Der »Balkanfeldzug«: Heute vor 80 Jahren überfiel die Wehrmacht Jugoslawien und Griechenland

geschrieben von Marcus Mattick

6. April 2021

Am 6. April 1941 begann die deutsche Wehrmacht die Königreiche Jugoslawien und Griechenland zu überfallen. Der Balkan bildete für den deutschen Imperialismus bei seinem zweiten Griff nach der Weltmacht
keine vorrangige Einfussregion. Anders war es für das faschistische Italien unter Mussolini, das die Anrainerstaaten der Adria als seine Einfusszone sah und Ansprüche auf griechische Inseln erhob.

Am 28. Oktober 1940 überfielen italienische Truppen auf Befehl Mussolinis Griechenland. In diesen Kämpfen geriet die italienische Armee in die Defensive und musste wenige Wochen nach dem Überfall Teile Albaniens aufgeben. Daher sah die deutsche militärische Führung die Notwendigkeit, vor dem geplanten Überfall auf die Sowjetunion im Frühsommer 1941 die Südfanke militärisch und politisch zu sichern.

Ursprünglich hatte das NS-Regime versucht, das neutrale Jugoslawien mit einem Bündnis in seine Einfusssphäre zu bringen. 1934 gab es erste diplomatische und politische Kontakte zum Königreich Jugoslawien. Mit dem Anschluss Österreichs 1938 musste die jugoslawische Regierung die eigene Lage zwischen großdeutschem Imperialismus, italienischem Faschismus und ungarischem Horthy-Regime austarieren. Ein verlässlicher und militärisch potenter Bündnispartner war nicht in Sicht, und so trat das
Königreich Jugoslawien am 25. März 1941 dem Dreimächtepakt (»Achse Berlin-Rom-Tokio«) bei.

Gegen dieses Militärbündnis kam es zu großen antideutschen Demonstrationen und einem Putsch jugoslawischer Offziere, so dass Ende März die Regierung nach Griechenland floh. Die neue jugoslawische Regierung entsandte Anfang April 1941 sogar eine Delegation nach Moskau, um Verhandlungen mit der sowjetischen Regierung über einen Beistandspakt aufzunehmen. Dort unterzeichnete man am 5. April
1941 jedoch nur einen Freundschafts- und Nichtangriffspakt.

Angesichts dieser Entwicklung entschloss sich das faschistische Deutschland, nicht nur Italien gegen Griechenland militärisch zu unterstützen, sondern auch Jugoslawien anzugreifen.

Schon Ende März hatte Adolf Hitler in seiner Weisung Nr. 25 angeordnet,
in einem Blitzfeldzug Jugoslawien »militärisch und als Staatsgebilde zu zerschlagen«. Am Tag nach der Vertragsunterzeichnung in Moskau, am 6. April 1941, griff die Wehrmacht gemeinsam mit italienischen, bulgarischen und ungarischen Truppen Jugoslawien und Griechenland an.

Dieser Überfall lief in den ersten Tagen – trotz militärischer Gegenwehr – wie ein »Blitzkrieg«. Schon am 12. April drangen deutsche Panzertruppen in die jugoslawische Hauptstadt Belgrad ein. Eine Schwächung der jugoslawischen Streitkräfte stellte das Ausscheiden der kroatischen Einheiten als Folge der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens dar. Dadurch
löste sich die jugoslawische Armee faktisch auf und sah sich am 17. April zur Kapitulation gezwungen.

Rund 344.000 Soldaten gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft, von denen etwa 180.000 Serben als Zwangsarbeiter in das Deutsche Reich verschleppt wurden. Die militärische Besetzung Jugoslawiens war begleitet von zahlreichen Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung. In Pancevo erschoss die Wehrmacht am 22. April als Strafe für den Tod zweier Deutscher 18 serbische Männer und Jugendliche an der Friedhofsmauer der Stadt. 18 weitere Einwohner von Pancevo wurden öffentlich gehenkt.

Ähnlich wie das besetzte Frankreich wurde Jugoslawien in Gebiete mit unterschiedlichem staatsrechtlichen Status aufgeteilt. Kroatien hatte sich bereits am 15. April zum unabhängigen Staat erklärt. Es war faktisch ein Vasallenstaat, in dem die Ustascha ein terroristisches Regiment errichtete, wobei das KZ Jasenovac das sichtbare Symbol dieser gewalttätigen Verfolgung von politischen Gegnern und ethnischen Minderheiten darstellte.

Serbien wurde auf sein Territorium in den Grenzen von 1912 reduziert,
Ungarn und Bulgarien bekamen ebenfalls Teile der Beute. Serbien wurde zur ausschließlich deutschen Einfusszone erklärt und unter deutsche Militärverwaltung gestellt. Gegen die Besatzung entstand unter der Leitung von Josip Broz Tito die jugoslawische Volksbefreiungsarmee, deren militärische Aktionen vier vollständige deutsche Infanteriedivisionen beschäftigte, die nicht im Krieg gegen die Sowjetunion eingesetzt werden konnten.

Die deutsche Militärverwaltung reagierte auf diesen Befreiungskampf mit zahllosen Verbrechen gegen Zivilisten. So ließ beispielsweise der Kommandierende General der Militärregierung am 26. Dezember
1942 per Plakat verkünden, dass wegen des Todes von sechs Mitgliedern der Organisation Todt in einem jugoslawischen Dorf 250 Geiseln hingerichtet worden seien. Solche Verbrechen sollten abschreckend wirken, führten aber meist dazu, dass sich die jugoslawische Bevölkerung noch überzeugter auf die Seite der Partisanen stellte, die im Ergebnis der Kämpfe
die Hauptstadt Belgrad am 20. Oktober 1944 von den faschistischen Okkupanten befreien konnte.

Der Balkanfeldzug verzögerte den Überfall auf die Sowjetunion um mindestens sechs Wochen und machte die Pläne der Wehrmacht, in einem Blitzkrieg noch vor dem Wintereinbruch die Hauptstadt Moskau einzunehmen, zunichte. Damit hatte Jugoslawien nicht nur als Kriegsgebiet, sondern auch als politischer Faktor die faschistische Expansionspolitik
massiv behindert.

Literatur zum Balkanfeldzug:

Martin Seckendorf, Günter Keber u.a.: Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus in Jugoslawien, Griechenland, Albanien, Italien und Ungarn (1941–1945). Hrsg.: Bundesarchiv ( Europa unterm Hakenkreuz. Band 6). Hüthig bzw. R.v.Decker / C.F.Müller, Berlin / Heidelberg 1992, 454 Seiten

Walter Manoschek: »Serbien ist judenfrei«: Militärische Besatzungspolitik und Judenvernichtung in Serbien 1941/42. 2. Auf., R. Oldenbourg, München 1995, 210 Seiten

Mark Mazower: Griechenland unter Hitler. Das Leben während der deutschen Besatzung 1941–1944. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016, 528 Seiten

Ahlrich Meyer (Hrsg.): Repression und Kriegsverbrechen. Die Bekämpfung
von Widerstands- und Partisanenbewegungen gegen die deutsche Besatzung in West- und Südeuropa
. Verlag der Buchläden Schwarze Risse, Rote
Straße, Berlin 1997. 205 Seiten

»Entschädigung« der Hohenzollern

geschrieben von Sebastian Schröder

1. April 2021

»Aus rechtlichen Gründen haben wir an dieser Stelle im Text einen Satz gelöscht«

In der Zeit von 1945 bis 1949 wurden in Ostdeutschland durch die sowjetische Verwaltung alle Großgrundbesitzer*innen zur Durchführung der Bodenreform entschädigungslos enteignet (»Junkerland in Bauernhand!«). Direkt nach dem Anschluss der DDR an die BRD wurden von diesen ehemaligen Eigentümer*innen und ihren Nachfahren Entschädigungsansprüche für Immobilien, Möbel, Kunstwerke und andere Wertgegenstände erhoben und durch die BRD bewilligt, etwa zugunsten von »Haus Sachsen-Coburg und Gotha«.

Nicht erfüllt wurden bisher die Entschädigungsforderungen der Hohenzollern, der preußischen Königs- und Kaiserdynastie. Das Land Brandenburg hat die Entschädigung 2015 abgelehnt. Das Verfahren um die von Georg Friedrich Prinz von Preußen 2015 gegen das Land Brandenburg eingereichte Klage wegen der Ablehnung der Entschädigung wurde bis August 2021 ausgesetzt, damit die Verhandlungen fortgesetzt werden können mit dem Ziel einer Einigung ohne Gerichtsverfahren.

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Atomwaffenverbot gefeiert

geschrieben von red

1. April 2021

Nuklearmächte machen aber nicht mit

Gute Nachrichten für den Frieden gab es zuletzt selten. Abrüstungsabkommen wurden gekündigt, die Spirale der Aufrüstung mit menschheitsbedrohenden Technologien erneut nach oben geschraubt. Im Januar konnten jedoch zwei Meldungen Hoffnung machen. So verlängerte der neue US-Präsident Biden unmittelbar nach seiner Amtseinführung im Gespräch mit dem russischen Präsidenten Putin das INF-Abkommen über das Verbot landgestützter Mittelstreckenraketen, das im Februar auslaufen sollte.

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Ein Buch als Lebenszeugnis

geschrieben von Werner Abel

29. März 2021


Zur Erinnerung an den Spanienkämpfer Anton Haas

Am 28. April 1935 kaufte sich Anton Haas in Moskau in der Internationalen Buchhandlung ein Buch, das ein Jahr zuvor in Paris erschienen war und inzwischen international für Aufsehen gesorgt hatte. Dieses Buch trug den Titel »Dimitroff contra Göring. Enthüllungen über die wahren Brandstifter« und ging als »Braunbuch II« in die Geschichte ein. Wie sein ebenfalls 1934 herausgegebener Vorläufer, das »Braunbuch I« mit dem Titel »Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror«, hatte auch das von Anton Haas gekaufte Buch eine ungewöhnlich hohe Auflage, war in verschiedenen Sprachen gedruckt worden und das gemeinsame Werk erfahrener Schriftsteller. Initiator war Willi Münzenberg, der nach der Emigration aus Deutschland in Paris die »Éditions du Carrefour« gekauft und in Basel die »Universum-Bücherei«, die vormalige Buchgemeinschaft der KPD, neu gegründet hatte. Dieses Buch informierte auch detailliert über Hunderte Opfer des Naziterrors, und die Anmerkungen in dem von Anton Haas gekauften Buch zeigen, dass er es intensiv studiert und nach Bekannten und Freunden durchsucht hatte.

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Ein Versprechen ist eine Verpflichtung

geschrieben von Silvio Lang

29. März 2021

Zum Tod von Wolfgang Engel

»Versprochen ist versprochen«, sagt der Kindermund. Und natürlich weiß ein jeder, dass ein Versprechen ernst zu nehmen ist. Aber schauen wir ehrlich in den Spiegel, dann relativiert sich die Bindungswirkung so eines Versprechens doch oft sehr schnell. Dann wird aus »ich verspreche es« nicht selten »ich schau mal, was ich tun kann«. Für wenige Menschen aber gilt konsequent: Was man versprochen hat, das hält man auch. Egal, wie aufwendig es ist. So ein Mensch war Wolfgang Engel. Er hat drei große Versprechen in seinem Leben abgegeben, und bis zu seinem Tode war er ihren Verpflichtungen treu. Beim Eheversprechen an seine Frau Irene ist ihm das leicht gefallen. Die »Zwei Engel« ergaben ein perfektes Team.

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Der Hamburger Jung ist weg

geschrieben von Uwe Becker

29. März 2021

Zum Tod von Achim Becker

Wenn man ihn fragte, wo er eigentlich herkommt, dann war seine Antwort oft, aus Hamburg. Darauf war er stolz. Die Stadt hat ihn geprägt, obwohl er gar nicht lange dort lebte. Die ersten zwölf Jahre seines Lebens. Nach den Bombardements 1943 flüchtete die Familie nach Mecklenburg.

Das Landleben war nichts für Achim. Er wollte nach dem Krieg aktiv sein, etwas Neues aufbauen. Als junger Journalist kam er nach Berlin. Er war dabei, als der Berliner Rundfunk in der Masurenallee 1952 von den Briten zeitweise blockiert wurde. Später wechselte er zum Deutschlandsender. Von November 1980 bis November 1989 war er Vorsitzender des DDR-Rundfunks. Ein neues journalistisches und politisches Zuhause fand Achim Becker 1991 bei der antifa. In der ehrenamtlichen Redaktion stritt er mit Gleichgesinnten, berichtete von Kongressen, besuchte Ausstellungen und Gedenkorte im ganzen Bundesgebiet, schrieb über Filme und Bücher. 2003 endete diese Zusammenarbeit.

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Lebendig und offen

geschrieben von Regina Girod

26. März 2021

Antifaschistische Kultur als Anspruch und Aufgabe

Der Kern antifaschistischer Kultur liegt in Werten wie Frieden, Solidarität und sozialer Gerechtigkeit begründet. Sie lebt im Einsatz für Demokratie, Partizipation und gleiche Rechte für alle Menschen. Das gilt, solange es Antifaschismus gibt, also schon seit rund einhundert Jahren. Allerdings sind diese Werte nicht exklusiv bei Antifaschistinnen und Antifaschisten zu finden, sie werden von vielen Menschen geteilt, die sich in verschiedenen Bereichen für ein friedliches und soziales Miteinander engagieren. Auf der Grundlage dieser gemeinsamen Werte sind Bündnisse möglich, deren Mitglieder sich in weltanschaulicher, politischer und kultureller Hinsicht deutlich unterscheiden, letztlich ist ja die VVN-BdA selbst ein solches Bündnis. Das Spezifische am Antifaschismus besteht dabei vor allem in der Konsequenz, mit der der Bedrohung und Zerstörung menschlicher Werte entgegengetreten wird, sie schließt das Zurückstellen persönlicher Interessen dahinter ein. Diese Haltung haben uns Antifaschistinnen und Antifaschisten der vorhergehenden Generationen vorgelebt, wir haben sie übernommen und tragen sie weiter.

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Antifaschistische Kultur und Politik

26. März 2021

antifa-Spezial: Eine aktuelle Lesart aus marxistischer Sicht von Jürgen Horn

Wir haben doch bereits eine …
Wozu der Lärm. Es gibt sie doch bereits. Man sollte darüber beraten, wie man dies alles wirkungsvoller gestalten kann. Vielleicht Kongresse abhalten dazu und auf jeden Fall breiter werden. Die Angebote entwickeln. Stärker in die Öffentlichkeit gehen, unbedingt! Das wär’s dann aber auch. Oder?
Die Frage nach einer antifaschistischen Kunst und Kultur ist meiner Ansicht nach umfangreicher, und sie geht tiefer. Sie hat Voraussetzungen. Sie fängt eigentlich auch vor dem Antifaschismus an.
Sie fängt bei der Frage an, was Kunst und Kultur sind, was sie sein können, was sie bewirken. Sie fängt bei der Auseinandersetzung um Kunst und Kultur an und erst dann kommt sie zum Antifaschismus.

Kunst und Kultur

Was machen Kunst und Kultur eigentlich? Sie vermitteln Erfahrungen. Sie vermitteln ethische und moralische Werte. Sie vermitteln, ein Begriff, der momentan häufig verwendet wird, »Kulturtechniken«. Sie vermitteln Kulturtechniken, die es der oder dem Einzelnen ermöglichen, in Gemeinschaft zu leben und sie oder ihn zu befähigen, an dieser Gemeinschaft teilzuhaben. Und Teilhabe heißt immer auch Gestaltung und Mitgestaltung.
In diesem Sinne vermitteln und praktizieren Kunst und Kultur einfache unmittelbare Menschlichkeit. Und sie ermöglichen damit auch gesellschaftliche Entwicklung. Aber nicht »an sich«. Spätestens seit Peter Weiss und seiner »Ästhetik des Widerstands« wissen wir, dass es eine Kunst und Kultur der Herrschenden gibt und eine der Beherrschten – und die Möglichkeit des Widerstandes. Die Frage steht allgemein, und sie steht immer auch historisch konkret.
Das ist jetzt ganz sicher keine Definition im akademischen Sinne, doch für den Zugang zu der politischen Frage nach einer antifaschistischen Kultur ausreichend.

Die Bedingungen

Wir leben heute in einer Gesellschaft, die der Möglichkeit nach Reichtum in bisher nicht gekanntem Umfang erzeugen könnte. Es ist eine Gesellschaft, die neue Möglichkeiten für die Entfaltung des Individuums bieten könnte. Doch es ist eine Gesellschaft, in der die Verwertungsinteressen der großen, der global operierenden Kapitalgesellschaften dominieren. Wo Reichtum sein könnte, werden Mensch und Natur vernutzt. Wo reproduziert werden müsste, wird produzierend verbraucht: Mensch wird verbraucht, Natur wird verbraucht, Kultur wird verbraucht, Zivilisation wird verbraucht.
Für immer mehr Menschen verlieren Kultur und Zivilisation ihren Wert, weil sie sich in einer Situation sehen, in der sie daran nicht mehr teilhaben können. Statt Individualität zu ermöglichen, wird zunehmend eine gesichtslose, benutzbare Masse produziert.
Wie Brecht im Galilei sagt: »Wie es nun steht, ist das Höchste, was man erhoffen kann, ein Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können. (…) Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, dass euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte.«
Um genau das abzusichern braucht das heutige Kapital rechte Massenbewegungen, atomisierte organisierte Zwerge. Und genau für diese Massenbewegungen stellt eine an einer einfachen Menschlichkeit orientierte Kultur eine Gefahr dar. Es geht heute um nicht weniger als um Erhalt oder Verlust menschlicher Zivilisation.
Dabei stehen diesen rechten Akteuren Kunst und Kultur mit ihrer menschlichen, mit ihrer zivilisatorischen Grundsubstanz im Wege. Schon die deutschen Faschisten haben das gewusst und auch geschrieben. So auch Hanns Johst, ab 1935 Präsident der Reichsschrifttumskammer, in einem Hitler gewidmeten Theaterstück.
»Stacheldraht ist Stacheldraht (heißt es dort). Da weiß ich, woran ich bin … Keine Rose ohne Dornen! … Und zu allerletzt laß ich Ideen mir auf den Leib rücken! Den Kram kenne ich von 18… Brüderlichkeit, Gleichheit … Freiheit … Schönheit und Würde! Mit Speck fängt man Mäuse. Auf einmal, mitten im Parlieren: Hände hoch! Du bist entwaffnet … Wenn ich Kultur höre … entsichere ich meinen Browning!«

Gefahren und Chancen

Nie war mehr Möglichkeit an Menschlichkeit als heute, nie war sie stärker bedroht als jetzt. Monopolprofite werden immer stärker jenseits aller bisherigen zivilisatorischen Normen und Regeln erzeugt. Unmittelbare Gewalt wird zur Sicherung des Ganzen immer alltäglicher. Permanente Rechtsentwicklung, Meditationen in »seriösen« Medien darüber, dass »totalitäre« Regime auf die aktuellen Herausforderungen besser eingestellt seien, die Etablierung rechter Massenbewegungen … all das nimmt zu.
Und Hanns Jost, der da eben mit der Pistole herumgefuchtelt hat, sagt auch, wovor sie dabei Angst haben: Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit, Schönheit und Würde. Das sind Werte, Normen, Orientierungen, die mit diesen Absichten und die mit rechten Bewegungen nicht zusammengehen. Das ist in einem erweiterten Sinne Walter Benjamin: Eine Kultur, die der Faschismus nicht benutzen kann.
Darin liegt auch das Dilemma der Monopolkapitalisten. Für die Entwicklung menschlicher Kräfte als Produktivkraft braucht man heute kreative flexible Persönlichkeiten. Solche Produktivkraft entspricht der eines Riesen. Aber sie brauchen ihn nicht als Riesen. Sie brauchen diesen Riesen als Zwerg, wie schon Brecht wusste.
Vor dem Riesen, ausgerüstet mit Werten und Idealen wie Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit, Schönheit und Würde, haben sie Angst. Dies weist deutlich über das Monopolzeitalter hinaus.
Vor dem Hintergrund der gewaltigen Kräfte, die der Mensch für sich inzwischen entwickelt hat, liegen hier auch Notwendigkeit und Chance, all dies in einem neuen Typ von Individuum zu bündeln und sich der Rechtsentwicklung organisiert entgegenzustellen – anti-faschistisch eben. Ein Feld von realer, ein Feld von realisierbarer Utopie. Auch das Walter Benjamin: »Es ist von jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist.« Und Kunst und Kultur sind in diesem Zusammenhang ein ganz wesentliches Feld, auf dem diese Auseinandersetzung stattfinden muss und zu organisieren ist.

Antifaschistische Kultur – Bereich oder Aspekt?

Jetzt kann man sagen: In Ordnung, das haben wir aber schon. Denkmäler und Statuen, Antifaschistinnenchöre, die Lieder von Ernst Busch singen, Bücher und Theaterstücke über antifaschistischen Widerstand, Rituale der Erinnerung und des Gedenkens, das Niederlegen von Kränzen, Arbeiterkunst … Und antifaschistische Kulturpolitik wäre dann eine, die darauf orientiert – das müssen wir einfach verstärken.
Diese Sicht ist klar und einfach – und leider unvollständig. Denn wenn das so ist, dann wäre antifaschistische Kunst und Kultur ein besonderer Bereich von Kunst und Kultur überhaupt. Einer, getrennt von anderem. Und darin liegt eine Gefahr, denn genau das würde am Thema vorbeigehen. Die aktuelle Auseinandersetzung ist umfassender, tiefer und prinzipieller. Was mit Rechtsentwicklung kollidiert, das ist generell der Anspruch einfacher unmittelbarer Menschlichkeit und dies nicht in einem besonderen Sektor ihrer Existenz, sondern überhaupt.
Und in dieser Auseinandersetzung unter Bedingungen, in denen allein die einfache Menschlichkeit zunehmend bedroht ist, wird der Widerstand dagegen zu einem allgemeinen Aspekt von Kunst und Kultur überhaupt. Er gehört dazu, so wie der Deichbau an der Nordsee zur Landwirtschaft gehört, weil diese immer nur im Bewusstsein der ständigen Gefahr einer Flut überhaupt möglich ist. Nur, dass Faschismus eben nichts Naturgegebenes ist, auf das man sich halt einstellen muss, wie auf das Hochwasser an der Nordsee. Man kann, man muss dagegen kämpfen, um menschlich leben zu können.
Darin besteht dann auch so etwas wie das Quadrat antifaschistischer Kunst und Kultur. Auf der einen Seite steht das Bemühen um die Verwirklichung der in Kunst und Kultur angelegten Möglichkeiten einfacher Menschlichkeit. Dieses impliziert schon den Widerstand gegen alle inhumanen Tendenzen. Gleichzeitig richtet sie sich gegen die derzeitige im Herrschaftsinteresse praktizierte Benutzung von Kunst und Kultur als Träger rechter Entwicklung. Doch sie ist außerdem auch ein Mittel für die zukunftsoffene Freisetzung der in der Gegenwart angelegten Potenziale der weiteren zivilisatorischen reproduktiven Entwicklung des Menschen in der Natur und nicht gegen diese.
Das heißt aber nicht, dass Denkmäler und Statuen, Antifaschistinnenchöre, Bücher, Theaterstücke und Erinnerungsrituale ihren Sinn und ihre Bedeutung verlieren. Im Gegenteil. Die Auseinandersetzung um den politischen Raum und um die Öffentlichkeit braucht solche Kristallisationspunkte.
Doch die Frage ist, wer auf diese Demonstrationen geht. Wer singt im Ernst-Busch-Chor? Wer blockiert die Aufmärsche der AfD? All das ist mit einem Feiertagsantifaschismus, wie ihn manche Politikerinnen und Politiker pflegen, nicht zu haben. Es ist ja nicht so, dass jemand eines schönen Morgens aufwacht und für sich beschließt, er müsse jetzt etwas tun gegen Rechtsentwicklung und Rassismus. Wer sich dafür entscheidet, tut dies aus einem in seinem täglichen Leben erlebten Konflikt heraus. Die Möglichkeit eines wirksamen Antifaschismus verankert sich im Alltäglichen. Hier entstehen die ersten Barrieren gegen den rechten Zeitgeist.
In genau dieser Auseinandersetzung werden Kunst und Kultur allgemein und überhaupt antifaschistisch – oder nicht.
Schon die Vorbereitung der Antifademo hat ihre kulturellen Voraussetzung, in der Werte, Normen und Orientierungen ausgetauscht worden sind, damit Leute überhaupt die Mühe auf sich nehmen, zu den Vorbereitungstreffen zu kommen. Es geht letztlich darum, antifaschistische Werte genau dort zu »kultivieren«, wo der Zeitgeist versucht, sie auszutreiben: im Alltag. Kultur kommt eben nicht ohne Grund ganz im Anfang von cultura (»Bebauung, Bearbeitung, Bestellung, Pflege«).
Ein paar Beispiele aus meinem Erfahrungsbereich: Da ist die Bibliothek, die ihre Bücher und ihre Räume anbietet, damit Kinder Schularbeiten machen können und sie dafür aus der räumlichen Enge ihrer Elternwohnungen herausholt – und vielleicht auch aus einer kulturellen Enge. Da ist das Antiquariat, das für Kinder aus Familien mit wenig Geld kostenlose Bücherpakete zusammenstellt. Da ist die Obdachloseneinrichtung, die sich nicht nur als ein Ort versteht, an dem Obdachlosen, Menschen mit wenig Geld, Geflüchteten die Möglichkeiten von Kunst und Kultur geboten werden, von denen sie in der »offiziellen« Gesellschaft gewöhnlich ausgeschlossen sind, sondern als einer, in dem das alles gemeinsam mit »Normalos« stattfindet. Da ist das Straßenfest, das sich über Jahrzehnte hinweg als Straßenfest der Anwohner erhalten hat und nicht zu einer Sauf- und Ramschmeile verkommen ist. Wahrscheinlich kennt jeder und jede ähnliche Beispiele. Würde man sie alle auflisten, könnte man vermutlich Bücher damit füllen. Vielleicht sollte man das auch. Auf jeden Fall aber sollte man diese Erfahrungen verallgemeinern, über sie reden und Möglichkeiten organisieren, in denen dies stattfinden kann. Eine elementare Aufgabe für Antifaschistinnen und Antifaschisten.
Kunst und Kultur sind ihrer Herkunft und ihrem Wesen nach eigentlich immer sozial. Sie können auch gegen dieses Wesentliche benutzt werden; doch prinzipiell tragen sie immer die Möglichkeit einer allgemeinen, einer elementaren Menschlichkeit in sich. Wenn sie sich der Verwirklichung dieser Möglichkeit verpflichtet fühlen, sind sie es unter den heutigen Bedingungen nur im Widerspruch zur Gefährdung dieses Anspruchs – und damit antifaschistisch. Das Spannende daran ist, dass sich die Akteure darüber unter Umständen gar nicht so sehr im Klaren sein müssen. Werden sie sich dessen aber bewusst, können sie noch wirksamer sein.
Das zu vermitteln, im Herausgehobenen der Aktion, wie auch im Alltäglichen, wäre in meinem Verständnis die aktuelle Herausforderung für eine antifaschistische Kulturpolitik.

Jürgen Horn absolvierte in den 70er Jahren ein Studium der marxistisch-leninistischen Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Heute leitet er eine Einrichtung der Obdachlosenarbeit der ev. Kirchengemeinde Heilig-Kreuz-Passion in Berlin-Kreuzberg

Der »Balkanfeldzug«

geschrieben von Ulrich Schneider

26. März 2021


Vor 80 Jahren überfiel die Wehrmacht Jugoslawien und Griechenland

Am 6. April 1941 begann die deutsche Wehrmacht die Königreiche Jugoslawien und Griechenland zu überfallen. Der Balkan bildete für den deutschen Imperialismus bei seinem zweiten Griff nach der Weltmacht keine vorrangige Einflussregion. Anders war es für das faschistische Italien unter Mussolini, das die Anrainerstaaten der Adria als seine Einflusszone sah und Ansprüche auf griechische Inseln erhob. Am 28. Oktober 1940 überfielen italienische Truppen auf Befehl Mussolinis Griechenland. In diesen Kämpfen geriet die italienische Armee in die Defensive und musste wenige Wochen nach dem Überfall Teile Albaniens aufgeben. Daher sah die deutsche militärische Führung die Notwendigkeit, vor dem geplanten Überfall auf die Sowjetunion im Frühsommer 1941 die Südflanke militärisch und politisch zu sichern.

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Neofaschismus in den USA

geschrieben von Ulrich Schneider

23. März 2021


Aufschwung rechter Militanz durch den Trumpismus

Anfang Januar gingen die Bilder vom »Sturm auf das Kapitol« in Washington um die Welt. Bis heute ist nicht klar, welche Unterstützung diese bewaffneten Randalierer durch den hauseigenen Wachdienst oder Senatoren hatten. Während viele Medien vor allem skurrile Typen wie den »Schamanen« mit den Stierhörnern zeigten, war nicht zu übersehen, dass sich unter den Eindringlingen viele Neonazis, die in der Zeit der Trump-Regierung einen deutliche Aufschwung genommen hatten, befanden. Wie eine Untersuchung zeigte, kamen die Randalierer aus allen Teilen der USA, um mit diesem »Sturm auf das Kapitol« ihren Machtanspruch öffentlich zu dokumentieren. Im Sinne von Trumps Propaganda kämpften sie gegen den »gestohlenen Wahlsieg« und sahen sich als »Vollstrecker« des Volkswillens.

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