Erinnerung, Freude, Solidarität

16. Mai 2017

Festveranstaltung zum 70. Geburtstag der VVN in Frankfurt/Main

An dieser Geburtstagsfeier stimmte einfach alles: Die Stadt Frankfurt, als der Ort, in dem die VVN vor 70Jahren gegründet wurde und deren Oberbürgermeister, Peter Feldmann, ein eindrucksvolles Grußwort hielt. Die mitreißenden künstlerischen Beiträge, allen voran die Einstimmung durch Jazzlegende Emil Mangelsdorf, der den Saal zu standing ovations hinriss, ebenso wie später Marius Banica und Peter Ruppert von der Sinti- und Roma-Philharmonie, die anerkennenden Worte des Präsidenten der FIR, Vilmos Hanti, der gemeinsam mit dem Exekutivausschuss der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) nach Frankfurt gekommen war und das Gefühl der Verbundenheit, das langjährige Weggefährten wie Beate Klarsfeld und Romani Rose vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, in ihren Ansprachen bekundeten. Am Ende dauerte die Feier viel länger als geplant, doch das gehört bei einem guten Fest eigentlich dazu.

Beate Klarsfeld erinnerte in ihrem Grußwort an gemeinsame Kämpfe:

»Ich will aber auch ein Wort des Dankes halten, für die jahrelange Unterstützung, die ich seit vielen Jahren von Euch auf allen Gebieten erhalten habe. Da wir uns heute in einem historischen Ort befinden, dem Haus Gallus, in dem vom 3. April bis zum 20. August 1965 der historische Frankfurter Auschwitz Prozess stattfand, möchte ich Euch zuerst dafür danken, dass Ihr mit Eurem Strafantrag vom Juni 1960 gegen Klaus Barbie den Auslöser brachtet, dass sein Prozess eines Tages in Lyon stattfinden konnte. Ihr hattet mit einem Verfahrenstrick erreicht, dass trotz des deutsch-französischen Überleitungsvertrages, der eigentlich nicht zuließ, in München am 23. Juni 1960 ein Ermittlungsverfahren gegen den ›Schlächter von Lyon‹ wegen seiner in Frankreich begangen Verbrechen zu eröffnen. Am 22. Juni 1971 hatte der Münchner Staatsanwalt Rabl die Einstellungsverfügung im Fall Barbie veranlasst. Dieser Beschluss war nicht öffentlich gemacht worden. Im französischen Dokumentationszentrum in Paris erhielt ich eine Kopie hiervon. Die Begründung war unannehmbar, und das war der Auslöser für uns, zu handeln. Im Mai dieses Jahres werden in Lyon und Izieu Veranstaltungen zum 30. Jahrestag des Barbie-Prozesses stattfinden.«

Stefan Körzell, Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstands des DGB betonte in seiner Laudatio:

»…Ich denke, hier wird deutlich, dass Antifaschismus keine Schön-Wetter-Veranstaltung sein darf, sondern dass Antifaschismus und der Kampf gegen Rechts das alltägliche Handeln bestimmen muss. Die alltägliche Auseinandersetzung mit der Politik der AfD gehört dazu. Denn eine Partei, die von sich selbst behauptet, sie will mit der grün-links versifften Epoche brechen, wendet sich auch gegen Gewerkschaften, die Mitbestimmung und das Selbstbestimmungsrecht der Menschen. Wir dürfen nicht zulassen, dass solche Politiker wie Höcke, Gauland, Glaser, Meuthen, Petry, und wie sie alle heißen, die Deutungshoheit über die deutsche Geschichte und somit einen fundamentalen Bruch mit den Lehren aus dem Faschismus vollziehen.
Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, alles dafür zu tun, so wie es die VVN und der Bund der Antifaschisten seit ihrer Gründung 1947 getan hat und tut, rechtsextreme Tendenzen aufzuzeigen, für Parteienverbote, wie für das der NPD zu kämpfen und dem Antifaschismus den Stellenwert zu geben, den er verdient.«

In seiner Ansprache zur Geschichte der Organisation erinnerte Bundessprecher Ulrich Schneider an zwei Aspekte, die den Charakter der Organisation nachhaltig veränderten:

»Das erste war die politische Öffnung der Organisation für nachgeborene Generationen vor 45 Jahren mit dem Oberhausener Kongress 1971. Die Gründung und der Aufstieg der NPD machten deutlich, dass neben den alten Faschisten in ihrer Traditionspflege Neofaschismus eine reale politische Gefahr darstellt. Hiergegen engagierten sich nicht nur die Überlebenden, sondern auch Gewerkschaften und Parteien sowie Jugendliche. … Auf der anderen Seite wurden erhebliche Defizite in der Vermittlung der Geschichte des Widerstands sichtbar, so dass vor 50 Jahren Überlebende, Historiker und Pädagogen den Studienkreis Deutscher Widerstand in Frankfurt gründeten.
Es ging darum, einerseits das Vermächtnis der Überlebenden an die jungen Generationen weiterzugeben, andererseits die jungen Generationen mit Verantwortung für die Zukunft des Antifaschismus in diese Organisation zu integrieren. Damit war klar, dass nicht nur das politische Anliegen, sondern auch die Organisation eine längerfristige Perspektive haben soll.
Und trotz aller ›Reibungsverluste‹, die es damals in manchen Orten gab, wurde diese Integration erfolgreich vollzogen. …
Die zweite existenzielle Veränderung war der Umbruch 1989/90, als mit dem Ende der finanziellen Absicherung der Arbeit und der ideologischen Auseinandersetzungen nach dem politischen Ende der DDR auch die VVN in eine Existenzkrise gestürzt wurde.
Das bedeutete damals: Fast alle hauptamtlichen Strukturen brachen weg, Zahlreiche Mitglieder verließen die Organisation.
Wir erlebten einen massiven politischen ›Gegenwind‹, da Antifaschismus als ›DDR-Ideologie‹ denunziert wurde.
In dieser Periode haben sich besonders unsere älteren Mitglieder mit großem persönlichem Einsatz für den Erhalt der Organisation eingesetzt. Mit ihrer Hilfe und dem Engagement viele Nachgeborener gelang es, die Organisation zu stabilisieren, zu profilieren und zu einem weiterhin beachteten politischen Faktor zu machen.«

Wie es weiter geht

16. Mai 2017

Ergebnisse des 6. Bundeskongresses

Der 2. Kongresstag war von der Antragsdebatte und der Neuwahl des Bundessprecherkreises geprägt. Nach intensiver und solidarischer Diskussion wurden sieben Beschlüsse gefasst. Erstmals ist es dabei gelungen, alle gestellten Anträge in der geplanten Zeit zu behandeln, so dass es nicht nötig wurde, Anträge zur Behandlung an den Bundesausschuss zu verweisen.
Der Kongress folgte dem Vorschlag des Bundessprecherkreises, das Gremium für die kommende Periode zu vergrößern, um den gestiegenen Arbeitsaufwand besser bewältigen zu können.

In den Bundessprecherkreis wurden gewählt:

  • Cornelia Kerth (Hamburg) und Dr. Axel Holz (Schwerin) als Vorsitzende der VVN-BdA
  • Andreas Schmiemann (Berlin) als Schatzmeister sowie
  • Dr. Regina Girod, (Berlin), Florian Gutsche (Berlin), Ulrich Sander (Dortmund), Dr. Ulrich Schneider (Kassel) und Ulrich Stuwe ( Bremen)

als Bundessprecher.

Der Bundeskongress bestätigte die von den Ländern und Mitgliedsorganisationen gewählten Mitglieder des Bundesausschusses.
Die Beschlüsse des 6. Bundeskongresses

  1. Leitantrag: Deutsche Großmachtträume platzen lassen. Rechtsentwicklung stoppen. Menschenrechte verteidigen. (Antragsteller: Bundesausschuss)
  2. Artikel 139 Grundgesetz: Faschismus war und ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen! (Antragsteller: VVN-BdA Baden-Württemberg)
  3. Gerechtigkeit für die Opfer (Antragsteller: Bundesausschuss)
  4. Kennzeichnung der Tatorte der Industrie 1933 (Antragsteller: VVN-BdA Dortmund)
  5. VVN-BdA weist Angriffe des Verfassungsschutzes zurück (Antragsteller: Landesverband Hessen)
  6. Initiativantrag der Landesvereinigung VVN-BdA Niedersachsen e.V.: Uneingeschränkte Solidarität mit den in der Türkei inhaftierten HDP-Mitgliedern
  7. Initiativantrag »Solidarität mit angezeigten antifaschistischen Gewerkschaftern« (Antragstellerin Janka Kluge und 20 weitere Delegierte)

Mit großer Herzlichkeit wurde Regina Elsner, seit dem 1. Bundeskongress Schatzmeisterin der VVN-BdA, aus dem Amt verabschiedet. Erstmals hatte der von ihr am Vortag vorgelegte Finanzbericht für das Jahr 2016 einen leichten Überschuss ausgewiesen.

Deutsche Großmachtträume platzen lassen

16. Mai 2017

Eindrücke vom 6. Bundeskongress der VVN-BdA

Mathias Wörsching, Vertreter der Berliner Vereinigung im Bundesausschuss:

Was eine der Hauptstärken der VVN-BdA ist, hat unsere 70-Jahr-Feier wieder einmal eindrucksvoll gezeigt: Es ist unser historisches antifaschistisches Erbe. Wir tragen dieses Erbe, weil wir die alten Widerstandskämpfer/-innen und Verfolgten teilweise über Jahrzehnte hinweg in der VVN-BdA erlebt haben und noch erleben, weil sie uns als politische Persönlichkeiten und unsere Organisation geprägt haben. Viele von uns haben überdies einen familiären Bezug zum »Narrativ von Verfolgung und Widerstand«, wie der Berliner Vorsitzende Hans Coppi das einmal genannt hat.
Ich glaube, unser historisches Erbe kann auch für viele heutige Antifaschist/-innen attraktiv sein, weil es einen anderen, tieferen, persönlicheren Zugang zum Verständnis von Geschichte und Gegenwart ermöglicht – und auch, weil es erlaubt, sich selbst in eine große und lebendige Tradition zu stellen. Wir müssen es schaffen, unsere Geschichten von Verfolgung und Widerstand für die heutige Gesellschaft neu zu erzählen. Damit meine ich nicht nur die Art und Weise des Erzählens, nicht nur die Medien und Formate, sondern auch die Inhalte selbst.
Wir müssen die Geschichte so erzählen, dass es keine Heldengeschichte von »starken Männern« wird. Auch unsere Schwächen, Brüche, Probleme und Niederlagen sollten deutlich werden.
Wenn wir es schaffen, unsere Geschichten so zu erzählen, dass auch Menschen darin Anknüpfungspunkte finden, die vielleicht keine weißen deutschen Vorfahren haben, oder zum Beispiel auch Menschen mit einem feministischen Zugang zum Antifaschismus, oder Menschen mit Behinderung, dann mache ich mir um die Zukunft der VVN-BdA keine Sorgen.

Florian Gutsche, über mehrere Jahre Vertreter der VVN-BdA im internationalen antirassistischen Jugendnetzwerk UNITED; vom Bundekongress als Bundessprecher gewählt:

Internationalismus ist elementarer Bestandteil des Antifaschismus. Das hat der letzte Bundeskongress deutlich gezeigt. Jedoch darf es nicht dabei bleiben an vergangene Kämpfe zu erinnern. Dem allgemeinen Erstarken nationalistischer Kräfte in Europa müssen wir ein starkes Netz antifaschistischer Kontakte und Zusammenarbeit entgegensetzen. Dabei ist es wichtig sich über funktionierende Ansätze antifaschistischer Politik in unserer alltäglichen Arbeit auszutauschen. Gleichzeitig sollten wir jedoch auch lernen was nicht funktioniert, damit wir nicht unnötige Fehler wiederholen.
Eine stärkere internationale Vernetzung der VVN-BdA hat jedoch auch ganz praktische Folgen für die Zukunft unseres Verbands. So ist gelebter Internationalismus auch immer ein positives Stück der Erfahrungswelt unserer Mitglieder und spornt zu weiterem antifaschistischen Engagement an. Außerdem können wir als Verband hier auch potenziellen Mitgliedern ein Angebot machen, das sie für die VVN-BdA begeistert. Wie so etwas funktionieren kann zeigt das Projekt »Der Zug der Tausend«, welches wir mit der FIR und besonders mit unseren belgischen Freunden durchführen.
Ein solches Verständnis der Relevanz internationaler Zusammenarbeit bedeutet sich auch auf europäischer Ebene für unsere Interessen einzusetzen. Auf kommunaler, Länder- und nationaler Ebene machen wir das erfolgreich indem wir mit antifaschistischen Parlamentariern zusammenarbeiten. Solche gibt es auch im Europaparlament. Trotz dessen Schwäche im System der europäischen Institutionen müssen wir hier einen weiteren Hebel ansetzen, um zusammen mit anderen Organisationen eine Ausweitung extremismustheoretischer Gedankenspiele und mäßig versteckter Geschichtsklitterung etwas entgegenzusetzen.

Günter Pierdzig ist Kreisvorsitzender der VVN-BdA Bamberg und Koordinator von mehr als 50 lokalen Bündnissen gegen Rechts in Nordbayern:

Gedenkarbeit ist das Fundament für unser Handeln heute und morgen.
Besonders für die Erinnerung und Aufarbeitung regionaler Geschichte des Faschismus zeigen auch jüngere Menschen großes Interesse. Für den aktuellen Widerstand gegen NeofaschistInnen und RassistInnen ist unsere Gedenkarbeit zugleich Rückgrat und Motivation.
Dieser Widerstand kann und muss immer auch im Bündnis geschehen.
Bündnisarbeit als gemeinsamer Wille zur Gegenwehr gegen Auftritte und Ideologie von FachistInnen ist gezeichnet von der gesellschaftlichen Breite der Teilnehmer.
Der spezifische Beitrag der VVN/BdA ist dabei:
Wir haben einen Wissensvorsprung: wir haben oder sollten zumindest weiterreichende Kenntnis haben über die Geschichte, über Ideologie und Strukturen der Nazis. Solange hier VVN/BdA-VertreterInnen beratend tätig sind, ohne Absolutheitsanspruch und ohne sich in den Vordergrund drängen zu wollen, wird unsere Organisation als willkommener und kompetenter Partner akzeptiert.
Wir haben einen Organisationsvorsprung: wir können unseren Organisationsapparat und die Arbeitskraft unserer Mitglieder beratend und unterstützend einbringen. Unsere Zurückhaltung ist dabei wichtig, denn wir wollen möglichst viele Menschen in die Arbeit gegen rechts einbinden.
Wir haben einen (entscheidenden) Geschichtsvorsprung: Die Autorität der Personen, die den Nationalsozialismus selbst oder in ihren Familien erlebt haben und unsere Organisation in sich als »Vereinigung der Verfolgten« ist moralisches Faustpfand für antifaschistische Kontinuität und somit für einen überzeitlichen Widerstand.
Die Erfahrungen der Geschichte führten zur Einheit im Kampf gegen Faschismus.
Daraus resultierend ist unsere spezifische Aufgabe (nicht nur) in Bündnissen, immer wieder die Einheit zu suchen und -trotz unterschiedlicher Anschauungen- konsensfähige Lösungen zu finden.
Dabei sind wir keiner Weltanschauung oder Partei verpflichtet. In ihrer Vielseitigkeit liegt die Stärke der VVN/BdA. Jede Verengung schwächt uns, weil andere Auffassungen und damit andere Mitstreiter ausgegrenzt werden. Wir stellen nicht unterschiedliche politische Anschauungen in den Mittelpunkt, sondern immer wieder den Konsens im gemeinsamen Anliegen: die Zurückdrängung faschistischer Kräfte und Ideologie.

Umkehr erst nach Hungerstreik

geschrieben von Renate Hennecke

13. Mai 2017

Über den Umgang der Justiz mit Sinti und Roma nach 1945

»Die heutige Veranstaltung ist nicht weniger als die symbolische Bitte der deutschen Justiz um Entschuldigung für eine Rechtsprechung, die Menschen wegen ihrer Abstammung pauschal diskriminiert hat. In der Nazi-Zeit wurden Sinti und Roma verfolgt und ermordet; und in der jungen Bundesrepublik hat der Bundesgerichtshof mit seinen sogenannten ‚Zigeuner‘-Urteilen die Opfer verhöhnt, ihr Leid ignoriert und das Unrecht fortgesetzt.«

Die 68-seitige Broschüre kann kostenfrei beim Zentralrat Deutscher Sinti und Roma bestellt werden. Eine Online-Version zum Herunterladen ist angekündigt: Doppeltes Unrecht – eine späte Entschuldigung. Gemeinsames Symposium des Bundesgerichtshofs und des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma zu den Urteilen vom 7. Januar 1956. - Herausgeber: Die Präsidentin des Bundesgerichtshofs, Herrenstr. 45a, 76133 Karlsruhe, und Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, Bremeneckgasse 2, 69117 Heidelberg (http://zentralrat.sintiundroma.de/)

Die 68-seitige Broschüre kann kostenfrei beim Zentralrat Deutscher Sinti und Roma bestellt werden. Eine Online-Version zum Herunterladen ist angekündigt:
Doppeltes Unrecht – eine späte Entschuldigung. Gemeinsames Symposium des Bundesgerichtshofs und des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma zu den Urteilen vom 7. Januar 1956. – Herausgeber: Die Präsidentin des Bundesgerichtshofs, Herrenstr. 45a, 76133 Karlsruhe, und Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, Bremeneckgasse 2, 69117 Heidelberg (http://zentralrat.sintiundroma.de/)

So Stefanie Hubig, Staatssekretärin im Bundesjustizministerium, bei der Eröffnung des Symposiums »Doppeltes Unrecht – eine späte Entschuldigung«, das im vorigen Jahr gemeinsam vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und dem Bundesgerichtshof (BGH) durchgeführt wurde. Eine Broschüre mit den Redebeiträgen des Symposiums ist Anfang März 2017 erschienen.
Anlass war der 60. Jahrestag zweier BGH-Urteile vom 7. Januar 1956. Geklagt hatten Sinti, deren Anträge auf Entschädigung für die während der NS-Zeit erlittene Verfolgung mit der Begründung abgelehnt worden waren, sie seien nicht wegen ihrer »Rasse« verfolgt worden. Anspruch auf Entschädigung hatten nämlich nur »rassisch, religiös oder politisch Verfolgte«. Sinti und Roma, die nach dem 1. März 1943 nach Auschwitz deportiert worden waren, wurden meist als rassisch Verfolgte anerkannt. Vor diesem Stichtag durchgeführte Maßnahmen (Internierung in Lagern, Verhaftungen, Deportationen ins besetzte Polen) waren dagegen nach Auffassung des BGH, entgegen anderslautenden Urteilen von Gerichten der unteren Instanzen, ausschließlich aus sicherheitspolitischen, kriminalpräventiven und militärischen Gründen erfolgt.
Wenige Jahre, nachdem die deutsche Wehrmacht ganz Europa besetzt und verwüstet hatte, unterstellte das oberste BRD-Gericht den Sinti und Roma, ihnen sei »wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationsdrang eigen«, und rechtfertigte damit Verfolgungsmaßnahmen, die in einen Völkermord mit 500.000 Opfern gemündet hatten. Die BGH-Urteile von 1956 führten zum Ausschluss eines großen Teils der Sinti und Roma von Entschädigungszahlungen und setzten die Diskriminierung der Minderheit fort. Erst 1963 änderte sich die höchstrichterliche Rechtsprechung. In der Broschüre sind die beiden skandalösen Urteile im Wortlaut abgedruckt, zusammen mit einem Vortrag, in dem der pensionierte BGH-Richter Detlev Fischer über den Inhalt, die Vorgeschichte und die weitere Entwicklung hin zu den anderslautenden Urteilen ab 1963 berichtet.
Die Einbettung der BGH-Entscheidungen von 1956 in den Kontext eines erschreckenden Selbstverständnisses der Juristen an dem Gericht, das seit 1950 als oberste Instanz der BRD-Gerichtsbarkeit fungierte, beleuchtet der Rechtshistoriker Ingo Müller, Autor des bekannten Buches »Furchtbare Juristen«. Die am BGH tätigen Richter seien, so Müller, zum großen Teil schon während der NS-Zeit im Amt gewesen (1950: 68 Prozent, 1962: 77 Prozent). Ausdrücklich habe sich das Gericht in die Tradition des Reichsgerichts gestellt, von manchen Juristen sei es sogar als dessen direkte Fortsetzung betrachtet worden.
Die demokratiefeindliche Einstellung des Gerichts belegt Müller anhand von zwei Kontroversen, bei denen es um die Einstufung des Dritten Reichs als »Unrechtsstaat« (und damit um die Legitimität des Widerstands vom 20. Juli 1944) bzw. um die Kontinuität zwischen Drittem Reich und BRD ging. Abschließend konstatiert er eine seit den 1980er Jahren zu beobachtende Veränderung des juristischen Blickwinkels auch beim BGH und kommt zu dem optimistischen Fazit, dass seit rund 25 Jahren begründete Hoffnung bestehe, dass zwischen dem Dritten Reich und der BRD ein endgültiger Trennstrich gezogen sei.
Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, würdigte das Symposium als »Veranstaltung … (die) für unsere Minderheit eine historische Bedeutung hat«. Er wies darauf hin, dass die Urteile von 1956 nicht nur eine erneute Entrechtung der Sinti und Roma bedeuteten, sondern auch »richtungweisend (waren) für das Verhalten der Justiz bezüglich der Verfolgung der Täter und Organisatoren des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma«: Sie konnten unbehelligt ihre Karrieren fortsetzen.
Schließlich erinnerte Rose daran, wodurch eine wirkliche gesellschaftliche Veränderung angestoßen wurde: »durch die Bürgerrechtsarbeit und die Selbstorganisation der Minderheit, die mit dem historischen Hungerstreik von Überlebenden und von jungen Sinti an Ostern 1980 in der KZ-Gedenkstätte Dachau ihren Anfang nahm«. Die Hungerstreikenden forderten öffentlich die Anerkennung und Aufarbeitung des NS-Völkermordes an Sinti und Roma und die Behandlung als gleichberechtigte Bürger, die seit über 600 Jahren hier beheimatet sind. An die nicht zur Gruppe der Sinti und Roma gehörigen Menschen in diesem Land appellierte er: »Gerade wir als Minderheit sind darauf angewiesen, dass diese Rechte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern im Alltag auch eingelöst werden, dass sie mit Leben erfüllt werden. Dafür brauchen wir nicht zuletzt eine starke Zivilgesellschaft.«

Gelebter Schwur

geschrieben von Gerhard Hoffmann

13. Mai 2017

Der Befreiungstag in Buchenwald 2017

Viele Menschen waren schon am Morgen des 9. April 2017 auf dem Gelände der Gedenkstätte Buchenwald. Busse aus Berlin, Siegen, Dresden, Essen …, viele Familien, Gruppen, Einzelpersonen wollten den Tag gemeinsam begehen, an dem sich vor zweiundsiebzig Jahren die Häftlinge des Konzentrationslagers selbst befreit hatten.

Die Gedenktafel in Buchenwald am Block 8

Die Gedenktafel in Buchenwald am Block 8

In den Kinosaal der Gedenkstätte hatte die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora (LAG) zum 8. Treffen der Nachkommen eingeladen, das sich dem Thema »Jugendliche und Kinder im KZ Buchenwald« zuwandte. Zum Beginn des Treffens sahen die Teilnehmer emotional stark berührende Fotos von Jugendlichen und Kindern, teilweise von der Gestapo gefertigte erkennungsdienstliche Fotos, auch die »Häftlings-Personal-Karte« des neunjährigen Maurycy Grosberg, der als »Polit.[ischer] Pole-Jude« mit einer Körpergröße von 100 cm und von schwächlicher Gestalt beschrieben wurde. Mahnend endete das DVD-Einspiel mit einem Gegenwartsbezug, der Nennung von Zahlen getöteter und kriegsverletzter Kinder in Afghanistan aus dem Jahr 2016.
Günter Pappenheim, als Jugendlicher selbst Häftling in Buchenwald, ging in seiner Begrüßungsrede auf die hohen moralischen Ansprüche ein, denen sich jene Häftlinge stellten, die sich unter den komplizierten Bedingungen solidarisch um den Schutz der Jugendlichen und Kinder mühten In diesem Sinne begrüßte auch der Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD), Dominique Durand, die Anwesenden. Er umriss die Dimension der Verantwortung, die den Häftlingen nachfolgende Generationen zur Bewahrung des Vermächtnisses des antifaschistischen Kampfes zu tragen haben.
Sabine Stein, Leiterin des Buchenwaldarchivs, referierte faktenreich, wissenschaftlich fundiert und emotional ansprechend zum Thema. Interessiert und hoch konzentriert folgten die Anwesenden ihren Ausführungen.
Vier Weimarer Jugendliche liehen den Zeitzeugen Władysław Kożdoń, Jan Hartmann, Salek Falinower, Pavel Kohn, Michael Urich, Thomas Geve und Robert Büchler ihre Stimme.
Musikalisch begleiteten Thea und Anne Baumbach, Studentinnen der Musikhochschule Franz Liszt Weimar das Treffen.
Doris Zorn, Tochter des ehemaligen politischen Häftlings Otto Dambacher, verlas die Erklärung der Teilnehmer des Treffens, der die Teilnehmer mit Beifall zustimmten. Im Anschluss an das Treffen fand ein stilles Gedenken am Block 8, dem Kinderblock im Hauptlager, statt.
Für den Nachmittag hatte das IKBD zum Gedenken auf dem ehemaligen Appellplatz eingeladen. Im Mittelpunkt der vom stellvertretenden Direktor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau -Dora, Rikola Gunnar Lüttgenau, eingeleiteten Veranstaltung standen Reden ehemaliger Häftlinge, die als Vertreter ihrer Länder im IKBD wirken. Die Ansprache vom Ehrenpräsidenten des IKBD, Bertrand Herz, musste wegen seiner gesundheitlich bedingten Abwesenheit verlesen werden. Er würdigte besonders »die deutschen Antifaschisten, die als erste ihre Kameraden überzeugten, die Freiheit zu verteidigen.« Das »Europa der Hoffnungen mit all seinen Unzulänglichkeiten« sei nun in die Hände der nächsten Generationen gelegt, die es verbessern und verteidigen müssen.
Èva Pusztai aus Ungarn verwies darauf, dass die Willkür neue Formen angenommen habe und dass der menschlichen Würde ihr Recht zurückgegeben werden müsse. Für Gilberto Salmoni aus Italien war es wichtig, dass der Geist des Schwurs von Buchenwald in der Erinnerung bleibe. Naftali Fürst aus Israel unterstrich, dass nicht geschwiegen werden dürfe, wenn die Welt immer fanatischer werde. Die junge Generation müsse die Botschaft des Friedens weitertragen. In seiner mehrfach von Beifall unterbrochenen Rede stellte Günter Pappenheim fest, dass zweiundsiebzig Jahre nach dem Schwur von Buchenwald das Ziel nicht erreicht sei, die damaligen Forderungen jedoch höchste Aktualität besäßen.
Er sagte: »Den folgenden Generationen kommt die Aufgabe zu, das Mahnen und Gedenken in Buchenwald aufrecht zu erhalten. Das wird nur möglich sein, wenn im solidarischen Miteinander, über alle konfessionellen und weltanschaulichen Grenzen hinweg, jede Möglichkeit genutzt wird, dem dramatischen Wachsen rechtspopulistischer und neofaschistischer Haltungen und Taten konsequent Einhalt zu gebieten […] Dringend notwendig ist, dass den Nachfolgenden staatliche Unterstützung gewährt und die Möglichkeit geschaffen wird, gesamtgesellschaftlich wirksam zu werden.
Antifaschismus ist nichts Antiquiertes, Überlebtes, er muss ohne Einschränkung und ohne den Zeitgeist zu bedienen, an jüngere Generationen vermittelt werden – so, wie er gelebt, erlebt wurde.
Mahnen und Gedenken bedeutet, die Forderungen des Schwurs von Buchenwald in seiner Gesamtheit vor jeder Verfälschung zu bewahren und alles zu unternehmen, dass sie Wirklichkeit werden können. Es gibt am Schwur von Buchenwald nichts zu deuten, von niemandem!« Der ereignisreiche Tag fand mit dem stillen Gedenken am Glockenturm seinen würdigen Abschluss.

Die Zeitzeugen übergaben auf der Gedenkveranstaltung symbolisch ihr Vermächtnis an ihre Nachfolger im IKBD.
Dominique Durand betonte in seiner Rede, dass das antifaschistische Vermächtnis zu bewahren bedeute, sich für Brüderlichkeit und gegenseitigen Respekt einzusetzen sowie für eine bessere Welt zu kämpfen. Die faschistischen, rassistischen und antisemitischen Ideologien gehörten an den Pranger gestellt.

Ein Leben für das Leben

geschrieben von Hans Coppi

13. Mai 2017

Ingeborg Rapoport – Ärztin, Wissenschaftlerin und Antifaschistin

Im Mai 2015 verteidigte unsere Kameradin Prof. Dr. Ingeborg Rapoport in einem 45minütigen Prüfungsgespräch vor drei Professoren der Hamburger Universität ihre dort vor fast 80 Jahren eingereichte Doktorarbeit zu Lähmungserscheinungen infolge von Diphterie. Diese Arbeit war 1938 wegen der jüdischen Herkunft der Promovendin nicht zuge-lassen worden. Am 9. Juni 2015 erhielt sie die Promotionsurkunde mit der Gesamtnote Magna cum Laude. Chapeau!

Ingeborg Rapoport

Ingeborg Rapoport

Mit 102 Jahren verteidigte sie den Doktortitel nicht um ihrer selbst willen. Sie wollte vor allem an all die jüdischen Mediziner erinnern, deren wissenschaftliche Laufbahn 1933 jäh und oft auch für immer unterbrochen wurde. Mit der Übergabe der Promotionsurkunde würdigte die Universität das exzellente Wissen der Kinderärztin und erkannte zugleich das von der Hamburger Alma Mater den jüdischen Studenten und Ärzten zugefügte Unrecht an. Diese Haltung gehört nunmehr zu einer vielfältig gewachsenen antifaschistischen Erinnerungskultur, inzwischen von AfD über Pegida bis in die Neonaziszene geschmäht und angegriffen.
Im September 938 gelang es der Assistenzärztin am jüdischen Krankenhaus, dank der Bürgschaft entfernter Verwandter, ein Einreisevisum für die USA zu erhalten. Ihr medizinisches Staatexamen wurde im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht anerkannt. Es fehlte der in Hamburg verhinderte »Dr. med«. Mithilfe eines Stipendiums konnte sie nach zwei Jahren am Women`s College in Pennsylvania den »Medical Doctor« erwerben. Dort freundete sich Ingeborg mit einer hochgebildeten Mitstudentin an, die sich für soziale Gerechtigkeit, die Rechte von Schwarzen und Minderheiten einsetzte und sich gegen den Hitlerfaschismus empörte. Zum ersten Mal traf sie eine Linke, die der deutschen Immigrantin die Augen öffnete über die »Rassentrennung« von Weißen und Schwarzen. Bei Praktika in Krankenhäusern erlebte sie Patienten, auch Kinder, denen sie nicht mehr helfen konnte, da sie durch armutsbedingte Krankheiten starben. Ihre Fragen nach den Ursachen dieser gesellschaftlichen Misere führten die angehende Ärztin weiter nach links.

2002 erschienen ihre Memoiren: »Meine ersten drei Leben«.

2002 erschienen ihre Memoiren: »Meine ersten drei Leben«.

In ihrer Ausbildung traf die Assistenzärztin indes auf hervorragende Lehrer. Ihr Wunsch Kinderärztin zu werden, verbunden mit ihrer Neigung in der Forschung zu arbeiten, erfüllten sich an der University of Cincinnati. Dort erlebte sie eine »Atmosphäre des großen Fragens« und den »Rausch einer forschungsorientierten Medizin.« Bald begegnete sie dem aus Österreich geflohenen Biochemiker Mitja Rapoport. Ein großartiger Wissenschaftler, Lehrer und ein überzeugter Linker. Mit 19 Jahren kämpfte er in Wien gegen die rechtsradikale Heimwehr und wurde Kommunist. Mit Duldung des ihm wohlgesonnenen Direktors konnte er nach der allgemeinen Arbeitszeit illegal seine Forschungsarbeiten im medizinisch-chemischen Institut durchführen. Ein Professor aus Cincinnati interessierte sich für seine Arbeiten und schuf die Voraussetzungen, dass er an der Uni arbeiten konnte.
Ingeborg und Mitja Rapoport wurden ein Paar. Sie erwarben nach einer Prüfung über die USA-Geschichte und die Verfassung des Landes die Staatsbürgerschaft. Ebenso ihre in Cincinnati geborenen Kinder Tommy, Meiki und Fufu. Ihre Eltern schlossen sich der kleinen und angefeindeten Kommunistischen Partei an. Als sie 1950 erfuhren, dass sie vor dem »Komitee für unamerikanisches Verhalten« aussagen sollten, entschlossen sie sich mit ihren Kindern sofort zur Flucht nach Österreich.
Die Berufung Mitja Rapoports als Professor zog die Universität in Wien auf Druck des CIA bald zurück. 1952 erreichte den inzwischen weltbekannten Biochemiker der Ruf an die Humboldt-Universität. 1953 erhielt Ingeborg Rapport ihre Approbation als Fachärztin für Kinderheilkunde. 1959 habilitierte sie sich am Institut für Biochemie, arbeitete seit 1960 an der Kinderklinik der Charité, wurde 1964 ordentliche Professorin für Pädiatrie und war ab 1969 bis zu ihrer Emeritierung im Jahre 1973 Inhaberin des ersten europäischen Lehrstuhls für Neonatologie.
Rapoports haben 1990 mit vielen anderen den Bund der Antifaschisten in Pankow gegründet. Sie wandten sich gegen die Mär vom »verordneten Antifaschismus«. Auf Vorträgen und in öffentlichen Diskussionen verteidigte und pries Ingeborg Rapoport das DDR-Gesundheitssystem für seine Gleichbehandlung aller Patienten. Es sei die beste Gesellschaft, die sie erlebt habe, war ihr Resümee eines erfüllten langen Lebens. Am 23. März verstarb die Ärztin, Wissenschaftlerin und Antifaschistin im Alter von 104 Jahren. Eine wunderbare Frau.

 

Bei youtube findet sich ein Interview mit Ingeborg Rapoport: https://www.youtube.com/watch?v=g104rimDXAw

Papst und Duce

geschrieben von Axel Holz

10. Mai 2017

Papst Pius XI. hat Mussolinis Machtausbau gefördert

In Bezug auf das Verhältnis von Papsttum und Faschismus ist Rolf Hochhuts Drama »Der Stellvertreter« bekannt, in dem die Kollaboration des Papstes Pius XII. mit den Nazis offengelegt wird. Dieser Papst war bereits als Kardinalsstaatssekretär seines Vorgängers tätig, des Papstes Pius XI., der zeitgleich mit Mussolini 1922 an die Macht kam. Über diesen Papst war bisher überwiegend Positives bekannt, wie dessen Enzyklika »Mit brennender Sorge«. Das päpstliche Rundschreiben behandelt die bedrängte Lage der römisch-katholischen Kirche in Deutschland und verurteilt Politik und Ideologie des NS-Regimes.

David Kertzer: Der erste Stellvertreter: Papst Pius XI. und der geheime Pakt mit dem Faschismus, 608 Seiten, Theis Verlag, 38 Euro

David Kertzer: Der erste Stellvertreter: Papst Pius XI. und der geheime Pakt mit dem Faschismus, 608 Seiten, Theis Verlag, 38 Euro

Auf der Basis von Akten aus den erst 2006 geöffneten vatikanischen Archiven kommt der Pulitzerpreisträger David I. Kertzer nun zu einem differenzierteren Bild, in dem er zeigt, wie Pius XI. bereits ab 1922 die Weichen pro Faschismus stellte. Beide Personen konnten kaum unterschiedlicher sein. Mussolini war tief antiklerikal eingestellt und hatte als brutaler Schläger Aufmerksamkeit gefunden. Der Papst war eher intellektuell introvertiert, ein Bücherwurm, der die vatikanische Bibliothek geleitet hatte, war zugleich herrschsüchtig, aufbrausend und duldete keinen Widerspruch. Der Papst neigte zu langen Monologen, lehnte Fotos mit ihm außerhalb der Kurie ab und mied Telefonate. In einem waren sich das 65-jährige Kirchenoberhaupt und der 39-Jährige Duce bei ihrem Machtantritt aber einig. Beide hatten eine tiefe Angst vor dem Kommunismus und beide sahen in der Demokratie etwas Schlechtes, weil die Menschen der Obrigkeit gehorchen sollten statt sie in Frage zu stellen. Und beide waren aufeinander angewiesen – Mussolini um seine Macht zu sichern und der Papst, um den katholischen Glauben zu stärken und die Position des Vatikans rechtlich zu sichern. Mussolini kam dem Papst entgegen, in dem er Kruzifixe in Klassenzimmern und Krankenhäusern aufhängen ließ, die Abwertung der katholischen Kirche zum Straftatbestand erhob, Priester und Bischöfe besser materiell versorgte und dem Klerus Millionen Lira zur Restaurierung ihrer Kirchen zukommen ließ. Andererseits gingen Mussolinis faschistische Schläger nicht nur gegen Oppositionelle mit Massenterror vor, sondern auch gegen die Katholische Aktion des Papstes. Dennoch hatte Papst Pius XI. dem faschistischen Regime dem Weg geebnet und speziell in der Phase nach der Ermordung des sozialistischen Politikers Giacomo Mateotti Mussolinis Macht gerettet, als dieser kurz vor dem Sturz stand. Erst danach wurden alle Parteien außer der faschistischen Partei verboten, einschließlich der vom Papst kreierten katholischen Partei. Der Papst sah im Duce den staatlichen Partner für eine Rechristianisierung Italiens. Beide kommunizierten fast wöchentlich über einen jesuitischen Mittelsmann. Papst Pius hatte wiederum ein großes Interesse daran, den rechtlichen Status des Vatikans zu klären, der seit der Besetzung Roms und anderer vatikanischer Gebiete durch den italienischen König im Jahre 1870 ungeklärt war, was zur Exkommunizierung des Königs führte. Durch die Lateranverträge zwischen dem Papst und Mussolini wurde 1929 die Trennung von Staat und Kirche vollzogen, die Vatikanstadt mit weiteren Gebäuden als eigener Staat anerkannt und Italien wieder zu internationaler Anerkennung verholfen. Papst Pius versuchte auch über Mussolini Einfluss auf Hitler zu gewinnen, um sich in Nazideutschland für eine Verbesserung der Situation der katholischen Kirche einzusetzen, etwa für die katholischen Schulen. Nach der Schaffung der Achse Deutschland-Italien wollte Mussolini solchen Wünschen nicht mehr entgegenkommen. Ebenso wenig war Mussolini bereit, der Forderung des Papstes nach Anerkennung katholischer Mischehen mit jüdischen Konvertiten nachzukommen. Der katholische Antisemitismus des Papstes wirkte letztlich nicht weniger ausgrenzend, als der rassische Antisemitismus, den Mussolini 1938 mit antisemitischen Gesetzen nach deutschem Vorbild etablierte. Diese Geister konnte der Papst auch zum Schluss seines Lebens nicht mehr bannen, als er sich in einer Enzyklika gegen den Antisemitismus wendete. Nach seinem Tod ließ Kardinalstaatssekretär Pacelli die bereits für die Bischöfe geduckten Exemplare und die Notizen zweier Reden dazu verschwinden. Einige Dokumente zum Pontifikat Pius XI. sind bis heute nicht zugänglich.

 

Der Chef der »Eisernen Garde«

geschrieben von Gerald Netzl

10. Mai 2017

Eine Biographie des rumänischen Faschistenführers Corneliu Codreanu

Im Vorjahr erschien die erste wissenschaftliche Biografie über den bei uns wenig bekannten rumänischen Faschistenführer Corneliu Codreanu (1899-1938). Seine »Eiserne Garde« ist uns ein Begriff, dass Codreanu in seinem Land einst so populär wie Adolf Hitler und Benito Mussolini in ihren war, dagegen kaum.

»Capitan Codreanu - Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers« von Oliver Jens Schmitt. Zsolnay Verlag, 336 Seiten, 26 Euro

»Capitan Codreanu – Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers« von Oliver Jens Schmitt. Zsolnay Verlag, 336 Seiten, 26 Euro

Rumänien zählte zu den Siegerstaaten des Ersten Weltkriegs dessen Staatsfläche sich fast verdoppelte, das Staatsvolk wurde dadurch jedoch inhomogener. Knapp 30 % der Bevölkerung gehörten einer ethnischen oder religiösen Minderheit an: Ungarn, Deutsche, Bulgaren, Ukrainer, Russen, Türken und Juden. Nach dem Krieg lagen Wirtschaft und Verkehr, Bildungswesen und Staat darnieder. Der Geheimdienst war in der Zwischenkriegszeit die am besten funktionierende Bürokratie. Parteien des linken Spektrums waren lange ohne Bedeutung, trotzdem gab es bis 1920 immer wieder Streikwellen. Die Angst der tiefreligiösen bäuerlichen und der schwachen bürgerlichen Klassen vor der bolschewistischen Revolution musste nur geschürt werden. So erklärt sich die Sympathie und Unterstützung für Codreanus »Legion« durch den orthodoxen Klerus. Wie Hitler setzte Codreanu Bolschewismus und Judentum gleich. Codreanu stand für eine faschistische »Internationale«, die alle Gegner der Juden vereinigte. Von der NSDAP selbst wurde die »Legion« allerdings nicht unterstützt.
Nach Hitler und Mussolini war Corneliu Codreanu der dritte charismatische Führer des Faschismus im Zwischenkriegseuropa. Schon als Militärschüler, und dann als Jus-Student im ostrumänischen Iasi hatte er ein gefestigtes Weltbild. Ab 1920 agitierte er gemeinsam mit anderen antisemitischen Studenten an den Universitäten, aber auch mit gleichgesinnten Arbeitern, ging kurz zum Studium nach Berlin und Jena, von wo er das Hakenkreuz als Kampfzeichen mitbrachte, und kehrte 1923 nach Hause zurück. Am 24. Oktober 1924 erschoss er einen Polizeipräfekten, wurde jedoch freigesprochen. Keine Überraschung: Alle Geschworenen trugen die Swastika am Revers. In der Untersuchungshaft entwickelte der tiefreligiöse, streng asketisch lebende Codreanu das Konzept einer Jugendorganisation namens »Legion des Erzengels Michael«, die er dann 1927 tatsächlich gründen wird. 1930 ging aus der Legion die »Eiserne Garde« als deren militärische Elite hervor. Sinnigerweise gegründet am Palmsonntag. Interessant: Die Legionäre trugen Grünhemden. Die Entwicklung dieser Legion verlief nicht linear, der Aufstieg war immer wieder von schweren Krisen und zeitweiligen Verboten gebremst.
Trotz schwacher Industrialisierung erfasste die Weltwirtschaftskrise das Land und erschütterte auch das ohnehin wenig demokratisch-entwickelte politische System. König Carol II. deckte ein durch und durch korruptes System. Genau hier bot der Moral predigende und persönliche Bescheidenheit lebende Codreanu eine glaubwürdige Alternative mit dem Ziel einer »Volksgemeinschaft« von Bauern, Arbeitern und Intellektuellen. Die Fragmentierung des politischen Systems machte es dem König leicht zu regieren. Ende November 1938 ließ Carol Codreanu, der ihm zu gefährlich geworden war, umbringen und die Eiserne Garde verbieten. Im Krieg erstarkte die Garde erneut und war kurze Zeit an der Regierung beteiligt, dann allerdings unter ganz anderen Bedingungen. Leider fehlt der Platz, die Ereignisse detailliert wiederzugeben…
Der Autor kommt zum Schluss »Führerkult, extremer Nationalismus, Antisemitismus, xenophobe Minderheitenfeindlichkeit, kollektivistisches Denken in Gesellschaft und Wirtschaft, Antiliberalismus, Antidemokratismus, Antiokzidentalismus prägten die folgenden drei Diktaturen des Königs, der Armee und der Kommunisten zwischen 1938 und 1989. Die Armeediktatur hat überdies den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung begangen.«
Dem sehr interessanten, leider wenig bebilderten Buch fehlen Landkarten, um die erwähnten Städte und Regionen zu verorten. Es erweitert trotzdem den Wissenshorizont.

Der rumänische General Ion Antonescu putsche 1941 gegen den König und proklamierte zusammen mit der »Eisernen Garde« den »National-Legionären-Staat«. Das Bild zeigt ihn bei einem Treffen mit Adolf Hitler im Juni 1941 in München.

 

Lidice bleibt ein Mahnmal

geschrieben von Ulrich Schneider

10. Mai 2017

Vor 75 Jahren wurde der Ort durch Wehrmacht und SS zerstört

Lidice, der Name dieses Ortes ist in aller Welt ein Begriff für die deutsche faschistische Barbarei gegen das tschechische Volk. Ein kleiner Arbeiterwohnort nahe Prag wurde am 9./10. Juni 1942 zum Objekt der Rache des Okkupationsregimes. Nach dem erfolgreichen Attentat gegen SS-Obergruppenführer und General der Polizei, Reinhard Heydrich, den man im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren nur »den Henker« nannte, wurde in Berlin für den Ort Lidice folgende »Sühnemaßnahme« beschlossen:
1. Alle männlichen Erwachsenen sind zu erschießen,
2. alle Frauen sind in ein Konzentrationslager zu überführen,
3. die Kinder zu sammeln und, soweit »eindeutschungsfähig«, an SS-Familien ins Reich zu geben. Der Rest soll einer anderen Erziehung zugeführt werden.
4. Die Ortschaft ist niederzubrennen und dem Erdboden gleichzumachen.
Begründet wurde diese verbrecherische Anweisung mit der Behauptung, die Attentäter hätten Unterstützer in dieser Ortschaft gehabt.
SS-, Schutzpolizei und Wehrmachtseinheiten begingen das Verbrechen gemeinsam. 173 Männer wurden erschossen, 198 Frauen und 98 Kinder wurden deportiert. Die 93 Häuser niedergebrannt, nachdem zuvor die bewegliche Habe und das Vieh zu Gunsten des Deutschen Reichs geraubt worden waren. Bürokratisch korrekt wurden alle Maßnahmen der Vernichtung abgerechnet. Eine Ortschaft mit dem Namen Lidice sollte nicht mehr existieren.
Die Nachricht von diesem Massaker verbreitete sich in aller Welt. Spontan beschlossen Orte in den USA, selbst auf Kuba und in Brasilien, sich in Lidice umzubenennen. US-Präsident Franklin D. Roosewelt erklärte: »Der Name der Stadt Lidice wird eine immerwährende Erinnerung für uns sein, dass die Gewalt der Nazis weder die Liebe zur Freiheit noch den Mut, sie zu verteidigen, zerstören kann.« Diese Worte schickte er an die Gemeinde Stern Parks Garden (Illinois) anlässlich deren Umbenennung.
Künstler und Schriftsteller – insbesondere aus dem deutschsprachigen Exil – nahmen sich des Themas an. Thomas und Heinrich Mann, Hans Marchwitza, Alfred Kantorowitz und viele andere beschrieben ihre Reaktionen in Erzählungen, Essays oder Theaterstücken. Bertolt Brecht, Hans Eisler und Fritz Lang realisierten gemeinsam den Film »Hangmen Also Die« über das Attentat auf Heydrich.
Sehr früh entwickelte sich eine internationale Bewegung »Lidice shall live«, die einerseits die Erinnerung an dieses Verbrechen lebendig halten und andererseits sich für den Wiederaufbau der Gemeinde nach der Zerschlagung des deutschen Faschismus einsetzen wollte. Eine der wohl emotionalsten Veranstaltungen war die Lidice-Versammlung am 12. März 1944 in der zerstörten Kathedrale von Coventry, einer Stadt, die zum Synonym für deutsche Luftangriffe auf Städte und Zivilbevölkerung wurde (»coventrysieren«). Auch die britische Gewerkschaftsbewegung sammelte Geld, das 1947 von schottischen Bergarbeitern zum Wiederaufbau der Gemeinde übergeben wurde. So entstand Anfang der 50er Jahre am Rande des historischen Areals das neue Dorf Lidice. Als Ort der Erinnerung wurde 1955 ein Rosengarten angelegt, der bis heute existiert.
Die Erinnerung an diesem Ort wurde vielfach durch politische Entwicklungen überlagert. Die CSSR pflegte das Gedenken, hatte jedoch Probleme, die Ende der 60er Jahre international gesammelten Kunstwerke »pro Lidice« wegen unterschiedlicher Kunstauffassungen angemessen zu würdigen. Als sich eine Öffnung andeutete, wurde diese durch die politische Wende 1989/90 blockiert, da die neue Regierung kein Interesse an der Bewahrung dieses Erinnerungsortes zeigte. Es dauerte fast zehn Jahre, bis durch den deutsch-tschechischen Zukunftsfond Mittel zum Neubau einer Begegnungsstätte und zur Neugestaltung der musealen und pädagogischen Bereiche bereitgestellt wurden. Seit einigen Jahren wird die Gedenkstätte als Teil des tschechischen Kulturministeriums wieder angemessen ausgestattet. Zusätzlich haben Spenden und Fördermittel dazu beigetragen, dass beispielsweise die eindrucksvolle Skulptur von Marie Uchytilova für die Kinder von Lidice fertig gestellt werden konnte. Die Delegierten des FIR-Kongresses konnten sich im November 2016 von dem guten Zustand des Gedenkortes überzeugen.
Für 2017 ist angesichts des 75. Jahrestages ein großes internationales Treffen geplant, an dem auch Lidice-Initiativen aus verschiedenen europäischen Ländern, u.a. aus Bremen und Berlin erwartet werden. Auch die FIR wird mit einer Abordnung vertreten sein.

»Casa Brecht« in Uruguay

geschrieben von Raina Zimmering

7. Mai 2017

Kulturzentrum mit Wurzeln in der antifaschistischen Emigration

Montevideo ist ein Paradies für Künstler aller Genres, das sich unter den Bedingungen demokratischer und kulturfreundlicher Traditionen, wie liberaler Denkfreiheit, staatlicher Subventionierung von Kunst und Kultur, eines ausgebauten Bildungssystems und der Pressefreiheit herausbilden konnte. Auch wenn diese Atmosphäre in der Geschichte immer wieder durch Kriege und Diktaturen unterbrochen wurde, so gehört zu Montevideo eine blühende Kulturszene, die z.B. durch Maler wie Juan Manuel Blanes, Pedro Figari, Rafael Barradás und José Gurvich und Schriftsteller wie José Enrique Rodó, Mario Benedetti und Eduardo Galeano, bekannt ist. Die Künstler wirkten weit über den Rahmen ihres Landes stilbildend in der ganzen Welt. Ein breites Netz von Museen, Buchläden, Galerien, Bibliotheken, Zeitschriften, Kunstwerkstätten, Theatern, insbesondere das »Teatro Solis«, das älteste und eines der größten Theater Südamerikas, zeugt von der Kultur- und kunstfreundlichen Atmosphäre in Montevideo. Künstler und Kulturschaffende gehörten oft zum progressiven Teil der Gesellschaft. Ein Beispiel ist Eduardo Galeano mit dem Buch »Die offenen Adern Lateinamerikas«, das zur Grundlagenliteratur der historischen Entwicklung Lateinamerikas gehört.

Die gegenwärtige Regierung der Frente Amplio in Uruguay (Breite Front, die seit 2004 an der Regierung ist und eine Mitte-Links-Vereinigung politischer Parteien darstellt, wie der Sozialistischen Partei, ehemaliger Tupamaros, der Kommunistischen Partei und linker Christdemokraten) trug dazu bei, dass sich die Kunst- und Kulturszene im Land gut entwickeln konnte.

Die gegenwärtige Regierung der Frente Amplio in Uruguay (Breite Front, die seit 2004 an der Regierung ist und eine Mitte-Links-Vereinigung politischer Parteien darstellt, wie der Sozialistischen Partei, ehemaliger Tupamaros, der Kommunistischen Partei und linker Christdemokraten) trug dazu bei, dass sich die Kunst- und Kulturszene im Land gut entwickeln konnte.

In diese Szene ordnet sich das uruguayisch-deutsche Kulturinstitut »Casa Bertolt Brecht« (Bertolt Brecht-Haus) ein. Bertolt Brecht ist in Uruguay kein Unbekannter, seine Stücke werden in den zahlreichen Theatern in Montevideo gespielt, es finden Lesungen statt und seine Werke wurden ins Spanische übersetzt. Sicher trug die deutsche antifaschistische Immigrantengemeinschaft während des Zweiten Weltkrieges und danach zu seiner Verbreitung erheblich bei. Die »Casa Bertolt Brecht« liegt im Zentrum von Montevideo in einer sehr schönen Gründerzeitvilla auf der von Platanen bewachsenen Strasse Andés, nicht weit weg vom »Teatro Solis« und nahe des Hauptplatzes von Montevideo, der »Plaza Intependencia«, auf dem sich das Mausoleum mit General José Artigas befindet, der den Unabhängigkeitskampf Uruguays gegen Spanien anführte.
Die »Casa Bertolt Brecht in Montevideo« ist ein gemeinnütziger uruguayischer Verein, der sich zum Ziel gestellt hat, die Werke von Brecht in Uruguay bekannt zu machen, die interkulturelle Kommunikation, den Kulturaustausch zwischen Uruguay und Deutschland und die Vermittlung der deutschen Sprache zu fördern. Außerdem gehört es zu seinen Grundsätzen, einen Raum für politische Bildung, politische Aufklärung, den Austausch zwischen den Generationen zu schaffen.
Die Geschichte der Casa Brecht
Ursprünglich handelte es sich bei diesem Institut um die »Freundschaftsgesellschaft Uruguay – DDR – Bertolt Brecht-Haus«, das 1964 von einer Gruppe links eingestellter antifaschistischer uruguayischer Initiatoren wie Guillermo Israel und Ernesto Kroch gegründet wurde. Die Initiatoren gingen zum großen Teil aus dem »Deutschen Antifaschistischen Komitee« hervor, das sich während des Zweiten Weltkrieges aus vom nationalsozialistischen Deutschland Vertriebenen und geflüchteten Antifaschisten zusammen setzte und in dem heutigen Brechthaus, der »Casa Rosenberg« in der Calle Andes, seinen Sitz hatte. Nach dem Krieg wurde das Komitee geschlossen, doch blieb es weiterhin ein Zentrum der politischen Diskussion und des ideellen Austausches zwischen den antifaschistischen MigrantInnen mit deutschen und jüdischen Wurzeln, die in Uruguay geblieben waren. 1964 schließlich wurde die »Freundschaftsgesellschaft Uruguay – DDR. das Brecht-Haus«, kurz in Spanisch »Casa Brecht« gegründet. Es widmete sich dem kulturellen Austausch zwischen beiden Ländern, in dessen Rahmen die Werke von Brecht bekannt gemacht wurden, Lesungen von deutschen und uruguayischen Schriftstellern und verschiedene Ausstellungen von Künstlern beider Länder stattfanden. Der Deutschunterricht war auch ein wichtiges Angebot des Hauses. 1973, ein Jahr nach dem Militärputsch in Uruguay, wurde das Brechthaus von der Militärregierung geschlossen und die Mitglieder des Direktivrates verhaftet. Trotz des Privatbesitzes der Immobilie durch Lidia Zahari konfiszierten die Militärs das Haus und das Mobiliar, richteten dort ein Kinderheim ein und übergaben die Bibliothek der Botschaft der BRD. Nach der Rückkehr zur Demokratie 1985 wurden dem Institut die Immobilie und das Mobiliar von der Colorado-Regierung (Liberale Partei) zurückgegeben. Zu dem regen Kulturaustausch zählten nun wieder Lesungen und Theateraufführungen der Werke von Bertolt Brecht. Bekannte uruguayische und deutsche Künstler, wie Herbert Otto, Mario Benedetti und Eduardo Galeano, stellte dort ihre Arbeiten vor. Die Besitzerin der Immobilie schenkte diese Ende der 1980er Jahre dem Institut.
Nach der Übernahme der DDR durch die BRD 1990 stand das Institut vor dem Problem »zu schließen oder weiter zu machen.« Am 7. Februar 1990 entschied der Direktivrat einstimmig, weiter zu machen, nun auf einem eigenen Weg, der auch bis dahin noch nicht ausgeschöpfte kulturelle Ressourcen ermöglichte. Für Uruguay, das einen Mangel an progressiven Kulturinstituten nachwies, war das eine Bereicherung. Der Privatbesitz der Immobilie ermöglichte eine vom Goethe-Institut unabhängige Entwicklung und konnte von diesem nicht, wie andere Kultur-Institute der DDR nach 1990, übernommen werden. Neue Partner in Deutschland zu finden, war für das Brecht-Haus nicht einfach. Zu diesen zählten die Alexander von Humboldt-Gesellschaft aus Berlin, verschiedene politische Stiftungen wie die Rosa Luxemburg-Stiftung und die Heinrich-Böll-Stiftung, und die Evangelische Akademie Bad Böll. In den letzten Jahren kamen neue Kooperationspartner wie die NGO »Umverteilen«, das Goethe-Institut, die deutsche Botschaft in Uruguay, die NGO »Brot für die Welt«, das Inkota-Netzwerk, RedVIDA und »Global Greengrants« aus den USA dazu. In Uruguay kooperiert die »Casa« mit einer Reihe von Organisationen und sozialen Bewegungen. Sie nimmt an der »Nationalen Kommission zur Verteidigung des Wassers« und dem Programm für »Volksbildung Serpai y Amnestía Internacional« teil und kooperiert mit der Nationaluniversität der Republik Uruguay über den gegenwärtigen Sekretär der »Casa«, den Soziologen und Umweltspezialisten Prof. Dr. Javier Taks. Das Institut ist auf den Weltsozialforen unter dem zapatistischen Slogan »Eine andere Welt ist möglich« präsent.
Die »Casa Brecht« will besonders sozialen Bewegungen, die die neoliberale und konservative Entwicklung kritisieren, eine Plattform bieten und sie unterstützen. Dazu gehörte z.B. die Unterstützung des Volksentscheids gegen die Wasserprivatisierung in Uruguay 2004. Es gelang tatsächlich, u.a. durch Diskussionsveranstaltungen und mithilfe einer Dokumentation der »Casa« mit dem Titel »Las Canillas Abiertas de América Latina« (Die offenen Hähne Lateinamerikas) eine Privatisierung abzuwenden. Hier wurde dargestellt, dass Wasser als öffentliches Gut und als Menschenrecht für alle zu betrachten ist, das nicht in private Hände geraten darf. Auch der Volksentscheid gegen die Herabsetzung des Strafalters für Jugendliche »No a la baja« war erfolgreich. Die »Casa Brecht« führte zu diesem Thema verschiedene Seminare durch und erstellte eine Dokumentation unter dem Titel »Medidadas No Privativas de Libertad en Adolescentes« (keine Freiheitsentzug für Minderjährige) zusammen.
Der Deutschunterricht der »Casa Brecht« ist eine wichtige Kulturressource, aber auch eine Finanzquelle. Nach 1990 war das Erstellen neuer Lehrtexte, die durch die »Casa« editiert wurden, eine echte Herausforderung. Die Arbeiten an den Texten durch Ruth Dieschi, Virginia Puntigliano und Dieter Schonebohn mit ihren breiten Erfahrungen als Deutschlehrer, Linguisten und Übersetzer waren dabei von unschätzbarem Wert.

Aus der Kultur- und Bildungsarbeit des Hauses
Die »Casa Brecht« bietet ein breites Spektrum von kulturellen, politischen und Bildungsveranstaltungen an. Sie produziert Videos, verfasst Radio – Sendungen, führt Seminare, Projekte, graphische Kampagnen, Fotoausstellungen und Buchlesungen durch, hat einen eigenen Web-Auftritt und publiziert eigene Bücher.
Das Brecht-Haus kann auf eine Reihe von Publikationen, die ihrem Anliegen der kulturellen und politischen Bildung dienen, zurückblicken. Eines der jüngsten Bücher, ist das zum 100. Geburtstag von Ernesto Kroch, dem Gründer der »Casa Brecht«. Aber auch die Autobiographie von Ernesto Kroch mit dem Titel » Reencuentro y otros desencuentos« (Wiederbegegnungen und andere Entfremdungen) wurde mit Unterstützung des Brecht-Hauses beim Verlag Ediciones de La Banda Oriental 2012 herausgegeben. Hier beschreibt Ernesto Kroch, wie er in Breslau geboren, als deutsch jüdischer Kommunist, Gewerkschafter und politischer Aktivist, von den Nazis mit 17 Jahren ins Gefängnis und später ins KZ gesteckt wurde, unter der Bedingung Deutschland zu verlassen frei gelassen wurde, über Jugoslawien, Frankreich und Italien nach Uruguay flüchtete und in Montevideo in der Metallarbeitergewerkschaft und der Kommunistischen Partei aktiv wurde. Nach dem Militärputsch in Uruguay von 1973 ging er in den widerständischen Untergrund. Sein Sohn wurde von den Militärs verhaftet und jahrelang im Gefängnis festgehalten. Schließlich floh Ernesto Kroch 1982 über Brasilien in die BRD, wo er politisch wieder in der Gewerkschaft aktiv wurde. Doch wurde er in der BRD nicht heimisch und schon drei Jahre später, nach dem Ende der uruguayischen Diktatur, zog es ihn wieder nach Uruguay. Nun widmete er sich erneut der Arbeit in der wieder geöffneten »Casa Brecht«, unterstützte die progressive Regierung von Montevideo und beteiligte sich an Stadtteilarbeitsprojekten in den armen Wohnvierteln. In seinem Buch schreibt er über die Wege eines Migranten, der zweimal in seinem Leben gewaltsam vertrieben, jeweils freundlich in anderen Ländern aufgenommen wurde, sich immer politisch aktiv engagierte und sich immer mit dem »Fremd-Sein« auseinandersetzte. Dass er in seiner alten Heimat wiederum Fremdheitserfahrungen durchmachte, überraschte ihn selbst. Zurückgekehrt nach Uruguay hielt er jedoch seine Kontakte nach Deutschland aufrecht und kehrte oft dorthin zurück, um Vorträge in Schulen und bei Attac zu halten.
Mit all seinen Aktivitäten ist die »Casa Brecht« ein wichtiger Bestandteil der Kulturlandschaft Montevideos und Uruguays, die mit ihrem anspruchsvollen Programm und ihrer Ausstrahlung auf die Bevölkerung nicht wegzudenken ist. Umso unverständlicher ist es, dass die »Casa Bertolt Brecht« auf der Website der deutschen Botschaft in Montevideo nicht neben dem Goethe-Institut genannt, sondern verschwiegen wird. Ist das ein Überbleibsel der »Hallstein-Doktrin« oder Voreingenommenheiten gegenüber sozialen Bewegungen, insbesondere denjenigen, die gegen Privatsierungsobjekte von »Common Goods« wie Wasser und Elektroenergie oder gegen die Errichtung öko-ökonischer Zonen, an denen sich der Leiter der »Casa Brecht« Javier Taks direkt beteiligt, gerichtet sind?

Dem Erbe von Bertolt Brecht wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Zu nennen wäre besonders das Brecht-Archiv, das als Gewinner des »Wettbewerbsfonds für Kultur« des »Instituts für Kultur und Bildung in Uruguay« 2015 finanzielle Zuwendungen erhält. Das Archiv widmet sich der Verbreitung der Brecht-Werke und deren Rezeption und Dokumentationen aus den Jahren 1957 bis 1973 in Form von Video-Aufzeichnungen über Theateraufführungen und Interviews mit Schauspielern, Regisseuren, Bühnenbildnern und Musikern, die über die Website des Hauses der Allgemeinheit zugängig sind. Auch kann man Plakate, Programme, Fotografien und Pressemitteilungen zu den verschiedenen Brechtaufführungen, besonders in Uruguay und Deutschland, ansehen.

Zum 60. Todestag von Bertolt Brecht fand eine Hommage mit Künstlern im Atahualpa-Saal des Teatro Galpón statt.

← Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten →