Quellenschutz mit Folgen

geschrieben von Janka Kluge

30. August 2015

V-Leute des Staates als Brandbeschleuniger der Naziszene

 

Hajo Funke, emeritierter Politikprofessor aus Berlin gilt als einer der besten Kenner der Neonaziszene in Deutschland. Er trat als Gutachter vor mehreren NSU-Untersuchungsausschüssen auf und begleitete sie als Beobachter. Jetzt hat er mit dem Buch »Staatsaffäre NSU« eine Sammlung von Texten vorgelegt, die er zum Thema NSU im Internet veröffentlicht hat. Sein Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie weit die Sicherheitsbehörden Deutschlands ein Teil der Strukturen des NSU waren oder immer noch sind.

Hajo Funke, Staatsaffäre NSU, Kontur Verlag, Münster, 20,- Euro

Hajo Funke, Staatsaffäre NSU,
Kontur Verlag, Münster, 20,- Euro

Die Geheimdienste des Landes waren mit mindestens 20 V-Leuten im unmittelbaren Umfeld des NSU Trios aktiv. Sie informierten die Ämter, sowohl vor dem Abtauchen als auch danach, über die Aktivitäten der militanten Neonaziszene. Hajo Funke fasst die Strategie der Geheimdienste nach 1990 folgendermaßen zusammen: »Ihr Handlungsmuster sah überspitzt, aber sinngemäß wie folgt aus: Wir überbieten ideologisch und in den Aktionen die jeweilige Gruppe oder Szene und setzen strategisch V-Leute, Doppelagenten oder Agents Provocateurs an die Spitze der jeweiligen Bewegungsformation. So erreichen wir eine informelle Kontrolle und einen Einfluss, den wir zur Zersetzung, zur Vorbereitung von Verboten und – notwendigerweise – zur Radikalisierung nutzen. Wir vertreten einen absoluten `Quellenschutz´, so dass die Akteure, die wir beschatten, sich in ihren Aktionen frei fühlen und handeln können.« (S.138)

Hajo Funke geht in seinen Analysen nicht davon aus, dass die Geheimdienste aus politischer Nähe mit Neonazis zusammengearbeitet haben und es wohl noch immer tun. Sie haben sich vielmehr aus taktischem Kalkül so verhalten. Weil Neonazis fast jeden Tag schwere Straftaten bis hin zu Anschlägen und Morden begehen, sind die Ämter zwar informiert, wollen ihre Quellen aber schützen um nicht vom Informationsfluss abgeschnitten zu sein. Je mehr Verbrechen von Nazis begangen werden, desto dringender ist es für die Dienste, ihre Informanten zu schützen. Damit werden die Ämter zumindest zu Mitwissenden von Straftaten und ihre V-Leute zu »Brandbeschleunigern«. Diesen Begriff benutzte das Bundeskriminalamt 1997 in einer Stellungnahme zu der Spitzelpraxis der Geheimdienste. Hajo Funke schreibt dazu: »Das BKA wies besonders auf die Gefahr hin, dass die Leugnung der Zusammenarbeit von `Quellen´ mit dem Verfassungsschutz zur Schwächung des Geheimdienstes und der Polizei führte. Bei den V-Leuten entsteht der Eindruck, im Sinne ihrer Ideologie ungestraft unter dem Schutz des Verfassungsschutzes handeln zu können und die Exekutive nicht ernst nehmen zu müssen. Das BKA forderte, das in Fällen, in denen die `Quelle´ aus dem Ruder läuft, der VS die Strafverfolgung vor den Schutz der `Quelle´ stellen sollte. » (S, 248)

Außerdem belegt Hajo Funke, dass das Bundeskriminalamt bereits 2002 von der Existenz des NSU wusste. In der Anhörung vor dem Bundestagsuntersuchungsausschuss sagte ein führender Beamter des BKA, der für Neonazis zuständig ist, dass sie von Thomas Richter, Deckname Corelli, auf einen Gruß an den NSU in der Zeitschrift »Der weiße Wolf« aufmerksam gemacht worden waren. In der Zeitschrift stand: »Danke an den NSU. Die Spende hat geholfen. Der Kampf geht weiter.« 2003 informierte ein Informant das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg über eine Gruppe mit dem Namen NSU und nannte Namen von Beteiligten. Darunter auch den Namen Uwe Mundlos. Der Beamte, der die Informationen an das Amt weitergab, musste die entsprechenden Teile seines Berichts löschen. Immer wieder hat das Bundesamt das Bundeskriminalamt bei Ermittlungen behindert und getäuscht. Das ist keine bloße Schlamperei mehr.

Ein besseres Plädoyer für die Abschaffung der Geheimdienste in Deutschland gibt es im Moment nicht in Deutschland, auch wenn Hajo Funke in seinen Texten für eine Reform plädiert. »Wenn der Bundestag auch nur den Ansatz einer Wahrnehmung der Ursachen des Scheiterns der Sicherheitsbehörden hat und Konsequenzen aus dem Scheitern der Sicherheitsbehörden ziehen und eine Reform, die diesen Namen verdient, will, wäre das Mindeste eine Kontrolle einer außer Kontrolle und in der Mordserie gescheiterten Institution.« (S.368) Dieser Satz verdeutlicht nicht nur die Position von Hajo Funke, sondern auch eine der Schwächen der Texte. Sie sind mit heißer Feder geschrieben für die schnelle Veröffentlichung im Internet. Manchmal wäre es für die Buchausgabe gut gewesen, wenn sie noch einmal überarbeitet worden wären. Das gilt auch für die Struktur des Buches. Es ist nicht leserfreundlich, die aktuellsten Texte nach vorn zu stellen. Da die Texte unabhängig voneinander entstanden sind, ist es möglich, sie in einer anderen Reihenfolge zu lesen. Ich empfehle, zuerst den Teil II zu lesen und dann vorn mit Teil I weiterzumachen. Auslassen sollte man auf keinen Fall die zahlreichen Fußnoten. In ihnen erläutert und ergänzt Hajo Funke die Texte.

Ein wichtiges Buch für alle, die sich mit dem Komplex des NSU auseinandersetzen und seine Hintergründe verstehen wollen.

Taubenschlag der Reaktion

geschrieben von Ernst Antoni

30. August 2015

Wie die »Thule-Gesellschaft« ab 1918 den Aufstieg der Nazis beförderte

 

»Veröffentlichungen, die auf Effekthascherei bedacht sind und mit einem Rückgriff in das Irrationale die politische Rolle der Thule-Gesellschaft verklären, gibt es genug. Ganz im Gegensatz zu Literatur, die sich an nachweisbaren Quellen orientiert. Mit der vorliegenden Arbeit möchte der Verfasser dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. Und es gibt noch einen weiteren Grund für die Veröffentlichung«, schreibt der Autor: »Die Thule-Gesellschaft ist mit einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte eng verbunden, doch ihre Ideologie ist mit dem Dritten Reich nicht untergegangen. (…) ›Thule‹ wurde zu einer Art Schlüsselwort im Kommunikationssystem der extremen Rechten.«

Hermann Gilbhard, Die Thule-Gesellschaft. Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz, Verlag Clemens Kiessling München, 234 S., 28 Euro

Hermann Gilbhard, Die Thule-Gesellschaft. Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz, Verlag Clemens Kiessling München, 234 S., 28 Euro

Hermann Gilbhard, Politologe und viele Jahre für den Bayerischen Rundfunk journalistisch mit wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen befasst, hat zur Eröffnung des neuen NS-Dokumentationszentrum in München eine von ihm vor längerer Zeit veröffentlichte Studie über die aus dem völkisch-antisemitischen »Germanenorden« hervorgegangene Gruppierung überarbeitet und aktualisiert: »Die Thule-Gesellschaft. Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz«.

Ein einführender Exkurs durch völkische und völkisch-esoterische Ideologie- und Organisationslandschaften des 19. Jahrhunderts bis in den Ersten Weltkrieg hinein führt uns zur Münchner Loge jenes »Germanenordens«, die im August 1918 im Nobelhotel »Vier Jahreszeiten« trotz des Kriegs-elends ihre »Weihe« mit einer »prächtigen Festtafel« begehen kann. Am Finanziellen wird es auch in Folge dem »Thule«-Gründer Rudolf von Sebottendorf nicht mangeln.

1875 in Hoyerdswerda als Rudolf Glauer geboren, fährt dieser nach einer abgebrochenen Ingenieursausbildung zur See, landet schließlich in der Türkei und befasst sich dort mit Okkultismus und Astrologie. 1913 zurück in Deutschland, nach eigener Angabe inzwischen von einem Baron von Sebottendorf adoptiert, wird er im »Germanenorden« aktiv. Dessen Münchner Ableger, fürderhin »Thule-Gesellschaft« genannt, richtet im »Vier Jahreszeiten« ein Büro ein und unterhält dort eine eigene Redaktion. Der Titel der Zeitung, die antisemitische Texte, Hetze gegen die Republik und Veranstaltungsankündigungen der Gesellschaft verbreitet: »Münchener Beobachter«. 1920 wird die NSDAP das Blatt kaufen und ihm den Titel »Völkischer Beobachter« geben.

Von Anfang an spielt bei den Auftritten der Thule-Gesellschaft das Hakenkreuz-Symbol eine Rolle. Von anderen völkisch-nationalistischen Gruppierungen dieser Zeit unterscheidet sie sich jedoch vor allem durch ihre beachtlichen finanziellen Mittel und den Zuspruch, den sie in gehobeneren Kreisen der bayerischen Gesellschaft findet. Nachdem am 8. November 1918 Kurt Eisner als Revolutionsergebnis den »Freistaat Bayern« proklamiert hatte, formiert sich ein »Kampfbund Thule« als Militärorganisation der Gesellschaft.

Hermann Gilbhard zitiert eine Rede Sebottendorfs, die dieser bei einer gemeinsamen Versammlung von Thule-Gesellschaft und Germanenordnen am 9. November 1918 hält: »Wir erlebten gestern den Zusammenbruch all dessen, was uns lieb und wert war. An Stelle unseres blutsverwandten Fürsten herrscht unser Todfeind: Juda. Die gestrige Revolution, gemacht von Niederrassigen, um den Germanen zu verderben, ist der Beginn der Läuterung. Es geht jetzt Auge um Auge, Zahn um Zahn! Jetzt heißt es kämpfen, bis das Hakenkreuz siegreich aufsteigt!«

Die Thule-Räume im Nobelhotel werden, so Gilbhard, zum »Taubenschlag«, zum »Zentrum der gegenrevolutionären Kräfte Münchens«. Über dieses Zentrum laufen zu weiten Teilen Gründungen und Koordination von Freikorps wie »Epp« und »Oberland«, letzteres unmittelbar von Sebottendorf mitbegründet. Im Umfeld der Thule-Gesellschaft finden sich 1919 fast alle nationalistischen Gruppen, auch der Alldeutsche Verband. Und die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) ist dabei, die sich dann in NSDAP umbenennt. Spätere NS-Größen wie Hans Frank, Rudolf Heß und Alfred Rosenberg sind Thule-Aktivisten.

Dennoch: Diese Thule-Gesellschaft hatte ihre Hoch-Zeit in dieser Zeit von Revolution und Konterrevolution, über ihr völkisch-antisemitisches Modell ließ sich das Konstrukt einer »jüdisch-bolschewistischen« Verschwörung instrumentalisieren. Halbseidene Pseudo-Barone wie Glauser-Sebottendorf können mit mythisch-okkultistischen Einsprengseln und passender Rhetorik durchaus hilfreich sein. Danach kann es dann wieder »rationaler« weitergehen. Die NSDAP bedurfte seiner auf dem Weg zur Macht und vor allem nach deren Übergabe an Hitler nicht in besonderem Maße.

Sebottendorf war eine Karriere im NS-Regime versagt, enttäuscht zog er wieder in die Türkei. Für die »Endlösung der Judenfrage«, für weitere Programme zur Vernichtung »lebensunwerten Lebens« und mörderischen Antikommunismus und Antisozialismus kamen kompetentere Kräfte mit noch wesentlich besserer wirtschaftlicher Ausstattung zum Einsatz.

Was nicht bedeuten soll – und davon zeugen viele Beispiele nicht nur in neofaschistischen Spektren – dass wir heute braune Germanen-Nostalgien, Thule-Konstrukte und esoterische Inszenierungen unbeachtet lassen könnten.

Menschenversuche im Elsass

geschrieben von Janka Kluge

30. August 2015

Die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof

 

1941 gründeten die Nazis in dem Ski- und Naherholungsgebiet Natzweiler in der Nähe Straßburgs ein Konzentrationslager. Es war das einzige Konzentrationslager im besetzten Frankreich, das in die Struktur der KZs eingebunden war. Daneben gab es in Frankreich, wie in allen von den Nazis besetzten Ländern, Lager, in denen oft noch viel schlimmere und grausamere Bedingungen herrschten.

Der Ort wurde ausgewählt, weil ein Geologe und SS-Standartenführer in einem nahegelegenen Steinbruch Granit entdeckt hatte. Der Stein wurde für die Errichtung staatlicher Gebäude in Berlin, Nürnberg und Linz dringend benötigt.

Die ersten Häftlinge erreichten das Tal im Elsass am 21. Mai 1941. Sie kamen aus dem KZ Buchenwald. In Natzweiler wurden viele politische Häftlinge aus Frankreich, Holland, Belgien und Luxemburg inhaftiert. Sie wurden unter der Bezeichnung »Nacht und Nebel« (N und N) in das KZ gebracht. Der Gestapo und der SS war es zu unsicher, die in ihren Heimatländern oft angesehenen Männer, in den jeweiligen Ländern zu inhaftieren und hinzurichten. Seit zehn Jahren befindet sich in der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen KZ eine Ausstellung, die besonders an diese europäische Widerstandskämpfer erinnert.

Obwohl viele politische Häftlinge in Natzweiler inhaftiert waren, wurden die Funktionen im Lager lange von kriminellen Häftlingen ausgeübt. Entsprechend schwer war es, im Lager Widerstandsstrukturen aufzubauen. Traurige Bedeutung hat Natzweiler auch durch die dort verübten Menschenversuche erlangt. Ärzte der Universität Straßburg nutzten das KZ, um dort barbarische Experimente an Häftlingen durchzuführen.

In unmittelbarer Nähe des KZ befindet sich das ehemalige Hotel Struthof mit einigen Nebengebäuden. In einem von ihnen wurde 1943 eine Gaskammer eingerichtet. Hier wurden u.a. Häftlinge umgebracht, die der SS-Arzt August Hirt von der Universität Straßburg aus Auschwitz angefordert hatte. Er wollte eine anatomische Sammlung »einer neuen Rasse« anlegen. Dafür arbeitete er eng mit der »Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte« aus dem 1935 gegründeten Ahnenerbe zusammen. Anfang August 1943 kamen in Natzweiler 57 Männer und 30 Frauen aus Auschwitz Birkenau an. Sie wurden in den Tagen zwischen dem 11. und 19. August vergast. Ihre Leichen wurden sofort danach ins anatomische Institut der Universität Straßburg gebracht. Im KZ Natzweiler sind weder die Aufnahme der Häftlinge noch die Morde registriert worden. Erst seit 2003 sind die Namen der Opfer bekannt. Vor wenigen Wochen wurden im Keller des anatomischen Instituts noch Überreste von ermordeten Häftlingen gefunden.

Ein anderer »Wissenschaftler«, der die Gaskammer nutzte war der Virologe Otto Bickenbach. Er forschte über das Giftgas Phosgen. Obwohl er bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ein Gegenmittel entdeckt hatte führte er weiter Menschenexperimente durch. Ein Überlebender berichtete später »Nach ungefähr 10 Minuten hörte ich einen dumpfen Knall, so als würde jemand in die Hände klatschen. Es waren die Lungen zweier Häftlinge, die um den Verteiler laufen mussten. Sie waren `geplatzt´, und aus ihrem Mund, aus ihren Ohren und ihren Nasen rann brauner Schleim«.

Ein weiterer Arzt, der an Häftlingen in Natzweiler medizinische Experimente durchführte war der Bakteriologe Eugen Haagen. Er unternahm 1943 und 1944 zwei Versuchsreihen, bei denen er Häftlinge mit einem Typhusvirus infizierte. Die hygienischen Bedingungen im Krankenblock waren so schlimm, dass sich 1944 im ganzen Lager eine Typhusepidemie ausbreitete.

Zu den Besonderheiten von Natzweiler gehörte, dass das KZ für mehr als 60 Außenlager in Süddeutschland zuständig war. Selbst nach der Evakuierung im November 1944 wurde die Verwaltung der Außenlager aufrecht gehalten. Ihr Sitz wurde in einen kleinen Gasthof in Guttenbach verlegt. Obwohl Ende 1944 das KZ Natzweiler befreit wurde, endete der Leidensweg vieler Häftlinge erst im April / Mai 1945.

Neben französischen Besuchern trifft man heute auch deutsche Gruppen in der Gedenkstätte, die täglich geöffnet ist. Die Internetseite www.struthof.fr ist ebenfalls in deutscher Sprache abrufbar.

Titelbild

15. Juli 2015

 20. Juni, Demonstration in Berlin. Foto: W. Girod

20. Juni, Demonstration in Berlin. Foto: W. Girod

Edtitorial

geschrieben von Regina Girod

15. Juli 2015

Diese Ausgabe der antifa steht ganz im Zeichen des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus. Für Antifaschistinnen und Antifaschisten waren die letzen Wochen geprägt von intensiver Arbeit, die gekrönt wurde von vielen schönen Erfolgen. Überall im Land haben Kundgebungen und Feste stattgefunden, wurde der Opfer des Faschismus und der Befreier gedacht. Oft waren offizielle Vertreter der Städte und Gemeinden in die Feiern eingebunden, manchmal haben sich auch neue Bündnisse dafür gefunden. Vielerorts wurde die Erinnerung an die Ereignisse vor 70 Jahren verbunden mit heute brennenden Problemen, wie wachsendem Rassismus, Flüchtlingselend und den Bedrohungen durch die extreme Rechte. Erinnern und Gedenken heißt ja nichts anderes, als historische Erfahrungen für die Gegenwart nutzbar zu machen.

Um den Lesern möglichst viele Eindrücke und Erfahrungen der Befreiungstage vermitteln zu können, haben wir diese Nummer um 8 Sonderseiten zum Thema 8. Mai erweitert. Dennoch konnten wir nur einen Teil der Fotos und Berichte übernehmen, die wir dafür erhalten hatten. Wir hoffen, dass das Lesen und Betrachten den Lesern ebenso viel Freude macht, wie der Redaktion die Auswahl und Gestaltung.

Da das 70. Jahr der Befreiung überall in Europa begangen wurde, widmet sich diese antifa auch verstärkt internationalen Themen. Besonders gefreut haben wir uns über den Bericht von Lena Sarah Carlebach über den »Zug der 1000«, der am 8. Mai 1000 junge Menschen aus Europa zum Gedenken in Auschwitz zusammenführte. Er findet sich in unserem » Spezial« auf den Seiten 13 – 15. Dazu Berichte und Kommentare aus Mailand, Minsk und Moskau sowie aus Spanien, Österreich, und Portugal.

Doch wie lässt sich der Schwung der letzten Wochen langfristig nutzen für die Arbeit der VVN-BdA? Der Bundesausschuss hat sich Ende Juni mit dieser Frage beschäftigt und beschlossen, im Frühjahr 2016 einen außerordentlichen Bundeskongress »Erinnerungsarbeit und Geschichtspolitik« einzuberufen. Denn auch nach mehr als 70 Jahren muss die Arbeit weitergehen.

Europa. Anders. Machen.

geschrieben von Cornelia Kerth

11. Juli 2015

demokratisch – solidarisch – grenzenlos

100.000 Menschen sind in diesem Jahr schon über das Mittelmeer nach Europa geflüchtet. Jeweils knapp die Hälfte von ihnen ist in Griechenland und Italien gestrandet.

Allein auf der nahe der türkischen Küste gelegenen Insel Lesbos sind im Mai 7.200 Menschen, meist aus Syrien oder Afghanistan, angekommen. 1.800 sind »offiziell« bei der Überfahrt ertrunken. Tatsächlich dürften es wesentlich mehr sein, weil nicht alle Toten erfasst oder gefunden werden.

Wer es schafft anzukommen, haust in Griechenland wie in Italien zunächst auf der Straße und ist auf sich allein gestellt. 80.000 Flüchtlinge sind im italienischen Süden in völlig überfüllten Camps registriert. Auf den griechischen Inseln meckern Touristen und stellen künftige Einnahmen aus diesem wichtigen Wirtschaftszweig infrage.

Die Diskussion der europäischen Innenminister über die dringend notwendige Quotenregelung für die Aufnahme der Menschen in anderen Ländern ist angesichts der dramatischen Verhältnisse nur zynisch zu nennen: de Maizière fordert, dass nur Flüchtlinge weiterreisen sollen, die eine »dauerhafte Bleibeperspektive« haben und die genannte Zahl von 40.000 Menschen, die pro Jahr auf ganz Europa umverteilt werden sollen, ist von der der Bereitschaft der Mitgliedstaaten sie aufzunehmen fast so weit entfernt wie von der realen Notwendigkeit.

Es liegt auf der Hand: Die europäische Politik, den Rest der Welt auch im sechsten Jahrzehnt nach dem offiziellen Ende des Kolonialismus als gigantische Plantage für europäische Nahrungs- und Genussmittel, als Rohstofflieferant, billige »verlängerte Werkbank« und Markt für Resteverwertung zu betrachten und dabei so zu tun als habe man mit den sozialen Katastrophen, die diese Politik verursacht, nichts zu tun, ist an eine objektive Grenze gekommen. Das Elend, das durch Landnahme, Versteppung, Umweltkatastrophen und Klimawandel, durch Erpressung zum »Freihandel« durch Weltbank, IWF und »Entwicklungszusammenarbeit« sowie durch Vetternwirtschaft der befreundeten Despoten geschaffen wird – ganz zu schweigen von den Kriegen, mit denen die »abendländischen Werte« im letzten Winkel der Welt durchgesetzt werden sollen und zu deren angeblichem Gedeihen auch Koalitionen mit den finstersten Mächten geschlossen werden – bleibt nicht mehr weit weg.

Die Verheerung der Welt ist für viele Menschen nicht mehr zu ertragen. Und was liegt näher, als der Verheißung von »Freedom and Democracy« und der Spur der Ernten, Rohstoffe und billig produzierten Konsumgüter dorthin zu folgen, wo sie genossen werden? Die Militarisierung der Abschottungspolitik, die mit der Zerstörung von »Schleuser-Booten« (durch Drohnen!) in eine neue Phase treten soll, ist so unmenschlich wie sie erfolglos sein wird.

Zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni hatte sich nun ein breites Bündnis von Initiativen und Organisationen unter Beteiligung von Aktivisten der in den letzten Jahren entstandenen Selbstorganisationen Geflüchteter zusammengetan, um die Forderung nach einer grundsätzlich anderen Politik mit einer Demonstration und anschließendem Konzert ins Berliner Regierungsviertel zu tragen. Dazu passte, dass am gleichen Tag die Griechenland-Solidaritätswoche des Weltsozialforums startete, steht doch die deutsch dominierte europäische Politik auch in Griechenland für die Verheerung der sozialen Verhältnisse im Dienste der Kapitalverwertung. So fanden gleichzeitig in Rom, London, Brüssel und anderen Städten Europas ähnliche Demonstrationen statt.

10.000 Demonstrantinnen kamen am Nachmittag am Brandenburger Tor in Berlin an. Trotz teilweise strömenden Regens bunt, laut und kämpferisch, darunter auch Kameradinnen der VVN-BdA. Große Blöcke bildeten attac, Die Linke und streikende Berliner Schülerinnen und Schüler. Gut sichtbar waren etliche Flüchtlinge, streikende Charité-Mitarbeiter und die Griechenland-Solidarität. Dass wir nicht viel mehr geworden sind, ist der leider sträflich vernachlässigten Mobilisierung geschuldet.

Es bleibt zu hoffen, dass diese Zusammenführung verschiedener sozialer Bewegungen mit dem gemeinsamen Ziel »Europa. Anders. Machen. demokratisch – solidarisch – grenzenlos« weiter getrieben wird. Antifaschistinnen und Antifaschisten haben jeden Grund, dabei zu sein. Wenn es uns nicht gelingt, Alternativen zur herrschenden Politik der sozialen Spaltung und rassistischen Ausgrenzung aufzuzeigen und perspektivisch durchzusetzen, wird die Rechtsentwicklung in ganz Europa extrem gefährlich. Und wir haben jeden Grund, auch die Frage der neuen Militarisierung der deutschen und europäischen Politik mit in dieses Bündnis hinein zu tragen.

Solidarität ist erwünscht

geschrieben von E.A.

11. Juli 2015

»Gemeinsame Erklärung« mit Unterschriftsmöglichkeit im Netz

Vier Bundestagsabgeordnete aus Bayern und elf Abgeordnete des Bayerischen Landtages gehören zu den über 40 Erstunterzeichnern der Gemeinsamen Erklärung »Für eine offene, demokratische Gesellschaft! Gegen die Diffamierung der VVN-BdA!« (siehe das Interview mit Florian Ritter gegenüber auf Seite 5). Unter ihnen auch Ulrike Gote aus Bayreuth vom Bündnis 90/Die Grünen, Vizepräsidentin des Bayerischen Landtags.

Max Mannheimer, der 95jährige Präsident der Lagergemeinschaft Dachau und Vizepräsident des Comité International de Dachau, hat die »Gemeinsame Erklärung« unterzeichnet, ebenso Erich Schneeberger, der Vorsitzende des bayerischen Verbandes der Sinti und Roma, der Schauspieler Josef Bierbichler, der Liedermacher Konstantin Wecker und der Krimi- und Drehbuchautor Peter Probst von der »Münchner Lichterkette«. Unterschrieben haben auch Ulrich Chaussy, Buchautor und Journalist, und Werner Dietrich, Rechtsanwalt – beide seit Jahrzehnten öffentlich aktiv bei der Aufklärung der Hintergründe des neofaschistischen Bombenattentates auf das Münchner Oktoberfest. Auf der Liste der Erstunterzeichner/innen finden sich zahlreiche weitere Menschen aus Ober- und Niederbayern, Schwaben und Franken, die aktiv sind in regionalen und überregionalen Initiativen gegen Rassismus und Neofaschismus, aus gewerkschaftlichen, kirchlichen und anderen zivilgesellschaftlichen Bereichen.

Konzentrierte sich das Sammeln von Unterschriften bis zur öffentlichen Vorstellung der Erklärung Ende Juni noch auf den Freistaat Bayern, kann und soll sie nun bis November 2015 auch darüber hinaus von allen, die ihre Solidarität bekunden wollen, unter der angegebenen Internetadresse online unterzeichnet werden. Dort ist auch nachzulesen, wie sich die Resonanz weiter entwickelt.

Gegen die Diffamierung

11. Juli 2015

Florian Ritter zur Initiative »Für eine offene, demokratische Gesellschaft«

antifa: »Für eine offene, demokratische Gesellschaft!« ist die »Gemeinsame Erklärung« überschrieben, die du initiiert hast, und weiter: »Gegen die Diffamierung der VVN-BdA.« Explizit geht es darin um die Erwähnung der VVN-BdA in den alljährlich veröffentlichten bayerischen Verfassungsschutzberichten. Ende Juni hast du diesen Aufruf im Oskar-Maria-Graf-Café des Literaturhauses München der Medienöffentlichkeit vorgestellt. Gemeinsam mit der stellvertretenden Landesbezirksleiterin von ver.di Bayern Linda Schneider, dem langjährigen Verfassungsrichter und ehemaligen Münchner Bürgermeister Dr. Klaus Hahnzog und dem KZ-Überlebenden Ernst Grube, die zu den über 40 Erstunterzeichnern der Erklärung gehören.

V.l.n.r.: Florian Ritter, Linda Schneider, Ernst Grube, Dr. Klaus Hahnzog

V.l.n.r.: Florian Ritter, Linda Schneider, Ernst Grube, Dr. Klaus Hahnzog

Florian Ritter: Anlass für meine Initiative war die Veröffentlichung des Verfassungsschutzberichts für das Jahr 2014 durch das Bayerische Innenministerium. Von Seiten der SPD und der Grünen hatte es ja im Bayerischen Landtag immer mal wieder Bemühungen gegeben, zu erreichen, dass die VVN-BdA endlich auch in Bayern aus diesen Berichten gestrichen wird. Dieser Erklärung ist nun erstmals ein Versuch, über den Landtag hinaus öffentlich Solidarität zu bekunden und Unterstützung für diese Forderung zu finden. Zusätzlich war hier natürlich auch der 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus ein Anschub. Noch heute, sieben Jahrzehnte nach dieser Befreiung durch die Alliierten, sind Rassismus, Antisemitismus und Neofaschismus in unserer Gesellschaft präsent. Und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, die nach dem Krieg von ehemals Verfolgten unterschiedlichster Herkunft gegründet wurde, ist bis heute eine Organisation geblieben, die sich unermüdlich gegen alte und neue Nazis engagiert.

antifa: Das Bayerische Innenministerium sieht das anders: »Die VVN-BdA ist die bundesweit größte linksextremistisch beeinflusste Organisation im Bereich des Antifaschismus.«, heißt es im aktuellen Verfassungsschutzbericht. »Sie arbeitet mit offen linksextremistischen Kräften zusammen. In der VVN-BdA wird nach wie vor ein kommunistisch orientierter Antifaschismus verfolgt.«

Florian Ritter: Nach jahrzehntelangem Engagement gegen die extreme Rechte und seit über zehn Jahren als Mitglied des Bayerischen Landtags, kann ich im Widerspruch zur Staatsregierung nur feststellen, dass sich die VVN-BdA große Verdienste um die Gedenk- und Erinnerungskultur und um das bürgerschaftliche Engagement für eine bunte und tolerante Gesellschaft, gegen Antisemitismus, Rassismus und Neofaschismus erworben hat. Nicht zuletzt deshalb bin ich selbst vor einigen Jahren Mitglied der VVN-BdA geworden. Man muss aber nicht Mitglied der VVN-BdA sein oder deren Positionen in allen Punkten teilen, um die diffamierende Einschätzung des CSU-geführten Innenministeriums zurückzuweisen. In unserer gemeinsamen Erklärung steht: »Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass der Versuch der Bayerischen Verfassungsschutzbehörden, die VVN-BdA als verfassungsfeindlich und antidemokratisch zu brandmarken, jeglicher Grundlage entbehrt.« Was in diesen Berichten willkürlich zusammengestellt wird, einen angeblich »kommunistisch orientierten Antifaschismus« betreffend, oder die wiederholten Versuche, die VVN in die Nähe von Gewalttätern zu rücken: Das alles bezieht sich nicht auf objektive Kriterien sondern ist Bestandteil einer politischen Doktrin.

antifa: »Viele ältere Mitglieder der VVN-BdA haben selbst noch Verfolgung und KZ-Haft am eigenen Leib erfahren müssen.« heißt es in der Erklärung. »Sie engagieren sich seit Jahren und Jahrzehnten als Mahner und Aufklärer vor Schulklassen, in der Jugend- und Erwachsenenbildung und im öffentlichen Diskurs. Diese Zeitzeugen genießen eine hohe Wertschätzung und wurden auch in Bayern mit verschiedensten Auszeichnungen, bis hin zum Bundesverdienstkreuz, geehrt.«

Florian Ritter: So war und so ist es. Und gleichzeitig werden Werk und Vermächtnis der in der VVN-BdA organisierten Überlebenden des Naziterrors durch Verfassungsschutz und Innenministerium in Bayern auf die selbe Stufe gestellt wie die ebenfalls in den Berichten aufgeführten Rechtsextremisten. In keinem anderen Bundesland ist das sonst noch so der Fall. Letztlich diffamiert dieses Vorgehen auch alle, die sich seit langem schon gemeinsam mit der VVN-BdA gegen rechtsextreme Umtriebe engagieren. Deshalb hoffe ich, dass unsere gemeinsame Erklärung Resonanz in vielen gesellschaftlichen Bereichen findet. Der Anfang, die Zustimmung einer breiten Palette von Erstunterzeichnerinnen und -unterzeichnern, stimmt mich da schon einmal recht zuversichtlich.

 

Die Fragen stellte Ernst Antoni

Straßenterror in Thüringen

geschrieben von Janka Kluge

11. Juli 2015

Neonazis wollen mit Überfällen öffentlich Angst verbreiten

 

Am 1. Mai überfielen ca. 50 Neonazis die Kundgebung des DGB in Weimar. Zeugen berichteten, dass die Neonazis gezielt und koordiniert vorgegangen sind. Sie stürmten die Tribüne und entrissen dem Redner Carsten Schneider, Bundestagsabgeordneter der SPD, das Mikrofon. Die Angreifer waren fast alle schwarz gekleidet und hatten Fahnen der Jungen Nationaldemokraten dabei. Wer sich ihnen in den Weg stellte, wurde weggeprügelt. Vier Teilnehmer der DGB Kundgebung wurden verletzt. Die Angreifer riefen beim Überfall Parolen, darunter immer wieder die, dass der DGB ein Arbeiterverräter sei. Erst nachdem der Strom abgestellt wurde und die Polizei, die mit nur einem Streifenwagen vor Ort war, Verstärkung bekam, flohen die Angreifer. Die Polizei konnte kurz darauf in einer nahegelegenen Tiefgarage 29 Nazis verhaften. Sie kamen hauptsächlich aus Sachsen und Sachsen-Anhalt. Später erklärte die Polizei, dass die Verhafteten polizeibekannt seien. Sie seien alle in der Kartei »Gewalttäter Sport« registriert, also in jenem Verzeichnis, in dem auch rechte Hooligans erfasst werden.

Auf den Flyern, die die Nazis verteilten, bezeichneten sie sich als »Aktion Widerstand«. »Aktion Widerstand« hat eine lange Tradition in der Geschichte der NPD. Als die NPD nach einigen Wahlerfolgen in den sechziger Jahren später nicht mehr daran anknüpfen konnten, bildete sich die »Aktion Widerstand« als radikalere Opposition zur NPD. Bekannt wurden sie durch ihre Aktion »Brandt an die Wand« gegen die Ostpolitik des damaligen Bundeskanzlers. In den letzten Wochen ist der Begriff »Widerstand« nicht nur bei dem Überfall in Thüringen benutzt worden. Die Organisatoren von Pegida in Karlsruhe haben sich in »Widerstand Karlsruhe« umbenannt und Mitte Juni fand in Frankfurt eine Nazidemonstration unter Motto »Widerstand Ost und West« statt.

Gleichzeitigt führte die NPD in Erfurt eine Kundgebung durch. Es sollte die erste große Aktion der Partei nach dem Rücktritt von Patrick Wieschke als Landesvorsitzenden werden. Unter dem neuen Vorsitzenden, Tobias Kammler, wollte die Thüringer NPD an die Demonstration vor einem Jahr anknüpfen, auf der sie gemeinsam mit der CDU und der AfD gegen eine Rot-Rote Regierung demonstriert hatte.

Außerdem fand zur gleichen Zeit im 60 km von Erfurt entfernten Saalfeld noch eine weitere Nazidemonstration statt. Hier folgten 700 Nazis einem Aufruf der Partei »Der III. Weg«. Die Partei gilt als Auffangbecken für Mitglieder des verbotenen »Freien Netzes Süd« und versucht seit einiger Zeit, in Ostthüringen Fuß zu fassen. Nachdem die Kundgebung begonnen hatte, kamen noch etwa 150 Nazis am Bahnhof an. Die Polizei nahm das nicht zur Kenntnis, so dass sie ungestört in die Saalfelder Innenstadt laufen konnten. Auf dem Weg trafen sie auf eine Gruppe Punker, die sie so zusammenschlugen, dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten. Eines der Opfer musste mehrfach operiert werden. Erst nach dem Überfall auf die Jugendlichen erschien die Polizei und brachte die Nazis auf einem Umweg zur Kundgebung. Als die Neonazis durch die Stadt zogen, konnten etwa 400 von ihnen aus dem Polizeikordon ausbrechen. Sie verbreiteten in der Stadt Angst und Schrecken, jagten Journalisten und Antifaschisten und überfielen ein linkes Projekt. Auch in Saalfeld waren viele rechte Hooligans dabei.

Am 2. Mai marschierten In Erfurt noch einmal ungefähr 300 Nazi-Hooligans auf. Mobilisiert hatte die Hooligan-Gruppe »Gemeinsam stark Deutschland«. Es kann davon ausgegangen werden, dass viele von ihnen am Tag zuvor bereits in Saalfeld dabei waren.

Es gibt mehrere Gründe dafür, dass die Nazis so massiv in Thüringen aufmarschieren. Zum einen gibt es hier nach wie vor Strukturen, die auf den Thüringer Heimatschutz zurückgehen. Diese Kameradschaften will der III. Weg einbinden. Zum anderen ist die Thüringer Regierung unter Bodo Ramelow ein bevorzugtes Angriffsziel rechter Gruppen. Es zeigt sich, dass für Nazis außerhalb der NPD inzwischen nur noch der Kampf um die Straße zählt. So setzen sie bewusst auf Straßenterror, um Angst zu verbreiten.

König ehrt Republikaner

geschrieben von Regina Girod

11. Juli 2015

Die Spanische Regierung vollzieht eine geschichtspolitische Wende

Dass die Aufarbeitung und Bewertung der fast vierzig Jahre währenden Franco-Diktatur in Spanien bis heute ein umkämpftes Thema ist, hat nicht zuletzt mit der spanischen Volkspartei (PP) zu tun, die sich, von alten francistischen Eliten gegründet, jahrzehntelang einer kritischen Aufarbeitung der faschistischen Ära widersetzte. Der 70. Jahrestag der Befreiung Europas vom Faschismus wurde von der regierenden PP nun genutzt, Signale für ein geschichtspolitisches Umdenken ins In- und Ausland zu senden. So sprach der Botschafter des Königreich Spaniens in der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der Befreiungsfeiern in Buchenwald ehrende Worte für die in Buchenwald inhaftierten republikanischen Spanier. Bei der Befreiungsfeier in Mauthausen übernahm diesen Part der spanische Außenminister García-Margallo, ein erzkonservativer PP-Minister, der unter der Franco-Diktatur in der »Spanischen Monarchistischen Jugend« aktiv war.

Doch den deutlichsten Hinweis auf eine politische Neubewertung der Geschichte lieferte Anfang Juni der spanische König Felipe bei einem Besuch in Paris. Bevor er dort vor der Nationalversammlung sprach, taufte er einen kleinen Garten vor dem Pariser Rathaus auf den Namen »Jardin des combattants de la Nueve« (»Garten der Kämpfer der 9«), zu Ehren der spanischen Mitglieder jenes französischen Bataillons, das am 24. August 1944 als Vorhut in Paris eindrang und damit die Befreiung der französischen Hauptstadt von den Nazitruppen einleitete. Von den 160 Soldaten, die »Die Neun« bildeten, waren 149 Spanier, genauer: spanische Republikaner, meist Kommunisten und Anarchisten, die aus Spanien geflohen waren, nachdem Franco im Bürgerkrieg gesiegt hatte.

Vor zahlreichen geladenen Gästen erklärte König Felipe im Festsaal des Rathauses: »Dieser Garten wird ein Wahrzeichen der Freiheit und der Toleranz sein, zwei der großartigen Symbole von Paris, die über Jahrzehnte hinweg einige meiner bedeutendsten Landsleute angezogen haben.« Und er erinnerte an große spanische Künstler wie Picasso, Dalí, Albéniz, Baroja, Machado, Unamuno, Arrabal oder Buñuel, die Paris »wie eigene Kinder« aufgenommen hatte« und die »dazu beitrugen, diese Stadt groß zu machen«.

Allein die Nennung des Dichters Fernando Arrabal könnte als Beweis für einen Bruch mit francistischen Traditionen gewertet werden, denn wegen schärfster Angriffe auf Franco gehörte dieser zu dem knappen Dutzend Emigranten, denen namentlich die Rückkehr nach Francospanien verboten war.

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