Bestseller mit Ansage

geschrieben von Thomas Willms

17. Januar 2017

Didier Eribons »Rückkehr nach Reims«

Der im letzten Mai auf Deutsch erschienene autobiographisch-sozialpsychologische Band »Rückkehr nach Reims« des französischen Soziologen Didier Eribon ist angesichts der großen Aufmerksamkeit, die ihm von vornherein wiederfuhr, ein Bestseller mit Ansage. Das hat er auch verdient, beschäftigt er sich doch mit einem der zentralen Probleme der französischen Linken: Wie konnte es soweit kommen, dass die französische Arbeiterklasse und insbesondere die organisierte Anhängerschaft der sozialistischen und kommunistischen Parteien zu großen Teilen zum Front National und damit zum natürlichen Gegner übergelaufen sind? Das Ausmaß der Katastrophe wird insbesondere daran deutlich, dass eherne Bastionen dieser Parteien heute von FN-Bürgermeistern regiert werden, die bei den zentralen Wahlkampfauftritten Le Pens schärpenbehangen das Ehrenauditorium bilden.
Für Eribon ist das keine abstrakte Frage. Es geht ihm um die eigene Familie, insbesondere die Mutter, die er nach dem Tod des Vaters nach langer Zeit aufsucht, um vielleicht doch wieder ein bisschen Zusammenhalt und Verständnis zu gewinnen. Davon gab es nämlich daheim für den 1953 geborenen Mann aus gleich zwei Gründen wenig. Zum einen war er schwul und zum zweiten auch noch milieuuntypisch bildungsbeflissen. Es blieb nur, wie so oft in solchen Fällen, die Flucht in die Großstadt. Dort konnte er immerhin seine Sexualität ausleben, allerdings zu einem hohen Preis. Unterdrückung, Polizeiverfolgung, Überfälle, Nötigungen und die allgemeine Verachtung haben sich Eribon offenbar so tief eingegraben, dass er von der heutigen Liberalität eigentlich gar nichts zu haben scheint. Ihm ist diesbezüglich alles bitter und böse.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, edition suhrkamp, 238 Seiten, 18 Euro

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, edition suhrkamp, 238 Seiten, 18 Euro

Und doch ist dies nur das kleinere der erlittenen Übel. Noch schlimmer erlebte er die soziale Verachtung für das Kind aus »einfachen Verhältnissen«, das nicht »dazu gehört«. Die soziale Beschämung war so stark, dass sie der jugendliche Eribon weitgehend selbst übernahm und sich von seiner Herkunft rabiat abschnitt. Eine neue Sprache, ein anderes Auftreten und was alles sonst noch zu den »feinen Unterschieden« dazu gehört, suchte er sich bei seinem Aufstieg im akademischen Milieu anzueignen. Talent, Fleiß, das eine oder andere Stipendium und dann auch noch das Glück, mit den größten französischen Geistesheroen, Michel Foucault und Pierre Bourdieu, zusammen zu geraten, führten dazu, dass er jetzt wirklich »dazu« gehören könnte. Der einschlägige Jargon – dauernd müssen sich Leute »selbst konstruieren« statt sich zu entwickeln, anzupassen oder zu verändern, macht die Lektüre dann auch ein bisschen nervig. Aber das kann man verzeihen, weil Eribon grundehrlich, offen und ohne Anspruch auf vollständige Erklärbarkeit schreibt.
Die Leute wählen Eribon zufolge rechts, weil die Linke sie im Stich gelassen hat. Spätestens mit der Präsidentschaft Mitterrands, polemisiert Eribon, hätten sich die meisten linken Intellektuellen und Funktionäre auf die Seite der Macht gestellt und immer ausgefeiltere Begründungen für die weitere Unterdrückung der Armen entwickelt. Diese, ihrer scheinbar natürlichen Repräsentation beraubt, hätten sich mit dem FN eine neue besorgt und in dem Zuge ihr Weltbild transformiert. Aus dem »Arbeiter-Wir« wurde weitgehend ein »Franzosen-Wir«, aus dem »Bourgeois-Die« ein »Ausländer-Die«. Und wo er schon einmal dabei ist, hinterfragt Eribon auch gleich generell das scheinbar natürliche Band zwischen Partei und Klasse und verweist auf den keineswegs nur randständigen Rassismus der französischen Arbeiterparteien seit jeher. Die große Gefahr besteht für Eribon darin, dass die einmal wegen welcher Einzelfrage auch immer getroffene Wahl für den FN, von diesem als Legitimation für das politische Gesamtpaket interpretiert und vertreten werden kann. Aus Protestwählern werden zunehmend faschisierte Überzeugungswähler. Trotzdem scheint Eribon das Hauptproblem in den formaldemokratisch (noch) legitimierten Polit-Eliten zu sehen, die – so sein Vorwurf – »Populismus« als neue Kampfvokabel für sich entdeckt hätten.
Er selbst möchte seiner Klasse die Treue halten, die er doch einmal unbedingt hat verlassen wollen. Auch wenn man nicht allen Argumentationen folgen will, ist »Rückkehr nach Reims« ein selten anrührendes Buch, insbesondere für all jene, die wie Eribon ohne Netz durchs Leben balancieren müssen.

Brüchige Rituale

geschrieben von Wolfram Adolphi

14. Januar 2017

Möglichkeiten und Defizite der »Erinnerungskultur«

Erinnerung will Zukunft. »Nie wieder« oder »immer wieder« sind ihre beiden Grundmelodien. Thomas Willms klopft die Erinnerung an Auschwitz darauf ab. Auf dieses »Nie wieder«. Das so selbstverständlich scheint, aber – wie sich herausstellt – dieses Selbstverständliche nicht ein für alle Mal in sich trägt, sondern es immer wieder eingearbeitet bekommen muss. Willms unterzieht diese Einarbeitung gründlicher Prüfung. Kenntnisreich, mutig, diszipliniert, präzise. Und nie einen Zweifel daran lassend, das nur mit einem lebendigen, konsequent ums Wesentliche ringenden, sich stetig erneuernden »Nie wieder« dauerhaft friedliche, humanistische Zukunft gewonnen werden kann.

Thomas Willms: Auschwitz als Steinbruch. Was von den NS-Verbrechen bleibt, Papyrossa, Köln 2016, 136 S., 12,90 Euro

Thomas Willms: Auschwitz als Steinbruch. Was von den NS-Verbrechen bleibt, Papyrossa, Köln 2016, 136 S., 12,90 Euro

Seine Bilanz freilich ist dergestalt, dass sie – wie er in der Einleitung vorausahnt – »den Leserinnen und Lesern überwiegend pessimistisch vorkommen« könnte. Denn er legt die Brüchigkeit liebgewordener Erinnerungsrituale bloß, kommt alarmierenden Oberflächlichkeiten auf die Spur, zeigt die Hybris selbst besonders gut gemeinter Erinnerungskonzepte und macht nachdrücklich auf die Kraft des »Nazi- und Weltkriegsmarktes« aufmerksam, auf dem in gewaltigem Umfang eine »kommerzielle Verwertung von Elementen des historischen Faschismus« stattfindet, die »ohne Zweifel ideologische Folgen« haben werde. Deren konkrete Formen seien noch offen.
Dies illustriert er mit kurzen, aber umso eindrücklicheren Kapiteln, die – weil sie eher episodenhaft aneinandergereiht denn zwingend miteinander verkoppelt sind – auch einzeln gelesen werden können. So gibt es einen philosophischen Exkurs über das Erinnern als Prozess und über die in der Öffentlichkeit »Erinnerung« genannte »Kultur und Politik« sowie einen, der unter der Überschrift »Schlechte Gefühle« die vielfältigen Probleme bei der Konfrontation mit dem Katastrophischen zu erfassen sucht. In »Missverständnisse über NS-Lager« wird die Fokussierung der Gedenkstättenkultur auf Au-schwitz thematisiert: »Auf einer Skala des Schreckens rangieren die drei ‚Lager’ Sobibor, Bełżec und Treblinka vor Auschwitz und Maidanek. […] Die Insassen der ankommenden Züge wurden sofort und vollständig umgebracht. Es waren überhaupt keine ‚Lager‘, […] sondern Tötungszentren.« Die genannten Orte seien aber nicht »touristische Orte« wie Auschwitz und erregten daher kaum noch Aufmerksamkeit. Ein »touristischer Ort« wie Auschwitz wiederum sei immer auch ein Ort des »dunklen Tourismus« – also jenes Reisens, das auf Orte des Schreckens und Mordens »aus Neugier« zielt. Kritisch sieht Willms im Zusammenhang mit dem Touristischen auch die Anstrengungen, mit denen in der Gedenkstätte Auschwitz dem »Verfaulen der Holzbaracken« und »Verfallen der Steinbauten« begegnet wird und in deren Folge »paradoxerweise das Lagergelände immer unauthentischer wird«.
Den Beobachtungen an den Gedenkorten folgen Betrachtungen zu »Italienischem«, »Deutschem«, »Französischem«, »Polnischem«, »Britischem« und »US-Amerikanischem« im Umgang mit Faschismus, Krieg und Völkermord. Exemplarisch herausgehoben seien hier zwei Abschnitte. Zum einen der, in dem sich Willms unter »Italienisches« scharf mit Giorgio Agamben, auf dessen »Auschwitz-Interpretation« man in der Diskussion mit dem akademischen Nachwuchs »zunehmend« stoße, auseinandersetzt. Agamben mache – der Buchtitel geht darauf zurück – »die NS-Verbrechen, die er unter ‚Auschwitz‘ subsumiert und schematisiert«, zum »Objekt und Steinbruch zur Formulierung politisch-philosophischer Ziele«; sein im Zusammenhang mit den Forschungen zu den »Muselmännern« – Häftlingen, deren Lebenswille erloschen zu sein schien – zu beobachtendes »Insistieren darauf, lebende, fühlende, leidende und ganz überwiegend jüdische Menschen unbedingt als ‚Nicht-Menschen‘ vorzuführen«, sei »schwer erträglich«; und ebenso unerträglich sei die Übernahme des »Gestus des Wissenden, des herrisch Proklamierenden, der Unterwerfung der Realität unter polarisierende Schemata« von Carl Schmitt, dem »wichtigsten Autor der deutschen antidemokratischen Rechten der Weimarer Republik«.
Und zum anderen unter »Deutsches« der Abschnitt »Geschichtsrevisionismus heute: Unsere Mütter, unsere Väter«. Mit diesem Film aus dem Jahre 2013, in dem alle fünf Protagonisten gleichermaßen »ohne eigenen Antrieb oder eigenes Interesse zu bösen Dingen gezwungen oder in sie verwickelt« werden, falle die Darstellung »in die Zeit der 1950er und frühen 1960er Jahre zurück« und negiere »alle kritischen Anstrengungen insbesondere der tatsächlichen Generation der Kinder der NS-Generation«.
Willms verschafft den Leserinnen und Lesern seines schmalen Bändchens unruhige Stunden. Er tut es in der Überzeugung, dass »unbequeme Fragen zu stellen […] wir den Frauen und Männern schuldig« seien, »die zu Opfern des Nazismus wurden, noch stärker aber den Menschen der Zukunft, die sich nicht zu sicher vor der Gefahr einer Wiedergeburt des faschistischen Schreckens sein sollten.«

Bedeutsam ist, dass sich die kommerzielle Verwertung von Elementen des historischen Faschismus auf Werte wie ‚Heroismus‘, ‚maskulines Kämpfertum‘ und eine kritiklose Bewunderung des Militärischen konzentriert, die allesamt nicht singulär für den Faschismus stehen, aber in ihm eine historische Zuspitzung gefunden haben. Die seit Jahrzehnten tätigen neofaschistischen Organisationen, Verlage und anderen Medien können auf diese Weise erleben, wie einige ihrer Fetische ganz ohne eigenes Zutun Verbreitung finden, und es sei nur eine Frage der Zeit, wann sie daran andocken werden.

Die internationalen Kämpfer

geschrieben von Dirk Krüger

14. Januar 2017

Eine Episode aus dem Spanischen Bürgerkrieg

Vor mir liegt eine bibliophile Kostbarkeit: Die Originalausgabe des Buches »Tschapaiew – Das Bataillon der 21 Nationen« – Dargestellt in Aufzeichnungen seiner Mitkämpfer – Redigiert von Alfred Kantorowicz – Informationsoffizier des Bataillons – 1938 – Imprenta Colectiva Torrent Madrid Espana.
Es wurde mir feierlich von dem Wuppertaler Spanienkämpfer, Otto Gilde, kurz vor dessen Tod, am 27. Juni 1972, überreicht. Er ist in dem Buch mit dem Beitrag »Sieben Sturmangriffe in sechs Tagen« und mit einem Foto als »Motozyklisst« vertreten.
Ich blättere in dem Buch und erfahre, dass die Auflage des Buches 3000 Exemplare betrug und dass Beiträge von 78 Kameraden aus 13 Nationen darin zusammengefasst sind, die fast alle der Bataillons-Zeitung entnommen wurden. 67 Nummern der Zeitung seien erschienen. Ihr Titel »Der kämpfende Antifaschist«. Sie wurde oft unter den schwierigsten Umständen hergestellt, auf Wachsplatten geschrieben, aber sie erschien regelmäßig. »Sie war ein Herzstück des Lebens unseres Bataillons.«, schreibt Kantorowicz.

Die XIII. Internationale Brigade und ihr Bataillon »Tschapaiew«

Was erfahren wir in dem Buch über die XIII. IB und ihr Bataillon »Tschapaiew«? Die erste Formierung der XIII. Internationalen Brigade erfolgte am 11. November 1936 in Albacete. Sie kämpfte seit ihrer Gründung, gesondert von anderen Internationalen Brigaden, an entlegenen Fronten. Alle anderen IB hatten bis zum August 1937 die Aufgabe, Madrid mitverteidigen zu helfen. Der XIII. aber war als Aufgabe der offensive Kampf an mehreren wichtigen Fronten gestellt: vor Teruel, bei Málaga, in den Bergen der Sierra Nevada, an der Granada-Front, vor Pozoblanco, bis sie, vereint mit den anderen IB bei der Juli-Offensive 1937 vor Brunete kämpfte. Dort erlebt sie nach einiger Zeit in Reservestellung am 4. August 1937 ihre Auflösung. Die wenigen kampffähigen Soldaten der XIII. IB wurden in ihre jeweiligen nationalen Einheiten eingegliedert. Die Deutschen wurden offiziell am 30. August der XI. IB zugeteilt.
Auf der am 29. August 1937 abgehaltenen Sitzung der »Kulturarbeiter« der XI. IB führte Franz Dahlem in ihren Kreis neu ein: Hans Schaul, Hanns Maaßen und den Grafiker Hans Quäck. Auch Willi Bredel und Erich Weinert, die ihre Rückfahrkarten vom Kongress verfallen gelassen hatten, blieben fortan in Spanien in der XI. IB.
Es gilt, auf eine weitere Besonderheit hinzuweisen. Die andern Brigaden waren, von den ersten Monaten des Einsatzes abgesehen, im Wesentlichen ausgerichtet auf zwei oder drei vorherrschende Nationalitäten. Die XIII. IB aber umfasste dagegen von Beginn bis zu ihrer Auflösung wohl alles in allem 25 Nationalitäten. Das internationalste Bataillon des ganzen spanischen Volksheeres war zweifellos das »Tschapaiew«-Bataillon, das zeitweilig über zwanzig Nationalitäten in sich vereinigte.

Alfred Kantorowicz und Hans Schaul

Die Geschichte des Sturmbataillons »Tschapaiew« ist untrennbar verbunden mit den beiden deutschen Antifaschisten Hans Schaul und Alfred Kantorowicz. Das Schicksal führte diese beiden, die sich bereits flüchtig aus der Zeit vor 1933 in Berlin kannten, im Mai 1937 in der XIII. IB, die Kantorowicz auch als die »vergessene Brigade« bezeichnete und besonders in ihrem Bataillon »Tschapaiew« wieder zusammen.
Kantorowicz entschließt sich im Dezember 1936 aus seinem Pariser Exil nach Spanien zu gehen. Über Barcelona und Valencia erreicht er am 17. Dezember Madrid und beginnt sofort damit, seine Erlebnisse, Begegnungen, Eindrücke und Reflexionen zu notieren, die er später in seinem »Madrider Tagebuch« zusammenfasst. Die erste Aufzeichnung im »Spanischen Tagebuch« trägt das Datum: »Madrid, den 20. Dezember 1936«
Am 10. Januar 1937 erreicht ihn der Befehl Luigi Longos, nach Valencia zu gehen um dort eine mehrsprachige zentrale Frontzeitung für die Internationalen Brigaden ins Leben zu rufen und zu redigieren. Es entstehen in knapp drei Monaten 25 deutsche und 13 französische Ausgaben des »Volontaire de la liberté«.
Er wird danach an die XIII. Internationale Brigade, mit der vage umrissenen Aufgabe »abkommandiert« , die Taten der »vergessenen Brigade« bekanntzumachen. Am 14. Mai 37 trifft er an der »Estremadura-Front« im »Brigadestab der XIII. Brigade« ein.
Am 16. Mai kommt es zu einer ersten Begegnung mit Hans Schaul. Kantorowicz besucht an diesem Tag den »Stab des »Tschapaiew«-Bataillons« und notiert: »Gleich darauf trat ein kleiner, schmächtiger Kamerad ins Zimmer, barhäuptig, und wie ich nur seine lange schwarze Mähne sehe, die ihm bis in den Nacken fällt, rufe ich schon erfreut: ‚Hans, alter Junge!’ und umarme ihn. Er lacht sein lautloses Lachen, das ihn charakterisiert und das ich gern mag. ‚Du bist uns schon seit zwei Wochen angekündigt, Kanto.’ ‚Ihr kennt euch?’ fragt der Otto Brunner. ‚Schon lange’, sage ich fröhlich, ‚schon aus einer früheren Welt; da war der Schaul noch Staatsanwalt.’ ‚Und du noch Ullstein-Korrespondent’, antwortet er. ‚Nun ja’, sage ich, ‚lassen wir unsere alten Sünden ruhn.«
Kantorowicz fasst seine Eindrücke so zusammen: »Es erscheint kaum glaublich, dass der zarte, versonnene Mann die Strapazen, die von den Kämpfern dieses Bataillons ertragen werden mussten, durchgestanden hat. Seine von Natur schwermütigen dunklen Augen haben ihren Glanz zurückgewonnen, ich höre ihn mehrmals herzlich in seiner lautlosen Weise lachen in dieser kurzen halben Stunde, die wir heut zusammen gewesen sind. Er hat das niederdrückende Elend der Emigration abgeschüttelt. Ich bemerke, dass die Kameraden ihm, der als Soldat und Redakteur der Bataillonszeitung alle Kampagnen der Brigade von Beginn an mitgemacht hat, mit offenherziger Achtung entgegenkommen; man sieht ihm wohl an, dass sein Selbstbewusstsein gewachsen ist und dass er sich geborgen fühlt inmitten dieser kräftigen, arglosen Kameraderie.«

Die Entstehungsgeschichte des Buches

Am 19. Mai sitzt Alfred Kantorowicz in seinem Auto als jemand an die Scheibe klopft: »Ich erkannte die schwarze Mähne von Hans Schaul. Er ist gekommen, um mich zu Beiträgen für die von ihm redigierte Bataillonszeitung aufzufordern. Was er mir von dieser Zeitung erzählt, hat mir Lust gemacht, an ihr mitzuarbeiten – trotz meiner nun verständlichen Abneigung, den Krieg durch das Mittel der Zeitungsarbeit zu führen.«
Am 24. Mai 1937 wird er Zeuge einer heftigen Diskussion an der auch Hans Schaul beteiligt ist und die Kantorowicz als »Entstehungsgeschichte des ‚Tschapaiew’-Buches« bezeichet. Er notiert: »Es stellte sich heraus, dass Schaul den intelligenten helläugigen Wolfgang aufgefordert hatte, einen Artikel für die Bataillonszeitung zu schreiben, was der trotzig ablehnte. Schaul rief mich zu Hilfe. Ich erkannte den tieferen Grund der Unzufriedenheit und schlussfolgerte:
Wolfgang, Ende Juni ist ein halbes Jahr vergangen seit dem ersten Einsatz der Dreizehnten bei Teruel, Du warst von Anfang an dabei, Schaul auch. Wenn ihr helft, bringen wir bis Ende Juni oder Anfang Juli eine gute Broschüre über die Kämpfe der Dreizehnten zustande. Hans Schaul stimmte freudig zu… Wir sind schon mitten drin…Das wird eine Kollektivarbeit werden…Alle Nationalitäten müssen beteiligt werden…Irgendwo am Ende (der hitzigen und kreativen Diskussion) sehe ich ein Buch – in einer halbstündigen Diskussion ist der Broschürenplan schon zum Buchplan erweitert worden – das Zeugnis ablegt für den besten Geist der internationalen Freiwilligen durch den Bericht der internationalen selbst. Einundzwanzig Nationen umfasst das Bataillon ‚Tschapaiew«. Seine Heldengeschichte würde den Titel tragen: »Tschapaiew’ – das Bataillon der einundzwanzig Nationen!
Am 16. Juni schildert Kantorowicz im »Spanischen Tagebuch« die Episode mit den übergelaufenen vier spanischen Jungen, die Hans Schaul fotografiert hat und die Kantorowicz auch ins »Tschapaiew«-Buch übernahm, die dann zu dem Kinder- und Jugendbuch von Ruth Rewald führte.

Am 20. Juni 1937 kann er seinem Tagebuch endlich anvertrauen« »Im Brigadebefehl von heute heißt es: ‚Der Teniente Alfred Kantorowicz, bisher im Brigadestab, wird als Nachrichtenoffizier zum 49. Bataillon (»Tschapaiew«) versetzt’.«
Am 24. Juni 1937 bekommen sie nach einem Besuch von Kisch und Kuttner Besuch vom Film- und Fotoreporter Capa und seiner Partnerin, der Journalistin Gerda Taro. »Schaul kam aus Valsequillo, wohin das Gerücht vom Eintreffen der Filmleute bereits gedrungen war, herbeigeeilt…Er witterte guten Stoff für eine Bataillonszeitung.«
Am 28. Juni 1937 jubelt er: »Endlich, endlich, endlich. Die Dreizehnte wird abgelöst.« Als sie mit dem Transport-Zug auf einem Bahnhof halten notiert er: »Schaul kam den Zug entlanggelaufen; er war mit seinem Zeitungsarchiv beim Brigadekommissariat verstaut worden und ebenfalls einen Tag vor uns gefahren.«
Die Rettung des Archivs war ein Glücksfall von unschätzbarem Wert, denn es wurde zur wichtigsten Quelle bei der Zusammenstellung des geplanten Buchs.

Ungesühntes Massaker

geschrieben von Hendrik Riemer

14. Januar 2017

Ein deutsches Kriegsverbrechen und seine juristische Nicht-Aufarbeitung

Der Dokumentarfilm des VVN-BdA Mitglieds Jürgen Weber, 2016 fertiggestellt, rückt ein Massaker in den Fokus, das die SS 1944 in einem toskanischen Bergdorf auf dem Rückzug aus Italien verübt hat. Obwohl die Umstände des Massakers und die Täter bekannt waren, stellte die Staatsanwaltschaft Stuttgart ihre zehn Jahre andauernden Untersuchungen mangels Tatverdacht 2012 ein. Die Überlebenden des Massakers erfuhren keine juristische Gerechtigkeit. Einfühlsam und akribisch arbeitet Weber anhand von Dokumenten, Aussagen von Überlebenden, Kommentaren von Historikern und Juristen die historischen Geschehnisse und die aktuelle Bewältigung in dem 72 – minütigen Film auf.

Der Dokumentarfilm ist auf DVD erhältlich: didactmedia.eu/das-zweite-trauma  Der Regisseur kommt gerne zu einer Aufführung, um die Erstehungsgeschichte des Films zu erläutern.

Der Dokumentarfilm ist auf DVD erhältlich: didactmedia.eu/das-zweite-trauma
Der Regisseur kommt gerne zu einer Aufführung, um die Enstehungsgeschichte des Films zu erläutern.

August 1944, die deutschen Truppen sind auf dem Rückzug aus dem von ihnen besetzten Italien. Generalfeldmarschall Kesselring gab u.a. den Befehl aus, den »Bandenkampf mit schärfsten Mitteln« zu bekämpfen. »Banden« waren die Widerstandskämpfer, die sich als Partisanen gegen die Besatzer wehrten. Durch diesen Befehl schaffte der Generalfeldmarschall die Legitimation der Massaker an der Zivilbevölkerung in Vinca, Nocci, Massa,Carrara, Marzabotto und anderen Orten. Den beteiligten Soldaten wurde vorauseilende Absolution erteilt.
Die Kulturlandschaft der Toscana gilt heute für viele Deutsche als bevorzugtes Feriengebiet. Das kleine nordtoskanische Bergdorf Sant‘Anna di Stazzema erlebte im August 1944 den planmäßigen Angriff durch Panzergrenadiere, der 16. SS-Kampfgruppe »Reichsführer SS«.
In Sant‘Anna di Stazzema hielten sich neben den Bewohnern zusätzlich zahlreiche Flüchtlinge auf, die in dem Bergdorf Schutz vor den abziehenden deutschen Truppen suchten. Hauptsächlich Frauen und Kinder trafen die SS – Schergen an, als sie am 12. August 1944 das Dorf besetzten. 130 Männer, aber überwiegend Frauen und Kinder trieben sie auf dem Kirchplatz zusammen, erschossen diese mit Maschinengewehren und warfen Handgranaten in die Menge. Über den Berg der Toten schichtete die SS das Holzgestühl aus der Kirche und zündeten alles mit Flammenwerfern an. Die Häuser wurden gestürmt und die hierein geflüchteten Schutzsuchenden bestialisch ermordet.
Etwa 560 Zivilisten, überwiegend Frauen und Kinder, fielen diesem Kriegsverbrechen, das als »Strafaktion« bezeichnet und geplant war, zum Opfer. Nur einige wenige versteckte Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren entkamen verletzt an Leib und Seele diesem Massaker.
Einige diese Kinder, 72 Jahre später, kommen als Zeitzeugen im Film zu Wort und berichten über das Massaker aus ihrer Erinnerung. Wie in Deutschland so auch in Italien gab es lange Zeit ein Verschweigen der Gräueltaten aus der Besatzungszeit. Erst ab Mitte 1990 setzte eine Auseinandersetzung und Aufarbeitung der Kriegsverbrechen ein.
Der Generalmilitärstaatsanwalt Marco De Paolis in La Spezia ermittelte 2002 bis 2003 über das Massaker in Sant‘ Anna di Stazzema. Seine Nachforschungen zogen auch Erkenntnisse aus deutschen Archiven hinzu. 2004 fand der Prozess statt. Zehn namentlich bekannte am Massaker beteiligte SS-Angehörige wurden in Abwesenheit zur lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.
Und in Deutschland? Der Oberstaatsanwalt Häusler in Stuttgart, befasst mit der Ausarbeitung einer Anklage, weigerte sich das Urteil von Le Spezia anzuerkennen. Er verweigerte auch die Hinzuziehung der Prozessakten des dortigen Gerichts. Die überlebenden Zeitzeugen Pieri, Masili, Dardini, Mancini wurden nicht angehört. 2012 stellte er seine Nachforschungen ohne Ergebnis ein. Der Auslieferungsantrag des Gerichts in La Spezia, die zehn verurteilen SS Männer zu überstellen, wurde abgelehnt. Eine Entschädigung nicht gezahlt.
Die Berichte der Zeitzeugen über das bestialische Massaker sind sachlich und aufklärend. Nicht Hass auf die Mörder schwingt in den Aussagen mit, sondern allein der berechtigte Anspruch auf juristische Verurteilung des Kriegsverbrechens. Diesen haben sie von deutschen Gerichten nicht erhalten.
Der Dokumentarfilm »Das zweite Trauma« ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, was die VVN – BdA unter Erinnerungskultur versteht und darüber hinaus für die Auseinandersetzung in der heutigen Gesellschaft über Kriegsverbrechen der deutschen Truppen in den damaligen besetzten Ländern.

Der Dokumentarfilm ist auf DVD erhältlich: http://didactmedia.eu/das-zweite-trauma

Der Regisseur kommt gerne zu einer Aufführung, um die Erstehungsgeschichte des Films zu erläutern.

Ein Schuldspruch hätte genügt

11. Januar 2017

antifa-Gespräch mit Jürgen Weber über das Vermächtnis der Opfer

antifa: Wie bist du darauf gekommen, einen Film über das Massaker deutscher SS-Truppen in dem italienischen Ort Sant´Anna di Stazzema zu drehen, ein Ereignis, das mehr als 70 Jahre zurückliegt?
Jürgen Weber: Es war notwendig diesen Film zu machen. So traurig und armselig das ist, die Massaker und Kriegsverbrechen der Wehrmacht und SS in Italien an überwiegend Frauen und Kindern sind auch über 70 Jahre danach in Deutschland kaum bekannt. Geschweige denn wurden sie hier juristisch aufgearbeitet. Zu Beginn meines Dokumentarfilms steht ja die Aussage von Herrn Gauck, der Rechtsstaat habe keine Mittel mehr zur Strafverfolgung. Diese Aussage ist natürlich Unsinn. Der Politik und der Justiz fehlt einzig der Wille, nicht die Mittel.

antifa: Du hast alte Männer und Frauen vor die Kamera geholt, die das Massaker als Kinder überlebt haben. Ihr ganzes Leben war von diesem Ereignis überschattet. Dein Film aber heißt »Das zweite Trauma«. Was ist damit gemeint?
Jürgen Weber: Die Überlebeden sind als Kinder teilweise buchstäblich den Leichenbergen der Erschießungen von Zivilisten entstiegen. Zum Teil sind sie im Alter von unter zehn Jahren die einzigen Überlebenden ihrer Großfamilie. Jeder und jede geht anders mit diesem schweren Trauma um. Ab 2002 fanden in Italien Ermittlungen und ein Prozess statt bei denen diese Kinderopfer ihr persönlichen Schweigen durchbrachen und Zeugenaussagen machten. In Italien wurden die Mörder ihrer Angehörigen nur in Abwesenheit verurteilt.
Das zweite Trauma ist die Nichtanerkennung der Schuld der noch lebenden Täter in Deutschland. Das war ein echter Schock für die Überlebenden. Das zweite Trauma ist also mehr als ein griffiger Filmtitel. Es ist real. So real, dass der Überlebende Enio Mancini im Film sagt es bereite ihm manchmal physische Schmerzen. Diese Anerkennung der Schuld hätte genügt. Erstaunlich genug, dass alle Überlebenden im Film die alten Männer nicht mehr hinter Gittern sehen wollen. Der Schuldspruch hätte genügt.

Jürgen Weber - Eine zweite Motivation zu diesem Film war die Tatsache, dass es über 70 Jahre danach mit die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dieser Massaker sind, die noch berichten können. Mir war klar, ich mache diesen Film jetzt oder nie.

Jürgen Weber – Eine zweite Motivation zu diesem Film war die Tatsache, dass es über 70 Jahre danach mit die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dieser Massaker sind, die noch berichten können. Mir war klar, ich mache diesen Film jetzt oder nie.

antifa: In deinem Film kommen neben den Betroffenen auch Historiker, Journalisten, ein italienischer Militärstaatsanwalt und nicht zuletzt die Rechtsanwältin Gabriele Heinicke zu Wort, die alle darum gerungen haben, den Opfern von S. Anna, wenn auch spät, Gerechtigkeit zu verschaffen. Mit der Eistellung des letzten Verfahrens vor einem deutschen Gericht ist dieses Ansinnen gescheitert. Ist das nicht eine herbe Enttäuschung?
Jürgen Weber: Die Kumpanei in der deutschen Justiz mit den in Italien durch alle Instanzen verurteilten Mördern ist unerträglich. Wir sind es den Opfern schuldig es so deutlich zu sagen. Im Fall S. Anna kam es in Deutschland nicht einmal zur Anklage vor einem ordentlichen Gericht. Das haben Staatsanwälte verhindert. Das schadet dem Ansehen eines Rechtsstaats. Das ist die Realität.Eigentlich dürfte das eine Gesellschaft nicht hinnehmen. Ich komme ja aus dem grün-schwarzen Baden-Württemberg, da scheinen sich politische Schizophrenien gerade zu etablieren. Auf der einen Seite glaubt man fest daran, eine humane Flüchtlingspolitik zu vertreten, auf der anderen ist man Vorreiter einer erbarmungslosen Abschiebepolitik. Ein ähnliches Phänomen haben wir in den letzten zwei Jahren im Kino erlebt. Zwei große Doku-Dramen, zuletzt »Der Staat gegen Fritz Bauer«, machen den Staatsanwalt zum Leinwand-Helden deutscher Nachkriegsgeschichte. Ein Gegenmodell zum braunen Mief in den Behörden und Ministerien. Viele gehen aus den Kinos und sind auf der Seite Fritz Bauers. Kaum jemand nimmt zur Kenntnis, dass genau dieser Mief bis heute wirkt. Fritz Bauer war ein Einzelfall. Bis heute. Er und alle mit ihm haben verloren oder besser ausgedrückt, die Gerechtigkeit hat nicht gewonnen. Das dokumentiert mein Film am Beispiel S. Anna.

antifa: Du hast mehr als vier Jahre an dem Film gearbeitet. Was nimmst du persönlich an Erfahrungen daraus mit?
Jürgen Weber: Nicht nur die Empörung und Wut über den Schutz der Mörder und das erneute Unrecht an den Überlebenden. Ich habe tolle Menschen kennen gelernt. Freundschaften sind gewachsen. Das hört sich vielleicht seltsam an, aber wir hatten viel Freude bei der Arbeit und bei den Begegnungen. Ich habe schon in den 1990er Jahren von ehemaligen Partisanen im Piemont erfahren, dass es nicht von Bedeutung ist, ob du Deutscher oder Italiener bist. Es geht nur darum, ob du Antifaschist bist. Dann bist du auch Teil der Resistenza und einer von ihnen. Ich trage aus der gemeinsamen Zeit auch eine Botschaft vom Überlebenden und Nebenkläger Enrico Pieri in mir. Er kann selbst dem grausamen Massaker, das seine Kindheit und fast sein Leben zerstört hat etwas Positives abgewinnen. Die Gräuel des Faschismus haben uns über 70 Jahre Frieden in Europa gebracht. Gerade in diesen Tagen müssen wir diese Erinnerung wach halten und diesen Frieden verteidigen. Das ist das Vermächtnis der Toten und der Überlebenden des Massakers von Sant´Anna di Stazzema.

 

Charisma der Kollaboration

geschrieben von Nils Becker

11. Januar 2017

Ein niederländischer Film beschäftigt sich mit der Zeit der Nazi-Okkupation

Andries Riphagen, einem Amsterdamer Kriminellen, der sich während der deutschen Besatzung (1940 – 1945) an dem Eigentum deportierter Jüdinnen und Juden bereicherte, ist nach einem Buch (2010), einer Fernseh-Serie (2013) nun auch ein Film gewidmet worden. Dabei bewegt man sich nahe am historischen Vorbild: Riphagen, 1909 in Amsterdam geboren, wurde Ende der 20er Jahre zur Führungsfigur der Amsterdamer Unterwelt. Er trat früh in die Nationaal-Socialistische Nederlandsche Arbeiderspartij (NSNAP) ein.

Riphagen (2016), 133min, Regie: Pieter Kuijpers, in Deutschland nur auf Netflix zu sehen

Riphagen (2016), 133min, Regie: Pieter Kuijpers, in Deutschland nur auf Netflix zu sehen

Während der deutschen Besatzung war er Vertrauensmann des SD und bei der »Zentralstelle für jüdische Auswanderung« beschäftigt. Über seine Kontakte ins Rotlichtmilieu spürte er untergetauchte Juden auf und war damit ein wichtiges Mitglied der »Kolonne Henneicke«, die als »Hausratserfassungsstelle« Besitztümer von Jüdinnen und Juden beschlagnahmte und der deutschen Besatzungsmacht übergab (jedenfalls sollten sie das). Nach dem Krieg verhalf ihm der neu gegründete niederländische Geheimdienst im Austausch für Informationen zur Flucht nach Argentinien. Riphagen wurde erfolglos angeklagt und starb 1973 ohne bestraft worden zu sein. Der Film beleuchtet seine Zeit bei der Kolonne Henneicke bis zu seiner Flucht. Eindrücklich wird geschildert, wie er sich als Judenretter ausgibt um die sich anvertrauenden Menschen und all ihre Bekannten zu bestehlen und deportieren zu lassen. Hängen bleibt, dass ein naiv-chaotisch organisierter Widerstand letztlich Schuld an seiner Straffreiheit ist.

Schlechtes Beispiel

Laut dem Produzenten und Regisseur, Pieter Kuijpers, wolle man an dem Beispiel Riphagens zeigen, dass die Niederlande auch ein Land von Opportunisten und Antisemiten waren. Abgesehen davon, dass diese Erkenntnis nicht gerade neu ist, gelingt es mit dem Gangster-Porträt »Riphagen« nicht, solch ein Geschichtsbild zu vermitteln. Warum beispielsweise 60.000 Niederländer, trotz der Demütigungen durch die Besatzungsmacht, freiwillig in der Waffen-SS kämpften, erfahren wir nicht. Einblicke in den antisemitischen Polizeiapparat werden gegeben, aber ohne Kontextualisierung. Das meiste bleibt im Dunkeln oder verlangt dem Publikum viel historisches Wissen ab. Dass »Riphagen« kein Aufklärungsfilm ist, mag ihm verziehen werden, aber dass die Nazi-Kollaborateure filmästhetisch besser weg kommen als der Widerstand ist schwer zu akzeptieren. Denn mit dem charismatischen Riphagen wird nahe-zu ein Anti-Held zu Anne Frank aufgebaut. Gezeigt wird nämlich ein Mann, der zwar brutal und rücksichtslos gegen seine Gegner vorgeht, sich aber schützend vor die Seinen stellt und durch psychologische Tricks aus jeder Situation als Sieger hervorgeht. Ein Unterwelt-Boss, der sich ohne moralische Bedenken und nur im Sinne seiner Geschäfte in den Dienst der neuen Macht stellt, ist zumindest kulturgeschichtlich schon lange rehabilitiert. Solche Ganoven sind positive Identifikationsfiguren – ihr Leben ist spannend und sie sind erfolgreich. Allein die körperliche Erscheinung des Riphagen-Darstellers, der alle anderen in seiner Präsenz überragt, sorgt für einen fatalen positiven Gesamteindruck. Vor allem weil er nie an seinem Tun zweifelt, nie Schwäche zeigt, nie so menschelnd daherkommt wie beispielsweise die ständig mit sich hadernden Widerstandskämpfer- und kämpferinnen. Halten wir fest: Während Anne Frank durch ihr Schicksal des jahrelangen Untertauchens, des Verrats, der Deportation und Ermordung Berühmtheit erlangte, bezieht Andries Riphagen seine Popularität aus seiner Eloquenz, Gewalttätigkeit und endlosem Glück. Über Anne wissen wir durch ihr Tagebuch fast alles. Über den Amsterdamer Judenjäger Andries Riphagen und seine Motivation werden uns nur Klischees angeboten. Beim uninformierten Publikum bleibt folgendes hängen: »Die Atmosphäre ist von der Musik bis zur Optik stimmig und gab mir damit leichten Zugang zur Geschichte.« (aus einem Internetforum). Die Ganoven-Story mag einen Einstieg bieten, führt aber auf die falsche Fährte. Nils Becker

Von »unwertem« Leben

geschrieben von Axel Holz

11. Januar 2017

Ein berührender Film über die Nazi-«Euthanasie«

Ernst Lossa gehört zur einer Bevölkerungsgruppe von Fahrenden, die von den Nazis als »Zigeuner« verfolgt wurden. Weil die Mutter tot ist und der Vater keinen festen Wohnsitz hat, wird er als vermeintlich schwer Erziehbarer in verschiedene Heime eingewiesen und schließlich in die Heilanstalt Irsee bei Kaufbeuren verlegt, wo er am 8. August 1944 mit einer Giftspritze ermordet wird. Der Film zeigt nur die sich schließende Tür, hinter der die Krankenhelfer mit der Todesspritze verschwinden und verzichtet auf die Dokumentation des viele Stunden dauernden Sterbens. Der aufgeweckte und schlaue Junge mit einem Hang zum Subversiven gilt den Nazis und auch dem Anstaltsleiter und seinen Helfern als »sozialer Schädling«. Er ist einer von 200.000 Menschen, die im Rahmen der T4-Aktion seit Kriegsbeginn als Psychatriebewohner systematisch ermordet wurden. Die Nazis hatten bis Kriegsbeginn gewartet, um nach der Diskriminierung, systematischen Ausgrenzung und Sterilisierung von Behinderten und Unangepassten deren Ermordung zu organisieren. Nachdem der Mord in sechs eigens dafür eingerichteten Tötungseinrichtungen ruchbar wurde und vor allem aus Kirchenkreisen Protest laut wurde, wurde der auffällige Transport der Behinderten in die Vergasungsanstalten gestoppt und heimlich als »wilde Euthanasie« weitergeführt. Die Patienten wurden nun mit Gift, Medikamentenüberdosierungen oder Nahrungsentzug vor Ort ermordet.

Die Mordpraxis in einer Psychiatrieeinrichtung während der Nazizeit ist Gegenstand des Filmes, in dessen Mittelpunkt ein 13-Jähriger Junge steht.

Die Mordpraxis in einer Psychiatrieeinrichtung während der Nazizeit ist Gegenstand des Filmes, in dessen Mittelpunkt ein 13-Jähriger Junge steht.

Regisseur Kai Wessel verlässt sich in seinem Film auf die Wirkung bewusst gewählter unspektakulärer Bilder des Kameramannes Hagen Bogdanski und die Selbstentlarvungskraft der instrumentalisierten Sprache. Sebastian Koch entfaltet in seiner Idealrolle die Janusköpfigkeit des Anstaltsleiters Dr. Veithausen. Während er sich scheinbar liebevoll um seine ihm anvertrauten Patienten kümmert, erweist er sich hinter verschlossener Tür als gnadenloser Karrierist. Für jeden durchgestrichenen Namen auf der Liste der Heiminsassen geht ein Tötungsauftrag an die Pflegehelfer – die skrupellose Krankenschwester Edith Kiefer (Henriette Confurius) und den humpelnden Pfleger Hechtle (Thomas Schubert). Letzterer bewegt sich zwischen Unterwerfung und verbleibenden Humanitätsimpulsen, die letztlich aber durch in Aussicht gestellte Tötungsprämien mörderisch übergangen werden. Krankenschwester Edith ist von ihrer Tötungsabsicht überzeugt, als sie dem 13-jährigen Lossa ihr Kindheitserlebnis von dem Reh mit den beiden gebrochenen Hinterläufen erzählt, das sie gern geheilt hätte, das aber von ihrem Vater »erlöst« worden sei. Hier blitzt die pervertierte Rhetorik eines unmenschlichen Systems auf, das sich den Anstrich strenger Wissenschaftlichkeit gegeben hatte, während Schwester Edith den auf der Todesliste stehenden Kindern die Giftdosis mit Himbeersaft verabreicht und ihnen damit das Sterben »versüßt«.
Dass in einer Atmosphäre der Ausgrenzung und Diskriminierung auch menschliche Entscheidungen möglich sind, zeigt das Verhalten der Ordensschwester Sophia (Fritzi Haberland). Sie wechselt die Seiten, als sie die Mordpraxis der Anstaltsleitung erkennt, versteckt ein bedrohtes Kind und versucht einen weiteren Mord durch das Verschütten des Giftbechers zu verhindern. Ihre Entscheidung ist umso bemerkenswerter, als ihr die kirchliche Unterstützung versagt bleibt, die sie während einer Audienz beim zuständigen Bischof erwartet. Hinter einer Mauer aus Feigheit und höflicher Diplomatie bleibt sie mit ihrer Gewissensentscheidung allein und zeigt menschliche Haltung. Auf Letzteres läuft es wohl immer hinaus, ob mit oder ohne Nazi-Regime.
Dr. Valentin Faltlhauser, wie der Anstaltsleiter tatsächlich hieß, wurde nach dem Krieg zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt, aber 1954 wegen vermeintlicher Haftunfähigkeit begnadigt. Krankenschwester Pauline Kneissler, reale Vorlage der Kiefer-Figur im Film, wurde wegen mehr als 200 nachgewiesenen Tötungen zu vier Jahren Haft verurteilt. Nach ihrer vorfristigen Entlassung arbeitete sie wieder als Kinderkrankenschwester.
»Nebel im August« ist ein berührender Film über »Euthanasie«, der ohne brutale Szenen auskommt, die konkrete Verstrickung der Täter sichtbar macht und uns zu menschlichen Entscheidungen mahnt.
Axel Holz

»Nebel im August«, 2016, 126min, Regie: Kai Wessel.

Demo mit »Geleitkultur«

geschrieben von Ernst Antoni

21. Dezember 2016

Ums bayrische Integrationsgesetz herum ist was los

Anton Hirtreiter, Landesleiter für Postdienste, Speditionen, Logistik von ver.di Bayern und altgedienter Gewerkschaftsfunktionär, befand danach, »dass die Polizei mit dem massiven Auftreten und insbesondere mit der provokativen Ausrüstung von vornherein klar gemacht« habe, dass »nach ihrer Meinung äußerst ›radikale‹ GewerkschafterInnen als Demonstranten unterwegs« seien: »Das letzte Mal als ich ein ähnlich beklemmendes Gefühl hatte, war vor einigen Jahren in Istanbul, als wir gegen die Kündigung von Gewerkschaftern bei UPS demonstrierten.«
Nun waren es ja nicht allein Gewerkschaften, die sich im Oktober in München zur Demonstration und Kundgebung gegen den CSU-»Integrationsgesetz«-Entwurf mit seinem völkischen »Leitkultur«-Leitmotiv zusammengefunden hatten, sondern ein großes Organisationenbündnis von Sozialverbänden (etwa der Caritas), unterschiedlichsten Initiativen, nicht zuletzt auch Selbsthilfegruppen der von diesem Gesetz besonders Betroffenen: Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten. Dabei waren aber auch die Fraktionsvorsitzenden von SPD und Grünen im Landtag, MdBs und MdLs dieser Parteien und von den Linken.Wem galt das martialische Polizei-Geleit, das (nicht nur) den Kollegen Hirtreiter seit dem Demo-Auftakt am DGB-Haus irritiert hatte. In einem »schwarzen Block« hätten, hieß es danach offiziell, »Autonome« etwas »Bengalisches« gezündet. Außerdem seien dort Transparente unzulässigerweise »verknotet« gewesen. Weshalb ein »Zugriff«, verbunden mit hartem körperlichen und sonstigem Hilfsmittel-Einsatz unbedingt nötig gewesen sei. Wie auch immer: Praktiziert wurde eine »Geleitkultur« nicht neuer, sonst aber meist nur bei großen Events wie der »Sicherheitskonferenz« und anderen »Gipfeln« eingesetzten Art. Anton Hirtreiters Fazit: »Wer dabei war, hat gesehen, wie sehr die Staatsregierung vor den Menschen Angst hat.«

Editorial

geschrieben von Regina Girod

21. Dezember 2016

Am 9. November 1938 organisierten die Nazis deutschlandweit Pogrome gegen jüdische Mitbürger und ihre Einrichtungen und leiteten damit die entscheidende Phase einer Vernichtungspolitik ein, an deren Ende die industrielle Ermordung von 6 Millionen europäischen Juden stand. Das erste von sechs großen Vernichtungslagern wurde 1941 in Chełmno (deutsch Kulmhof) errichtetet. Über dieses heute kaum bekannte Lager berichtet Jutta Harnisch auf Seite 25 dieser Ausgabe. Außerdem erinnern wir an die so genannte »Polenaktion« Ende Oktober 1938, die in unmittelbarem Zusammenhang mit den Novemberpogromen stand. Im Rahmen dieser Aktion wurden Tausende jüdische Menschen polnischer Herkunft aus deutschen Großstädten ins polnische Grenzgebiet deportiert. (S.20-21)
Breiten Raum nimmt in dieser Ausgabe aber auch die Auseinandersetzung mit der aktuellen politischen Situation ein. Nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin geht die AfD gestärkt in den Bundestagswahlkampf. Was können demokratische Kräfte dem entgegensetzen? Auf Seite 3 analysiert Thomas Willms die Lage und kommt zu dem Schluss: »Die Hauptstärken der AfD sind die halbe Panik in den Reihen der großen Parteien, die Beflissenheit der Medien ja keinen ›besorgten Bürger‹ zu übersehen und die erkennbare Schwäche ihrer Gegner.« Der Vorstandsvorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek, forderte in seiner Rede am 3. September in Berlin insbesondere die konservativen Parteien auf: »Setzt euch mit dem Populismus handfest und scharf auseinander und streicht vollständig die Strategie gegenüber der AfD: Kopieren oder Ignorieren!« (S. 12)
Die bedrohliche Rechtsentwicklung in Europa zeigt sich auch in unseren Nachbarländern Österreich und Frankreich. In Österreich wird die Stichwahl für das Amt des Bundespräsidenten am 4. Dezember wiederholt, in Frankreich der nächste Präsident (oder die erste Präsidentin) im kommenden Jahr am 7. Mai gewählt. Aus diesem Anlass beschäftigen wir uns in der Rubrik »Internationales« mit den Programmen der FPÖ (S.22) und des Front National (S.23).

Unser Titelbild

21. Dezember 2016

Stolpersteine für Opfer der »Polenaktion« (s. auch Seiten 20/21) 1938 in Berlin-Pankow. Foto: W.Girod

Stolpersteine für Opfer der »Polenaktion« (s. auch Seiten 20/21) 1938 in Berlin-Pankow. Foto: W.Girod

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten