Christel Weiß, 2015, BS-Verlag-Rostock, ISBN 978-3-86785-321-7, Preis 19,90€

Da war nicht nur einer… eine proletarische Familien-Saga
Roman von Christel Weiß, 2015,
BS-Verlag-Rostock, ISBN 978-3-86785-321-7, Preis 19,90€

Komplexe historische und politische Abläufe auf der Basis gründlich recherchierter Fakten werden bildhaft, ohne die üblichen Standardbegriffe in die Handlung eingefügt.

Erlebbar wird, wie sich die Masse des deutschen Volkes in das faschistische Regime integrierte und es in nicht unerheblichem Maße aktiv trug. Bohrend wiederholen sich im Roman die Fragen: Wie konnte ein Volk, unabhängig von Herkunft und Bildungsgrad, einem solchen menschenverachtendem Regime folgen? Warum zeigten die Aufklärungsversuche der Antifaschisten so wenig Erfolg? Diese Fragen sind nicht nur historische Fragen. Es sind Fragen der jüngeren Geschichte und Gegenwart.

Der Roman führt uns in eine Proletarierfamilie aus dem Erzgebirge, die später vor allem in Chemnitz gewirkt hat. Ein paralleler Handlungsort ist Berlin in den 30er Jahren bis zur Befreiung 1945. Plastisch wird das Leben und die Armut der ›einfachen‹ Menschen im Erzgebirgischen und Sächsischen dargestellt. So gut, dass es nicht nur Lehrenden sondern auch Lokalhistorikern als Bild dienen könnte. Auf diese Weise werden Wurzeln der Klassenkämpfe in dieser Zeit sichtbar. Aus dem Kampf um ein bisschen mehr sozialer Gerechtigkeit entwickelte sich das politische Engagement der Romanfiguren, das bei jenen mit stabilen moralischen Werten und gesundem Menschenverstand zwangsläufig in ein Engagement gegen die Nazis mündete.

Der Kampf der aktiven Nazigegner im Roman begann in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und reicht bis zur Befreiung 1945. Es sind Gewerkschafter, Kommunisten, Sozialdemokraten, atheistische Juden, Christen usw. Es gibt keine Fokussierung auf eine bestimmte Partei oder Organisation. Wenn auch zahlenmäßig klein, so doch breit im sozialen Spektrum wäre das Handeln dieser Nazigegner unter zivilisatorischen Umständen nicht spektakulär. In jener Zeit aber war ein solcher Widerstand nicht weniger lebensgefährlich als etwa Attentatsversuche. Wie das Buch zeigt, führte er zu schwersten persönlichen Konsequenzen auch für die Familie, bis hin zu den minderjährigen Kindern. Der Roman schildert anschaulich die Illegale Arbeit aber auch Denunziation, KZ und die Repressalien der Nazis, bis hin zum Todesurteil für mehrere Familienangehörige. Familiärer Zusammenhalt und die Solidarität Außenstehender lässt die Familie die schweren Eingriffe in ihr Leben überstehen.

Ein Großteil der Opfer des Faschismus ist nach der Befreiung zur Tagesordnung, d.h. zum Ringen um das Überleben und für eine bessere Zukunft, übergegangen. Erinnerungen aufzuschreiben, war nicht ihre Sache. Aber ihre Erfahrungen darüber, wie es zum Faschismus kam, wie es unter ihm war und wie sich einige gewehrt haben, sind brandaktuell. Faschistischer Ungeist beeinflusst immer noch bzw. erneut deutsches und europäisches Leben. Geschichte wird in der BRD verfälscht, in dem man die Leiden auf einige wenige, dem Zeitgeist genehme Opfergruppen und Personen reduziert, Opferhierarchien schafft und einige Gruppen marginalisiert. So entstehen neue Geschichtslügen.

Der Roman versteht sich daher nicht nur als Geschichts- und Geschichtenbuch, als Denkmal für Menschen, die es verdient haben. Man erkennt das an den eingeflochtenen Passagen, die einen Bezug zu heutigen Ereignissen herstellen. Besonders deutlich wird das im Anhang, wo u.a. aufgelistet wird, welche Namen von Schulen, Straßen, Plätzen, Betrieben usw., die zu DDR-Zeiten nach Antifaschisten benannt wurden, die im Buch eine Rolle spielen, nach 1989 entfernt wurden.

Das Buch »Da war nicht nur einer…« ist jedem Leser, ob jung oder alt, zu empfehlen. Unaufdringlich fordert es auf, gegen jede faschistische Tendenz aktiv zu werden.

Lebensaufgabe: Zeugnis ablegen

geschrieben von Axel Holz

20. April 2015

Uli Rabes Autobiografie ist erschienen

 

Bereits vor einigen Jahren erschien das Buch »Halbjude?« von Ullrich Rabe, dem langjährigen Vorstandsmitglied der VVN-BdA in Mecklenburg-Vorpommern. Darin hatte der Autor seine lebenslange Beschäftigung mit der rassischen Stigmatisierung thematisiert, die ihm die Nazis aufgestempelt hatten. Nur durch eigene Initiative und Glück war Ullrich Rabe den Nazis zum Kriegsende in ein Kriegsgefangenenlager der Alliierten entkommen, wo er den Tag der Befreiung erlebte, als US-amerikanische und marokkanische Wach-Truppen mit Schüssen in die Luft den Sieg über das Nazi-Regime feierten. Als sogenannter Halb-Jude überlebte er die rassische Verfolgung – anders als sechzehn seiner ermordeten jüdischen Verwandten, wurde in der Organisation Todt dienstverpflichtet und musste im besetzten Frankreich schwere Aufräumarbeiten nach alliierten Luftangriffen durchführen. Anders als in seinem früheren Buch beschreibt er in seiner Autobiografie diesmal nicht nur seinen schwierigen Lebensweg aus einer jüdischen bürgerlichen Arzt-Familie durch die Ausgrenzungen und Bedrohungen der Nazi-Zeit, sondern auch seinen Weg in eine neue Gesellschaft, die ihm Bildung, berufliche Perspektiven und gesellschaftliche Anerkennung zukommen lies. Dieser Weg führte ihn vom Betriebsschlosser über den Ingenieur für Schweißtechnik zum Institutsleiter und Wissenschaftsattaché der DDR in Tokio bis zum Dozenten an der Hochschule für Seefahrt in Rostock. Ullrich Rabe hat sich u.a. auch an ein Tabuthema gewagt, das viele Opfer des Nazi-Regimes ihr Leben lang weiter begleitet hat. Wie gingen die Menschen, die unter der Nazi-Herrschaft ihre Mitbürger ausgrenzten oder dies stillschweigend in Kauf nahmen, nun mit ihm und seiner Familie um? Und wie gelang es ihm zusammen mit seiner Familie, mit den Traumatisierungen des Faschismus fertig zu werden, mit der erlebten Ausgrenzung, mit der politisch gewollten Entmündigung und Entrechtung?

In seinem neuen Buch beschreibt der Autor, wie ihm mit neun Jahren als nichts ahnendem Jungen von seinem Klassenkameraden das Stigma »Jude« aufgeprägt wird. Sein weiteres Leben und das seiner Familie werden nun durch die Rassegesetze und die Rassenhetze der Nazis bestimmt, so dass er sich schließlich das Abitur illegal erschleichen muss. Besonders hart trifft ihn die Isolation durch Klassenkameraden und die Ausgrenzung im Freundeskreis der Familie. Der Druck der Nazi-Ideologie auf die Bevölkerung wird immer stärker spürbar, aber auch die Erfahrung, wie persönliche Beziehungen Sympathie erhalten können und Schutz ermöglichen. Mit seiner Deportation durch die Organisation Todt erfährt er, wie er als Sklavenarbeiter in Frankreich nur noch als Nummer existiert, erlebt Hunger und willkürliche Erschießungen von Gefangenen in seinem Umfeld. Erst nach einer abenteuerlichen Flucht in die Kriegsgefangenschaft beginnt er, sich wieder als Mensch zu fühlen, muss sich aber Nazi-Offizieren im Kriegsgefangenenlager wiedersetzen, die dort noch immer das Sagen haben. Illegal über die Sektorengrenze zurückgekehrt zu seiner sächsischen Familie, trifft er tatsächlich auf seine Eltern, die den Holocaust überlebt haben und sich in den Neuaufbau des Landes stürzen. Erst dort erfährt er, wie viele seiner Verwandten dieses Glück nicht hatten, weil sie von den Nazis ermordet wurden. Keiner ahnte damals, dass die Rasseideologie der Nazis die Opfer noch lange nach ihrer Befreiung verfolgen würde und die Spur der zerstreuten Überlebenden seiner Familie bis nach Schweden führen sollte. Erst 2012 erfährt Ulrich Rabe, dass über mehrere Etappen dort eine überlebende Cousine gestrandet war, die auch ihren verschollen geglaubten Vater wieder traf, aber wie ihr Vater die schrecklichen Erlebnisse der Nazi-Zeit nicht verarbeiten konnte. Beider Leben endete durch Suizid.

Für Ulrich Rabe war die Ablehnung des Rassebegriffes und jeglicher Diskriminierung eine wichtige Schlussfolgerung für sein Leben. Aber auch der Umgang mit der erlebten Nazi-Ausgrenzung beschäftigt ihn bis heute. Er stößt auf verschiedene Verarbeitungsstrategien. Er erlebt die Fortsetzung der Traumatisierung und die Verzweiflung der Opfer. Er beobachtet bei nicht wenigen Opfern den Beginn eines aktiven, neuen Lebens, das das Erlebte vergessen machen sollte. Doch er selbst entscheidet sich gemeinsam mit vielen anderen für die bewusste Erinnerung und öffentliche Auseinandersetzung mit den Nazi-Verbrechen, ihren Ursachen und seinen persönlichen Erlebnissen in der schlimmsten Zeit der deutschen Geschichte. Zeugnis ablegen – das sollte sein Vermächtnis, sein Lebenssinn werden und das vermittelt seine Autobiografie auf anrührende Weise.

Nackt unter Wölfen – 2015

geschrieben von Gerhard Hoffmann

20. April 2015

Eine ambivalente Erfahrung

 

Siebzig Jahre nach der Befreiung vom deutschen Faschismus und über fünfzig Jahre nach dem Erscheinen eines ersten Films »Nackt unter Wölfen« eine Neuverfilmung zu erarbeiten, verweist auf die nach wie vor beachtenswerte Relevanz des Romans von Bruno Apitz und ist insofern legitim. Nachvollziehen und –empfinden, was in einem faschistischen deutschen Konzentrationslager vor sich ging, in welchen Spannungs- und Konfliktfeldern sich Häftlinge und ihre Peiniger bewegten, wie sich Selbstbehauptung und illegal organisierter Widerstand herausbildeten, welche Ursachen menschliche Größe und menschliches Versagen haben konnten, welche Formen solidarischen Verhaltens sich unter welchen Umständen entwickelten … dürfte für ehemalige Häftlinge möglich gewesen, für Nachkommende ausgeschlossen sein.

Frank Beyer gelang mit dem DEFA-Film von 1963 auch durch die Mitwirkung von Bruno Apitz ein in sich schlüssiges Kunstwerk. Für den neuen Film wurden nicht der Roman, sondern Motive aus dem Roman zugrunde gelegt. So musste es zum Spagat zwischen historischer Wissensvermittlung und Handlungsgeschehen des Romans kommen. Der Handlungsstrang Rettung des dreijährigen jüdischen Jungen ist aufgenommen worden, um den Konflikt »Überleben des Kindes oder Überleben von Tausenden Häftlingen«, einer Lösung zuzuführen. In Andeutungen wird erkennbar, dass der individuelle Einsatz für die Rettung des Kindes wesentlich ist, dass jedoch das Netzwerk organisierten Widerstands Voraussetzung und Bedingung für die Lösung des Grundkonflikts sind. Die Unterbrechung der Handlung durch Rückblenden und dokumentarische Einblendungen mag interessantes filmisches Mittel sein, zerfasert den Film, trotz mancher Berechtigung. Während die Rückblende auf Pippigs Vorleben seine Motivation begründet, bedingungslos für die Rettung des Kindes einzutreten, setzen die historischen Dokumentaraufnahmen Kenntnisse voraus, damit sie als Elemente zur Entwicklung von Spannung verstanden werden können. Den furchtbaren Lageralltag im Kleinen Lager darzustellen, gehört in den Film. Ebenso das Ersäufen und Erschießen im Dorf, beobachtet aus einem Fenster, indem über die Schulter des Beobachtenden geschaut wird. Hier müssen die Zuschauer erkennen, dass von den Filmmachern die Sequenz als Metapher für »wir haben von alledem nichts gewusst« gesetzt wird. Die Pippig, Höfel, Krämer, Bochow, Rose auf der Häftlingsseite und auf der anderen die Schwahl, Kluttig, Zweiling, Mandrill … sind keine Charaktere, sie sind Typen an sich. Die »überbordende Gewalt« (FAZ), der Hang zu naturalistischer Darstellung, verleitet eher zum Abwenden als dazu, Emotionen zu wecken. Eindeutig scheint die immer wieder in Frage gestellte Selbstbefreiung der Häftlinge im KZ Buchenwald dargestellt. Wozu sonst, als zu ihrer Befreiung, hätten sich die Häftlinge bewaffnen und die »Alarmstufe III« ausrufen sollen? Was war das entschlossene Unterbrechen der Stromzufuhr für den Elektrozaun, das Gefangennehmen von SS-Leuten und das Hissen der weißen Flagge? Es war die militärische Aktion zur Selbstbefreiung der Häftlinge aus dem Innern des Lagers, als durch das Heranrücken der amerikanischen III. Armee die äußeren Bedingungen geschaffen wurden. Das Bedrücktsein auf dem Appellplatz am Ende des Films macht deutlich, dass das Freisein, für manchen nach zwölf Jahren Haft, nicht einfach zu verarbeiten ist. Tatsächlich organisierten die Häftlinge die Übergabe des Lagers an die Amerikaner, bereiteten u. a. das Totengedenken am 19. April 1945 und den Schwur von Buchenwald vor und am Abend dieses Tages gab die inzwischen legalisierte Bigband ein Jazzkonzert (Jorge Semprún: Überlebensübungen. 2013). Mehr als fünfzig Jahre nach dem DEFA-Film ist für fünf Millionen Euro ein Film gemacht worden, aufwändig, mit modernen Mitteln, auf dem heutigen Wissensstand, angepasst an neue Sehgewohnheiten und natürlich mit dem Blick auf hohe Einschaltquoten. Für Menschen mit historischen Kenntnissen und dem Willen, sich solche anzueignen, sind Zusammenhänge erkennbar. Ob der Film dazu anregt, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen, bleibt offen. Im besten Fall führt er vielleicht zu der Frage, was aus dem als Häftling verkleideten SS-Mann geworden sein könnte, den die GI’s als solchen nicht erkannten und den sie gutwillig laufen ließen. Im allerbesten Fall wird dieser Film dazu animieren, den Roman von Bruno Apitz zu lesen und den Film von Frank Beyer anzusehen.

Nackt unter Wölfen II

geschrieben von Hans Coppi

20. April 2015

Ein bis zum Schluss spannender Film

 

Die erneute Verfilmung von Bruno Apitz´ Bestseller – diesmal als Fernsehproduktion – begleiteten interessierte wie auch ablehnende Erwartungen. Einige fanden, dass es endlich Zeit sei, dass sich das öffentlich rechtliche Fernsehen diesem bewegenden Thema annimmt. Andere äußerten sich skeptisch. Was würde wohl von der Selbstbehauptung der Kommunisten, ihrem Widerstand im Lager und der Selbstbefreiung übrig bleiben?

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Die filmische Inszenierung beruht auf dem heutigen historischen Wissen, und hat fachwissenschaftliche Beratung ebenso einbezogen wie das mündliche Zeugnis von Überlebenden des KZ Buchenwald. Ein wichtiger Ausgangspunkt war die Wieder- und Neuentdeckung des Romans »Nackt unter Wölfen«. Der Aufbau Verlag Berlin hatte 2012 eine erweiterte Neuausgabe mit einem sorgfältig recherchierten und erhellenden Nachwort von Susanne Hantke zu historischen und biografischen Hintergründen des Schreib- und Entstehungsprozesses veröffentlicht.

Die Neuverfilmung hat eine eigenständige, neu erfundene fiktive Handlung, ist jedoch angelehnt »an Motiven des Romans«. In das Zentrum gerückt sind Gewissensentscheidungen der Häftlinge in Extremsituationen, erzählt wird von ihrem Ringen um Würde inmitten von Gewalt und der Ungewissheit, ob sie die Befreiung, die Freiheit erleben. Jeder Tag zählt in den letzten zwei Wochen des Lagers. Alles ist möglich, Überleben oder Tod. Die SS und die Häftlinge bereiten sich auf das Ende des Lagers vor. Dies ist der Hintergrund. Im Mittelpunkt des bewegenden Fernsehfilmes steht – wie in Frank Beyers unvergessenen DEFA-Film – die Rettung eines Kindes. Sie steht wie in Brechts Kaukasischem Kreidekreis im Widerstreit zu den eigenen Interessen der Protagonisten. Am 9. November 1954 erlebte das Brecht-Stück seine deutsche Premiere am Berliner Ensemble. Knapp drei Wochen später reichte Bruno Apitz bei der DEFA auf vier Seiten ein erstes Exposé über das Kind in Buchenwald ein. Trotz der Absage begann er im Eigenauftrag an dem Roman zu arbeiten. Bestärkt und begleitet durch Lektoren des Mitteldeutschen Verlages wurde »Nackt unter Wölfen« – zur Überraschung aller Beteiligten – ein Welterfolg.

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Drehbuchautor Stefan Kolditz bleibt am Kern des Romans: Häftlinge, überwiegend Kommunisten, verstecken unter Lebensgefahr ein dreijähriges Kind im KZ Buchenwald. Diese menschliche Entscheidung gefährdet die Vorbereitung des geplanten Aufstandes seitens des Internationalen Lagerkomitees. Inmitten von Chaos und Gewalt, ausgeliefert der Unberechenbarkeit und dem Sadismus der SS, zeigt der berührende Film von Philip Kadelbach in erschütternden Bildern und Dialogen die entstehenden Konflikte in ihren Konsequenzen, für Zuschauer und Schauspieler bis an die Schmerzgrenze. Was passiert, wenn die SS, die bereits etwas ahnt, davon erfährt, dass hinter der Rettungsaktion Kommunisten stehen, die einen Aufstand vorbereiten? Kurz vor Toresschluss nach jahrelangen Torturen noch das eigene Leben riskieren, für ein kleines Kind? Halten alle Genossen durch? Ein spannendes Szenarium, geht es doch bei allen Entscheidungen um das Überleben aller. An der Haltung zu dem Kind offenbaren die Häftlinge bei aller Unterschiedlichkeit ihre moralische Größe oder erleben ihr Scheitern.

Der Film kommt der Realität, dem Leben und Sterben im Lager näher. Nicht nur durch Folterszenen sondern auch durch die Einbeziehung des »Kleinen Lagers«. Im dem zeitweiligen Rückzugsort für den Jungen wird der Zuschauer mit den unvorstellbaren Zuständen, dem ständigen Hunger, dem Hindämmern schon vom Tode gezeichneter Menschen konfrontiert.

Auch wenn der Film dem Zuschauer zu einer differenzierten Sicht auf das Konzentrationslager verhilft, bleibt das politische Selbstverständnis der Protagonisten, das sich in genutzten Handlungsspielräumen äußert, eher im Vagen. Es ist jedoch ein bis zum Schluss spannender Film. Zuspitzung von Dauer baut sich auf, als das Kind von einem polnischen Häftling im Koffer ins KZ geschmuggelt wird. Entlang der Gratwanderung zwischen Vernichtung und Überleben bleibt das zu rettende Kind das Zeichen der Hoffnung auf eine Welt des Friedens und der Freiheit.

In der anschließenden Dokumentation am Abend des 1. April wurde die eher anmaßende Fragestellung »Beschützer der Schwachen oder Handlanger der SS?« unterschiedlich beantwortet. Während Volkhard Knigge, der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, die Rettung vieler Häftlinge und auch der über 900 Kinder durch kommunistischen Häftlinge besonders in der brisanten Endphase des Lagers und auch nach der Befreiung würdigte, bediente Frau Hertewig das Zerrbild der »Roten Kapos« aus den 1990er Jahren.

Die in ihren Rollen überzeugenden überwiegend jungen Schauspieler erklärten, dass die Arbeit an dem Film eine für sie eine wichtige Erfahrung gewesen sei. Das, was sie dargestellt haben, hat stattgefunden und darf nicht dem Vergessen anheim fallen. Der Film erreichte über 5,45 Millionen Zuschauer und war mit 13 Prozent bei jungen Leuten richtig erfolgreich, verkündete die ARD.

»Ein Panzer soll es sein!«

geschrieben von Erika Schwarz und Simone Steppan

20. April 2015

Die Geschichte des Befreiungsdenkmals in Ravensbrück

 

Unweit vom Zentrum der Stadt Fürstenberg an der Havel entfernt, an der Straße der Nationen, die zur Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück führt, kann der Besucher linkerhand einen auf einem Sockel platzierten Panzer nicht übersehen. Eine Steintafel an der angrenzenden Mauer verrät, dass Soldaten und Offiziere der Roten Armee am 30. April 1945 das ehemalige Konzentrationslager befreiten. Die Entstehung des »Panzerdenkmals«, wie die gesamte Anlage umgangssprachlich bald hieß, hat eine Geschichte, die verschieden erzählt wird.

Nachdem das 1945 erschaffene sowjetische Ehrenmal in der Fürstenberger Bahnhofstraße zu Beginn der 1970-er Jahre rekonstruiert worden war, hatten Einwohner 1974/75 die Idee, auch den Befreiern des größten Frauenkonzentrationslagers des »Dritten Reiches« ein eigenes Denkmal zu widmen. Vollendet werden sollte es zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution im November 1977. Da die Errichtung und Gestaltung von Gedenkstätten der Zustimmung des Ministeriums für Kultur der DDR bedurfte, wurden dort die ersten Entwürfe gemeinsam mit Vertretern des Instituts für Denkmalpflege diskutiert. Die zuständigen Partei- und staatlichen Stellen wünschten ein Denkmal mit hoher Symbolik im Rahmen der dafür zur Verfügung stehenden begrenzten finanziellen Mittel. Eine Arbeitsgruppe koordinierte das Vorhaben. Das Institut für Denkmalpflege zeichnete für die künstlerische Gestaltung der Gesamtanlage verantwortlich. Unterstützung sagte eine Panzereinheit der Sowjetarmee aus Drögen zu. Deren Komsomolzen restaurierten ein Sturmgeschütz vom Typ SAU 100 mit einer 100 mm Kanone als zentralen Teil des Monuments, obwohl es keine Panzerverbände waren, die am letzten Tag des April 1945 den Ort des Grauens erreichten, und dort 3.000 zurückgelassene kranke Häftlinge vorfanden, sondern Soldaten eines Pionier–Aufklärungsbataillons der 2. Belorussischen Front.

Erwogen wurden im Sommer 1976 mögliche Standorte. Gedacht wurde an den Parkplatz vor der Gedenkstätte, eine Stelle hinter Fritz Cremers 1964 geschaffener Müttergruppe. Doch dann fiel die Entscheidung auf einen Platz an der Straße zur Gedenkstätte. Geteilte Meinungen gab es unter den Teilnehmern über die Ausrichtung des Panzers, wovon abhing, wohin seine Kanone wies, ob auf den Lebens- und Leidensort der Häftlinge des ehemaligen KZ oder auf die Kaserne der dort zu diesem Zeitpunkt stationierten sowjetischen Soldaten.

Zahlreiche Betriebe aus der Region beteiligten sich an der Finanzierung der Anlage in Höhe von ca. 140.000 DM. Dazu zählten u. a. der Kraftverkehr Oranienburg, die Schuhfabrik Zehdenick und das Möbelwerk Löwenberg.

Am 7. November 1977 fand die Einweihung des Panzerdenkmals wie geplant statt. In den folgenden Jahren wurden dort an wichtigen Feiertagen der DDR und der UdSSR Kränze niedergelegt.

Das Denkmal in Fürstenberg war kein Novum. Schon vorher wurden die sowjetischen Befreier auf diese Art und Weise geehrt. U. a. stehen seit 1945 Panzer vom Typ T 34 in Berlin im Großen Tiergarten und in Zehlendorf. Aber auch später wurden weitere ähnliche Monumente errichtet. Seit 1970 erinnert einer in Kienitz an den 31. Januar 1945, als die Rote Armee an dieser Stelle die Oder überquert hatte. Am 29. April 1980 wurde aus Anlass der Befreiung des Gefängnisses Brandenburg-Görden vor 35 Jahren in der Stadt solch ein Denkmal eingeweiht. Das Fürstenberger überlebte wie alle anderen die sogenannte Wende. Obwohl nicht unter Denkmalschutz gestellt, ist es noch immer ein Zeichen der Erinnerung.

Offizielle Veranstaltungen finden an diesem Ort nicht mehr statt, da es – wiewohl seine Geschichte vom Gegenteil zeugt – als Beweis für den verordneten Antifaschismus abgetan wird.

Nur die »Welt von Gestern«?

geschrieben von Ernst Antoni

20. April 2015

Der Abschied von Europa des Erfolgsschriftstellers Stefan Zweig

 

Als in Salzburg im April 1938 mit den Werken anderer Verfemter auch die Bücher von Stefan Zweig auf dem Residenzplatz in Flammen aufgingen, hatte der österreichische Schriftsteller die Stadt, in der er nach dem Ersten Weltkrieg über ein Jahrzehnt lang gewohnt hatte, bereits seit vier Jahren verlassen. Nicht allein die Stadt. Im Februar 1934 durchsuchte die Polizei des austrofaschistischen Regimes das Haus des damals weltbekannten Erfolgsautors (»Sternstunden der Menschheit«) und bekennenden Pazifisten. Der 1881 in Wien geborene Zweig begab sich daraufhin mit seiner zweiten Frau Charlotte nach England. Es sollte der Anfang eines Exils werden, das für das Ehepaar Zweig 1942 mit einem Doppelselbstmord in Brasilien sein Ende fand.

In Deutschland war Zweig bereits von Anfang der NS-Herrschaft an wegen seiner jüdischen Herkunft verfemt, seine Werke waren verboten und verbrannt worden. Nach dem »Anschluss« Österreichs brannten dann auch in Salzburg und anderswo die Bücher-Scheiterhaufen. Auch die Werke von Stefan Zweig, einem der meistgelesenen Autoren seiner Zeit. In mehr als fünfzig Sprachen waren in den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts vor allem seine Erzählungen und Novellen übersetzt worden. In einem von ihm »Hauptbuch« genannten großformatigen Notizbuch pflegte der Schriftsteller die Weltrechte seiner Bücher aufzulisten. Auch dieses »Hauptbuch« gehört zu den Exponaten einer anrührenden Ausstellung, die zuerst in Wien gezeigt wurde, derzeit in München zu sehen ist und hoffentlich danach noch an weiteren Orten.

Bis Ende vergangenen Jahres machte sie an ihrem Entstehungsort Furore, im Theatermuseum Wien, dessen Vorgängerinstitution, der Theatersammlung der dortigen Nationalbibliothek, der Autor nach seiner Emigration 1937 einen Teil seiner Handschriftensammlung vermacht hatte. »Autographen« aus den Beständen eines Menschen, der gerne und viel korrespondierte mit Autorenkolleginnen und -kollegen und anderen Berühmtheiten aus aller Welt. Handschriftliche Notizen verschiedener Schriftsteller und Publizisten, Bilder mit Widmungen und andere nicht nur historisch interessante Dokumente (neben vielen anderen etwa von Franz Kafka, Joseph Roth, Albert Schweitzer, Maxim Gorki).

Ein Teil dieser Exponate entfaltet durch die Art ihrer Zurschaustellung, durch ihr Arrangement in den Ausstellungsräumen, die besondere emotionale Wirkung, die über das kultur- und literaturhistorische Interessante hinaus uns als heutige Betrachterinnen und Betrachter Anteil nehmen lässt an jenem erzwungenen »Abschied von Europa« des Ehepaares Zweig, vom Aufbruch nach England bis zum tragischen Ende in Brasilien. Sehen wir doch nicht mehr sämtliche Autographen, Fotos, Notizblätter, in Vitrinen und an den Ausstellungswänden, sondern einen großen Teil davon schon hineingeschlichtet in Umzugskartons, abgehängte Bilder lehnen herum: Auszug, Umzug, Exodus… Flankiert wird das von Film-, Bild- und Tondokumentationen mit Information zu Exilstationen, Lebensbedingungen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in den jeweiligen Zufluchtsorten.

Der größte Ausstellungsraum ist ins Halbdunkel getaucht, in der Mitte steht schwach erleuchtet das große Modell eines Gebäudes. Es handelt sich um das 1873 zur damaligen Wiener Weltausstellung eröffnete Luxushotel Métropole, das im März 1938 nach dem »Anschluss« von den Nazis beschlagnahmt, »arisiert« und zur »Gestapo-Leitstelle« umfunktioniert wurde. Mit 842 Beschäftigten, heißt es im Katalog-Lesebuch, das zur Ausstellung erschienen ist, sei sie größer als die »Leitstelle« in Berlin gewesen.

Der faschistische Folterort Hotel Métropole hat eine wichtige Funktion in Stefan Zweigs 1941 entstandener berühmter »Schachnovelle«. Was dort vor sich ging, schildern, bedient man im Umfeld des Hotel-Modells die Audioguides und Videoprojektionen, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die Gefangenschaft und Verhöre überleben konnten. Dunkle, lederne Gestapomäntel an den Wänden des Saales vervollständigen die Inszenierung.

Neben der »Schachnovelle« ist zweiter literarischer Haupt-Bezugspunkt aus dem Werk Zweigs sein Erinnerungsbericht »Die Welt von Gestern«, den er in seinem letzten Lebensjahr fertig gestellt hat. Der durchgängige Exilbezug macht diese Ausstellung so nicht allein zu einem historischen Informationsort. Er eröffnet gerade angesichts der individuellen Schicksale, die in diesem Falle ja nicht von den Ärmsten der Armen handeln und dennoch von zunehmendem Elend und wachsender Verzweiflung, auch wichtige Ansätze zum Verständnis heutiger Flucht- und Exilproblematik.

Aus den Landesvereinigungen und Verbänden

19. April 2015

Hier finden Sie die Beiträge aus dem Verband sowie aus den Landesvereinigungen Baden-Württemberg, Berlin, Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen: AntifaLS_2015_0506_web

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