Nackt unter Wölfen II

geschrieben von Hans Coppi

20. April 2015

Ein bis zum Schluss spannender Film

 

Die erneute Verfilmung von Bruno Apitz´ Bestseller – diesmal als Fernsehproduktion – begleiteten interessierte wie auch ablehnende Erwartungen. Einige fanden, dass es endlich Zeit sei, dass sich das öffentlich rechtliche Fernsehen diesem bewegenden Thema annimmt. Andere äußerten sich skeptisch. Was würde wohl von der Selbstbehauptung der Kommunisten, ihrem Widerstand im Lager und der Selbstbefreiung übrig bleiben?

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Die filmische Inszenierung beruht auf dem heutigen historischen Wissen, und hat fachwissenschaftliche Beratung ebenso einbezogen wie das mündliche Zeugnis von Überlebenden des KZ Buchenwald. Ein wichtiger Ausgangspunkt war die Wieder- und Neuentdeckung des Romans »Nackt unter Wölfen«. Der Aufbau Verlag Berlin hatte 2012 eine erweiterte Neuausgabe mit einem sorgfältig recherchierten und erhellenden Nachwort von Susanne Hantke zu historischen und biografischen Hintergründen des Schreib- und Entstehungsprozesses veröffentlicht.

Die Neuverfilmung hat eine eigenständige, neu erfundene fiktive Handlung, ist jedoch angelehnt »an Motiven des Romans«. In das Zentrum gerückt sind Gewissensentscheidungen der Häftlinge in Extremsituationen, erzählt wird von ihrem Ringen um Würde inmitten von Gewalt und der Ungewissheit, ob sie die Befreiung, die Freiheit erleben. Jeder Tag zählt in den letzten zwei Wochen des Lagers. Alles ist möglich, Überleben oder Tod. Die SS und die Häftlinge bereiten sich auf das Ende des Lagers vor. Dies ist der Hintergrund. Im Mittelpunkt des bewegenden Fernsehfilmes steht – wie in Frank Beyers unvergessenen DEFA-Film – die Rettung eines Kindes. Sie steht wie in Brechts Kaukasischem Kreidekreis im Widerstreit zu den eigenen Interessen der Protagonisten. Am 9. November 1954 erlebte das Brecht-Stück seine deutsche Premiere am Berliner Ensemble. Knapp drei Wochen später reichte Bruno Apitz bei der DEFA auf vier Seiten ein erstes Exposé über das Kind in Buchenwald ein. Trotz der Absage begann er im Eigenauftrag an dem Roman zu arbeiten. Bestärkt und begleitet durch Lektoren des Mitteldeutschen Verlages wurde »Nackt unter Wölfen« – zur Überraschung aller Beteiligten – ein Welterfolg.

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Drehbuchautor Stefan Kolditz bleibt am Kern des Romans: Häftlinge, überwiegend Kommunisten, verstecken unter Lebensgefahr ein dreijähriges Kind im KZ Buchenwald. Diese menschliche Entscheidung gefährdet die Vorbereitung des geplanten Aufstandes seitens des Internationalen Lagerkomitees. Inmitten von Chaos und Gewalt, ausgeliefert der Unberechenbarkeit und dem Sadismus der SS, zeigt der berührende Film von Philip Kadelbach in erschütternden Bildern und Dialogen die entstehenden Konflikte in ihren Konsequenzen, für Zuschauer und Schauspieler bis an die Schmerzgrenze. Was passiert, wenn die SS, die bereits etwas ahnt, davon erfährt, dass hinter der Rettungsaktion Kommunisten stehen, die einen Aufstand vorbereiten? Kurz vor Toresschluss nach jahrelangen Torturen noch das eigene Leben riskieren, für ein kleines Kind? Halten alle Genossen durch? Ein spannendes Szenarium, geht es doch bei allen Entscheidungen um das Überleben aller. An der Haltung zu dem Kind offenbaren die Häftlinge bei aller Unterschiedlichkeit ihre moralische Größe oder erleben ihr Scheitern.

Der Film kommt der Realität, dem Leben und Sterben im Lager näher. Nicht nur durch Folterszenen sondern auch durch die Einbeziehung des »Kleinen Lagers«. Im dem zeitweiligen Rückzugsort für den Jungen wird der Zuschauer mit den unvorstellbaren Zuständen, dem ständigen Hunger, dem Hindämmern schon vom Tode gezeichneter Menschen konfrontiert.

Auch wenn der Film dem Zuschauer zu einer differenzierten Sicht auf das Konzentrationslager verhilft, bleibt das politische Selbstverständnis der Protagonisten, das sich in genutzten Handlungsspielräumen äußert, eher im Vagen. Es ist jedoch ein bis zum Schluss spannender Film. Zuspitzung von Dauer baut sich auf, als das Kind von einem polnischen Häftling im Koffer ins KZ geschmuggelt wird. Entlang der Gratwanderung zwischen Vernichtung und Überleben bleibt das zu rettende Kind das Zeichen der Hoffnung auf eine Welt des Friedens und der Freiheit.

In der anschließenden Dokumentation am Abend des 1. April wurde die eher anmaßende Fragestellung »Beschützer der Schwachen oder Handlanger der SS?« unterschiedlich beantwortet. Während Volkhard Knigge, der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, die Rettung vieler Häftlinge und auch der über 900 Kinder durch kommunistischen Häftlinge besonders in der brisanten Endphase des Lagers und auch nach der Befreiung würdigte, bediente Frau Hertewig das Zerrbild der »Roten Kapos« aus den 1990er Jahren.

Die in ihren Rollen überzeugenden überwiegend jungen Schauspieler erklärten, dass die Arbeit an dem Film eine für sie eine wichtige Erfahrung gewesen sei. Das, was sie dargestellt haben, hat stattgefunden und darf nicht dem Vergessen anheim fallen. Der Film erreichte über 5,45 Millionen Zuschauer und war mit 13 Prozent bei jungen Leuten richtig erfolgreich, verkündete die ARD.

»Ein Panzer soll es sein!«

geschrieben von Erika Schwarz und Simone Steppan

20. April 2015

Die Geschichte des Befreiungsdenkmals in Ravensbrück

 

Unweit vom Zentrum der Stadt Fürstenberg an der Havel entfernt, an der Straße der Nationen, die zur Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück führt, kann der Besucher linkerhand einen auf einem Sockel platzierten Panzer nicht übersehen. Eine Steintafel an der angrenzenden Mauer verrät, dass Soldaten und Offiziere der Roten Armee am 30. April 1945 das ehemalige Konzentrationslager befreiten. Die Entstehung des »Panzerdenkmals«, wie die gesamte Anlage umgangssprachlich bald hieß, hat eine Geschichte, die verschieden erzählt wird.

Nachdem das 1945 erschaffene sowjetische Ehrenmal in der Fürstenberger Bahnhofstraße zu Beginn der 1970-er Jahre rekonstruiert worden war, hatten Einwohner 1974/75 die Idee, auch den Befreiern des größten Frauenkonzentrationslagers des »Dritten Reiches« ein eigenes Denkmal zu widmen. Vollendet werden sollte es zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution im November 1977. Da die Errichtung und Gestaltung von Gedenkstätten der Zustimmung des Ministeriums für Kultur der DDR bedurfte, wurden dort die ersten Entwürfe gemeinsam mit Vertretern des Instituts für Denkmalpflege diskutiert. Die zuständigen Partei- und staatlichen Stellen wünschten ein Denkmal mit hoher Symbolik im Rahmen der dafür zur Verfügung stehenden begrenzten finanziellen Mittel. Eine Arbeitsgruppe koordinierte das Vorhaben. Das Institut für Denkmalpflege zeichnete für die künstlerische Gestaltung der Gesamtanlage verantwortlich. Unterstützung sagte eine Panzereinheit der Sowjetarmee aus Drögen zu. Deren Komsomolzen restaurierten ein Sturmgeschütz vom Typ SAU 100 mit einer 100 mm Kanone als zentralen Teil des Monuments, obwohl es keine Panzerverbände waren, die am letzten Tag des April 1945 den Ort des Grauens erreichten, und dort 3.000 zurückgelassene kranke Häftlinge vorfanden, sondern Soldaten eines Pionier–Aufklärungsbataillons der 2. Belorussischen Front.

Erwogen wurden im Sommer 1976 mögliche Standorte. Gedacht wurde an den Parkplatz vor der Gedenkstätte, eine Stelle hinter Fritz Cremers 1964 geschaffener Müttergruppe. Doch dann fiel die Entscheidung auf einen Platz an der Straße zur Gedenkstätte. Geteilte Meinungen gab es unter den Teilnehmern über die Ausrichtung des Panzers, wovon abhing, wohin seine Kanone wies, ob auf den Lebens- und Leidensort der Häftlinge des ehemaligen KZ oder auf die Kaserne der dort zu diesem Zeitpunkt stationierten sowjetischen Soldaten.

Zahlreiche Betriebe aus der Region beteiligten sich an der Finanzierung der Anlage in Höhe von ca. 140.000 DM. Dazu zählten u. a. der Kraftverkehr Oranienburg, die Schuhfabrik Zehdenick und das Möbelwerk Löwenberg.

Am 7. November 1977 fand die Einweihung des Panzerdenkmals wie geplant statt. In den folgenden Jahren wurden dort an wichtigen Feiertagen der DDR und der UdSSR Kränze niedergelegt.

Das Denkmal in Fürstenberg war kein Novum. Schon vorher wurden die sowjetischen Befreier auf diese Art und Weise geehrt. U. a. stehen seit 1945 Panzer vom Typ T 34 in Berlin im Großen Tiergarten und in Zehlendorf. Aber auch später wurden weitere ähnliche Monumente errichtet. Seit 1970 erinnert einer in Kienitz an den 31. Januar 1945, als die Rote Armee an dieser Stelle die Oder überquert hatte. Am 29. April 1980 wurde aus Anlass der Befreiung des Gefängnisses Brandenburg-Görden vor 35 Jahren in der Stadt solch ein Denkmal eingeweiht. Das Fürstenberger überlebte wie alle anderen die sogenannte Wende. Obwohl nicht unter Denkmalschutz gestellt, ist es noch immer ein Zeichen der Erinnerung.

Offizielle Veranstaltungen finden an diesem Ort nicht mehr statt, da es – wiewohl seine Geschichte vom Gegenteil zeugt – als Beweis für den verordneten Antifaschismus abgetan wird.

Nur die »Welt von Gestern«?

geschrieben von Ernst Antoni

20. April 2015

Der Abschied von Europa des Erfolgsschriftstellers Stefan Zweig

 

Als in Salzburg im April 1938 mit den Werken anderer Verfemter auch die Bücher von Stefan Zweig auf dem Residenzplatz in Flammen aufgingen, hatte der österreichische Schriftsteller die Stadt, in der er nach dem Ersten Weltkrieg über ein Jahrzehnt lang gewohnt hatte, bereits seit vier Jahren verlassen. Nicht allein die Stadt. Im Februar 1934 durchsuchte die Polizei des austrofaschistischen Regimes das Haus des damals weltbekannten Erfolgsautors (»Sternstunden der Menschheit«) und bekennenden Pazifisten. Der 1881 in Wien geborene Zweig begab sich daraufhin mit seiner zweiten Frau Charlotte nach England. Es sollte der Anfang eines Exils werden, das für das Ehepaar Zweig 1942 mit einem Doppelselbstmord in Brasilien sein Ende fand.

In Deutschland war Zweig bereits von Anfang der NS-Herrschaft an wegen seiner jüdischen Herkunft verfemt, seine Werke waren verboten und verbrannt worden. Nach dem »Anschluss« Österreichs brannten dann auch in Salzburg und anderswo die Bücher-Scheiterhaufen. Auch die Werke von Stefan Zweig, einem der meistgelesenen Autoren seiner Zeit. In mehr als fünfzig Sprachen waren in den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts vor allem seine Erzählungen und Novellen übersetzt worden. In einem von ihm »Hauptbuch« genannten großformatigen Notizbuch pflegte der Schriftsteller die Weltrechte seiner Bücher aufzulisten. Auch dieses »Hauptbuch« gehört zu den Exponaten einer anrührenden Ausstellung, die zuerst in Wien gezeigt wurde, derzeit in München zu sehen ist und hoffentlich danach noch an weiteren Orten.

Bis Ende vergangenen Jahres machte sie an ihrem Entstehungsort Furore, im Theatermuseum Wien, dessen Vorgängerinstitution, der Theatersammlung der dortigen Nationalbibliothek, der Autor nach seiner Emigration 1937 einen Teil seiner Handschriftensammlung vermacht hatte. »Autographen« aus den Beständen eines Menschen, der gerne und viel korrespondierte mit Autorenkolleginnen und -kollegen und anderen Berühmtheiten aus aller Welt. Handschriftliche Notizen verschiedener Schriftsteller und Publizisten, Bilder mit Widmungen und andere nicht nur historisch interessante Dokumente (neben vielen anderen etwa von Franz Kafka, Joseph Roth, Albert Schweitzer, Maxim Gorki).

Ein Teil dieser Exponate entfaltet durch die Art ihrer Zurschaustellung, durch ihr Arrangement in den Ausstellungsräumen, die besondere emotionale Wirkung, die über das kultur- und literaturhistorische Interessante hinaus uns als heutige Betrachterinnen und Betrachter Anteil nehmen lässt an jenem erzwungenen »Abschied von Europa« des Ehepaares Zweig, vom Aufbruch nach England bis zum tragischen Ende in Brasilien. Sehen wir doch nicht mehr sämtliche Autographen, Fotos, Notizblätter, in Vitrinen und an den Ausstellungswänden, sondern einen großen Teil davon schon hineingeschlichtet in Umzugskartons, abgehängte Bilder lehnen herum: Auszug, Umzug, Exodus… Flankiert wird das von Film-, Bild- und Tondokumentationen mit Information zu Exilstationen, Lebensbedingungen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in den jeweiligen Zufluchtsorten.

Der größte Ausstellungsraum ist ins Halbdunkel getaucht, in der Mitte steht schwach erleuchtet das große Modell eines Gebäudes. Es handelt sich um das 1873 zur damaligen Wiener Weltausstellung eröffnete Luxushotel Métropole, das im März 1938 nach dem »Anschluss« von den Nazis beschlagnahmt, »arisiert« und zur »Gestapo-Leitstelle« umfunktioniert wurde. Mit 842 Beschäftigten, heißt es im Katalog-Lesebuch, das zur Ausstellung erschienen ist, sei sie größer als die »Leitstelle« in Berlin gewesen.

Der faschistische Folterort Hotel Métropole hat eine wichtige Funktion in Stefan Zweigs 1941 entstandener berühmter »Schachnovelle«. Was dort vor sich ging, schildern, bedient man im Umfeld des Hotel-Modells die Audioguides und Videoprojektionen, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die Gefangenschaft und Verhöre überleben konnten. Dunkle, lederne Gestapomäntel an den Wänden des Saales vervollständigen die Inszenierung.

Neben der »Schachnovelle« ist zweiter literarischer Haupt-Bezugspunkt aus dem Werk Zweigs sein Erinnerungsbericht »Die Welt von Gestern«, den er in seinem letzten Lebensjahr fertig gestellt hat. Der durchgängige Exilbezug macht diese Ausstellung so nicht allein zu einem historischen Informationsort. Er eröffnet gerade angesichts der individuellen Schicksale, die in diesem Falle ja nicht von den Ärmsten der Armen handeln und dennoch von zunehmendem Elend und wachsender Verzweiflung, auch wichtige Ansätze zum Verständnis heutiger Flucht- und Exilproblematik.

Aus den Landesvereinigungen und Verbänden

19. April 2015

Hier finden Sie die Beiträge aus dem Verband sowie aus den Landesvereinigungen Baden-Württemberg, Berlin, Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen: AntifaLS_2015_0506_web

Titel

18. März 2015

Befreiung in München

Befreiung Ende April 1945: US-Soldaten entfernen die »Hauptstadt der Bewegung«

Befreiung Ende April 1945: US-Soldaten entfernen die »Hauptstadt der Bewegung«

Editorial

geschrieben von Regina Girod

9. März 2015

Zwei wichtige Vorhaben der VVN-BdA Bundesorganisation im 70. Jahr der Befreiung wurden unmittelbar vor Erscheinen dieser antifa realisiert: Am 24. Februar wurde die neue Website dasjahr1945.vvn-bda.de freigeschaltet, auf der Besucher mittels einer interaktiven Karte die Befreiung der Konzentrationslager und verschiedener Städte sowie Kriegsendverbrechen der Nazis und Dokumente, die die Hoffnungen der Befreiten widerspiegeln, recherchieren können. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit bietet diese Website, die von einer Arbeitsgruppe des Bundesausschusses erarbeitet wurde, mit kurzen Texten, weiterführenden Hinweisen, Fotos und Filmausschnitten Material und Denkanregungen für das Verständnis der historischen Vorgänge vor 70 Jahren.

Und am 1. März fand in Berlin eine gut besuchte Veranstaltung der VVN-BdA unter dem Thema »Unsere Mütter, unsere Väter – und wir« statt, auf der Antifaschistinnen und Antifaschisten aus drei Generationen und aus Ost und West über Vorbilder, Ansprüche und Erfahrungen ihrer politischen Arbeit diskutierten. Mit dieser Reflektion über die Frage, wie man Antifaschismus als Erbe und Auftrag in einer nun bald 70 Jahre alten Organisation weiter geben kann, wurde eine Phase vielfältiger Veranstaltungen in Ländern und Kreisen eingeleitet, mit denen wir oft in breiten Bündnissen in den nächsten Wochen an die Befreiung von Faschismus und Krieg erinnern wollen. Sicher werden sie auch Möglichkeiten bieten, mit neuen Mitstreitern ins Gespräch zu kommen und sie für die Arbeit unserer Vereinigung zu interessieren.

An drei der Mütter und Väter unserer Organisation erinnern wir auch in dieser Ausgabe. Dem ehemaligen Dachauhäftling Adi Maislinger, für den Hoffen und Handeln immer zusammengehörten, widmen wir unser Porträt aus Seite 19. Die aktuelle Ausstellung der Fotografien von Lore Krüger bietet uns Anlass der Frage nachzugehen, wie die Sicht Nachgeborener das Bild einer Lebensleistung verändert (Seite 31 und 32) und auf den Verbandsseiten gratulieren wir der Ehrenvorsitzenden der VVN-BdA Schleswig-Holstein, Marianne Wilke, zu ihrer Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande.

Das gemeinsame Ziel

geschrieben von Peter Christian Walther

8. März 2015

Antifaschismus ist ein wichtiges Fundament auch der Friedensbewegung

 

Am 8. Mai 1945 wurde ganz Europa vom Verbrechersystem des deutschen Faschismus und seinem Krieg befreit. Mit diesem Satz beginnt der Aufruf »Für eine neue Entspannungspolitik, Nein zur Vorbereitung auf den Krieg!«, der von einer Reihe von Aktiven aus der antifaschistischen und der Friedensbewegung unterzeichnet wurde.

Es heißt dann weiter, dass wir dieser Befreiung, – erreicht von der Antihitlerkoalition und dem antifaschistischen Widerstand in vielen Ländern, – »die Grundlagen eines Lebens in Frieden, Freiheit und Vielfalt« zu verdanken haben. Das verpflichte uns heute mehr denn je, »den Frieden in Europa zu sichern« und deshalb »Druck (zu) machen für Verständigung und Abrüstung«.

Es ist mehr als naheliegend für eine antifaschistische Organisation wie die unsere, erst recht wenn es sich um die älteste und damit wohl auch erfahrenste handelt, dem Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg eine besondere Bedeutung zuzumessen.

Und so haben wir schon im vergangenen Herbst damit begonnen, uns mit den Möglichkeiten und Erfordernissen der Ausgestaltung dieses Tages zu befassen. Nach gründlichen Überlegungen haben wir uns entschlossen, unseren Mitgliedern, Mitgliedsverbänden und allen Freundinnen und Freunden zu empfehlen, an möglichst vielen Orten anlässlich des 70.Jahrestages nicht nur an die Befreiung von Faschismus und Krieg zu erinnern, sondern diese Befreiung auch entsprechend zu feiern.

Wir wollen so eine möglichst tiefe Wirkung in die Gesellschaft und Öffentlichkeit hinein erreichen. Das können wir selbstverständlich nicht alleine schaffen. Deshalb bemühen wir uns intensiv um Unterstützer und Bündnispartner, um gemeinsam dieses Ziel erreichen zu können.

So feiert die VVN-BdA am 8.Mai zum Beispiel in meiner Heimatstadt Frankfurt am Main auf dem traditionsreichsten Platz der Stadt, dem Römerberg vor dem Rathaus, ein mehrstündiges »Fest der Befreiung«. Dafür haben wir mit Gewerkschaften, Jugendverbänden, Jüdischer Gemeinde, Initiativen und Organisationen aus antifaschistischem, kirchlichem, sozialem, kulturellem und sportlichem Bereich und natürlich aus der Friedensbewegung, die Mitwirkung von über dreißig Unterstützer-Organisationen und Institutionen einschließlich des Oberbürgermeisters erreicht.

Ähnliches wird an vielen weiteren Orten dieser Republik geschehen. Wer sich dafür interessiert, kann bei unserer Bundesgeschäftsstelle eine Übersicht anfordern.

Neben weltanschaulichen, politischen und anderen Verschiedenheiten, wie es sie auch in unserer Organisation gibt, unterscheiden wir uns innerhalb der Friedensbewegung aktuell von einigen anderen Gruppierungen und Personen wohl darin, dass wir – wiederum aus besonderer antifaschistischer Erfahrung heraus – jede Art von Offenhalten eines Zugangs zu Positionen, die rechts außen zu verorten sind, strikt ablehnen. Das hat bei uns zu dem Ergebnis geführt, dass wir keine gemeinsamen Aktionen mit Gruppierungen und Personen durchführen, von denen wir den Eindruck haben, dass sie in dieser grundlegenden Frage keine Abgrenzung vollziehen. Die Benutzung des Spruchs, es gäbe hier weder ein rechts noch ein links, sondern nur ein »vorne«, bestätigt das. Nach unserer Einschätzung führt das nicht zur Stärkung, sondern eher zu einer Schwächung der Friedensbewegung.

Unsere Position richtet sich keinesfalls gegen die Friedensbewegung generell, der wir nach wie vor zugehören. Sie bedeutet auch nicht, dass wir mit denen, die eine andere Auffassung haben, an gemeinsamen Aktionen mit gemeinsamer Zielsetzung nicht teilnehmen würden. Das entscheidet sich im konkreten Fall nach anderen Kriterien.

Der Kampf gegen Faschismus und Krieg, gegen jede Gefahr einer wie auch immer gearteten Wiederkehr solcher Entwicklungen, aktuell sichtbar an Rechtsentwicklungen und Militarisierung auch in unserem Land, sind geradezu eine genuine Aufgabe unserer Organisation.

Freibriefe für V-Leute

geschrieben von Ernst Antoni

8. März 2015

Geheimdienst-Gesetzentwurf preist »Verbesserungen« an

 

»V-Leute sind Nazis mit V«: Diese im Zuge der nonpd-Kampagne der VVN-BdA entstandene, zugegeben pointierte Aussage gefiel nicht allen, die ein Verbot der Nazipartei unterstützten und unterstützen. Der Schutz jener V-, ausgeschrieben »Vertrauens«-Personen des Inlandsgeheimdienstes war bekanntlich entscheidend für das Scheitern des ersten Verbotsverfahrens gegen die NPD vor dem Bundesverfassungsgericht.

Im aktuellen »Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung der Zusammenarbeit im Bereich des Verfassungsschutzes« sind nun bundeseinheitlich Regelungen vorgesehen, mit denen, so die Süddeutsche Zeitung, auch das V-Leute-Wesen definiert werden soll: V-Leute seien, soll künftig als Paragraph 9a im Verfassungsschutzgesetz stehen, »Privatpersonen, deren planmäßige, dauerhafte Zusammenarbeit« mit dem Geheimdienst »Dritten nicht bekannt ist«. Wie es sich mit den »privaten« V-Personen verhält, soweit über sie im Zuge des NSU-Verfahrens Details öffentlich wurden, sollte inzwischen überdeutlich sein. Das waren und sind meist keine kleinen »Nazis mit V«, sondern Finanziers (mit öffentlichen Mitteln), eventuell auch Planer und Mittäter bei Mordserien. Eigentlich müssten das gerade die wissen, die mit ihrem »Verbesserungs«-Gesetzentwurf dem V-Personen-System und anderen geheimdienstlichen Merkwürdigkeiten bisherige Freiräume erhalten oder gar noch erweitern wollen.

»Wer nach dem NSU-Skandal, der auch ein V-Leute-Skandal war, einen solchen Gesetzentwurf verschickt, müsste eigentlich vor Scham rot werden«, schreibt Heribert Prantl in der Süddeutschen. Rot bestimmt nicht – das widerspräche nicht zuletzt dem traditionellen »Feindbild links«, das seit Jahrzehnten auch die VS- und V-Aktivitäten in Schwung hält.

Die breite Palette angeboten

8. März 2015

Wie begegnen Antifaschisten Protesten gegen Flüchtlingsheime?

 

antifa: In Berlin-Marzahn will der Senat mehrere Hundert Asylsuchende in einem eigens dafür errichteten Dorf aus flexiblen Wohncontainern unterbringen. Kaum war das Projekt angekündigt, regte sich Protest von Anwohnern, die, unter Anleitung der NPD, allwöchentlich immer Montags mit bis zu 1000 Teilnehmern auf die Straße gingen. Mittlerweile kommen nur noch wenige – ein Erfolg des antifaschistischen Gegenwinds und guter Argumente oder mangelnde Ausdauer der rassistischen Mobilmachung?

akmh: Wenn wir uns die Kommentare der Nazis im Internet angucken, dann ist es eine Mischung aus Frustration und Angst. Zum einen steckt ihnen der 22. November 2014, ein großangelegter Aufmarsch der von ca. 3000 Antifaschisten blockiert werden konnte, noch in den Knochen. Zum anderen konnte durch Antifa-Recherche nachgewiesen werden, dass diese Demos von Neonazis organisiert sind, was wiederum einige Anwohner von der Teilnahme abgehalten haben dürfte. Wer will schon mit Bild und Name im Internet als Rassist hingestellt werden? Und zum dritten macht es keinen Spaß, Woche für Woche gegen etwas zu demonstrieren was ohnehin beschlossene Sache ist.

Einfaches RGB

antifa: Als Ursache für Proteste gegen Flüchtlingsunterkünfte wird angeführt, dass die Anwohner sich politisch ohnmächtig fühlen und sozialen Abstieg fürchten. Warum entdecken die Marzahner ausgerechnet im Rassismus ein Ventil, um sich gegen fehlende demokratische Partizipation aufzulehnen? Was läuft denn falsch in Marzahn, Buch, Köpenick und den anderen Berliner Randbezirken, dass so viele meinen, ihre Geduld sei ausgerechnet jetzt am Ende?

akmh: Das ist ein gesellschaftliches Problem das viel weiter reicht. Die Randbezirke sind dafür bekannt eher »sozial schwache« Bezirke zu sein und es ist bekanntermaßen einfacher nach unten zu treten, als die Probleme an der Wurzel anzugehen. Viele reden sich ein, dass Asylsuchende Massen an Geld bekommen, doch dabei sind deren Lebens-umstände um ein Vielfaches schwieriger als die der deutschen Unterschicht, deren Deklassierung hier gar nicht in Abrede gestellt werden soll. Rassismus herrscht nicht nur in Marzahn oder Buch, sondern überall, nur drückt er sich unterschiedlich aus. Auch im reichen Stadtteil Hamburg-Harvestehude verhinderte die dortige Oberschicht den Bau einer Asylunterkunft, nur halt mit ganz anderen Mitteln.

antifa: Die allwöchentlichen Gegenaktionen waren zwar breit getragen, ließen sich aber auch nicht lange aufrechterhalten. Was braucht es an lokalen Strukturen, um standhaft zu bleiben? Wer ist auch kontinuierlich mobilisierbar?

akmh: Wir haben versucht eine breite Palette gegen die Demos aufzufahren. Dazu gehören passende Angebote für das gesamte antifaschistische Spektrum, je nachdem, was die Leute sich selbst zutrauen – Blockaden sind ja nicht für jeden was. Hilfreich war sicher, dass es einen gut gepflegten Draht zur Zivilgesellschaft und den Parteien gibt. Sogar die Bezirks-CDU war regelmäßig bei den Gegenkundgebungen. Trotzdem war schnell klar, dass es nicht zielführend ist, jeden Montag eine Gegendemo zu organisieren.

antifa: Auf den letzten Aufmärschen sind die Flüchtlingsgegner wieder dazu übergegangen, eher Linke, also die Gegenproteste aufs Korn zu nehmen und sich an ihnen abzuarbeiten. Ihr nehmt da eine wichtige Blitzableiterfunktion wahr. Wie hält man die Organisatoren der Aufmärsche so sehr auf Trab, dass sie ihre eigentlichen Anliegen nahezu vergessen?

akmh: In Hellersdorf haben wir mit einer antirassistischen Aktionswoche eigene Akzente gesetzt und auch den örtlichen NPDlern wurde ziemlich direkt vermittelt, dass ihr Nahumfeld kein ruhiges Hinterland für sie ist. In Marzahn konnten wir nun darauf aufbauen. Durch die ständigen Gegenaktionen wurde der reibungslose Ablauf der Aufmärsche so sehr gestört, dass sie sich mit uns beschäftigen mussten. Sicherlich fehlen ihnen auch andere Inhalte. Und klar wurde einigen Organisatoren persönlich so sehr zugesetzt, dass sie in der Antifa ihren neuen Lebensfeind ausgemacht haben. Doch damit können wir gut leben.

antifa: Diese wöchentlichen Aufmärsche stellen die antifaschistischen Kräfte Berlins einerseits vor Kapazitätsprobleme, sorgen aber andererseits auch für eine gewisse Konjunktur. Wie gestaltet sich gerade die Zusammenarbeit mit den anderen Antifa-Gruppen in Berlin?

akmh: Unsere Vernetzung wurde sicherlich intensiviert. Auch zwischen Gruppen, die sonst so nie zusammen gearbeitet hätten. Auch unter den Randbezirken und nach Brandenburg hat sich die Zusammenarbeit verbessert. Doch trotz Vernetzung sind die Kapazitäten bei drei bis vier Nazidemos pro Woche schnell erschöpft. Auf mehr Schultern verteilen, geht nur bedingt, da die Antifas aus Buch schwerlich die Marzahner Zivilgesellschaft motivieren können. Das müssen schon die locals machen.

 

Das Gespräch führte Markus Roth

Terrorabwehr wird ausgebaut

geschrieben von Axel Holz

8. März 2015

NSU-Konsequenzen in Mecklenburg-Vorpommern

 

Nach einer deutlichen Aufforderung durch die Oppositionsparteien im Landtag Mecklenburg-Vorpommern hat die Landesregierung einen Bericht über die Umsetzung der Empfehlungen des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestages vorgelegt. Vor zwei Jahr hatten Grüne und Linke in M/V einen NSU-Untersuchungsausschuss gefordert. Von dieser Forderung waren die Grünen aber später abgerückt, weil keine fassbaren Ansatzpunkte für dessen Einrichtung zu finden seien. Es gäbe Indizien, die darauf hinwiesen, dass den Behörden in Mecklenburg-Vorpommern zu wenige Erkenntnisse vorlägen, um die Ermittlungsrichtung in die richtige Bahn zu lenken. Im Ergebnis könnte die Mehrheit im Untersuchungsausschuss zu der Auffassung gelangen, dass die örtlichen Behörden und der Landesverfassungsschutz besser auszustatten und die nachrichtendienstlichen Ermittlungskompetenzen zur Verbesserung der zukünftigen Erkenntnislage auszuweiten seien, hieß es seinerzeit in einer Pressemitteilung der Grünen.

Übriggeblieben von den vielen Reform-Forderungen des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag ist im Nordosten ein 29-seitiges Papier, das erneut beteuert, dass es keine willentliche Unterstützung, Billigung und Kenntnis der NSU von Seiten der staatlichen Behörden gegeben hätte. Neben einer Reihe von Maßnahmen zu besseren Information und Zusammenarbeit von Justiz, Polizei und Verfassungsschutz auf der Basis abgestimmter Dateien im gemeinsamen Terrorabwehrzentrum der Länder legt das Land Wert auf die Verbesserung der interkulturellen Kompetenz der Mitarbeiter in den Innenbehörden und hat alle ungeklärten Gewalttaten auf einen möglichen rassistischen Hintergrund untersucht, ohne neue Erkenntnisse zu gewinnen. Im Hinblick auf hunderte bundesweit nicht vollstreckte Haftbefehle gegenüber Rechtsradikalen sei hier nur ein derartiger Fall bekannt. Von acht Fällen einer Opferliste waren neben drei bisher aufgeklärten rechtsradikalen Gewaltfällen keine weiteren identifiziert worden. Man sei auf dem Wege, alternative Ermittlungsansätze und eine »Fehlerkultur« in den Dienststellen umzusetzen. Nach den Skandalen in den Verfassungsschutzämtern einiger Länder und zahlreichen Forderungen nach Auflösung des Verfassungsschutzes ist also nicht viel übrig geblieben. Eine landesspezifische Richtlinie zum Einsatz von V-Leuten, die Einstellung von wissenschaftlichen Quereinsteigern und die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft sind die Erfolgsrezepte der Zukunft. Business as usual – als hätte es den NSU nie gegeben.

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