Parade der »Ordnungsboten«

geschrieben von Hans Canjé

13. Mai 2014

Vor 75 Jahren: Francos Mordgehilfen feiern im Berliner Lustgarten

 

Am 6. Juni 1939 paradierten sie im Berliner Lustgarten als »Sieger ins deutsche Land«, die Angehörigen der »Legion Condor«, die das faschistische Deutschland dem spanischen General Francisco Franco zur Hilfe im Kampf gegen den »Weltkommunismus« geschickt hatte. Gegen die – exakter – aus freien Wahlen hervorgegangene republikanische Regierung in Madrid, hatte der General von Marokko aus mit seiner Clique im Juni 1936 geputscht. Es begann das, was in der verfälschenden Geschichtsschreibung »Spanischer Bürgerkrieg« genannt wird. Die faschistischen Regime in Deutschland in Italien waren schnell mit finanzieller Hilfe (Deutschland allein mit über 295 Millionen Dollar), mit Waffen und vor allem mit Söldnern bereit, den Putschisten zum Sieg und an die Macht zu verhelfen.

Am 6. Juni 1939 paradierte die aus Spanien zurückgekehrte Legion Condor im Lustgarten

Am 6. Juni 1939 paradierte die aus Spanien zurückgekehrte Legion Condor im Lustgarten

Für Deutschland tat das die offiziell stets verleugnete »Legion Condor«. Durch regelmäßigen Personalaustausch – die Soldaten dienten in der Regel nicht länger als neun Monate – konnten insgesamt rund 25.000 deutsche Soldaten in Spanien eingesetzt werden. Dank Hitlers Hilfe konnte sich Franc am 1. April 1939 zum Sieger erklären.

An diesem 6. Juni vor 75 Jahren war nun also auch Schluss mit den anonymen Geburtshelfern des Generalisimus Franco. Hitler zeigte Flagge. Aus den Lautsprechern dröhnte die blutrünstige Hymne der »Legion«: »Wir zogen übers weite Meer, ins fremde Spanienland. (…) Hier herrschten Marxisten und Roten, der Pöbel hatte die Macht. Da hat, als der Ordnung Boten, der Deutsche Hilfe gebracht. Wir jagten sie wie eine Herde und der Teufel lachte dazu, die Roten in spanischer Luft und zur Erde, wir ließen sie nirgends in Ruh.«

Die Stadt war fahnengeschmückt; schulfrei war und Hunderttausende, berichten Zeitzeugen, säumten die Straßen. Die Wannseestraße in Zehlendorf erhielt zum Anlass den Namen Spanische Allee, den sie heute immer noch trägt. Vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg begründete Reichsmarschall Hermann Göring nach 1945 die Hilfeleistung des faschistischen Deutschlands »… und hatte auf diese Weise Gelegenheit, im scharfen Schuss zu erproben, ob das Material zweckentsprechend entwickelt wurde. Damit auch das Personal eine gewisse Erfahrung bekam, sorgte ich für einen starken Umlauf, das heißt immer wieder neue hin und die anderen zurück.«

Die in der »Legion Condor« vereinten »Ordnungsboten« hinterließen ihre vernichtenden Spuren ab 1937 u. a. in Madrid, Barcelona, Bilbao Brunete Teruel Ebro-Bogen Bei einem Luftangriff auf Guernica (baskisch Gernika) am 26. April 1937, wurde die religiöse Hauptstadt des Baskenlandes fast vollständig zerstört und etwa 300 Zivilisten wurden getötet Die Legion Condor war auch am Massaker von Málaga beteiligt, bei dem etwa 10.000 Menschen ums Leben kamen.

Drei Monate nach der Heimkehr der Legionäre aus dem »fremden Spanierland« hatte sich am 1.September 1939 das »Personal« der Großdeutschen Wehrmacht, ausgestattet mit »einer gewissen Erfahrung« und ausgerüstet mit dem »im scharfen Schuss erprobtem Material« mit dem Überfall auf Polen zum Marsch aufgemacht, um auf dem ganzen Kontinent als der »Ordnung Boten« zu wirken.

1964 verlautbarte der Führungsstab der Bundeswehr: »Mit der Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg konnte die Wehrmacht Ruhm an ihre Fahnen heften, sich mit dem Siegeslorbeer schmücken und die Überlegenheit deutscher Waffen und Kriegsmaterials beweisen.« Da war es nur logisch, dass Condor-Staffelkapitän Heinz Trettner zum Generalinspekteur der Bundeswehr avancieren konnte und Oberst Werner Mölders, Liebling des Führers und Träger des »Spanien Kreuzes in Gold«, zum Namensgeber der Ausbildungsstätte für den Fliegernachwuchs in Neuburg an der Donau wurde.

Gedenkorte in Europa

geschrieben von Christoph Jetter

13. Mai 2014

Ein Internet-Reisebegleiter zu Orten deutscher Kriegsverbrechen

 

Die Länder Europas entwickelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg und nach den Jahrzehnten des Kalten Krieges – wenn wir von den Balkankriegen nach der Zerschlagung Jugoslawiens in den 1990er Jahren einmal absehen – zu einem Kontinent weitgehend friedlichen Zusammenlebens. So geht die gängige, inzwischen oft schon beschwörende Erzählung über den Verbund der in der EU verei-nigten Nationalstaaten, nachdem ganze Länder und deren Bevölkerung auf dramatische Weise von den Folgen neoliberaler Politik und rücksichtslosem Finanzkapitalismus erschüttert werden. Hinzu kommt: Regierungen und Institutionen dieses Euro-pa missachten seit Jahren mit rigider Abwehr von Flüchtlingen fundamentale Menschenrechte, während in fast allen EU-Staaten Fremdenfeindlichkeit zunimmt, meist im Zusammenspiel mit dem Aufschwung rechtsradikaler und nationalistischer Gruppierungen.

Das Europa dieser Gegenwart bleibt jedoch auch 70 Jahre nach der Niederwerfung des deutschen und italienischen Faschismus immer noch gezeichnet von den Verwüstungen, die Nazideutschland während des Eroberungskrieges 1939-1945 in den damals besetzten Ländern hinterlassen hat. Die den Völkern, ihrer Kultur, ihrer Wirtschaft und den Menschen dieser Nachbarländer zugefügten Wunden sind längst nicht verheilt, auch wenn das erlebte Grauen Jahrzehnte zurück liegt. Oberflächlich vielleicht verheilt, schmerzen die Wunden und deren Missachtung durch die frühere Besatzungsmacht Deutschland nach wie vor, wie die Berichterstattung zum Besuch des deutschen Bundespräsidenten im nordgriechischen Dorf Lyngiades wenigstens ein paar Tage lang erahnen ließ. Das erlittene Unrecht, die Auslöschung ganzer Familien und Dörfer bleiben vor Ort im kollektiven Gedächtnis eingegraben. Reisende aus Deutschland allerdings nehmen diese Schreckensorte selten wahr, auch wenn deren Namen und Geschichte bisweilen die öffentliche Aufmerksamkeit erreichen – das französische Oradour sur Glane oder Distomo in Griechenland, beide vor 70 Jahren, am gleichen 10. Juni 1944 niedergemacht, Marzabotto bei Bologna, die Ardeatinischen Höhlen bei Rom.

Die »kleinen« oder auch »großen« Orte deutscher Kriegsschandtaten – ein Weiler im Apennin, ein Städtchen in der Bretagne – erfahren allenfalls per Zufall die Aufmerksamkeit von Besuchern oder von Medien. In den ehemals okkupierten Ländern hingegen wird an vielen Gedenkorten, in lokalen Museen und in nationalen Gedenkstätten der Verbrechen der deutschen Besatzungsmacht gedacht. Sie erinnern an Lager, Deportationen, Zwangsarbeit und Massaker an der Zivilbevölkerung, sie erinnern an den unter schweren Opfern geleisteten politischen und militärischen Widerstand, der wesentlich zur Befreiung beigetragen hat.

Die vom »Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945« (Frankfurt am Main) im Januar 2013 publizierte, seither mehrfach erweiterte Homepage »Gedenkorte Europa 1939-1945« (www.gedenkorte-europa.eu) wurde durch finanzielle Förderung der Otto-Brenner-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung, nicht zuletzt durch private Spenden ermöglicht. Sie will – beginnend mit Frankreich und Italien – Reisende auf möglichst viele dieser Orte, auf die Kriegsverbrechen und den Widerstand von damals aufmerksam machen. Neben bekannten Namen nennt das Internetportal inzwischen über Tausend Gedenkorte. Eine Erweiterung um die ehemals besetzten Länder Griechenland, Litauen und Polen ist in Vorbereitung.

Eine interaktive Landkarte und Wegbeschreibungen erleichtern den Besuch auch abgelegener Orte. Mehrere hundert Kurzbiografien von Widerstandsangehörigen, von Opfern und Tätern und ausführliche Sachstichworte erschließen einen zusätzlichen Zugang zur Geschichte der Okkupationsjahre während des Zweiten Weltkriegs. Dem Land und den einzelnen Gedenkorten zugeordnete Literatur- und Medienhinweise ermöglichen vertiefte Informationen.

Kirche vor der Entscheidung

geschrieben von Heinrich Fink

13. Mai 2014

Vor 80 Jahren entstand die Bekennende Kirche in Deutschland

 

Am Ende des Ersten Weltkriegs den Krieg, den Kaiser und dazu das Vorrecht, »Staatsreligion« zu sein, zu verlieren, war für Hierarchie und Christen in Deutschland zu viel. Wie weiter? Dass die Kirchen sich nicht nach Demokratie sehnten, wird besonders daran deutlich, dass sie gegen die Enteignung der Vermögen von Kaiserhaus und Fürsten stimmten. Aber noch deutlicher wurde es an dem leidenschaftlich ausgetragenen Flaggenstreit. Unbeirrt hatten die Kirchen die Fahnen ihrer Monarchen geflaggt. Nun blieben die Fahnenstangen leer, weil die Fahnen der Republik nicht auf und an kirchlichen Gebäuden hängen durften. Deshalb erfanden die Protestanten eine weiße Fahne mit lila Kreuz als öffentlichen Beweis dafür, dass Christen die Religions- und Kirchendistanz der Weimarer Republik nicht akzeptierten. Aber leider reagierten dann allzu viele Christen auf die listigen Locksätze der »Nationalsozialisten«, die »positives Christentum«, Rückbesinnung auf »deutschen Geist und deutsche Seele« und einen die arische Rasse schützenden Abstand gegen Juden propagierten. Darum reagierte die Mehrheit der Christen verständnislos-ärgerlich auf die von Pastor Georg Fritsche schon am 7. September 1932 mit seiner kleinen Schar religiöser Sozialisten veröffentlichen Zeitungsartikel und Flugblätter »… was wollen die Faschisten in der Kirche? … Sie werden vom Evangelium reden, aber sie meinen damit ihr eigenes Evangelium, das des Raffhochmutes, der brutalen Vergewaltigung jeder anderen Meinung, der Verherrlichung des Kriegsgeistes und der militärischen Aufrüstung. Sie haben das Kreuz Christi verzerrt zum Hakenkreuz … So streckt Hitler seine Hände nach der evangelischen Kirche aus wie nach einer sicheren Beute und fühlt sich schon jetzt als der zukünftige Herr der Kirche.«

Karikatur aus Hans Prolingheuer: Kleine politische Kirchengeschichte. 50 Jahre evangelischer Kirchenkampf, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, 1984

Karikatur aus Hans Prolingheuer: Kleine politische Kirchengeschichte. 50 Jahre evangelischer Kirchenkampf, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, 1984

Am 9. September 1932 erkannte der evangelische Oberkirchenrat-Berlin die faschistischen »Deutschen Christen« als offizielle Kirchenpartei für die in Preußen für November 1932 festgesetzten Kirchenwahlen an. »Damit waren Rassenwahn, Ausschaltung der Juden, Terror und Gewaltanwendung höchst kirchenamtlich für wählbar erklärt.«

Die »Deutschen Christen« erzielten ein Drittel aller Plätze.

Den Höhepunkt dieser Selbsttäuschung bildete der festliche Staatsakt in der Potsdamer Garnisonkirche zur Eröffnung des Reichstags am 21. März 1933 mit der Predigt von Generalsuperintendent Otto Dibelius. Der Reichskanzler erklärte vor dem Altar programmatisch, was in der Kirchenzeitung begeistert begrüßt wurde: »Mit der Regierung ist das ganze deutsche Volk im Geist an die doppelt geheiligte Stätte getreten, um Gottes und der Geschichte Stimme zu vernehmen. Wir wollen dankbar sein, dass wir eine Führung haben, die sich an dieser Stätte für ihr schweres Amt zurüsten lässt.«

Die Kirchenleitung wehrte sich lediglich dagegen, dass der Reichstag wegen der Zerstörung des Preußischen Reichstagsgebäudes in Berlin ständig in der Garnisonkirche tagen sollte. Schon am 13. November fand dann die fatale Veranstaltung der »Deutschen Christen« im Sportpalast statt, auf der Pfarrer Krause das »Alte Testament« offiziell als Buch »jüdischer Zuhälter« diffamierte. Und deshalb müsse sich die deutsche Volkskirche von diesem Buch befreien. In den ersten Wochen seiner Regierung warben Hitler und seine Parteigänger nachdrücklich um die Christen.

Endlich wurden aber auch Stimmen des Widerspruchs in der Kirche laut. Die wesentliche Hilfe leistete der Schweizer Karl Barth. Er veröffentlichte einen ausführlichen kritischen Artikel »Theologische Existenz heute«. Nein, war sein Urteil: Das ist Verrat. Als die »neue altpreußische Synode« am 6. September die Einführung des »Arierparagraphen« beschloss und damit die Taufe als alleiniges Kriterium für Kirchenmitgliedschaft aufgab, war das der öffentliche Auslöser für einen Kirchenkampf. Allerdings nur um innerkirchliche Probleme. Bis Ende 1933 schlossen sich über 6.000, das heißt ein Drittel aller deutschen Pastoren dem von Martin Niemöller gegründeten Pfarrernotbund an. Sie protestierten zunächst nur gegen die Kirchenpolitik der Deutschen Christen. Das war keine antifaschistische Aktion, aber ein deutlicher öffentlicher Protest. Zwei Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges versammelten sich im Sommer 1934 in Barmen Pfarrer in der gemeinsamen Absicht, die Gründung einer »bekennenden Kirche« zu riskieren. Die unter Federführung von Karl Barth formulierten sechs Thesen wurden erstmals in der Geschichte der Kirche gemeinsam von Reformierten, Unierten und Lutheranern als »evangelische Wahrheiten« anerkannt. Damit war eine Trennung von der offiziellen Kirche konstatiert, die meinte, dass sie sich zum Schutz vor liberaler und sozialistischer Weltanschauung mit der faschistischen Politik und Weltanschauung verbünden dürfe. Die nationalsozialistische Politik erklärte von dieser Synode an die Vertreter der Bekennenden Kirche zu Staatsfeinden. Mit der Bekennenden Kirche, die keine Staatsreligion war, bekam die reformatorische Bezeichnung »Protestanten« eine neue Bedeutung in Deutschland.

Vom Leben im Versteck

geschrieben von Renate Kirchner

13. Mai 2014

Eine junge Frau überlebt die Jahre 1940 bis 1945 in Berlin

Wenn die auflagenstärkste Berliner Tageszeitung schon auf ihrer Titelseite (»Untergetaucht in Berlin«) ein Buch offeriert, dann muss es herausragend sein.

Die Titel zur Judenverfolgung während der NS-Zeit sind inzwischen Legion. Romane, Erzählungen, Novellen gehören dazu, wie auch Biografien, Zeitzeugenberichte, Dokumentationen. Theater und Film haben sich schon lange des Themas angenommen. »Ab heute heißt Du Sarah« steht seit Jahren auf dem Spielplan des Grips-Theaters. Ist nicht schon alles dazu gesagt?

Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940-1945. Bearbeitet von Irene Stratenwerth u. Hermann Simon. Mit einem Nachwort von Hermann Simon. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2014. 415 S., 22,99 Euro

Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940-1945. Bearbeitet von Irene Stratenwerth u. Hermann Simon. Mit einem Nachwort von Hermann Simon. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2014. 415 S., 22,99 Euro

Marie Jalowicz Simon und die Geschichte ihres Überlebens hatte am 6. März 2014 in der Probebühne des Berliner Ensemble ihre Buchpremiere, zu der der S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) einlud. Knut Elstermann, Filmkritiker und Moderator, sprach mit Hermann Simon, dem Sohn der Marie J. S. Dank seiner Hartnäckigkeit, diesen Teil ihres Lebens preiszugeben, aufgezeichnet auf 77 Tonbänder, beginnend knapp ein Jahr vor ihrem Tod (1998), liegt uns nun dieses ungewöhnliche Dokument vor. Es mit wissenschaftlicher Akribie in eine Form zu bringen, die das Buch abhebt von den vielen anderen, gelang ihm und Irene Stratenwerth in vorbildlicher Weise.

Was bedeutete es tatsächlich für Juden in Deutschland, Anfang der vierziger Jahre als »U-Boot« (umgangssprachlich für Untergetauchte) zu leben? Dreizehn Orte waren es, an denen Marie Unterschlupf fand, mit gefälschtem Pass, immer in Angst vor Entdeckung und Deportation. Sie musste ihre bürgerliche Herkunft verleugnen, in Milieus eintauchen, die ihr fremd und oft widerwärtig waren. Die behütete »Kindheit und Jugend« gab es für die 18-Jährige plötzlich nicht mehr.

»Zwangsarbeit bei Siemens« heißt das 2. Kapitel, in dem sie die Versuche von sich und den anderen jüdischen Mädchen und Frauen beschreibt, trotz dieser verordneten Fron ein bisschen Selbstachtung zu bewahren – und sei es auf dem Klo!

In »Fluchtversuche und Untertauchen« schildert sie das verzweifelte Bemühen, die wahnwitzigsten Ideen (z. B. eine Scheinheirat mit einem Chinesen), die sie aber als Rettungsanker verstand, wenn sie ihren Plan, zu überleben, verwirklichen wollte.

»Der erste Winter im Versteck« lässt erahnen, wie demütigend diese gerettete Lebenszeit oft für sie war. Und in »Ein beinahe normales Leben ab 1943« ist dokumentiert, womit sie sich diese scheinbare Sicherheit erkaufen musste: An der Seite eines holländischen Fremdarbeiters, eines Cholerikers, der sie schlägt, anwidert; eine Alternative gibt es nicht für sie. Um diesen Zustand auszuhalten, verordnet sie sich ein »inneres Tagebuch«. Es wird für Marie Lebenshilfe und für uns Nachgeborene offensichtlich Quelle dieses einzigartigen Berichtes.

»Der Krieg ist zu Ende« beschreibt Maries letzte Wochen, die sie im ehemaligen Sommerhaus ihrer Eltern verbringt, von ihren »Rettern« geduldet, bis zum Schluss gedemütigt, obwohl das Ende des Krieges doch schon so nahe zu sein scheint …

Schonungs -und tabulos erzählt Marie Jalowicz Simon, dabei weder die eigene Familie, noch sich selbst und die Helfer aussparend. Sie ergeht sich nie in Selbstmitleid, analysiert glasklar die jeweilige Situation und deutet sie, wie sie es als Wissenschaftlerin gewohnt war. Marie wollte leben, der Mut der Verzweiflung war es, mit dem es ihr gelang, in den unterschiedlichsten, entwürdigendsten Situationen das Richtige zu tun.

Zielstrebig setzte sie diesen Weg nach der Befreiung fort. Sie studierte an der Humboldt-Universität, wurde Professorin für antike Literatur- und Kunstgeschichte, blieb in Berlin und schien keinen Widerspruch darin zu sehen, im öffentlichen Leben zu stehen und praktizierende Jüdin zu sein. Das Professoren-Ehepaar Simon war in der Ostberliner Jüdischen Gemeinde und darüber hinaus eine »Institution«.

Zeitgleich mit der Print-Variante erschien ein Hörbuch, gelesen von der Berliner Schauspielerin Nicolette Krebitz, die anwesend war und dem Gespräch zwischen Knut Elstermann und Hermann Simon durch Leseproben einen authentischen Eindruck von dieser Lebensschilderung vermittelte.

Hermann Simon, Wissenschaftler wie seine Eltern, ließ sich sehr viel Zeit mit der Herausgabe des Buches, überprüfte sämtliche Quartiere, Namen, erarbeitete ein Personenregister und schuf mit seinem Nachwort einen dem Text seiner Mutter adäquaten Appendix.

»Was würde Ihre Mutter, die sich doch so lange gegen Ihre Befragung gewehrt hat, zu diesem Buch heute sagen?«, fragte der Moderator. »Ich denke, dass es sie freuen würde«, antwortete Hermann Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum.

Trommelfeuer auf der Krim

geschrieben von Thomas Willms

13. Mai 2014

Eine Analyse eines der ersten Kriege der Neuzeit

 

Orlando Figes, britischer Professor für russische Geschichte, legte 2010 mit »Crimea« ein Buch vor, dessen deutsche Fassung sicher nicht zufällig gerade neu herausgegeben wird. Es enthält eine umfassende Schilderung des Krimkrieges 1853 – 1856, des größten europäischen Krieges des 19. Jahrhunderts. Figes überwindet die Tradition der britisch dominierten Geschichtsschreibung zum Thema, indem er außer britischen und französischen auch osmanische und vor allem russische Quellen heranzieht und dabei auch gewöhnliche Soldaten zu Wort kommen lässt.

Orlando Figes, Krimkrieg. Der letzte Kreuzzug, 753 Seiten, 18,99 Euro

Orlando Figes, Krimkrieg. Der letzte Kreuzzug, 753 Seiten, 18,99 Euro

Man kann gar nicht anders, als die Vorgeschichte dieses Konfliktes, seinen furchtbaren Verlauf und die weitreichenden Folgen vor dem Hintergrund des aktuellen Konfliktes in der Ukraine zu lesen.

Der hinter den Weltkriegen praktisch verschwundene Krimkrieg lag zeitlich auf halbem Weg zwischen den napoleonischen Kriegen, die insbesondere die Kommandierenden oft noch selbst erlebt hatten und dem Ersten Weltkrieg. Politisch, technologisch, organisatorisch, aber auch ideologisch gehört er aber bereits eher in die moderne Neuzeit. Zusammen mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg gilt er als der erste moderne Krieg. Seine Ursache lag im tiefen Konflikt zwischen dem russischen Expansionsstreben gegenüber einem schwachen Nachbarn (dem Osmanischen Reich) und dem gleichzeitigen Dominanzstreben der westlichen Großmächte Großbritannien und Frankreich. Seine Schauplätze waren der Kaukasus, die Krim und Moldawien. Auf einen anfangs erfolgreichen russischen Angriff auf das Donau-Delta reagierten die Westmächte mit der Entsendung eines großen Expeditionskorps auf die Krim, um Sevastopol und die russische Schwarzmeerflotte auszuschalten. Im Zentrum der Kämpfe stand die fast einjährige Belagerung Sevastopols.

In deren Verlauf zeigte sich die Überlegenheit der sich entwickelnden industriellen Basis der Westmächte mit den einhergehenden bürokratischen Organisationsweisen gegenüber dem System der auf Leibeigenschaft beruhenden russischen Ökonomie.

Die besonderen Gräuel dieses Konfliktes mit seinen geschätzten 800.000 militärischen und ungezählten zivilen Toten ergaben sich nicht zuletzt aus dem Umstand, dass diejenigen die ihn führten, seine Wesenszüge zunächst nicht verstanden. Vor Sevastopol kam es deshalb zu Angriffen mit Säbel und Lanze, für die es dank der gerade eingeführten Infanteriegewehre mit gezogenem Lauf keine Grundlage mehr gab. Ein großer Teil der kommandierenden Generäle auf beiden Seiten kam ums Leben, da man noch meinte, die Truppen selbst anführen zu müssen. Zu den seit langem bekannten Kanonenkugeln traten Explosivgeschosse hinzu. Eine bis dahin nicht vorstellbar große Anzahl von Geschützen bombardierte die Stadt mit bis zu 50.000 Granaten täglich. Sevastopol sah aus wie von einem Erdbeben getroffen. Apokalyptische Ausmaße, von Tolstoj beschrieben, nahm der Fall der Stadt an. Die überlebende Bevölkerung und der Rest der russischen Armee zogen sich am 8. September 1855 nachts über eine Pontonbrücke zurück, während die Nachhut die Trümmer in Brand setzte und dabei Tausende von Verwundeten zurückließ. Zar Nikolaus I., dem Figes die Hauptschuld am Krieg zumisst, brach voller Schuldgefühle zusammen und starb. Obwohl strategisch keineswegs entschieden, schreckten beide Seiten vor einer weiteren Entfesselung und Ausdehung des Konfliktes zurück und schlossen Frieden. Die konkreten Ergebnisse des Krieges waren angesichts der aufgewendeten Mittel gering. Russland verlor ein kleines Stück Gebiet in Moldawien und bis auf weiteres das Recht auf eine Flotte im Schwarzen Meer.

Schwerwiegend waren die politischen Folgen. Die russische Seite reagierte mit Ansätzen zur Modernisierung ihrer Gesellschaft, insbesondere der Aufhebung der Leibeigenschaft. Andererseits kam es bereits während der Kämpfe, vor allem aber danach, zu starken Bevölkerungsverschiebungen, teils erzwungen durch Repression und Vertreibung, teils durch Flucht und Hoffnung auf mehr Sicherheit und Wohlstand. Der Krieg führte u.a. dazu, dass Bevölkerungen und Individuen zunehmend anhand ethnischer, sprachlicher und religiöser Kriterien betrachtet und behandelt wurden. Im Schwarzmeerbogen wurden Wohngebiete von Bulgaren, Griechen, Armeniern, Türken, Russen, Tataren und weiteren Ethnien vereinheitlicht, gereinigt oder beseitigt. Die aristokratische Klassensolidarität der Dynastien, 1815 auf dem Wiener Kongress feierlich erklärt, war endgültig zerbrochen. Die Gewinnung der öffentlichen Meinung und die Mobilisierung der Massen für oder gegen eine Sache wurde fortan zum wichtigen Moment der Kriegführung. Das Konzept Nationalismus, im Krieg bereits gefährlich in Anschlag gebracht, setzte sich insbesondere auf dem Balkan durch. Und damit war der Anlass für den Weltkrieg nicht mehr fern.

Akif Pirinçci von Sinnen

geschrieben von Janka Kluge

13. Mai 2014

Was sagt der Verkaufserfolg eines solchen Buches über unsere Gesellschaft?

 

Akif Pirinçci hat ein Buch geschrieben, das sich in kurzer Zeit zu einem Verkaufsschlager entwickelt. Über Wochen steht »Deutschland von Sinnen« bereits auf den Bestsellerlisten von Spiegel und Amazon. Pirinçci, bekannt durch seinen 1989 veröffentlichten Katzenkrimi »Felidae«, ist 1969, als zehnjähriger Junge, zusammen mit seinen Eltern aus Istanbul eingewandert.

In seinem Buch behauptet er, dass sich in Deutschland seit Mitte der achtziger Jahre eine systematische Gesellschaftszerstörung durch die Grünen im Schulterschluss mit linkslastigen Medien entfaltet und meint damit nicht nur die Mitglieder der Partei, sondern alle, die sich für eine menschlichere Welt einsetzen. Pirinçci sieht in allen Bereichen den Untergang der westlichen Welt heraufziehen. Mit dieser Ansicht steht er nicht allein. Von Thilo Sarrazin bis Jürgen Elsässer, dem Chefredakteur der Zeitschrift »Compact«, finden sich ähnliche Aussagen. Doch Pirinçci geht einen Schritt weiter. Seitenweise beschimpft und diffamiert er Menschen links von der CDU/CSU. Ein Beispiel soll genügen: »Da die essentiellen Bedürfnisse der Menschen zu jener Zeit (Mitte der achtziger Jahre J.K.) schon befriedigt und Frieden und bescheidener Wohlstand selbstverständlich geworden waren, machten sich Dummschwätzer und Versager, die schlau und wichtig taten und normalerweise richtig hätten arbeiten müssen daran, die Verhältnisse umzukehren (…)« Außerdem hetzt er gegen Schwule und Lesben. Diese Beleidigungen sind so diffamierend, dass ich auf ein Zitat verzichte. Sogar die konservative Monatszeitschrift »Cicero« kritisiert in einem Artikel – der Pirinçci in Schutz nimmt – die unflätige Grundhaltung seines Buches. »Kaum eine der 276 Seiten kommt ohne ›Hurensöhne, ficken, Pimmel, Schwanz, Schwuchtel, knallen, lecken, Lesbentittengesauge‹ aus, um ›den irren Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer‹ unter den verbalen Schlaghammer zu nehmen.«

Akif Pirinçci, Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer, Manuscriptum, 276 Seiten, 17,80 Euro

Akif Pirinçci, Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer, Manuscriptum, 276 Seiten, 17,80 Euro

Pirinçci hat sich bereits 2012 der sogenannten Gesellschaftskritik zugewandt. Seitdem veröffentlichte er immer wieder in dem antiislamischen Blog »Die Achse des Guten« von Hendrik M. Broder und in der der neurechten Zeitschrift »eigentümlich und frei«. Die Betreiber des Blogs haben sich von Pirinçci distanziert, nachdem sein Beitrag »Das Schlachten hat begonnen« für Aufsehen und Proteste gesorgt hat. In diesem Artikel behauptete Pirinçci, dass ein Genozid am deutschen Volk begonnen habe. In seinem Buch widmet er der Auseinandersetzung um den Artikel ein ganzes Kapitel. Er entwickelt geradezu eine Verschwörungstheorie um seine These, die in dem Satz gipfelt: »Die Zahl der solcherlei Weise ermordeter Deutschen wird von offiziellen Stellen bewusst geheim gehalten, es ist aber wohl nicht übertrieben, wenn man taxiert, das es sich um die Opferzahl eines veritablen Bürgerkriegs handelt.« Er fordert, dass die Deutschen diesen »Bürgerkrieg« aufnehmen sollen. »Es leben inzwischen zu viele Muslime in diesem Land, als dass man sich ihres nicht zivilisierbaren Anteils problemlos entledigen könnte, ohne einen Bürgerkrieg, wenn nicht sogar einen richtigen Krieg zu riskieren. Zudem sind die autochthonen Jungmänner durch die jahrelange feministische-pazifistische Gehirnwäsche so verweichlicht, dass sich nicht einmal bei der Polizei und der Bundeswehr auch nur tausend Mann für die kriegerische Abwehr finden würde.« Er ruft außerdem indirekt zur Selbstjustiz auf. »Der Nachbarsjunge ist von Ausländern erschlagen worden? Ja, schade um ihn, da soll sich der Staat drum kümmern. Was habe ich damit zu tun? Nachher denkt man, ich bin ausländerfeindlich.« Mit solchen Äußerungen erweckt Pirinçci den Eindruck, als ob Deutschland einen Schritt vor dem Abgrund steht und nur noch durch bewaffnete Milizen, die Jagd auf Muslime und Linke machen, gerettet werden kann.

Die Reaktionen auf diese Hasstiraden von Akif Pirinçci könnten unterschiedlicher nicht sein. Alle wichtigen Zeitungen und Zeitschriften verreißen das Buch. Alle rechten, konservativen Medien loben das Buch. Zeitungen, die sich kritisch mit dem in Buchseiten gepressten Hass auseinandersetzen, werden mit wütenden E-Mails überhäuft.

Obwohl das Buch überflüssig ist wie kaum etwas anderes, ist es wichtig, sich mit dem Phänomen auseinandersetzen, was es über unsere Gesellschaft sagt, dass innerhalb weniger Wochen hunderttausende Exemplare verkauft worden sind.

Auf der Rückseite des Buches wird Pirinçci mit den Worten zitiert: »Mit Verlaub, es ist mir völlig egal, ob man mich einen Nazi schimpft oder eine Klobürste!« Ein Nazi ist er wohl nicht, aber auch keine Klobürste, denn mit der kann man ja braune Spuren wegschrubben. Pirinçci ist eher mit dafür verantwortlich, dass in Deutschland noch mehr Klobürsten benötigt werden.

Wer wir sind

geschrieben von Markus Tervooren

13. Mai 2014

120 Seiten Geschichte des Antifaschismus

 

Ulrich Schneider, dem langjährigen Aktivisten der VVN-BdA und der FIR, ist es in seinem neuen Bändchen »Antifaschismus« in der Reihe Basiswissen des Papy Rossa Verlages gelungen, eine übersichtliche kleine Geschichte des Antifaschismus und seiner wichtigsten Protagonistinnen und Organisationen in Deutschland zu schreiben. Dreh- und Angelpunkt des Buches ist der Schwur der befreiten Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald vom 19. April 1945. Der Schwur bekräftigte in französischer, russischer, polnischer, englischer und deutscher Sprache »die Vernichtung des Faschismus mit seinen Wurzeln« und den »Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit« und forderte, den Kampf erst einzustellen »wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!«. Bedauerlicherweise gibt der Autor nicht den vollständigen Text wieder, der Dank der Häftlinge an den kurz zuvor verstorbenen US-Präsidenten F. D. Roosevelt fehlt.

Schneider, Ulrich: Antifaschismus Basiswissen Politik / Geschichte / Gesellschaft / Ökonomie  PapyRossa Verlag/ 2014

Schneider, Ulrich: Antifaschismus
Basiswissen Politik / Geschichte / Gesellschaft / Ökonomie
PapyRossa Verlag/ 2014

Ansonsten fehlt wenig in dem Büchlein, auch nicht der Hinweis, es am besten zusammen mit dem Band »Faschismus« aus der gleichen Reihe des Verlags zu lesen, da für die ausführliche inhaltliche Beschäftigung mit dem Gegner auf 120 Seiten der Platz fehlt.

Das Buch ist in drei übersichtliche und gut zu lesende Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel beschäftigt sich mit dem Zeitraum von 1923 bis1945, handelt also vom Aufkommen des Faschismus in Italien, Deutschland und Europa bis zur endgültigen militärischen Zerschlagung des Faschismus und der Befreiung der überlebenden Opfer. Es erzählt von den Schwierigkeiten, die neue faschistische Bewegung zu verstehen und gegen sie einen breiten, über Partei-, Organisations- und ideologische Grenzen reichenden Widerstand zu organisieren. Auch der internationale und internationalistische Aspekt von Widerstand und Verfolgung wird ausführlich gewürdigt.

Das zweite Kapitel führt uns über den »Neuanfang« 1945, den Aufbau der neuen Organisationen der Antifaschistinnen, allen voran natürlich der VVN, zu den Zerreißproben, denen der deutsche und europäische Antifaschismus im Kalten Krieg in Ost und West ausgesetzt war, bis zum partiellen Zerbrechen ihrer Einheit. Er beschreibt Antifaschismus als wichtigen Orientierungspunkt der nachgeborenen Generationen, den Kampf gegen die Restauration und Rehabilitation der alten Eliten des NS-Staates, den Kampf um die Entschädigung der Opfer und die konsequente Bestrafung der Täter. Wir erfahren über die Kämpfe und Aktionen gegen alte und neue Nazis, die 1964 neugegründete NPD (so alt ist die Forderung der VVN für das Verbot der NPD), von beeindruckenden Großdemonstrationen gegen die Veteranen-Aufmärsche der Waffen-SS in Deutschland und Europa. Der entscheidende Anteil der Antifaschisten im Kampf um den Frieden innerhalb der Kampagnen gegen die Wiederaufrüstung und in der Friedensbewegung der 70iger und achtziger Jahre wird gewürdigt. Und auch die Reibungen mit den militanten antifaschistischen Aktionen der »neuen Linken« gegen Neonazis finden ihren Platz. Ergänzt wird das Kapitel durch einen knappen aber wichtigen Exkurs zum (staatlichen) Antifaschismus in der DDR.

Das dritte Kapitel beginnt 1990 und beschreibt das Bemühen und die Erfolge antifaschistischer Erinnerungspolitik und das Ringen um neue Wege, das Erbe der antifaschistischen Zeitzeuginnen weiterzutragen. Es vermerkt das Entstehen neuer antifaschistischer Organisationsformen, z.B. aus dem unabhängigen »autonomen« Antifa- Spektrum, wie den Versuch einer bundesweiten Organisierung durch die AA/ BO oder das BAT, und versucht auch eine Annäherung an deren Theoriebildung. Es beleuchtet die neue Situation für Antifaschistinnen durch den nach der »Wiedervereinigung« aufkommenden überbordendem Nationalismus, Rassismus und Neofaschismus. Dabei bleiben dem Autor aber die meist jüngeren Protagonistinnen und neu entstehenden Institutionen und Gruppen und deren Diskussionen (Triple Opression) leider etwas fremd. Hier hätte er sich vielleicht Unterstützung holen sollen. Auch der spontane jugendliche Widerstand, z.B. der Edelweißpiraten oder der jungen Jüdinnen und Juden um Herbert Baum während des NS, aber auch die zahlreichen Antifa-Gruppen, die nach 1990 nicht nur in der ehemaligen DDR als wichtigste linke politische (Selbstschutz) Organisationen für Jugendliche in fast jedem Dorf entstanden und sicher mit dafür gesorgt haben, dass die Neonazis zurückgedrängt wurden, bleiben unterbelichtet. Und bitte, lieber Uli, nenne in der nächsten Auflage die »neuen« Antifa-Archive beim Namen, wir brauchen z.B. das apabiz in Berlin und AIDA in München wirklich sehr. Zuletzt hätte ich mir auch ein ausführlicheres nach Themen geordnetes Literaturverzeichnis zum »Weiterlesen« gewünscht, denn darauf macht das Buch wirklich neugierig.

Fazit: Das Büchlein gehört auf jeden (VVN-BdA) Infotisch.

Aus der Sicht der Opfer

geschrieben von Ernst Antoni

13. Mai 2014

Dokumentartheater-Projekt über den NSU-Terror in München

 

Das Publikum sitzt im offenen Viereck vor einer düsteren Bühne, schaut ins Laub, in eine Baumkrone, hört vor Spielbeginn Vogelgezwitscher. Ein komischer Baum. Wandert der Blick nach oben, vom Laub hinauf zur Hallendecke, zu den Scheinwerfern, die Baum und Bühnenraum nur dezent erhellen: verkehrte Welt. Ein paar kräftige Äste, ein kahler Stamm, der sich verbreitert und dann das Wurzelwerk frei schwebend in der Luft. Der Baum steht Kopf und hängt entwurzelt von der Decke.

Unter der Baumkrone bewegen sich drei Menschen in einem kargen Umfeld (Bühnenbild: Eva Maria Bauer), lassen sich auf verstreuten Sitzgelegenheiten nieder, treten da und dort an die Rampe, sprechen die Zuschauer direkt an, spielen unterschiedliche Rollen. »Urteile« heißt das Stück von Christine Umpfenbach und Azar Mortazavi und im Untertitel »Ein dokumentarisches Theaterprojekt über die Opfer des NSU in München«. Dort, in München, auf der Residenztheater-Marstall-Bühne des Bayerischen Staatsschauspiels, hat am 10. April die Uraufführung stattgefunden. Mehrere Vorstellungen fanden seither statt, oft begleitet von anschließenden Diskussionsveranstaltungen, weitere sind vorgesehen.

Das Thema Naziterror am Beispiel NSU hat derzeit bundesweit an mehreren Häusern Eingang in Theaterspielpläne gefunden. Vorwiegend sind es die Täterfiguren, die – unterschiedlichst interpretiert – in diesen Inszenierungen ins Blickfeld rücken. Schon deshalb verdient besondere Beachtung, dass am Ort des NSU-Prozesses, der in der breiten Medienwahrnehmung bisher weitgehend auf die Hauptangeklagte Beate Zschäpe und deren engeres Nazi-Umfeld orientiert ist, hier einmal zwei Opfern und deren Angehörigen Bühnen(und damit Öffentlichkeits-)raum gegeben wird.

Dazu das Programmheft: »Am 29. August 2001 wurde Habil K. in seinem Obst- und Gemüseladen in München-Ramersdorf erschossen. Als Tatmotiv galt ‚organisierte Kriminalität‘. Am 15. Juni 2005 wurde Theodoros B. in seinem Geschäft in München-Westend erschossen. Die Zeitung schrieb: ‚Eiskalt hingerichtet – das siebte Opfer. Türken-Mafia schlug wieder zu‘. Die betroffenen Familien wurden nach den Morden von Sicherheitsbehörden, Medien, aber auch von ihrem unmittelbaren Umfeld zehn Jahre lang zu Unrecht verdächtigt. Statt trauern zu dürfen, wurden sie Ermittlungen und Anschuldigungen ausgesetzt.«

Davon handelt diese Aufführung. Anhand einer Fülle von Dokumentarmaterial zu diesen Vorgängen, von Interviews mit Verwandten, Freunden, Kollegen der Ermordeten, mit Juristen, Journalisten, Politikern haben die Autorinnen eine Sammlung von Fakten zusammengetragen, die – wie sie formulieren – »exemplarisches Fehlverhalten belegen können, das durch strukturellen Rassismus in Behörden, Medien und Alltag entstanden ist.«

Aus diesen Sachverhalten nun ein Theaterstück zu machen, eine, wie es im Programmheft heißt, »künstlerische Umsetzung des Projektes als theatraler Denkraum«, war ohne Zweifel eine gewaltige Aufgabe. Das Verdichten des Erfahrenen für einen Theaterabend (Regie: Christine Umpfenbach), der rund 140 Minuten ohne Pause dauert. »Immer wieder die Angst«, schreibt Ko-Autorin Azar Mortazavi, »die Opferangehörigen ein weiteres Mal um ihre Geschichte zu berauben, um diese dann auf der Bühne auszustellen. Sich also immer wieder klar machen: Es geht ums Exemplarische«.

Im »theatralen Denkraum« bewegen sich konzentriert die Schauspielerin Demet Gül und ihre Kollegen Gunther Eckes und Paul Wolff-Plottegg, fühlen sich souverän in ihre jeweiligen Figuren ein: Eltern, Schwiegereltern, Geschwister, Freundinnen und Freunde der Mordopfer, Medienleute, ein orthodoxer Geistlicher…. Leuchtschrift-Bänder auf der Bühne erläutern, wer gerade das Wort hat. Zunehmend entfaltet sich eine Chronique Scandaleuse, eine haarsträubende Bilanz tendenziös einseitiger staatlicher Ermittlungsarbeit, flankiert von nahezu ebenso tendenziösen Medienberichten. Eingestreut in die Faktensammlung sind Alltags-Erfahrungen von Menschen »mit Migrationshintergund«, die aufzeigen, wie institutioneller Rassismus und allgemein verbreitete Vorurteile und Klischees oft ineinandergreifen.

Bei der erfreulicherweise auch überregional beachtlichen Medienresonanz nach der Münchner Uraufführung war dann neben einer Be- auch eine gewisse Getroffenheit zu spüren. Vom »Zeigefinger« war die Rede, der gehoben würde »so lange bis es nervt«, von »Karikaturen«… Es kann ja darüber debattiert werden, ob jedes theatralische Stilmittel in diesem dokumentarischen Projekt adäquat eingesetzt ist. Die bisherige Aufarbeitung der Nazimordserie, ihrer Hintergründe und Umfelder, beweist jedoch beinahe täglich, dass es gar nicht genug Zeigefinger geben kann. Zum öffentlichen Weiter-Nerven.

Die Abwesenden sind anwesend

geschrieben von Regina Girod

13. Mai 2014

Gustavo Germanos Fotografien von Opfern der brasilianischen Militärdiktatur

 

Zwei Fotos nebeneinander auf einer Tafel. Links vier kleine Jungen auf einem Weidezaun, offene, fröhliche Kindergesichter, einer hat die Arme um seine Nachbarn gelegt. Darunter die Jahreszahl 1947 und die Namen der vier. Rechts das gleiche Sujet, derselbe Weidezaun – drei alte Männer stehen jetzt davor. Der Platz in ihrer Mitte ist frei – der die Arme um die anderen gelegt hatte, fehlt. Darunter die Jahreszahl 2012 und drei Namen.

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Zufällig kam ich an der Tafel vorbei. Unvorbereitet trafen mich die Fotos mit voller Wucht. Denn aus den übermütigen Kindern waren harte alte Männer geworden, die Gesichter zerfurcht von Schmerz und Sorgen, die Blicke skeptisch und distanziert. Was war hier geschehen? Welches Unglück hatte solche Spuren hinterlassen?

Der argentinische Fotograf Gustavo Germano, dessen Bruder selbst von der argentinischen Militärdiktatur verschleppt und ermordet wurde, hat eine ganz persönliche Form gefunden, die Erinnerung an die Opfer lateinamerikanischer Diktaturen wach zu halten. Gemeinsam mit den Familien der »Verschwundenen« wählt er Fotos aus ihren Familienalben aus und stellt sie an denselben Orten Jahrzehnte später nach. Der Platz der Verschleppten bleibt frei, so dass sich der Betrachter unwillkürlich fragt, wie sie wohl heute aussehen würden. Die Gesichter der Hinterbliebenen aber prägen sich unauslöschlich ein. Betroffen versteht der Betrachter, dass die Praxis des »Verschwindenlassens« nicht nur das Leben der Gefolterten und Ermordeten zerstörte, sondern auch bei ihren Freunden und Verwandten tiefe Wunden hinterlassen hat. Willkür und Gewalt haben auch sie zu Opfern gemacht.

Das erste Projekt Gustavo Germanos war 2006 eine große Ausstellung über argentinische »Verschwundene«. Sie tourte jahrelang durch Lateinamerika und bewegte viele Menschen auf dem Kontinent, in dem etliche Diktatoren Gegner einfach »verschwinden« ließen. 2012 folgte eine Ausstellung über die Opfer der brasilianischen Militärdiktatur, die von 1964 bis 1985 das Land beherrschte. Als eine Art »Mutter aller lateinamerikanischen Diktaturen« war sie zugleich Versuchsfeld der CIA für Unterdrückungs-und Terrorpraktiken, die später von anderen Regimes übernommen wurden. Anders als in Argentinien verhinderte ein Amnestiegesetz in Brasilien die Aufarbeitung der Verbrechen der Militärherrschaft. Erst mehr als 25 Jahre später hat 2011 eine »Wahrheitskommission« nach südafrikanischem Vorbild ihre Arbeit aufgenommen.

Die zwölf Tafeln der brasilianischen Ausstellung wurden Ende März neun Tage lang im Foyer des ND-Gebäudes im Berlin gezeigt, als bislang einzige Präsentation von »Ausencias« in Deutschland. Ein Faltblatt informierte über die Biografien der Ermordeten, deren Schicksale zum Teil bis heute nicht geklärt werden konnten. Anna Rose Kucinski Silva war mit 32 Jahren die Älteste von ihnen. Der zärtliche Junge hieß Joao Carlos Haas Sobrinho. Er war Arzt und starb als Guerillero bei einem Gefecht. Luiz Euricio Tejera Lisboa, dessen Foto oben zu sehen ist, verschwand mit 24 Jahren in Sao Paulo. Er war Kommunist.

Vor 50 Jahren wurde die Diktatur in Brasilien errichtet. Die Wunden, die sie hinterließ, sind noch immer nicht geheilt.

Mit Wimmelbild und Hörstationen

geschrieben von Thomas Willms

9. Mai 2014

Die neue Neofa-Ausstellung der VVN-BdA kommt

 

Auf dem Bundeskongress der VVN –BdA in Frankfurt/Main wird, wenn nichts Gravierendes dazwischenkommt, die neue Ausstellung »Neofaschismus in Deutschland« vorgestellt. Es handelt sich um die mittlerweile sechste Fassung, an der zwei Jahre gearbeitet wurde. Zum Team gehören die Bundeskommission Neofaschismus, Autoren, ein Jurist, ein Layouter, ein Zeichner, Sprecher, Tonkünstler und Web-Designer unter der Leitung von Axel Holz und Thomas Willms. Die gewerkschaftliche Unterstützung ist dieses Mal stärker denn je. Die IG Metall, ver.di Nord und die GEW Hamburg unterstützen uns vielfältig. Der Hans Frankenthal-Preis der Stiftung Auschwitz-Komitee, den wir 2013 erhielten, hat uns gleichfalls sehr geholfen.

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Es wurden nicht nur beinahe alle Fotos und Dokumente ausgetauscht und durch neuere ersetzt, sondern auch Entwicklungen aufgenommen, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben. Stichworte dafür sind NSU, Rechtspopulismus, Antiziganismus und Reenactment. Am ausführlichsten wurde (auch im Bundesausschuss der VVN – BdA), die neue Tafel »Ostgeschichte« diskutiert. Wir mussten nämlich zugeben, dass man selbst der fünfte  Ausstellungsfassung noch ihre ursprüngliche Herkunft aus Westdeutschland ansah. Die DDR hat es in ihr nicht gegeben, weder im positiven noch im negativen Sinne. Die Lösung besteht nun darin, je eine Tafel zur West- und Ostgeschichte zu zeigen, die das Spannungsverhältnis von jeweiliger Staatsdoktrin, Staatsverhalten und gesellschaftlicher Realität thematisiert. Für den Westen wird das uns bekannte Globke & Gehlen-Thema konfrontiert mit den antifaschistischen Studentenprotesten der 1960er Jahre. Im Osten steht der erklärte Antifaschismus im Kontrast zu suboffiziell vorhandenen rassistischen und nazistischen Einstellungen in der Bevölkerung, die nach 1990 in Lichtenhagen und anderswo explodierten.

Ausgangspunkt der Planungen waren aber auch praktische Erfahrungen, die mit der fünften Fassung gewonnen wurden. Aus dem Rezeptionsverhalten der Mehrheit der Besucherinnen und Besucher wurden weitreichende Folgerungen gezogen. Das einheitliche Erscheinungsbild der Tafeln wurde, um das Problem der Ähnlichkeitshemmung zu lösen, zugunsten einer Variation in Format und Material aufgegeben; nur dass Alles trotzdem in die bekannten postfreundlichen Transportkisten passen musste.

Den Betrachtern, die sich die Tafeln vorzugsweise wie ein Puzzle aneignen, wird nun auch eine Art optisches Puzzle geboten: ein großformatiges Wimmelbild. Es ist eine Ausstellung in der Ausstellung und enthält in Form eines »braunen Hauses« alles Wesentliche zum Neofaschismus in Deutschland: Ideologien, Erscheinungsformen, Aktivitäten und Außenbeziehungen. Die Idee dafür stammt aus den Kinderbüchern von Ali Mitgusch, hat aber auch Pieter Bruegel den Älteren als Vorbild. Bereits Bruegel brachte eine übergeordnete Idee oder ein Thema, z.B. »Die niederländischen Sprichwörter« von 1559 auf eine große Leinwand. Das Wimmelbild hat kein Zentrum, sondern bietet dem Betrachter eine große Zahl scheinbar willkürlich angeordneter Szenen. Der Ansatz ist enzyklopädisch, kunstvoll, verrätselt, humoristisch und karikierend, um unterhaltsam ein Bild von einem großen Ganzen entstehen zu lassen.

Unser Wimmelbild ist mit allen anderen Tafeln durch dort platzierte Ausschnitte verbunden. Wer mag, kann sich von ihm aus das Thema erschließen, anstatt die Tafeln in herkömmlicher Weise chronologisch durchzugehen.

Mit dem Katalog kann man die Ausstellung nebst einer ausführlichen Einleitung auch mit nach Hause nehmen. Die zentralen Inhalte sind auch in Englisch abgedruckt. Flyer in diversen Sprachen und ein Schüler-Arbeitsblatt müssen aus Kapazitätsgründen später folgen.

Anschließend an den Bundeskongress wird die neue Ausstellung als erstes vom Studienkreis Deutscher Widerstand in Frankfurt/Main und im Stadtmuseum Riesa im Vorfeld des Aktionstages gegen den »Deutsche Stimme Verlag« gezeigt werden.

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