Orte der Shoah in Polen

geschrieben von Gerald Netzl

23. März 2017

Ein kritischer Diskurs über Gedenkorte und Erinnerungskultur

Polen betreut ein schwieriges Erbe. Eine Vielzahl von Gedenkstätten erinnert an die Ermordung der europäischen Juden während der deutschen Besatzung. Im Buch »Orte der Shoah in Polen« werden ausgewählte Orte vorgestellt und diskutiert: Chełmno, Bełżec, Sobibór, Treblinka, Majdanek, Płaszów und Oświęcim repräsentieren verschiedene Phasen, Formen und Bedingungen der Shoah. Sie haben zudem eine individuelle Nachgeschichte und unterscheiden sich auch heute durch ein jeweils eigenes Erscheinungsbild.
Der Band vermittelt einen Überblick über die Geschichte dieser Orte und fragt nach der Wechselbeziehung zwischen den historischen Ereignissen und der Gestaltung der Orte von 1943 bis in die Gegenwart. Ergänzt wird die Auseinandersetzung mit den Gedenkstätten durch übergreifende Texte, die etwa nach der Rolle der Fotografie in Ausstellungen, der Problematik des sprachlichen Umgangs mit der Shoah und der Würde von Opfern und BesucherInnen in Gestaltungskonzepten fragen. Der Autor dieses Artikels hat 2012 und 2014 die meisten der diskutierten Orte besucht.
In Oświęcim und in Lublin-Majdanek wurde mit den baulichen Hinterlassenschaften der Deutschen gearbeitet, nicht so in Chełmno und den drei Massentötungsorten der »Aktion Reinhard«, wo durch die Täter vor Eintreffen der Sowjetarmee alle Spuren des Massenmordes verwischt wurden. In Bełżec, Sobibór und Treblinka wurden Mitte der 1960er Jahre, in der Zeit der polnischen Volksrepublik, reine Friedhofsanlagen gestaltet, ohne Museum oder Informationsangebot. Die sowjetische, und von Polen übernommene, Position, die Shoah nicht als ein explizit antisemitisches Verbrechen zu deuten, sollte lange Bestand haben. Im Juni 2004 wurde mit US-amerikanischer Finanzierung in Bełżec als erste eine neue, gelungene Gedenkstätte inklusive Museum eröffnet. Zwei Aspekte der Repräsentation müssen miteinander verbunden werden: die Geschichte des Ortes als Tatort und die Funktion des Ortes als Friedhof. In Sobibór wird aktuell an einem Museum gearbeitet. Für das gesamte Areal gilt, dass das Gedenken wichtiger ist als das Lernen über den Ort. Das Museum ist als Ergänzung zur Gedenkstätte gedacht.
Viele BesucherInnen haben eine »Sehnsucht nach Sinn«, bei der künstlerischen Gestaltung der Gedenkstätten kann es jedoch gerade nicht um Sinnstiftung gehen, sondern vielmehr darum, die Sinnlosigkeit dieses monströsen Verbrechens vor Augen zu führen. Die Begegnung mit Orten der Shoah ist durch ihre Intensität, Vielschichtigkeit, Materialität und Konkretheit aber vor allem anderen die Gelegenheit, eigene Erwartungen, Wissensstände und Haltungen zu überprüfen.
Was kann man durch den Besuch eines Ortes der Shoah eigentlich lernen, was nicht auch durch Fachliteratur, in Filmdokumentationen oder Ausstellungen angeboten wird? »Betroffenheitspädagogik«, die mit Überwältigung, Furcht und Mitleid arbeitet, trägt nicht zur Auseinandersetzung mit dem Thema bei. Schlimmstenfalls kann die Konfrontation mit Furcht, Grausamkeit und Schrecken gar zu gänzlich unintendierten, konträren Reaktionen führen. Für große Teile der BesucherInnen (im Beitrag sind Museum Auschwitz und Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gemeint) »schrumpft die Geschichte des Lagers auf stereotyp gewordene Metaphern des Grauens zusammen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beschränkt sich darauf, dieses Grauen sehen zu wollen, um sich rhetorisch davon zu distanzieren.«
Auf die Beiträge zu den einzelnen Orten wird in diesem Artikel nicht weiter eingegangen, die sollen im Buch nachgelesen werden, Fotos und Grundinformationen bietet etwa Wikipedia. Von den eingangs erwähnten ergänzenden Texten haben mich zwei am nachdenklichsten gemacht: »Die Sprache der Shoah: Verschleierung – Pragmatismus – Euphemismus«. So sollte man etwa statt »Vernichtungslager« den Terminus »Massentötungsanlagen« verwenden. »Zwischen Pilgerfahrt und Bildungsreise – Israelisches Gedenken an den ehemaligen nationalsozialistischen Tötungsorten der Shoah« wirft einen kritischen Blick auf die Praxis der Polenreisen israelischer SchülerInnengruppen.

 

 

Muster der Holocaustleugnung

geschrieben von Janka Kluge

23. März 2017

Die neue Rechte entwickelt faschistische Apologien weiter

Seit Jahren gehört das Leugnen des Holocaust zur den Grundmustern faschistischer Rhetorik. Neofaschisten wissen, dass einer Wiederbelebung nationalistischer Überzeugungen der millionenfache, planmäßig und industriell verübte Mord an den europäischen Juden im Weg steht. Neben der offenen Leugnung hat sich jetzt eine weitere Form entwickelt.
Der inzwischen aus der Fraktion ausgeschlossene baden-württembergische AfD Abgeordnete Wolfgang Gedeon schreibt, dass es sich bei Auschwitz um eine »Zivilreligion des Westens« handele. Der Begriff der Zivilreligion geht zurück auf Rousseau, der in seinen Schriften gefordert hat, dass eine säkulare Gesellschaft eine »religion civile« brauche um einen Zusammenhalt zu entwickeln. Dieser Konsens einer Gesellschaft kann neben grundlegenden Gesetzen, wie dem Grundgesetz, auch aus Mythen bestehen. Also aus angenommen Behauptungen, die aber ähnlich wie der Glaube an einen Gott, letztendlich nicht bewiesen, sondern nur geglaubt werden können.
Wolfgang Gedeon ist nicht der erste, der behauptet, der Holocaust sei eine Zivilreligion. Bereits im Februar 2000 schrieben die Sozialwissenschaftler Lothar Probst und Winfried Thaa in der »Welt« einen Artikel mit dem Titel »Welche Zivilreligion braucht Europa«, dass der Holocaust sich nicht als Element einer Zivilreligion eigne. »Auch in der Vision einer auf die Erinnerung an den Holocaust begründeten europäischen Innenpolitik lauert die Gefahr einer Unterordnung des Politischen unter eine moralische Instanz, die ebenso unangreifbar wie instrumentalisierbar ist.«
Mit der Bezeichnung des Holocaust als Zivilreligion wird aber noch ein anderer Aspekt eingeführt. Es ist damit Sache des Einzelnen, daran zu glauben und nicht mehr gesichertes historisches Wissen.
Marc Jongen, Mitglied im Bundesvorstand der AfD und so etwas wie ihr Hausphilosoph, schrieb im Juni 2016 in einem Artikel in der Jungen Freiheit über die Auseinandersetzungen mit Gedeon:
»Bestätigt der Aufschrei, den die Presse und die etablierten Parteien wegen dieser und anderer Äußerungen Gedeons veranstalten, nicht exakt dessen These, daß sich der Holocaust längst zu einer ›Zivilreligion des Westens‹ entwickelt hat, zu einer Art negativem Heiligtum, vor dem sich alle in den Staub zu werfen haben und demgegenüber Kritik – auch berechtigte und vernünftige – bei Strafe der bürgerlichen Existenzvernichtung tabuisiert ist?«
Damit hat er deutlich gezeigt, dass in der Formulierung von der »Zivilreligion« noch mehr Zündstoff steckt. Die weitere Argumentationskette läuft ungefähr so: Weil die meisten Menschen daran glauben, dass von den deutschen Faschisten und ihren Helfern Millionen jüdischer Menschen ermordet wurden, darf es in Deutschland keine freie Geschichtsforschung geben. Damit wird die Argumentation von Revisionisten und Holocaustleugnern übernommen. Bereits in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts haben Holocaustleugner angefangen ihre Strategie zu ändern. Sie erklärten jetzt, dass sie »offene Fragen« haben, die geprüft werden müssen und versuchten, sich als ein Teil der Geschichtswissenschaft darzustellen. Sie bestritten zwar immer noch den Holocaust, suchten aber neue Argumente. 1981 gründeten Alfred Schickel und Hellmut Diwald die »Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt«. Hier versammelten sich Holocaustleugner und viele, die sie unterstützen wollten. Zweimal im Jahr finden Tagungen statt, auf denen die vermeintlichen neuen »Erkenntnisse« über den Nationalsozialismus vorgetragen werden. Ziel dieses Vereins, der seit über 35 Jahren aktiv ist, ist es, die Geschichtsschreibung zu verändern. Die Tagungen werden in den meisten rechten Zeitschriften positiv besprochen und aufgenommen. Besonders pikant ist, dass der ehemalige Bürgermeister Ingolstadts, Alfred Lehmann (CSU), mehrfach an den Tagungen teilgenommen hat und Horst Seehofer die Arbeit der »Forschungsstelle« in Grußworten lobte.
Eine weitere Strategie, den Holocaust zu relativieren, ist die Benutzung des Wortes in anderen Zusammenhängen. In Dresden demonstrierten beispielsweise jahrelang tausende alte und junge Nazis um an den »Bombenholocaust« zu erinnern. Unverhohlen verglichen dabei Redner die Bombardierung deutscher Städte mit dem Holocaust.
Immer wieder zweifeln Revisionisten auch das einzige erhaltene Protokoll der Wannseekonferenz an. Sie bestreiten dann, was kein Historiker behauptet, dass es einen Befehl Hitlers zur Ermordung der jüdischen Menschen gegeben hat und behaupten, dass alle Dokumente die gefunden worden sind, Fälschungen von Zionisten sind, die von Deutschland Geld erpressen wollen.
Damit schließt sich dann auch der Kreis zu Wolfgang Gedeon wieder. Er behauptet bis heute von sich, mit Antisemitismus nichts zu tun zu haben, sondern Antizionist zu sein. Deswegen beruft er sich wahrscheinlich auch immer wieder auf die einflussreichste antisemitische Schrift der Neuzeit »Die Protokolle der Weisen von Zion«. Zumindest das hat er mit Hitler gemeinsam, für ihn waren die »Protokolle« auch ein geschichtliches Zeugnis aus dem er seinen Antisemitismus schöpfte.

Die Wege des Widerstands

geschrieben von Raimund Gaebelein

20. März 2017

Lebensbilanz eines engagierten Zeithistorikers

Vom heimatlichen Ahrensbök über New York nach Auschwitz und zurück führt die Spurensuche Jörg Wollenbergs nach seiner eigenen Vergangenheit und zugleich nach verpassten Gelegenheiten für einen Neubeginn nach der Befreiung vom Faschismus. Zu seinem 80. Geburtstag beschenkt er seine Freunde und sich selbst mit der Umsetzung eines über Jahrzehnte gewachsenen Buchprojekts. Der erste Band soll Ende Januar, der zweite im März vorliegen. Ein beigefügter USB-Stick enthält Ausstellungszeitungen und Videointerviews mit Zeitzeugen, Männern und Frauen des Widerstands. Die Titelblätter schmücken Portraitzeichnungen von Frans Masereel, übereicht von Theo Pinkus, und Theodor Lessing aus der Hand Alfred Hrdlickas. Der 500 Seiten umfassende Doppelband spiegelt die Wirkung Jörg Wollenbergs wieder, sein Engagement in der Weiterbildung bei Volkshochschule und Gewerkschaft, die Orte seiner Tätigkeit, Bielefeld, Göttingen, Hannover, Nürnberg, Bremen, sein tiefgefächertes gesellschaftspolitisches Engagement, seine fortdauernde Begegnung mit Zeitzeugen in Deutschland, USA, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Griechenland und Polen. Vor allem aber unterstreicht sie sein Anliegen, zu verdeutlichen, welche Ideen aus vorfaschistischer Zeit in die Neuordnung der entstehenden westlichen Bundesrepublik einflossen und welche Wege des Widerstands im aufkommenden Kalten Krieg verschüttet wurden. Ausgerechnet der Staatsrechtler Carl Schmitt, der ideologische Wegbereiter des völkischen Nationalismus, wurde in der Adenauerzeit Vorkämpfer eines konservativen Roll-back.

Jörg Wollenberg, Krieg der Erinnerungen. Von Ahrensbök über New York nach Auschwitz und zurück. Eine Spurensuche, 2 Bände, 500 Seiten, Sujet Verlag Bremen Jan./März 2017, 50.- Euro. Bestellungen per email an wollenberg@uni-bremen.de

Jörg Wollenberg, Krieg der Erinnerungen. Von Ahrensbök über New York nach Auschwitz und zurück. Eine Spurensuche, 2 Bände, 500 Seiten, Sujet Verlag Bremen Jan./März 2017, 50.- Euro. Bestellungen per email an wollenberg@uni-bremen.de

Jörg Wollenberg erinnert an die »Zeitung der Jungen Generation«, in der sich 1945/49 Linkskatholiken wie Theo Pirker, Burkhard Lutz und Ernst Schumacher mit der Rolle ihrer Väter auseinandersetzten. Er erinnert an den Teil der Kriegskindergeneration, die gegen das Vergessen-machen der braunen Vergangenheit ankämpften. Im »Krieg der Erinnerungen« setzt er sich mit den »verpassten Chancen« auseinander, den Plänen verschiedener Widerstandsgruppen für eine »Neuorientierung«, so z.B. mit der Heidelberger »Aktionsgruppe zur Demokratie und zum freien Sozialismus«. Er erinnert an die Hoffnung auf die Einheit der Arbeiterbewegung, an das Buchenwalder Manifest (nicht an den Schwur von Buchenwald!). Vehement fordert Jörg Wollenberg den Schlussstrich-Bemühungen und einer Relativierung des Ausrottungsprogramms des Nazireiches entgegenzutreten, die er in einer Europäisierung und Historisierung des 20. Jahrhundert entdeckt. Zweifel an der deutschen Kriegsschuld durch rückwärtsgewandte Interpretationen des Ersten Weltkriegs, Ernst Noltes Behauptung, die »braune Revolution von 1933« sei bloß die Antwort auf die Oktoberrevolution, oder die Gleichsetzung von Hitler und Stalin sieht er als Vorboten einer Verdrängung der Singularität von Auschwitz. Vehement prangert Jörg Wollenberg den denunziatorischen Umgang der bundesdeutschen Historikerzunft mit der Rolle der »Funktionshäftlinge« in den KZ an. Mit Fritz Stern warnt er vor einem »Verlust der Erinnerung«, auch an die überlebenden Emigranten, die sich »am Aufbau eines neuen Deutschland beteiligten«. Er warnt vor dem »Radikalismus der Mitte« in der aufkommenden »Entfremdungsdebatte« um eine »deutsche Leitkultur«.

Gerechtigkeit jetzt

geschrieben von Kamil Majchrzak

20. März 2017

Ghetto-Renten müssen endlich gezahlt werden

Seit Jahrzehnten kämpfen Überlebende der Shoah und des Porajmos um Ghetto-Renten. Erst 1997 erkannte das Bundessozialgericht, dass die Arbeit in deutschen Ghettos (Gegenstand war ein Streitfall aus dem Getto Litzmannstadt) nicht als Zwangsarbeit, sondern mit regulärer sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung gleichgestellt werden kann, wenn diese freiwillig und gegen Entgelt aufgenommen wurde. 2002 folgte ein entsprechendes Ghettorentengesetz (ZRBG), das die Auszahlung einer Ghetto-Rente ermöglichen sollte. Überlebende Juden und Roma mit Wohnsitz in Polen mussten aber erst die Unterzeichnung eines entsprechenden deutsch-polnischen Abkommens im Dezember 2014 erwirken, um anschließend festzustellen, dass die Voraussetzungen für eine reguläre deutsche Rente kaum mit den historischen Verhältnissen in deutschen Ghettos in Einklang zu bringen sind. So wurde zwar die Beschäftigung im Ghetto endlich anerkannt, zugleich schlossen andere Voraussetzungen die Auszahlung wieder aus. Dies betrifft insbesondere Roma-Kinder, die noch vor Vollendung ihres 14. Lebensjahres in Ghettos beschäftigt wurden. Dabei muss gerade den für ihr Leben lang traumatisierten Kindern, die in Ghettos beschäftigt wurden, besonderer Schutz und Anerkennung – auch im rentenrechtlichen Sinne – zuteilwerden.
Anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust versammelten sich deshalb Überlebende Roma und Juden am Holocaust-Mahnmal und forderten die sofortige Verankerung einer subsidiären Wartezeit-Anerkennung im ZRBG und die Anerkennung der gesamten Zeit der NS-Verfolgung als verfolgungsbedingte, rentenrechtlich anrechenbare Ersatzzeit für alle Ghetto-Beschäftigten unabhängig vom Alter. Hintergrund der Forderung ist, dass unstrittig erworbene Ghetto-Beitragszeiten allein nie zu einer Ghetto-Rente führen, wenn nicht insgesamt 60 Kalendermonate an einer Mindestversicherungszeit (Wartezeit) in der deutschen Rentenversicherung vorgelegt werden können. Doch die von Deutschen eingerichteten Ghettos bestanden höchstens 48 Kalendermonate, bevor deren Insassen in Vernichtungslager deportiert und ermordet wurden. Lücken in der Versicherungszeit können zwar zwar durch sogenannte Ersatzzeiten aufgefüllt werden, doch gerade dies wird für Kinder unter 14 Jahren ausgeschlossen. Die Bundesregierung geht davon aus, dass solche Kinder zur Schule hätten gehen sollen, anstatt zur Arbeit und ihnen somit kein zu ersetzender rentenrechtlicher Schaden entstanden sei.
Die Protest-Aktion wurde von der Initiative »Ghetto-Renten Gerechtigkeit Jetzt!« zusammen mit der Berliner VVN-BdA, den Jüdischen Gemeinden und dem Roma-Verband aus Polen durchgeführt. »Wir wollen den deutschen Gesetzgeber zu einem Perspektiven-Wechsel gegenüber den letzten ghetto-überlebenden Juden, Sinti und Roma bewegen« – erklärte Roman Kwiatkowski, Vorsitzender des Roma-Verbandes.
»Als kleines Kind floh ich mit meiner Familie durch die Kriegs-Hölle. Ich erlebte Elend und Hunger im Ghetto, musste kleinere Beschäftigungen, die in meinem Alter möglich waren, aufnehmen, dank derer ich leben durfte. Nach dem Krieg versteckte ich mich vor der Verfolgung in den Wäldern. Doch diese Verfolgungs-Zeit wird nicht als verfolgungsbedingte Ersatzzeit im ZRBG anerkannt, weil ich damals noch nicht 14 Jahre alt war.« – erläuterte der Ghetto-Überlebende Roma Władysław Wejs.
»Es ist der politische Wille, der auch heute noch fehlt. Offenbar spekuliert man angesichts unseres Alters auf eine biologische Lösung des Problems. Denn man kann nicht bei gesundem Menschenverstand an die Beschäftigung im Ghetto während des Nationalsozialismus einen Maßstab anlegen, der nur in Bedingungen einer zivilisierten Gesellschaftsordnung realisierbar ist.« – erklärte Marian Kalwary, Überlebender des Ghettos Warschau und Bevollmächtigter der Vereinigung der Jüdischen Gemeinden aus Polen. Kalwary wandte sich am gleichen Tag gemeinsam mit Kwiatkowski in einem Protestbrief an den Deutschen Bundestag. Zugleich haben sich Historikerinnen und Intellektuelle mit einem Offenen Brief an Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles gewandt und eine dringende Korrektur des ZRBG auch aufgrund der Gefahren von Altersarmut unter den Holocaust-Überlebenden in Europa gefordert. Kalwary erklärte: »Die rücksichtlose und von dem eigentlichen Sinn des ZRBG völlig abstrahierende Anwendung der gegenwärtigen diskriminierenden Regelungen erlebte ich am eigenen Leibe. Ich floh aus dem Ghetto Warschau und Wołomin vor den Deportationen in Vernichtungslager. Ab Januar 1943 arbeitete ich mit falschen ›arischen‹ Papieren in einer Treuhand-Firma. Den Firmenleiter störte es nicht, dass ich erst 12 Jahre alt war. Ich habe bis heute sogar meinen damaligen Dienstausweis mit dem korrekten Geburtsdatum. Ich arbeitete dort bis zur Befreiung im Januar 1945. Das war eine offizielle Arbeit, die amtskundig war. Ich hatte ja auch offiziell Lebensmittelmarken zugeteilt bekommen als Arbeiter. Die Deutsche Rentenversicherung hat aber diese Beschäftigungszeit weder als Beschäftigung noch als Ersatzzeit anerkannt.«

Die Forderung nach einer rentenrechtlichen Lösung zur Behebung dieser gravierenden Gerechtigkeits-Lücke wird unterstützt durch die Jewish Claims Conference, den Zentralrat der Juden in Deutschland, den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, die Berliner VVN-BdA und andere namhafte Organisationen.

100 Jahre Krieg und Frieden

geschrieben von Jakob Knab

20. März 2017

Eine umfassende friedenspolitische Bilanz

Der namhafte Freiburger Historiker Wolfram Wette legt hier eine Summe (wohl auch Zwischenbilanz) seines ertragreichen Gelehrtenlebens als kritischer Militärhistoriker und engagierter Friedensforscher vor. Dabei kehrt er, der von 1971 bis 1995 am Militärgeschichtlichen Forschungsamt Freiburg tätig war, auch zu seinen Ursprüngen zurück, denn seine erste Forschungsarbeit wurde 1971 unter dem Titel »Kriegstheorien deutscher Sozialisten« publiziert. Anstoß nahm das genuin soldatische Milieu dann an seiner politischen Biografie zu Gustav Noske, die 1987 veröffentlicht wurde. Wettes historische Analyse und fundierte Kritik galt stets der kriegerischen Kultur des Militarismus.

Wolfram Wette. Ernstfall Frieden. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914, Donat Verlag, Bremen 2016, 640 S., 24.80 €

Wolfram Wette. Ernstfall Frieden. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914, Donat Verlag, Bremen 2016, 640 S., 24.80 €

Mit seinem nunmehr veröffentlichten Opus Magnum ist es Wolfram Wette gelungen, in einer klaren und verständlichen Sprache Geschichte durchschaubar, verständlich und lesbar zu machen. Die zahlreichen Abbildungen und Quellentexte veranschaulichen und vertiefen die historischen Erkenntnisse. In der Danksagung des Autors erfährt der Verleger Helmut Donat (Bremen) aufrichtige Anerkennung dafür, dass er weit mehr geleistet habe als die übliche Verlagsarbeit: »Diese qualifizierte friedenshistorische Arbeit«, so hebt der Autor lobend hervor, »ließ sich nur von einem Verleger aufbringen, der auf der Gebiet der Historischen Friedensforschung selbst seit Jahrzehnten tätig ist.«
Wettes Darstellung beginnt mit dem Basler Internationalen Friedenskongress 1912. Die kirchenfernen Sozialisten und linken Kriegsgegner bekamen auch Beistand von Seiten der Kirche: Die protestantische Gemeinde vom Basler Münster gab ihre Zustimmung für die Schlusskundgebung im altehrwürdigen Gotteshaus. »Krieg dem Kriege im Namen der Unglücklichen! Rufen wir in die Welt. Wir fordern den Weltfrieden im Sinne eines Friedensbundes, der alle Völker umschließt«, begrüßte der Münsterpfarrer Jakob Täschler die Kriegsgegner, Antimilitaristen, Sozialisten und Sozialdemokraten. Da begannen die Glocken zu läuten, die Orgel setzte brausend ein, und unter ihren Klängen zogen die roten Fahnen der Internationale in das dunkle Kirchenschiff ein – ein ergreifender Augenblick, der sich den Sterblichen, denen es vergönnt war, ihn zu schauen, in schweigender Erhabenheit bot. So eine zeitgenössische Chronik. »Der Krieg«, so verkündete der Münsterpfarrer, »steht im schärfsten Widerspruch zum Evangelium, das eine Botschaft des Friedens, der Liebe, der Humanität, der edlen Menschheit ist.«

Richtiggehend spannend wird Wettes Darstellung, wenn er die »Julikrise 1914« erkundet. Denn die Ermordung von Franz Ferdinand lieferte den Vorwand, um ein diplomatisches Verwirrspiel zu inszenieren. Deutschland wollte den Krieg. Generalstabschef Moltke suchte einen Weg in den Krieg, er argumentierte mit der temporären rüstungspolitischen Überlegenheit Deutschlands.
Zurück zur einst friedensbewegten SPD. Gegen den Willen von 14 ihrer Mitglieder bewilligte die aus 110 Abgeordneten bestehende SPD-Reichstagsfraktion die ersten Kriegskredite und schloss den »Burgfrieden« mit dem Kaiser. Dieser konnte am 4. August 1914 im Reichstag verkünden: »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!«
Unbedingt lesenswert sind die Kapitel »Kein Abschied vom Schwertglauben« sowie über die Kriegslüge der »Dolchstoßlegende«. Wohltuend klare Worte findet Autor Wette, wenn er über die Kriegsschuldfrage und über die apologetischen Tendenzen des Historikers Christopher Clark in dessen Werk »Die Schlafwandler. Wie Europa 1914 in den Krieg zog« spricht.
Wolfram Wette sieht zwei wirkungsmächtige Strömungen in der deutschen Gesellschaft: die eine steht für eine aktive Friedenspolitik, die andere für eine kriegerische Machtpolitik. »Die nationalistischen, auf Machtpolitik setzenden Kräfte vermochten sich bereits ein Jahrzehnt nach der deutschen Revolution von 1918/19 wieder durchzusetzen und den Weg zu einem zweiten kriegerischen ›Griff nach der Weltmacht‹ zu beschreiten. Das militaristische Erbe wirkte fort.«
Wettes Botschaft als Friedensforscher: Es ist bedenklich, Politik ohne Geschichte zu machen, die Gewaltabsage großer Teile der Bevölkerung in den Wind zu schlagen und Konflikten mit den Mitteln gescheiterter Politik-Konzepte beizukommen. Dies wird, so Wettes Urteil, das Land allzu leicht in ein unkontrollierbares Fahrwasser führen. Der Autor plädiert dafür, militärische Zurückhaltung zu üben, sich auf zivile Maßnahmen und Projekte zu besinnen und sich zu erinnern. in welches Schlepptau eine Politik gerät, die sich dem »Ernstfall Krieg« überantwortet. Schließlich werden diese Lehren aus der Geschichte gezogen:

  • Frieden nach außen lohnt sich.
  • Demokratie sichert ein friedliches Zusammenleben im Innern.
  • Ausgrenzung von Minderheiten geht mit uns nicht, weil wir die Unantastbarkeit der Menschenwürde achten.
  • Humanität hat eine Leitlinie unseres Umgangs mit Flüchtlingen zu sein.
  • Es geht darum, den Frieden als Ernstfall zu leben, im politischen, aber auch im persönlichen Bereich.

 

Die »Berufsverbrecherinnen«

geschrieben von Anne Allex

17. März 2017

Ein überfälliges Plädoyer für historische Gerechtigkeit

Auf den Treffen Überlebender des KZ Ravensbrück, die Sylvia Köchl seit 1999 besuchte, fiel ihr auf, dass sich hauptsächlich ehemals »Politische« trafen – obwohl immer »aller Opfer« gedacht werden sollte. Wer waren die Anderen? Was hatten weibliche Häftlinge (»Kriminelle«) mit dem grünen Winkel »verbrochen«? Warum wurden sie verschwiegen? Ihre Nachfragen schienen zu provozieren. Dennoch gelang es ihr bei keinem Treffen der Ravensbrückerinnen, auch nur eine einzige Zeitzeugin ehemaliger »Berufsverbrecherinnen« aufzutun. Doch mehrfach fiel der Name der Österreicherin Marianne Scharinger, die viermal wegen § 144 StGB (Abtreibung im österreichischen Strafrecht) verurteilt worden war. Köchls versuchte Akteneinsicht scheiterte. Das Landgericht Wels gab an, dass die Akte nicht mehr dort sei und der Haftgrund in keiner Verbindung zum KZ stehe. Später erwiesen sich diese Angaben als Täuschung: Die Akten gingen erst 2006 zum Oberlandesgericht Linz und wurden dort 2006 »nach Relevanz« aussortiert. Dabei verschwanden viele Unterlagen. Und die KZ-Haft stand in direkter Verbindung zur Verurteilung. Erst nach der Ausstellung »Wege nach Ravensbrück« 2006, nachdem Marianne Scharinger und Aloisa Oppal (ebenfalls wegen § 144 StGB verurteilt) in einer Radiosendung portraitiert worden waren und sie sich mit einem Fragenkatalog an Parteien, Institutionen und Verbände KZ-Überlebender der Relevanz des Themas versichert hatte, kam Sylvia Köchl mit ihrer Suche weiter.

Sylvia Köchl: »Das Bedürfnis nach gerechter Sühne« – Wege von »Berufsverbrecherinnnen« in das Konzentrationslager Ravensbrück, Mandelbaum Verlag, Wien 2016, 340 S., 24,90 Euro

Sylvia Köchl: »Das Bedürfnis nach gerechter Sühne« – Wege von »Berufsverbrecherinnnen« in das Konzentrationslager Ravensbrück, Mandelbaum Verlag, Wien 2016, 340 S., 24,90 Euro

Ausgiebig klärt Köchl im Buch über die Gesetze im »Dritten Reich« auf und weist auf Unterschiede von Zuchthaus (Deutschland) und schwerer Kerkerhaft (Österreich) hin. Letztere enthielt »Fasten-tage« und »hartes Lager«. Sie stellt fest, dass sich mit dem deutschen »Gesetz zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung« 1937 der Umgang der Kriminalbeamten mit den Häftlingen maßgeblich verschärfte. In den ersten Tagen der U-Haft wurden die Frauen derart bedroht oder misshandelt, dass einige von ihnen beim entscheidenden Verhör Abtreibungen oder Diebstähle zugaben, die sie vorher nie erwähnt hatten.
Die vorgestellten acht Biografien zeigen fast durchgängig Frauenleben in wirtschaftlicher Not. Weil ihnen die schwanger gewordenen Frauen leid taten bzw. sie selbst auf jeden Pfennig angewiesen waren, nahmen einige von ihnen wiederholt Abtreibungen vor. Andere stahlen zum Überleben Wolle, Stoffe und kleines Haushaltsinventar. Die verhafteten Frauen sahen sich in U-Haft, Prozessen, Kerkern und KZ fast ausnahmslos gut verdienenden männlichen Polizeibeamten, Rechtspflegern, Wärtern, Richtern und Justizangestellten gegenüber, die ohne Gnade gegen sie agierten. Denn inzwischen galt im »Deutschen Reich« (Österreich ab 1938) das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs für »arische« Frauen. Die faschistische »Volksgemeinschaft« sah sich der »Aufartung« der »arischen Rasse« verpflichtet. Im Verfahren der ältesten Frau wurde sogar die Todesstrafe erwogen. Gnadengesuche Familienangehöriger der Abtreiberinnen wurden allesamt abgewiesen. Sie kamen ausnahmslos ins KZ. So kam Rosina Schmidinger mit 74 Jahren ins KZ; sie überlebte nur zwei Wochen.
Heraus stechen die Angaben über Marianne Scharinger, die wegen wiederholter Abtreibungen bei anderen Frauen zu schwerem Kerker verurteilt war und nach Abbüßung der Strafe 1941 ins KZ Ravensbrück kam. Sie war zunächst Blockälteste in Block 10 und 11, später Lagerälteste. Scharinger gehörte zu denjenigen mit dem Grünen Winkel, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten korrekt verhielten, die Häftlinge beschützten und sogar politische Aktivitäten des Lagerkomitees deckten. Dennoch saß sie vom 31. August 1947 bis März 1948 in U-Haft, weil gegen sie als »Funktionshäftling« eine Anzeige wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorlag. Sofort nach der Verhaftung wandte sich ihr Mann hilfesuchend an ihre Ravensbrücker Kameradinnen, mit denen sie Briefkontakt hatte. Während ihrer U-Haft wurde ihrem 22-jährigen Sohn wegen des schlechten Leumundes seiner Mutter die Ausbildung bei der Polizei zu Ende 1947 gekündigt. Die ehemaligen Häftlingsfrauen ihres Blockes sandten Stellungnahmen an die zuständigen österreichischen Behörden und bewahrten Scharinger vor erneuter Haft.
Aufschlussreich sind Köchls Erkenntnisse zum Umgang mit »kriminellen« Frauen bei der Opferrentenbeantragung. Nur zwei Frauen gelang die Anerkennung der KZ-Zeit für eine Rente. Einer Frau wurde die Rente nach einer erneuten Abtreibung ganz genommen, ihrem jungen Sohn sofort das erhöhte Ausbildungsgeld gestrichen, das er wegen der politischen Verfolgung des Vaters erhielt. Obwohl in Österreich viele Menschen für Entschädigungsrenten für alle ehemaligen KZ-Häftlinge votierten, unterließen Institutionen nichts, um ehemalige »Kriminelle« und »Asoziale« davon auszunehmen. Das Buch zeigt, dass bis heute mit sozialrassistischen Argumenten »Kriminelle« und »Asoziale« von Haftentschädigung ausgeschlossen sind. Umso unterstützenswerter ist die Forderung am Schluss des Buches, dass das Entschädigungsgesetz in Österreich für diese Personenkreise zu öffnen ist – auch jetzt noch.

 2009 öffnete sich die Lagergemeinschaft Ravensbrück den als »asozial« verfolgten Frauen. Köchl fielen verletzende Angaben, abwertende Bemerkungen und massive Vorbehalte zu »Schwarzen« und »Grünen« auf. Gängig waren Äußerungen wie: »Die kannten keine Solidarität«, »Die waren von der SS nur zum Mürbemachen der Politischen dort eingesperrt«, »Die haben immer nur geklaut« Nur zwei Kommunistinnen im KZ hatten sich für Haftgründe der Schwarz- und Grünwinkligen interessiert; die beiden berichteten auch von solidarischem Verhalten.

Unglückliches Glückskind

geschrieben von Axel Holz

17. März 2017

Ein neuer großer Deutschlandroman von Christoph Hein

Konstantin Boggosch ist ein Glückskind, wie seine Mutter meint. Aber er heißt eigentlich Müller, wie sein Vater, der Kriegsverbrecher, Fabrikbesitzer der Buna-Werke in Schkopau und SS-Brigadeführer, der noch kurz vor Kriegsende sein eigenes Betriebs-KZ errichtete, um Zwangsarbeiter und Häftlinge für sich schuften zu lassen. Konstantin Boggosch hat seinen Vater nie kennengelernt, denn er wurde nach Kriegsende geboren, sein Vater aber kurz vorher von polnischen Partisanen in einem knappen Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet. Dieser Vater bringt dem Ich-Erzähler kein Glück, sondern nur Pech, mit dem er und sein ungleicher Bruder sehr unterschiedlich umgehen.

Christoph Hein. Glückskind mit Vater Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 527 S., 22,95 EUR

Christoph Hein. Glückskind mit Vater
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 527 S., 22,95 EUR

Während der ältere Bruder dem Vater in seinem Opportunismus sehr ähnelt und sich in der DDR geschickt und erfolgreich einrichtet, wird der belaste Vater und die damit verbundene Akte zum Fluch für Konstantin Boggosch, dem zunächst als einem der besten Schüler das Abitur verwehrt wird und der nach bestandener Prüfung an der Filmhochschule auch dort sein Studium durch Ministererlass nicht antreten darf. Während der Bruder von Siegerjustiz spricht und seinem in den Westen geflohenen Onkel Richard die angebliche Unschuld des Vaters abnimmt, führt die Konfrontation der Mutter mit dem KZ-Vorhaben des Ehemannes in den Buna-Werken zu einer klaren Distanzierung von dessen Kriegsverbrechen. Sie legt zusammen mit den Kindern seinen Namen ab, verzichtet auf Eigentumsansprüche und auf Angebote, in den Westen zu gehen und dort Rente und Entschädigung zu erhalten, denn der geflohene Westonkel hat längst in einem Prozess die Hinrichtung des SS-Bruders in Polen als Unrecht anerkennen lassen.
Der zeitgeschichtliche Roman Christoph Heins zeigt mit den ungleichen Brüdern und Verwandten zugleich den unterschiedlichen Umgang mit Schuld und Verantwortung in Ost und West auf. Während beides im Westen jahrzehntelang verdrängt wird und die Protagonisten es geschickt verstehen, nach der Wende ihren Profit aus der nicht anerkannten Schuld zu ziehen, werden Schuld und Verantwortung im Osten nicht selten verwechselt. Wie bei Konstantin Boggosch, der für den kriegsverbrecherischen Vater beruflich in Sippenhaft genommen wird und dennoch seiner Heimat verbunden bleibt, wegen der verfluchten Vater-Akte Staatsnähe meidet und nach familiär tragischen Verlusten seinen Weg bis zum stellvertretenden Direktor einer Schule ohne Parteibuch geht. Hilfe erhält er vom Bezirksschulrat, der seine Fähigkeiten erkennt und ihn im Wissen fördert, dass ihn sein prominenter Vater, der Anarchist Max Hölz, auch lebenslang in seiner Akte verfolgte.
Doch bis dahin ist es ein langer Weg, der den enttäuschen 14-Jährigen nach der Flucht über die Aufnahmestelle Marienfelde nach Marseille führt. Dort wird er bei der Fremdenlegion ausgelacht und lernt einen französischen Antiquar kennen, der ihm Übersetzungsarbeiten bei sich und seinen ehemaligen Resistance-Freunden anbietet, die ihn fördern und ihrem »kleinen Bosch« das Abitur finanzieren. Dort erfährt der Jugendliche einiges über Opportunisten, die früher alle in der Résistance gewesen sein wollen, um ihre Nachkriegsvorteile daraus zu ziehen. Er selbst begeistert sich für die Filme von Murnau und der Nouvelle Vague und genießt die neuen Freundschaften. Wieder fühlt er sich von seinem toten Vater verfolgt, als er in einem Album der Résistance-Kämpfer das Foto seines Vaters wiedererkennt, der Mörder und Folterer seiner neuen Freunde sein könnte. Er flieht noch nach der Grenzschließung zurück in die DDR, muss sich dort erklären und findet bei einem Antiquar Arbeit und letztlich auch seine Liebe, die ihm den Zugang zum Studium und in den Lehrerberuf eröffnet.
Dort bekommt er einen linientreuen Direktor vor die Nase gesetzt, der, mit einer Jugoslawienreise ausgezeichnet, in den Westen flieht und nach der Wende als geeigneter Reformschulleiter im Osten seine Kariere fortsetzt. Boggosch wird über die Steuerfahndung durch seinen toten Vater erneut eingeholt und lehnt den Widerruf seiner Eigentumsverzichtserklärung kategorisch ab, ganz im Gegenteil zu seinem Kariere-Bruder, der mit dem Millionenerbe des Kriegsverbrechervaters in der Provinz ein gemachter Mann bleibt. Ein großer Deutschland-Roman mit autobiografischen Elementen, der uns an den notwendigen adäquaten Umgang mit unserer eigenen Geschichte erinnert.

 

Esther Bejarano auf Kuba

geschrieben von Jochen Vogler

17. März 2017

Musik als Mittel der Verständigung und des Kampfes

Eine Woche dauerte die Konzert-Tournee von Esther Bejarano und der Microphone Mafia mit Auftritten in Havanna, Camaguey und Santa Clara. Die Pressekonferenz zu Beginn der Tournee hatte ein eindrucksvolles Medienecho zur Folge.
Esther Bejarano zeigte sich in Kuba mit ihrer Lebensgeschichte als Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz als überzeugende Vertreterin des antifaschistischen Kampfes:
»Ich bin eine glühende Antifaschistin. Wenn es möglich ist, werde ich das ganze Leben lang kämpfen, damit der Faschismus nie wieder aufkommt, der meine Schwester umgebracht hat. Mit diesem Ziel habe ich Konzerte in vielen Ländern Europas und der Welt gegeben. Wir singen Lieder gegen den Krieg und für die Liebe. Ich habe begriffen, dass es sehr wichtig ist, dass die Jugend erfährt und versteht, was während des Faschismus geschah, damit das nicht wieder passiert. Deshalb arbeite ich seit Jahren mit dieser Rap-Gruppe und wir sind schon eine große Familie, denn sie sind Antifaschisten wie ich.« Und in jedem Beitrag betont sie: »In der Gruppe sind wir drei Generationen und repräsentieren drei Religionen: die jüdische, den Islam und das Christentum. Wir haben eine ausgezeichnete Kommunikation. Das ist etwas, was wir der Welt beibringen wollen. Ganz unterschiedliche Personen können eine gute Arbeit schaffen mit einem wirklichen Respekt vor der Verschiedenheit, aber immer darauf konzentriert, das Gute und die Gerechtigkeit zu vertreten«.
Von insgesamt vier Konzerten in Kuba war Esther bei drei Konzerten dabei. Wegen einer Erkrankung konnte sie am Abschlusskonzert im Garten des kubanischen Musikinstituts in Havanna leider nicht mehr teilnehmen. Dieses Konzert entwickelte sich dann zu einer Rap-Session der Microphone Mafia mit verschiedenen kubanischen Rap-Gruppen.
Eindrucksvoll war der Austausch über Fragen der Menschenrechte im Zentrum der Forschung über internationale Politik im Netzwerk zur Verteidigung der Menschenrechte. Von großer Bedeutung war auch der Empfang der Hebräischen Gemeinde von Havanna. David Prinstein, der Vize-Präsident der jüdischen Gemeinde von Havanna sagte u.a.: »Die jüdische Gemeinde in Kuba kann sich als privilegiert betrachten angesichts unbegrenzter Möglichkeiten der Religionsausübung auf der einen und der gesellschaftlichen Abwesenheit von Judenhass auf der anderen Seite. Kuba ist wahrscheinlich das einzige Land auf der Welt, in dem die Synagogen keines bewaffneten Schutzes bedürfen.«
In guter Erinnerung bleiben auch die Begegnungen im Alphabetisierungsmuseum und im Stadtteilprojekt des Künstlers Kcho.

Druck gegen die AfD

16. März 2017

antifa-Gespräch mit Nora Berneis von der Kampagne »Aufstehen gegen Rassismus«

antifa: Was macht die Kampagne zur Zeit?
Nora: Wir bereiten gerade eine Aktivenkonferenz für den 10./11. März vor. Die wird in NRW stattfinden, an der Ruhr-Universität in Bochum. Wir wollen uns dort inhaltlich austauschen, es wird einige Referate geben, z. B. »Was macht die AfD so gefährlich?« oder »Was rechtfertigt unseren Widerstand gegen die AfD?« Auf der anderen Seite werden wir auch Aktionsworkshops anbieten, auf denen es zum Beispiel um Wahlkampfveranstaltungen der AfD auf der Straße geht. Auf einem wollen wir eine Social-Media-Kampagne entwickeln und es werden auch ganz praktische Fragen diskutiert, z.B. wie man sich zu Veranstaltungen verhält, auf denen die AfD eingeladen ist. Auf der anderen Seite dient so ein Treffen natürlich auch der Vernetzung. Sicher werden viele Teilnehmer aus NRW dort sein, aber auch bundesweit anreisen. Wer neu zur Kampagne stößt, kann dort Gruppen und Projekte kennen lernen, bei denen er aktiv werden kann. Die zweite Sache ist, dass die AfD ihren Bundesparteitag angekündigt hat. Er wird am 22./23. April in Köln stattfinden. Die Bündnisse »Köln stellt sich quer« und » Köln gegen Rechts« haben für den 22. 4. Großdemonstrationen angemeldet und wir werden bundesweit zu diesen Demos mobilisieren. Wir sind gerade dabei, einen eigenen Aufruf für Köln zu erarbeiten. Die Mitgliedsorganisationen unseres Bündnisses organisieren schon Busse für ihre Teilnehmer. Wir wollen in Köln mit einer möglichst großen Demonstration ein klares Zeichen setzen: Die AfD gehört nicht in den Bundestag!

Nora an ihrem Arbeitsplatz, der sich im Bundesbüro der VVN-BdA befindet

Nora an ihrem Arbeitsplatz, der sich im Bundesbüro der VVN-BdA befindet

antifa: Und wie steht es mit der Ausbildung der Stammtischkämpferinnen?
Nora: Wir bekommen immer mehr Anfragen von überall: Schulen, Kirchen, Gewerkschaften und verschiedene Organisationen aus allen Ecken der Bundesrepublik. Wir sind gerade dabei, noch einmal einen Schwung neuer Teamerinnen auszubilden, die dann wiederum die Stammtischkämpferinnen ausbilden. Wenn wir uns anstrengen, werden wir die Zahl von 10 000 Stammtischkämpferinnen, die wir uns vorgenommen haben, tatsächlich erreichen.
antifa: Habt ihr hier in Berlin einen Überblick darüber, was bundesweit im Rahmen der Kampagne alles passiert?
Nora: Bei den Stammtischkämpferinnen ist es so, dass die Seminare oder Anfragen über die Bundesebene laufen. Aber auch nicht immer. Wer Teamer ist und vielleicht schon fünf Seminare abgehalten hat, der macht auch mal eins, von dem wir nichts wissen. Dann können wir das nicht mitzählen, aber das ist auch nicht das Wichtigste. Die anderen Sachen laufen oft so, dass es vor Ort schon lokale Strukturen gibt, z. B. ein Bündnis gegen Rechts oder antirassistische Gruppen. Die bestellen dann unser Material, verteilen es und treten auch als Teil der Kampagne in Erscheinung, haben sich manchmal aber gar nicht auf unserer Website eingetragen. Wenn sie das tun, sind sie von Interessierten besser zu finden, das ist natürlich ein Vorteil. Wie eng sie dann mit der Bundesebene zusammenarbeiten, entscheiden sie natürlich selbst.
antifa: Insgesamt werden es aber mehr?
Nora: Ja, die Kampagne wächst. Ein Missverständnis gibt es manchmal noch, das wir ausräumen müssen. Manche denken, dass wir mit »Aufstehen gegen Rassismus« eine Parallelstruktur zu bestehenden Strukturen aufbauen wollen, quasi als Konkurrenz. Das Gegenteil ist der Fall. Als bundesweite Kampagne können wir bestehenden Gruppen helfen, indem wir z. B. neue Kräfte aktivieren und Material zur Verfügung stellen. Demnächst wird es noch einmal neues Material geben, direkt für Aktionen im Wahlkampf.
antifa: Die Kampagne wirkt also aktivierend?
Nora: Über die Monate, die wir arbeiten, ist deutlich geworden, dass überall Menschen zu uns stoßen, die vorher noch nie politisch aktiv waren, aber jetzt etwas tun wollen. Immer mehr Leuten wird bewusst, wie gefährlich die Situation durch die AfD geworden ist und sie suchen nach Möglichkeiten, sich einzubringen.
antifa: Du bist Politikwissenschaftlerin und eine von zwei Mitarbeiterinnen, die für ein halbes Jahr auf je einer halben Stelle für das Bündnis arbeitet. Wir bist du selbst zur Kampagne gekommen?
Nora: Ich bin schon seit einigen Jahren beim SDS aktiv und kannte Leute aus der Linken und dem SDS, die von Anfang an bei »Aufstehen gegen Rassismus« dabei waren. Im letzten Sommer bin ich selbst zum Berliner Bündnis gestoßen und ab August in die Arbeit auf Bundesebene eingestiegen. Ich arbeite für die Kampagne, weil das für jetzt und hier das Wichtigste ist, was ich tun kann. In diesem halben Jahr entscheidet sich, wie stark die AfD in den nächsten Jahren sein wird und das Bündnis ist für mich die einzige Kraft, die der AfD bundesweit etwas entgegensetzen kann.
antifa: Braucht ihr noch Aktive, die die Arbeit auf der Bundesebene unterstützen?
Nora: Unbedingt. Die meisten Menschen müssen natürlich in Gruppen vor Ort aktiv sein, dort findet die Hauptarbeit statt. Wir brauchen im Moment dort vor allem Teamer für die Stammtischkämpferausbildung. Aber auch auf Bundesebene sind noch manche Aufgaben offen. Je mehr Aktive wir sind, desto besser.

Das Gespräch führte Regina Girod

Regeln für Revolutionäre

geschrieben von Thomas Willms

14. März 2017

Die US-Opposition formiert sich

Die sofortigen und massiven Proteste gegen die Politik Donald Trumps zeigen eine US-Oppositionsbewegung, die bei weitem stärker ist als alles, was in Deutschland je auf die Beine kommt. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis langjähriger Organisationsarbeit in den Bereichen Antirassismus, Umweltschutz usw.. All diese Bewegungen wiederum fanden Anfang 2015 in der Kandidatur des altbekannten Außenseiters Senator Bernie Sanders um die Position des demokratischen Präsidentschaftskandidaten einen Fokus. Sanders unterlag im Juli 2016 auf dem Nominierungsparteitag Hillary Clinton knapp mit 46%. Nicht wenige halten dies für eine wesentliche Ursache für den späteren Sieg Trumps.
Becky Bond und Zack Exley, die Architekten des erstaunlichen Erfolges der Sanders-Kampagne, warfen noch im November 16 eine Betriebsanleitung unter dem unbescheidenem Titel »Regeln für Revolutionäre« auf den Markt, um ein Hilfsmittel für die nächsten linksoppositionellen Kampagnen und letztlich den nächsten Sturm auf das Weiße Haus bereit zu stellen.
»Becky« und »Zack« schießen sich in 22 kurzen Kapiteln die Bälle zu wie austrainierte Fußballstürmer. Ihre Thesen sind streitlustig, immens fokussiert und von einer rücksichtslosen Eskalationsbereitschaft. Revolutionär sind nicht die politischen Ziele des Senators (z.B. eine Krankenversicherung für alle oder gebührenfreies Studium), dafür aber die Bereitschaft es mit dem »big money« aufzunehmen und dafür eine echte Massenbewegung auf die Beine zu stellen.
Die Zahlen der eigentlich hoffnungslos unterlegenen Sanders-Kampagne sind in der Tat unerhört: 2.700 Massenveranstaltungen und 75 Millionen (!) Wähler-Telefonanrufe wurden innerhalb weniger Monate durchgeführt und das nahezu ohne hauptamtlichen Apparat. Funktionieren konnte das nur, da nicht nur die üblichen Protest-Milieus, sondern z.B. die nationale Vereinigung der Krankenschwestern und Scharen von gut ausgebildeten, aber bislang unpolitischen Aktivisten hinzusprangen.

Becky Bond/Zack Exley: Rules for Revolutionaries. How Big Organizing can change everything. , November 2016, 202 Seiten, 16,99 €

Becky Bond/Zack Exley: Rules for Revolutionaries. How Big Organizing can change everything. , November 2016, 202 Seiten, 16,99 €

Der Sandersche Organisationsansatz ist den traditionellen Methoden genau entgegengesetzt. Üblich sind heute einerseits hohe Ausgaben für Fernsehwerbung, andererseits Methoden die dazu dienen, das Elektorat in immer kleinere Segmente zu zerlegen und gezielt anzusprechen. Die Trump-Kampagne hat diesen Ansatz mit den Technologien des »big data« extrem zugespitzt. Millionen von Datensätzen aus den sozialen Medien (z.B. »likes« bei Facebook) ermöglichten es ihr, nicht mehr nur Gruppen wie »weiße männliche katholische Busfahrer aus dem Mittleren Westen«, sondern tatsächlich einzelne Wähler nach psychologischen Gesichtspunkten gezielt anzusprechen.
»Big organizing« tut genau das Gegenteil. Zwar baut auch sie auf intensive Nutzung von Software, aber nur in dem Sinne, dass diese es erlaubt, Massen von Freiwilligen innerhalb kürzester Zeit in Großveranstaltungen zusammen zu bringen und sie sofort in relevante politische Tätigkeit zu versetzen. Unvermeidliches Chaos wird lustvoll umarmt und als Quelle neuer Prozesse verwendet. Die These zu diesem Problem lautet z.B.: »In einer erfolgreichen Bewegung, Kampagne oder Revolution wächst und verändert sich alles zu schnell, als dass es Sinn macht, langfristige detaillierte Pläne zu machen. Um aber wirklich groß zu werden, müssen Prozesse immer komplexer werden. Lass Komplexität wachsen in dem du praktische Probleme mit engagierten Aktivisten löst.« Es folgen Beispiele, die deutlich machen, dass es in der Sanders-Kampagne etwa so entspannt zuging wie in einer Hotelküche fünf Minuten vor dem Hochzeitsbuffet.
Zwiespältig ist der demokratische Eigenanspruch. Einerseits kann jede und jeder sofort der Horde beitreten, innerhalb kürzester Zeit zu einem »super volunteer« werden und Leitungsfunktionen übernehmen. Andererseits ist kein Raum für inhaltlichen Widerspruch vorgesehen und de facto innerhalb einer Nominierungskampagne auch nicht möglich. Die gemeinsamen Inhalte werden für gegeben angenommen. Es bleiben nur die Optionen Mitmachen oder Gehen. Auf gar keinen Fall will man sich in den eigenen Strukturen mit destruktiven, dominierenden Klugschwätzern abgeben. Die bekommen gesagt, dass sie gehen sollen und zwar mit der richtigen Ansage, dass es nicht um die Unterdrückung eines Einzelnen, sondern um die Befreiung aller anderen Freiwilligen geht.
Insgesamt denkt man bang an die Freiwilligen, die wie humanoide Pyrotechnik eingesetzt wurden (anzünden, 30 Sekunden glitzern und dann qualmend und ausgebrannt am Straßenrand liegenbleiben). Und doch ist man froh, dass Trump ganz sicher eine äußerst ungemütliche Massenopposition bevorsteht.

 

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