Was wirklich war

geschrieben von Michael Henkes

17. März 2021

Wissenschaftliche Analyse des kommunistischen Widerstands neu erschienen

 »Für mich ist es die umfassendste, die beeindruckendste, aber auch die bewegendste Darstellung des deutschen kommunistischen Widerstandes, die ich je gelesen haben.«           Peter Gingold

Das vorliegende Buch des britischen Historikers Allan Merson erschien ursprünglich in London 1985, ein Jahr später dann auch in den USA. Es mag auf den ersten Blick verwundern, dass ein Buch, das sich mit der deutschen Geschichte beschäftigt, erst 14 Jahre später, also 1999, auch hierzulande veröffentlicht wurde. Insbesondere dann, wenn man bedenkt, dass in dieser Zeit in der Bundesrepublik keine vergleichbar umfassende Darstellung des deutschen kommunistischen Widerstands erschien. Was wirklich war weiterlesen »

Ein Heldinnenepos

geschrieben von Janka Kluge

17. März 2021

Das Leben der Résistance-Kämpferin Anne Beaumanoir beeindruckend erzählt

 Seit Wochen steht ein Buch auf den Bestsellerlisten, das auf den ersten Blick überrascht. Die Autorin Anne Weber nennt ihr Buch ein »Heldinnenepos«. Damit setzt sie es in eine Tradition von Erzählungen, in denen über ein besonderes, herausragendes Leben erzählt wird. Besonders ist das Leben von Anne Beaumanoir auf jeden Fall. Anne Weber begegnet ihr bei einer Filmvorführung mit anschließender Diskussion. Sie ist fasziniert von ihr und ihrer Geschichte. Am Anfang hört sie nur zu, immer stärker wird der Wunsch, ihr ein Denkmal zu setzen. Im Buch nennt sie sie dann Annette.

Da fängt das Problem an, das ich mit dem Buch habe. Anne Weber hat ein langes Gedicht geschrieben und sich dabei vergaloppiert. Nur ein Beispiel: »Annette pflückt Aprikosen. Alles kann gutgehen oder nicht. Tod. Folter. Aprikosen. Dazwischen nichts. Ein Hauch weniger Wachsamkeit und Glück, und Annette würde jetzt in Montluc oder woanders gequält werden und sterben.« So geht es seitenlang weiter, mal schwülstig, mal unangemessen kurz. Ein Heldinnenepos weiterlesen »

»Ich muss Zeugin sein«

geschrieben von Christian Carlsen

17. März 2021

Eine Rigaer Jüdin über deutschen Massenmord und ihr Überleben im Untergrund

Der Bericht setzt mit dem Schicksalstag des lettischen Judentums ein: Frida Michelson hat ihre Mutter in Riga zu Besuch, als Deutschland am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfällt. Michelson weicht nach Osten aus, doch wird sie vom deutschen Vormarsch überrannt. Sie wird Zeugin von Chaos, Gewalt und den antisemitischen Übergriffen deutscher Besatzer und lettischer Kollaborateure, wobei sie auch Formen sexualisierter Gewalt dokumentiert.

Michelson kehrt nach Riga zurück. Von ihren Angehörigen fehlt jede Spur, eine Kollaborateurin hat sich in ihrer Wohnung eingenistet. Sie zieht zu einer jüdischen Freundin und muss Zwangsarbeit leisten. Dann erhält auch sie den Befehl, ins Ghetto umzusiedeln. »Ich muss Zeugin sein« weiterlesen »

AfD im Niedergang?

15. März 2021

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Gestern wurde in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gewählt. Die Ergebnisse bestätigen, was in der aktuellen antifa prognostiziert wird: Die #noafd befindet sich in einer Phase der Defensive, die Wählerstimmen sinken – leider nicht genug, um in Jubelstimmung zu geraten.

Die Phase, in der die Rechtsaußenpartei AfD durch erfolgreiche Themensetzung unbeschwert der Einzug in Parlamente gelang, scheint schon etwas länger vorbei. Das ist für eine auf fortwährende Eskalation angelegte Pöbelpartei ein echtes Problem.

Der Jahreswechsel 2020/2021 markierte für die AfD den Übergang von der Stagnation zur strategischen Defensive. Die Wählerinnen können erstmals bewerten, was die AfD in der vergangenen Legislaturperiode geleistet hat. Man darf annehmen, dass die Stammwählerschaft, die sich leider rasch herausgebildet hat, in Treue zu ihr halten wird. Andererseits wissen die AfD-Gegner nun noch genauer, was es zu verhindern gilt.

Die Menschen zwischen beiden Polen, prinzipiell als Wählerschaft ansprechbar, können mittlerweile wissen, dass es sich um eine tief zerstrittene und chaotische Organisation handelt. Erstmalig geht die Mitgliederzahl zurück und liegt nun bei 32.000, etwa halb so hoch wie jene von FDP und Linkspartei.

In den AfD-Fraktionen zeigen sich Ermüdungserscheinungen. Die als Richtungsstreit wahrgenommenen Auseinandersetzungen erreichten 2020 dramatische Höhepunkte. Mehrfach ging Parteisprecher Jörg Meuthen mit überraschend großer Härte gegen die anscheinend insgesamt, aber nicht immer regional, zahlenmäßig hauchdünn unterlegenen Anhänger offen neofaschistischer Konzepte vor. Diejenigen in der Partei, die auf die unmittelbare faschistische Revolte hoffen, wurden frustriert, reagieren darauf aber derzeit insbesondere im Osten der Republik fächendeckend mit der Aufstellung eindeutiger Kandidaten des angeblich aufgelösten »Flügels«.

Keine gute Figur machte der »Führer« im Wartestand: Björn Höcke hat den Erwartungsbogen überspannt. Er weiß nur zu gut, dass ihm das Andreas-Kalbitz-Schicksal in Form der »Landolf-Ladig-Affäre« (unter dem Pseudonym erschienen Texte im NPD- und Neonazikontext) drohen kann. Ideologisch suchte sich die Parteiführung mit ihrer im Januar veröffentlichten pompösen »Erklärung zum deutschen Staatsvolk und zur deutschen Identität« selbst freizusprechen. »Projekt gescheitert« kann man dazu nur sagen, denn das Dokument beweist genau, was es leugnen soll: Die AfD vertritt einen ethnischen Volksbegriff, der gegen im Grundgesetz festgeschriebene Menschenrechte verstößt.

Auch die ewige interne Rentendebatte endete mit der Forderung nach einer völkisch orientierten Familienpolitik, auf die sich dann alle einigen konnten. In der politischen Bewährungsprobe Pandemie zeigte sich die AfD unfähig zur Entwicklung einer geschlossenen Position. In ihren Reihen ploppte das ganze Spektrum der Coronaleugner-Szene auf, bis hin zur Teilnahme am Stürmchen auf den Reichstag.

Sie kann sich aber auch nicht dazu durchringen, konsequent auf den antisemitischen Verschwörungsmythen-Mob zu setzen. Wenn potentielle Wählerinnen aber eines von rechtsbürgerlicher Politik erwarten, dann Eindeutigkeit, Sicherheit und Ordnung. Folgerichtig sinken die Umfragewerte deutlich. Gleichzeitig gibt es keinen größeren öffentlichen Auftritt, der nicht von antifaschistischen Protesten begleitet wird. Die sind z. B. in Berlin so erfolgreich, dass längerfristig Landesparteitage unmöglich wurden.

Unser Verband hat daran zusammen mit den Partner*innen von Aufstehen
gegen Rassismus großen Anteil. Ursache für diese Trendwende sind tiefgreifende Verschiebungen im gesellschaftlichen Umfeld. Kann sich die AfD dauerhaft zu einer rechtsgerichteten Kraft im politischen System Deutschlands entwickeln – um nicht zu sagen, aufgebaut werden – und direkte politische Macht erringen? Welche Zugeständnisse hat sie dafür zu machen, und ist sie bereit dazu?

Die Antworten auf diese Fragen haben sich zuungunsten der AfD verändert. Die Personalien Hans-Georg Maaßen und Friedrich Merz sind dafür bezeichnend. Der AfD-Beschützer Maaßen überschätzte seine Position an der Spitze des Bundesamtes für Verfassungsschutz und musste sie zugunsten von Thomas Haldenwang räumen, unter dessen Leitung die AfD immer stärker in den »Extremismus«-Bereich eingeordnet wird. Die von
der inneren Faschisierung der Behördenapparate träumenden Beamten mit AfD-Parteibuch erleben/spüren mittlerweile die Grenzen und Risiken ihres
Engagements.

Mit Merz ist die theoretische personelle Option für ein Bündnis der Bundes-CDU mit der AfD vorerst gescheitert. Auch die internationale Lage hält Menetekel bereit. In den USA endete das Donald-Trump-Experiment mit einem echten Sturm auf das Parlament, mit der Mobilisierung eines bewaffneten Mobs, mit beispiellosen Lügen und Mord. Und doch – es endete. Trotz »Kicking and Screaming« sitzt nun ein progressiver im Oval Office – für US-Verhältnisse und vergleicht man Biden mit Trump.

Die AfD stolpert, aber sie wird nicht von alleine stürzen. Tun wir alles, um der halb- und protofaschistischen AfD den Rest ihrer scheinbaren »Normalität« zu nehmen.

// Thomas Willms


Wichtige Termine Wahljahr 2021:
6. Juni: Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
12. September: Kommunalwahlen in Niedersachsen
26. September: Bundestagswahl sowie Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Berlin

Jahrelange Kämpfe

geschrieben von Nils Weigt

14. März 2021

Ein neues Buch erinnert an die von den Nazis verfolgten sexuellen Minderheiten

»Ein aufrichtiges und umfassendes Erinnern an die homosexuellen Frauen und Männer, die damals litten und starben, fehlt noch immer und ist dringend nötig – sowohl im Deutschen Bundestag am Holocaust-Gedenktag als auch in der Gedenkstätte Auschwitz.« Dieses Geleitwort gibt die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano dem kürzlich erschienenen Buch »Erinnern in Auschwitz – auch an sexuelle Minderheiten« mit und ruft damit eingangs die enorme politische Dimension dieses Buches auf.

Die unsägliche Kontinuitätsgeschichte der Verfolgung homosexueller Männer in der Bundesrepublik – so galt der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches in seiner 1935 von den Nazis verschärften Fassung bis 1969 fort –, das Verhindern ihrer Anerkennung als Opfer des Faschismus in der DDR mögen Geschichte sein, Feindlichkeit gegenüber LGBTIQ* (engl. Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Intersexual, Queer, dt. lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, inter*, queer) ist es mitnichten. In Polen ist sie aktuell gar staatstragend. So bezeichnete der polnische Außenminister Zbigniew Rau in einem Facebook-Post die »LGBT-Ideologie« als »eine Zivilisation des Todes«.

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Narrenschiff noch auf Kurs

geschrieben von Ernst Antoni

14. März 2021

Der Künstler Guido Zingerl führt uns in die Gegenwart

 Guido Zingerl hatte 2019 an einem Bilderzyklus gearbeitet, der schließlich unter dem Titel »Das Narrenschiff« 40 Bilder umfasste: »Gemalte und gezeichnete Parabeln auf die Unbelehrbarkeit des Menschen«, wie der Historiker und Publizist Werner Dreher befand.

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Überleben in Auschwitz

geschrieben von Erika Schwarz

14. März 2021

Notwendige Erinnerungen nach mehr als 60 Jahren

Neben einer Vielzahl von öffentlichen Veranstaltungen war das Gedenken an den Holocaust 2020, im 75. Jahr der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, zugleich von neuen Publikationen über das zum Synonym für den Massenmord an den europäischen Juden gewordene Konzentrationslager geprägt. Das sind sowohl Betrachtungen von Historikern als auch in Worte gegossene Erinnerungen von Menschen, die das Morden an diesem Ort überlebten. Exemplarisch für letztere steht der Band von Tomáš Radil »Ein bißchen Leben vor diesem Sterben«.

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Von der Prüfung zum Verdachtsfall

3. März 2021

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Nach langem Hin und Her wurde die AfD vom Verfassungsschutz heute als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft. In der März/April-Ausgabe der antifa befassen wir uns damit, was eine Einstufung als Verdachtsfall für die AfD bedeutet. Bei Redaktionsschluss stand die Einstufung noch nicht fest.

Für die AfD geht es um viel. Sollte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) zu dem Ergebnis kommen, dass die AfD bundesweit vom Prüffall zum Verdachtsfall eingestuft wird, kann der Geheimdienst die Partei mit geheimdienstlichen Mitteln beobachten. Es könnten leichter Telefongespräche abgehört und V-Menschen angeworben werden. Gegen Beamte, die in leitender Position in der AfD tätig sind, könnte wegen der Tätigkeit, nicht der Mitgliedschaft, ein disziplinarrechtliches Verfahren eingeleitet werden.

AfD fährt juristische Geschütze auf

Nachdem Anfang Januar mehrere Zeitungen gemeldet hatten, dass der Verfassungsschutz plane, die gesamte AfD zum Verdachtsfall zu erklären, kündigte die Partei an, dagegen zu klagen. Die Klageschrift wurde von der Kölner Kanzlei Höcker verfasst und eingereicht. Pikanterweise ist es die Kanzlei, bei der Hans-Georg Maaßen, der frühere Präsident des BfV, angefangen hat zu arbeiten. Erst nachdem verschiedene Medien die Verbindungen öffentlich gemacht hatten, gab die Kanzlei in einer Stellungnahme bekannt, dass Maaßen nicht mehr für sie tätig sei. An der Klage, die die Kanzlei im Namen der AfD eingereicht hat, dürfte er noch beteiligt gewesen sein.

Obwohl das Verwaltungsgericht Köln die Klage der AfD abgewiesen hat und auch einen Eilantrag vor dem Oberverwaltungsgericht Münster nicht stattgegeben wurde, ist es interessant, zu schauen, worauf sich die Klage der Kanzlei bezieht, da Maaßen den Verfassungsschutz und seine Strukturen kennt wie kaum ein anderer. Zum einen soll dem BfV untersagt werden, die AfD als Verdachtsfall einzustufen. Mit der Bezeichnung Verdachtsfall geht einher, dass ein großer Teil der Partei »gesichert rechtsextremistische Bestrebungen« unterstützt. Als zweites will die AfD dem Verfassungsschutz verbieten lassen, öffentlich zu verbreiten, wie viele Mitglieder der sogenannte Flügel hatte. Dabei kursiert seit langem die Zahl von 7.000 Personen. Bei einer Mitgliederzahl von 32.000, Stand Januar 2021, entspricht das mehr als 20 Prozent.

 Außerdem will die AfD dem BfV verbieten lassen, sich mit den Landesämtern über ihre Erkenntnisse zur Partei auszutauschen. In einem Artikel über die Klage zitiert der Juristische Newsletter »Legal Tribune Online« aus der Klageschrift: »(…) die Klägerin als Verdachtsfall einzuordnen, zu beobachten, zu behandeln, zu prüfen und/oder zu führen«. Mit anderen Worten, die AfD will dem Verfassungsschutz verbieten lassen, sich mit der Bundespartei überhaupt zu befassen. Dabei werden Teile der AfD schon jetzt in ganz Deutschland vom Inlandsgeheimdienst beobachtet. Anfang Januar wurde dem Berliner Landesverband der AfD ein Gutachten des Berliner Verfassungsschutzes zugespielt.

Darin hieß es sinngemäß, dass der Landesverband nicht als Verdachtsfall eingestuft werden kann, weil der Einfuss von »völkisch-nationalen Parteimitgliedern« gering sei. Als Antifaschisten eine Liste von 200 Berliner Mitgliedern des Flügels veröffentlichten, ließ der Berliner Innensenator erklären, dass es sich nicht um den offziellen Bericht gehandelt habe, sondern um einen Zwischenbericht.

Taktisches Agieren

Wie wichtig es für die AfD ist, nicht offiziell als rechtsextrem und nationalistisch bezeichnet zu werden, zeigt auch eine Erklärung, die beim Bundesparteitag in Kalkar im November letzten Jahres veröffentlicht wurde. Darin führt die AfD aus, dass sie »alle Menschen als Deutsche betrachtet, die die deutsche Staatsbürgerschaft haben, unabhängig vom Zeitpunkt der Einbürgerung«.

Damit verabschiedet sie sich zumindest nach außen hin von der völkischen Definition von Volk, wonach nur Menschen Deutsche sein können, die hier geboren sind und deren Vorfahren ebenfalls aus Deutschland stammen. Obwohl die Erklärung von der gesamten Führung der AfD unterschrieben wurde, ist es sehr fraglich, ob es mehr als ein taktischer Schachzug war. Manchmal wird die Vermutung geäußert, dass sich manche bei einer Beobachtung der AfD mit ihr solidarisieren könnten.

Für die antifaschistische Auseinandersetzung mit der AfD sollte es völlig egal sein, wie der Verfassungsschutz die Partei einschätzt. Auch die angeblich gemäßigten Teile der Partei sind rassistisch und hetzen offen gegen Menschen, die nicht ihrem Weltbild entsprechen, und wer sich mit ihnen solidarisiert, unterstützt RassistInnen.

Janka Kluge

Und die Räder standen still: Der Februarstreik vom 25.2.1941

25. Februar 2021

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»STREIKT! STREIKT! STREIKT!« So lautete die Parole, die sich am frühen Morgen des 25. Februars 1941 wie ein Lauffeuer durch viele Amsterdamer Betriebe verbreitete. Die lohnarbeitende Bevölkerung folgte einem Aufruf zum Generalstreik, um gegen den wachsenden antisemitischen Terror in der Stadt zu protestieren.

Am 10. Mai 1940 hatten Hitlers Truppen die Niederlande überfallen und ab dem Sommer erste anti-jüdische Maßnahmen verkündet: Zutrittsverbote für jüdische Menschen zu Kinos und auf Märkten, Entlassung von jüdischen Beamten und Professoren, Registrierung von jüdischen Unternehmen bei der Wirtschaftsprüfstelle, Verbot des rituellen Schächtens.

Durch diese Maßnahmen fühlten sich die niederländischen Nazis der NSB (Nationalsozialistische Bewegung), insbesondere die uniformierte Wehrabteilung (WA), gestärkt. Sie erschienen nun immer öfter nahe des jüdischen Viertels in der Amsterdamer Innenstadt, um die jüdischen Mitbürgerinnen zu provozieren und einzuschüchtern.

Anfang Februar 1941 kam es zu den ersten Schlägereien zwischen den niederländischen Nazis und jüdischen Männern, die diese Provokationen nicht hinnahmen. Bei großen Teilen der lohnarbeitenden Amsterdamer Bevölkerung lösten die Schikanen Wut und Empörung aus. Betraf es doch ihre jüdische Kolleginnen, mit denen sie in Parteien, Vereinen organisiert und freundschaftlich verbunden waren. Es brodelte in der Stadt.

Bereit, weiter zu provozieren, tauchte die uniformierte Wehrabteilung am 9. und 11. Februar 1941 auf dem Waterloo-Platz auf, einem jüdischen Markt, mitten im jüdischen Viertel. Sie wurden durch jüdische Standinhaber und Hafenarbeiter aus den umliegenden Arbeiterkiezen überwältigt und mussten eine ordentliche Tracht Prügel einstecken. Dabei erlitt ein Hauptmann der WA schwere Verletzungen und verstarb einige Tage später an den Folgen.

Anfangs hielt sich die deutsche Führung zurück. Doch dann überfiel deren Ordnungspolizei eine Eisdiele, die von deutsch-jüdischen Migrant*innen betrieben wurde. Diese wehrten sich mit Ammoniakgas und besprühten die Deutschen mit dem Kältemittel. Nach dem Angriff tobte der Polizeikommandeur und ranghöchste SS-Führer im Land, Hanns Rauter, vor Wut. Darauf ordnete Himmler in einem Telefonat mit ihm eine Bestrafung der niederländischen Juden an.

Am Nachmittag des 22. Februars fuhren SS-Überfallkommandos in das jüdische Viertel und trieben Männer auf äußerst brutale Weise zusammen. Die Nazischergen hatten ein leichtes Spiel, denn am Schabbat waren immer viele Menschen im Kiez unterwegs. Am 23. Februar folgte eine weitere Razzia auf dem Waterloo-Platz.

Viele nicht-jüdische Amsterdamerinnen wurden Zeugen dieser abscheulichen Treibjagd. Die damals illegale Amsterdamer Führung der KP der Niederlande ergriff die Initiative und schickte ihre Kader in die Betriebe. Sie sollten in Erfahrung bringen, ob eine Bereitschaft für einen Streik vorhanden war.

Am Abend des 24. Februars versammelten sich mehrere hundert Aktivistinnen, die hauptsächlich bei den Behörden und der Stadtreinigung beschäftigt waren, auf dem Noordermarkt. Sie wurden aufgefordert, am nächsten Morgen in ihre Betriebe zu gehen, um ihre Kolleginnen zu einem Generalstreik zu motivieren. Noch am gleichen Abend wurde ein Manifest in der ganzen Stadt verteilt.

Dieses Manifest beinhaltete die Forderungen, alle jüdischen Gefangenen freizulassen und die WA aufzulösen. Weiter hieß es: »Zeigt Euch solidarisch mit dem jüdischen Teil der arbeitenden Bevölkerung. Streikt, streikt, streikt«. Am nächsten Morgen standen die Räder in der Stadt fast komplett still. Trams, die noch fuhren, wurden durch Blockaden gestoppt. Im Hafen, auf den Werften, in den Stahlfabriken, im Einzelhandel und bei den Behörden, überall wurde die Arbeit niedergelegt.

Die Menschen machten sich auf den Weg zur Innenstadt, um dort zu demonstrieren. Am nächsten Tag weitete sich der Streik in andere Landesteile aus. Anfänglich zeigten sich die Deutschen völlig überrascht. Einen solchen Widerstand hatte es bisher in keinem besetzten Land gegeben. Doch die Deutschen reagierten schnell. Schon am zweiten Tag schlugen sie mit erbarmungsloser Härte zurück.

Die Ordnungspolizei schoss wahllos in die Menge der Streikenden, um sie auseinander zu treiben. Es gab neun Tote und 24 Verwundete. Die Gestapo startete eine Welle von Verhaftungen. Beamtinnen, die an dem Streik teilnahmen, wurden entlassen. Am 13. März 1941 wurden drei Organisatoren des Streiks und 15 andere Widerstandskämpferinnen exekutiert.

Zahlreiche Verhaftete wurden in Konzentrationslager oder Gefängnisse verschleppt. Die aufgegriffenen jüdischen Männer wurden in das KZ Mauthausen deportiert. Der Streik hat die Vernichtung der niederländischen Juden nicht verhindern können. Von den schätzungsweise 140.000 Menschen jüdischer Herkunft im Land haben nur etwa 38.000 den Krieg überlebt.

Dennoch: Der Februarstreik, ausgerufen von niederländischen Arbeiterinnen, war für die jüdische Bevölkerung ein Zeichen der Solidarität. Sie spürte die Unterstützung ihrer Mitbürger*innen, die sich den deutschen Faschisten entgegenstellten und dies mit dem eigenen Leben bezahlten. Der Mut der Streikenden bleibt unvergessen.

Daran erinnert das Denkmal des aufrechten Werftarbeiters, das im ehemaligen jüdischen Viertel steht. Jedes Jahr am 25. Februar kommen dort viele Menschen zusammen, um an diesen Aufstand vor 80 Jahren zu erinnern.

Autor: Arnold Vinkeles

Lauter Individual-Diktaturen

geschrieben von Regina Girod

11. Februar 2021

Erfahrungen mit Demokratie immunisieren gegen Demagogie

Die Rede von »Jana aus Kassel«, die sich auf einer Querdenken-Demonstration in Hannover mit Sophie Scholl verglich, hat ein unerhörtes Medien-echo ausgelöst. Unzählige Kommentare in den sozialen Medien, Politikertweets von Markus Söder bis Heiko Maaß, sogar ein Musicalsong bei Böhmermann  – ein veritabler Shitstorm brach los. Doch was steckt hinter dem Phänomen, im Namen der Freiheit gegen eine vermeintliche Diktatur aufzutreten und dabei gleichzusetzen, was nicht einmal vergleichbar ist? Nur Dummheit und Geschichtsvergessenheit? Lauter Individual-Diktaturen weiterlesen »

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