Das »schlechte Gewissen«

geschrieben von Ludwig Elm

7. Mai 2017

Untersuchung über die »Arbeitsgemeinschaft Verfolgter Sozialdemokraten«

In dieser Veröffentlichung geht es um eine der beiden Parteien, die die Bundesrepublik prägten, und ihr Verhältnis zum Schlüsselproblem deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert. Die Autorin hat wertvolle Quellen erschlossen und wird dem Anliegen insgesamt überzeugend gerecht. »Der Umgang mit der NS-Vergangenheit, so die Ausgangsthese, war von Widersprüchen und Interessenkonflikten bestimmt – und gekennzeichnet durch Kompromisse und Zugeständnisse der einst widerständigen Minderheit gegenüber der Mehrheit der Deutschen.« Die Darstellung folgt in sechs Kapiteln dem zeitlichen Verlauf. Der vom SPD-Vorsitzenden in den Westzonen, Kurt Schumacher, erhobene Führungsanspruch sowie antikapitalistische Forderungen scheiterten rasch. Die SPD-Führung fügte sich restaurativen Grundprozessen. Sie entschied sich für Zugeständnisse an die Vorstellungswelt von Millionen ehemaliger Mitläufer und Täter. Antikommunismus lähmte das antifaschistische Potential der deutschen Sozialdemokratie. 1948 verbot der Parteivorstand der SPD die gleichzeitige Mitgliedschaft in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und gründete die Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten (AvS). Der geringe Einfluss der AvS innerhalb der Partei und darüber hinaus durchzieht die gesamte Darstellung.

Kristina Meyer: Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945 – 1990, Wallstein Verlag, Göttingen 2015, 549 S. , 42,00 € (Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Norbert Frei, Bd. 18)

Kristina Meyer: Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945 – 1990, Wallstein Verlag, Göttingen 2015, 549 S. , 42,00 € (Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Norbert Frei, Bd. 18)

»Konsens herrschte zwischen den großen Fraktionen beim Umgang mit den sogenannte 131ern.« SPD-Politiker traten dafür ein, verurteilte Kriegsverbrecher zu begnadigen oder Strafen zu mindern. Im Dortmunder Aktionsprogramm vom 28. September 1952 plädierte die SPD für eine großzügige Amnestie und Begnadigung von »verurteilten kriegsgefangenen Deutschen«. Sie forderte, die Waffen-SS in die Versorgung nach dem 131er-Gesetz einzubeziehen und entschied sich dafür, »gute Kontakte zu den Traditionsverbänden der ehemaligen Soldaten zu pflegen.«. Im Umgang mit der Widerstandsbewegung rückten die bürgerlichen Parteien den 20. Juli 1944 in den Mittelpunkt. Die Erwartungen der sozialdemokratischen Verfolgten ignorierend, reagierte die SPD-Führung »nicht etwa mit der Hervorhebung des Arbeiterwiderstands oder der Profilierung eines spezifisch sozialdemokratischen Widerstandsgedächtnisses, sondern mit einer demonstrativen Hinwendung zum 20. Juli.« Die Ausstellung »Ungesühnte Nazijustiz« im November 1959 in Karlsruhe veranstaltete der Sozialistische Deutsche Studentenbund. Der SPD-Vorstand distanzierte sich und schloss drei beteiligte Karlsruher SPD-Mitglieder aus der Partei aus. Wenig später stellte er die Förderung des SDS ein. Die SPD initiierte eine Änderung des Strafgesetzbuches, mit der das Strafmaß gegen Rechtsextremismus verschärft wurde und die der Bundestag am 20. Mai 1960 verabschiedete. Die Fälle Globke und Oberländer blieben in der sozialdemokratischen Kritik der Adenauerschen Vergangenheitspolitik präsent. Die SPD unterstützte ab den sechziger Jahren verstärkt die Wiedergutmachung gegenüber den jüdischen Opfern und Israel. Andererseits drängte die AvS auf überfällige Novellierungen des Bundesentschädigungsgesetzes (BEG). Die SPD wandte sich gegen die von Union und FDP angestrebte Verjährung von Mord – also sämtlicher Nazi- und Kriegsverbrechen – am 8. Mai 1965. Als Kompromiss wurde die Verjährungsfrist auf September 1979 verschoben. Der Regierung unter K. G. Kiesinger und Vizekanzler W. Brandt (1966-1969) gehörten auch SPD-Minister mit NS-Vergangenheit an: Lauritz Lauritzen und Karl Schiller. Die Erwartungen antifaschistischer Sozialdemokraten an die Koalition von SPD und FDP ab Herbst 1969 erfüllten sich nicht; die AvS signalisierte 1974 einen Tiefpunkt ihrer Situation. Ab 1979 beteiligten sich Aktive der AvS verstärkt als Zeitzeugen zum Dritten Reich. Im November 1983 veranstaltete die AvS die Tagung »Warum wurde der Arbeiterwiderstand gegen den Nationalsozialismus in der Bundesrepublik nicht gewürdigt?« Ehemals Verfolgte äußerten: »Wir waren das schlechte Gewissen der Nation, das schlechte Gewissen auch der Partei. Man hätte liebend gerne Straßen nach uns benannt; aber wir sollten unauffällig bleiben.« Ihnen wurde geraten, mit ihren Erfahrungen »die anderen« nicht zu verprellen. Der Band stellt engagierte sozialdemokratische Politiker wie Adolf Arndt, Gerhard Jahn und Hans-Jochen Vogel vor. Verdienstvoll ist die Würdigung wenig bekannter Aktiver der AvS, die für die Würdigung des Arbeiterwiderstands und seiner Erfahrungen, für die Ahndung der Verbrechen und eine kritische Haltung zur offiziellen Geschichts- und Gedenkpolitik sowie für Wiedergutmachung und sozialen Beistand für NS-Opfer eintraten. Führungen der SPD haben einen erheblichen Anteil an der »Zweiten Schuld« (Ralph Giordano). Allzu oft mussten das bis 1945 verfolgte Sozialdemokraten mit Unverständnis, Kritik und Bitterkeit hinnehmen. Ihre Lebenswege und Beiträge sind als Vermächtnis in die Erinnerung der Gesellschaft aufzunehmen.

Showdown in der Schule

geschrieben von Hans-Jürgen Küsel, Tostedt

7. Mai 2017

Oder: Wenn die beste Freundin einen Neonazi liebt

Es gibt mittlerweile Berge von Sachbüchern, die sich mit den gegenwärtigen Jugendkulturen im Allgemeinen und mit deren Verstrickungen in neofaschistischen Vereinigungen im Besonderen befassen. Rar gesät sind jedoch spannende Romane, die sich mit eben diesem Thema beschäftigen. Insofern betritt Christina Erdmann hier quasi Neuland. Und sie ist prädestiniert dafür, denn ihre eigene Jugend liegt noch nicht lange zurück.

Christina M. Erdmann: Meinst du das wirklich ernst? Eine Geschichte des Umdenkens. Geest-Verlag, 332 Seiten, 12,50 Euro

Christina M. Erdmann: Meinst du das wirklich ernst? Eine Geschichte des Umdenkens. Geest-Verlag, 332 Seiten, 12,50 Euro

Die Geschichte dreht sich um zwei Mädchen, Nishelle und Anna-Lena, die die 10. Klasse einer kleinstädtischen Realschule besuchen. Sie sind eng befreundet, aber diese Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt. Anna-Lena verliebt sich nämlich in den Gymnasiasten Benni. Das wäre nun nicht schlimm, denn so etwas kommt in dem Alter halt vor. Zum Problem wird diese Beziehung erst dadurch, dass Benni Mitglied der »Wölfe«, einer neofaschistischen Organisation im Ort, ist. Anna-Lena verstrickt sich immer stärker in die Gedankenwelt dieser Organisation – und entfremdet sich deshalb zunehmend von ihrer Freundin Nishelle. Nishelle ist nämlich schon wegen ihrer dunklen Hautfarbe – ihr Vater ist Ghanaer – ständigen Angriffen und Provokationen der »Wölfe« ausgesetzt. Zudem verfügt Nishelle über einen wachen Verstand. Ihr entgeht nicht, dass die »Wölfe« einen steigenden Einfluss auf ihre Mitschüler ausüben. Sie beginnt nun, über alle möglichen Quellen Informationen über rechtsextremistische Strömungen einzuholen. Und sie möchte auch praktisch den Neo-nazis die Stirn bieten. Als Verbündete gewinnt sie nach sehr geduldigen Verhandlungen auch Lehrer ihrer Schule.
Natürlich entgeht den »Wölfen« nicht, dass ihnen mit Nishelle eine zähe Gegnerin gegenübersteht. Nach bewährter Methode versuchen die Neonazis wiederholt, sie einzuschüchtern und überhaupt ein Klima der Angst zu verbreiten.
Zum Showdown kommt es auf einem »Fest für Zivilcourage«, für das Nishelle und ihre Verbündeten viele Wochen der intensiven Vorbereitung investiert haben. Aber auch die »Wölfe« waren nicht untätig…
Natürlich wird hier nicht verraten, wie das alles endet, nur so viel: Wenn man diesen Roman zu Ende gelesen hat, fühlt man sich nicht dazu eingeladen, einfach die Hände in den Schoß zu legen. Vielmehr kann es nur eine Konsequenz geben: Niemals nachzulassen im Kampf gegen den immer noch virulenten Neofaschismus!
Christina Erdmann vermeidet die Stereotype, die zuweilen aufkommen, wenn sich bestimmte Autoren mit dem Neofaschismus beschäftigen. Darin besteht eine große Stärke ihres Romans. Denn Stereotypisierungen können eine besondere Form der Verharmlosung sein. Die Autorin tappt zum Beispiel nicht in die Falle, alle Neonazis als tumbe »Haudraufs« zu zeichnen. Diesen Typus trifft man eher in den unteren Bereichen der strikten Nazihierarchien an, die dann fürs Grobe, für die Verbreitung von Angst und Schrecken, zuständig sind. Christina zeigt uns aber auch die Welt jener Nazis, die weiter oben in der Hierarchie angesiedelt sind. Diese Leute sind intellektuell geschult und in der Lage, zielgruppenorientierte Strategien (wie man es neudeutsch nennen kann) zu entwickeln. Und die Zielgruppen werden klar genannt: Menschen, deren Bewusstseinsbildung nie über den Status des »gesunden Volksempfindens« gediehen ist. Und davon gibt es viele. Pegida, AfD & Co. legen davon gerade ein besorgniserregendes Zeugnis ab.
Christina Erdmann hat für diesen Roman geradezu akribisch eine Aufgabe bewältigt, die zu den unangenehmsten gehört, die man sich überhaupt vorstellen kann: Sie hat sehr genau in den Milieus der Neonazis recherchiert. Christina ist Tostedterin und in einigen Details kommen auch Tostedter Eigenheiten zum Vorschein. So gab es den ‚Streetswear-Laden‘ , der als Kristallisationspunkt für neonazistische Aktivitäten im Roman eine wichtige Rolle spielt, in Tostedt wirklich. Trotzdem könnte die Romanhandlung mit nur wenigen Abwandlungen in jeder Gegend Deutschlands spielen. Darin liegt eine große Stärke des Romans – und zugleich eine große Gefahr, der sich alle überzeugten Antifaschisten stellen müssen.
Wir müssen das »gesunde Volksempfinden«, das jederzeit wieder in die Mentalität und Brutalität eines KZ-Wärters münden kann, mit Aufklärung konfrontieren. Denn nur ein aufgeklärtes Bewusstsein kann ein dauerhafter Schutz gegen neofaschistische Bauernfängerei sein. Aufklärung und Zivilcourage beginnen im Klassenzimmer.
Dieser Roman klärt auf und ist bestens geeignet, als Klassenlektüre in der Sekundarstufe I eingesetzt zu werden. Aber wir haben es nicht nur mit einem bloßen Jugendbuch zu tun. Lehrer und Erzieher sollten dieses Buch auch lesen – und alle Menschen, die gerne einmal einen spannenden antifaschistischen Roman lesen wollen.

 

Stereotype aufgelöst

4. Mai 2017

antifa-Gespräch über einen neuen Dokumentarfilm mit polnischen Befreiern Berlins

antifa: Wie kam es zu eurem Film über polnische Kriegsveteranen und -veteraninnen?
Christian Carlsen: Die Berliner VVN-BdA hatte mich und Philipp Jansen 2012 gebeten, anlässlich des 67. Jahrestags der Befreiung den Besuch von zehn ehemaligen polnischen Soldaten und Soldateninnen in Berlin filmisch zu begleiten. Zunächst stand eine Dokumentation im Vordergrund. Schnell zeigte sich aber, dass wir es mit wirklich spannenden Menschen zu tun haben, deren persönliche Erlebnisse und Perspektiven noch nie erzählt wurden.
Kamil Majchrzak: Wir wollten zeigen, dass sich den Herausforderungen einer europäischen Erinnerung nur grenzüberschreitend begegnen lässt. Es gibt in Deutschland eine Generation von Menschen, die sich ihrer solidarischen Verantwortung für demokratische und antifaschistische Werte bewusst ist und sich dafür einsetzt, dass der polnische Beitrag für die Befreiung vom Faschismus gewürdigt wird.
antifa: Warum hat die Realisierung des Films so lange gedauert?

»Vergesst nicht unseren Kampf« soll gegen eine kleine Gebühr in der Bildungsarbeit Verwendung finden. Auch ein Vertrieb der DVD ist geplant.

»Vergesst nicht unseren Kampf« soll gegen eine kleine Gebühr in der Bildungsarbeit Verwendung finden. Auch ein Vertrieb der DVD ist geplant.

Christian Carlsen: Wie so oft lag das am Geld und fast wäre das Projekt gescheitert. Angesichts des hohen Zeitdrucks, der sich aus dem Alter der Protagonisten ergab, mussten wir die Finanzierung extern organisieren. Dank einer Förderung der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (SdpZ) konnten wir einen Rohschnitt herstellen und die Arbeit Anfang diesen Jahres abschließen.
antifa: Was unterscheidet den Film von anderen Produktionen?
Christian Carlsen: Wir haben uns bewusst gegen Erklärungen aus dem Off oder historisches Bildmaterial entschieden. Wir wollten die Überlebenden bei ihrer Rückkehr an die historischen Orte zeigen, wo sie seit 1945 nicht mehr waren. Der polnische Beitrag am Kampf gegen den Faschismus spielt im historischen Bewusstsein in Deutschland keine Rolle. Daran ändern die zahllosen Dokumentationen nichts, die beiläufig auch polnische Einheiten erwähnen. Woher diese kamen und was die Menschen antrieb, wird nicht erklärt.
Kamil Majchrzak: Kaum jemand weiß, dass an den Kämpfen um Berlin insgesamt 170 000 polnische Soldaten und Soldateninnen teilnahmen, zwölf 000 von ihnen kämpften in der Innenstadt. Welche Umwege sie nach Berlin führten, das wollten wir mit diesem Film zeigen. Dabei halfen uns die Überlebenden selbst, die politischen Ambivalenzen aufzuzeigen, denn sie berichten von den schweren Entscheidungen, vor die sie als junge Menschen in Polen gestellt waren. Einerseits der Auftakt zum Vernichtungskrieg durch den deutschen Überfall auf Polen 1939, andererseits die sowjetische Besatzung der östlichen Teile von Polen. In der Folge stalinistischer Deportationen politisch Missliebiger wurden 1940-1941 zehntausende Polen nach Sibirien verschleppt. Die Protagonisten unseres Films fanden so erst im Jahre 1943 Aufnahme in die, in der Sowjetunion geschaffene, 1. Polnische Armee unter General Zygmunt Berling.
antifa: Wie verliefen die Dreharbeiten?
Christian Carlsen: Anfangs waren unsere Gäste merklich unsicher. Doch Kamil hatte einen Musiker organisiert. Das herzliche Willkommen und das Erklingen einer in Polen sehr bekannten Melodie (»Przed nami Odra«, deutsch: Vor uns die Oder), ließen das Eis brechen. Am Nachmittag trat die Gruppe im Haus der Demokratie vor junge Berlinern auf, die gespannt zuhörten, wie die Aufnahme in die Kościuszko-Division fanden – etwa aus der sibirischen Deportations-Haft oder als ehemalige Partisanen der Armia Krajowa (AK), die sich nach dem gescheiterten Warschauer Aufstand freiwillig meldeten. So erfuhren sie nicht nur etwas über die komplizierten polnisch-deutschen, sondern auch überdie polnisch-sowjetischen Beziehungen während des 2. Weltkrieges.
antifa: Es ist also auch ein Film über deutsch-polnische Versöhnung?
Kamil Majchrzak: Ich bin davon überzeugt, dass die Offenheit, mit der sie von deutschen Antifaschisten begrüßt wurden, ein stückweit bestimmte Stereotype über die deutschen Nachbarn aufgelöst hat. Plötzlich versuchten die Kombattanten, andere Aspekte aus ihren Erlebnissen hervorzuheben. Kapitän zur See Henryk. L. Kalinowski, einer der ersten Polen, die Berlin erreichten, unterstrich, dass er nicht gegen Deutsche kämpfte, sondern gegen die faschistische Ideologie, und dass er sich nicht mit Angehörigen der Roten Kapelle oder des Goerdeler-Kreises versöhnen musste, denn sie kämpften schon damals auf der gleichen Seite. Lech Tryuk, der als Minderjähriger im Warschauer Aufstand kämpfte und sich später zur Kościuszko-Division meldete, erklärte sichtbar erleichtert, dass er froh sei, dass wir uns nun als gute Nachbarn begegnen und nicht mehr als Feinde.
antifa: Wie soll es mit dem Film weitergehen?
Christian Carlsen: Wir wollen mit dem Film 2017 auf Festivals gehen. Es wäre toll, wenn wir einen Fernsehsender und einen Vertrieb fänden. Es gibt bereits einige Nachfragen für Filmvorführungen. Wünschenswert wäre es, wenn z.B. die Landesvereinigungen der VVN-BdA, Veranstaltungen mit dem Film organisierten. Wir wollen versuchen, möglichst viele davon persönlich zu begleiten.

Anfragen von Bildungseinrichtungen, Vereinen, Kinos etc. bitte an info@kassiberfilms.com

Das Leben von Seka und Ado

geschrieben von Ernst Antoni

4. Mai 2017

Eine antifaschistische Familie in den Kämpfen des 20. Jahrhunderts

»Vor Ado zeigen sich die Tiere.« Vom Titel-Krokodil, das einst eine Rolle spielte, als der Vater der Autorin im jugoslawischen Exil der 30er-Jahre die junge Seka aus Sarajevo kennenlernte, bis zur Schlange, die er nach überstandener Flucht aus einem Außenlager des KZ Buchenwald am Strand von Ahrenshoop den Kindern präsentiert, und schließlich den Krokodilen im Leipziger Zoo, vor deren Gehege er, 60 Jahre alt, tot zusammenbricht, kreucht und fleucht allerlei durch diesen ungewöhnlichen Familienroman.
In acht Kapiteln, aufgeteilt in 120 Episoden, lernen wir das Leben von Seka und Ado von Achenbach kennen, beginnend mit Sekas Geburt im April 1917. Ein »Revolutionsjahr«, auch in Bosnien. Das Umfeld, in dem das Mädchen auf die Welt kommt, allerdings ist konservativ: »gehobene« großbürgerliche und -bäuerliche Verhältnisse.

Marina Achenbach, Ein Krokodil für Zagreb, Edition Nautilus Hamburg, 224 S., 19,90 Euro

Marina Achenbach, Ein Krokodil für Zagreb, Edition Nautilus Hamburg, 224 S., 19,90 Euro

Aus diesen drängt es sie bald hinaus, ins weltläufigere Zagreb. 1938 darf Seka als junge Journalistin für das dortige Abendblatt den doppelt so alten, vor den Nazis nach Jugoslawien emigrierten deutschen Adelsspross Ado von Achenbach interviewen, den Theatermann, Bohemien, einstigen Räterevolutionär. Prompt funkt es. Obwohl bereits einem Fabrikerben versprochen, stürzt sich Seka in die neue Beziehung, ebenso wie Ado, der schon eine Ehe hinter sich hat. Es wird geheiratet, die Tochter Marina kommt 1939 auf die Welt, wenige Jahre später folgt Sohn Andreas.
»Über viele Jahre«, schreibt die Autorin, »bewahre ich ein erfundenes Bild in mir und lasse es durch nichts antasten: Da sehe ich Ado und Seka mit dem neugeborenen Andreas im Arm vor dem Radio stehen und die Nachricht vom deutschen Überfall auf Jugoslawien hören. Ich habe sein Auf-die-Welt-kommen und den Krieg nicht zusammen denken können. Damit habe ich meine Vorstellung von Ado und Seka geschützt, als hätten sie immer ihre Gegenwart erkannt und bewusst gehandelt. Als hätten sie nicht im Krieg gelebt wie fast alle, zeitwillig erblindet, unentwirrbar mit dem Alltag verwoben, der nie aufhört. Den jüngeren Bruder aber, den sie nach der Rückkehr aus Ados erster Haft gezeugt haben, hole ich mit dieser Zeitverschiebung in die Zagreber Vorkriegs-Glückskapsel mit herein.«
Die Realität: »Die Wehrmacht marschiert in Kolonnen ohne Widerstand in Zagreb ein und nimmt Quartier in den Kasernen vor der Stadt. Über Nacht sind die kroatischen Ustaschas da. Straßennachbarn legen Uniformen und Abzeichen an und geben zu erkennen, dass sie längst zu ihnen gehören. Eine Woche lang halten alle anderen ihre Türen verschlossen. Nachts herrscht Ausgangssperre, Seka und Ado hören Schüsse, morgens liegen Tote auf der Straße.« Seka ist da noch schwanger. Während sich Ados Exil-Gefährten Partisanengruppen anschließen, bleibt er bei seiner Frau. »Im Frühjahr trifft eine Vorladung zur Polizei ein, Decke und Zahnbürste sind mitzubringen.« Vor den Ustaschas flüchtet das Paar nun mit Tochter und neu geborenem Sohn mit Hilfe eines Konsuls, der einst Assessor bei Ados Vater war, als »Volksdeutsche« getarnt nach Nazideutschland.
In Ados Elternhaus nach Berlin, zu dessen Mutter Paula, »die erst durch die faschistischen Rassengesetze daran erinnert wurde, dass sie Jüdin ist.« Seit 1933 ist sie Witwe. Ihr Vermögen wird als »Judenbuße« eingezogen, schließlich wird sie nach Theresienstadt deportiert. In die Berliner Kapitel flicht die Autorin Rückblicke ein auf die Geschichte der Achenbach-Familie, auf Ados Flucht aus dieser »geordneten« Welt ins Künstler- und Revolutionärsleben. Und schildert dann wieder den Alltag gegen Kriegsende, den Weg des Vaters ins KZ, die Umsiedlung nach Ahrenshoop.
An Spannung mangelt es auch in den weiteren Kapiteln nicht, die uns bis ins Jahr 2007 führen, als Seka, 90 Jahre alt, in München stirbt. Die Hoffnungen auf einen antifaschistischen Neubeginn, das Heranwachsen der Kinder, die Trennung von Ado und Seka, deren neue Ehen – Seka schließt eine kurze, beide nicht besonders befriedigende mit dem ehemaligen Spanienkämpfer und Schriftsteller Alfred Kantorowicz – Ado als DDR-Kulturfunktionär, sein früher Tod, Sekas Weg in die Bundesrepublik.
Dies alles ist verbunden mit der Schilderung von Auseinandersetzungen, Widersprüchen, politischen Entwicklungen, Schicksalsschlägen, die den handelnden Personen das Leben nicht gerade leicht machen. Immer wieder gibt es Hindernisse: Für Seka etwa ist es in ihrer DDR-Zeit plötzlich der »Titoismus«-Vorwurf. Als sie dann plant, mit den Kindern in ihre jugoslawische Geburtsheimat zurück zu ziehen, wird sie dort als »DDR-Agentin« verdächtigt.
»Seka«, schreibt Marina Achenbach über die wichtigste Quelle ihres Buches, »erzählt ihr Leben lang Geschichten, wir hören süchtig zu, obwohl wir sie verdächtigen, dass sie übertreibt. Aber wir spornen sie an mit einem geflüsterten: ‚Und dann?‘. Sie rollt ihren Erzählfaden auf, lässt ihn schwirren und kreisen. Wenn wir anfangen, sie nach Umständen und Gründen zu fragen, versickert ihre Erzähllust. Ein geordnetes Berichten langweilt sie. Sie steht auf und kocht sich einen Tee. Als wollte sie uns sagen: Wenn ihr mir nicht glaubt, finde ich es traurig, aber auch euch, meinen Lieblingen, wird es nicht gelingen, mich zu zähmen.«

Marina Achenbach, geboren 1939 in Zagreb, wuchs in der DDR auf, hat danach Slawistik in München, Tübingen und Moskau studiert und als Übersetzerin für Russisch und Serbokroatisch sowie für den polnisch-deutschen Kulturaustausch gearbeitet. Sie drehte Dokumentarfilme und war 1990 an der Gründung der Wochenzeitung „Der Freitag“ beteiligt, entstanden aus der Fusion der BRD-„Volkszeitung“ (die wiederum aus einer vorhergegangenen Verbindung des Friedensbewegungs-Traditionsblattes „Deutsche Volkszeitung“ mit der VVN-Wochenzeitung „die tat“ hervorgegangen war) und der DDR-Kulturbund-Wochenschrift „Sonntag“. Über ein Jahrzehnt schrieb sie für den „Freitag“ Reportagen, nicht zuletzt über den Jugoslawienkrieg, zu dem sie 1994 auch das Buch „Auf dem Weg nach Sarajevo“ veröffentlichte. 2004 erschien von ihr im Asso Verlag Oberhausen das Buch „Fasia geliebte Rebellin“ über die Liedermacherin und Sängerin Fasia Jansen.

»Motor der Veränderung«

geschrieben von Heinrich Fink

4. Mai 2017

Avantgarde-Kunst zur Oktoberrevolution in Chemnitz

Die Kunstsammlungen Chemnitz luden zu einer Ausstellung »Revolutionär!« (mit Ausrufezeichen) der russischen Avantgarde aus der Sammlung Vladimir Tsarenkov.
Der Termin der Ausstellung war für den aufmerksamen Zeitgenossen nicht frei von der Vermutung, daß er im Zusammenhang mit dem Datum »100 Jahre Oktoberrevolution« gewählt wurde. die »Revolutionäre« sind die russischen Künstler aus der revolutionären Kunstszene, die sich »Futuristen« nannten. Wladimir Majakowski soll zum Ereignis der Oktoberrevolution argumentiert haben »Anerkennen oder Ankommen war für mich keine Frage. Das war meine Revolution.«
Revolutionär!Die erste Aufforderung Lenins an die futuristischen Künstler unterschiedlicher Richtungen wurde spontan angenommen – sich mit ihrer Kunst an der Revolution zu beteiligen. Damit wurde die Oktoberrevolution zu einer Kulturrevolution. Das wird in dieser Ausstellung sehr deutlich. Die Kulturrevolution der Künstler war der »Motor der Veränderung Rußlands«, so Heinrich Vogeler.
Der erste umfassende Auftrag der Partei war die Ausgestaltung von großen öffentlichen Plätzen, besonders von Petrograd und Moskau. Für Petrograd wurde für den Revolutionsfeiertag im November 1918 ein Kunstwettbewerb ausgeschrieben, an dem sich nahezu 500 Künstler beteiligten, darunter auch einige, die in der Ausstellung in Chemnitz zu sehen sind.
Allein in Moskau wurden von 1918 bis 1921 25 Denkmale und über 500 Gedenktafeln geschaffen. Die große Bereitschaft vieler Künstler war verblüffend. Die Frage bleibt, ob sie von der Politik der Revolution ebenso bewegt waren. Jedenfalls kann der Beobachter in der Chemnitzer Ausstellung den Eindruck bekommen, daß die politische Überzeugung der Künstler mit ihren revolutionären Arbeiten übereinstimmt.
Leider ist diese Ausstellung trotz einmaliger Verlängerung immer noch zu früh beendet worden. Aber als Dokument bleibt der sehr gut konzipierte und gestaltete Katalog von 421 Seiten, verlegt im Sandsteinverlag.
Die in dieser Ausstellung präsentierte Auswahl umfasst die Zeit von 1917 bis 1930, von der Marc Chagall meint, sie wäre die produktivste Zeit der Kunst in Russland gewesen. Den Verfassern und Gestaltern dieses Katalogs ist für ihre Arbeit zu danken, damit das Interesse für die revolutionäre Kunst in Russland geweckt zu haben.
Es ist nur zu bestätigen, was die Herausgeberinnen, Ingrid Mössinger und Britta Milde, schreiben: »Mit ›Revolutionär! – die russische Avantgarde aus der Sammlung Vladimir Tsarenkov‹ ist es uns im Rahmen unseres internationalen Ausstellungsprogramm erneut gelungen, eine repräsentative Epoche russischer Kunst auf höchstem Niveau zu zeigen. … Die Sammlung … zeigt die außergewöhnliche Vielfalt der russischen Kunst im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts am Beispiel von rund 400 Werken von 110 Künstlern … Schmerzlich wurden wir in unserem Hause an die etwa 1000 Verluste während des Nationalsozialismus erinnert, wie z.B. das Aquarell »Skala« (1928) von Kandinsky und Lithographien von Jawlensky.
Eine Besonderheit der Chemnitzer Ausstellung ist das sogenannte Agitationsporzellan, das uns in den Zeitgeist jener Jahre führt. In der Zeit des noch verbreiteten Analphabetismus lesen wir auf den Tellern sehr eindrücklich gemalt: »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.« Oder »Hast Du Dich schon als Freiwilliger gemeldet?« Oder der einfache Aufruf gegen die Hungersnot unter dem gemalten Hammer und Sichel: »Hast Du schon geholfen, Hunger zu stillen?«
Die Porzellansammlung zeigt gegossene Rotarmisten, Arbeiterinnen mit umgebundener Schürze und Sportler.
Sehr gut mit anzusehen sind Schachspiele, z.B. mit Figuren der Roten und der Weißen. Der König der Weißen hat die Gestalt des Todes. Ihm liegen statt Bauern gefesselte Sklaven zu Füßen. Auf der Seite der Roten findet man Arbeiter und Bäuerinnen, beschützt von Rotarmisten.
Der Katalog gibt einen hervorragenden Einblick in die Arbeit der russischen Avantgarde mit ihrer Botschaft für die Zukunft »Nahrung für alle« und ihrer Hoffnung, daß die revolutionäre Kunst einen kulturellen Bestand haben soll. Sie begriff sich und ihre Kunst als futuristisch, was sie meinten, es wäre die Zukunft auf dem Wege der Erfüllung. Sie wollen ein neues, gemeinsames Leben mit neuen Menschen, in dem Gemeinschaft für alle gleichberechtigt wächst und gedeiht.
So trugen auch bildende und angewandte Kunst ebenso wie das sowjetische Theater und die Filme von Eisenstein dazu bei, dass viele Menschen außerhalb Russlands – von den Arbeitern bis zur Intelligenz – die Entwicklungen in Sowjetrussland mit Interesse und Sympathie verfolgten.
Es war eine gute Idee, mit dieser Ausstellung an das 100. Jubiläum der Oktoberrevolution zu erinnern.

Editorial

geschrieben von Ernst Antoni

22. April 2017

Eine Großveranstaltung extrem rechter europäischer Parteien im Januar in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle mit Spitzenfunktionären aus Österreich, Italien, den Niederlanden und Marine Le Pen aus Frankreich, herzlichst begrüßt von Frauke Petry von der AfD. Das befremdliche Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das der NPD eine »Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus« bescheinigt, um dann doch kein Verbot auszusprechen. »Neurechte« Formen der Holocaust-Leugnung, ein »Integrationsgesetz« in Bayern, das sich gegen Aus- und Inländer richtet, zunehmende Rüstungs- und Militarisierungsbestrebungen allerorten, die Bundesrepublik ganz vorne dabei…
Es sammelt sich derzeit schnell vieles an, über das in einem Magazin für antifaschistische Politik und Kultur kritisch berichtet werden muss. Zu den oben aufgeführten Punkten steht deshalb einiges Ausführlicheres in dieser Ausgabe der antifa. Ergänzt wie immer aber auch durch Überlegungen und positive Beispiele, wie und mit wem solchen Entwicklungen etwas entgegengesetzt werden kann. Wie hierzulande und andernorts humanistisches Engagement Impulse erhalten kann, breitere Bündnisstrukturen entstehen können, Wege des Widerstandes erprobt. Wichtig und nützlich ist hier nach wie vor die Erinnerung an Persönlichkeiten des antifaschistischen Widerstandes, an Verfolgte des Naziregimes und deren Wirken. Dazu auch in diesem Heft wieder einiges auf den Geschichts-, Porträt- und Kulturseiten.
Die aktuellen Entwicklungen vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen und Erkenntnisse werden auch Gegenstand der Diskussionen und Schlussfolgerungen des Bundeskongresses 2017 der VVN-BdA sein, der am ersten April-Wochenende in Frankfurt am Main stattfindet. 70 Jahre nach der damals die alliierten Besatzungszonen übergreifenden Gründung des Gesamtverbandes. Die »Spezial«-Seiten dieser antifa informieren über Schwerpunkte des Kongresses, über den vom Bundesausschuss verabschiedeten Leitantrag und einen friedenspolitischen Antrag aus NRW.

Titelbild

22. April 2017

OLYMPUS DIGITAL CAMERAUnser Titelbild: Fröhliche Inbesitznahme: Trotz mehrsprachiger Hinweise, wer auf solchen Bänken nur sitzen dürfen soll, lassen sich junge Menschen in der Münchner Innenstadt nicht vom Platznehmen abhalten. Bayerisches »Integrationsgesetz« hin oder her. Eine kritische Kunstaktion mit Publikumsbeteiligung. Siehe auch Seite 31 dieser antifa. Foto: Wolfgang Smuda

Weg vom Mittelmaß

geschrieben von Markus Roth

19. April 2017

Deutsche Großmachtträume dürfen ruhig etwas kosten

Schon seit Jahren fordert das Militärbündnis Nato seine Mitglieder auf, mindestens zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Jahr für ihre Armeen auszugeben. Der deutsche Wehretat ist mit 37 Milliarden bei etwa 1,2 Prozent des BIP und damit nur Mittelmaß. Was bei der Nato-Konferenz 2015 in Wales beschlossen und 2016 nochmal bestätigt wurde, wird nun auch von der zuständigen Ministerin von der Leyen gefordert: Eine schrittweise Erhöhung bis zur 2-Prozentmarke. Es sei schließlich unfair wenn die USA doppelt so hohe Militärausgaben hätten, als alle europäischen Staaten zusammen, so die Ministerin. Ihre Unterstützer verweisen auf die Annexion der Krim durch Russland bzw. die angebliche Untätigkeit der Nato bei dieser Krise und die allseits bekannte desolate Verfassung der Bundeswehr. Doch ein wichtiger Grund für die Erhöhung des Bundeswehretats dürfte auch in dem deutschen Bedürfnis nach einer Führungsrolle innerhalb der europäischen Nato-Streitkräfte zu suchen sein. Deutschland will nicht nur in den Nato-Strukturen kämpfen, sondern sie – neben den USA – auch anführen. Erste Schritte dazu sind die schon länger praktizierte Einbindung kleinerer Armeen (z.B. die niederländische, die tschechische und rumänische) in Kommandostrukturen der Bundeswehr, sowie neue Kooperationen mit Norwegen (U-Boot Flottille) und Frankreich (Beschaffung und Betrieb taktischer Transportflugzeuge). Das Ziel ist augenfällig: Wenn der Weg zur europäischen Armee zu steinig ist, dann soll es eben die Nato sein, die dem deutsch Führungsanspruch genügt.
Was gerade »nur« als Konjunkturprogramm für Rüstungsschmieden und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für »die Rekruten« daherkommt, birgt also noch größere Gefahren: Der deutsche Militarismus entscheidet, wann es wieder Zeit ist für das Sterben.

 

Mit wem und wofür?

geschrieben von Regina Girod

19. April 2017

Bündnispolitik in schwierigen Zeiten

Nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA gab es wochenlang keine Nachrichtensendung, keine Zeitung, überhaupt kein Medium, aus dem einen nicht als erstes ein Foto von ihm entgegensprang, dazu eine Schlagzeile, was er nun wieder angeordnet, gesagt oder getan hat. Die Welt scheint völlig aus den Fugen. Ob Nato, Freihandel oder Feindbilder – was scheinbar für die Ewigkeit gegolten hat, wirkt auf einmal zur Disposition gestellt. Hilflose Reaktionen bei Freund und Feind. Wie verhält man sich als Vorkämpfer von TTIP, wenn die USA es plötzlich nicht mehr wollen? Und was bedeutet das für TTIP-Gegner? Einen Sieg, eine Niederlage, oder gar nichts?

Kampagnenseite www.aufstehen-gegen-rassismus.de

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www.aufstehen-gegen-rassismus.de

So ratlos scheint die Oppositionsbewegung in den USA selber nicht zu sein. In kürzester Zeit hat sie Hunderttausende auf die Straße gebracht, die nicht zusehen wollen, wie ihnen Pluralität und Bürgerrechte, über Jahrzehnte hart erkämpft, nun im Handstreich genommen werden. Die USA sind tief gespalten. Trumps Politik ist ein Versuch, fundamentale Widersprüche auf reaktionäre Weise beherrschbar zu machen- ein höchst gefährliches Konzept.

Auch wegen seiner »Vorbildwirkung« für Europa und die Welt. Ein rechter Erdrutsch ist in vielen Ländern möglich, in manchen sogar schon Realität. Deshalb ist die Frage nach dem Verhältnis deutscher Linker zur Protestbewegung in den USA kein akademisches Problem.

Es geht in ihr um Bündnisfragen auch bei uns.

Gerade weil man noch nicht viel darüber weiß, welche Kräfte dort agieren, sind Projektionen deutlich zu erkennen, die manchen Wertungen zugrunde liegen. Die Mehrheit fühlt sich der Bewegung in den USA verbunden und hofft auf sie. Doch nicht alle.

Da sind auch jene, die in Trump um jeden Preis einen Partner Putins sehen wollen und bereit sind, alles auszublenden, was nicht in dieses Raster passt. Politisches Wunschdenken, manchmal noch ergänzt durch den Gedanken: »Wenn alle Gegner ihn verdammen, kann er so schlecht nicht sein«. Von einer Analyse ist das allerdings weit entfernt.

Und es gibt andere, die meinen, dass man die Protestbewegung nicht unterstützen darf, solange die Demokraten an ihr beteiligt sind. Die hätten die Misere schließlich mit verursacht und dürften davon nicht noch profitieren. Also lieber eine »kleine aber reine« Opposition, von der selbst Bernie Sanders ausgeschlossen bleibt? Ein Konzept, das mit Garantie in die Niederlage führt.

Spätestens hier sind die Parallelen zu unserer eigenen Situation unübersehbar. Wie breit darf ein Bündnis sein? Ist die AfD so gefährlich, dass man andere Ziele für den Kampf gegen sie zurückstecken muss? Oder orientiert man nun gerade auf die Überwindung des Bestehenden und erledigt die Gefahr von rechts dabei gleich mit?

Doch welche Kräfte stünden dafür überhaupt bereit? Man könnte auch versuchen, der AfD die Wähler abzujagen, indem man ihre Forderungen in abgeschwächter Form übernimmt…? Alles Fragen, die zurzeit in der deutschen Linken kursieren. Wirklich diskutiert aber werden sie nicht, meistens geht es nur darum, Positionen der jeweils anderen zurückzuweisen.

Gerade heute, wo alles in Veränderung begriffen ist, alte Widersprüche unverhofft verschwinden und dafür neue aufbrechen, ist der solidarische Diskurs über Werte, Strategie und Taktik der Linken unerlässlich geworden.

Wir müssen zu gemeinsamem Handeln kommen, sonst droht uns Marginalisierung!

Wie immer geht es dabei auch um Grenzziehungen. Wenn ich dem Parlamentarismus, d. h. dem Gewinn von Wählerstimmen zur Erreichung meiner Ziele höchste Priorität einräume, werde ich versuchen, die Probleme aufzugreifen, mit denen die AfD gerade punktet. Genau das praktizieren im Augenblick Vertreter aller Parteien, bis in die Linke hinein. Und bedienen dabei selbst das Bild der prinzipienlosen und korrupten Kaste, mit dem die AfD sie attackiert. Und – was noch schlimmer ist – das gesamte gesellschaftliche Klima wird nach rechts verschoben. Das betrifft uns alle, damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Die Kampagne »Aufstehen gegen Rassismus« wird von einem breiten Bündnis getragen. Alleine daraus, dass in ihm politische Parteien, Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen verbunden sind, resultieren viele Widersprüche. Interessen, Erfahrungen und politische Kultur unterscheiden sich. Es mangelt an Geld und Aktiven, wie eigentlich überall. Doch nirgends entstehen Verständnis und Solidarität so schnell, wie in der Arbeit an einem gemeinsamen Projekt.

Die VVN-BdA wird auch im Jahr 2017 ihre Mittel und Ressourcen für den Kampf gegen die AfD einsetzen. Wir bringen sie in das Bündnis »Aufstehen gegen Rassismus« ein. Weitere Mitstreiter dringend gesucht.

www.aufstehen-gegen-rassismus.de

Wie gefährlich ist Beate Zschäpe?

geschrieben von Janka Kluge

16. April 2017

In den letzten Wochen ging es im Prozess gegen Beate Zschäpe um die Frage ihrer Schuldfähigkeit. Ihre Anwälte wollten verhindern, dass der Psychiater Henning Saß sein Gutachten über die Psyche der Angeklagten vorträgt. Sie warfen dem renommierten Gerichtspsychiater vor, dass er nicht mit der Angeklagten gesprochen habe. Unerwähnt ließen sie dabei, dass sie es selbst war, die jeden Kontakt mit dem Psychiater abgelehnt hat. Um den Auftrag des Gerichts zu erfüllen blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich auf Aktenstudien und eigene Beobachtungen während des Prozesses zu beschränken.
Saß entwickelte in seinem mündlich vorgetragenen Bericht zwei Szenarien. Im ersten ist er der Frage nachgegangen, ob die Behauptungen von Beate Zschäpe schlüssig sind, oder sie sich nur aus taktischen Gründen als weitgehend unschuldig darstellt. Zu dieser Darstellung gehört auch ihre Aussage, sie habe von den Morden immer erst im Nachhinein erfahren und hätte sie somit nicht verhindern können. Außerdem sei sie, so hat sie es in einer von ihrem Anwalt verlesenen Stellungnahme behauptet, emotional und sexuell von den beiden Uwes abhängig gewesen und habe sich in hohen Alkoholkonsum und die Pflege ihrer Katzen geflüchtet. Diese Sicht läuft überspitzt gesagt darauf hinaus, dass Beate Zschäpe eigentlich das erste Opfer der beiden Mörder gewesen sei und nicht ihre Mittäterin.
Henning Saß widersprach dieser Darstellung in allen Punkten. Er sieht in ihrem Verhalten Anzeichen von manipulativem Verhalten, Verdrängungen und egozentrischen Zügen. Er wollte eine Persönlichkeitsstörung zwar nicht vollständig ausschließen, betonte aber, dass er die Angeklagte in allen Punkten für schuldfähig hält. Außerdem -bescheinigt er ihr, dass sie »erfolgreich Grundsätze (…) der Heimlichkeit, des Verbergens, des Täuschens« eingehalten hat und dadurch das Leben im Untergrund mit ermöglicht hat«. Sie habe sich »lieber als gute Nachbarin« gezeigt, »die von ihrer Gesinnung nicht preisgegeben hat«. Außerdem betonte er, dass sie sich in keinster Weise von ihrer Gesinnung getrennt hat und es möglich ist, dass sie nach Verbüßung der Haftstrafe wieder politisch aktiv wird.
Mit seinem Gutachten stützt Henning Saß die These der Bundesstaastsanwaltschaft, dass Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe gemeinsam und arbeitsteilig die Morde begangen haben.

Mittlerweile haben die Verteidiger von Beate Zschäpe ein zweites Gutachten beantragt. Dadurch wird der Prozess wahrscheinlich weiter verzögert werden.

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