Schweriner Erfahrungen

geschrieben von Claus Oellerking

30. November 2016

Auf dem Marienplatz, da hat sich etwas verändert.

Wer im August 2015 auf den Marienplatz in Schwerin ging, sah sie fast nicht. Es waren erst wenige da. Plötzlich, im September 2015, hat sich da etwas verändert. Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea und einigen andern Länder waren in die Stadt gekommen. Sie fielen auf. Sie sahen anders aus. Sie sprechen eine andere Sprache. Nach einem Jahr, wie sieht die Situation hier in Schwerin heute aus?
Die Mehrzahl ist bereits wieder gegangen. Oft in Großstädte. Auf der Suche nach Arbeit, nach Familienangehörigen, nach Freunden und Bekannten ging es nach Hamburg, Berlin und auch ins Ruhrgebiet. Etwa 24.000 Flüchtlinge kamen 2015 nach Mecklenburg-Vorpommern. 6.000 blieben im Land, etwa 2.500 leben heute in Schwerin.
Sie konnten in leerstehende Wohnungen einziehen, bemühen sich, in der neuen Nachbarschaft Fuß zu fassen, besuchen Integrationskurse und Sprachkurse. Manche haben bereits begonnen zu arbeiten.
Die Registrierung hier in Mecklenburg-Vorpommern geht mittlerweile in der Regel schneller als in anderen Bundesländern. Hier haben viele Flüchtlinge ihre Aufenthaltstitel relativ schnell bekommen. Trotz hohen Wohnungsleerstandes in der Stadt war und ist es nicht immer leicht, eine passende freie Wohnung zu finden. Gelungen ist es inzwischen doch für die meisten Neuankömmlinge.
Schwieriger ist es in Sachen Arbeit. – In Schwerin gibt es nicht so viele Arbeitsplätze und die Arbeitsvermittler haben es nicht leicht. Besonders die Anerkennung der Arbeitserfahrung und der Qualifikation der Flüchtlinge ist schwierig. So unterscheiden sich die Ausbildungssysteme der Länder zum Teil sehr. Der Arbeitsmarkt ist in den Herkunftsländern oft deutlich weniger formalisiert als in Deutschland. Viele Menschen haben dort gearbeitet, ohne eine umfassende Ausbildung zu machen. Tischler ist eben derjenige, der mit Holz arbeitet.
Gelegentlich erschweren fehlende und unvollständige Unterlagen die Beratungstätigkeit der Jobvermittler und die unterschiedlichen Sprachen machen es nicht leichter. Dennoch, wer es schafft, sich am Schweriner Arbeitsmarkt zu orientieren und dort Arbeit findet, geht arbeiten. Auch als Hilfskraft, auch schlecht bezahlt.
Die Herausforderung Nummer 1 ist die Sprache. Viele Flüchtlinge besuchen Sprachkurse und haben ihre erste Sprachprüfung B1 schon bestanden. Trotzdem können sie nicht so gut sprechen. Ihnen fehlt die Praxis im Alltag und es fehlen die deutschen Gesprächspartner. Einige Flüchtlinge, die gerade ihren Integrationskurs machen, haben nach dem Unterricht reichlich freie Zeit. Sie bleiben oftmals zuhause. Und manchem fällt dort sprichwörtlich die Decke auf den Kopf. Fast 20 Stunden in der Woche Däumchen drehen. Das ist nicht jedermanns Sache. Etwas tun, das möchten sie. Beschäftigt sein. Auch hilfreich sein und so fragen sich auch junge Flüchtlinge, ob sie etwas ehrenamtlich machen dürfen. – Aber was? Und wo? Hier fehlen konkrete Angebote, fehlen vor allem deutsche Ansprechpartner und Mitstreiter. – Und so organisieren sich die Geflüchteten eben auch selbst. Sie sind in der Flüchtlingshilfe Schwerin e.V. aktiv und die Projekte und praktische Arbeit von Ma’an – Miteinander e.V. sind lebendige Beispiele für die so genannte »Migranten-Selbst-Organisation«.
Viele Flüchtlinge finden die Gesetze hier in Deutschland kompliziert. Manche finden die Gesetze unfair, besonders das neue Integrationsgesetz. Dem zufolge müssen zahlreiche Personen noch mal umziehen, obwohl sie Wohnungen gefunden haben und ihre Kinder in der Schule oder im Kindergarten gut aufgenommen worden sind.
Auf der Flucht besuchen die Kinder keine Schule. So gibt es Kinder, die zwei Jahre oder länger nicht in der Schulen waren und nun fehlen in Schwerin Schul- und Kindergartenplätze für einige von ihnen. Wie soll die Zukunft dieser Kinder aussehen?
Den jungen Flüchtlingen, besonders diejenigen, die keine Familie in Deutschland haben, fehlt es gelegentlich an Orientierung in der neuen Gesellschaft. Einige langweilen sich hier sehr. Sie wünschen sich, etwas zu machen, nicht immer zuhause zu bleiben oder auf der Straße »abzuhängen«. Patenschaften für junge Menschen könnten eine gute Unterstützung sein.
Viele Flüchtlinge aus allen Ländern belastet die schleppende »Familienzusammenführung« sehr. Menschen, die ohne ihre Familien hierher kamen, sind häufig in den Gedanken bei ihren Angehörigen. Sie sind also nicht wirklich hier angekommen. Sie sorgen sich um das Wohl und das Leben und fragen sich, ob ihre Familien in Gefahr sind. Sie organisieren von Deutschland aus Hilfe für die, die in der Heimat in Not sind oder für diejenigen, die in auf der Flucht in Camps gelandet sind. Dies macht die Integration schwerer.
Wer kann sich schon auf den Sprachkurs, die Ausbildung oder die Arbeit konzentrieren, wenn im Heimatdorf Bomben fallen und gemordet wird? Wenn Schlepper die Familienmitglieder als Geiseln nehmen um Geld zu erpressen?
Und dann tut es doch gut, auf den Marienplatz zu gehen, Freunde zu treffen. In Sicherheit und in Frieden.

Willkommen in Deutschland?

geschrieben von Regina Girod

30. November 2016

Was die Gesellschaft im letzten Jahr verändert hat

Europa hat bei der Lösung der Flüchtlingsfrage kollektiv versagt – diese Meinung vertritt nicht nur der niederländische Autor Tommy Wieringa. Doch kann man Bundeskanzlerin Merkel deshalb als »das Licht der Welt« bezeichnen, wie er es tut? Oder sollte man sie im Gegenteil als »Volksverräterin« beschimpfen, wie der Dresdner Pegida-Pöbel meint? Ein gutes Jahr nachdem die europäische Abschottungspolitik unter dem Druck verzweifelter Massen flüchtender Menschen nachgeben musste, ist heute nichts mehr, wie es war. Zwischen den europäischen Staaten und innerhalb ihrer Gesellschaften haben sich tiefe Klüfte aufgetan. Auf der einen Seite engagiert sich eine beeindruckende Zahl von Menschen für die Geflüchteten und kompensiert mit ihrem Einsatz auch das Versagen staatlicher Strukturen. Auf der anderen Seite haben nationalistische, rassistische und fremdenfeindliche Einstellungen überall in Europa Hochkonjunktur. Parteien, die sie befeuern, ernten Zustimmung und Wählerstimmen in ungeahntem Ausmaß, die Idee des geeinten Europas scheint ein Auslaufmodell geworden zu sein. »Jeder ist sich selbst der Nächste!« heißt die alte neue Losung, im Großen wie im Kleinen. Was ist geschehen?
Zwar scheint die Taktik, erst einmal den Flüchtlingsstrom einzudämmen, die Menschen nicht mehr nach Kerneuropa hineinzulassen und damit den gefühlten Druck auf die Politik zu verringern, im Augenblick aufzugehen, doch die Fluchtursachen werden davon nicht berührt. Im Gegenteil. Versuche, künftig Flüchtende schon in Afrika aufzuhalten, für die Frau Merkel auf ihrer jüngsten Malitour nach Freunden suchte, oder gar die Idee, tausende Afghanen in ein zerstörtes Land »zurückzuführen«, in dem bereits mehr als eine Million Binnenflüchtlinge in Lagern vegetieren, werden die bisherigen Fluchtbewegungen eher noch verschärfen.
Die Sonderstellung, die die Bundesrepublik in Bezug auf »Willkommenskultur« und »Wir schaffen das!« eine Zeit lang einnahm, hat sich entlarvt als kaltes politisches Kalkül. Denn die alte Strategie, nur »nützliche« Einwanderung zuzulassen und die so genannte »Einwanderung in die Sozialsysteme« zu verhindern, feiert in den Gesetzen, die zur Bewältigung der »Krise« durchgepeitscht wurden, fröhliche Urständ. Wenn auch auf höherer Stufenleiter. Die Annahme, dass die Bundesrepublik in 40 Jahren 12 Millionen Einwohner weniger haben könnte, drängte nach entschiedener Veränderung. Eine alternde und schrumpfende Bevölkerung ist mit Weltmachtambitionen einfach nicht vereinbar. Also Obergrenze hin oder her – die richtigen müssen kommen, das heißt Menschen, die für die Kapitalverwertung brauchbar sind. Dann schaffen wir es auch, die Führungsmacht zu sein, hätte der Satz ehrlicherweise lauten müssen.
Dass im Ergebnis dessen eine Art rechter Kulturrevolution losgetreten wurde, die wohl besser als Unkulturrevolution zu charakterisieren ist, ist der Tatsache geschuldet, dass hiesige Politiker die Bewegung gesellschaftlicher Widersprüche weder verstehen können, noch wollen.
Neoliberale Politik führt zu einer grundlegenden Entsolidarisierung in der Gesellschaft. Nicht als unliebsame Nebenwirkung, sondern ganz bewusst produziert. Das haben die letzten Jahrzehnte gezeigt. Entsolidarisierung aber heißt, dass die Verteidigung von Gruppen- und Sonderinteressen in den Mittelpunkt rückt. Eine zunehmende Verrohung und Abwertung anderer, das Ansteigen so genannter »gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit« und die wachsende Bereitschaft, eigene Interessen notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen, haben große Studien der Bevölkerung der Bundesrepublik Jahr für Jahr attestiert. Nun sind diese Einstellungen durchgebrochen. Scheinbar unbescholtene Bürger legen Brände in Flüchtlingsunterkünften, Hass wird offen hochgekocht und entlädt sich in Gewalt. Und Vertreter des Staates, ob Polizisten, Bürgermeister oder Staatsanwälte haben Verständnis und schauen weg – oder zu. Es kann doch nicht falsch sein, ein angestammtes Vorrecht zu verteidigen! Wer das nicht teilt, kann nur ein Volksverräter sein – oder eine Volksverräterin? Neoliberale Logik kennt keine Gnade. Man hätte es wissen können.
Was aber könnte ein Ausweg aus dieser Lage sein? Gibt es überhaupt noch einen?
»Wir brauchen eine Politik, die Identifikation und Zusammenhalt für alle schafft, für Einheimische und Zugewanderte. Zentral dafür sind mehr Teilhabe und Partizipation.«, sagt Madlen Preuss von der Universität Bielefeld. Doch wo sind die Politiker, die dafür stehen?

 

Auf Arabisch, Farsi, Französisch

geschrieben von Janka Kluge

27. November 2016

Refugee Radio: Geflüchtete in Stuttgart auf Sendung

Seit einigen Monaten senden Geflüchtete beim Freien Radio für Stuttgart. Sie gestalten die Sendungen in eigener Verantwortung, ohne dass jemand die Sendungen überprüft und abnimmt. Diese Form der Eigenverantwortung ist ein ganz wichtiges Prinzip bei selbstverwaltenden Projekten, wie es die meisten Freien Radios sind. Die Geflüchteten senden in ihren eigenen Sprachen, so dass es vorkommen kann, dass während einer Sendung Arabisch, Farsi, Englisch oder Französisch gesprochen wird. Die Entscheidung, dass die Geflüchteten selbst über die Sprache entscheiden können, mit der sie kommunizieren, hat zu vielen Diskussionen außerhalb des Radios geführt. Immer wieder hören wir, dass unsere Hörer verstehen wollen, was die Geflüchteten zu sagen haben. Außerdem können viele nicht nachvollziehen, dass wir sie ganz ohne Kontrolle senden lassen. Die Befürchtung dahinter ist, dass sich Islamisten einschleichen und das Radio für ihre Propaganda nutzen könnten. Unser Gegenargument, dass wir auch bei anderen muttersprachlichen Sendungen erst einmal den Menschen vertrauen, die zu uns kommen, wird oft mit Kopfschütteln beantwortet.
Bis wir in der Lage waren, das Radio für Geflüchtete zu öffnen, war es ein langer Weg. Am Anfang stand die interne Diskussion, die aber innerhalb kurzer Zeit abgeschlossen war. Danach haben wir angefangen, für das Projekt zu werben. Die Unterstützer von Geflüchteten waren sehr angetan von der Idee. Trotz dieser Begeisterung haben wir niemanden gefunden, der wirklich senden wollte. Ein Problem war, dass die Unterstützer der Geflüchteten sich oft bis zur Selbstaufgabe engagierten und nicht mehr die Kapazitäten hatten, für unser Projekt zu werben.

Refugee Radio im Freien Radio für Stuttgart: Jeden Dienstag von 17 bis 18 Uhr, im Internet http://www.freies-radio.de/

Refugee Radio im Freien Radio für Stuttgart: Jeden Dienstag von 17 bis 18 Uhr, im Internet http://www.freies-radio.de/

Wir waren schon kurz davor das Projekt einschlafen zu lassen, als in einem Artikel die Organisation »Reporter ohne Grenzen« erwähnt wurde. In dem Artikel ging es um die Schwierigkeiten, die geflüchtete Journalisten haben. Wir meldeten uns bei ihnen und bekamen Kontakt zu Journalisten, die geflüchtet waren. Ein Journalist aus Syrien war zuerst ganz begeistert von den Möglichkeiten, die das Radio bietet. Nachdem er aber in einem Einführungsworkshop, der für alle, die neu im Radio anfangen Pflicht ist, mitbekommen hat, dass das Freie Radio für Stuttgart sich selbst als fortschrittlich und antifaschistisch, also im weitesten Sinn als links versteht, hat er jeden Kontakt abgebrochen. Ein anderer, zu dem wir auf diesem Weg Kontakt bekommen haben, ist ein Journalist aus Pakistan. Obwohl er in einer kleinen Stadt untergebracht ist, fährt er mindestens einmal in der Woche nach Stuttgart um die Sendung im Radio zu machen. Da er wie fast alle Geflüchteten kaum Geld hat, übernimmt das Radio die Fahrtkosten für ihn.
Ein weiterer Redakteur des Refugee Radios kommt aus Kamerun. Er hat immer wieder über die Situation von Homosexuellen in Kamerun geschrieben und war in seiner Heimat Aktivist schwuler Gruppen, die für ein gleichberechtigtes Leben kämpfen. Nachdem er wegen der Veröffentlichung eines Artikels verhaftet worden war, nahm er Kontakt zur deutschen Botschaft auf und bekam eine Einreisegenehmigung. In Deutschland angekommen, beantragte er sofort Asyl. Er konnte durch das Engagement der Botschaft direkt nach Deutschland fliegen und musste nicht wie tausende andere Flüchtlinge aus Afrika die mörderische Route durch die Sahara und über das Mittelmeer nehmen.
Zu der Redaktion ist nach Beginn der Sendungen ein weiterer Journalist aus Syrien dazugekommen. Er lebte in Homs, der drittgrößten Stadt in Syrien, und betrieb dort ein Redaktionsbüro. 2011 demonstrierten zehntausende Menschen in Homs gegen das Assad-Regime. Vorbild für die Demonstrationen war der Arabische Frühling, der seinen Ausgang in Tunesien hatte. Das Militär und die Geheimdienste gingen massiv gegen die meist jungen Demonstranten vor. Besonders die jungen Medienmacher und Blogger waren von den Verfolgungen betroffen. Die Geheimdienste hatten gesehen, welche wichtige Rolle Facebook und Twitter bei der arabischen Revolution gespielt hatten. Um die Demonstrationen einzudämmen, gingen sie gezielt gegen alle vor, die sich öffentlich mit den Protesten solidarisierten, oder ein Teil von ihnen waren.
In Gesprächen haben unsere neuen Kollegen betont, wie wichtig es für sie ist, wieder journalistisch aktiv sein zu können. Sie halten Kontakt in ihre Heimatländer, wo ihre Sendungen auch über das Internet empfangen werden können.
So, wie wir unser Projekt ursprünglich angedacht hatten, konnten wir es nicht umsetzen. Dafür haben wir jetzt eine Redaktion im Radio, die tolle vielseitige Sendungen produziert. Eine Idee von uns war auch, dass wir mit geflüchteten Jugendlichen Radio machen könnten. Wir haben langjährige Erfahrungen in der medienpädagogischen Arbeit mit Jugendlichen. Doch obwohl in Stuttgart viele minderjährige Geflüchtete leben, konnten wir bis jetzt noch keine dafür begeistern.

 

Trotz allem das Gute

geschrieben von Ernst Antoni

27. November 2016

Max Mannheimer, Holocaust-Überlebender und großer Aufklärer, ist verstorben

»The times they are a-changin‘…«, hat der diesjährige Literatur-Nobelpreisträger Bob Dylan vor einigen Jahrzehnten gesungen. Manchmal kann so etwas dauern. Vor ziemlich genau zehn Jahren war in einem Kommentar in unserer Zeitschrift »antifa« zu lesen: »Schön wäre es, wenn der Elan, der von manchen Politikern in Sachen angeblich integrationsunwilliger Ausländer an den Tag gelegt wird, andere Wirkungsfelder fände. Dringend notwendig ist es, dass dieser sich endlich einmal gegen jene Inländer richtet, die den braunen Ungeist immer gewalttätiger verbreiten. Sie sind es doch vor allem, die sich nicht in eine demokratische Gesellschaft integrieren wollen – und sie bekunden das inzwischen auch ganz unverfroren.«
Der Autor dieses Gastkommentars war Max Mannheimer, Holocaust-Überlebender, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau und Vizepräsident des Comité International de Dachau. Seine damaligen Sätze lesen sich brandaktuell. Im Freistaat Bayern, der Heimat Mannheimers, und im Rest der Republik ist bis heute von jener damals geforderten Besinnung auf andere »Wirkungsfelder« – von einigen verbalen Unverbindlichkeiten abgesehen – kaum etwas zu spüren. Der »Zeitenwechsel« steht nach wie vor aus…

Max Mannheimer Foto: Werner Rauch

Max Mannheimer
Foto: Werner Rauch

Am 23. September 2016 ist Max Mannheimer im Alter 96 Jahren gestorben. Derzeit vergeht kaum eine Woche ohne Gedenkveranstaltungen, ohne Medienbeiträge, die an die jahrzehntelange Aufklärungsarbeit des Verstorbenen in Schulen, Bildungsstätten, öffentlichen Institutionen erinnern. Das Wirken von Max Mannheimer, schon zu seinen Lebzeiten mit einer Fülle von höchsten deutschen und internationalen Auszeichnungen und Ehrungen gewürdigt, rückt mit seinem Tode und der damit verbundenen Erkenntnis, wie sehr er uns künftig fehlen wird, noch einmal deutlich ins öffentliche Bewusstsein. Wünschenswert wäre, dass damit auch der eine oder andere inhaltliche Standpunkt, den der ehemalige Häftling der Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz, Warschau und schließlich Dachau, vertreten hat, ebenfalls wieder ins Blickfeld kommt. Bei der Gedenkfeier im Oktober in München in den Räumen der Israelitischen Kultusgemeinde sprach neben anderen auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer. »Das Echo seiner Worte wird nicht verhallen«, sagte er. Möge doch dieser Gedenkredner auch selbst einmal dem einen oder anderen Mannheimer-Echo ernsthaft lauschen.
Es stimmt schon: Max Mannheimer, am 6. Februar 1920 in einer jüdischen Familie im mährischen Neutitschein (Nový Jičín) geboren, hätte, so der Ministerpräsident, »allen Grund gehabt zur Verbitterung, zu Abscheu und Feindseligkeit«. Hatten die Nazis doch fast alle seiner Familienangehörigen ermordet. Aber Mannheimer habe, so Seehofer, gesagt: »Ich kann nicht hassen«.
Das ist so nicht falsch zitiert und doch sträflich verkürzt. In den von Marie-Luise von der Leyen dokumentierten Erinnerungen »Max Mannheimer. Drei Leben« (dtv, 2012) sagt der KZ-Überlebende: »Ich weiß, dass es eine Utopie ist, die Menschen verbessern zu wollen. Dennoch glaube ich an das Gute im Menschen. Trotz allem. Ich bin so erzogen worden und ich funktioniere immer noch so. Und ich halte an diesem Glauben fest, auch wenn er immer wieder einmal erschüttert wird. Sozusagen nach einem Motto von Bertolt Brecht: ‚Wer kämpft, kann verlieren – wer nicht kämpft, hat schon verloren‹.« So wird aus diesem »Nicht-Hassen-können« doch eine ganz andere Maxime als sie manchen manchmal bequem wäre.
Der VVN-BdA und ihren Mitgliedern blieb Max Mannheimer freundschaftlich verbunden, seit er begonnen hatte, mit Berichten aus seinem Leben an die Öffentlichkeit zu gehen, nachdem 1985 in der ersten Ausgabe des von Barbara Distel und Wolfgang Benz herausgegebenen Jahrbuchs »Dachauer Hefte« seine 1964 aufgeschriebenen »Erinnerungen« an seine Konzentrationslager-Erfahrungen erstmals gedruckt veröffentlicht worden waren. Bis dahin hatte er darüber geschwiegen, versucht, mit bildkünstlerischen Mitteln die Zeit der Verfolgung in Farben und ungegenständlichen Formen für sich aufzuarbeiten.
Von 1986 an begann die Zeit vieler gemeinsamer Aktivitäten, der Zusammenarbeit in der Lagergemeinschaft Dachau, in deren Vorsitz er 1990 Eugen Kessler ablöste, der aus dem Münchner Arbeiterwiderstand kam. Stets setzte Max sich gegen die Nachstellungen ein, denen die VVN-BdA vor allem in Bayern durch den Verfassungsschutz und andere Behörden ausgesetzt war und ist. So zuletzt 2015 als einer der Erstunterzeichner der vom SPD-Landtagsabgeordneten Florian Ritter initiierten Petition »Für eine offene, demokratische Gesellschaft! Gegen die Diffamierung der VVN-BdA.«
Weit über Bayern hinaus bleibt Max Mannheimer vielen in der VVN-BdA und in ihrem Umfeld in Erinnerung als ein Freund, der Jung und Alt überzeugen konnte: mit seiner Menschlichkeit, seinem profunden Wissen und nicht zuletzt seinem Humor, den er trotz allem, was ihm widerfahren war, nie verloren hat.

Bücher von und über Max Mannheimer:

Max Mannheimer, Spätes Tagebuch. Theresienstadt-Auschwitz-Warschau-Dachau. Mit einem Vorwort zur aktuellen Ausgabe von Wolfgang Benz. Piper Verlag München

Max Mannheimer, Marie-Luise von der Leyen, Drei Leben. Erinnerungen, Deutscher Taschenbuchverlag München, dtv-Taschenbuch, Bd. 34841

Ilse Macek, Horst Schmidt (Hrsg.), Max Mannheimer – Überlebender, Künstler, Lebenskünstler, Volk Verlag München

Über seine Bilder:

Max Mannheimer, The Marriage of Colours. Die Vermählung der Farben, Hirmer Verlag München

Vor der Pogromnacht

geschrieben von Andreas Kozik

27. November 2016

Die »Polenaktion« Ende Oktober 1938

Über Judenverfolgung in Deutschland gibt es schon zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, Forschungsprojekte, Monographien. Man kann also überrascht sein, wenn man über ein Thema erzählt und die Zuhörer scheinen die Geschichte nicht zu kennen und staunen, dass so was überhaupt passierte. Über die erste massenhafte, gewalttätig durchgeführte Deportation polnischer Juden aus dem Dritten Reich im Oktober 1938 weiß man tatsächlich nicht viel. Die erste monografische, wissenschaftliche Arbeit wurde erst 60 Jahre nach den Ereignissen, also im Jahr 1998 in Polen herausgegeben. Relativ schnell wurde das Buch (»Preludium Zagłady. Wygnanie Zydów Polskich z Niemiec w 1938r.« von Jerzy Tomaszewski) ins Deutsche übersetzt: »Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung polnischer Juden aus Deutschland im Jahre 1938«, fibre Verlag, Osnabrück 2002. In der Einführung zur deutschen Ausgabe dieses Buches gibt der Autor zur Kenntnis, dass er leider keine Möglichkeit hatte, in deutschen Archiven zu arbeiten.
Wenn aber jemand versuchte, zu diesem Thema Augenzeugenberichte, Listen von Deportierten, Polizeiberichte in deutschen Archiven zu finden, würde er eine große Enttäuschung erleben. Verwirrend ist auch die Tatsache, dass sogar im Bundesarchiv dieses historische Ereignis nicht als eine Deportation betrachtet wird. Es wurde als »Abschiebung« definiert, so als hätte es sich um Kriminelle, um Verbrecher gehandelt, die eine große Gefahr für die Ordnung in der Gesellschaft darstellten. Es wurden einfach Denkweise und Wortschatz aus der Hitler-Zeit übernommen. Man kann wohl von einer Art »Gehirnwäsche« sprechen. Begriffe wie »Jude« und »polnisch« werden so bewusst kriminell assoziiert.
Betrachtet man aber den gewaltsamen Verlauf dieser Aktion, die Tatsache, dass die Betroffenen nur nach zwei Hauptkriterien verhaftet wurden (Religion und Staatsangehörigkeit), dann den massenhaften Charakter (circa 17.000 bis 20.000 absolut unschuldige Menschen wurden über die Grenze nach Polen gejagt), und die Tatsache, dass man nicht mal die rechtlichen Regeln einer Abschiebung beachtete (Widerspruchsrecht), halte ich den Begriff »Deportation« für einzig richtig, und diese Bezeichnung werde ich weiter verwenden.
Die Betroffenen, die man in Deutschland auch als »Ostjuden« bezeichnete, waren jüdische Migranten aus Ost-Mitteleuropa, überwiegend aus den ehemaligen polnischen Gebieten (im 19. Jahrhundert Russ-land und Galizien). Nach dem Ersten Weltkrieg, als Polen nach 123 Jahren wieder auf der europäischen Landkarte zu finden war, wurde der Begriff »Ostjuden« mit »polnischen Juden« gleich verwendet. Die Ursachen für die Migration waren zu der damaligen Zeit sowohl wirtschaftlicher Natur (Galizien), lagen aber auch in der antijüdischen Gesetzgebung in Russland begründet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es sogar zu zahlreichen Juden-Pogromen in Russland. Das Ziel der Migration war aber nicht Deutschland, sondern das gelobte Land: Amerika. Die deutschen Städte, wie Berlin und Hamburg, waren nur Zwischenstationen.
Zur Zeit des Ersten Weltkriegs gab es eine neue Migrationswelle: jüdische Zwangsarbeiter, die für die deutsche Kriegsindustrie arbeiten mussten. Nicht nur Herkunft, auch Kleidung, besondere Frommheit, Treue zur jüdischen Tradition, jüdische Sitten, die Sprache (als Muttersprache galt Jiddisch) machten den Unterschied zwischen westlichen, »zivilisierten« Juden und den Zuwanderern aus dem Osten. Von den Einheimischen (Nichtjuden) wurden sie konsequent als Fremde betrachtet, wobei die gesellschaftliche Herabstufung diese Migrantengruppe auf die unterste Ebene positionierte.
Schon in den ersten Monaten der nationalsozialistischen Herrschaft wurden von Seiten der polnischen Juden zahlreiche Beschwerden über Raubüberfälle und Misshandlungen bei den polnischen Konsulaten gemeldet. Die neue Gesetzgebung hatte rechtliche Grundlagen geschaffen und machte die Judenverfolgung zur »Pflichtaufgabe« des deutschen Nationalstaates.
Die Deportation »Polenaktion« wurde durch den Befehl des Reichsführers SS und Chef der Deutschen Polizei vom 26.10.1938 eingeleitet. Alle Kräfte der Ordnungs- und Sicherheitspolizei sollten sich, unter Zurückstellung anderer Obliegenheiten, nur einer Aufgabe widmen: alle polnischen Juden (..) in Abschiebungshaft zu nehmen und unverzüglich zur polnischen Grenze in Sammeltransporten abzuschieben.
Als Ausländer durften die Verhafteten nur 10 Reichsmark mitnehmen. Erlaubt war auch ein Handgepäck mit Vorrat für zwei Reisetage. Die Vorgehensweise war unterschiedlich. Teilweise wurden nur Männer verhaftet, ganz absichtlich mit der zynischen Vermutung, dass die Ehefrauen und Kinder später freiwillig folgen werden. Unbekannt sind die Zahlen der während dieser Deportation erkrankten, geschlagenen und gestorbenen Menschen. Niemand hat solche Statistiken geführt. Tausende wurden über die grüne Grenze nach Polen gejagt, bevor die polnische Seite die Entscheidung traf, die noch gebliebenen Deportierten in der kleinen Grenzstadt Zbąszyń festzuhalten.
Ohne Geld, beraubt von ihrem ganzen Vermögen, ohne materielle Gegenstände, die man für den Alltag braucht, überwiegend ohne polnische Sprachkenntnisse, waren die deportierten polnischen Juden vom ersten Tag an auf Hilfe von anderen angewiesen. Nur dank einheimischer Polen wurde das Schlimmste verhindert. Relativ schnell waren auch Mitarbeiter von Joint und anderen Hilfsorganisationen nach Zbąszyń gekommen. Am 29.10.1938 wurde die massenhafte Deportation gestoppt. Der wichtigste Grund dafür war für Hitler die sehr ungewöhnliche Reaktion der Polen. Anstatt nachzugeben und ratlos zu sehen, was die Deutschen so tun, hatte der polnische Politiker Józef Beck Maßnahmen ergriffen, die die Deutschen fast in einen Schockzustand versetzten. In Polen hatte man angefangen, Deutsche zu verhaften und zur Grenze abzutransportieren. Das »Deutschtum« in Polen wurde bedroht. Damit hatte wohl keiner gerechnet. Die mutige und entschlossene Vorgehensweise der Polen zeigte, dass Hitler gezwungen werden konnte nachzugeben, wenn man ihn unter Druck setzte, wenn man nicht nur »Nein« sagte, sondern auch Gegenmaßnahmen ergriff. Die Deutschen waren schließlich bereit zu diplomatischen Gesprächen. Einige von den Transporten, die schon zur polnischen Grenze unterwegs waren, wurden sogar zurückgeschickt.
Die Deportation verursachte einen Zwischenfall, der die Situation der Juden im Dritten Reich sehr erschwerte. Ein 17-jähriger polnischer Jude, Herszel Grynszpan, der zu dieser Zeit in Paris lebte, bekam Post von seiner Familie mit der Beschreibung des Elendsweges von ihrem Wohnort Hannover bis nach Zbąszyń, dem Deportationsort. Aus Verzweiflung und mit Wut im Bauch kaufte sich der Junge einen Revolver und ging in die deutsche Botschaft in Paris. Dort schoss er fünfmal auf einen der deutschen Diplomaten (Ernst vom Rath). Zwei Tage später starb das Opfer des Attentats in einem Pariser Krankenhaus. Die deutsche Propaganda nahm das Attentat zum Anlass für die Judenpogrome am 9. und 10. November. Auch unter den deportierten Juden in Zbąszyń herrschte Angst. Die Familie Grynszpan bekam einen neuen Namen, so wollte man sie vor den Gestapo-Agenten schützen.
Erst am 24. Januar 1939 kam es in Berlin zu einem vorläufigen Abkommen zwischen Deutschland und Polen. »Die deutsche Regierung war bereit, eine (…) vorübergehende Rückkehr in das Reichsgebiet zu gestatten, wenn diese zur Regelung ihrer persönlichen und geschäftlichen Verhältnisse notwendig ist und der Antrag innerhalb von vier Wochen vom heutigen Tage ab (24.01.1939) gestellt wird. Die Liquidationserlöse und sonst zustehenden Kapitalbeträge müssten auf ein besonderes, zu diesem Zweck eröffnetes Konto bei einer noch zu vereinbarenden deutschen Devisenbank eingezahlt werden. (…) Die Zahl der Rückkehrer, die sich zu irgendeinem Zeitpunkt in Deutschland befindet, soll Tausend nicht übersteigen. Die polnische Regierung hat sich u.a. verpflichtet die Ehefrauen und unter 18 Jahre alten Kinder der Ausgewiesenen, jederzeit nach Polen zu lassen.«1
Unabhängig von den Verhandlungen lief das Leben der Deportierten in Zbąszyń. Es wurden Sprachkurse und berufliche Umschulungskurse organisiert. Später wurden die Menschen in kleinen Gruppen, nach den erlernten Berufen, ins Landinnere gelassen und an verschiedene Städte und jüdische Gemeinden verteilt. Der deutsche Angriff auf Polen machte indes jede Hoffnung auf ein neues Leben zunichte.

Der 28. Oktober 1938 war ein Freitag. Nach dem Sonnenuntergang sollte, wie gewohnt, die Zeit des Sabbats beginnen. Laut der strengen Vorschriften der jüdischen Religion, sollten die Gläubigen an diesem heiligen Tag jede Tätigkeit vermeiden, die man als Arbeit betrachten konnte, z.B. das Tragen von Gepäck und das Reisen. Der 18-jährige Marceli Reich, der damals in einer kleinen möblierten Wohnung in Berlin-Charlottenburg wohnte, wurde kurz vor 7 Uhr am Morgen von einem Wachmann geweckt und aufgefordert mitzugehen. In die Hand bekam er ein Abschiebungsbescheid. Absolut überrascht, versuchte der junge Mann, darauf hinzuweisen, dass er gemäß des Schreibens 14 Tage Zeit habe, das Land zu verlassen und sogar einen Widerspruch einlegen könne. Der »Gesetzeshüter« zeigte jedoch kein Verständnis für solche rechtlichen Nuancen.

 

Auf den Internetseiten des Kulturrings findet sich unter dem Menüpunkt »Konkret« ein Verweis auf eine Projektarbeit, die diesen historischen Ereignissen gewidmet ist. Neben der kurzen Einführung gibt es eine Chronik und wohl die bis jetzt umfassendste (854 Namen) online zur Verfügung stehende Namensliste der deportierten polnischen Juden.
Infos im Internet:
kulturring.org/konkret/polenaktion
http://www.zbaszyn1938.pl/

 

 

 

 

 

Bei der Verhaftung ahnte der zukünftige Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki noch nicht, dass er nur einer von tausenden polnischen Juden war, die schon seit dem Vortag (27.10.1938) im ganzen Reichsgebiet verhaftet und zu diversen Sammelpunkten gebracht wurden. Weiter ging es zur polnischen Grenze. Eine Projektarbeit des Kulturring in Berlin e.V. ist nun diesem historischen Ereignissen gewidmet, das vielen unbekannt ist. Der »Polenaktion« von 1938 in Berlin.
1 H.G. Adler »Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland« J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1974, Seite 98/99.

Keine »soziale Heimatpartei«

geschrieben von Gerald Netzl, Wien

27. November 2016

Ein kritischer Blick in das Programm der FPÖ für Österreich

Der Aufstieg der FPÖ begann 1986 mit der Wahl Jörg Haiders zum Bundesparteiobmann, seither durchlebten die Freiheitlichen Höhen und Tiefen. Aktuell sehen Umfragen sie bundesweit klar auf Platz 1. Grund genug, ihr Programm genauer anzusehen.
Die FPÖ möchte den Faktor Arbeit über eine Senkung der Lohnnebenkosten entlasten. Welche Lohnnebenkosten sie damit genau meint, lässt sie offen. Es darf spekuliert werden, ob damit der Dienstgeberanteil zur Sozialversicherung (Arbeiter 21,7 % und Angestellte 21,83 % vom Bruttobezug) – dazu zählen die Kranken-, Unfall-, Pensions- und Arbeitslosenversicherung – oder der IESG-Zuschlag (Zuschlag zum Insolvenz-Entgeltsicherungsgesetz), die Arbeiterkammerumlage und der Wohnbauförderungsbeitrag, die Kommunalsteuer (Gemeindeabgabe in Höhe von 3 % vom Bruttobezug), der Beitrag zur Mitarbeitervorsorgekasse (1,53 % vom Bruttobezug), der Dienstgeberbeitrag zum Familienlastenausgleichsfonds (kurz DB genannt: 4,5 % vom Bruttobezug) oder der Zuschlag zum Dienstgeberbeitrag (kurz DZ genannt: je nach Bundesland zwischen 0,36 % und 0,44 %) gemeint ist. Egal um welche Kosten es der FPÖ genau geht, wer Lohnnebenkosten für den Dienstgeber kürzt, streicht damit Sozialleistungen für Beschäftigte.
Die FPÖ lehnt die Mindestsicherung (Grundsicherung) klar ab, weil diese ihrer Meinung nach eine grob ungerechte Form der Umverteilung darstelle und Zuwanderung von ausschließlich an unseren Sozialleistungen interessierten Personen provoziere. Sozialminister Alois Stöger stellte für die SPÖ klar: »Jeder, der einen rechtmäßigen Aufenthalt hat, muss sozial abgesichert werden.«
Die FPÖ tritt für eine eigene Sozialversicherung für AusländerInnen ein. Diese Forderung ist nicht nur unsozial sondern auch unökonomisch. Denn MigrantInnen sind sogenannte NettozahlerInnen in der Sozialversicherung. Sie zahlen schon alleine aufgrund ihrer Altersstruktur mehr ein, als sie an Leistungen in Anspruch nehmen. Sie bleiben unterdurchschnittlich lang arbeitslos und nehmen auch die Mindestsicherung seltener in Anspruch als ÖsterreicherInnen. Die eigene »Ausländersozialversicherung« ist daher aus ökonomischer Sicht unsinnig und würde lediglich unnötige Verwaltungskosten produzieren. Es ist naheliegend, dass es der FPÖ bei dieser Forderung nicht um Kosten geht, sondern darum, Sozialleistungen für AusländerInnen einzuschränken also um eine Art Apartheidsystem in der Sozialversicherung.
Die FPÖ fordert eine Anhebung der monatlichen Geringfügigkeitsgrenze auf 1.000 Euro. Die Umsetzung dieser Forderung würde bedeuten, dass Teilzeitbeschäftigte, die weniger als 1.000 Euro verdienen, nicht mehr sozialversichert sind. Zu den sozialen Problemen, die das verursachen würde, gingen dadurch auch der Sozialversicherung wichtige Einnahmen verloren.
Die FPÖ fordert eine Ausweitung der Nichtbesteuerung von Überstundenzuschlägen, weil sie die »Fleißigen und Tüchtigen« fördern wolle. In Zeiten steigender Arbeitslosigkeit neue Anreize für mehr Überstunden zu schaffen, ist kontraproduktiv.
Die FPÖ möchte neben Kinderbetreuung auch sonstige haushaltsnahe Dienstleistungen bis zu einer Obergrenze von 3.000 Euro steuerlich absetzbar machen. Schon jetzt nutzt die Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten nur Gutverdienenden. Was daran sozial sein soll, wenn Gutverdiener in Zukunft nicht nur die Leihoma, sondern auch die Putzfrau von der Steuer absetzen können, ist nicht erklärbar. Es ist weitaus sinnvoller die Mittel, die das kosten würde, in den Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen zu investieren.
Die FPÖ bekennt sich zum Familiensplitting bei der Einkommenssteuer. Was sie nicht dazu sagt ist, wie sie den dadurch entstandenen Einnahmenausfall bei der Einkommenssteuer kompensieren möchte. Aus sozialen Gesichtspunkten betrachtet ist ein Familiensplitting auch deshalb problematisch, weil es besonders wohlhabenden Haushalten nutzen würde, in denen nur einer (i. d. R. der Mann) verdient. Familiensplitting setzt zudem negative Anreize für Frauenerwerbsarbeit.
Die FPÖ ist gegen eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-jährigen. Warum eine Partei, die sich damit brüstet, sich für die »kleinen Leute« einzusetzen, gleichzeitig verhindert, dass deren Kinder bessere Bildungschancen bekommen, lässt sich schwer erklären.
AusländerInnen die arbeitslos werden, sollen ihre Aufenthaltserlaubnis und Beschäftigungsbewilligung verlieren. Das würde sie für den Arbeitgeber völlig erpressbar machen und Lohndumping Tür und Tor öffnen.
Außerdem ist die FPÖ für eine »Diskussion über einen Austritt aus der EU« und eine Volksabstimmung darüber, für eine Erhöhung des Budgetanteils für das Bundesheer auf 1 % des BIP, gegen die Fristenlösung und gegen die Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften.

An die Macht!

geschrieben von Thomas Willms

21. November 2016

Der Plan des Front National

Die Choreographie für die Vergabe des stärksten politischen Amtes Westeuropas – die französische Präsidentschaft – hat aufgrund ihrer Ritualisierung etwas Erbarmungsloses, im Falle der kommenden Wahl sogar drohend Verhängnisvolles. Mit Sicherheit wird einer der beiden Kandidaten für die Stichwahl am 7. Mai 2017 Marine le Pen heißen. Und mit einer nie dagewesenen Wahrscheinlichkeit wird ihr Gesicht Punkt 20 Uhr als das Porträt des zukünftigen Präsidenten auf den Bildschirmen erscheinen.

François Durpaire, Farid Boudjellal: Die Präsidentin, 2016, 158 Seiten, 19,95 €

François Durpaire, Farid Boudjellal: Die Präsidentin, 2016, 158 Seiten, 19,95 €

Bereits 2002 war ihr Vater, Jean-Marie, bis in die Stichwahl vorgedrungen. Anders als damals hat die heutige Chefin des Front National eine reelle Chance auf den Sieg, mit unabsehbar negativen Konsequenzen für Frankreich und ganz Europa. Politik und Kultur haben begonnen, sich ganz ernsthaft auf den Sieg des FN einzustellen, bzw. sich mit den wahrscheinlichen Folgen auseinanderzusetzen. Die traditionellen Parteien scheinen gegen die national-sozialistische Ideologie des FN keine brauchbare Abwehr mehr aufbauen zu können. Der der Kandidatenaufstellung dienende Vorwahlkampf der konservativ-bürgerlichen Partei »Les Républicains« (früher UMP), inklusive Schaulaufen vor einer Unternehmerversammlung, zeigt Kandidaten, die sich inhaltlich weitgehend an den inhaltlichen Vorgaben des FN orientieren bzw. diese zu übertreffen versuchen. Buchtitel wie »Den islamistischen Totalitarismus besiegen« (François Fillon), »Für den starken Staat« (Alain Juppé) und »Alles für Frankreich« (Nicolas Sarkozy) sprechen davon. Ausgerechnet der ehemalige Präsident Sarkozy (»le Kärcher«) geriert sich als vielversprechender Mann gegen »das Establishment«. Die Kandidaten der Linken und ganz Linken mit ihrem Charme trauriger Dackel werden ohnehin nur noch unter ferner liefen vermerkt.
Der Blick auf den Projektplan (»Notre Projet«) des FN zeigt deutliche ideologische Unterschiede zur AfD, vor allem aber eine viel stärkere Gesetztheit und Selbstsicherheit. Man taumelt beinahe angesichts des entschiedenen Willens zur Macht, der einen in diesem Dokument anspringt. Das allererste Wort gilt dem Lob des Todes in den Kriegen der Nation. Es folgt ein radikales Aufrüstungsprogramm für das Militär, insbesondere seiner Marine-, Luftwaffen- und Nuklearstreitkräfte. Dann geht es um die Schaffung einer 50.000 Mann starken »Nationalgarde« (bereits durch die gegenwärtige sozialistische Regierung beschlossen), weiter um die umfassende Stärkung von Polizei und Geheimdienst und nicht zu vergessen der Rüstungsindustrie.
Leitbild und Götze ist »l’Etat fort«, der starke Staat. Es ist ein typisch französischer und beileibe nicht nur auf die Rechte begrenzter Aberglaube, dass der Staat alles richten könne, solle und müsse. Er und er allein soll dem FN zufolge die »Globalisierung« niederschmettern bzw. an den Grenzen Frankreichs abweisen. Aus dieser Sicht sind global agierende Konzerne als auch verzweifelte Afrikaner auf Schlauchbooten nur Ausdruck ein und desselben Phänomens. Auch NATO und EU sind demnach nur »trojanische Pferde« einer diffusen feindlichen Macht. Ausdruck höchster Souveränität und Problemlösungsfähigkeit ist für die FN die Gründung eines jeweils zuständigen Ministeriums, vorausgesetzt es erhält die nötigen Mittel und Befehlsgewalt. Außenpolitisch geht es zurück in die Kanonenboot- (heute Flugzeugträger-) politik mit der unverhohlenen Absicht, wenigstens den Rest der Kolonien mit Gewalt sichern zu wollen. In der Welt sieht man einen entscheidenden Partner: Russland. Mit diesem gelte es, eine »enge strategische Allianz« aufzubauen, beruhend auf einer »vertieften militärischen und energiepolitischen Partnerschaft«.
Wirtschaftspolitisch stehen ostasiatische Tigerstaaten Pate. Frankreich müsse planmäßig und unter Anleitung des Staates »reindustrialisiert« werden. Die Rückkehr zum Franc, in Wirklichkeit die Flucht in eine neue Währung, ginge einher mit einer neuen Staatsverschuldung über die man dank eigener Währung die Hoheit habe. Der FN verspricht sofortige positive Auswirkungen für die Bürger, allerdings nur für die »wahren Franzosen«. Der FN möchte nämlich mit der 200jährigen Tradition des Staatsbürgerschaftsrechts brechen und zu eine Art Blutrecht übergehen, resultierend in Massendeportationen unerwünschter »Ausländer«.
Die interessanteste sich stellende Frage ist, ob das französische Kapital verzweifelt genug ist, um sich auf ein solch unerhörtes Vabanquespiel einzulassen und le Pen zu unterstützen. Denn sicher ist, dass ein auch nur ansatzweise durchgeführter Projektplan die V. Republik an ihre politischen und sozialen Grenzen führen würde.

Notre Projet. Programme Politique du Front National, 116 Seiten
http://www.frontnational.com/pdf/Programme.pdf

 

Kulmhof – das erste Vernichtungslager

geschrieben von Jutta Harnisch

21. November 2016

Am 8. Dezember 1941 begann die industriemäßige Ermordung der europäischen Juden mit Giftgas

Kulmhof, wie die Nazis den polnischen Ort Chełmno eindeutschend nannten, ist in der öffentlichen Wahrnehmung kaum bekannt und in seiner Bedeutung weithin unterschätzt. Etwa 70 km nordwestlich von Łodz gelegen, war es das erste der sechs großen Vernichtungslager, die die Nazis – alle im besetzten Polen – errichteten. Vor 75 Jahren, am 8. Dezember 1941, begann in Kulmhof die Massentötung der europäischen Juden mit Giftgas.
Als Vernichtungsstätte wurde ab 1. Oktober 1941 ein unbewohntes Gutshaus (»Schloss«) im Dorf Chełmno gepachtet. Das Gelände am Fluss Ner, zu dem ein Park und ein großer Speicher gehörten, wurde mit einem Bretterzaun abgeschirmt und umgebaut. Abgelegen genug, um ungestört morden zu können, war es über Straßen- und Bahnverbindungen gut erreichbar – entscheidend für die Heranführung der Opfer. Im nur wenige Kilometer entfernten Waldstück von Rzuchow wurden die massenhaft anfallenden Leichen verscharrt.

Mitte 1944 wurde Kulmhof kurzzeitig als Vernichtungsort reaktiviert: Das letzte verbliebene jüdische Ghetto im faschistisch besetzten Polen in Łodz sollte »liquidiert« werden. Das Bothmann-Kommando wurde aus Jugoslawien zurückberufen. Um das Waldlager wurde ein Zaun gezogen und zwei Baracken zum Entkleiden aufgestellt, je eine für Männer und Frauen. Zwei Feldkrematorien wurden in Betrieb genommen, zwei Gaswagen trafen ein. Vom 24. Juni bis 15. Juli 1944 wurden noch einmal 7.126 Juden in Kulmhof vergast. Die »restlichen« 68.000 Juden in Łodz wurden im August nach Auschwitz-Birkenau transportiert.

Mitte 1944 wurde Kulmhof kurzzeitig als Vernichtungsort reaktiviert: Das letzte verbliebene jüdische Ghetto im faschistisch besetzten Polen in Łodz sollte »liquidiert« werden. Das Bothmann-Kommando wurde aus Jugoslawien zurückberufen. Um das Waldlager wurde ein Zaun gezogen und zwei Baracken zum Entkleiden aufgestellt, je eine für Männer und Frauen. Zwei Feldkrematorien wurden in Betrieb genommen, zwei Gaswagen trafen ein. Vom 24. Juni bis 15. Juli 1944 wurden noch einmal 7.126 Juden in Kulmhof vergast. Die »restlichen« 68.000 Juden in Łodz wurden im August nach Auschwitz-Birkenau transportiert.

Im Oktober und November 1941 traf das »Sonderkommando Lange« – 15 Angehörige von Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst (SD) Posen sowie rund 90 Ordnungspolizisten – ein. Erster Kommandant wurde der einschlägig erfahrene SS-Sturmbannführer Herbert Lange, der bereits ab Dezember 1939 bis Mitte 1940 ein Sonderkommando befehligte, das Insassen pommerscher, ostpreußischer und polnischer psychiatrischer Anstalten in mobilen Gaskammern tötete.
Seit dem 8. Dezember 1941 wurden zunächst Juden aus der Umgebung und dem Ghetto Litzmannstadt (Łodz) zur Vergasung nach Kulmhof gebracht. Auch nach Łodz deportierte deutsche Juden sowie 4.300 aus dem österreichischen Burgenland stammende Roma gehörten dazu.
Im Schloss sagte man ihnen, es gehe zuerst zum Duschen. Sie mussten sich entkleiden und wurden von den Wachen brutal mit Peitschen über einen schmalen Korridor zur Rampe getrieben. An deren Ende standen drei Gaswagen, in die jeweils bis zu 90 Menschen gepfercht wurden. Waren sie voll, schlossen die SS-Leute die Türen, der Motor wurde angelassen und die Abgase ins Innere geleitet. Nach etwa zehn Minuten waren die Menschen tot. Die Motoren liefen gewöhnlich eine Viertelstunde.
Die Gaswagen fuhren ca. vier Kilometer zum »Waldlager«. Ein jüdisches Arbeitskommando musste die Wagen entladen, Goldzähne ausbrechen und nach Wertgegenständen suchen. Die Leichen musste es in riesige, langgestreckte, mehrere Meter tiefe Gruben schichten und die Lkws reinigen, die anschließend zurückfuhren. Ab Sommer 1942 gab es zwei Feldkrematorien, in denen das Arbeitskommando die Leichen gleich verbrennen, die Reste in Knochenmühlen zermahlen und die Asche in den Fluss schütten musste.
Die Nazis waren bemüht, den Massenmord in Kulmhof geheim zu halten. Doch die Bewohner von Chełmno konnten die Lkws sehen, die zwischen Schloss und Wald pendelten, manchmal hörten sie Schreie. Später waren die Feuer zu sehen, und der Geruch breitete sich bis zu 15 km weit aus.
Schon ab Anfang 1942 kursierten im Warschauer Ghetto Augenzeugenberichte. In der kommunistischen Untergrundzeitung »Morgenfrajhajt« wurde am 9. Februar 1942 die Nachricht einer Frau namens Fala veröffentlicht. Sie hatte am 27. Januar 1942 auf einer Postkaste an Verwandte im Warschauer Ghetto geschrieben: »Sie bringen uns nach Kulmhof und vergasen uns. Dort liegen schon 25.000 Juden. Das Gemetzel geht weiter. …«
Nach zwei Wochen Zwangsarbeit als Totengräber im »Waldlager« konnte am 19. Januar 1942 Szlama Ber Winer fliehen. Er erreichte das Warschauer Ghetto und schrieb auf Bitten der Untergrundbewegung sein Wissen über das Todeslager Kulmhof auf. Es ging unter dem Namen Grojanowski-Bericht an Untergrundvertreter der polnischen Exilregierung.
Am 2. Juli 1942 berichtete die New York Times von Tötungen mit mobilen Gaswagen. Am 2. September 1942 berichtete der polnische Exilpolitiker Szmul Zygielbojm in London von der Judenvernichtung.
Seit Anfang 1943 kamen immer weniger Transporte in Chełmno an: Die jüdische Bevölkerung war, mit Ausnahme der »Arbeitsfähigen« im Ghetto in Łodz, weitgehend vernichtet. Das Arbeitskommando musste nun die Leichen ausgraben, verbrennen und die Knochen zermahlen. Am 7. April 1943 sprengte das SS-«Sonderkommando Kulmhof«, seit April 1942 unter dem Kommando von SS-Hauptsturmführer Hans Bothmann, das Schloss und rückte »zur Partisanenbekämpfung« nach Jugoslawien ab. Innerhalb von 16 Monaten hatte es mindestens 145.000 Menschen ermordet.
Es gab nur drei Überlebende des Vernichtungslagers. Ihnen war die Flucht gelungen: Michał (Mordechai) Podchlebnik, Szyman (Shimon) Srebrnik und Mordechai Żurawski. Sie sagten 1945 vor polnischen Richtern aus, im Eichmann-Prozess bzw. bei Claude Lanzmann für seinen Film »Shoah«. Ihre Lebensinterviews werden in Yad Vashem aufbewahrt.

Gedenkstein mit der Aufschrift Pamiętamy (poln. für »wir erinnern uns« bzw. »wir gedenken«)

Weißwaschung widerlegt

geschrieben von Anne Allex

21. November 2016

Die Firma Salamander war Profiteurin des Naziregimes

Vera Friedländer liefert eine spannende und faktenreiche Auseinandersetzung mit der Firmengeschichte von Salamander in Kornwestheim (Baden-Württemberg). Aus den Schriften des Stadt- und Firmenhistorikers Hanspeter Sturm befördert sie unter Falschdarstellungen, Fehlinterpretationen und Auslassungen die tatsächliche Entwicklung des Unternehmens Salamander zwischen 1933 und 1945 ans Tageslicht. Hierbei nutzt sie Bücher von Anne Sudrow (Der Schuh im Nationalsozialismus), Petra Bräutigam (Mittelständische Unternehmen im Nationalsozialismus) und eigene recherchierte Quellen.

Vera Friedländer: Ich war Zwangsarbeiterin bei Salamander, Verlag Das neue Berlin, Eulenspiegel Verlagsgruppe, Berlin, 2016, 14,99 EUR Als aufsteigender Schuhproduzent war Salamander maßgeblich an der Testung von Ersatzstoffschuhen im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg beteiligt. 1940 wurde dazu die berüchtigte »Schuhläuferstrecke«, eine halbrunde Laufbahn von 700 Metern mit 8-10 m Breite und abwechselnden Belägen eingerichtet. Unterernährte Häftlinge mussten dort täglich elf Stunden lang mit 15-30 kg Gepäck auf dem Rücken bis zu 40 Kilometer schnell laufen. Das überlebten nur wenige. Wenn die Direktoren der Lederbetriebe die Gebrauchsspuren und die Haltbarkeit der Schuhe besichtigen wollten, musste das Schuhkommando geschlossen vor den Vertretern der Schuhprüfstelle Aufstellung nehmen und die Schuhe ausziehen.

Vera Friedländer: Ich war Zwangsarbeiterin bei Salamander, Verlag Das neue Berlin, Eulenspiegel Verlagsgruppe, Berlin, 2016, 14,99 EUR
Als aufsteigender Schuhproduzent war Salamander maßgeblich an der Testung von Ersatzstoffschuhen im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg beteiligt. 1940 wurde dazu die berüchtigte »Schuhläuferstrecke«, eine halbrunde Laufbahn von 700 Metern mit 8-10 m Breite und abwechselnden Belägen eingerichtet. Unterernährte Häftlinge mussten dort täglich elf Stunden lang mit 15-30 kg Gepäck auf dem Rücken bis zu 40 Kilometer schnell laufen. Das überlebten nur wenige. Wenn die Direktoren der Lederbetriebe die Gebrauchsspuren und die Haltbarkeit der Schuhe besichtigen wollten, musste das Schuhkommando geschlossen vor den Vertretern der Schuhprüfstelle Aufstellung nehmen und die Schuhe ausziehen.

Nach einer knappen Darstellung vom Entstehen der Schuhfirma nimmt Vera Friedländer den weiteren Werdegang des Unternehmens im deutschen Faschismus genauer unter die Lupe. 1933 wird bereits eine schrittweise »Arisierung« im Vorstand des Unternehmens in Angriff genommen. Schlussendlich werden die jüdischen Kapitalgeber kalt gestellt. Anschließend wird die Firma aus der Boykottliste der Nazis gestrichen. Die Anlehnung der Firma an die Nazis beginnt mit einer Spende von 10.000 Reichsmark durch den neuen Firmenchef Alex Haffner zu Hitlers erstem Geburtstag als »Reichskanzler«. Gleich nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 und weit vor der Reichspogromnacht 1936 »erwirbt« die Salamander AG bereits gut gehende Schuhfirmen aus Offenbach und Speyer. Die Offenbacher J. Mayer & Söhne Leder AG ist 6 Millionen Reichsmark wert, die Besitzer werden mit einer halben Million abgefunden. Das mag damals gerade gereicht haben, um ihr Vermögen aufzulösen und die Ausreise zu bewerkstelligen. Zudem »erwirbt« Salamander noch die württembergische Schuhfabrik Faurndau GmbH und 1937 Anteile der Gerberei Sihler & Co AG. Durch diese Einkäufe wird sie zu einem der größeren Schuhkonzerne neben der Freundenberg AG.
Die Autorin arbeitet an Hand von Fakten heraus, dass neben der Ledergewinnung (durch Raub), vor allem das Lederrecycling und die Gewinnung von Ersatzstoffen für Leder wichtige Schwerpunkte der Firmenstrategie waren. Sie weist darauf hin, wie Ledernachschub in großem Stil aus der Sowjetunion geraubt wurde. Dies war neben der Beschäftigung von mehr als 2000 Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangenen überwiegend aus Frankreich, Griechenland und weiteren 19 Nationen ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Unternehmens. Denn für geraubtes Leder fielen nur Transportkosten an und Zwangsarbeiter waren billig. Wozu angeblich nichts zu finden war, war die Wiederaufbereitung von Leder aus Schuhen, die ermordete jüdische Häftlinge verschiedener KZ zurückließen, und die von Berliner Juden, Polen und Franzosen in der Berliner Köpenicker Straße Nr. 6a-7 in Kreuzberg aufgearbeitet wurden. Obwohl die Firma Salamander zunächst bestritt, damit etwas zu tun zu haben, konnte der Beweis mit Berliner Adressbüchern von 1937 erbracht werden, die die Salamander AG als Betreiber eines Reparaturbetriebes in der Köpenicker Straße 6a ausweisen. Auch in Vera Friedländers Arbeitsbuch ist die obige Adresse auf dem Salamander-Stempel deutlich zu erkennen.
Vera Friedländer ist deshalb so sehr an dieser Unternehmensgeschichte interessiert, weil sie selbst als 16-Jährige Zwangsarbeiterin bei Salamander in Kreuzberg war. Sie ist Tochter einer jüdischen Mutter. Ihr Vater ließ sich nicht scheiden, sondern ging zum Schutz seiner Familie zur Organisation Todt, um »dort seine Wehrwürdigkeit« unter Beweis zu stellen. Vera wurde 1944 zur Zwangsarbeit im Reparaturbetrieb bei Salamander verpflichtet.
Nach einem friedlichen Leben in der DDR, das ihr ein Studium der Germanistik und eine Professur ermöglichte, ist sie als Bundesbürgerin seit 1990 wieder mit rechtsextremistischen Entwicklungen konfrontiert. In diesem Kontext erinnerte sie sich an ihre Jugend, und an die Fragen, die sie als junges Mädchen nicht auflösen konnte: Woher kommen die vielen Schuhe? Wer sind ihre Besitzer? Warum sind die Schuhe nicht mit einer Nummer markiert, damit sie wieder abgeholt werden können? In ihren Recherchen stieß sie auf Salamander (jetzt: Leiser): Sie entdeckte, dass sich das Unternehmen mit seiner Nicht-Verwicklung in die Naziherrschaft schmückte. Und das, obwohl die Schuhproduktion kriegswichtig und die Firma einer der einflussreichsten Schuhproduzenten im damaligen »Dritten Reich« war.
In der zweiten Hälfte ihres Buches skelettiert Vera Friedländer Hanspeter Sturms Legende von den »schützenden Händen über unsere Juden«: Sie berichtet von der weitaus umfangreicheren jüdischen Bevölkerung in Kornwestheim und widerlegt halb- und unwahre Einzelaussagen des »Historikers«. Vera Friedländers Buch ist großartig, weil es zur Aufdeckung der Methodik des Lügens zum Zwecke der Weißwaschung von deutschen Wirtschaftsunternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg einen hervorragenden Beitrag leistet.

Vom Überleben im Krieg

geschrieben von Raimund Gaebelein

18. November 2016

Ein viel diskutiertes französisches Buch liegt nun auf Deutsch vor

Ein 20-jähriger französischer Mathematik-Student aus Versailles kommt im August 1943 als Zwangsarbeiter nach Bremen. Für ihn ist die Begegnung mit einer Kultur, die ihn interessiert, trotz aller bedrückenden Umstände, eher ein Ausbruch aus familiärer Enge. Es wirkt wie ein Abenteuer, ein Erlebnis. Die Härte des Krieges spürt Pierre, wie sich der Autor in seinen romanhaften Aufzeichnungen nennt, durchaus – Bombenangriffe, Verdunklung, Ausgangssperre. Von der Zwangsarbeit hätte er sich durch Vermittlung seiner Familie freistellen lassen können. Pierre wählt den schwereren Weg, vielleicht auch, um der zerbrochenen Ehe seiner Eltern zu entfliehen. Er geht auch nicht auf das Angebot seines Vorgesetzten bei den Francke-Werken ein, sich leichtere Arbeitsbedingungen als Dolmetscher zu verschaffen. Pierre versucht, seine Sprachkenntnisse zu verheimlichen. Stattdessen unterstellt er sich Willy Suhr, einem Meister mit Naziparteibuch, der aber eher sein Mentor ist.

Yves Bertho, »Ich war Pierre, Peter, Pjotr«, 520 S. Kellner Verlag, Bremen 2016, 18,90 Euro

Yves Bertho, »Ich war Pierre, Peter, Pjotr«, 520 S. Kellner Verlag, Bremen 2016, 18,90 Euro

Pierre kultiviert eine ambivalente Freundschaft zu Robert, der ihn zu seiner Lagerunterkunft und der Arbeitsstelle begleiten soll. Durch Robert lernt er Ingrid kennen, eine deutsche Offiziersgattin, die sich seiner annimmt. Die Ehe mit ihrem Mann an der Balkanfront ist gescheitert. Mit Robert ist er ihretwegen in einer Art Hassliebe verbunden. Die Schattenseiten der Stadt eröffnen sich Pierre durch seine Bekanntschaft mit Madame Blanche, einer Französin, die ihn von der Notwendigkeit von Schwarzmarktgeschäften überzeugen will. Yves Bertho vermittelt uns einen Eindruck in das zivile Leben einer Stadt im Krieg, in den Willen zur Selbstbehauptung trotz aller widrigen Umstände. Robert und Pierre haben vor allem Kontakte zu anderen Zwangsarbeitern, zu den jungen ukrainischen Frauen, die die Unterkunft sauber halten, zu russischen Kollegen in den Francke-Werken, die Flugzeugmotoren reparieren müssen. Schwerstarbeit, vor allem als er als Strafe einen beschädigten Heizkessel auseinandernehmen muss. Aber daneben machen sie Bekanntschaft mit jungen BdM-Mädchen, die gerne mehr vom Leben draußen wüssten.
Auf den ersten Blick erscheint Yves Berthos Roman wie ein abenteuerlicher Ausflug in eine fremde Welt. Er sprüht vor Lebensfreude inmitten von Bombenhagel und erzwungener Schwerstarbeit. Pierre entwickelt eine enge Beziehung zu einer deutschen Offiziersgattin, er verfügt über mehr Geld und Zigaretten als er ausgeben kann. Er geht lächelnd über Strafen und körperlichen Zusammenbruch hinweg. Pierre scheint den Ausbruch aus seinem Elternhaus zu genießen. Er ist kein Kollaborateur, die Zwangslage ist real, in der er sich befindet. Helga Bories-Sawalla weißt in ihrem Nachwort darauf hin, dass der Roman bei seinem Erscheinen 1976 in Frankreich heftige Debatten auslöste. Auf der Höhe der Entschädigungsdebatte Ende der 90er Jahre hatte sie mehrfach heftige Diskussionen bei der Vorstellung des Originalromans im Institut Français. Über das zivile Leben in Bremen 1943/45 hatte ich Gelegenheit immer wieder mit dem niederländischen Zwangsarbeiter Cees Ruijter zu sprechen, der auf der A.G. Weser in Gröpelingen Elektrokarren fuhr. Manche seiner Erfahrungen korrespondieren mit denen Yves Berthos. So beschreibt er die Lebensmittelbeschaffung durch Aufnahme persönlicher Bindungen mit jungen deutschen Frauen. Für Westeuropäer war das durchaus möglich.

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