»Alles war spiegelblank«

geschrieben von Conrad Taler

20. November 2013

 

Scheinbar Nebensächliches vom Auschwitzprozess

 

 

 

Wenn mich jemand fragen würde, was mir nach 50 Jahren als Erstes zum Auschwitzprozess einfällt, dann wüsste ich auf Anhieb keine Antwort. Ich erinnere mich an das Verfahren wie an einen Alptraum, ohne sagen zu können, was ich als besonders bedrückend empfand. Als ich jetzt in meinen Aufzeichnungen geblättert habe, stolperte ich immer wieder über scheinbar Nebensächliches. Lebte etwa jener Angeklagte, der den Gerichtsvorsitzenden versehentlich mit »Herr Obersturmführer« anredete, nach so langer Zeit immer noch in seiner SS-Vergangenheit? Unter welchem Trauma litt möglicher Weise der ehemalige Häftling, der zu seinem ehemaligen Peiniger auf der Anklagebank »Herr Oberscharführer« sagte? Warum brach ein Mann auf der Zuhörertribüne bewusstlos zusammen, als einer der SS-Schergen die Tötung kranker Häftlinge durch Phenolinjektionen in den Herzmuskel beschrieb? Hatte er zu schwache Nerven? Schon möglich.

 

Die Grausamkeit, mit der in Auschwitz gemordet wurde, übersteigt das menschliche Vorstellungsvermögen. Das gilt auch für die Mentalität der Mörder und ihrer Vorgesetzten. Als einmal mehrere Kilo Zahngold, das ermordeten Opfern nach Öffnung der Gaskammern ausgebrochen worden war, nicht bei der zentralen Sammelstelle landeten, sollte ein SS-Richter die »Unregelmäßigkeiten« an den Ort und Stelle klären. Der Mann sagte später vor Gericht, das entwendete Gold habe den Gegenwert von wahrscheinlich 100 000 Leichen dargestellt. Die Gaskammern und das Krematorium atmeten nach seiner Schilderung »eine sachliche, neutrale, wertfreie Atmosphäre, alles war spiegelblank.« Schockiert sei er beim Betreten der Wachstube des Vergasungskommandos gewesen. Dort hätten SS-Leute mit Alkoholfahnen vor dem Mund und glasigen Augen auf mehreren Sofas vor sich hin gedöst, während Mädchen an einem Herd inmitten der Wachstube für sie Kartoffelpuffer backten.

 

Im Verlauf des langen Verfahrens hat keiner der Angeklagten ein Wort des Bedauerns über die Lippen gebracht. Leid getan haben sie sich nur selbst. »Ich weiß überhaupt nicht, was man von mir will«, stieß einer von ihnen wütend hervor. Ein anderer rechtfertigte sich mit den Worten: »Es hieß eben, die Juden sind an allem schuld.« Wieder ein anderer kehrte – dem Zeitgeist folgend – den Antikommunisten heraus. Er prahlte damit, den Häftling und späteren polnischen Ministerpräsidenten Cyrankiewicz geohrfeigt zu haben. »Die Kommunisten hasse ich besonders«, sagte er. Ein ehemaliger Häftling lenkte als Zeuge den Blick über das Geschehen in Auschwitz hinaus. »Was uns zu denken geben sollte, das ist die Tatsache, dass diese Mordmaschine nie in Gang gekommen wäre, wenn sich nicht Zehntausende zu ihrer Bedienung bereit gefunden hätten.«

 

Als der Auschwitzprozess 18 Jahre nach Kriegs-ende begann, hatten selbst höchste Repräsentanten der Bundesrepublik erfolgreich verdrängt, dass einige Nutznießer der Todesfabrik wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit von den Alliierten zur Rechenschaft gezogen worden sind. Einer von ihnen, ein Ruhrindustrieller, wurde wegen angeblicher Verdienste um den Wiederaufbau mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt, ausgerechnet kurz nach Beginn des Auschwitzprozesses und ausgerechnet während der Woche der Brüderlichkeit.

Ich habe den Skandal seinerzeit in der Frankfurter Wochenzeitung »Die Tat« angeprangert, aber was in einer antifaschistischen Zeitung stand, galt als kommunistische Hetze und wurde ignoriert. Erst als eine in der Schweiz erscheinende jüdische Zeitung, der ich einen Artikel über den unglaublichen Vorgang geschickt hatte, bei der Ordenskanzlei des Bundespräsidialamtes in Bonn anrief, zuckten die Beteiligten wie ertappte Sünder zusammen, und der Geehrte musste das Verdienstkreuz zurückgeben. Der Initiator des Auschwitzprozesses, der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, wurde zeitlebens einer staatlichen Auszeichnung nicht für würdig befunden. Sein Wunsch, nicht nur die Mörder zu bestrafen, sondern auch die Wurzeln faschistischen Handelns bloßzulegen, ging mit dem Auschwitzprozess nur teilweise in Erfüllung.

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Exil im Sehnsuchtsland

geschrieben von Janka Kluge

18. November 2013

Ausstellung und Essay zu Heinrich Mann und Frankreich

 

Das »Buddenbrookhaus« in Lübeck zeigt gegenwärtig eine Ausstellung über das Verhältnis Heinrich Manns zu Frankreich. Das Museum hat sich entschieden, statt eines Ausstellungskatalogs mit vielen Bildern einen Essay herauszubringen. Autor Manfred Flügge hat sowohl die Ausstellung konzipiert, als auch den sehr lesenswerten Essay »Traumland und Zuflucht« verfasst.

Manfred Flügge »Traumland und Zuflucht« Insel Taschenbuch 2013, 8.90 Euro

Manfred Flügge »Traumland und Zuflucht« Insel Taschenbuch 2013, 8.90 Euro

Für den 1871 geborenen Heinrich Mann war Frankreich schon früh geistiger und literarischer Bezugspunkt. Erste Bücher französischer Schriftsteller, die er kennenlernte, stammten von Emil Zola und dem heute fast unbekannten Paul Bourget. Vor allem der psychologische Roman »Le disciple« (Der Schüler) hat ihn stark beschäftigt. Obwohl sich Heinrich Mann stark von Frankreich angezogen fühlte, blieb er in Deutschland, seine wenigen Reisen in das Nachbarland müssen für ihn eher enttäuschend gewesen sein. »Frankreich hat ihn nur über Gelesenes inspiriert, über Literatur und Zeitungen, das dortige Alltagsleben kannte er ebenso wenig wie das literarische Leben in Paris.«, schreibt Flügge. Frankreich war für Heinrich Mann das Land der französischen Revolution. Damit stand es für Freiheit.

Die Liebe zu Frankreich und zur französischen Literatur machte Heinrich Mann zum Außenseiter im deutschen Kulturleben. Als während des Ersten Weltkriegs die meisten Schriftsteller in nationalen Taumel verfielen, wurde er deshalb stark angefeindet. Viele, die sich später ernüchtert und entsetzt zu Pazifisten entwickelten, gehörten 1914 zu den Kriegsbegeisterten. 1914 schrieb Heinrich Mann einen Essay über Emile Zola. Obwohl er den aktuellen Krieg darin mit keinem Wort erwähnt, ist der Text »eine Abrechnung mit dem deutschen Kaiserreich. Eine Prophezeiung von dessen Ende, und es war eine mutige Tat.«

Heinrich Manns Essay über Zola war auch eine Reaktion auf einen Aufsatz, den Thomas Mann unter dem Titel »Gedanken zum Kriege« in der Neuen Rundschau veröffentlicht hatte. Thomas Mann hat sich darin, wie auch später in den »Bekenntnissen eines Unpolitischen« für das Recht Deutschlands, eine Vormachtstellung einzunehmen, eingesetzt. Besonders Frankreich hat Thomas Mann jede tiefe Kultur abgesprochen. Sein Bruder Heinrich war für ihn nur der »Zivilationsliterat«, der Deutschland nicht repräsentieren könne. Erst in der Weimarer Republik haben sich die Brüder wieder angenähert.

Als er 1933 nach Frankreich emigrierte, musste sich Heinrich Mann mit dem Leben in seinem Sehnsuchtsland arrangieren. Die Zeitschrift Paris –Soir veröffentlichte im Juli 1933 einen Bericht über die Emigranten in den kleinen südfranzösischen Städten Sanary-sur-Mer und Bandol. Der Journalist hat sich auch mit Heinrich Mann getroffen. »In bestem Französisch habe der ehemalige Akademiepräsident erzählt, er lebe wie ein Student, mache seine Einkäufe selber, das halte jung. (…) Im Augenblick sei er Journalist, sagt Heinrich Mann, er schreibe Artikel für französische Zeitungen, erst später wolle er sich wieder seine Romane vornehmen.«

Heinrich Mann schrieb also erst einmal keine Romane, sondern stellte seine Arbeit in den Dienst antifaschistischer Aufklärung. Bereits im Herbst 1933 erschien in Amsterdamer Exilverlag Querido das Buch »Der Hass«. Lion Feuchtwanger bemerkte zu der nach der Befreiung neu herausgegebenen Ausgabe: »Heinrich Mann hat das Deutschland des letzten Jahrzehnts früher und schärfer vorausgesehen als wir alle. Er hat es dargestellt von seinen Anfängen her, lange bevor es Wirklichkeit wurde.«

Etwas gestört hat mich beim Lesen des Essays von Manfred Flügge, dass er die Aktivitäten des kommunistischen Widerstands und der ihm verbundenen Schriftsteller durchweg negativ darstellt. Heinrich Mann hatte schon vor der Machtübertragung an Hitler einen Aufruf mitunterzeichnet, in dem zu gemeinsamen Aktionen aller Antifaschistischen aufgerufen wurde. Auch während seines Exils hat er mit kommunistischen Gruppen zusammengearbeitet und einiger seiner Schriften sind in Moskau veröffentlicht worden. Trotzdem insgesamt ein sehr lesenswerter Essay über ein Stück antifaschistischer Literaturgeschichte.

Alles Opfer – keine Täter?

geschrieben von Ferdinand Krogmann

18. November 2013

Bremer Kulturinstitutionen unterm Hakenkreuz

Wenig Neues im Verlauf der wissenschaftlichen Tagung »Verstrickt. Bremer Kulturinstitutionen unterm Hakenkreuz« im Himmelssaal vom Haus Atlantis in der Bremer Böttcherstraße. Laut Programm sollte nicht nur die Rolle dieses Hauses aufgehellt werden, sondern ebenso die der Nordischen Kunsthochschule, der Kunsthalle, des Paula-Becker-Modersohn-Hauses und des Focke- sowie »Väterkunde«-Museums. 68 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein überfälliger Schritt, der das Ziel jedoch mehrfach verfehlte. Wissenschaftlich voll überzeugen konnte nur der Vortrag von Dirk Mahsarski über den Bremer Bildungssenator und SS-Oberführer Richard von Hoff. Detailliert schilderte Mahsarski die Rolle des führenden Rassentheoretikers in der Hansestadt. Von Hoff war, um nur ein Beispiel zu geben, die treibende Kraft bei der Gründung der ersten nationalsozialistischen Kunsthochschule in Deutschland, der Nordischen Kunsthochschule.

Keine Rede von Ernst Gorsemann und seinem »Wisent-Stier«. Dieser erinnert an den Wisent-Kult des NS-Staates und stand im Deutschen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung 1937 als die deutsche Antwort auf Picassos Guernika-Stier im Pavillon der Spanischen Republik. Foto: Ferdinand Krogmann

Keine Rede von Ernst Gorsemann und seinem »Wisent-Stier«. Dieser erinnert an den Wisent-Kult des NS-Staates und stand im Deutschen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung 1937 als die deutsche Antwort auf Picassos Guernika-Stier im Pavillon der Spanischen Republik. Foto: Ferdinand Krogmann

Im Auftrag der Hochschule für Künste Bremen, so der Name der Lehranstalt heute, erforschte Susen Krüger Saß deren Geschichte. In ihrem Vortrag behandelte sie vor allem Gründung sowie Machtkämpfe innerhalb der Institution. Über den nationalsozialistischen Charakter der Einrichtung sowie über das Verhalten von Studentenschaft und Lehrkörper berichtete Krüger Saß nicht: nicht über Rudolf Hengstenberg, den letzten Direktor der Anstalt, der sich während des Zweiten Weltkriegs einen Namen als Spezialist für Panzerbilder machte, ebenfalls nicht über Ottomar Anton, der u. a. auflagenstarke Plakate für die Waffen-SS machte. Über Ernst Gorsemann, den Leiter der Abteilung für Bildhauerei an der Nordischen Kunsthochschule, sprach der Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses Arie Hartog und verschwieg völlig, wie eng Gorsemann mit den Nazis zusammenarbeitete. Für den Entwurf eines Pferdebrunnens, den der Bildhauer für Plätze in zukünftigen »Wehrdörfern« in den eroberten Ostgebieten gestaltet hatte, gewann er den 1. Preis des Reichsführers der SS. Und Hartog erwähnte noch nicht einmal den großen Stellenwert, den der NS-Staat der von Gorsemann 1935 geschaffenen Großplastik »Wisentstier« beimaß, die heute noch im Bremer Rhododendronpark steht, ihren größten Auftritt 1937 auf der Weltausstellung in Paris hatte, wo sie auf dem deutschen Pavillon thronte als Symbol germanischer Kraft und Überlegenheit.

In mehreren Büchern und Aufsätzen hat Kai Artinger gezeigt, wie stark die Bremer Kunsthalle in den NS-Kulturbetrieb eingebunden war. Während Dorothee Hansen als ihre aktuelle, stellvertretende Direktorin erneut das Museum sowie seinen langjährigen Leiter Emil Waldmann vor allem als Opfer des Nationalsozialismus darstellte, belegt Artinger, wie dieser sich anpasste, indem er als Sachverständiger für Kunst aus jüdischem Besitz arbeitete oder mit dem Bremer Bürgermeister, SA-Obergruppenführer Böhmker, im besetzten Amsterdam Kunst »kaufte«.

Auch der Direktor der Kunstsammlungen Böttcherstraße, Frank Laukötter, konnte mit seinen Ausführungen über das Paula-Becker-Modersohn-Haus und das Haus Atlantis nicht punkten, da er – um wieder nur ein Beispiel zu nennen – ein äußerst unvollständiges Bild von Bernhard Hoetger zeichnete, dem Architekten der Straße. Daß dieser 1934 in Rom Mitglied der NSDAP wurde, verschwieg Laukötter, ebenso den brennenden Wunsch des Künstlers, wie Albert Speer ein Architekt der »Bewegung« zu werden. Dem dienten unter anderen Hoetgers Modelle für ein »Deutsches Forum« von 1935, ein Kuppelbau über hakenkreuzförmigem Grundriß, erdacht als riesiger Zweckbau für den NS-Festkalender. Grundlegend für Hoetgers Rolle im Dritten Reich ist das von Maria Anczykowski herausgegebene Buch über den Künstler, grundlegend für das Verständnis der Böttcherstraße die Literatur Arn Strohmeyers. Laukötter wies mit keiner Silbe auf diese Arbeiten hin und wie Hartog und Hansen gab auch er nicht annähernd den aktuellen Forschungsstand seines Themas wieder. Die drei Direktoren missachteten den Grundsatz, bereits vorhandene wissenschaftliche Arbeiten nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern sich mit ihnen auch öffentlich auseinanderzusetzen, das heißt Tatsachen – mögen sie noch so unbequem sein – durch eigene Nachforschungen zu bestätigen oder mit Hilfe neuer Fakten zu widerlegen.

Ungeheuerliche Verbrechen

geschrieben von Erika Schwarz/Simone Steppan

18. November 2013

Die neue Ausstellung in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

 

Am 21. April, aus Anlass des 68. Jahrestages der Befreiung des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück, wurde auf dem Gelände der Mahn- und Gedenkstätte die neue Hauptausstellung eröffnet. Zu sehen ist sie in 34 Räumen des denkmalgerecht sanierten Gebäudes der ehemaligen SS-Kommandantur. Das Haus diente nach seiner Errichtung 1940 als Schaltzentrale der Organisation und Verwaltung des Lagers mit über Hunderttausend Häftlingen – Frauen, Männer und Kinder, die aus über 30 Ländern dort hin verschleppt worden waren.

Alyn Beßmann, Insa Eschebach (Hrsg.): Das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Geschichte und Erinnerung. (Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Bd. 41). Metropol Verlag, Berlin 2013, 316 S., 24 Euro.

Alyn Beßmann, Insa Eschebach (Hrsg.): Das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Geschichte und Erinnerung. (Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Bd. 41). Metropol Verlag, Berlin 2013, 316 S., 24 Euro.

Verantwortlich für Inhalt und Gestaltung der Ausstellung zeichnen die Historikerin Alyn Beßmann und die Leiterin der Gedenkstätte Dr. Insa Eschebach. Sie legten als Herausgeberinnen auch rechtzeitig im Metropol-Verlag den zu ihr gehörenden Katalog vor. Dr. Annette Chalut, Präsidentin des Internationalen Ravensbrück-Komitees, würdigt im Namen der ehemaligen Häftlinge in ihrem »Grußwort« die umfangreiche Forschungsarbeit, auf der die Ausstellung beruht, und betont, dass das Dokumentierte so ungeheuerlich sei, wie das gesamte System der Konzentrationslager überhaupt. Dieser Beurteilung ist uneingeschränkt zuzustimmen.

Der Begleitband übernimmt in seiner Gliederung die Konzeption der Ausstellung. In 13 Kapiteln, deren inhaltlicher Bogen sich von der »Entstehung und Entwicklung des KZ Ravensbrück« bis zum »Ravensbrück-Gedächtnis in Europa« spannt, sind alle Haupt- und ausgewählte Themen- und Abschnittstexte wiedergegeben. Neun Kapitel widmen sich dem Lagerkomplex Ravensbrück. Neben der Topographie des Konzentrationslagers wird die von der SS vorgenommene Kategorisierung der Häftlinge, wie »Zeuginnen Jehovas«, »Asoziale«, »Kriminelle«, »Politische«, »Sonder- und Sippenhäftlinge«, »Jüdinnen«, »Roma und Sinti« erklärt. Von den insgesamt 159 Porträts, die in der Präsentation dargestellt sind, werden im Katalog 52 Kurzbiografien der nach Ravensbrück Deportierten abgedruckt. Beeindruckend ist eine Auswahl von zeitgenössischen Quellen und persönlichen Zeugnissen, die in der Ausstellung wie im Katalog gelesen werden können. Darunter sind amtliche Dokumente, u. a. aus dem Nummernbuch des Männerlagers und dem Geburtenbuch, Entlassungsscheine und Arbeitseinteilungslisten. Einen großen Platz nehmen selbstangefertigte Zeichnungen der Gefangenen ein, die während der Haft oder in der wieder gewonnen Freiheit entstanden. Sie illustrieren künstlerisch-realistisch oder skizzenhaft, wie ihre Autoren den Lageralltag erlebten. Da werden Eindrücke von ihrer Ankunft im KZ und der unmittelbar danach erfolgten Prozedur wiedergegeben, die sie über sich ergehen lassen mussten, und Szenen, die von Solidarität und Selbstbehauptung zeugen oder den Tod von Mitgefangenen festhalten. Abbildungen von Häftlingskleidung, Gebrauchsgegenständen und selbst gefertigten Handarbeiten, vermitteln eine wenn auch vage Vorstellung davon, unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen die Gefangenen über Monate oder Jahre existieren mussten.

Eine andere Dokumentengruppe umfasst Faksimiles von Briefen, die Lagerinsassen aus dem Ort des Leidens u. a. an ihre Angehörigen sandten, sich erhielten und der Gedenkstätte zur Verfügung gestellt wurden. Allen diesen Zeugnissen ist eines gemeinsam, sie belegen den unvorstellbaren Terror, unter denen die KZ-Häftlinge, Kinder eingeschlossen, leiden mussten. Ausgeübt wurde er durch ein straff geführtes Kontroll- und Bewachungssystem. Das wiedergegebene »Organisationsschema der SS des KZ Ravensbrück, Stand 1942« macht das deutlich. Von 1939-1945 wurden im KZ und in seinen Außenlagern 1.000 männliche SS-Angehörige und 3.300 Aufseherinnen eingesetzt. Ravensbrück diente zudem als Ausbildungsstätte für Aufseherinnen. Kurzbiografien stellen die beiden Lagerkommandanten Max Koegel und Fritz Suhren vor. Nach der Befreiung entzog sich der erste seiner Bestrafung durch Selbstmord, den zweiten verurteilte ein französisches Militärgericht zum Tode.

Das ganze Ausmaß des Häftlingseinsatzes mit seinen Standorten macht eine geographischen Karte anschaulich. Zehntausend männliche und weibliche Häftlinge des KZ Ravensbrück mussten vor Ort, in seiner näheren oder ferneren Umgebung Zwangsarbeit leisten. Ein Abschnitt befasst sich außerdem mit der Zwangsarbeit in KZ-Bordellen, deren Ermittlung ein Ergebnis von Forschungen der letzten Jahre ist. Ausführlich, in einem eigenen Kapitel, wird das »Jugendschutzlager Uckermark« beschrieben, seine Entstehung und Funktion. 1.200 Insassen, sie waren zwischen 16 und 21 Jahre alt, sollten hier »umerzogen« werden. Fünf der Betroffenen äußern sich über das im Lager Erlebte, gleichzeitig werden ihre Schicksale dokumentiert. Einen großen Platz nehmen im Katalog die Ausführungen zum »Krankenrevier« und zum Thema »Massenmord und Massensterben im KZ Ravensbrück« ein. Zwangssterilisation, Zwangsabtreibungen und furchtbare medizinische Experimente gehörten zu den mörderischen Praktiken der SS. Arbeitsunfähige, kranke oder behinderte Häftlinge wurden getötet, seit Anfang 1945 in einer provisorisch eingerichteten Gaskammer. Insgesamt, so weist eine Bilanz aus, wurden während der Existenz des Lagers 25.000 Frauen und 2.500 Männer umgebracht. Die letzten vier Kapitel widmen sich der Nachgeschichte. Mit der Befreiung des KZ Ravensbrück durch die Rote Armee am 30. April 1945 endeten die Qualen für die noch im Lager zurückgebliebenen 2.000 schwerkranken Häftlinge. Tage zuvor hatte die SS die Gefangenen auf Todesmärsche gehetzt. Eine Karte zeigt den Weg der Häftlingskolonnen, der von Ravensbrück über Malchow Richtung Schwerin führte. Mit Rettungstransporten des Roten Kreuzes, vor allem durch die Aktion der »Weißen Busse«, waren Tausendende Häftlinge und Kinder schon seit Anfang April aus der Hölle geholt worden.

Das Gelände und die Gebäude des Konzentrationslagers dienten nach der Befreiung anfangs als Repatriierungslager, später als Militärstützpunkt für die Besatzungstruppen.

Viele von denen, die das KZ überlebt hatten, engagierten sich in ihren Ländern, damit das nicht in Vergessenheit geriet, was sie unter der faschistischen Herrschaft erleiden mussten. Zahlreiche Fotos dokumentieren dieses Hervortreten.

Am 12. September 1959 wurde auf einem kleinen Teil des Terrains des ehemaligen KZ eine Nationale Mahn- und Gedenkstätte eingeweiht. Der Gedenk-ort bestand aus der Lagermauer, dem Lagermuseum, das sich im Zellenbau befand, dem Krematorium und der von Will Lammert geschaffenen Figur der Tragenden am Ufer des Schwedtsees. Abbildungen von Ravensbrück-Denkmalen, die in europäischen Städten, u. a. in Paris, Amsterdam, Brüssel und in Warschau stehen sowie der Hinweis auf offizielle und persönliche Gedenkzeichen beschließen den Begleitband. Am Ende soll der Leser auf das 9-seitige Impressum aufmerksam gemacht werden, hier insbesondere auf die Namensliste der 170 Überlebenden und ihrer Angehörigen, die zum Gelingen der Präsentation beitrugen.

Leider enthält der Katalog nur wenige Informationen über die wechselvolle Geschichte des Ausstellungsortes, des Gebäudes der SS-Kommandantur. Erste Verhandlungen zwischen der Regierung der DDR und dem Oberkommando der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) über die Erweiterung der Gedenkstätte begannen Ende 1965. Zu diesem Zeitpunkt bot die sowjetische Seite an, die ehemalige »Lagerkommandantur« frei zu geben, wenn sie im Gegenzug in Fürstenberg ein gleichgroßes Neubauobjekt für die Unterbringung der Offiziersfamilien beziehen könne. Dem stimmte das Ministerium für Kultur (MfK), dem die Gedenkstätte unterstand, aus finanziellen Gründen nicht zu, zumal bereits geplant war, den vorhandenen Kinosaal der Gedenkstätte zu vergrößern. Erst im Mai 1970 kam die Frage der Erweiterung des Erinnerungsortes durch Übernahme von Teilen des ehemaligen Lagers wieder in den Focus. In Ravensbrück und im MfK verfestigte sich die Annahme, dass die sowjetischen Streitkräfte das ehemalige KZ-Lager räumen würden, sowie die Hoffnung, zumindest einen Teil des Geländes für die Mahn- und Gedenkstätte nutzen zu können. Dem trat das Oberkommando der GSSD mit der Mitteilung entgegen, dass an eine Räumung nicht gedacht sei, sondern lediglich eine Rekonstruktion der Gebäude vorgenommen werde. Danach unterließ das MfK weitere Vorstöße, wissend dass diese von der sowjetischen Seite durch Gegenforderungen beantwortet worden wären.

Es vergingen weitere Jahre. Im November 1975 wurde über eine Neugestaltung der Gedenkstätte beraten. Anlass war der schlechte Zustand des »Zellenbaus«. Nach den Renovierungs- und Instandsetzungsarbeiten sollte dort eine neue Ausstellung gezeigt werden. Es war wohl Emmy Handke, Überlebende des Konzentrationslagers, Generalsekretär des Internationalen Ravensbrück-Komitees, Vorsitzende der Lagergemeinschaft Ravensbrück und Mitglied des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer, die in dieser Situation vorschlug, wegen der »Kommandantur« an die »Freunde« heranzutreten. Von April 1976 bis ins Jahr 1977 kam es zu Gesprächen und Begegnungen zwischen dem MfK, dem Komitee, dem Institut für Denkmalpflege und dem Oberkommando der GSSD, um die Übergabe der ehemaligen SS-Kommandantur zu erörtern. Die erfolgte am 12. Juli 1977, nachdem in Fürstenberg innerhalb von vier Monaten ein neues Wohnhaus für die 24 im »Kommandantengebäude« lebenden sowjetischen Familien errichtet worden war.

Mit der ehemaligen Kommandantur besaß die Gedenkstätte nun ein weiteres originales Objekt. Dort entstand im Obergeschoß auf 700 m2 das »Museum des antifaschistischen Widerstandes«. Es wurde am 8. September 1984 eröffnet. Am 23. Mai 1993 folgte die neu konzipierte Ausstellung: »Ravensbrück. Topographie und Geschichte des Frauen-KZ«.

Neoliberalismus brutal

geschrieben von Martin Schirdewan

18. November 2013

 

Ein nützliches Handbuch des Rechtspopulismus

Was ist der moderne Rechtspopulismus? Worin besteht seine Charakteristik? Gibt es eine solche überhaupt oder ist der Rechtspopulismus von Land zu Land unterschiedlich ausgeprägt?

Phillip Becher: Rechtspopulismus, PapyRossa Verlag, Köln, 2013, 9,90 Euro.

Phillip Becher: Rechtspopulismus, PapyRossa Verlag, Köln, 2013, 9,90 Euro.

Philip Becher bietet den Leserinnen und Lesern seines Buches eine Reihe möglicher Antworten auf diese Fragen. Wesentlich ist die Unterscheidung in Inhalt und Form. Gibt es typische Inhalte rechtspopulistischer Politik oder handelt es sich lediglich um einen Inszenierungs- und Agitationsstil bzw. eine spezielle Form der Politikansprache ? Becher tendiert im Verlaufe der Analyse – ebenso wie ich – zu der Auffassung, dass bestimmte veränderte politische Rahmenbedingungen und die Etablierung des Neoliberalismus zur Entstehung und zum Aufschwung des Rechtspopulismus in Europa beigetragen haben . Die neoliberale Formierung der europäischen Gesellschaften und die – insbesondere durch das Ausbrechen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise – verschärfte soziale Ungleichheit bedingen das Aufkommen des modernen europäischen Rechtspopulismus. Rechtspopulismus wird dann zu einer politischen Bewegung, die auf der ideologischen Grundlage der Adaption neoliberaler wirtschaftspolitischer Vorstellungen und einem gesellschaftspolitischen Antiliberalismus fußt. Klingt paradox, ist aber politisch einfach umzusetzen. Sozial-ökonomischer Darwinismus wird mit kulturellen Codes wie dem Ethnopluralismus, Antiislamismus und dem Kulturrelativismus verknüpft. Politische Folge des Ethnopluralismus und Kulturrelativismus ist eine fundamentale EU-Kritik, Kritik am Euro, Kritik an der europäischen Integration. Diesen Euroskeptizismus – dieser Begriff sei hier als Sammelbegriff verwendet – teilen alle rechtspopulistischen Parteien. Es gibt also neben der in ihrem Kern antidemokratischen Inszenierung als den Volksinteressen dienenden Massenbewegung, der häufig charismatische Führungspersonen vorstehen, sehr wohl ein politisch-inhaltliches Fundament des europäischen Rechtspopulismus.

Der einzige, dem Rezensenten aufgefallene Mangel des Buches von Phillip Becher besteht darin, die unglaubliche Dynamik des europäischen Rechtspopulismus nicht aufzeigen zu können. Die vor Jahren noch undenkbaren Erfolge dieser Parteien im Zuge des rasanten neoliberal geprägten Umbaus in Europa führen zu nahezu abenteuerlichen Siegen dieser Parteien in Wahlen (bzw. Spitzenwerte in Umfragen). Siehe Österreich, siehe Schweiz, siehe Frankreich, siehe Finnland, siehe die Niederlande, siehe Ungarn.

Chronist des Widerstands

geschrieben von Reinhard Strecker

18. November 2013

Nach ihrer Befreiung der Deutschen von der Naziherrschaft versuchten die Alliierten, jede Erwähnung eines deutschen Widerstands gegen die NS-Herrschaft zu unterdrücken. Zeitungslizenzen und Papierzuteilung für die Buchproduktion wurden von ihnen verteilt, und die Produkte kontrolliert, überwacht.

Hans-Peter Rüsing, Das Drama des Widerstands. Günther Weisenborn, der 20. Juli 1944 und die Rote Kapelle erschienen bei Peter Lang Edition, Frankfurt/M. Oktober 2013, 368 S., 68 Euro.

Hans-Peter Rüsing, Das Drama des Widerstands. Günther Weisenborn, der 20. Juli 1944 und die Rote Kapelle erschienen bei Peter Lang Edition, Frankfurt/M. Oktober 2013, 368 S., 68 Euro.

Um den Deutschen trotzdem ein Vorbild für ein anderes Deutschland zu geben, schrieb Weisenborn deshalb »Die Illegalen«; das wurde auf Jahre das meistgespielte Drama deutschlandweit, bis Zuckmayrs »Des Teufels General« dazu kam.

Im sich entwickelnden Globke-Adenauer-System angegriffen, er habe die Spionage der Gruppe für die Sowjetunion verschwiegen, berichtete Weisenborn deshalb detailliert darüber in seinem Drama »Klopfzeichen« Ende der Sechziger.

Eine erste geschichtswissenschaftliche Arbeit über den Widerstand hatten Greta Kuckhoff und Falk Harnack – Arvid Harnacks Bruder – zusammengetragen; herausgegeben von Klaus Lehmann im VVN-Verlag unter dem Titel »Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/Harnack« 1948. In den beiden damals entstehenden deutschen Nachkriegsstaaten wurde der Widerstand jeweils sehr einseitig wahrgenommen. Erst Weisenborn gab 1953 eine zusammenfassende Übersicht mit seinem »Lautlosen Aufstand« heraus. Ricarda Huch hatte ihm dazu ihr gesammeltes Material übergeben.

Er ist der eigentliche Chronist des deutschen Widerstands. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis sich in Deutschland endlich das heutige faktenreiche Geschichtsbild durchsetzen konnte. Das verdanken wir nicht zuletzt ihm. Die Begriffe »Widerstand« und »Widerstandskämpfer« kamen erst nach dem Zusammenbruch auf, das war der Begriff, der sich schließlich im Westen für den 8. Mai 1945 durchsetzte. Von Befreiung zu sprechen, stieß dort sehr lange auf Ablehnung.

Diese Geschichte voller Konflikte schildert Hans-Peter Rüsing in seinem Buch »Das Drama des Widerstands. Günther Weisenborn, der 20. Juli 1944 und die Rote Kapelle«, dieses Buch gehört – trotz seines Preises – in mindestens einem Exemplar in jede Stadt- und jede Universitätsbibliothek.

Genau hier geschah es

geschrieben von Nele Nussbaum

18. November 2013

Marseille erinnert an nationalsozialistischen Terror und antifaschistischen Widerstand

Wer derzeit aufmerksam durch die gegenwärtige europäische Kulturhauptstadt Marseille geht, sieht ab und an Schriftzüge in weißer Farbe, die auf den Gehweg gesprüht sind. Diese Sprühereien gehören zu der temporären Kunstaktion Ici-Même, die an die besondere Rolle Marseilles während des Nationalsozialismus erinnert. Ici-Même heißt übersetzt so viel wie Genau hier. Genau hier, an den Orten, an denen die Sprühereien auf dem Straßenpflaster zu finden sind, befinden sich historische Orte des Exils und des Transits, des nationalsozialistischen Terrors und des antifaschistischen Widerstandes.

Station 29 des Parcours Ici-Même. Sie erinnert an das Attentat von französischen Angehörigen der Résistance auf ein deutsches Soldatenkino am 5. Juni 1943. Die französischen Partisanen wurden verhaftet und hingerichtet.

Station 29 des Parcours Ici-Même. Sie erinnert an das Attentat von französischen Angehörigen der Résistance auf ein deutsches Soldatenkino am 5. Juni 1943. Die französischen Partisanen wurden verhaftet und hingerichtet.

Marseille war von 1940 bis 1942 eine wichtige Durchgangsstation für Flüchtende vor dem Naziterror. Am Bahnhof Saint Charles erinnert die Station 22 daran, dass die meisten dieser Menschen mit der Eisenbahn ankamen. Anna Seghers hat die Situation derjenigen, die in Marseille auf eine Ausreisemöglichkeit in ein sicheres Land warteten, in ihrem Roman »Transit« eindrücklich beschrieben. Sie war selbst etwa drei Monate in Marseille, bevor sie im März 1941 mit ihrer Familie ausreisen konnte. Mit der Station 30 beim Hotel Aumage in der Rue du Relais, wird der Ort ihres Aufenthaltes in Marseille markiert. An die Situation der Exilanten erinnert u.a. auch die Station 15 am Quai des Belges. Dort befindet sich das Café Le Bruleur des Loupes, das ein Treffpunkt von geflüchteten Intellektuellen, Künstlern und Schriftstellern war.

Ende 1942 marschierten die Nazis in den bis dahin unbesetzten Teil Frankreichs ein und besetzten somit ganz Frankreich. Auf Befehl von Himmler wurde bei der Operation »Sultan« im Januar 1943 ein Teil des Marseiller Hafenviertels umstellt, die Häuser durchsucht und anschließend dem Erdboden gleichgemacht. In dem Hafenviertel mit seinen kleinen Gassen vermuteten die Nazis einen Hort der Résistance. 15.000 Personen wurden in ein Camp bei Fréjus interniert; etwa 800 Personen wurden in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Ein Schriftzug an der Station 2 des Parcours Ici-Même am Début du Quai du Port erinnert an die Zerstörung dieses Teils des Hafenviertels.  Mit der Station 1 wird die Aufmerksamkeit auf das Maison Diamantée gelentkt, welches von der Sprengung verschont blieb. Mit dem Naziterror in Marseille beschäftigen sich noch weitere Stationen: Der damalige Sitz des Service travail obligatoire (STO) der die Verschleppung von Franzosen zur Zwangsarbeit nach Deutschland organisierte, wird mit der Nummer 23 sichtbar gemacht. An den Stationen 31, 49 und 50 wird an die damals dort bestehenden Gefängnisse erinnert. Ausgerechnet in der rue Paradis befand sich das Hauptquartier der Gestapo (Station 42).

Aber auch der Widerstand gegen Besatzung und Faschismus wird thematisiert. Etwa in der Canebière, wo ein Anschlag auf ein deutsches Soldatenkino statt fand. Oder am Place Castellane, wo der Kampf um die Befreiung von Marseille Ende 1944 thematisiert wird.

Ici-Même wird bis zum 29. November 2013 von einer Ausstellung im Marseiller Stadtarchiv begleitet. Diese Ausstellung rahmt die verschiedenen Themen, die in dem Parcours Ici-Même behandelt werden und setzt sie miteinander in Verbindung.

Der Parcours Ici-Même ist eine wunderbare Möglichkeit, die Stadt zu erkunden und die verschiedenen Aspekte der Geschichte Marseilles während des Vichy Regimes und der nationalsozialistischen Besatzung zu erfahren. Ein Stadtplan, auf dem alle Stationen eingezeichnet sind, ist in der Touristeninformation erhältlich. Die meisten Stationen liegen in der Nähe des Vieux Port und sind gut zu erlaufen. Weiter entfernte Stationen bieten die Möglichkeit, Marseille etwas abseits der Touristenpfade zu erkunden. Zwei Wermutstropfen bleiben. Zum einen ist der temporäre Charakter von Ici-Même dem Projekt eigen, da die gesprühte weiße Farbe früher oder später verblassen wird. Zum anderen sind alle gesprühten Stationen des Parcours Ici-Même, die dazugehörige Ausstellung und die Internetseite allesamt auf französisch, was für Interessierte, die nicht des Französischen mächtig sind, das Verständnis schwierig macht.

Der Pferdeblick

geschrieben von Thomas Willms

18. November 2013

Ein pazifistisches Puppentheater

Das Berliner »Theater des Westens« ist bekannt für seine gut besuchten, aber nicht gerade preiswerten Musical- und Showaufführungen. Auch Musical-Abstinenzler kommen um sein Programm nicht herum, denn seine Plakate hängen regelmäßig in der ganzen Innenstadt. Neuerdings wird mit einem Pferdekopf geworben. Blickt man ihm ins Auge, bekommt man eine Ahnung, worum es geht. Es ist der erste Weltkrieg, der sich in dem braunen Pferdeauge spiegelt.

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Das Plakat ist ein wenig irreführend, denn das Foto stammt aus der Verfilmung des Stoffes. Echte Pferde gibt es aber auf der Bühne nicht, sondern Puppen. Aber was heißt schon Puppen: Kriegspferd Joey wird durch drei Puppenspieler belebt, die aus der Faschingsnummer »zwei Menschen im Pferdekostüm« hohe Kunst machen. Der lebensgroße Joey läuft, trabt, frisst, wackelt mit Schwanz, Kopf und Ohren, pflügt den Acker, zieht einen Wagen und wird geritten. Menschen kriechen Joey unter die Haut und erfahren seine Bewegungs- und Ausdrucksmöglichkeiten. Die Puppenspieler sind dem Zuschauer nur halb verborgen, so dass diese mit ihnen und damit dem Pferd mitfühlen. Sie erfahren Liebe und Fürsorge und schrecken mit ihm zurück vor der unverständlichen Gewalt der Menschen.

Das Theaterstück nimmt das Pferd sehr ernst, zeigt aber auch, wie weit weg unsere Welt von der der Bauernhof-Pferde ist. Kein echtes Pferd ist so dynamisch wie Joey und die anderen Bühnenpferde.

Michael Morpurgo, Autor der Romanvorlage, schrieb am 20.9. im »Telegraph« über seine Überraschung, als das New London Theatre ihm 2006 vorschlug aus seinem Jugendbuchklassiker von 1982 ein Theaterstück zu machen. Widerstrebend willigte er ein, um dann den ungeheuren Erfolg des Puppen-Theaters in der englischsprachigen Welt zu verfolgen. Morpurgo schrieb weiter angesichts der ersten Aufführung auf Deutsch: »Hundert Jahre nachdem deutsche Soldaten marschierten, um in Frankreich und Belgien einzufallen, … wird das britische Stück in Berlin von deutschen Schauspielern aufgeführt, ein Stück in dem es vor allem um das universale Streben nach Frieden und Versöhnung geht. … In Berlin nennt man das Stück ›Gefährten‹. Wir sind jetzt alle Gefährten. Es wird auch Zeit.«

Das ist auch der idealistische Ton des Romans, der nicht nach Tätern fragt. »War Horse« ist ein Jugendbuch, das man trotz seiner Schwächen in einem Stück liest. Es ist die Geschichte des Pferdes Joey, das im Ersten Weltkrieg an der Westfront wider alle Wahrscheinlichkeit von der englischen auf die deutsche Seite und wieder zurück gelangt. Es ist verfasst aus Joeys Sicht, nur dass Joey arg menschlich denkt. Er beurteilt die Menschen danach, ob sie gut zu Pferden sind oder nicht. Da ist es einerlei, ob es sich um Engländer, Deutsche oder Franzosen handelt. Das unwahrscheinliche Glück Joeys macht ihn zum Hoffnungsträger der verzweifelnden Menschen, die doch ebenso wie er davon kommen möchten. In die Pflege des Pferdes flüchten sich besonders jene, die am wenigsten in der Lage sind, sich in die Unmenschlichkeit der Umstände einzufügen; untergehen werden sie trotzdem.

Das wahre Schicksal der Pferde deutet Morpurgo nur gnädig an und auf ihr inneres Erleben lässt der Autor sich nicht wirklich ein. Es hätte sonst auch kein Jugendbuch werden können: Zwischen 1914 und 1918 starben etwa zehn Millionen dieser großen Tiere, für die Elend, Lärm, Konfusion, Verwundung und Tod vollkommen angsteinflößend und unverständlich gewesen sein müssen.

Das Puppenspiel für die Massen ist hier wahrer und beunruhigender als Roman und Spielfilm, weil es ohne Worte wirkt. Ein eindrucksvolles Kunstwerk.

Terror im Erzählkino

geschrieben von Gustav Peinel

18. November 2013

Der Spielfilm »Der blinde Fleck« thematisiert das Oktoberfestattentat

Rechtzeitig zum Jahrestag des ersten großen Terroranschlages in der Bundesrepublik ist ein Film entstanden, der sich sachlich aber auch emotional mit den Leistungen und Fehlleistungen bundesdeutscher Ermittlungsorgane in den 80-er Jahren, einer Zeit erbitterter innen- und außenpolitischer Spannungen, widmet und der an Aktualität nichts verloren hat.

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Der blinde Fleck, Deutschland 2013
Regie: Daniel Harrich, Darsteller: Benno Fürmann, Heiner Lauterbach, Nicolette Krebitz, August Zirner, Jörg Hartmann, Kinostart: 16.1.2014

Das Oktoberfestattentat war ein rechtsterroristischer Anschlag in München. Am 26. September 1980 starben 13 Menschen bei der Explosion einer Bombe am Haupteingang des Oktoberfests, 211 wurden verletzt, 68 davon schwer. Der Anschlag gilt als größter Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ob der von den Behörden als Einzeltäter bezeichnete Bombenleger Gundolf Köhler tatsächlich allein verantwortlich war, ist umstritten. Gundolf Köhler hatte nachweislich Verbindungen zur neonazistischen, paramilitärischen Wehrsportgruppe Hoffmann, und die Behörden ermittelten zunächst im Hinblick auf eine Mittäterschaft rechtsextremer Gruppierungen. Durch politischen Druck aus der Bayrischen Staatskanzlei wurde dieser Ansatz erstaunlich schnell aufgegeben und man präsentierte den neurotischen Einzelgänger als Täter. Damit war die Sache offiziell erledigt – nicht so für den Münchner Journalisten Ulrich Chaussy.

Im Mittelpunkt des Filmes »Der blinde Fleck« steht dieser Ulrich Chaussy. Bei Recherchen über das Oktoberfest-Attentat von 1980 stellt der Journalist (gespielt von Benno Fürmann) fest, dass die Ermittlungen dilettantisch geführt wurden. Er erlebt, wie die überlebenden Opfer des schwersten Anschlags in der Geschichte der Bundesrepublik den Glauben an die Gerechtigkeit verlieren. Aus einem ersten Radio-Feature wird Chaussys Lebenswerk. Er setzt sich über drei Jahrzehnte mit Ungereimtheiten und eklatanten Widersprüchen auseinander, wird von Freunden und Kollegen als Verschwörungstheoretiker belächelt und spöttisch »Mister Oktoberfest« genannt. Chaussy stößt auf immer mehr skandalöse Versäumnisse und Vertuschungen der ermittelnden Behörden. Noch heute liegen fast 900 Akten unter Verschluss beim bayerischen Landeskriminalamt, andere Beweisstücke wurden wohl nach Ablauf der gesetzlichen Frist zur Aufbewahrung planmäßig vernichtet.

Am 17. September 2013 lief der Film im Rahmen der Leipziger Filmkunstmesse im Passagekino zu bester Zeit unter Anwesenheit des Regisseurs Daniel Harrich mit seinem Partner Ulrich Chaussy und den beiden Hauptdarstellern Benno Fürmann und Nicolette Krebitz. Auch sonst ist der Film hochkarätig besetzt: Heiner Lauterbach, Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, August Zirner, Jörg Hartmann.

Das Thema besitzt gerade jetzt eine besondere Attraktivität, da in München der Prozess gegen die Terrorzelle des Nationalsozialistischen Untergrunds läuft. Den Filmemachern muss man seherische Fähigkeiten bescheinigen: Das Projekt wurde in Angriff genommen, als die fremdenfeindlichen Anschläge noch unter »Dönermorde« liefen. Wie im Gespräch mit den anwesenden Akteuren im Anschluss an die Filmvorführung berichtet wurde, war ursprünglich eine Dokumentation über die skandalösen (Nicht-) Ermittlungen zum Oktoberfestattentat geplant, später hat man sich dann für die Spielfilmvariante entschieden – zum Glück. Mit dieser Form ist es besser möglich, ein breiteres Publikum zu erreichen, und die Story tut das Ihrige dazu: Der Weg des Journalisten zum »Mister Oktoberfest« wird begleitet von einer Beziehungsgeschichte, eine liebevolle Darstellung der Ehe des Protagonisten Chaussy: Hinter jedem starken Mann steckt auch eine starke Frau – die auch mal schwach werden kann (in jeder Beziehung). Aus Angst um den Mann, die Beziehung, und das ungeborene Kind. Das ist bestes Erzählkino mit erstklassiger politischer Aufklärung, dem man einen herausragenden Platz in Kinoprogrammen und eine gute Platzierung in den Abendprogrammen des öffentlich rechtlichen Fernsehens wünscht. In diesem Fall wäre das Zwangssponsoring bestens eingesetzt!

Vielleicht war die Wahl des Titels »Der blinde Fleck« nicht ganz glücklich: Unter dem gleichen Titel gibt es bereits einen deutschen Krimi von 2008 und wer im Internet recherchiert, kann schnell dort landen.

Rücktitel der Ausgabe Nov./Dez. 2013

4. November 2013

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