Von der Prüfung zum Verdachtsfall

3. März 2021

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Nach langem Hin und Her wurde die AfD vom Verfassungsschutz heute als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft. In der März/April-Ausgabe der antifa befassen wir uns damit, was eine Einstufung als Verdachtsfall für die AfD bedeutet. Bei Redaktionsschluss stand die Einstufung noch nicht fest.

Für die AfD geht es um viel. Sollte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) zu dem Ergebnis kommen, dass die AfD bundesweit vom Prüffall zum Verdachtsfall eingestuft wird, kann der Geheimdienst die Partei mit geheimdienstlichen Mitteln beobachten. Es könnten leichter Telefongespräche abgehört und V-Menschen angeworben werden. Gegen Beamte, die in leitender Position in der AfD tätig sind, könnte wegen der Tätigkeit, nicht der Mitgliedschaft, ein disziplinarrechtliches Verfahren eingeleitet werden.

AfD fährt juristische Geschütze auf

Nachdem Anfang Januar mehrere Zeitungen gemeldet hatten, dass der Verfassungsschutz plane, die gesamte AfD zum Verdachtsfall zu erklären, kündigte die Partei an, dagegen zu klagen. Die Klageschrift wurde von der Kölner Kanzlei Höcker verfasst und eingereicht. Pikanterweise ist es die Kanzlei, bei der Hans-Georg Maaßen, der frühere Präsident des BfV, angefangen hat zu arbeiten. Erst nachdem verschiedene Medien die Verbindungen öffentlich gemacht hatten, gab die Kanzlei in einer Stellungnahme bekannt, dass Maaßen nicht mehr für sie tätig sei. An der Klage, die die Kanzlei im Namen der AfD eingereicht hat, dürfte er noch beteiligt gewesen sein.

Obwohl das Verwaltungsgericht Köln die Klage der AfD abgewiesen hat und auch einen Eilantrag vor dem Oberverwaltungsgericht Münster nicht stattgegeben wurde, ist es interessant, zu schauen, worauf sich die Klage der Kanzlei bezieht, da Maaßen den Verfassungsschutz und seine Strukturen kennt wie kaum ein anderer. Zum einen soll dem BfV untersagt werden, die AfD als Verdachtsfall einzustufen. Mit der Bezeichnung Verdachtsfall geht einher, dass ein großer Teil der Partei »gesichert rechtsextremistische Bestrebungen« unterstützt. Als zweites will die AfD dem Verfassungsschutz verbieten lassen, öffentlich zu verbreiten, wie viele Mitglieder der sogenannte Flügel hatte. Dabei kursiert seit langem die Zahl von 7.000 Personen. Bei einer Mitgliederzahl von 32.000, Stand Januar 2021, entspricht das mehr als 20 Prozent.

 Außerdem will die AfD dem BfV verbieten lassen, sich mit den Landesämtern über ihre Erkenntnisse zur Partei auszutauschen. In einem Artikel über die Klage zitiert der Juristische Newsletter »Legal Tribune Online« aus der Klageschrift: »(…) die Klägerin als Verdachtsfall einzuordnen, zu beobachten, zu behandeln, zu prüfen und/oder zu führen«. Mit anderen Worten, die AfD will dem Verfassungsschutz verbieten lassen, sich mit der Bundespartei überhaupt zu befassen. Dabei werden Teile der AfD schon jetzt in ganz Deutschland vom Inlandsgeheimdienst beobachtet. Anfang Januar wurde dem Berliner Landesverband der AfD ein Gutachten des Berliner Verfassungsschutzes zugespielt.

Darin hieß es sinngemäß, dass der Landesverband nicht als Verdachtsfall eingestuft werden kann, weil der Einfuss von »völkisch-nationalen Parteimitgliedern« gering sei. Als Antifaschisten eine Liste von 200 Berliner Mitgliedern des Flügels veröffentlichten, ließ der Berliner Innensenator erklären, dass es sich nicht um den offziellen Bericht gehandelt habe, sondern um einen Zwischenbericht.

Taktisches Agieren

Wie wichtig es für die AfD ist, nicht offiziell als rechtsextrem und nationalistisch bezeichnet zu werden, zeigt auch eine Erklärung, die beim Bundesparteitag in Kalkar im November letzten Jahres veröffentlicht wurde. Darin führt die AfD aus, dass sie »alle Menschen als Deutsche betrachtet, die die deutsche Staatsbürgerschaft haben, unabhängig vom Zeitpunkt der Einbürgerung«.

Damit verabschiedet sie sich zumindest nach außen hin von der völkischen Definition von Volk, wonach nur Menschen Deutsche sein können, die hier geboren sind und deren Vorfahren ebenfalls aus Deutschland stammen. Obwohl die Erklärung von der gesamten Führung der AfD unterschrieben wurde, ist es sehr fraglich, ob es mehr als ein taktischer Schachzug war. Manchmal wird die Vermutung geäußert, dass sich manche bei einer Beobachtung der AfD mit ihr solidarisieren könnten.

Für die antifaschistische Auseinandersetzung mit der AfD sollte es völlig egal sein, wie der Verfassungsschutz die Partei einschätzt. Auch die angeblich gemäßigten Teile der Partei sind rassistisch und hetzen offen gegen Menschen, die nicht ihrem Weltbild entsprechen, und wer sich mit ihnen solidarisiert, unterstützt RassistInnen.

Janka Kluge

Und die Räder standen still: Der Februarstreik vom 25.2.1941

25. Februar 2021

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»STREIKT! STREIKT! STREIKT!« So lautete die Parole, die sich am frühen Morgen des 25. Februars 1941 wie ein Lauffeuer durch viele Amsterdamer Betriebe verbreitete. Die lohnarbeitende Bevölkerung folgte einem Aufruf zum Generalstreik, um gegen den wachsenden antisemitischen Terror in der Stadt zu protestieren.

Am 10. Mai 1940 hatten Hitlers Truppen die Niederlande überfallen und ab dem Sommer erste anti-jüdische Maßnahmen verkündet: Zutrittsverbote für jüdische Menschen zu Kinos und auf Märkten, Entlassung von jüdischen Beamten und Professoren, Registrierung von jüdischen Unternehmen bei der Wirtschaftsprüfstelle, Verbot des rituellen Schächtens.

Durch diese Maßnahmen fühlten sich die niederländischen Nazis der NSB (Nationalsozialistische Bewegung), insbesondere die uniformierte Wehrabteilung (WA), gestärkt. Sie erschienen nun immer öfter nahe des jüdischen Viertels in der Amsterdamer Innenstadt, um die jüdischen Mitbürgerinnen zu provozieren und einzuschüchtern.

Anfang Februar 1941 kam es zu den ersten Schlägereien zwischen den niederländischen Nazis und jüdischen Männern, die diese Provokationen nicht hinnahmen. Bei großen Teilen der lohnarbeitenden Amsterdamer Bevölkerung lösten die Schikanen Wut und Empörung aus. Betraf es doch ihre jüdische Kolleginnen, mit denen sie in Parteien, Vereinen organisiert und freundschaftlich verbunden waren. Es brodelte in der Stadt.

Bereit, weiter zu provozieren, tauchte die uniformierte Wehrabteilung am 9. und 11. Februar 1941 auf dem Waterloo-Platz auf, einem jüdischen Markt, mitten im jüdischen Viertel. Sie wurden durch jüdische Standinhaber und Hafenarbeiter aus den umliegenden Arbeiterkiezen überwältigt und mussten eine ordentliche Tracht Prügel einstecken. Dabei erlitt ein Hauptmann der WA schwere Verletzungen und verstarb einige Tage später an den Folgen.

Anfangs hielt sich die deutsche Führung zurück. Doch dann überfiel deren Ordnungspolizei eine Eisdiele, die von deutsch-jüdischen Migrant*innen betrieben wurde. Diese wehrten sich mit Ammoniakgas und besprühten die Deutschen mit dem Kältemittel. Nach dem Angriff tobte der Polizeikommandeur und ranghöchste SS-Führer im Land, Hanns Rauter, vor Wut. Darauf ordnete Himmler in einem Telefonat mit ihm eine Bestrafung der niederländischen Juden an.

Am Nachmittag des 22. Februars fuhren SS-Überfallkommandos in das jüdische Viertel und trieben Männer auf äußerst brutale Weise zusammen. Die Nazischergen hatten ein leichtes Spiel, denn am Schabbat waren immer viele Menschen im Kiez unterwegs. Am 23. Februar folgte eine weitere Razzia auf dem Waterloo-Platz.

Viele nicht-jüdische Amsterdamerinnen wurden Zeugen dieser abscheulichen Treibjagd. Die damals illegale Amsterdamer Führung der KP der Niederlande ergriff die Initiative und schickte ihre Kader in die Betriebe. Sie sollten in Erfahrung bringen, ob eine Bereitschaft für einen Streik vorhanden war.

Am Abend des 24. Februars versammelten sich mehrere hundert Aktivistinnen, die hauptsächlich bei den Behörden und der Stadtreinigung beschäftigt waren, auf dem Noordermarkt. Sie wurden aufgefordert, am nächsten Morgen in ihre Betriebe zu gehen, um ihre Kolleginnen zu einem Generalstreik zu motivieren. Noch am gleichen Abend wurde ein Manifest in der ganzen Stadt verteilt.

Dieses Manifest beinhaltete die Forderungen, alle jüdischen Gefangenen freizulassen und die WA aufzulösen. Weiter hieß es: »Zeigt Euch solidarisch mit dem jüdischen Teil der arbeitenden Bevölkerung. Streikt, streikt, streikt«. Am nächsten Morgen standen die Räder in der Stadt fast komplett still. Trams, die noch fuhren, wurden durch Blockaden gestoppt. Im Hafen, auf den Werften, in den Stahlfabriken, im Einzelhandel und bei den Behörden, überall wurde die Arbeit niedergelegt.

Die Menschen machten sich auf den Weg zur Innenstadt, um dort zu demonstrieren. Am nächsten Tag weitete sich der Streik in andere Landesteile aus. Anfänglich zeigten sich die Deutschen völlig überrascht. Einen solchen Widerstand hatte es bisher in keinem besetzten Land gegeben. Doch die Deutschen reagierten schnell. Schon am zweiten Tag schlugen sie mit erbarmungsloser Härte zurück.

Die Ordnungspolizei schoss wahllos in die Menge der Streikenden, um sie auseinander zu treiben. Es gab neun Tote und 24 Verwundete. Die Gestapo startete eine Welle von Verhaftungen. Beamtinnen, die an dem Streik teilnahmen, wurden entlassen. Am 13. März 1941 wurden drei Organisatoren des Streiks und 15 andere Widerstandskämpferinnen exekutiert.

Zahlreiche Verhaftete wurden in Konzentrationslager oder Gefängnisse verschleppt. Die aufgegriffenen jüdischen Männer wurden in das KZ Mauthausen deportiert. Der Streik hat die Vernichtung der niederländischen Juden nicht verhindern können. Von den schätzungsweise 140.000 Menschen jüdischer Herkunft im Land haben nur etwa 38.000 den Krieg überlebt.

Dennoch: Der Februarstreik, ausgerufen von niederländischen Arbeiterinnen, war für die jüdische Bevölkerung ein Zeichen der Solidarität. Sie spürte die Unterstützung ihrer Mitbürger*innen, die sich den deutschen Faschisten entgegenstellten und dies mit dem eigenen Leben bezahlten. Der Mut der Streikenden bleibt unvergessen.

Daran erinnert das Denkmal des aufrechten Werftarbeiters, das im ehemaligen jüdischen Viertel steht. Jedes Jahr am 25. Februar kommen dort viele Menschen zusammen, um an diesen Aufstand vor 80 Jahren zu erinnern.

Autor: Arnold Vinkeles

Lauter Individual-Diktaturen

geschrieben von Regina Girod

11. Februar 2021

Erfahrungen mit Demokratie immunisieren gegen Demagogie

Die Rede von »Jana aus Kassel«, die sich auf einer Querdenken-Demonstration in Hannover mit Sophie Scholl verglich, hat ein unerhörtes Medien-echo ausgelöst. Unzählige Kommentare in den sozialen Medien, Politikertweets von Markus Söder bis Heiko Maaß, sogar ein Musicalsong bei Böhmermann  – ein veritabler Shitstorm brach los. Doch was steckt hinter dem Phänomen, im Namen der Freiheit gegen eine vermeintliche Diktatur aufzutreten und dabei gleichzusetzen, was nicht einmal vergleichbar ist? Nur Dummheit und Geschichtsvergessenheit? Lauter Individual-Diktaturen weiterlesen »

Editorial

geschrieben von Nils Becker

11. Februar 2021

Nach vielen Monaten der Corona-Pandemie, haben wir uns alle organisatorisch darauf eingestellt. Unsere Organisation ist vermehrt im Internet präsent, Seminare von Aufstehen gegen Rassismus, Buchvorstellungen, Diskussionsrunden und sogar Gedenkveranstaltungen finden online statt. Im April wird nun auch der eigentlich für 2020 geplante Bundeskongress der VVN-BdA als hybride Veranstaltung überwiegend digital stattfinden (alles dazu in der Länderbeilage).

Neu ist auch unsere Medienpartnerschaft mit anderen Zeitungen. In den nächsten Wochen können wir den Flyer zu unserer Onlinepetition zur Gemeinnützigkeit (t1p.de/petition-vvn) in den Zeitungen Junge Welt, Jungle World, Freitag, Neues Deutschland, Taz und Konkret beilegen. Zusammen erreichen wir damit eine Auflage von 180.000 Stück und damit die auflagenstärkste Publikation der VVN in unserer langen Geschichte. Aufgrund dessen tauchen in dieser und den nächsten Ausgaben Beileger und Anzeigen unserer Partner auf. Wir haben nicht vor, das in absehbarer Zeit zu wiederholen, aber der Kampf um unsere Gemeinnützigkeit zwingt uns zu ungewöhnlichen Maßnahmen.

Auch diese Ausgabe ist geprägt von der Pandemie und den Bemühungen von rechts, sie für sich zu nutzen (Seiten 3, 6, 17). Gleichzeitig ist uns nicht entgangen, dass sich die AfD mit ihrem Programmparteitag in Kalkar fit gemacht hat für das Superwahljahr 2021 (Seite 5). Gewöhnen wollen wir uns weder an die Waffenfunde bei Neonazis (Seite 4), noch an die Situation von Geflüchteten an den europäischen Grenzen (Seite 8) oder an die Gewalt, die auf unseren Straßen herrscht (Seiten 10, 11). Wir hoffen, dass wir mit unserem Spezial einen Beitrag gegen die Lobhudelei des Kaiserreichs etwas Kritisches zur Nationswerdung Deutschlands beitragen können (ab Seite 13 und 28). Beachtlich und hierzulande relativ unbekannt fanden wir die Geschichte des Februarstreiks in den Niederlanden (Seite 21) und den Alltag der Sinti in der DDR (Seite 30). Das Dauerthema, mit welchen Mitteln wir für unsere Ziele eintreten, findet ebenso Platz (Seiten 12, 24, 26). Besonders freuen wir uns, dass nun auch die Landesvereinigungen Thüringen und Brandenburg eigene Seiten in der Länderbeilage füllen.

Titel

11. Februar 2021

Unser Tirelbild - Debattenbeitrag im Streit um die Bismarck-Huldigungen in Hamburg (Foto: Kim Todzi). Im Sommer 2020 forderte die Initiative "Decolonize Hamburg" einen Stopp der Sanierung des weltweit größten Bismarck-Denkmanls am Millerntor.

Unser Tirelbild – Debattenbeitrag im Streit um die Bismarck-Huldigungen in Hamburg (Foto: Kim Todzi). Im Sommer 2020 forderte die Initiative „Decolonize Hamburg“ einen Stopp der Sanierung des weltweit größten Bismarck-Denkmanls am Millerntor.

Erweckungsbewegung

geschrieben von Andreas Siegmund-Schultze

8. Februar 2021

»Querdenken«: Wo die extreme Rechte weiter freie Hand hat

 

 

Den großen Showdown der »Querdenken«-Bewegung sollte es zum Jahreswechsel in Berlin geben. Gerechnet wurde mit ähnlichen Bildern wie am 7. November in Leipzig oder am 18. November in der Bundeshauptstadt. Zehntausende hatten sich zu bunt-braunen Massenevents getroffen und waren sich eines großen öffentlichen Interesses gewiss. Es hieß immerhin, gegen die »abgewirtschaftete Merkel-Diktatur«, die »DDR 2.0« oder das »neue Ermächtigungsgesetz« aufzubegehren. Man wähnte sich insbesondere in Leipzig im Einklang mit der »friedlichen Revolution« vom Herbst 1989. Andernorts gab es Vergleiche mit Anne Frank oder den Geschwistern Scholl  – darunter geht es nicht. Wenn in den kommenden Wochen und Monaten viele vor die Frage gestellt werden, ob sie sich gegen die Seuche impfen lassen, dürfte der mit dem Wort »ungeimpft« versehene »Gelbe Stern« erneut zum perfiden Bekenntnis dieser in weiten Teilen auch antisemitischen Bewegung werden.

Die Veranstaltungen zu Silvester fielen, aufgrund eines generellen Versammlungsverbots und eines speziellen nur für »Querdenken«, ins Wasser. Begründet wurden diese mit prognostizierten Verstößen gegen den Infektionsschutz und polizeilichem Notstand. Angekündigt worden waren die Demonstrationen am 30. und 31. Dezember unter dem Motto »Willkommen 2021 – das Jahr der Freiheit und des Friedens«. Michael Ballweg, das bundesweite Gesicht der »Querdenker« aus Stuttgart, hatte während der Festtage verkündet, bis auf weiteres keine Demos mehr anzumelden. Die Berliner Struktur schloss sich dem an. Über die Gründe für diesen Schritt ist viel Raum für Spekulationen. Da wäre zum einen das Ansehen des Obergurus selbst. So gab es Berichte über lukrative Geschäftsmodelle der Corona-Leugner:innen, aus denen sich in den letzten Monaten große Summen abschöpfen ließen. Nicht nur Ballweg zog daraus seine Pfründe. Typisch ist das Sammeln von Spenden auf unkontrollierte Privatkonten von Aktiven der »Querdenken«-Bewegung. Ob sich mit diesem Image weitere Unterstützer*innen gewinnen lassen? Ein anderer Grund für die Absage dürfte gewesen sein, dass die behördlichen Verbote die Berliner »Freiheits«party und die erhofften Bilder mit internationaler Beachtung haben fraglich werden lassen. Polizeiliche Verbote hatten die Proteste im Frühjahr noch angefeuert, während sie nun zu massiver Demobilisierung beitrugen. Obwohl der harte Kern weiter nach Berlin trommelte, zogen viele auf genehmigte Versammlungen in Stuttgart und Umgebung. Eine größere Anzahl kam nirgends zusammen.

Die politisch Verantwortlichen in den Landesregierungen sowie die Polizeiführungen in Leipzig und Berlin hatten wegen der Geschehnisse am 
7. und 18. November auch bundesweit Kritik einstecken müssen. Zur Erinnerung: Zurückhaltung war in Sachsen und der Bundeshauptstadt im Umgang mit den »Querdenkern« oberste Prämisse, Auflagenverstöße blieben so gut wie ohne Konsequenzen. Die zwei Hundertschaften, die am 7. November am Leipziger Innenstadtring eingesetzt waren, wurden durch die Massen schnell beiseite geschoben – über 20 solcher Einheiten waren eigentlich in die Stadt beordert worden. Besonders in Sachsen funktionierte die Aufgabenverteilung zwischen rechten Hooligans, die in den vorderen Reihen die Auseinandersetzung mit Polizei und Pressevertreter:innen suchten, und dem Rest der Demonstrant*innen wie geschmiert. Die Wahrnehmung, mit »Keine Gewalt«- und »Wir sind das Volk«-Schlachtrufen der Staatsmacht die Stirn bieten zu können, tat der Stimmung und dem Zusammengehörigkeitsgefühl zusätzlich gut. Als in Berlin am 18. November nach Stunden des Gewährens von Verstößen die Ankündigung durch die Polizei erfolgte, dass nun geräumt werden solle, war Partystimmung auf den Straßen und das Gejohle groß – es folgte schließlich ein wenig Geschubse und milder Regen durch einen Wasserwerfer. Danach setzte offenbar ein Umdenken ein und es  wurde eine härtere Gangart beschlossen.

In der jüngsten Nummer der antifaschistischen Zeitschrift der rechte rand werden die in Leipzig versammelten Verharmloser*innen und Leugner*innen der Pandemie zutreffend als »Mischung von Thor Steinar bis Rudolf Steiner« bezeichnet. Nicht übersehen werden sollte, wer auf derlei Demos alles mitmischt. Neben Verschwörungsgläubigen und Esoteriker*innen waren das Reichsbürger*innen, Nordkreuz-Anhänger*innen, Aktive aus dem früheren NSU-Terrornetzwerk, militante Nazikampfsportler:innen und Anhänger*innen von QAnon. Das EXIF-Recherchekollektiv hat das in einem Beitrag für die Winterausgabe des Antifaschistischen Infoblatts (AIB) zusammengetragen. Das Resümee von EXIF: »Für viele funktioniert ›Querdenken‹ als eine Erweckungsbewegung und die extremen Rechten haben darin freie Hand«. Dieser Eindruck drängt sich ebenso beim Blick ins Internet auf. Das lukrative Geschäftsmodell ist auch eines von Youtube-Trollen und rechten Medien. Die Reichweite von einschlägigen Messenger-Gruppen bei Telegram oder WhatsApp ist enorm. Selbst wenn die Straßenmobilisierung durch die Silvester-Verbote einen Dämpfer bekommen hat, wird die Dynamik im virtuellen Raum anhalten.             

 

 

 

Der Hamburger Neonazikader Thomas »Steiner« Wulff am 18. November bei der Querdenken-Demo in Berlin.

Foto: christian-ditsch.de

 

Weitere Informationen zu einzelnen Akteuren auf den Corona-Demonstrationen: noquerdenken.noblogs.org

Befriedung und Spaltung

geschrieben von Gerd Wiegel

8. Februar 2021

Zum AfD-Parteitag in Kalkar

Zwei Jahre lang schob die AfD den zur Richtungsentscheidung stilisierten Sozialparteitag vor sich her. Zunächst wollte man aus wahltaktischen Überlegungen keine Entscheidung in die eine oder andere Richtung treffen, dann kam Corona dazwischen. Im Frühjahr 2020 hatte der Parteivorstand einen Leitantrag vorgelegt, der als klassischer Kompromiss zu verstehen war. Ende November gab es dann den Parteitag. In der Rentenpolitik  – über Jahre Hauptstreitpunkt zwischen völkischer Rechter und Neoliberalen  – will man an der umlagefinanzierten gesetzlichen Rente festhalten, das Rentenniveau müsse aber auf Grundlage der Lebenserwartung und des Beitragsaufkommens »kontinuierlich angepasst werden«. Das soll bedeuten: kontinuierlich absenken. Eine stärkere Privatisierung der Altersvorsorge findet sich als unverbindliche Zukunftsoption im Beschluss. Was einerseits eine klare Niederlage für den auf Privatisierung drängenden Parteichef Meuthen ist, stellt sich aber keineswegs als Sieg der national-sozialen Rechten dar. Befriedung und Spaltung weiterlesen »

Gewöhnungseffekt

geschrieben von Andreas Siegmund-Schultze

8. Februar 2021

Nazi-Waffenhandel und die Reaktionen

Gleich mehrere rechte Waffenlager sind am 12. und 13. Dezember bei fünf Razzien in Österreich ausgehoben worden. Beschlagnahmt wurden 76 voll- und halbautomatische Waffen, über zwölf Pistolen, Sprengstoff, Handgranaten sowie rund 100.000 Schuss Munition. Die Waffen sollen durch Drogengeschäfte finanziert worden sein. Damit, so österreichische Ermittler, sollte möglicherweise eine deutschen Neonazimiliz aufgebaut werden. Verhaftet wurden der seit Jahrzehnten aktive Neonazi Peter Binder und vier Komplizen. Binder soll als Hauptverdächtiger die Waffenbeschaffung während seiner Haftfreigänge organisiert haben. Er saß wegen NS-Wiederbetätigung und anderer Vergehen gegen das Waffengesetz im Gefängnis Wien-Simmering ein. Der heute 53jährige Binder ist kein Unbekannter. So soll es Kontakte zwischen ihm und dem Umfeld des früheren NSU gegeben haben. Das BKA hatte bereits seit Oktober Kenntnis von den österreichischen Ermittlungen. Zwei Festnahmen hat es demnach auch in Bayern und Nordrhein-Westfalen gegeben. Gewöhnungseffekt weiterlesen »

Hang zum Autoritären

geschrieben von Axel Holz

5. Februar 2021

Langzeitstudie beschreibt steigende Unzufriedenheit mit Demokratie

Zum zehnten Mal ist die Leipziger Mitte-Studie über diskriminierende Einstellungen in der Gesellschaft erschienen. Sie knüpft an die Bielefelder Heitmeyer-Studien der 80er Jahre an und nimmt die »Mitte« der Gesellschaft in den Fokus. Die in der Studie festgestellte weite und stabile Verbreitung diskriminierender Einstellungen in der Gesellschaft als Ganze und nicht an den extremen Rändern, ist die Hauptgefahr für die Demokratie. Diese Erfahrung machen gerade Politik und Staat mit den Querdenkern, deren Verhalten sie nur schwer deuten können. Seit 2016 heißt die Leipziger Studie, die von der Heinrich-Böll-Stiftung und der Otto-Brenner-Stiftung unterstützt wird, Autoritarismus-Studie. Sie zeigte spätestens 2016 unter dem Titel »Die enthemmte Mitte« eine zunehmende Polarisierung und Radikalisierung der antimodernen und autoritären Milieus, die in der Mitte der Gesellschaft verortet wurden. Diese Radikalisierung manifestiert sich in steigender Gewaltbereitschaft, durch Legitimationsverlust der demokratisch verfassten Gesellschaft und die Abwendung bestimmter Milieus von ihr. Hang zum Autoritären weiterlesen »

Den Gerichten ihre Einzeltäter

geschrieben von Erika Klantz

5. Februar 2021

Zum Urteil gegen den Halle-Attentäter

Der deutsche Rechtsstaat hat sich wieder wehrhaft gezeigt gegen den Terror. So oder so ähnlich heißt es seit dem 21. Dezember in vielen Kommentaren von Politiker*innen und Journalist*innen. Stephan Balliet ist zur höchstmöglichen Strafe verurteilt worden: lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Das ist das vorläufige Ergebnis des Strafverfahrens um das versuchte Massaker in der Synagoge von Halle und den anschließenden Amoklauf mit zwei Toten. Zwei Menschen überlebten die Schussverletzungen, weitere wurden von den Schüssen des Täters glücklicherweise nicht getroffen. Hier soll es nicht darum gehen, ob die Verteidigung oder einzelne Nebenkläger*innen Rechtsmittel einlegen werden und welche Erfolgsaussichten das hätte. Den Gerichten ihre Einzeltäter weiterlesen »

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