Der andere Blick

geschrieben von Axel Holz

1. März 2015

Regina Scheers Roman über ein Dorf in Deutschland

 

Mehrere Jahre schrieb Regina Scheer an »Machandel«. Nun liegt ihr erster Roman vor. Machandel ist der plattdeutsche Name für Wacholder. Regina Scheer legt die uralte Geschichte vom Machandelbaum unter ihre Erzählung. Es ist das grausige Grimmsche Märchen, in dem Marlene die Knochen ihres Bruders unterm Machandelbaum vergräbt. Der verwilderte Garten im Phantasiedorf Machandel in der mecklenburgischen Schweiz bringt im Roman die verschiedenen Schicksale eines Jahrhunderts in dieses Dorf zusammen, in dem gleich fünf Ich-Erzählerstimmen ihre Geschichte erzählen. Unter dem Machandelbaum schwingt die Wehmut über die Opfer der Vergangenheit und zugleich die Hoffnung, dass aus dem Zusammentragen der Schicksale wie im Märchen vom Machandelbaum Neues entsteht. Bei jedem Besuch in Machandel wird deutlich, dass die Protagonistin des Romans Clara auf ihre Wurzeln stößt und der Heimatort zum Ort der Begegnung wird – mit der deutschen Vergangenheit, der eigenen Familiengeschichte und sich selbst. Die Heilkraft der Machandel steht stellvertretend für Erinnerung. Genau das versucht Regina Scheers Roman mit Geschichten, die so detailreich und verwoben sind, dass sich darin erkennbar ein Stück jüngere Geschichte widerspiegelt.

Regina Scheer, Machandel, Roman, Verlag Knaus, München, 487 Seiten, 23 Euro

Regina Scheer, Machandel, Roman, Verlag Knaus, München, 487 Seiten, 23 Euro

Dieses Buch ist ein Jahrhundertroman über den Osten, wie ihn schon Uwe Tellkamp mit dem »Turm« oder Eugen Ruge mit »In Zeiten des abnehmenden Lichts« geschrieben haben, aber diesmal von einer Frau verfasst. Ein Roman, der es schwer hatte, einen Verlag zu finden, zu Unrecht bisher kaum im Literaturgeschehen gewürdigt wird, vielleicht weil er einen anderen Blick auf unsere Geschichte wagt. Dieser Blick ist nicht denunziatorisch. Er belässt die Erzähler in ihrer Wahrnehmung, ihren Idealen und Vorstellungen und entfacht in den Familiengeschichten ein ganzes Bündel von Widersprüchen, die wir zu kennen glauben.

Die Haupterzählerin Clara, Jahrgang 1960, forscht zum Machandel-Motiv, findet darin den Traum und Sinn ihres Lebens und findet ihre Herkunft nach und nach mit dem Dorf in der mecklenburgischen Schweiz verbunden. Der kommunistische Vater kam auf dem Todesmarsch vom KZ Sachsenhausen hierher durch seinen tschechischen Mithäftling, dessen Ermordung er nach einem späteren stalinistischen Prozess hinnimmt. Im Ort wohnt auch die Smolensker Zwangsarbeiterin Natalja, die ihre Eltern mit 14 Jahren im Stalinismusdickicht verliert, nach dem Krieg bleibt und nun in Machandel mit ihrem Kind Lena eine neue Heimat findet. Grigori, Vater des Kindes, kommt nach dem Krieg ins Lager, weil er sich als Offizier der Roten Armee nicht den Nazis ergeben durfte. Herbert, der Freund von Claras Bruder, in den Frühzeiten der DDR Kadett in Naumburg, wird Lebensgefährte von Lena, der Tochter Nataljas. Sie, die Schweigsame, fährt mit dem Bücherbus durchs Land und findet nach dem Tod ihrer Mutter den Vater wieder, der nach der Wende mit seiner Familie als Jude nach Deutschland kommt. Der Aufseher Wilhelm aus Machandel scheint in allen Systemen zu Recht zu kommen. Der Nazi-Anhänger missbraucht nicht nur Jugendliche im Dorf. Um sich seines Opfers Marlene zu entledigen, denunziert er es als unwertes Leben, das dann auch auf dem Schweriner Sachsenberg sein mörderisches Ende findet. Nach dem Krieg findet er rasch neue Verwendung bei den Mächtigen. Neben den Geschichten der Elterngeneration erscheinen die der Kinder, von denen sich mancher der Opposition zuwendet, das Land verlässt. Der Sohn des Sachsenhausenhäftlings und späteren Ministers entdeckt für sich die Fotografie, um zu erfahren, dass er einen guten Blick für die Fotografie aber nicht für den Inhalt habe. Die Gründe, die Motive, die Argumente, die Entscheidungen der Beteiligten werden unbewertet offengelegt, zugleich authentisch, erfrischend offen und hin und wieder beklemmend. Das Buch ist keine Aufarbeitungsgeschichte, sondern ein weltoffenes Buch, das in einem vergessenen kleinen Dorf Geschichten und zugleich Weltgeschichte erzählt, die Geschichte eines vergangenen Jahrhunderts, die bereits heute vielen schon so fremd erscheint. Regina Scheer hat mit ihrem Debütroman ein berührendes Zeitdokument vorgelegt und mit ihm Geschichte aus dem letzten Jahrhundert nahehebracht.

Völkische Bienen?

geschrieben von Thomas Willms

1. März 2015

Historisches und Ideologisches aus der Imkerei

 

Macht man es sich vor einem Bienenstock bequem, kann man über kurz oder lang beobachten wie eine alte und schwache Biene von ihren Geschwistern aus dem Stock gezerrt und ins Gras geworfen wird, wo sie oft noch eine Weile mit ihren Beinchen zappelt. Andere Bienen entsorgen sich gleich selbst, indem sie mit letzter Kraft über das Flugbrett kriechen und sich sterbend in den Abgrund stürzen.

Soviel Selbstlosigkeit im Dienste der Gemeinschaft verleitete die deutschen Imker den sozialen Organismus der Honigbiene mit der Bezeichnung »Staat« oder »Volk« zu adeln. Abgelöst wurde damit die noch Ende des 19. Jahrhunderts gängige Bezeichnung »der Bien«, die heute nur von ganz besonders Exzentrischen in der an stark akzentuierten Persönlichkeiten nicht armen Imkerschaft verwendet wird.

Foto: Imker-Einheitsglas mit Reichsadler. Das ist noch nicht lange her.

Foto: Imker-Einheitsglas mit Reichsadler. Das ist noch nicht lange her.

Die Abwehrhaltung gegen ausländische Konkurrenz brachte in den 1920er Jahren die Losung vom »echten deutschen Honig« und das »deutsche Honig-Einheitsglas« mit einschlägig deutschtümelnder Gestaltung hervor.

Die Entwicklung der Imkerei in der Zeit des Nazismus ist laut Auskunft des Deutschen Imkerbundes nicht erforscht. Klar ist, dass die Imkerei wie andere Bereiche gleichgeschaltet, und ein »Bundesführer Reichsgruppe Imker« eingesetzt wurde. Naheliegend ist die Frage nach der »Arisierung« des Besitzes jüdischer Imker. Das Vermögen eines Imkers steckt in seinen Bienen und ist nur im Verkehr mit anderen Imkern in Geld umsetzbar. Außerdem können Bienenvölker nicht einfach mitgenommen werden. Transportabel sind sie nur im Sommer und eigentlich auch nur von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Daraus resultiert eine hohe Erpressbarkeit, sollte ein Imker zur Auswanderung genötigt sein.

Zur gängigen ideologische Metapher für den totalen Staat brachte es das Bienenvolk nicht. Stattdessen kam es zur Verschärfung des Leistungsdenkens in der Imkerei. In Fr. Th. Ottos »Die Grundschule des Imkers« von 1938 heißt es z.B. im Vorwort, die Bienenwirtschaft solle »zum Nutzen unseres Volkes …das herausholen, was möglich ist.« Dazu gehörte, die heimische Bienenrasse (»dunkle Biene«) derart zu dezimieren, dass sie heute nur noch als gefährdete Nutztierrasse vorkommt.

Ein gewisser Härtekult (echter Imker ist man erst, wenn man so oft gestochen wurde, dass es nicht mehr weh tut) und eine Aufopferungsrhetorik (»Er lebte nur für die Bienen.« Zitat aus einem Imker-Nachruf) sind in der stark männlich geprägten Imkerei bis heute geläufig.

Während des Krieges wurde die Imkerei für genügend kriegswichtig gehalten, dass ihr der Rohstoff zur Wintereinfütterung– reiner Zucker – bis ganz zuletzt bereitgestellt wurde. Mit der Niederlage des Deutschen Reiches begann hingegen die dunkle Zeit, wenn es nach den Chroniken der Imkervereine geht. Ohne den vorher vermutlich aus Europa zusammengeraubten Zucker kam es zu einer Bienen-Apokalypse. Die Urangst jedes Imkers, dass das Bienenvolk den Winter nicht überlebt, wurde massenhaft wahr.

Doch damit nicht genug. Ein missglücktes Kreuzungsexperiment führte ungewollt zum Tiefpunkt des Bienen-Ansehens. Der Vormarsch der in Süd-amerika entstandenen und doch recht unangenehmen »Killer-Bienen« schreckte die Öffentlichkeit auf. Kinofilme wie »Terror aus den Wolken« und »Operation Todesstachel« von 1978 taten ihr übriges. Einen nachhaltigen Umschwung, auch bei den Imkervereinen, brachte erst das letzte Jahrzehnt. Heute werden schon vertrauensselige Grundschüler an die Bienenstöcke herangeführt und in die Geheimnisse des Insektenlebens eingeweiht. Insbesondere der erfolgreiche Dokumentarfilm »More than honey« inszenierte die Honigbiene als Globalisierungsopfer. Statt dem Waldsterben gilt die allgemeine Sorge nun dem »Bienensterben« und motiviert Scharen akademischer Hobby-Imkerinnen und Imker (inklusive des Autors) nun die Welt ein bisschen mit dem Stockmeißel retten zu wollen.

Knurrige Alt-Imker wissen manchmal nicht, ob sie sich über das unerwartete frische Blut freuen oder ärgern sollen.

Wen das alles überhaupt nicht interessiert, sind die Honigbienen selbst. Für sie ist der Mensch nichts weiter als ein Hindernis, das es zu umfliegen gilt. Es sei denn, sie halten ihn für ihren Todfeind, den Bären. Und dann wird wie schon immer gestochen, ohne Rücksicht darauf, ob nun böse Kommerzimker oder gute Guckimker am Werk sind.

Was bleibt?

1. März 2015

Gedanken zu einer Ausstellung. Von Regina Girod

 

Eine riesige Menge neugieriger Besucher drängte sich am 23. Januar zur Eröffnung der Fotoausstellung » Lore Krüger Ein Koffer voller Bilder, Fotografien von 1934 bis 1944« in der renommierten Fotogalerie c/o in Berlin. RBB und Deutschlandfunk hatten am Tage mehrfach auf das Ereignis hingewiesen und den ganzen Abend umringten Fotografen und Reporter die Kuratoren –angesichts einer Präsentation von rund einhundert 70 bis 80 Jahre alten Schwarz-Weiß-Fotografien ein ungewöhnlich großes Medieninteresse. Am Wochenende informierte dann sogar die Tagesschau über die Fotoausstellung der »Deutsch-Jüdin« Lore Krüger. Im Vorfeld des 70. Jahrestages der Befreiung von Au-schwitz existierte ein öffentliches Interesse an dieser Ausstellung, um die zwei engagierte Frauen zuvor sechs Jahre kämpfen mussten.

Der Katalog Lore Krüger: Ein Koffer voller Bilder: Fotografien 1934-1944 Herausgegeben vom C/O Berlin Übersetzt von Gillian Morris (deutsch/englisch), Edition Braus, Berlin 2015 168 Seiten, 29,95 Euro

Der Katalog
Lore Krüger: Ein Koffer voller Bilder: Fotografien 1934-1944
Herausgegeben vom C/O Berlin
Übersetzt von Gillian Morris (deutsch/englisch), Edition Braus, Berlin 2015
168 Seiten, 29,95 Euro

Lore Krüger, 1914 als Lore Heinemann in Magdeburg geboren, entstammte einem bürgerlichen Elternhaus mit jüdischen Wurzeln. Gleich nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, verließ sie Deutschland. London, Palma de Mallorca und Barcelona waren die ersten Stationen ihres Exils.1935 ging sie nach Paris und setzte ihre in Barcelona begonnene Ausbildung zur Fotografin bei der Bauhauskünstlerin Florence Henri fort. Lore Krügers Fotos sind seltene Zeitzeugnisse. Sie dokumentieren die Entwicklung einer jungen Frau, der noch alle Wege offen standen, von der politisch engagierten Fotografin bis hin zur Avantgardekünstlerin. Doch die Faschisten zerstörten nicht nur diese Hoffnung. Mit ihrer Flucht in Richtung USA konnte Lore Krüger gerade noch ihr Leben retten.

Eigentlich waren Irja Krätke und Cornelia Bästlein mit Lore Krüger im Gespräch gewesen, die Fotografien aus der Zeit ihrer Emigration zu ihrem 95. Geburtstag zu präsentieren. Doch dann starb Lore und beide fanden lange keine Unterstützer für das Projekt. Umso erfreulicher, dass Lore Krügers Werk nun eine Würdigung erfährt, die sie wohl selbst so nicht erwartet hätte. Denn sie hat ihre Fotos aus Frankreich, Spanien und den USA auf den gefährlichen und ungewissen Wegen ihrer Flucht zwar immer mitgenommen und dann jahrzehntelang in einem Koffer aufbewahrt, doch für historisch oder künstlerisch bedeutsam hielt sie sie nicht. Das mag auch daran liegen, dass Lore Krüger nach ihrer Rückkehr aus den USA in die Sowjetische Besatzungszone aus Krankheitsgründen eine neue Arbeit finden musste, die ihren Kräften und Möglichkeiten entsprach. Sie entdeckte ihre Berufung als Übersetzerin und übertrug fortan Werke von Autoren wie Doris Lessing, Daniel Defoe und Mark Twain für den Aufbauverlag. Und so kannten wir sie dann: als deutsche Stimme von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Als literarische Übersetzerin war Lore Krüger anerkannt. Dass sie in jungen Jahren auch »entartete Kunst mit den Mitteln der Fotografie« geschaffen hatte, hat sie durchaus mit Stolz erzählt. Doch wichtig war es nicht mehr für sie.

Nun sind ihre Fotos öffentlich geworden. Ganz unterschiedliche Aufnahmen, entstanden in den Jahren 1934 bis 1946, werden in der Ausstellung gezeigt. Alles Originale, deren Negative nicht erhalten sind, offensichtlich nur ein schmaler Ausschnitt aus einem Werk, das einmal größer war. Es scheint, als habe Lore von allem etwas retten wollen, was sie als Fotografin versucht und festgehalten hat. So finden sich Stillleben im Stil des Bauhauses und experimentelle Fotogramme aus der Pariser Zeit neben Porträts und Alltagsszenen aus verschiedenen Ländern und Zeiten. Wer Lore Krügers Erinnerungen kennt, weiß, dass sie stolz auf ihre Reportage »Gitanes« war, die 1936 als Auftragsarbeit für eine Agentur aus den USA entstand. Auch für mich sind diese 16 Fotos etwas ganz Besonderes, die eindrucksvollsten Bilder ihrer Schau. Sie zeigen Szenen und Porträts aus dem Wallfahrtsort Saintes-Maries-de la Mer, wo sich im Sommer Sinti und Roma aus ganz Europa trafen und treffen. Lore ist diesen Menschen nahe gekommen. So schöne, lebensvolle Bilder entstehen nur, wenn sich Fotografin und Porträtierte vertrauen. Und natürlich spiegeln sie nicht nur das Leben vor der Kamera, sondern auch die Haltung der Künstlerin dahinter wider. Offenheit und eine große Menschenliebe hat Lore in diese Arbeit eingebracht. Da war sie 22 Jahre alt.

In Paris hat Lore noch eine andere Lebensprägung erfahren. Hier wurde sie Kommunistin. Viele deutsche Emigranten, Intellektuelle, Künstler und Politiker, die vor den Nazis flüchten mussten, lebten in den 30er Jahren in Paris. Im Kontakt mit ihnen fand Lore zum Marxismus und gemeinsam mit französischen und deutschen Kommunisten endlich auch die Möglichkeit, etwas gegen den Faschismus tun. Danach hatte sie gesucht. Unter den neuen Kampfgefährten traf sie auch ihren Mann, den kommunistischen Spanienkämpfer Ernst Krüger. Und dieses Wissen über Lores Leben macht die Ausstellung ihrer frühen Fotos für mich zu Teilen problematisch. Wer den Katalog nicht kennt, verlässt sie in der Überzeugung, das Werk einer bisher unbekannten jüdischen Bauhausfotografin kennengelernt zu haben. Eine »Neuentdeckung«, die nicht nur eine Würdigung enthält, sondern auch eine Abwertung. Eine Abwertung all dessen, was tatsächlich wichtig war in Lores Leben, nämlich Antifaschistin, Internationalistin und Kommunistin zu sein. Das gehörte für sie zusammen und das ist sie immer geblieben

Dafür hat sie ihr Möglichstes getan. Wenn nötig, war sie Hilfskraft, Redakteurin und Übersetzerin in einem, wie bei der Emigrantenzeitung »The German American« in New York. Später hat sie jahrzehntelang für die ehemaligen Häftlingsfrauen des KZ Ravensbrück gedolmetscht und übersetzt. Als nach der Wende in den neuen Bundesländern neue antifaschistische Strukturen entstanden, brachte Lore ihre internationalen Kontakte ein und arbeitete überall mit, ob bei der DRAFD, dem IVVdN oder dem BdA. Auch bei den Spanienkämpfern, die Ihrer Organisation den Namen »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939« gaben, nachdem ihnen Lore von der Gründung eines Vereins mit diesem Namen in Frankreich berichtet hatte.

Vor 20 Jahren sind wir mit Lore nach Frankreich gereist. Sie wollte Gurs noch einmal sehen, das Lager, aus dem sie einst mit Hilfe von französischen Genossen geflüchtet war. Und sie wollte nach Kampfgefährten des deutschen Spanienkämpfers Norbert Kugler suchen, der nach dem Spanienkrieg Offizier in der französischen Résistance gewesen war. Lore hatte alles vorbereitet, korrespondiert, telefoniert und einen Plan aufgestellt. Eine unvergessliche Reise, auch für unseren Sohn, der damals erst elf Jahre war. Gebannt lauschte er den Berichten französischer Männer und Frauen, die Lore nicht nur übersetzen, sondern auch erklären musste. Zurück in Berlin wusste Lore, dass diese Reise in die Vergangenheit auch jungen Menschen etwas geben kann. Und hat sie dann mit über 80 Jahren noch zwei Mal wiederholt – als Bildungstour für junge Antifas aus Friedrichshain. Das war ihr Anspruch: Nicht nur Erfahrungen weiterzugeben, sondern auch Beziehungen zu stiften, in denen dieses Wissen weiter lebt. Und wer hätte das besser gekonnt als sie, die mit so vielen Menschen verbunden war. Wir alle haben Lores exzellente Sprachkenntnisse bewundert. Doch für sie waren sie vor allem eins: Mittel zu dem Zweck, Barrieren abzubauen und Menschen in Beziehungen zu bringen, die sich sonst nicht begegnet wären. Darum ging es ihr ja auch in der Arbeit als literarische Übersetzerin.

Bis ins hohe Alter war Lore eine schöne Frau, schlank und zierlich, das Gesicht umrahmt von dichten weißen Locken. Wenn sie lachte, überschlug sich ihre Stimme. Das war wie ein Markenzeichen, denn Lore lachte oft. Sie war offen, herzlich und charmant, aber auch bestimmt. Als ihre Augen in den letzten Lebensjahren immer schwächer wurden, war das für sie kein Grund, Hilfe anzunehmen. Mit der Bemerkung: »Ich bin schon erwachsen«, beharrte sie auf ihrer Eigenständigkeit, denn so hatte sie gelebt – konsequent und selbstbestimmt. So ist sie ihren Weg gegangen und ihren Idealen von Gerechtigkeit und Menschlichkeit gefolgt. Und so hat sie ihrem kranken Herzen ein bewundernswert erfülltes Leben abgerungen, indem sie tat, was möglich war.

»Lore Krügers Herz schlug immer links«, heißt es lapidar in dem Arte-Film, der im Vorraum ihrer Schau in einer Dauerschleife läuft. Ein Versuch der Übertragung ihrer Lebenshaltung in heutige Begriffe. Er ist nicht falsch. Aber ist er richtig? Wird das ihrem Leben gerecht?

Aus den Landesvereinigungen und Verbänden

28. Februar 2015

Hier finden Sie die Beiträge aus dem Verband sowie aus den Landesvereinigungen Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen:

AntifaLS_2015_0304

Unser Titelbild

4. Februar 2015

Transparent an der Fassade des Münchner Residenztheaters bei der großen Anti-Pegida-Manifestation im Dezember(siehe auch Seite 6). Foto: Sebastian Gabriel

Transparent an der Fassade des Münchner Residenztheaters bei der großen Anti-Pegida-Manifestation im Dezember(siehe auch Seite 6).
Foto: Sebastian Gabriel

Editorial

geschrieben von Regina Girod

4. Februar 2015

Die Redaktion der antifa wünscht allen Leserinnen und Lesern ein friedliches Jahr 2015. Leider war der Frieden in Europa in den letzten Jahrzehnten nie so bedroht wie im Moment. Deshalb haben wir einen großen Teil dieser Ausgabe der Problematik von Krieg und Frieden gewidmet. Beginnend mit einer »Argumentation zur Haltung unserer Organisation zu den so genannten Friedensmahnwachen« (Seite 3) über ein Interview mit Wolfgang Gehrcke zur Lage in der Ukraine, das die Diskussion zu diesem Thema in den letzten beiden Ausgaben fortsetzt (Seite 8-9), bis hin zu unserem »Spezial«, welches diesmal der Auseinandersetzung mit einer spezifischen Erscheinungsform des deutschen Militarismus gewidmet ist. Doch natürlich spiegelt sich auch der Befreiungstag von Auschwitz, mit dem am 27. Januar die Reihe der Gedenktage im 70. Jahr der Befreiung eröffnet wird, in dieser Ausgabe wider (Seite 22-23). Die Idee für unser »Spezial«, das die heute im deutschen Handel befindlichen militaristischen Zeitschriften unter die Lupe nimmt, verdanken wir dem slowenischen Studenten Žiga Podgornik-Jakil, der sich bei einem Praktikum in unserer Bundesgeschäftsstelle dieser Aufgabe annahm. Mit den Methoden der Anthropologie und seinem unbefangenen Blick von außen hat er dabei Zusammenhänge entdeckt, die auch für uns ganz neu waren. Danke, Ziga für die gute Zusammenarbeit. Den aktuellen Querschnitt militaristischer Zeitschriften haben wir dann noch durch einen historischen Längsschnitt ergänzt, der sich auf die umfangreichen Sammlungen des »Hartmut-Meyer-Archivs« der VVN-BdA stützt (Seiten 13 bis 16). Am 1. März wird der Bundesausschuss im Senatssaal der Humboldt- Universität eine Veranstaltung unter dem Motto: »Unsere Mütter und unsere Väter« durchführen, die sich aus Anlass des 70. Jahrestages der Befreiung dem Thema »Antifaschismus als Generationsaufgabe« widmet. An zwei Mitglieder unserer Gründergeneration erinnern wir auch in dieser Ausgabe, und zwar an Gertrud Müller (Seite 19) und Hans Lauter (Seite 25).

Netzwerk der Antiaufklärer

geschrieben von Cornelia Kerth

22. Januar 2015

Warum die »Mahnwachen« nicht fortschrittlich sind

 

Viel Zustimmung hat uns zu unserer Distanzierung von den »Mahnwachen« erreicht, allerdings vereinzelt auch heftige Kritik. Deshalb scheint uns eine Erläuterung unserer Position geboten.

Die VVN-BdA war stets ein organisierender Teil der Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland, von der Re-Militarisierung der Bundesrepublik in den 1950er Jahren bis zu den aktuellen Kriegen und der Vorbereitung der künftigen, z. B. in Kalkar. Dabei war und ist aus unserer Sicht im Kampf um den Erhalt des Friedens die Entwicklung des deutschen Militarismus von zentraler Bedeutung.

Dafür arbeiten wir in breiten Bündnissen mit unterschiedlichen Partnern zusammen. Wir können nicht erwarten, dass alle diese Gruppen unsere Positionen im Detail teilen. Aber wir verlangen ganz klare Positionierung gegen Rechts.

Das ist im Fall der »Mahnwachen« nicht der Fall. Was sich gern als »neue Friedensbewegung« präsentiert, stellt sich bei näherem Hinsehen als Zusammenhang dar, der zwar seit März 2014 öffentlich sichtbar wurde, aber lange zuvor schon als weit verzweigte Community im Netz existierte. Dort haben auch die Hauptredner der sogenannten Bewegung eigene Seiten, auf denen sie ihrer Gefolgschaft die Welt erklären und sich gegenseitig bewerben. Während Lars Mährholz auf »mahnwache.info« Beschlusslagen, eine Proklamation »an alle bestehenden und zukünftigen Friedensmahnwachen dieser Welt« und »Forderungen an die Welt« (darunter natürlich die Auflösung der FED, der »US-Notenbank«) richtet, und Pedram Shahyar unter dem Label »Rebellunit« lange Predigten ans Publikum hält, illustriert die Seite »KenFM« die ganze Bandbreite.

Dort philosophiert Jebsen schon mal über den »Islamischen Staat«, dass sich da vielleicht nur die stets ausgebeuteten Völker zusammengetan haben, um mit einem »Inferno« den »Startschuss zu einer Art Selbstbefreiung« zu geben. Im Dezember ließ er den »Compact«-Autor Gerhard Wisnewski, dessen Bücher im einschlägigen Kopp-Verlag erscheinen, den Bogen einer antiislamischen Verschwörung spannen, die mit Samuel Huntingtons »Clash of Cultures« begann und zu der 9/11 genauso gehört wie »Pegida«. Andererseits tritt Gesprächspartner Udo Ulfkotte (»Gekaufte Journalisten«/Kopp-Verlag) bei »Bogida« als antiislamischer Redner auf.

Wisnewski, Ulfkotte, der Burschenschafter und »Wahrheitssucher« Michael Vogt, der »Gesellianer« Andreas Popp und ähnliche Experten begegnen einem ständig, wenn man sich durch die Seiten klickt, mit denen nicht nur das Führungspersonal, sondern auch die Homepages der einzelnen Mahnwachen verlinkt sind. Als »Alternative Medien« werden neben »Junge Welt« und »RT deutsch« geboten: von »Alles Schall und Rauch«, »Bürgerstimme« und »Contra-Magazin« bis »Wissensmanufaktur«, »Kulturstudio« und »NuoViso« und – selbstverständlich – »Compact«, dessen Autoren einen hohen Überschneidungsgrad mit KenFM-Gästen aufweisen.

Wer all diese Seiten nicht kennt, hat nichts verpasst. Ihr gemeinsamer Nenner ist Antiaufklärung mit Aufklärer-Gestus und Anschlussfähigkeit an Rechtspopulismus und in Teilen an den organisierten Neofaschismus. Immer wieder geht es um die Macht anglo-amerikanischer Banken, um amerikanische (und israelische) Herrschaftsansprüche und Kriegspolitik, um deutsche Politiker, die die deutschen Interessen beidem unterordnen – da ordnen sich sogar die »Chemtrails« ein. Der deutsche Militarismus kommt nicht vor.

Die Links und Hunderte von Kommentaren zeigen klar und deutlich: Es sind nicht einzelne Verwirrte, die sich den Mahnwachen anschließen. Wer im Netz nach Antworten auf Fragen sucht, die in der Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Interessen und Wirkungsmechanismen der realen Welt eben nicht so einfach zu finden sind, wird hier »bedient«. Alle Akteure und Medien teilen die Überzeugung, dass Politik und »Mainstream«-Medien »das Volk« belügen, betrügen und »verarschen« (Jebsen).

Die Liste der Gäste bei KenFM ist lang und darunter finden sich neben den Genannten immer Vertreter der Friedensbewegung, Wissenschaftler und Autoren, die eher der Linken zuzurechnen sind. Nicht links – nicht rechts, gemeinsam gegen Banken, gekaufte und verlogene Politiker und Mainstream-Medien, so soll die Botschaft sein. »Für den Frieden« ist ein Etikett, mit dem man für die Friedensbewegung interessant geworden ist. Das kann sich morgen ändern. Die heftige Auseinandersetzung um »Pegida« in der Community lässt das deutlich erkennen.

Strafe für Zivilcourage

geschrieben von P.C. Walther

22. Januar 2015

Hakenkreuz-Beseitigung wird als »Sachbeschädigung« geahndet

 

In der Reihe der fortwährenden Versuche, Handlungen gegen Neonaziaktivitäten zu kriminalisieren, lieferten Stadt und Amtsgericht im hessischen Limburg ein besonders perfides Beispiel: Ein engagierter Nazigegner, Ralf B., hatte die Stadtverwaltung aufgefordert, Schmierereien von Neonazis, darunter Hakenkreuze, zu entfernen. Doch wochenlang geschah nichts. Daraufhin schritt Ralf B. zur Selbsthilfe, kratzte Neonazi-Aufkleber ab oder übersprühte diese und Hakenkreuze mit schwarzer Farbe.

Nunmehr wurde die Stadtverwaltung aktiv. Sie bezeichnete Ralf B.‘s Tun als Sachbeschädigung und verlangte mehr als 3.000 Euro als Entschädigung für das Übersprühen. Als er nicht bereit war zu zahlen, verklagte ihn die Stadt. Vor dem Amtsgericht wurde die Entschädigungsforderung zwar gemindert, das Gericht folgte jedoch dem Verlangen der Stadt und verurteilte Ralf B. wegen Sachbeschädigung zu einer Entschädigung von über 1.000 Euro.

Damit nicht genug. Durch die Veröffentlichung des Falles mit voller Namensnennung wurden Ralf B. und sein ebenfalls engagierter Zwillingsbruder Drohungen und Beschimpfungen ausgesetzt. Das Auto des Bruders wurde zerkratzt und mit einem Hakenkreuz verziert. Die Stadtverwaltung fand ihr Verhalten angemessen. Schließlich habe man nicht genügend Zeit und Personal, um ohne Verzögerung gegen Neonazi-Schmierereien vorzugehen.

Dass es Neonazis bei Hakenkreuzen nicht belassen, zeigt ein Vorfall im September. Da wurde in Limburg ein dunkelhäutiger Mann totgeprügelt.

Es ist deshalb mehr als geboten, Neonazis rechtzeitig entgegenzutreten, angefangen bei deren Parolen. Vielleicht findet sich ja eine Institution, die Ralf B. für seine Zivilcourage auszeichnet und ihm ein Preisgeld zuspricht. Das wäre die richtige Antwort auf seine Verurteilung wegen der Beseitigung von Neonazi-Parolen.

Wer unterstützt Pegida?

geschrieben von Janka Kluge

22. Januar 2015

Konservative und Rassisten gemeinsam auf der Straße

 

Seit Wochen steigt die Teilnehmerzahl an den islamfeindlichen Aufmärschen in Dresden. Obwohl sich viele Persönlichkeiten und Institutionen gegen eine Teilnahme aussprechen, scheint ein Ende der Demonstrationen nicht in Sicht.

Die angeblich völlig unpolitischen und unerfahrenen Organisatoren von Pegida sind bereits bei der Bezeichnung der neuen Bewegung geschickt vorgegangen. Pegida steht ausgeschrieben für »Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands«. Es lohnt sich, einen Moment bei dem Namen zu bleiben. Als »patriotisch« bezeichnen sich in der Bundesrepublik bereits seit den fünfziger Jahren Konservative und Nazis, die von ihrer eigentlichen Position ablenken wollen.

Der Begriff des Abendlands ist ebenfalls eindeutig besetzt. Oswald Spenglers Buch »Der Untergang des Abendlands« stand am Beginn einer neuen Deutung der biblischen Metapher. Das erstmals 1918 veröffentlichte Buch beschrieb den Untergang der westlichen Welt. Allerdings stellte Spengler den Untergang als logischen Niedergang einer überlebten Hochkultur dar. »Abendland« wurde in den folgenden Jahren zum Inbegriff des europäischen Westens, der gegen die kommunistische Gefahr aus dem Osten verteidigt werden musste. Diese Bedeutung hielt sich bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion.

Danach hat sich der Kampfbegriff »Abendland« gewandelt. Jetzt wurde er nicht mehr gegen die Sowjetunion gerichtet, sondern gegen den Islam. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center wurde der Islam zum Feindbild der westlichen Welt erklärt. Keine Frage, dass im Namen des Islams schlimme Verbrechen verübt worden sind, genauso wie im Namen des Christentums. Den selbsternannten Schützern des Abendlands geht es aber nicht darum, die Welt differenziert zu betrachten. Anstelle der jahrzehntelang von Antisemiten skandierten Parole »Die Juden sind unser Unglück«, tragen sie nun ungeschrieben die Losung. »Die Muslime sind unser Unglück« vor sich her.

Wenn man sich anschaut, wer zu den wöchentlichen Demonstrationen aufruft, zeigt sich schnell aus welcher Richtung der Protest kommt. Fast von Beginn an begleitet die »Junge Freiheit« die Aufmärsche. Von dieser neurechten Wochenzeitung behaupten einige Beobachter, sie habe sich zu einer Hauspostille der AfD entwickelt. So wundert es auch nicht, dass führenden Vertreter der AfD die Proteste begrüßen und Verständnis für die Anliegen und Ängste der Demonstranten zeigen. Nachdem Innenminister de Maizière geäußert hatte, dass es in Deutschland keine Gefahr der Islamisierung gebe, antwortete ihm Freifrau Beatrice von Storch, Europaabgeordnete der AfD und christlich-fundamentalistische Vordenkerin auf ihrer Facebookseite: »Herr Minister, ich stelle Ihr ungestörtes Verhältnis zu Demokratie und Meinungsfreiheit in Frage. Und was in Ihrem Amt eigentlich noch schlimmer ist: Ihren Realitätssinn.«

Auf der österreichischen Internetseite der »Identitären Jugend« ist der Bericht einer Störaktion bei einer Diskussionsveranstaltung über Einwanderung zu lesen: »Es gibt uns, wir sind viele, wir sind laut und wir haben gelernt, dass Masseneinwanderung und Islamisierung kein Zufall und kein Schicksal sind. Sie sind geplant, gewollt und zugelassen, genauso wie wir als Patrioten geknebelt, ignoriert und unerwünscht sind. Man will uns unsichtbar machen oder mit der idiotischen, unbedeutenden und hässlichen Nazi-Szene gleichsetzen. Genau diese Politik des Totschweigens und Verdrängens brechen solche kurzen und kleinen Auftritte, wenn sie immer wieder und an vielen Orten geschehen, auf. Sie zeigen auch, wie ›normal‹ die patriotische Jugend denkt, aussieht und auftritt.« Die Identitäre Bewegung ist in Frankreich als rassistische Jugendbewegung entstanden. Sie hat schnell in anderen Ländern Nachahmer gefunden und sich besonders unter Burschenschaften verbreitet. Es wundert nicht, dass auch die Identitären von Anfang an mit zu den Demonstrationen von Pegida aufgerufen haben.

Eine weitere Säule der sogenannten unpolitischen Organisatoren, die zu den Demonstrationen mobilisieren, ist das »Institut für Staatspolitik«. Diese Einrichtung wurde im Jahr 2000 aus dem Umfeld der Jungen Freiheit gegründet. Seit 2003 gibt das Institut die Zeitschrift »Sezession« heraus. Hier wird ebenfalls intensiv für die Teilnahme zu den Demonstrationen aufgerufen. Zu diesem Spektrum der neurechten Zeitschriften gehört auch die »Blaue Narzisse«. Bereits nach der zweiten Demo hat Lutz Bachmann, einer der Organisatoren von Pegida, der Internetzeitung in einem Interview die Ziele der Bewegung erklärt. Bei der Aufzählung der Unterstützer dürfen das neurechte Magazin Compact und die extrem rassistische Internetseite PI-News nicht fehlen. Es zeigt sich also, dass fast das ganze konservative und rechte Spektrum zu den Aufmärschen mobilisiert.

Ende Dezember wurde Pegida als Verein eingetragen. Ein Schritt, der auf eine geplante Verfestigung schließen lässt. Bereits jetzt gibt es Pegida-Nachahmer in mehreren Städten Deutschlands und im Ausland.

Weltoffenheit und Toleranz

geschrieben von Ulrich Schneider

22. Januar 2015

Kassel wehrt sich erfolgreich gegen Kagida

 

Während in Dresden montags mehrere Tausend Menschen mit rassistischen Parolen demonstrieren, versuchten hessische Trittbrettfahrer in Kassel ebenfalls, an ihre populistischen Parolen anzuknüpfen. Mobilisiert über Facebook rief man zu einer Demonstration der »Kasseler gegen die Islamisierung des Abendlandes« am 1. Dezember auf. Flyer und Aufkleber waren in den Hochburgen der hessischen NPD selbst in Osthessen zu sehen. Dennoch versammelten sich nur knapp 80 Personen, unter ihnen Vertreter der hessischen NPD, der AfD und weitere bekannte Rechte. Gegen den geplanten Aufmarsch demonstrierten nach einem Aufruf des »Bündnisses gegen Rechts« gut 500 Kasseler Antifaschisten. Organisierende Kraft waren der DGB und verschiedene antifaschistische Gruppen. Auf der Kundgebung sprachen u.a. der DGB – Regionsvorsitzende und eine Vertreterin der evangelischen Kirche. »Aus Sicherheitsgründen« sagte Kagida an diesem Tag die geplante Demonstration ab, obwohl die Polizei mit mehreren hundert Beamten im Einsatz war.

Eine Woche später das gleiche Bild, nur setzte die Polizei diesmal einen Rundgang um einen Häuserblock – die so genannte Demonstration – mit ihren Einsatzkräften durch. An diesem Tag sprach auf der Auftakt-Kundgebung der Kreisvorsitzende der AfD, der die Woche zuvor noch als »Privatperson« anwesend war. Um diesem Spuk in Nordhessen ein politisches Signal entgegenzusetzen, hatte das »Bündnis gegen Rechts« für Montag, den 22. Dezember 2014 zu einer Großkundgebung gegen Rassismus, Islamfeindlichkeit und religiöse Intoleranz aufgerufen. Die Kreisvereinigung der VVN-BdA unterstützt die Aktion mit allen Kräften. Auch die Kasseler Stadtverordnetenversammlung betonte in einer einstimmig angenommenen Resolution: »Kassel ist eine weltoffene Stadt!« Weit über 2000 Menschen kamen trotz Vorweihnachtszeit und Nieselregens zu der Aktion. Die Rechten, die diesmal durch Thüringer Neonazis verstärkt wurden, brachen ihren Aufzug trotz hoher Polizeipräsenz ab, als Antifaschistinnen und Antifaschisten ihnen den Weg verstellten.

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten