Archäologie der Zwangsarbeit

geschrieben von Christopher Hölzel

12. September 2020

Was Gegenstände über ihre Zeit erzählen können

Es wird absehbar bald keine Überlebenden des nationalsozialistischen Terrors und seiner Zwangssysteme mehr geben, die über diese Zeit berichten können. Wie politische Bildung und ein würdiges Gedenken ohne Zeitzeug*innen weitergehen kann, wird schon lange diskutiert. Mit der archäologischen Freilegung von Objekten und Strukturen der Zwangslager gibt es einen vielversprechenden Ansatz, die Erinnerung wach zu halten.

Im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide widmet sich die Sonderausstellung »Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager« dieser Thematik. Es werden nahezu ausschließlich Funde aus archäologischen Grabungen gezeigt. Dieser Zugang ist ein Novum in der musealen, historischen und denkmalpolitischen Auseinandersetzung mit Täter- und Opferorten. Objekte aus 14 Zwangslagern in Berlin und Brandenburg, darunter bekannte Orte wie Sachsenhausen und Ravensbrück und weniger in der Öffentlichkeit präsente Orte wie das KZ-Außenlager bei den Arado-Werken Rathenow oder das Zwangsarbeiterlager Basdorf, sollen das nationalsozialistische Lagersystem »greifbar« machen.

Dinge erzählen über Lagerleben

Anhand der bei archäologischen Ausgrabungen, Oberflächenbegehungen oder Umbaumaßnahmen freigelegten Dinge wird das Leben in den Lagern geschildert. Objekte wie Stacheldraht und Barackenreste zeigen die ›Innenausstattung‹. Ausgestellt sind auch einige der Produkte, die die Zwangsarbeiter*innen für deutsche Firmen wie Lufthansa oder Siemens herstellen mussten. Am Schluss wird sich den Methoden der zeitgenössischen Archäologie gewidmet.

Der Aufbau der Ausstellung ist stark an kulturhistorischen, archäologisch- musealen Erzählweisen orientiert. Über 300 Objekte werden auf relativ kleinem Raum gezeigt. Die Inszenierung der Objekte, die allesamt gereinigt, restauriert und ohne Unterlage in Glasvitrinen präsentiert werden, ist sehr nüchtern und zurückhaltend. Die Objekte sollen auf diese Art und Weise nicht reliquienhaft wirken. Die Texte der Ausstellung sind zweisprachig, flüssig zu lesen und in angemessener Schriftgröße angebracht.

›Highlights‹ dieser Ausstellung sind die persönlichen, selbst hergestellten Objekte von Zwangsarbeiter*innen. Diese zeugen eindringlich von den Lebensbedingungen. An Alltagsgegenständen, wie zum Beispiel Tassen und Teller, zeigt sich die Lagerhierarchie – Porzellan für die Täter, Blech für die Zwangsarbeiter*innen. Teils lässt sich an der Qualität der materiellen Überreste die Schlechterstellung von Verschleppten aus der Sowjetunion ablesen.

Bei einigen der Objekte wurden Namensgravuren angebracht. Aufgrund dieser persönlichen Daten können Namen und Biografien erforscht werden, die häufig aus den Archiven nicht zu ermitteln sind. In diesem Bereich kann die zeitgenössische Archäologie die klassische Geschichtsforschung erweitern. Aber auch bislang Unbekanntes wie Grundriss, Ausstattung und verschiedene Umbauten der Baracken können zu einem besseren Verständnis beitragen.

Die personalisierten Objekte werden leider mit vielen anderen gleichzeitig in einer Vitrine gezeigt. Die Bedeutung dieser wichtigen Besitzstücke hätte durch eine Einzelpräsentation noch mehr betont werden können. Heutzutage besitzt der*die durchschnittliche Mitteleuropäer*in ca. 10.000 Objekte, die Insassen der Zwangslager hatten kaum eine Handvoll. Der ›Wert‹ dieser Dinge für die Zwangsarbeiter*innen kann gar nicht hoch genug angesetzt werden. In einem System, in dem man nur mit einer Nummer angesprochen wird, ist der eigene Name unglaublich wertvoll. Teils unter Lebensgefahr hergestellt, zeugen diese Objekte von Überlebenswillen und widerständigen Handlungen.

Zwangsarbeit noch längst nicht aufgearbeitet

Abseits der vielen interessanten Objekte und Fragestellungen wirft diese Ausstellung ein Schlaglicht auf den Umgang Deutschlands mit der Aufarbeitung der Zwangsarbeit. Es gab einzelne politische Initiativen. Doch auf staatlicher Ebene fand kaum etwas statt. Erst nach 1990 gab es erste zögerliche Schritte.

Bei der Archäologie wurden die Landesdenkmalschutzgesetze so angepasst, dass auch Funde aus dem 20. Jahrhundert unter dieses Gesetz fallen und von Amts wegen ausgegraben und dokumentiert werden müssen. Die als Sponsor der Sonderausstellung auftretende Stiftung EVZ (»Erinnerung, Verantwortung und Zukunft«) übernahm Anfang der 2000er Jahre die Koordination der Entschädigungen. Die Zahlungen wurden ins Unermessliche bürokratisiert, hinausgezögert und sind am Ende sehr gering geblieben. Die überwiegende Abwesenheit der Zwangsarbeit im kollektiven Bewusstsein der Deutschen spricht Bände. Es gab 44.000 Zwangslager, in denen über 26 Millionen Menschen ausgebeutet wurden. Diese Ausstellung ist ein wichtiger Schritt, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zwangsarbeit bis heute – wie der Titel schon sagt  – weitestgehend »ausgeschlossen« ist aus dem deutschen Projekt der Vergangenheitsbewältigung.  

»Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager« im NS-Dokumentationszentrum Berlin-Schöneweide. Bis 31. Januar 2021. Di – So 10-18 Uhr. Katalog bei be.bra.verlag, 232 Seiten, 24 Euro

Die Urteilskraft

geschrieben von Nils Becker

12. September 2020

Eine Ausstellung gibt Einblicke in die Gedankenwelt von Hannah Arendt

Nichts Geringeres als die »politische Geschichte des 20. Jahrhunderts« will das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin mit einer Ausstellung über die Philosophin Hannah Arendt (1906 – 1976) erzählen. Ihre Werturteile zu den Themen der Zeit und die Kontroversen, die sie auslöste, sind Kern der Ausstellung.

Lebensweg

1906 in ein säkular-jüdisches Elternhaus geboren, identifizierte sie sich stets als Jüdin und betrachtete die Weltlage aus dieser Perspektive. Diese Einstellung illustriert der spätere Satz von ihr: „Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude verteidigen.“ 1924 begann sie ein Philosophiestudium bei Martin Heidegger in Marburg und wechselte 1928 zur Promotion an den Lehrstuhl von Karl Jaspers nach Heidelberg. Schon damals veröffentlichte sie unter anderem in der Frankfurter Zeitung und jüdischen Zeitschriften. Ihr Thema war und blieb die Eigenständigkeit jüdischen Lebens und die Verweigerung von Assimilation.

Sie emigrierte 1933 zunächst nach Paris, nachdem sie wegen ihrer Tätigkeit in einer zionistischen Vereinigung für acht Tage in Gestapo-Haft war. Sie brach mit allen jüdischen Intellektuellen, die sich »gleichschalten« ließen und propagierte eine offene Feindschaft zum NS. Diese Haltung isolierte sie und verschaffte ihr gleichzeitig die Kraft, zu urteilen und das Echo zu ertragen. 1940 wurde sie im französischen Gurs interniert, aber ihr gelang die Flucht über Lissabon nach New York. Dort publizierte sie viel zur Flüchtlingsfrage (auch zur eigenen Staatenlosigkeit) und mischte sich in die Debatte um den Kriegseintritt vor allem jüdischer Menschen ein.

Nach dem Krieg arbeitete sie für eine Organisation zur Sicherung jüdischen Kulturguts und bereiste fast jährlich Europa und Israel. Aus ihren Reisen entstanden tiefgründige Einblicke in die Nachkriegsordnung. Dabei arbeitete sie heraus, wie sehr sich der deutschen Umgang mit den eigenen Verbrechen von denen der Nachbarländer unterschied. Arendt konstatierte: Ganz Europa versinkt in Trauer, während sich die Deutschen, vollkommen emotionslos, selbst als Opfer betrachteten.

Banalitäten und totale Herrschaft

Weithin bekannt ist sie für ihre Arbeit zu »Formen totaler Herrschaft«, in der sie auf Parallelen in der Entwicklung von Nationalsozialismus und Stalinismus hinweist. Ihre These, dass sich totalitäre Bewegungen jeder beliebigen Ideologie bemächtigen und mit Terror zu totalitärer Herrschaft kommen können, wird bis heute von der Politikwissenschaft genutzt. Grundbedingungen totalitärer Herrschaft sind Massenbewegungen, die auf alle Sphären des Lebens abzielen, die Rechtsordnung nicht nur in den Köpfen, sondern auch faktisch umbauen und imperialistisch-rassistisch nach Weltherrschaft streben. Arendt ist damit Wegbereiterin der umstrittenen Totalitarismustheorie.

Weltweit bekannt wurde Arendt mit ihrem Prozessbericht »Eichmann in Jerusalem«, der 1961 über Wochen in der Illustrierten »The New Yorker« abgedruckt wurde. In der Ausstellung nachzulesen sind vielfältige Reaktionen zu ihrer These »der Banalität des Bösen«. Eichmann erschien ihr als »Hanswurst«, der als Bürokrat gehandelt habe. Sie schluckte Eichmanns Verteidigungsstrategie und relativierte seine Funktion für den Holocaust, während sie die Rolle der Judenräte beziehungsweise die Kooperation mit den Vernichtern als (Mit-)Verantwortliche für die Auslöschung des eigenen Volkes überinterpretierte.

Anfeindungen aushalten

Arendts Umgang mit Kritik war bemerkenswert. Kein Jahr verging, in dem sie nicht provokative Thesen aufstellte. Sie ließ sich nur bedingt vom Gegenteil überzeugen und trotz des »Shitstorms« (das Wort gab es noch nicht, aber die Art und Weise schon) gelang es ihr, sich als Frau in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Das ist auch aus feministischer Perspektive beeindruckend. Vom Feminismus und von der Politisierung des Privaten hielt sie allerdings nicht viel. Die unbedingte Trennung der Lebensbereiche in politisch, sozial und privat durchziehen ihre Arbeiten, wenn es um den Freiheitsbegriff geht. Dieses verkürzte Verständnis von Emanzipation und Politik verleitete sie auch zu Forderungen, dass sich der Staat aus Diskriminierungsfragen heraushalten sollte. Obgleich der Staat selbst nicht diskriminieren dürfe (positives Recht für alle), müsse es ihm untersagt sein, einzugreifen, wenn soziale Gruppen andere diskriminieren. Und Privat solle sowieso jeder machen, was er wolle. Die Ausstellung hinterfragt solche Aussagen nur selten, und es wird nicht zu Ende gedacht, was diese Form des Liberalismus im Kern für Gesellschaften bedeutet. Erst der Katalog klärt durch prominente Autor*innen die Hintergründe auf und diskutiert ihre Thesen ausgiebig. Die Schau endet mit einer trivialen Zusammenstellung von Kleidungs- und Schmuckstücken Arendts sowie Videointerviews mit Schüler*innen eines Hannah-Arendt-Gymnasiums. In den Filmen überbieten sich die Jugendlichen gegenseitig, hinter dem eigenen Urteil zu stehen, egal wie problematisch dieses jeweils sein mag. Insgesamt ist die Ausstellung zu empfehlen, weil sie tatsächlich wichtige Stationen des 20 Jahrhunderts und unterschiedliche Deutungen dazu präsentiert.                                                                                                                                                              

Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert, bis 18. Oktober im DHM Berlin, Sonntag bis Mittwoch 10-18 Uhr, Donnerstag bis Samstag 10-20 Uhr

Der Katalog zur Ausstellung ist herausgegeben von Dorlis Blume, Monika Boll und Raphael Gross. Bei Piper erschienen. 288 Seiten, 22 Euro

Mit Ewigkeitsgarantie?

geschrieben von Axel Holz

12. September 2020

Merkmale des historischen und aktuellen Faschismus

Zum 75. Mal wurde dieses Jahr der Befreiung vom Faschismus gedacht. In Medien und Politik hören wir dieses Wort immer häufiger. Im offiziellen Staatsduktus heißt es aber nach wie vor Nationalsozialismus, ein von den Nazis selbst gewähltes Wort, das falsche Tatsachen unterstellt – denn deren Politik war weder im nationalen Interesse noch sozialistisch.

Gern wird die Besonderheit des deutschen Faschismus, sein Eroberungs- und Vernichtungskrieg bemüht und noch öfter der industrielle Massenmord an Millionen von Menschen. Genügt das, um keine Verbindung zu anderen faschistischen Phänomenen dieser Zeit zu finden? Muss dem Gedenken an die Opfer und dem »Nie wieder« der Politik nicht auch ein Mahnen an die Bedingungen folgen, die Faschismus ermöglicht haben? Wie soll sonst eine Wiederholung der Geschichte verhindert werden?

Umberto Eco hat sich mit diesen Rahmenbedingungen für das Entstehen des Faschismus beschäftigt. Er nennt sie über das historische Phänomen hinaus Ur-Faschismus. Vor zwei Jahren erschien hierzu sein Aufsatz »Der ewige Faschismus«, nun auch in deutscher Sprache. Eco verstehe darunter die Gesamtheit jener Handlungen, Verhaltensweisen, Haltungen und Instinkte, die zwar die Dynamik des Faschismus im frühen 20. Jahrhundert ausmachten, aber seine historische Ausprägung überlebt hätten und heute lebendiger denn je seien. So formuliert es Roberto Saviano im Vorwort zur gleichnamigen Aufsatzsammlung. Eco habe damit recht früh die Warnzeichen erkannt, die auf das autoritäre Abdriften Europas hindeuteten.

Auf das Knappste versuche Eco in seinem Aufsatz auf einen riesigen Fehler zu verweisen, nämlich den Faschismus als ein ausschließlich historisches Phänomen zu betrachten. Der Begriff Faschismus habe deshalb eine Sammelbezeichnung werden können, betont Eco, weil ein faschistisches Regime auch dann erkennbar bleibe, wenn man ein oder mehrere Merkmale abziehe. Es blieben aber einige allgemeine Merkmale bestehen, die für den Faschismus typisch seien. Eco zählt nun Faktoren auf, die über den historischen Faschismus hinaus im modernen Faschismus Bestand haben – in gewisser Weise mit einer Ewigkeitsgarantie. Er sieht darin zunächst den Kult der Überlieferung, also nicht die Tatsache eines Erbes oder einer Quellen-Verbundenheit, sondern eben den Kult darum. Im Nazi-Denken seien dies das traditionalistische, synkretistische und okulte Element gewesen. Heute werde der Kult eher um andere Phänomene betrieben. Der Urfaschismus lehne die Moderne ab und betreibe einen Kult der Aktion um der Aktion willen. Daher auch sein Misstrauen gegenüber der intellektuellen Welt. Dissens sei im Urfaschismus Verrat. Der Faschismus schüre die Angst vor potentiellen Eindringlingen und sei daher per Definition rassistisch. Der Faschismus entspringe individueller und gesellschaftlicher Frustration.

Nichts Anderes begegnet uns bei PEGIDA in Dresden seit Jahren. Faschismus ist immer nationalistisch und appelliert an die Fremdenfeindlichkeit, die in der modernen Gesellschaft lauert, kann man Eco entnehmen. Faschismus mystifiziere ein Leben für den Kampf, was eine Kollaboration mit dem Pazifismus per se ausschließe. Er ist demzufolge an sich friedensfeindlich. Der Urfaschismus verachte die Schwachen und könne nur ein »völkisches Elitedenken« predigen. Nicht zufällig sieht die Friedrich-Ebert-Stiftung seit fast zwanzig Jahre im Sozialdarwinismus als Form eines solchen Elite-Denkens einen Ausdruck gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Im Faschismus würden die Menschen zum Heldentum erzogen, heißt es bei Eco. Der Held, der in der Mythologie die Ausnahme sei, werde im Heroismus des Faschismus zur Norm. Der urfaschistische Held warte regelrecht auf den Heldentod. Der Urfaschist übertrage seinen Willen zur Macht auf das Sexuelle. Dies finde im Machismus seinen Ausdruck, der jede andere sexuelle Orientierung diskreditiere. Nicht zufällig ist der heutige Rechtpopulismus gegenüber jeder nicht heterosexuellen Lebensweise feindlich eingestellt. Der Urfaschismus beruhe auf einem selektiven Populismus, worin die Individuen als Individuen keinerlei Rechte hätten, sondern nur das »Volksganze« als eine Qualität begriffen werde. Im modernen Populismus geriere sich eine ausgewählte Gruppe von Bürgern als »Stimme des Volkes« für dieses »Volksganze«.

Die jüngsten rechtsterroristischen Vorfälle sind also als praktische Antwort auf den rechten Populismus zu verstehen. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Immer wenn die Legitimität des Parlaments in Frage gestellt werde, rieche es förmlich nach Faschismus, kommentiert Eco. Schließlich ist es auch die Art der Sprache, die den Faschismus entlarvt. Der Faschismus spreche Newspeach, eine Sprache mit verarmtem Vokabular und versimpelter Syntax, um das Instrumentarium für kritisches und komplexes Denken zu begrenzen. Dieser Urfaschismus könne in den unschuldigsten Gewändern daherkommen, schließt Eco. »Es ist unsere Pflicht, ihn zu entlarven und mit dem Finger auf jede seiner neuen Formen zu zeigen – jeden Tag und überall in der Welt.« Diesem Appell kann man sich nur anschließen.          

»Es ist viel Wut im Spiel«

23. August 2020

Tahir Della dazu, was die »Black Lives Matter«-Proteste in den USA mit Rassismus in Deutschland verbindet

antifa:Wie bewertet eure Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) die »Black Lives Matter«-Proteste, die durch den Tod von George Floyd in 
den USA ausgelöst wurden?

Tahir Della: Ich war zunächst überrascht von der internationalen Anteilnahme für George Floyd. Seine Todesumstände fügen sich ein in eine lange Reihe ähnlicher Fälle, darunter zuletzt Trayvon Martin oder Eric Garner. Und nicht nur in den USA, auch hier in Deutschland, kamen Menschen durch massive Polizeigewalt ums Leben. Erinnert sei an den Tod von Oury Jalloh, der auch nach über zehn Jahren noch nicht aufgeklärt ist. Wenn man sich die Proteste in der BRD anschaut, dann waren vorwiegend jugendliche Teilnehmer*innen oder junge Erwachsene dabei. Man hat, salopp gesagt, die Schnauze voll.

antifa: Welche Rolle spielt rassistisch-motivierte Gewalt in Deutschland, insbesondere bei der Polizei? »Es ist viel Wut im Spiel« weiterlesen »

Ein Kabinettsausschuss

geschrieben von Axel Holz

23. August 2020

Im neuen Ausschuss, der nach dem Terroranschlag von Hanau von mehreren Bundesministern und der Integrationsbeauftragten gebildet wurde, soll der Gewalt von rechts nun endlich wirksam begegnet werden. Dazu wurde der Bundesregierung ein Bericht vorgelegt, der sich mit rassistischer Diskriminierung, Gewalt und anderen Ideologien der Ungleichwertigkeit auseinandersetzt. Insbesondere sollen Hasskriminalität bekämpft, gefährdete Personen besser geschützt, Waffengesetze verschärft und Sicherheitsbehörden aufgestockt werden. Ein neues Forschungsinstitut für gesellschaftlichen Zusammenhalt soll wissenschaftliche Erkenntnisse über Rechtsextremismus liefern. Die politische Bildungsarbeit wird auf knapp 50 Millionen Euro und die Bundeszentrale für politische Bildung personell um 20 Prozent aufgestockt.

Tatsächlich gibt es Hinweise, dass rechtsextreme Gewalttaten inzwischen ernster genommen werden. Das Verbot der Nazi-Gruppierung »Combat 18«, das Verbot einer Reichsbürgervereinigung und die bundesweite Durchsuchung von Reichsbürgerwohnungen deuten darauf hin. Auch die Änderung des Soldatengesetzes, um rechtsextreme Zeit-Soldaten schneller fristlos entlassen zu können, kann man positiv werten. Aber reicht das aus und wird das Bestand haben? Bundesfamilienministerin Giffey fordert schon lange Planungssicherheit für Demokratieprojekte und die Amadeo-Antonio-Stiftung vermisst klare Ziele der Bundesregierung im Kampf gegen rechte Gewalt. Stattdessen sehen wir bisher einen weiteren Anstieg der rechtsextremen Szene in Deutschland im vergangenen Jahr um fast ein Viertel auf 30.000, darunter 15.000 Gewaltbereite. Allein antisemitische Straftaten sind im Vorjahr um 13 Prozent gewachsen. Auch die Meldung von einem Anstieg der beobachteten rechtsextremen Gefährder auf 65 in diesem Jahr scheint nicht gerade beruhigend, denn wie viele terroraffine Nazis sind bisher nicht entdeckt worden? Warum ist die Gefährdungsprognosesoftware »Radar rechts« im Bundeskriminalamt noch nicht umfassend eingeführt worden? Ob es die Bundesregierung mit dem angekündigten Kampf gegen Rechtsextremismus wirklich ernst meint, muss man an ihren Taten messen und daran, ob sie dies auch dauerhaft wirksam betreibt. Der Umgang mit rechtem Terror im NSU-Prozess, der eine vernetzte Naziszene ausblendet und die skandalöse Rolle der Sicherheitsorgane ignoriert, lässt uns eher skeptisch bleiben.

Einen neuen Maßnahmenkatalog gegen Rechtsextremismus hatBundesinnenminister Seehofer nach der erstmaligen Bildung eines Kabinettsausschusses gegen Rechtsextremismus und Rassismus angekündigt.

Das Theater geht weiter

geschrieben von Janka Kluge

23. August 2020

Zerwürfnisse und Machtkämpfe in der AfD

Nach der Auseinandersetzung um den »Flügel« in der AfD und dessen freiwillige Auflösung war klar, dass der Kampf um die Macht noch nicht zu Ende ist. Die beiden Lager haben sich in Position gebracht. Auf der einen Seite Jörg Meuthen, unterstützt von einem Teil der Mitglieder in den alten Bundesländern. Auf der anderen Seite stehen Björn Höcke und Andreas Kalbitz mit vielen Anhängern in den neuen Bundesländern. Jörg Meuthen schien ein guter Schachzug gelungen zu sein, als er auf einer Vorstandssitzung mit knapper Mehrheit den Beschluss durchsetzte, die Mitgliedschaft von Andreas Kalbitz für ungültig zu erklären. Kalbitz bewegte sich in der Vergangenheit immer wieder in der Nähe rechtsextremer Gruppen. Durch antifaschistische Recherche und investigative Journalisten ist bekannt geworden, dass er mehrmals an Demonstrationen der extremen Rechten teilgenommen hat. Außerdem sind Bilder von ihm aufgetaucht, die ihn 1993 bei einem Zeltlager der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) zeigen. Da war Kalbitz 21 Jahre alt. Jetzt musste er auch bestätigen, dass er 2007 erneut an einer Veranstaltung der HDJ teilgenommen hat. Unwahrscheinlich ist, dass es nur diese beiden Treffen gab. Immerhin liegen 14 Jahre dazwischen, in denen sich Kalbitz genau in diesem Spektrum bewegte. Mittlerweile hat Kalbitz in einem Brief an den Bundesvorstand erklärt, dass es sein kann, dass er in einer »Liste für Interessierte« geführt wurde. Das Theater geht weiter weiterlesen »

Leises Geschäft mit dem Tod

20. August 2020

Interview mit zwei Aktivist*innen aus der Gruppe Rheinmetall entwaffnen

antifa: Am 19. Mai 2020 fand ein bundesweiter dezentraler Aktionstag der Kampagne Rheinmetall entwaffnen statt. Das Motto war ‚Healthcare not warfare – Pflegepersonal statt Soldatinnen! Medizinische Ausstattung statt Kriegsgerät!‘. Seit wann existiert die Kampagne?

Die Kampagne wurde 2018 ins Leben gerufen, um Öffentlichkeit zu schaffen für das Geschäftsmodell von Rheinmetall, das da heißt: »Am Krieg verdienen«. Nicht, dass es ein gut gehütetes Geheimnis der Rüstungsindustrie wäre, womit sie ihr Geld macht, aber angesichts dessen, was mit den in Deutschland hergestellten Waffen in der Welt geschieht, läuft das Geschäft mit dem Tod viel zu leise und lautlos im Hintergrund ab. So profitiert Rheinmetall als größter deutscher Rüstungskonzern und Waffenexporteur zum Beispiel vom Krieg im Jemen, indem er über ein Tochterunternehmen auf Sardinien Bomben für Saudi-Arabien herstellte, die im Jemen-Krieg eingesetzt wurden. Außerdem wollten wir auf die Bedeutung der deutschen Panzer für die Aggression der Türkei gegen das nordsyrische Rojava aufmerksam machen. Auch für die Abschottung der europäischen Außengrenzen wird deutsche Militär-Technologie genutzt. Leises Geschäft mit dem Tod weiterlesen »

8. Mai: Fünf in Einem

geschrieben von Wolfgang Herzberg

20. August 2020

Eine Nachbetrachtung zum Tag der Befreiung und des Gedenkens

Der 8. Mai ist der wichtigste gesetzliche Feier- und Gedenktag unserer jüngsten Geschichte, oder besser er sollte es werden. Dieser Tag prägte wie kein anderer in all seinen Dimensionen die Zukunft des Lebens in Deutschland und auch der Weltgeschichte und tut dies weiterhin.

Ein Tag des Friedens

Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und der NS-Herrschaft wurde der bisher furchtbarste Krieg der Weltgeschichte, der Zweite Weltkrieg, endlich beendet. Er kostete 65 Millionen Menschen das Leben. Davon sechs Millionen Juden, die auf bisher nie bekannte industrielle Weise ermordet wurden. Der Krieg hinterließ unbeschreibliche Zerstörungen und Leid. Dieser völkerrechtswidrige Angriffskrieg wurde durch die Mehrheit der Deutschen mit verursacht und geduldet. Sie fügten auch sich selbst unermessliches Leid zu, als dieser Krieg auf sie zurückschlug. Aber dieser Tag schuf zugleich die wichtigsten Voraussetzung für den friedlichen Wiederaufbau hierzulande und international. Er war die Geburt einer nationalen und internationalen neuen Rechtsordnung, die zur Verurteilung der Hauptkriegsverbrecher beitrug. Durch die Gründung der Vereinten Nationen 1948 und die UN-Charta wurde ein völlig neues Kapitel der Weltordnung aufgeschlagen.Es entstanden nationen-übergreifend Grundbedingungen für eine potentiell friedliche Menschheitsentwicklung, völkerrechtlich bindend, definiert. 8. Mai: Fünf in Einem weiterlesen »

Unbeachteter Staatsstreich

geschrieben von Ulrich Sander/Axel Holz

20. August 2020

Wie Spezial-Munition über Güstrow an Prepper gelangt

In der »Rostocker Ostseezeitung« stand Anfang April: »Warnung vor Terroranschlägen von Polizisten und Soldaten«. Die Bundesregierung befürchte eine Zunahme rechter Gewalt im Zuge der Corona-Krise. Der Bundestag sei über Planungen rechter Gruppierungen informiert worden. Mitglieder sogenannter Prepper-Gruppen bereiten sich demnach auf den »Tag X« vor, an dem die öffentliche Ordnung zusammenbricht. In Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sollen Waffen und Munition aus Verstecken geholt worden sein. »Teile der extremen Rechten haben sich auf genau solche Situationen vorbereitet und könnten mit Anschlägen aktiv werden«, sagte Linken-Innenexpertin Martina Renner. Konstantin Kuhle, innenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, betonte, immer häufiger tauche bei Rechtsextremisten die Hoffnung auf bürgerkriegsähnliche Zustände auf, in denen die verhassten etablierten Strukturen in Politik und Gesellschaft beseitigt werden sollen. Unbeachteter Staatsstreich weiterlesen »

Freigestellt

17. August 2020

Christian Lüth, Fraktionspressesprecher der AfD-Bundestagsfraktion, wurde auf Betreiben des AfD-Ehrenvorsitzenden Gauland freigestellt. Lüth habe sich zuvor in einen Whats-App-Chat als »Faschist« bezeichnet und von seiner »arischen Abstammung« gesprochen. Lüth war vor seinem AfD-Engagement Mitarbeiter der Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP) sowie im Entwicklungsministerium tätig.

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten