Nicht zurückweichen

geschrieben von Dieter Hanisch

14. Mai 2014

DGB und ver.di Nord engagieren sich gegen die Gefährdung der Demokratie

 

Nazi-Gewalt ist eine traurige und nicht selten lebensbedrohende Realität. Das Bewusstsein der Gefahr des Nazi-Terrors ist spätestens nach Aufdecken der jahrelangen Mordserie durch eine NSU-Zelle und ihr dazugehöriges Netzwerk allgegenwärtig. Dafür sorgen auch der aktuelle Prozess gegen die neonazistische Aktivistin Beate Zschäpe in München und der immer noch nicht abgeschlossene Untersuchungsausschuss im Thüringer Landtag. Doch das brisante Thema darauf zu beschränken, reichte dem Arbeitskreis Antirassismus/Antifaschismus im Landesbezirk Schwerin von ver.di Nord nicht aus. Seine Veranstaltungsreihe »Ratschlag gegen Rechts« nahm für zwei Tage die Problemlage in den Fokus. Rund 80 Interessierte folgten der Einladung nach Schwerin und hörten Vorträge, diskutierten mit Fachleuten sowie untereinander und lernten von Initiativen vorgestellte konkrete Handlungsmöglichkeiten für den eigenen Alltag kennen.

Verdi-Konferenz

Verdi-Konferenz

Die Losung des Treffens » Demokratiegefährdung – Ausblick und Gegenwehr« verwies auch auf den Hintergrund anstehender Europa- und Kommunalwahlen in Mecklenburg-Vorpommern. Spricht man hier von rechter Szene, steht unweigerlich die im Schweriner Landtag vertretene NPD im Blickpunkt. Der renommierte Politologe Hajo Funke warnte eindringlich vor der Partei, die zum Erreichen ihrer Ziele auf bürgerkriegsähnliche Zustände setze. Mit ihm diskutierten unter anderem auch Christian Ströbele von den Grünen, die Linke-Bundestagsabgeordnete Martina Renner sowie Ulrich Chaussy, der sich als engagierter Journalist seit über 30 Jahren mit dem nach wie vor nicht vollständig aufgeklärten Oktoberfest-Attentat in München beschäftigt. Politikversagen, einseitige Ermittlungen, Behördenpannen und fehlgeleitete Verfassungsschutzaktivitäten – die Szenarien rund um den Anschlag 1980, der 13 Menschenleben forderte, und die NSU-Morde weisen gewisse Parallelen auf. Die Diskussionsrunde machte sich stark für eine kritische Öffentlichkeit. Hajo Funke gab zu, er habe durch das unsägliche V-Leute-Wesen sein Vertrauen in den Verfassungsschutz verloren. Martina Renner machte sich für eine unabhängige Kontrollinstanz stark, Christian Ströbele hat große Zweifel an den vielen angeblichen Zufällen bei der Fahndung nach dem untergetauchten Trio Böhnhardt/Mundlos/Zschäpe.

Schließlich profitierten die Teilnehmer von mehreren Best-Practice-Beispielen, wie etwa von im Nordosten seitens des DGB Nord 2008 eingerichteten betrieblichen Beratungsteams, die Firmen und Unternehmen bei undemokratischen und rassistischen Auffälligkeiten mit Rat und Tat zur Seite stehen. Denn auch am Arbeitsplatz gilt: Keine Ohnmacht vor rechten Aktivitäten! Für die stellvertretende ver.di-Landesleiterin Conny Töpfer bleiben Aufklärung und Wachsamkeit eine extrem wichtige Aufgabe gegen die Feinde der Demokratie von Rechtsaußen. Der Arbeitskreis Antirassismus/Antifaschismus wird daher seine kontinuierliche Arbeit fortsetzen.

Heldengedenken für die SS

geschrieben von Joseph Koren

14. Mai 2014

Hintergründe und aktuelle politische Entwicklungen in Lettland

 

Die Okkupation Lettlands durch Nazideutschland begann mit dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion im Juni 1941. Gleich in den ersten Tagen des Krieges fanden sich in Lettland Menschen, die bereitwillig ihren Wunsch zur Zusammenarbeit mit dem Naziregime erklärten. Aus diesen Leuten formierten sich die Bataillone der Ordnungspolizei, der Hilfspolizei des SD und die sogenannten Selbstschutzformationen. Eingesetzt zur Bewachung von Gettos und Konzentrationslagern, die auf Befehl der Nazi-Behörden ab Juni 1941eingerichtet wurden, waren sie aktiv am Naziterror beteiligt, wie auch an der Vernichtung ihrer Insassen und sowjetischer Aktivisten auf den Territorien von Lettland, Weißrussland und Russland.

Marsch für SS-Legion am 16. März 2014 in Riga. Foto: W. Girod

Marsch für SS-Legion am 16. März 2014 in Riga.
Foto: W. Girod

Im März 1943 wurde auf Befehl von Heinrich Himmler die lettische Freiwilligen-Legion der Waffen-SS »Lettland« aufgestellt. Den Kern der Legion bildeten alle oben aufgezählten Strukturen, die entsprechend Himmlers Befehl automatisch darin aufgingen. Die Aufnahme von Freiwilligen wurde bekanntgegeben. Insgesamt haben in den Jahren 1943 bis 1945 etwa 130000 Personen der lettischen Legion der Waffen-SS freiwillig oder einberufen angehört. Die 15. und 19. Divisionen, die zur Legion gehörten, haben sowohl an Kampfhandlungen an der Leningrader Front in Russland, auf den Territorien Lettlands, Polens, der Tschechoslowakei und Deutschlands als auch an Strafoperationen gegen die Bevölkerung in Weißrussland während der von den Nazi-Befehlshabern durchgeführten Operation »Winterzauber« teilgenommen.

Nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Lettlands 1991 bestand das Hauptanliegen der zur Macht gekommenen neuen Politiker vor allem im Streben, mittels aller möglicher Methoden die 50 Jahre Zugehörigkeit Lettlands zur UdSSR auszulöschen. Alles, was sich in diesen Jahren ereignet hatte, wurde in den allerfinstersten, brutalen Farben interpretiert. Darunter auch die Rolle der Sowjetunion bei der Zerschlagung des Nazismus. In den Arbeiten gegenwärtiger Geschichtsschreiber wird die Sowjetarmee ausschließlich als Okkupationsarmee präsentiert. Dementsprechend wurden diejenigen, die gegen die Okkupanten kämpften, und namentlich die Legionäre der Waffen-SS als Soldaten, die gegen die Okkupanten kämpften, d.h. als Befreier-Soldaten dargestellt. Dass sie unter Nazi-Fahnen kämpften und ihre Treue zu Hitler geschworen hatten, wurde anfangs diskret verschwiegen, doch in den letzten Jahren als »Schwur im Kampf gegen den Bolschewismus« interpretiert.

1998 hat der Sejm Lettlands den 16. März sogar als Tag der lettischen Legionäre in den Kalender staatlicher Gedenktage aufgenommen. Genau dieses Datum hatten kriegsgefangene Legionäre 1946 in belgischen Übergangslagern gewählt, die dort den Veteranenverband »Daugavas vanagi« (Habichte von Daugava) gründeten und damit die Tradition des am gleichen Tag in Nazi-Deutschland gefeierten »Heldengedenktags« als Tag der ersten Kampfhandlungen der lettischen Legion der SS gegen Einheiten der Roten Armee fortgesetzt. Doch unter dem Druck der Weltöffentlichkeit wurde dieser Feiertag 2001 wieder aus dem Kalender der Gedenktage in Lettland gestrichen.

Das aber haben die rechtsradikalen Organisationen nicht akzeptiert und veranstalten am 16. März jährlich feierliche Umzüge zur Ehrung des Heldentums der »Kämpfer für die Freiheit Lettlands« – der Legionäre der Waffen-SS. Von Jahr zu Jahr verringert sich die Anzahl der an den Umzügen teilnehmenden Veteranen der Legion, doch die Gesamtzahl der Teilnehmer nimmt zu und wächst vor allem durch die Einbeziehung von Jugendlichen und sogar von Kindern im Vorschulalter. Besonders angewachsen ist die Popularität dieser Umzüge mit dem Einzug der rechtsradikalen Partei »Visu Latvijai!« (Alles für Lettland!) – eines aktiven Teilnehmers und Organisators der Feierlichkeiten zum 16.März in den lettischen Sejm. Diese Partei hat 14% der Sitze im Parlament und ihr Führer wurde als Teil der Regierungskoalition zum Vorsitzenden der Parlamentskommission für die patriotische Erziehung der Jugend ernannt. Man kann sich leicht vorstellen, welche Art von »Patriotismus« diese Kommission für die Erziehung der heranwachsenden Generation in Lettland empfiehlt.

Im Gegensatz dazu werden die Protestaktionen antifaschistischer Organisationen von den lettischen Behörden mit allen Mitteln blockiert. Jedes Jahr unterschreibt der Innenminister Lettlands kurz vor dem 16. März einen Befehl über zeitweilige Einreisebeschränkungen für bestimmte Personen. In der Regel werden in dieser Liste die Vorsitzenden der europäischen antifaschistischen Organisationen aufgeführt, doch niemals wird Neonazis die Einreise nach Lettland versagt, die sich an diesem Tag, aus allen Nachbarländern kommend, in Lettland zusammenrotten.

Diese Entwicklungen lassen sehr ernsthafte Befürchtungen für die Perspektiven der demokratischen Entwicklung in Lettland aufkommen.

»Rot« gleich »Braun«?

14. Mai 2014

Vergangenheitspolitik in Litauen – Von Christian Carlsen

 

In Litauen lebten im Juni 1941 etwa 230 000 Menschen jüdischer Herkunft, über 90 Prozent von ihnen sollten unter deutscher Besatzung ermordet werden. Die präzedenzlose Effizienz verdankt sich der tatkräftigen Mithilfe litauischer Nationalisten, die mit den Deutschen das Feindbild vom »jüdischen Bolschewismus« teilten.

Antikommunismus und Antisemitismus waren in den 1920er Jahren zu den beiden Kernelementen des litauischen Nationalismus geworden: In der Sowjetzeit (1940/41 und 1944-1990) fungierten sie als Ideologie des »Befreiungskampfes«, unter deutscher Besatzung (1941-1944) legten sie das Fundament für die Kollaboration. Und im demokratischen Litauen dominieren sie das kollektive Gedächtnis und entscheiden mit über die Frage, wer zur Nation dazugehört.

Genozid-Museum (Vilnius) mit Ehrung von Antikommunisten

Genozid-Museum (Vilnius) mit Ehrung von Antikommunisten

Während der litauische Tatanteil am Holocaust im kollektiven Gedächtnis der winzigen jüdischen Minderheit bis heute eine zentrale Rolle spielt, gilt die Nation der Mehrheitsgesellschaft als Opfer eines »doppelten Genozids«. Nach dieser Auffassung haben die Sowjetunion und NS-Deutschland beide einen Völkermord verübt. Der letzte konservative Außenminister Audronius Ažubalis formulierte ausgerechnet am 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz exemplarisch: Zwischen Hitler und Stalin habe es keinen Unterschied außer ihren Schnurrbärten gegeben, der von Hitler sei kürzer gewesen. Die Kollaboration mit den deutschen Besatzern wird dabei ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass das Sowjetregime deshalb fast fünf Jahrzehnte funktionierte, weil es Unterstützung in der Bevölkerung hatte.

 

»Exil« und Sowjetzeit (1944-1990)

Die Theorie vom »Doppelten Genozid« entstand unmittelbar nach Kriegsende als Exkulpationsstrategie. Federführend war die Gruppe der »Exilanten«, die sich aus Antikommunisten und Kollaborateuren zusammensetzte, die vor der Roten Armee ins westliche Ausland geflohen waren. In einem Memorandum von 1946 erklärten sie sich rückblickend zu NS-Gegnern. Sie rechneten die Morde, die ethnische Litauer an ihren jüdischen Landsleuten verübt hatten, klein, und schoben die Schuld den Opfern selbst zu, indem sie diese zu Bolschewisten erklärten. Die widersprüchliche, aber wegweisende Argumentation lautete: Die Litauer seien unschuldig, doch hätten die Juden ihr Schicksal als »Agenten« der Sowjetmacht herausgefordert.

In der litauischen Sowjetrepublik war jüdische Identität tabu. Der Holocaust war kein Teil der Erinnerungskultur, und das Schicksal der Juden galt nicht als einmalig. Die Denkmäler, die die Überlebenden für ihre ermordeten Angehörigen errichtet hatten, wurden entfernt oder umgewidmet, jüdische Einrichtungen geschlossen. Das begründete sich nicht nur mit spätstalinistischem Antisemitismus, sondern hatte auch strategische Gründe: Hatte die Sowjetmacht zunächst kurzen Prozess mit NS-Kollaborateuren gemacht, versuchte sie vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs, die antikommunistischen Kräfte zu befrieden. Die wenigen jüdischen Überlebenden, die in Litauen geblieben waren, wurden geduldet, weil sie überwiegend Partisaninnen und Partisanen gewesen waren und sich zum Kommunismus bekannten.

 

Demokratie (seit 1990)

Der Unabhängigkeitsprozess, in dem auch viele Litauer jüdischer Herkunft aktiv wurden, war von einer Aufarbeitung der sowjetischen Verbrechen begleitet. Zugleich erwachte die winzige jüdische Gemeinde zu neuem Leben und begann, an den Holocaust und den jüdischen Widerstand zu erinnern. Das Jüdische Museum eröffnete 1989, die Holocaust-Ausstellung 1991.

Einige Liberale und Konservative nichtjüdischer Herkunft unterstützten das aus »nationalem Interesse«. Es ist eine Frage des Standpunkts, darin einen Fortschritt zu sehen oder eine revisionistische Neuauflage des Assimilationsprojektes. In das anfängliche Nebeneinander der kollektiven Erinnerungen schlichen sich jedenfalls Schieflagen ein. Die Einführung eines erweiterten Genozidbegriffs ermöglichte die Anwendung auf Verbrechen der Sowjetzeit, immer öfter war vom »Roten Holocaust« die Rede.

1992 wurden das »Zentrum zur Erforschung von Genozid und Widerstand« und das »Museum der Genozidopfer« gegründet, wobei die Namensgebung Orwellsche Sprachpolitik ist. Die Einrichtungen thematisieren ausschließlich Sowjetverbrechen (»Genozid«) und feiern den Antikommunismus (»Widerstand«). Sinnfällig ist, dass das Gebäude des Museums bis vor kurzem als früheres KGB-Quartier präsentiert wurde. Dass die Gestapo hier ihren Sitz hatte und ein SS-Sonderkommando den Mord an den Wilnaer Jüdinnen und Juden koordinierte, fand keine Erwähnung.

Der Versuch von Liberalen und gemäßigten Konservativen jüdischer wie nichtjüdischer Herkunft, die widerstreitenden kollektiven Erinnerungen zu harmonisieren, mündete 1998 in der Einberufung der staatlichen »Kommission für die Erforschung nationalsozialistischer und sowjetischer Verbrechen in Litauen«. Viele Linke und ein Großteil der jüdischen Gemeinde reagierten skeptisch und warnten vor einer Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus.

Tatsächlich erlitt der »Dialog« immer wieder Schlagseite nach rechts. So verabschiedete das Parlament 2000 ein Gesetz, das den 23. Juni – den Jahrestag des Aufstands gegen die Sowjetherrschaft von 1941 – zum Feiertag erklärte. Jener Aufstand war allerdings von Ultranationalisten ausgerufen worden, die mit den Deutschen kollaborieren und die Verfolgung der Jüdinnen und Juden unterstützen sollten. Zudem markiert der 23. Juni 1941 den Beginn des Holocausts in Litauen, denn die Aufständischen hatten vielerorts ihre jüdischen Nachbarn massakriert. Infolge von Protesten wurde der Beschluss revidiert.

Yitzhak Arad

Yitzhak Arad

Auch bei dem Versuch, die Verbrechen juristisch aufzuarbeiten, wurde die Verhältnismäßigkeit nicht gewahrt. Seit 1991 wurden nur drei NS-Kollaborateure angeklagt, und diese Verfahren wurden noch verschleppt. Den Vorwurf von Tatenlosigkeit kontert die litauische Politik, indem sie den angeblichen Aufwand zur Prüfung des – längst bekannten – Belastungsmaterials hervorhebt, auf »Ermittlungserfolge« verweist oder die anhaltende »sowjetische Mentalität« verantwortlich macht. Merkwürdig, dass in derselben Zeit 24 Verfahren wegen »Verbrechen gegen die Menschheit« oder »Genozids« unter Sowjetherrschaft eingeleitet wurden.

Zudem nahm die litauische Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen ehemalige Angehörige sowjetischer Partisaneneinheiten wegen angeblicher Kriegsverbrechen auf. Dass es sich bei den Getöteten meist um NS-Kollaborateure handelte, fand keine Berücksichtigung. Initiiert von einer antisemitischen Pressekampagne wurde ab 2006 sogar eine Reihe von ehemaligen jüdischen Partisaninnen und Partisanen vernommen. Der erste Leidtragende war der prominente israelische Historiker Yitzhak Arad, der sich in der Hoffnung auf einen neuen litauisch-jüdischen Dialog zur Mitarbeit in der umstrittenen Kommission hatte überreden lassen. Er musste seinen Posten aufgeben.

Das auch von Liberalen bemühte Argument, die ehemaligen jüdischen Partisanen würden nur als Zeugen vernommen werden, ist belanglos. Denn die Öffentlichkeit differenzierte zu keinem Zeitpunkt, die Akten sind nicht geschlossen, und Arad fürchtet sich bis heute, sein Geburtsland zu besuchen.

Zudem verschleiert der Verweis auf die Gesetzmäßigkeit des Vorgehens die außerordentlichen Bedingungen, unter denen die Partisanen, insbesondere die jüdischen, agierten. Arad war gerade 16 Jahre alt und hatte seine gesamte Familie verloren, als er sich zu den sowjetischen Partisanen retten konnte.

Und auch wer in totalitarismustheoretischer Manier die »Hardliner auf beiden Seiten« zum Problem erklärt, verneint die strukturelle Macht-asymetrie hinter den widerstreitenden kollektiven Erinnerungen und den traumatischen Vertrauensbruch, den die Verfolgung der Juden auslöste. Dieser Bruch hat auf litauischer Seite schlichtweg keine Entsprechung. Zudem redet das Argument dem Schreckgespenst des »jüdischen Bolschewismus« das Wort: Litauische Rechte, so die Annahme, seien zwar zu radikal, »Zionisten« und »Kommunisten« provozierten sie aber erst. Vor diesem Hintergrund klingt der Ratschlag an Kritiker aus dem Ausland, sie schadeten am meisten der jüdischen Gemeinde in Litauen, fast wie eine Drohung. Es ist im Übrigen schlicht eine Tatsache, dass die litauische Politik oft nur auf internationalen Druck Schadensbegrenzung betreibt, sucht sie doch mit Blick auf Russland die Westbindung.

Während sie sich eine Fremdeinmischung verbieten, sind die Vertreter der Theorie vom »Doppelten Genozid« längst europaweit auf dem Vormarsch. Audronius Ažubalis erklärte programmatisch: »Jeder kennt die Verbrechen des Nationalsozialismus, aber nur einem Teil Europas ist sich der Verbrechen des Kommunismus bewusst.« Er und seinesgleichen haben es in wenigen Jahren weitgehend geschafft, die Erinnerung an die Sowjetverbrechen der Gedenkkultur überzustülpen, die in 70 Jahren im Hinblick auf den Holocaust erstritten worden ist.

Das Rad der Geschichte

geschrieben von Ilja Nikiforov

14. Mai 2014

Wer verantwortet den Genozid der Sinti in Estland?

In den für Estland seltenen heißen Sommertagen versammeln sich seit fast zwanzig Jahren am Abhang eines Hügels in der Ortschaft Sinimäe unweit von Narva unter einem Gedenkkreuz ein paar Dutzend alter estnischer Männer und eine beträchtliche Zahl junger Esten. Fern vom Stadtlärm findet jeden Sommer das Veteranentreffen der 20. Estnischen Freiwilligen Grenadierdivision der Waffen-SS statt. Von Jahr zu Jahr sind es immer weniger »SS-Grenadiere«, die in blutigen Kämpfen mit der Waffe in der Hand den vorrückenden Einheiten der Roten Armee gegenüberstanden, doch immer mehr Jugendliche, die der 20. SS-Division ehrend gedenken.

Sinimäe ist der einzige Ort, an dem es den Verehrern der niederländischen und wallonischen Kollaborateure mit schweigend-wohlwollendem Einverständnis der estnischen Behörden gelungen ist, 2006 ein Denkmal für jene zu errichten, die in ihrer Heimat in Belgien und Holland als Verräter im Dienste von Hitler und der Waffen-SS gelten.

In der Regel wird das mit Fahnen geschmückte und in patriotischen Reden besungene Veteranentreffen der 20. SS-Division »aus politischer Korrektheit« nicht von den Mitgliedern der estnischen Regierung besucht, auch ist es schwer, dort Parlamentsabgeordnete anzutreffen, mit Ausnahme derer, die ihre politische Karriere mit dem Erstarken des radikalen Nationalismus verbinden. Auch polizeiliche Absperrungen fallen nicht ins Auge. Doch Unbefugte sind dort nicht willkommen, besonders jene nicht, die unangenehme Fragen stellen, oder an die Verantwortung der Uniformträger der Waffen-SS für Verbrechen gegen die Menschlichkeit erinnern könnten. Der Staat schützt durch seine Polizei das Recht, Verehrung für die Heldentaten der Veteranen der Waffen-SS zu bekunden und ihren Ruhm zu preisen und alle Jahre wieder behindert er Äußerungen eines anderen Standpunktes.

Im letzten Sommer haben sich zwei sehr alte Esten, ihrer Herkunft nach Sinti, in Begleitung von zwei etwas jüngeren Männern im Auto von Tallin durch ganz Estland auf die Reise gemacht, um die estnischen Veteranen der Waffen-SS daran zu erinnern, dass niemand und nichts vergessen ist. Zwei ehrwürdige alte Leute – Mitglieder der Vereinigung minderjähriger Opfer faschistischer Kerkerhaft – führten ein Plakat in estnischer Sprache mit sich »Wer verantwortet den Genozid der estnischen Sinti im Zweiten Weltkrieg?« Von der ganzen zahlreichen Sintigemeinde in Estland vor dem Krieg leben heute nur noch elf Menschen. Und daran ist nicht nur die Zeit schuld. Die estnischen Sinti auf estnischer Erde hat man mit Hilfe der estnischen Sicherheitspolizei, estnischer Polizeibataillone und estnischer Gefängnisaufseher während der Nazi-Okkupation 1941 bis 1944 fast vollständig vernichtet. Und so wollten nun zwei wie durch ein Wunder am Leben gebliebene alte Männer den Veteranen der »Estnischen Legion« die Frage stellen: Wer wird nun den Genozid seiner Sinti-Mitbürger verantworten?

Die beiden Sinti fuhren nach Sinimäe, doch angekommen sind sie dort nicht. Genauer gesagt, hat man sie nicht ankommen lassen. Das Auto mit den vier Männern wurde mehrfach von der Polizei gestoppt, sie prüfte die Papiere, den technischen Zustand des Fahrzeuges, ließ sich den Feuerlöscher zeigen, und all dasselbe noch einmal, und wieder und wieder. Alles wurde kontrolliert, wie in Filmen über böse Polizisten. Die Vertreter der Staatsmacht, so erzählen die alten Männer, nahmen sich viel Zeit, sehr lange wurden die Papiere überprüft, langsam und in allen Einzelheiten wurde das Protokoll über eine »Ordnungswidrigkeit« angefertigt: »Man hatte das deutliche Gefühl, dass sie die Zeit in die Länge ziehen.«

Die Hälfte des langen Sommertages war verbraucht für Kontrollen und Protokolle und den alten Männern wurde klar, dass sie zu der Veranstaltung schon zu spät kommen und ihre Frage: »Wer verantwortet den Genozid der Sinti?« jetzt niemandem mehr stellen können. Es blieb ihnen nichts übrig, als umzukehren.

Die SS-Veteranen und ihre Gleichgesinnten kehrten ruhig in ihre warmen und gemütlichen Häuser zurück und werden sich nicht an die Menschen erinnern, die z.B. für immer in den Erschießungsgräben des KZ Kalevi-Liiva liegen blieben.

Estnische Autofahrer wissen gut, dass ein gewöhnliches Fahrzeug von der estnischen Polizei in der Regel nicht angehalten wird. Man kann jahrelang durch die Republik fahren und erkennt die Verkehrspolizei nur aus der Ferne. Doch wenn Sie mit der Absicht unterwegs sind, gegen das Veteranentreffen der 20. SS-Division zu protestieren, dann steigen die Chancen einer aufmerksamen Beobachtung durch die Polizei um ein Vielfaches. Die Sinti unterwegs nach Sinimäe hatten das unauslöschliche Gefühl, beobachtet zu werden und dass alle diese »Verkehrskontrollen« inszeniert waren.

Estland ist ein kleines und ruhiges Land. Auf den Strassen der estnischen Städte marschieren keine Neonazis, im Parlament sitzen keine Vertreter von Parteien mit stabiler »brauner« Reputation. Doch das, was den alten Männern widerfuhr, passt erstaunlich gut in die Reihe von Ereignissen und Fakten einer Glorifizierung des Nazismus.

Vor einigen Jahren waren die Klassenräume des Deutschen Gymnasiums in Tallin mit Bildern des bedeutenden estnischen »Feldherrn«, des Standartenführers der Waffen-SS und Ritterkreuzträgers Alfons Rebane in SS-Paradeuniform geschmückt. Und nur die Empörung deutscher Diplomaten zwang die Schulleitung, die Bilder des SS-Offiziers abzuhängen. Übrigens blieb es der Schulleitung unverständlich, was denn die deutschen Diplomaten so empört hatte.

Heute beschränkt sich die Verherrlichung nazistischer Symbole und Ideen in Estland nur auf die Militärgeschichte, in der estnische Freiwillige ihre blutige Rolle spielten. Politische Philosophie und weltanschauliche Probleme berühren die einfachen Bewohner Estlands irgendwie wenig. Es scheint aber so, dass die Jugend aus den zerfransten Soldatentornistern der Veteranen der »Estnischen Legion« der Waffen-SS schon bald Breiviks Manifest als »Mein Kampf« einer neuen Generation herausholen wird.

In Kalevi-Liiva auf dem Weg zur am Meeresufer gelegenen Villensiedlung Kaberneeme, vierzig Kilometer von Tallin entfernt haben die Nazis während des Krieges Massenerschießungen durchgeführt. Dort wurden unter vielen anderen auch hunderte Zigeuner erschossen. Die heutige Sintigemeinde hat dort mit ihren bescheidenen Mitteln im Jahre 2007 ein Denkmal für ihre getöteten Leidensgenossen errichtet. Auf einem großen Stein aus Granit ist ein symbolisches Rad eines Zigeunerwagens eingehauen. Das Rad der Geschichte.

Länderseiten Mai/Juni 2014

14. Mai 2014

Hier finden Sie Berichte und Nachrichten aus den Landesvereinigungen Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen:

AntifaLS_2014_0506

Aktionen zu Emil Carlebach

14. Mai 2014

Der neu gegründete Emil-Carlebach-Club wird 2014 den 100. Geburtstag von Emil Carlebach feiern. Es wird mehrere Veranstaltungen in Frankfurt am Main und auch in Berlin geben, die an den unbeugsamen Antifaschisten und Kommunisten, den Buchenwaldhäftling und Journalisten erinnern. Die verschiedenen Aktivitäten werden von dem Club ge-plant und koordiniert.

Auf der Internetseite www.emil-carlebach.de sollen die Veranstaltungen vorgestellt werden. Zudem werden hier Texte, Reden und Artikel von Emil zugänglich gemacht und mit Photographien und lehrreichen Anekdoten an die Facetten seiner Persönlichkeit erinnert.

Der Blick der Aktivitäten ist stark darauf gerichtet, aus seinen Efahrungen Konsequenzen und Lehren für heute zu erarbeiten. So werden Journalisten über die Möglichkeit und Wirksamkeit eines kritischen Journalismus mit antifaschistischem Anspruch in der heutigen Medienwirklichkeit diskutieren. Carlebachs Arbeits- und Gewerkschaftskollegen werden darüber sprechen, vor welchen Anforderungen sie in den aktuellen Auseinandersetzungen stehen. Es wird das Angebot eines Stadtrundganges auf den Spuren von Emil Carlebach geben, der seine Wohnorte vor und nach dem Faschismus ebenso einschließt wie die von ihm besuchten Schulen und Stätten seines politischen und gewerkschaftlichen Wirkens bis zu seinem Tod 2001. Zudem plant der Club einen Film zu drehen, der die Aktionen dokumentarisch festhällt. Um all diese Pläne zu verwirklichen, braucht der Club Unterstützung, finanzielle, wie ideelle. Informationen unter: emil-carlebach.de

 

Auszeichnung für Kurt Nelhiebel

geschrieben von P.C. Walther

14. Mai 2014

Der Bremer Journalist und Publizist Kurt Nelhiebel, der auch unter dem Autorennamen Conrad Taler publiziert und als solcher auch den »antifa«-Lesern bekannt ist, wurde mit dem Bremer »Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon« ausgezeichnet.

»Seine Werke sind Dokumente des deutschen Antifaschismus. Bestimmt werden sie von der Ablehnung des Nazi-Ungeistes – in Wahrung der Weltoffenheit«, heißt es in der Begründung der Jury.

Vergeben wird der Preis seit 1982 an Persönlichkeiten, deren Werk oder Wirken »ein eindeutiges Bekenntnis zum Frieden darstellt und von hohem kulturellen Rang« ist. Die Villa Ichon ist ein Forum für Kultur- und Friedensarbeit, dessen Trägerverein den Preis vergibt.

»In den Werken Kurt Nelhiebels finden sich immer wieder Aspekte der Gesellschaftsanalyse«, würdigte Laudator Prof. Hans Henning Hahn den Preisträger. Ihn treibe Gerechtigkeitssinn an und die Befürchtung, »dass die deutsche Gesellschaft in den ›Sumpf des Vergessens‹ abgleite«. Die Historikerin Eva Hahn, die die zweite Laudatio auf den Preisträger hielt, würdigte seine scharfsichtigen, spannenden und historisch fundierten Texte.

Kurt Nelhiebel wandte sich in seiner Dankesrede u.a. gegen jede Relativierung der Naziverbrechen und dabei gegen die Gleichsetzung von Nazismus und Kommunismus, für die er eine treffende Charakterisierung fand: Das wäre so, als stünden »die sowjetischen Soldaten, die Auschwitz befreit haben, auf derselben Stufe, wie die SS-Schergen, die das Lager bis dahin bewacht haben«.

Viele Anlässe zum Gedenken

geschrieben von Thomas Altmeyer

14. Mai 2014

Die Widerstandskämpferin Johanna Kirchner (1889-1944)

 

»Ein Hauptanliegen meiner Mutter war: SOLIDARITÄT. Ihr hervorstechender Charakterzug war, anderen Menschen zu helfen.« So beschreibt Lotte Schmidt die Widerstandskämpferin Johanna Kirchner. Kirchner, vor 125 Jahren am 24. April 1889 geboren, engagiert sich bereits früh in der Politik. Die Tochter aus einer ursozialdemokratischen Familie – die Großeltern waren Mitgründer der Frankfurter SPD – gehört 1919 zu den Mitbegründerinnen der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Frankfurt am Main. Sie arbeitete in der Geschäftsstelle der AWO und vertrat diese auf Kongressen und auf SPD-Parteiveranstaltungen. 1923 initiiert sie die »Ruhrkinderaktion«: Kinder von notleidenden Familien aus dem Ruhrgebiet werden von Frankfurter Arbeiterfamilien zur Erholung aufgenommen – mehr als 600 Familien beteiligen sich.

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Nach ihrer Scheidung von Karl Kirchner 1926 wird Johanna Kirchner – den Nachnamen behält sie zeitlebens, trotz neuer Ehe, bei – hauptamtliche Sekretärin im Frankfurter Parteibüro der SPD. Sie setzt sich für Frauenrechte ein und bekämpfte früh den Nationalsozialismus.

Als die SA am 2. Mai 1933 das Frankfurter Gewerkschaftshaus und die SPD-Geschäftstelle stürmt, gelingt es ihr noch, die Mitgliederkartei zu retten. Im Juni 1933 reist sie nach Genf zur Internationalen Arbeitskonferenz. Dort will sie beim ehemaligen hessischen Innenminister Wilhelm Leuschner um Unterstützung für den inhaftierten Carlo Mierendorff bitten. Nun wird die Gestapo auf ihre Aktivitäten aufmerksam.

Kirchner wird rechtzeitig vor der ihr drohenden Verhaftung gewarnt. Ihr gelingt die Flucht ins Saargebiet, dass seinerzeit vom Völkerbund verwaltet wurde. In Saarbrücken kann Kirchner in einem Café der ebenfalls geflohenen Sozialdemokratin Marie Juchacz arbeiten. Das Café gilt als zentrale Anlaufstelle für politische Flüchtlinge. Kirchner wertet nun Berichte von Flüchtlingen und Kurieren aus und leitet diese an den Vorstand der SOPADE in Prag weiter. Sie erhält Zeitschriften und anderes in Deutschland verbotenes Material, das zurück ins »Reich« geschmuggelt wird. Auch ihre Töchter beteiligen sich beim Transport illegaler Schriften und Nachrichten unter den Genossinnen. Kirchner engagiert sich mit anderen Emigrierten auch gegen die Rückkehr des Saargebietes ins »Deutsche Reich«. Sie scheitern: Über 90 Prozent der Wahlberechtigten entscheiden sich für den Anschluss. Ihre politische Arbeit setzt sie danach vom lothringischen Forbach fort – jenem Ort, wo im Frühjahr 2014 der Vize-Präsident des Front National Florian Philippot im ersten Wahlgang zur Bürgermeisterwahl vorne lag und erst in der zweiten vom bisherigen Amtsinhaber gestoppt werden konnte.

In Forbach richtet Kirchner mit Emil Kirschmann und Max Braun, dem Vorsitzenden der Saar-SPD, die »Beratungsstelle für Saarflüchtlinge« ein. Hilfe für die Emigranten, etwa bei der Suche nach Ausreisemöglichkeiten, Unterkünften und Arbeitsstellen oder bei Passfragen waren ein Teil ihrer Arbeit. Ein anderer bestand im Sammeln von Nachrichten aus dem Reich, die Informationsweitergabe an Widerstandsgruppen, der Versand »illegaler Schriften« vor allem ins Rhein-Main-Gebiet, wie z.B. die aus Prag kommende »Sozialistische Aktion«.

Bemerkenswert ist, dass die von Sozialdemokraten getragene Beratungsstelle die Zusammenarbeit mit kommunistischen Nazi-Gegnern nicht scheut. Kirchner arbeitet hier u.a. eng mit ihrer langjährigen Freundin aus Frankfurter Tagen, der Kommunistin Lore Wolf, zusammen. Wolfgang Abendroth zufolge verwirklichten beide damit »die Einheit der Arbeiterbewegung in der antifaschistischen Arbeit«.

1936 schließen die französischen Behörden diese Einrichtung. Johanna Kirchner gründet eine neue Beratungsstelle. 1937 wird sie aus Deutschland ausgebürgert. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges muss Kirchner Forbach verlassen. Wie viele Emigranten wird sie nach dem deutschen Angriff auf Frankreich interniert. Sie kommt ins Lager Gurs, kann aber fliehen. Sie schafft es bis nach Avignon und taucht in einem Kloster unter. Dort wird sie im Juni 1942 von der französischen Geheimpolizei festgenommen und über Paris an das »Dritte Reich« ausgeliefert. Es kommt zum Prozess vor dem Volksgerichtshof – zehn Jahre Zuchthaus lautet das Urteil. Kirchner kommt ins Zuchthaus Cottbus. Im März 1944 wird das Urteil vom Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, als zu milde kassiert. Im erneuten Prozess wird sie am 21. April 1944 zum Tode verurteilt und wenige Wochen später am 9. Juni in Plötzensee hingerichtet. In ihrem Abschiedsbrief schreibt sie: »Trauert nicht um mich, Ihr werdet glücklichere Zeiten erleben«.

Die Stadt Frankfurt erinnert seit 1992 mit einer Gedenktafel an der Paulskirche an Johanna Kirchner. Sie ehrte darüber hinaus zwischen 1991 und 1995 Menschen, die gegen den Nationalsozialismus Widerstand geleistet haben, mit der Johanna-Kirchner-Medaille. Ihr Geburtstag vor 125 Jahren und ihr Todestag vor 70 Jahren sind zwei mögliche Anlässe, sich an Kirchners solidarisches und widerständiges Wirken zu erinnern.

Massaker im KZ Sonnenburg

geschrieben von Kamil Majchrzak

14. Mai 2014

VVN-BdA unterstützt die Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen

 

Seit Jahren engagiert sich die Berliner VVN-BdA erinnerungspolitisch in der polnischen Gemeinde Słońsk, in der sich – knapp 100 km vor Berlin – in den Jahren 1933-34 das deutsche KZ Sonnenburg und später von 1934-1945 das berüchtigte Zuchthaus Sonnenburg befand. Vertreter der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) nehmen seit 2009 auch an dem jährlichen Gedenken aus Anlass des Massenmordes am 30. Januar 1945 in Słońsk teil. In der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 ermordete ein SS-Kommando aus Frankfurt (Oder) fast Tausend Häftlinge – Widerstandskämpfer aus nahezu allen von Hitler-Deutschland besetzten Gebieten.

Foto: Andreas Domma

Foto: Andreas Domma

Als wichtiger Meilenstein der Bemühungen der Berliner VVN-BdA kann das am 24. Februar 2014 wiederaufgenommene Ermittlungsverfahren wegen Kriegsverbrechen in den Jahren 1942-1945 bewertet werden. Die Ermittlungen werden durch den zuständigen Staatsanwalt aus Szczecin von der polnischen Kommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen geführt. Das ursprüngliche Verfahren wurde bereits am 17.10.1966 durch den damaligen Leiter der regionalen Hauptkommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen Przemysław Mnichowski aufgenommen. Aufgrund der Erschöpfung der Beweisaufnahme und fehlender Kooperation der bundesdeutschen Behörden mussten die Ermittlungen jedoch am 22.12.1972 als ruhend eingestellt werden. Während die Ermittlungsbehörden in der DDR frühzeitig eigene Ermittlungen gegen Sonnenburger Kriegsverbrecher wie Heinz Adrian einleiteten, der am 29. 09. 1948 vom Landgericht Schwerin zum Tode verurteilt wurde und den polnischen Kollegen Vernehmungsprotokolle zur Verfügung stellten, gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den bundesdeutschen Behörden äußerst schwierig und einseitig. Obwohl die Polnische Haupt-Kommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen zu vielen Kriegsverbrechen Original-Unterlagen an die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg versandte, die im Übrigen bis heute unauffindbar sind, rang sich die Bundesrepublik erst nach mehreren Jahren zum Versand einer zudem größtenteils geschwärzten Abschrift des einzigen Urteils bezüglich Sonnenburg durch, das in der Bundesrepublik im Kieler Prozess gegen die direkt für das Massaker an 819 Sonnenburger Häftlingen verantwortlichen Mörder SS-Hauptsturmführer Wilhelm Nickel und SS-Sturmbannführer Heinz Richter, geführt wurde. Die Unterlagen bezüglich der beiden in Kiel freigesprochenen SS-Schergen wurden offiziell mit der Begründung geschwärzt, sogenannte Zeugen zu schützen.

Das gegenwärtig geführte Ermittlungsverfahren ist genau auf diese Zeugenaussagen, Erinnerungen, und Dokumente angewiesen, die als Beweise verwendet werden könnten. Faschistische Verbrechen verjähren in Polen nicht. Die Berliner VVN-BdA unterstützt deshalb intensiv die Bemühungen der Staatsanwaltschaft in Polen. Diese Arbeiten werden durch Angehörige ehemaliger Häftlinge, Historiker sowie junge Aktivistinnen im Rahmen des Arbeitskreises zur Geschichte des Konzentrationslagers und des Zuchthauses Sonnenburg bei der Berliner VVN koordiniert.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Arbeitskreis und der Polnischen Kommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen kam am Rande einer internationalen Tagung zum KZ und Zuchthaus Sonnenburg 1933-1945 »Erinnerung an Vergangenheit baut gemeinsame Zukunft«, die am 13.9.2013 von der Berliner VVN-BdA in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Słońsk veranstaltet wurde, zustande. Im Januar 2014 fand bereits ein erstes Arbeitstreffen zwischen Hans Coppi und dem zuständigen Staatsanwalt, Janusz Jagiełłowicz, in Gorzów Wielkopolski statt, bei dem die Ermittlungen durch Zeugenbenennung und Dokumente die evtl. als Beweismaterial verwendet werden könnten, unterstützt wurden. Nach Recherchen des Arbeitskreises leben zumindest in Belgien noch zwei ehemalige Gefangene des Zuchthauses Sonnenburg. Dank der Bemühungen der Mitglieder der Arbeitsgruppe und der internationalen Zusammenarbeit konnten Angehörige ehemaliger Häftlinge in Norwegen, Frankreich und Deutschland auswindig gemacht werden. Geplant ist auch die Gründung eines Internationalen Häftlings-Komitees.

Der Arbeitskreis ist auf Unterstützung angewiesen und sucht immer noch Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die die Geschichte des vergessenen KZs und Zuchthauses Sonnenburg aufarbeiten und Słońsk als Ort der gemeinsamen europäischen Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand wiederentdecken wollen.

Wir lassen die Arme nicht sinken

14. Mai 2014

Gespräch mit Marília Morais Villaverde Cabral über die Nelkenrevolution in Portugal

 

Ivo Serra: Marília, erzähle uns, wie war jener Tag, der 25. April vor 40 Jahren

Marília Cabral: Vom 25.April zu sprechen ist zugleich leicht und schwer. Leicht, weil wir wissen, was durch den Kampf des Volkes im Bündnis mit der Bewegung der Streitkräfte errungen wurde. Schwer, weil, wer diese Zeit erlebt hat, das Gefühl so großer Freude den neuen Generationen nicht wahrheitsgetreu zu vermitteln vermag. Auf den Straßen wurden Unbekannte zu Freunden, Freunde zu Brüdern. Es war eine Zeit der Tränen, der Umarmungen mit denen, die aus dem Exil zurückkehrten und denen, die aus den Gefängnissen kamen. In jeder Fabrik, an jedem Ort, wo darum gekämpft wurde, das zu erreichen, was man uns jahrelang vorenthalten hatte, war der allgegenwärtige Ruf zu hören » O Povo Unido jamais será vencido!« (Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden). Grândola Vila Morena wurde gesungen, aber jeden Augenblick entstanden immer mehr Lieder. Sogar der Fado war nicht mehr das, was er gewesen war und Ary dos Santos sagte in seinem »Fado Alegre«: »Irgendwann lassen wir die wehmütige Erinnerung und die Tränen zurück und mit einem anderen Fado werden wir im Leben da draußen vom bisherigen Weg abkommen.« Doch der 25. April war viel mehr als das, was ich gesagt habe. Es war eine Zeit übergroßen Glücks. Er war der Morgen, den wir im Kampf für die Freiheit, gegen die Not, gegen die Zensur, gegen den Kolonialkrieg erwarteten. Er war der Morgen, den wir im Kampf dafür erwarteten, dass die Männer und Frauen aus den Gefängnissen kämen, wo sie – oft bis zum Tode – gefoltert wurden.

Gedekveranstaltung am 25. April 2014 in Lissabon

Gedekveranstaltung am 25. April 2014 in Lissabon

Ivo Serra: Wie war das Leben vorher?

Marília Cabral: Man durchlebte harte Zeiten, es waren Zeiten der massenhaften Emigration – mehr als anderthalb Millionen Portugiesen gingen in verschiedene europäische Länder. Es waren Zeiten, die unsere Jugend in die Ferne schickten, wo sie in einem Krieg kämpfen sollte, der nicht der ihre war. Der Kolonialkrieg hinterließ über 10.000 Tote, über 30.000 Verwundete und viele Tausende Opfer unter den Völkern der ehemaligen Kolonien. Es waren Zeiten, in denen Werke von Schriftstellern, Dichtern und Künstlern nicht erscheinen konnten.

Das faschistische Regime, das durch die Macht der großen, mit dem Auslandskapital verbündeten Gruppen der Monopole und Großgrundbesitzer getragen wurde, gründete sich auf eine brutale Ausbeutung der Werktätigen und beruhte auf einer großen ökonomischen und sozialen Rückständigkeit, die dazu führte, dass Portugal zum rückständigsten Land Europas wurde.

Ivo Serra: Und was brachte der 25. April?

Marília Cabral: Die Aprilrevolution öffnete Türen für einen Befreiungsprozess, der – das Volk und die Bewegung der Streitkräfte vereinend – große Transformationen in unserem Land auslöste wie die Nationalisierung von grundlegenden und strategischen Sektoren der Wirtschaft, die Bodenreform und die Unterstützung für die kleineren und mittleren Bauern, Händler und Industrieunternehmer. Die Revolution sanktionierte Rechte der Werktätigen: auf Streik, auf Tarifverträge, auf Gewerkschaftsfreiheit, auf Mindestlohn, auf Arbeitslosenunterstützung, auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Die Revolution proklamierte das Recht auf Gesundheit, auf Bildung, auf die allgemeine Einführung von Renten und Pensionen, die Rechte der Frauen und der Jugend. Die Revolution brachte die Kultur voran und förderte die Alphabetisierung. Die Nelkenrevolution machte ein trauriges und aschgraues Land hell und glücklich.

Marília Morais Villaverde Cabral

Marília Morais Villaverde Cabral

Ivo Serra: Und was bedeutet Dir der 25. April heute?

Marília Cabral: Des April zu gedenken ist eine Form des Kampfes und des Widerstands, eine Demonstration, dass das Volk eine Änderung der Politik fordert, um dieser unerträglichen Verschlechterung der Lebensbedingungen der Millionen von Werktätigen, der Rentner und Pensionäre sowie der Jugend, die sieht, dass ihr Land ihr die Türen zur Zukunft verschließt, ein Ende zu setzen.

Ivo Serra: Wie empfindest Du den Widerstand der Portugiesen gegen die gegenwärtige Austeritätspolitik?

Marília Cabral: Der Weg ist sehr schwer. Aber die Antwort der Werktätigen und der Bevölkerung hat sich im ganzen Land bemerkbar gemacht: Die Kundgebungen gegen die Verarmung des Volkes, die vielfältigen kleinen und mittleren Kämpfe vor den Betrieben zur Verteidigung der Arbeitsplätze, gegen die Schließung von Gesundheitszentren, Schulen und Dienstleistungseinrichtungen im allgemeinen zeigen trotz vieler Schwierigkeiten, dass jemand da ist, der nicht aufgibt und die Arme nicht sinken lässt. Gerade in diesen Situationen ist die Einheit all jener so notwendig, die angesichts dieser ungeheuren Offensive nicht resignieren. Mit ihrer Einheit und der Kraft des Volkes muss der April siegen.

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