Keine Sicherheit

geschrieben von Nils Becker

1. November 2024

Weitreichendes Verelendungs- und Datenbeschaffungspaket beschlossen

Zwei Monate nach einem islamistisch motivierten Messer-angriff in Solingen wurde ein sogenanntes Sicherheitspaket von der Bundesregierung eingebracht und im Bundestag verabschiedet. Demnach werden Menschen, die in einem anderen EU-Land als Geflüchtete anerkannt sind (»Dublin-Fälle«), zukünftig von Sozialleistungen ausgeschlossen. Die Folgen werden Wohnungslosigkeit und Verelendung sein. Die Sachverständigenanhörung im Bundestag förderte zutage, dass so ein pauschaler Ausschluss gegen die EU-Aufnahmerichtlinien ein Verstoß gegen das Völkerrecht und zahlreiche UN-Konventionen darstellt. Auch die Folgen der Verelendungsstrategie für die innere Sicherheit wurden nicht bedacht. Keine Sicherheit weiterlesen »

Rechter Strategieexport

geschrieben von Tomke

1. November 2024

»Lebensschutzbewegung« bleibt anpassungsfähig an rechte Diskurse

»Pro-life is a lie, you don’t care if people die« hallte es am 21. September auf Berliner Straßen – und zeitgleich auch in Köln. In beiden Städten fand an diesem Tag der sogenannte Marsch für das Leben statt, zum zweiten Mal parallel. Vordergründig geht es den Organisatoren um den Schutz »ungeborenen Lebens«, aber in der Konsequenz um das Verbot von Abtreibungen. Beiderorts stellten sich deshalb feministische und antifaschistische Gruppen dem Marsch entgegen.

In Köln und Berlin werden die Märsche vom Bundesverband Lebensrecht organisiert, der sich konfessionslos und überparteilich gibt. Nachdem in den vergangenen Jahren nach außen ein bürgerlicher Eindruck gewahrt wurde, lief in Berlin dieses Jahr erstmalig seit 2015 wieder die AfD-Politikerin Beatrix von Storch in den vorderen Reihen mit. Auch mit den Redner*innen hatte man sich internationale Vertreter der neuen Rechten auf die Bühne geholt: in Berlin Trump-Anhänger Pablo Munoz Iturrieta und in Köln John Deighan von der »Society for the Protection of Unborn Children«. Radikale Aussagen, Shoah-Vergleiche und Aufrufe zum Kulturkampf werden gerne ausländischen Gästen überlassen. Rechter Strategieexport weiterlesen »

Lichte Nebel

geschrieben von Thomas Willms

1. November 2024

Wie informiert man sich am besten über den Ukraine-Krieg?

Es ist keine einfache Aufgabe, sich über das Geschehen in einem Kriegsgebiet zu informieren, nicht einmal für die Kriegsparteien selbst. Das liegt in der Natur der Sache: Den Gegner über eigene Stärken und Schwächen zu täuschen, ohne sich dabei selbst zu täuschen, gehört von alters her zum Wesen des Krieges. Heute jedoch ist der »Informationskrieg« ein Kernelement der Kriegführung und führt zu einer Überfülle an Nachrichten, Bildern und Bewertungen auf Telegram und anderen Social-Media-Kanälen. Im Zuge des Ukraine-Krieges weicht außerdem das Informationsmonopol der kriegführenden Parteien auf. Zivilgesellschaftliche Akteure oder einfach Privatpersonen in aller Welt können heute Aufgaben übernehmen, die einmal Geheimdiensten vorbehalten gewesen sind. Geolokalisierte Handyfotos und frei verfügbare Satellitenaufnahmen dokumentieren das Geschehen in einer nie dagewesenen Detailtreue. Aficionados dokumentieren Seriennummern abgeschossener Flugzeuge, zählen Fahrzeugwracks und wie viele Sowjetpanzer noch in den Depots tief in Russland stehen.

Die Kriegsparteien müssen damit umgehen. Das diktatorisch geführte Russland verhält sich ambivalent. Während jede Kritik am Krieg oder auch nur die Erwähnung des Wortes »Krieg« brutal unterdrückt wird, duldet sie das Engagement ultranationalistischer sogenannter Militärblogger, die das offizielle russische Narrativ unterlaufen (siehe Spalte). Lichte Nebel weiterlesen »

Antifa oder Kollaps

geschrieben von Tino Pfaff

1. November 2024

Wer den Kapitalismus inkonsequent herausfordert, bekommt Faschismus als Antwort

Es gibt keinen Kapitalismus ohne ökologische Zerstörung und Ungleichheit. Das Anhäufen von Macht, Besitz und Geld in den Händen Weniger, ist davon abhängig, Naturvorkommen und Ökosysteme zu zerstören sowie große Teile der (Welt-)Gesellschaft zu unterwerfen. Solange es privatwirtschaftlich agierende Superreiche und Großkonzerne gibt, wird es ökologische Zerstörung, Ausbeutung und Leid geben. Vorangetrieben wird dies durch das unaufhörliche Wachstumsstreben, das dem kapitalistischen System zugrunde liegt, und so erzeugt es seit seinem Bestehen eine soziale Frage. Diese befasst sich damit, wie, dadurch entstehende, sozioökonomische Missstände aufgelöst werden können.

In der Jetztzeit wird die soziale Frage durch die ökologische Komponente maßgeblich definiert. Planetare Ökosysteme stehen vor einem Kollaps. Die Folge sind häufigere und stärkere Extremwetterereignisse sowie ökologische »Systemausfälle«, die Katastrophen und Mangelzustände in Lieferketten nach sich ziehen. Die Stabilität von Gesellschaften wird dadurch akut bedroht. Zum künstlich erzeugten Mangel durch gezielte Ungleichverteilung gesellt sich also ein Mangel an intakten Naturvorkommen, die den Menschen als Lebensgrundlagen dienen. Die soziale Frage unserer Zeit ist daher unweigerlich eine sozialökologische Frage. Antifa oder Kollaps weiterlesen »

Ziel ist es einzuschüchtern

1. November 2024

Filmkollektiv hat Doku zu Razzien gegen Antifas produziert. Ein Gespräch mit Tim

antifa: Euer ehrenamtlich arbeitendes Filmkollektiv »Insight Reports« hat jüngst die Doku »Zwischen Trauma und Gewalt: Hausdurchsuchungen gegen Antifas auf dem Prüfstand« auf Youtube veröffentlicht. Was steht im Fokus des Films?

Tim: Wir thematisieren darin das polizeiliche Mittel der Hausdurchsuchung am Beispiel der Razzien vom 15. März 2023 in Leipzig und Jena. Dabei haben sich unsere Recherchen auf das Erlebte der betroffenen Menschen konzentriert. Insgesamt wurden an dem Tag 13 Wohnungen durchsucht, und der Vorwurf aller Maßnahmen waren Fälle von gefährlicher Körperverletzung gegen Teilnehmer des rechten Aufmarschs am »Tag der Ehre« im 2023 in Budapest.

Wir wollen mit dem Film auch die Nachwirkungen – insbesondere die psychischen und sozialen Folgen – dieser Einsätze aufzeigen, aber ebenso ganz grundsätzlich die Abläufe. Zudem geht es uns darum, das fragwürdige Handeln der eingesetzten Polizist:innen öffentlich zu machen, und nicht zuletzt darum, die Aufnahmen für eine mögliche Aufarbeitung zur Verfügung zu stellen. Ein weiterer Fokus war, das polizeiliche Mittel solcher Razzien im Kontext von Ermittlungen gegen antifaschistische Aktivist:innen gerade auch in Leipzig zu bewerten und die politische Instrumentalisierung einer solchen Maßnahme zu untersuchen. Ziel ist es einzuschüchtern weiterlesen »

Ethische Grundlagen für Protest

1. November 2024

Interview mit Rolf Meyer, Sprecher der »Letzten Generation« zur steigenden Repression

antifa: Die »Letzte Generation« ist mit Aktionen des zivilen Ungehorsams präsent. Euch geht es um die Erzwingung politischer Maßnahmen zur Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens (1,5-Grad-Ziel). Schon vor zwei Jahren wurden Aktivist*innen von euch in Bayern für mehrere Wochen in Präventivhaft genommen. Im vorigen Jahr wurden Personen zu mehreren Monaten Haft ohne Bewährung wegen »versuchter Nötigung« verurteilt. In diesem Jahr stieg die Länge der Haftstrafen auf über ein Jahr. Wie ist eure Analyse zum Anziehen der Repression gegen Klimaschutzaktivist*innen?

Rolf Meyer: Wir erheben die Verfahren, die Gewalt und polizeilichen Maßnahmen gegen uns nicht strukturiert. Das ist auch sehr unterschiedlich. In Berlin, Hamburg und NRW beispielsweise wird schon verhindert, sobald wir unsere Versammulng irgendwo beginnen, und viele von uns werden durch Spezialgriffe verletzt. In Bremen wurde dagegen sogar schon vorab der Verkehr abgeleitet und eine unterstützende Situation hergestellt. Niedersachsen war ähnlich ermöglichend. In Bayern ist die Polizei sehr kontrolliert und wenig gewalttätig. Ethische Grundlagen für Protest weiterlesen »

Meldungen

1. November 2024

Entschädigungsforderung

Der niederländische Holocaustüberlebende Salo Muller hat sich mit dem offenen Brief »Entschädigung für niederländische Opfer der Deportationen durch die Deutsche Reichsbahn während der NS-Zeit« erneut an die Deutsche Bahn und das Bundesverkehrsministerium gewandt und neben Entschädigung auch eine ernst gemeinte Entschuldigung für die Deportionen gefordert. Er erhob die Forderung bereits 2020, nachdem die niederländische Bahn Entschädigungszahlungen geleistet hatte.

Strafe wegen Hitlergruß

Die Schlagersängerin Melanie Müller ist Ende August zu einer Geldstrafe von insgesamt 80.000 Euro verurteilt worden. Das Amtsgericht Leipzig sah es als erwiesen an, dass Müller bei einem ihrer Konzerte vor dem rechten Motorradclub »Rowdys Eastside« den Hitlergruß aus dem Publikum aufgenommen hatte, das Publikum durch Rufe aufforderte ihr ein »Heil, Heil, Heil« zu erwidern. Sie selbst wie das Publikum hoben dabei den rechten Arm. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Während Konzertveranstalter daraufhin Auftritte von ihr absagten, tratt sie spontan bei einer Oktoberfestfeier auf Mallorca auf. Meldungen weiterlesen »

Antisemitismus ist unmenschlich

1. November 2024

Der 9. November 1938 und Feindschaft gegenüber Juden heute. Ein Gespräch mit Reinhard Schramm

antifa: Sie sind Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. In den vergangenen Tagen häuften sich angesichts des grassierenden Antisemitismus im Land Meldungen, es herrsche Ausnahmezustand in den Gemeinden und man brauche mehr Schutz. Wie stellt sich die Lage in Thüringen dar?

Reinhard Schramm: Bei uns in der Landesgemeinde gibt es seit 2019 – nach dem rechtsextremistischen Überfall auf die Synagoge in Halle – erhöhte Unsicherheit unter den Mitgliedern. Vor allen Dingen ältere Juden sind der Meinung, dass das, was in Halle passiert ist, auch hätte in Erfurt stattfinden können. Wir sind verunsichert, seit 2019 verstärkt und seit dem Pogrom vom 7. Oktober 2023 umso mehr. Wenn ich als Jude zwei schreckliche Wendepunkte nennen müsste, dann ist es, im Gedanken an meine Mutter, der 9. November 1938, der Übergang von Diskriminierung zum Mord, und in meiner Zeit das Pogrom der Hamas mit 1.200 ermordeten Juden 2023 in Israel und mit vor Freude über den Judenmord tanzenden muslimischen Antisemiten auf Berlins Straßen.

In Thüringen selbst decken sich unsere Wahrnehmungen mit den wachsenden Zahlen von antisemitischen Vorfällen, wie sie auch durch Organisationen wie die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) veröffentlicht werden. Solche Statistiken sind wichtig, und wir sind RIAS und anderen Organisationen dankbar. Wenn wir den wachsenden Antisemitismus nicht aufdecken, haben wir auch weniger Möglichkeiten, ihn zu bekämpfen. Antisemitismus ist unmenschlich weiterlesen »

Lebendiger Gedenkort

geschrieben von Míša, Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e.V.

1. November 2024

Antifa-Erinnerungsarbeit am ehemaligen Jugendkonzentrationslager Uckermark

In Brandenburg bei Fürstenberg an der Havel liegt das ehemalige Jugendkonzentrationslager und der spätere Vernichtungsort Uckermark. In der Zeit zwischen 1942 und 1945 wurden dort Mädchen* und junge Frauen* inhaftiert, gefoltert, zur Zwangsarbeit gezwungen und ermordet. Am Ende des Krieges zwischen Januar und April 1945 haben die Nazis das KZ zu einem Vernichtungsort umfunktioniert. In dieser kurzen Zeit wurden hier mindestens 5.000 Menschen umgebracht. Lebendiger Gedenkort weiterlesen »

Ein gutes Urteil

geschrieben von Silvio Lang

1. November 2024

VVN-BdA überwiegend erfolgreich in Gerichtsverfahren gegen Firma Hentschke Bau

Nach gut anderthalb Jahren Rechtsstreit aufgrund der Klage der Firma Hentschke Bau und ihres Geschäftsführers Jörg Drews gegen die VVN-BdA Sachsen, ist nun ein letztinstanzliches Urteil am Oberlandesgericht Dresden (OLG) gefallen. In der ersten Instanz vor dem Landgericht Dresden hatte der Richter, selbst Ex-AfD-Mitglied, dem Kläger in allen Punkten Recht zugesprochen. Das OLG hat das Urteil nun in den wesentlichen Punkten korrigiert. Lediglich im Fall der zitierten Aussage einer anonymen Quelle bleibt es dabei, dass diese nicht weiter veröffentlicht werden darf. Im Sinne des Schutzes der Quelle nehmen wir dies hin, da wir gegenüber einer berichtenden Person im Wort stehen. Zudem ist es ein Nebenaspekt des Artikels. Ein gutes Urteil weiterlesen »

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