Abschied von Hans Canjé

geschrieben von Regina Girod

2. September 2015

Am 6. Juli starb der Mitbegründer und langjährige Chefredakteur der antifa

 

Im November letzten Jahres erinnerte die VVN-BdA mit einer Matinee in der »Gedenkstätte deutscher Widerstand« an die antifaschistischen Widerstandskämpfer Kurt Goldstein und Emil Carlebach, die beide 100 Jahre alt geworden wären. Einer der Redner war Hans Canjé, mit 85 Jahren der Älteste im Kreis. Mit seiner charakteristischen, heiseren Stimme erzählte Hans, wie er als ganz junger Mann den Auschwitz-Überlebenden Kurt Julius Goldstein kennenlernte, der ihn geprägt hat, wie kaum ein anderer. Und wie er von dem ehemaligen Buchenwalder Emil Carlebach das Journalistenhandwerk lernte. In seiner Rede wurden 70 Jahre Geschichte des Antifaschismus lebendig. Hans` Humor und seine Menschlichkeit berührten die Zuhörer tief.

Hans Canjé am 8. Mai 2013 an der Kremlmauer in Moskau Foto: Christiane Mathejka

Hans Canjé am 8. Mai 2013 an der Kremlmauer in Moskau
Foto: Christiane Mathejka

Kennen gelernt habe ich Hans Canjé Anfang der 90er Jahre als Chefredakteur der antifa. Die war damals eine Monatszeitschrift, herausgegeben vom IVVdN, auf gutem Papier gedruckt und geheftet- eine professionelles Journal, dessen Redaktion sich jeden Montag traf. Gern erzählte Hans die Geschichte, wie Kurt Goldstein, ausgestattet mit der Autorität des ehemaligen Intendanten, ihn und eine Handvoll anderer Journalisten zu dieser Aufgabe »verdonnert« hatte. »Jetzt sei Schluss mit dem unproduktiven Rentnerdasein, man müsse den Antifaschismus der DDR verteidigen und weiter geben, eine kleine Aufwandsentschädigung könnte der Verband auch zahlen«. Da war Hans 61 und weit entfernt von einem Leben im Ruhestand, dem er selbst mit 80 noch nichts abgewinnen konnte. Er hat die Redaktion dann 13 Jahre lang geführt und das Konzept und den Stil der antifa geprägt. Sie war für viele aus dem Osten damals wichtig. Nach dem Ende der DDR versuchte man mit allen Mitteln, auch den Antifaschismus zu delegitimieren. Dem stellte sich die antifa entgegen. Hans organisierte für die Zeitung einen Beirat von Historikern aus Ost und West. Er setzte auf fundierte Argumente und eine klare Position. Und er wusste, dass es hier nicht nur um Politik, sondern auch um die Vermittlung einer Lebenshaltung ging. Und so wurde unsere Zeitschrift, was sie bis heute ist: ein »Magazin für antifaschistische Politik und Kultur«.

Dieses Konzept und auch der Name »antifa« blieben nach der Vereinigung der IVVdN und der VVN-BdA zu einer gesamtdeutschen antifaschistischen Organisation erhalten. antifa wurde ihre Zeitschrift, erschien nur noch zweimonatlich und auch die Redaktion kam nun aus Ost und West. Hans hätte sich gewünscht, dass die antifa eine Monatszeitschrift bleibt, doch dafür reichten die Mittel nicht. Auch wenn sein Name nicht mehr im Impressum stand, blieb er der Redaktion verbunden und brachte seine große Erfahrung ein. Die intensiven und vertrauensvollen Gespräche, die wir über all die Jahre führten, waren sehr wichtig für mich. Als Autor war Hans ohnehin unersetzlich. Ganz Journalist der alten Schule besaß er ein Archiv, das bis in die 50er Jahre reichte. Er nutzte es vor allem für Artikel über den Umgang der alten BRD mit der Nazivergangenheit. Geschichte des Widerstands, Gedenkstättenpolitik und der Kampf für die Rehabilitierung der Opfer des kalten Krieges waren weitere Themen, die er immer im Blick behielt.

In den letzten Jahren habe ich Hans´ Lebenshaltung oft bewundert. Er lebte gern und ließ sich auch von schwerer Krankheit nicht entmutigen. Nach einer hochriskanten Herz-OP erlitt er einen Schlaganfall. Monatelang kämpfte er sich zurück ins Leben. Als er nach langem intensivem Training wieder ein paar Schritte gehen konnte, meinte er: »Ich hätte nicht gedacht, dass ich das schaffen würde, aber warum musste es so lange dauern?« Und arbeitete weiter wie zuvor, schrieb Artikel, besuchte Veranstaltungen und er reiste – nun im Rollstuhl und mit Hilfe der Familie und von Freunden. 2013 begleitete ihn seine Enkelin nach Moskau. Gemeinsam mit Freunden der Spanischen Republik nahm er an einem internationalen Forum teil und besuchte das Kinderheim in Ivanovo. 2014 flog er mit seinem Enkelsohn nach Barcelona. Und er berichtete darüber in der antifa.

Aber seine Leiden nahmen zu und Hans war sich bewusst, dass er in diesem Kampf nur Zeit gewinnen, doch nicht siegen konnte. Noch immer voller Pläne, wog er ab, welche Therapien für ihn in Frage kamen. Und welche nicht. Sein Tod kam plötzlich, genau an jenem Tag, als die Juli-antifa in Druck gegangen war. Mit einem Beitrag von Hans Canjé, der nun sein letzter bleiben wird. Eine Ära ist damit zu Ende gegangen.

Hans war ein gerader, aufrechter Mann. In Anlehnung an das Märchen der Gebrüder Grimm nannte ihn Kurt Goldstein manchmal »mein treuer Hans«. Das passte gut, denn Hans war treu. Er war und blieb, wofür er sich in seiner Jugend entschieden hatte: Antifaschist und Kommunist. Zu seinen Überzeugungen stand Hans wie zu den Menschen, mit denen er verbunden war – als Liebender und als Geliebter, als Freund, Genosse und als Kamerad.

Wir werden ihn nicht vergessen.

Neuer Militarismus

geschrieben von Ulrich Schneider

1. September 2015

Japan 70 Jahre nach seiner Niederlage im Zweiten Weltkrieg

 

Mitte August 2015 wurde in Japan an den 70. Jahrestag der Unterzeichnung der Kapitulation erinnert, mit der der Pazifikkrieg am 2. September 1945 endgültig endete. Zehn Tage zuvor gedachte das Land des ersten Atombombenabwurfs von Hiroshima und zwei Tage später dessen in Nagasaki. Beide Ereignisse machten die Widersprüchlichkeit der Erinnerung und des Umgang mit der Vergangenheit des japanischen Militarismus deutlich.

Die Niederwerfung des japanischen Militarismus 1945 durch die gemeinsame Kraft der Anti-Hitler-Koalition, wie sie in Jalta und noch einmal in Potsdam verabredet wurde, war eine zwingende Notwendigkeit. War doch die japanische Okkupationspolitik in Korea, in China und in den ehemaligen französischen Kolonien Indochinas von Kriegsverbrechen und einer unmenschlichen Ausplünderung der Zivilbevölkerung sowie der Ressourcen der Länder geprägt. Das Urteil des Tokioter Prozesses von 1946/48 gegen 28 Hauptkriegsverbrecher zeigt deutlich, in welchem Maße die hier Angeklagten stellvertretend für das militaristische Herrschaftssystem »als Führer, Organisatoren, Anstifter oder Komplizen an der Planung oder Ausführung eines gemeinsamen Plans oder einer Verschwörung zum Führen von Angriffskriegen« und Gräueltaten gegen Kriegsgefangene und die Zivilbevölkerung beteiligt waren. Genannt sei an dieser Stelle exemplarisch das Massaker von Nanking (China), bei dem japanische Truppen mindestens 200 000 Zivilisten und Kriegsgefangene ermordeten und rund 20.000 Mädchen und Frauen vergewaltigten.

Die rechte Regierung unter Ministerpräsident Shinzo Abe (LDP) kam in der offiziellen Feierstunde vor 7000 geladenen Gästen nicht um eine Erklärung umhin: »Japan hat wiederholt Gefühle der tiefen Reue und eine von Herzen kommende Entschuldigung für seine Taten während des Krieges zum Ausdruck gebracht.« Diese Position früherer Kabinette »wird unerschütterlich in die Zukunft hinein bleiben.« Bezogen auf China sprach Abe von »unermesslichem Leid«, das durch Japans Militär verursacht worden sei. Allen asiatischen Nachbarn und früheren Kriegsgegnern übermittelte er seine »tiefe Trauer und ewiges Mitgefühl«. Eine Verurteilung dieser Verbrechen war von ihm nicht zu hören.

Abe, der sich in der Tradition seines Großvaters Nobusuke Kishi sieht, der wegen Kriegsverbrechen verurteilt worden war, hat diese Haltung schon einmal demonstriert, als er im Dezember 2013 den Yasukuni-Schrein aufsuchte, an dem traditionell der 2,5 Millionen gefallenen japanischen Soldaten gedacht wird, darunter aber auch zahlreicher Kriegsverbrecher. Im vergangenen Jahr bezeichnete er in einer Grußbotschaft für die buddhistische Totenfeier für hingerichtete Kriegsverbrecher diese als »Märtyrer«. In diesem Jahr blieb er zwar persönlich dem Schrein fern, schickte aber eine Opfergabe.

Vor diesem Hintergrund kommt Prof. Eiichi Kido (Universität Osaka) zu der Einschätzung, dass die geschichtsrevisionistische Tendenz, die kolonialistisch-imperialistische Vergangenheit Japans zu verharmlosen oder sogar zu verherrlichen, zunehme. Dabei gehe es um eine Umschreibung der Geschichte der Kriegsverbrechen selber und insbesondere die Ablehnung eines ehrlichen Umgangs mit der Geschichte der »Trostfrauen«, koreanische Frauen, die als Zwangsprostituierte für die japanischen Soldaten dienstbar sein mussten. Bücher zu diesem Thema oder selbst wissenschaftliche Veranstaltungen an den Universitäten werden von rechten Studierenden und Medien angegriffen. Kido berichtet: »Bei rassistischen Demonstrationen werden auch große Hakenkreuzfahnen hochgehalten. Bei einer Kundgebung zur »Verwirklichung der Großostasiatischen Wohlstandssphäre« am 20. April 2014, dem 125. »Führergeburtstag«, wurde mit Hakenkreuzen nicht nur der Hegemonieanspruch Japans in Ost- und Südostasien unterstrichen, sondern auch die Rehabilitation von NS-Deutschland propagiert.«

Selbst der UN-Menschenrechtsausschuss formulierte im Sommer 2014 gegenüber Japan seine »Besorgnis über weitverbreitete rassistische Diskurse« und forderte eine angemessene Untersuchung zum Thema »Trostfrauen«.

Der politische Hintergrund dieses Geschichtsstreits ist offenkundig: Japan will »aus dem Schatten der Geschichte treten«, um eine neue politische und militärische Rolle in Südostasien zu spielen. 2014 legte Abe eine Entschließung vor, die den Artikel 9 der japanischen Verfassung, der einen Verzicht auf Krieg und militärische Gewalt beinhaltet, außer Kraft setzen würde. Offiziell geht es nur um eine »Neuinterpretation« der »kollektiven Selbstverteidigung«. Viele Kritiker befürchten jedoch eine Rückkehr zum japanischen Militarismus. Dies wurde auch in der Parlamentsdebatte deutlich, bei der diese Vorlage mehrheitlich angenommen wurde. Die LDP-Regierung buhlte dabei mit nationalistischen Parolen um Unterstützung selbst bei den Opfern ihrer Sozialpolitik.

Aber es gibt deutliche Zeichen von Widerstand. Anlässlich der Gedenkfeiern zur Erinnerung an die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki forderten mehrere 10.000 Japaner, jeglicher militärischen Expansionspolitik aktiv entgegenzutreten.

Erfolg auch der VVN-BdA

geschrieben von Ulrich Sander

1. September 2015

Vor 15 Jahren: Deutsche Zahlungen an Zwangsarbeiter werden beschlossen

 

Unser unvergessener Alfred Hausser, Gründer der Interessengemeinschaft ehemaliger Zwangsarbeiter unter dem NS-Regime und Ehrenpräsident der VVN-BdA, hatte sich schon seit Anfang der 80er Jahre unermüdlich des Problems der Entschädigung von Zwangsarbeitern angenommen. Er war selbst bei Bosch Zwangsarbeiter und hat am antifaschistischen Widerstand teilgenommen. Im August 2000 erhielt ich einen Anruf von ihm. Die von ihm vorgeschlagene Präambel wurde angenommen und soll das Gesetz zur Zwangsarbeiterentschädigung zieren. In der Präambel heißt es: »In Anerkennung, dass der nationalsozialistische Staat Sklaven- und Zwangsarbeitern durch Deportation, Inhaftierung, Ausbeutung bis hin zur Vernichtung durch Arbeit und durch eine Vielzahl weiterer Menschenrechtsverletzungen schweres Unrecht zugefügt hat, deutsche Unternehmen, die an dem nationalsozialistischen Unrecht beteiligt waren, historische Verantwortung tragen und ihr gerecht werden müssen«, bekenne sich der Deutsche Bundestag »zur politischen und moralischen Verantwortung für die Opfer des Nationalsozialismus.« Nach Anhörungen des Bundestages – erstmals wurden auch die Interessengemeinschaft ehemaliger Zwangsarbeiter und die VVN-BdA, vertreten durch Christoph Jetter, vom Bundestag angehört – kam es zur Beschlussfassung und auch die »Rechtssicherheit« wurde in den USA vereinbart.

Das Gesetz zur Schaffung der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« (EVZStiftG) sah vor: Je zur Hälfte finanziert von der Bundesrepublik Deutschland und einer Stiftungsinitiative deutscher Unternehmen wird die Stiftung EVZ im Jahr 2000 mit einer Kapitalausstattung von zehn Milliarden DM (5,1 Mrd. Euro) gegründet. Sie begann jedoch erst ein Jahr später – die Unternehmer bekamen ihren Anteil nicht zusammen und zahlten erst, als der Staat ihnen die Steuern für ihren Anteil erließ – mit der Zahlung. Sie erfolgte in Zusammenarbeit mit sieben internationalen Partnerorganisationen mit individuellen Auszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und beendete diesen Teil ihrer Arbeit im Jahr 2007. Über 1,7 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter und andere NS-Opfer in 98 Ländern erhielten pauschalierte individuelle Einmalzahlungen bzw. wurden innerhalb zusätzlicher humanitär-medizinischer Programme berücksichtigt.

Nach 55 Jahren kam jedoch die ganze Anstrengung für viele, die zwischenzeitlich verstorben waren, zu spät. Ganze Gruppen ehemaliger Zwangsarbeiter, wie italienische Militärinternierte, sowjetische Kriegsgefangene, westeuropäische Zwangsarbeiter und solche, die nicht deportiert worden waren, blieben weitgehend ausgeschlossen. Derzeit befasst sich EVZ mit der Aufgabe, das restliche Geld für Aufklärungsprogramme und Jugendarbeit aufzuwenden.

Der Blick zurück zeigt ein Projekt, an dem die VVN-BdA einen guten Anteil hat, auch wenn sie nicht in Gremien der EVZ gewählt wurde und die offizielle EVZ-Geschichtsschreibung den Erfolgsanteil der VVN-BdA schmälert. Das größte Verdienst am Gelingen hatten allerdings jüdische Organisationen in den USA. Sie starteten Sammelklagen gegen die deutsche Industrie und ließen sich dabei von finanzkräftigen Unternehmen in den USA unterstützen, die eine Chance sahen, die deutsche Industrie vom US-Markt zu verdrängen. Man sagte: Die Deutschen haben Marktvorteile durch die Zwangsarbeit gehabt, die US-Amerikaner nicht. Das rief den Bundeskanzler Gerhard Schröder und den US-Präsidenten Bill Clinton auf den Plan. Clinton untersagte die Sammelklagen in den USA, aber er verpflichtete den Kanzler, für eine Lösung der Entschädigungsfrage in Deutschland zu sorgen.

Diese Lösung war die EVZ-Stiftung, und sie war natürlich keine Entschädigung. Die VVN-BdA hatte immer verlangt, dass eine Lohnnachzahlung an die Opfer und an die Familien der schon Verstorbenen erfolgt. Diese Lohnnachzahlung hätte weit über 180 Milliarden DM erfordert. Das errechnete Prof. Thomas Kusczynski aus Berlin in einem aufsehenerregenden Gutachten. Da aber keine große Solidaritätsbewegung in der deutschen Bevölkerung für ihre ehemaligen Kollegen geschaffen werden konnte, blieb der Druck zur Lohnnachzahlung aus.

Dass es überhaupt die nicht ausreichende Lösung gab, immerhin erst 55 Jahre zu spät, das lag auch daran, dass man das Zwei-plus-Vier-Abkommen von 1990 als Friedensvertrag mit Deutschland ansah. Auf der Londoner Schuldenkonferenz von 1953 war entschieden worden, dass Deutschland seine Schulden an die Sklavenarbeiter erst nach Abschluss eines solchen Vertrages zahlen muss.

Erziehung ohne Auschwitz

geschrieben von Astrid Ludwig

31. August 2015

NS-Pädagogik ist in Frankfurt am Main kein Pflichtfach mehr

 

Micha Brumlik spricht von einem Skandal, der Jüdische Jugend- und Studentenverband Hessen kritisiert die Entscheidung scharf, der Asta der Goethe-Universität und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind empört.

Erheblicher Protest regt sich derzeit gegen die Entscheidung des Fachbereichs Erziehungswissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität, künftig die Vorlesungen zur Pädagogik in der NS-Zeit aus dem Curriculum für Lehramtsstudenten zu nehmen.

Sie sollen für den Besuch keine Credit Points, wichtige Leistungspunkte für das Studium, mehr erhalten. Das Studienangebot für angehende Lehrer zum Thema Indoktrination und Pädagogik im »Dritten Reich« soll nur noch als Spezialthema in Vertiefungsseminaren angeboten und bewertet werden. Zudem wurde das Studiengangs-Modul »Theorie und Geschichte« von zwei auf ein Semester gekürzt – auch Erziehungswissenschaftler erhalten dann nur noch die Hälfte an Credit Points.

Bisher galten die zwei aufeinanderfolgenden Vorlesungen und Seminare von Benjamin Ortmeyer über NS-Verbrechen, -Ideologie und –Pädagogik als vorbildliches Pilotprojekt. Keine andere deutsche Universität bietet das Thema in dieser Form für künftige Lehrer und Erziehungswissenschaftler an.

Zwischen 300 und 400 Studenten besuchten bisher jeweils die Vorlesungen der bundesweit einmaligen Forschungsstelle für NS-Pädagogik, die 2011 u.a. mit Mitteln der Goethe-Uni, des Fritz-Bauer-Instituts und der Hans-Böckler-Stiftung gegründet wurde. Bis zu seiner Emeritierung leitete der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik die Forschungsstelle gemeinsam mit Benjamin Ortmeyer.

Gerade im zurückliegenden Jubiläumsjahr zum 100. Geburtstag der von jüdischen Stiftern mitbegründeten Frankfurter Universität hatte sich die Forschungsstelle NS-Pädagogik mit einer Vorlesungsreihe zur NS-Geschichte der Hochschule und ihrer antisemitisch gesinnten Dozenten hervorgetan. Ortmeyer und Brumlik hatten beispielsweise daran erinnert, dass der KZ-Arzt Josef Mengele hier arbeitete und der judenfeindliche Erziehungswissenschaftler Ernst Krieck Rektor der Universität war.

Der Fachbereich begründet die umstrittene Änderung mit der Vereinbarung der Kultusministerkonferenz zur Lehrerbildung. Laut einer offiziellen Stellungnahme der Universität, der Fachbereiche und der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung sind die Themen »Unterrichten, Erziehen, Diagnostizieren und Schulentwicklung« verbindliche curriculare Inhalte. Einführende Vorlesungen gebe es nur in diesen Kompetenzfeldern, nicht in Spezialthemen, heißt es. Einführende Vorlesungen zum Thema NS-Pädagogik existierten an keiner deutschen Einrichtung der Lehrerbildung im Pflichtbereich – nur als Zusatzangebote.

Als eine »Entwertung« dieser Inhalte sieht der Fachbereich das keineswegs, es gehe darum, den Studienbeginn besser und klarer zu strukturieren, so die Dekanin Diemut Kucharz. In Vertiefungsseminaren allerdings können vielleicht allenfalls rund 60 Studenten dem Thema folgen, in Vorlesungssälen mehrere Hundert.

Micha Brumlik kritisiert scharf, dass grundlegende Kenntnisse der Geschichte der Pädagogik und der NS-Zeit offenbar nicht zu den professionellen Qualifikationen von Lehrern gehören sollen. Benjamin Ortmeyer betont: »Wir haben versucht, uns an Adorno und seinen Grundsätzen der Erziehung nach Auschwitz zu orientieren, und jetzt soll das nur ein Spezialthema sein?« Er sieht die Bemühungen des Pilotprojekts, die NS-Pädagogik zu einem Pflichtthema für alle Universitäten zumachen, in Gefahr.

Noch im Jubiläumsjahr habe die Uni sich mit der Umbenennung von Straßen und Plätzen nach Adorno und Horkheimer geschmückt, schimpft Asta-Sprecher Daniel Katzenmaier. Jetzt behindere der Fachbereich die hervorragende Arbeit der Forschungsstelle und flüchte sich in Formalargumente und Ablenkungsmanöver.

Katzenmaier und der Asta halten das bisherige Angebot für einen grundlegenden Aufklärungsbeitrag für zukünftige Lehrerinnen und Lehrer. Dem Fachbereich werfen sie vor, sich seiner gesellschaftlichen und politischen Bedeutung nicht bewusst zu sein.

Auch die GEW unterstützt Ortmeyer und kritisiert zudem, dass der prekäre Status der Forschungsstelle hartnäckig aufrechterhalten werde. Nur noch bis 2016 ist die Finanzierung und damit die Arbeit von Ortmeyer und vier Mitarbeitern gesichert.

Der Jüdische Jugend- und Studentenverband Hessen spricht von einem grundlegenden Beitrag für die Pädagogik und die ganze Gesellschaft. »Das Thema Erziehung nach Auschwitz muss gerade im Lehramtsstudium, wie Adorno forderte, Priorität haben«, betont der Verband.

Ortmeyer will seine Vorlesungen auf jeden Fall weiter anbieten. »Dann wird sich zeigen, wie wir die Anerkennung für die Lehramtsstudierenden regeln.«

Ein kämpferisches Paar

geschrieben von Ulrich Sander

31. August 2015

Beate und Serge Klarsfeld mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt

 

In Rom wird ein Platz nach Martin Luther benannt. Eine späte Ehrung nach fast 500 Jahren. Solange mussten Beate und Serge Klarsfeld nicht warten, jedoch sind immerhin fast 50 Jahre seit ihrer Missetat vergangen – bis zum Bundesverdienstkreuz 1. Klasse in diesem Jahr. Vor drei Jahren kandidierte Beate Klarsfeld gegen Joachim Gauck für das Bundespräsidentenamt. Da wich dieser noch der Frage nach einer Ehrung für Beate Klarsfeld aus. 1967 startete Beate Klarsfeld, geb. 1939 in Berlin, gemeinsam mit ihrem jüdischen Mann Serge, geb. 1935 in Paris, ihre Aufklärungsarbeit gegen die Nazis. Am 7. November 1968 hat sie dem NSDAP-Mann, NS-Rundfunkchef und späteren Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger auf einem CDU-Bundesparteitag in Westberlin die weltweit Aufsehen erregende Ohrfeige verpasst und gerufen: »Nazi Kiesinger abtreten«. Und Serge, dessen Vater Arno Klarsfeld im Herbst 1943 in Auschwitz ermordet wurde, sammelte Dokument um Dokument, um die Mörder zu brandmarken.

Kennen und lieben gelernt hatten sich Beate und Serge, nachdem sie nach Paris gekommen war, um im deutsch-Französischen Jugendwerk zu arbeiten. Sie wurde entlassen, als sie in der DFJW-Leitung Antisemiten ausmachte.

Bis in unsere Tage gab es solche Meldungen wie jene aus der FAZ: »Ohrfeigen-Beate von der Stasi gesteuert?« Angespielt wurde auf Serges Dokumentationen, für die er in Ost und West Belege sammelte. Entlarvt wurden Nazikriegsverbrecher, die im okkupierten Frankreich tätig waren und deren Gräueltaten von bundesdeutschen Gerichten nicht geahndet wurden. Insbesondere konzentrierte sich das Paar auf Leiter des nazistischen Polizeiapparats und des SD, die so viele Widerstandskämpfer folterten und fast 80.000 Juden aus Frankreich in die Gaskammern nach Auschwitz schickten, unter ihnen Tausende Kinder.

In dem Buch »Die Endlösung der Judenfrage in Frankreich« stellten sie eine Serie von Dokumenten der deutschen Judenverfolgung in Frankreich zusammen. Sie sind von Kurt Lischka, Herbert Hagen, Ernst Heinrichsohn, Hans-Dietrich Ernst, Ernst Achenbach, Fritz Merdsche u.a. unterzeichnet, die straffrei – obwohl in Frankreich in Abwesenheit verurteilt – in der BRD lebten und nach 1945 erneut als Rechtsanwälte, Richter, Polizisten, Industrielle oder Politiker Karriere machten. Die französische Regierung benötigte über zehn Jahre, um von der deutschen Bundesregierung am 2. Februar 1971 die Unterzeichnung eines Zusatzabkommens zu erlangen, das die Verurteilung dieser Verbrecher vorsah. Und es vergingen weitere vier Jahre, bis der Bundestag es ratifizierte. Allerdings schützte die deutsche Justiz diese Verbrecher weiterhin und verzögerte die Eröffnung von Strafprozessen.

Forderungen in diesem Sinne hatten natürlich auch die Opfer des Faschismus in der BRD gestartet, mit deren VVN-BdA die Klarsfelds zusammen arbeiteten. Um ihnen Nachdruck zu verleihen, starteten Beate und Serge gefährliche Entführungsaktionen, so gegen den Gestapo-Schergen und in Frankreich zu lebenslänglich verurteilten Kurt Lischka in Köln im Jahre 1971, was Beate Gefängnis eintrug. Später sagten die Klarsfelds: »Für uns am wichtigsten war, dass wir den Kölner Prozess gegen Hagen, Lischka und Heinrichsohn, die Hauptverantwortlichen für die Deportation der Juden aus Frankreich initiiert und eine Verurteilung erreichen konnten.« Und dann der Prozess gegen Klaus Barbie, den Gestapo-Chef von Lyon, den sie in Bolivien aufspüren konnten. Auch gegen weitere Verbrecher wurden durch ihre Initiative Verfahren eingeleitet. Dass seit kurzem endlich Naziverbrecher verurteilt werden, die am Tatort zum Mordkollektiv gehörten, nicht aber direkt beim Töten beobachtet wurden, das finden die »Nazijäger« richtig – es kommt aber viel zu spät. Ein Rückfall ist der Freispruch im Prozess gegen Werner Christukat gewesen, der im Juni 1944 im südfranzösischen Dorf Oradour-sur-Glane an dem Massaker an 642 Menschen teilnahm. Er hatte gesagt, dass er anwesend war, aber nicht geschossen habe. Die Strafen, die schon vor 60 Jahren hätten verhängt werden können, blieben aus.

Schon 1960 hatte die VVN Klage gegen Barbie erhoben, ab 1971 stiegen die Klarsfelds in diese Aktion ein. Beate fand den Mörder in Bolivien, kettete sich vor Barbies Büro an und erregte endlich die Weltöffentlichkeit. Barbie wurde ausgewiesen.

Heute sind die Klarsfelds besorgt wegen der Rechtsentwicklung auch in Frankreich. Alle sollten gegen den gemeinsamen Hauptfeind, den Front National, zusammenstehen.

Holocausterinnerung

geschrieben von Thomas Willms

30. August 2015

Versuch einer Analyse aus wissenschaftlicher Perspektive

Die im rührigen transcript-Verlag erschienene literaturwissenschaftliche Dissertation von Kirstin Frieden mit dem vielversprechenden Titel »Neuverhandlungen des Holocaust – Mediale Transformationen des Gedächtnisparadigmas«beschäftigt sich mit zeitgenössischen unorthodoxen Ansätzen des sogenannten Erinnerungshandelns in Deutschland und enthält zahlreiche wichtige Anregungen und Ideen. Das Thema ist schwierig und das Werk verdient Respekt und Anerkennung. Dass daraus trotzdem kein knappes, kritisches und gut lesbares Buch (besser zwei oder drei) geworden ist, liegt wie so oft am geisteswissenschaftlichen Betrieb. Der verlangt ein fürchterliches Dissertations-Gedöns. Wenn die darzubietende Theorie wie in diesem Fall dann auch noch aus der postmodernen Schwafelschule Aleida Assmanns besteht, wird dem Leser wirklich mächtig Geduld abverlangt, ohne dass er etwas davon hätte. Dem theoretischen Ansatz entsprechend kennt die Autorin im weiteren denn auch keine politischen Interessen und Interessenten an der Geschichte, als würde die ganze deutsche Gesellschaft nur darauf warten, ganz toll der Nazi-Opfer gedenken zu können.

Kirstin Frieden: Neuverhandlungen des Holocaust. Mediale Transformationen des Gedächtnisparadigmas, transcript-Verlag 2014, 368 Seiten, 29,95 €

Kirstin Frieden: Neuverhandlungen des Holocaust. Mediale Transformationen des Gedächtnisparadigmas, transcript-Verlag 2014, 368 Seiten, 29,95 €

Ausgegangen wird in der Arbeit von vier zentralen Veränderungsprozessen: dem Generationswechsel, einem Gedächtnis/Medienwechsel, einem Sprachwechsel und einem gesellschaftlichen Wandel weg von festen Weltvorstellungen hin zu sich ständig ändernden Mix-Anschauungen. Die Autorin hat sich eine Querschnittsanalyse vorgenommen, in der sie untersucht, wie heute mit dem Thema NS-Verbrechen – womit stillschweigend eigentlich nur der Judenmord gemeint ist – umgegangen wird. Sie möchte deutschsprachige oder für den deutschsprachigen »Diskurs« wichtige Autorinnen und Autoren analysieren, die zudem innovativ sein sollen und für ein junges Publikum arbeiten. Dies tut sie für gleich für drei große Bereiche: Literatur, Performance-Kunst und Neue Medien. Das ist schlicht zuviel auf einmal. Im ersten, im engeren Sinne literaturwissenschaftlichen Teil, verteilt die Autorin freigiebig Watschen an das Gros der deutschen Gegenwartsautoren. Diese mögen gerechtfertigt sein, sind aber ebenso zu kurz begründet wie das Hohelied auf den jungen Autor Kevin Vennemann, nach dem gleich ein »Prinzip« benannt wird. Wenn man sich nicht selber an die NS-Geschichte erinnern kann wie Vennemann, dürfe und müsse man erfinden und Geschichten erzählen. Lyrisch und quasi-musikalisch sei der Autor und dabei radikal distanzlos. Die Form reflektiere den Inhalt, denn dieser – der NS-Judenmord – verweigere sich der konkreten Erzählung. Das hört sich schon spannend an, aber ist es auch so originell wie behauptet? Aus der »experimentellen Schreibweise« zu schließen, dass sich das Ganze an die jüngere Generation wende, ist eher unfreiwillig komisch. Menschen jenseits der 30 sind literarisch wohl ein bisschen blöd, heißt das nämlich. Ganz auf der Höhe der unbeständigen Gegenwart befindlich sieht die Autorin im zweiten Teil die Performance-Kunst mit dem zentralen Beispiel des Stückes »Dritte Generation. Work in Progress« von Yael Ronen. In diesem deutsch-israelisch-palästinensischen, ans Improvisations-Theater angelehnten, Stück wird offensichtlich mächtig gestritten und damit der Stoff der familiären Betroffenheiten »flüssig« und damit diskutierbar gemacht. Das würde man gerne einmal sehen. Aber angesichts der Tatsache, dass das Ganze aus einer Gruppentherapie entstanden ist – was sicher sehr verdienstvoll ist – stellt sich doch die Frage, ob nicht eher andere Disziplinen geeigneter zur Analyse wären als die Literaturwissenschaft.

Der dritte Teil der Arbeit – »Erinnerungskultur« in den Neuen Medien – macht noch einmal ein ganz neues großes Fass auf. Was wird auf youtube und ähnlichen Plattformen eigentlich geschichtspolitisch getrieben, fragt sich Frieden völlig zu Recht. Sie ist optimistisch, dass sich in dieser neuen Handlungswelt »Erinnerungsgemeinschaften« bilden werden, die mit Innovationen, z.B. facebook-accounts für NS-Opfer oder dem bekannten »Dancing Auschwitz«-Video in großem Maße jüngere Menschen positiv sensibilisieren werden.

Dass das Netz aber auch voll ist von prä- und profaschistischen Geschichtsaneignungen kommt dann schon nicht mehr vor.

Krieg der Erinnerungen

30. August 2015

Wie die Ukraine-Krise den Geschichtsrevisionismus in Litauen befeuert

 

Die Theorie vom »doppelten Genozid« floriert in Litauen. Nach dieser Geschichtsauffassung hätten die Sowjetunion und NS-Deutschland gleichartige Verbrechen verübt, und die litauische Nation wäre jeweils Opfer gewesen.

Während moderate Stimmen den Judenmord noch als nationale Tragödie beklagen, schlagen Nationalkonservative und Neofaschist_innen, die alljährlich Aufmärsche durchführen, radikalere Töne an. Sie feiern NS-Kollaborateure als Helden im antisowjetischen Befreiungskampf. Die jüdischen Mordopfer gelten dagegen als »Bolschewisten«, ehemalige Rotarmisten als »Besatzer« und Partisan_innen als »Verbrecher«.

Weil sich die Theorie vom »doppelten Genozid« gegen Putin (= Stalin) und Russland (= UdSSR) instrumentalisieren lässt, breitet sie sich im Zuge der Ukraine-Krise weiter aus und fasst auch im Westen Fuß. Die Erben der Anti-Hitler-Koalition werden so erneut entzweit.

Das Ausmaß zeigte sich erstmals anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz. Mit Wladimir Putin wurde ausgerechnet das Staatsoberhaupt Russlands von der zentralen Gedenkfeier in Oświęcim ausgeladen. Der polnische Außenminister Schetyna legte noch einen drauf und stellte die Befreiung von Auschwitz als Leistung ukrainischer Soldaten dar. Ein dummer Zug, den Putin, der den 27. Januar im Jüdischen Museum in Moskau beging, leicht parieren konnte.

Derweil zog der polnische Präsident Komorowski in Oświęcim eine abwegige Parallele zwischen NS-Deutschland und der UdSSR, indem er an das Massaker in Katyń erinnerte. Und die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaitė, die Putin in einer Linie mit Stalin und Hitler sieht, warnte mit Blick auf die russische Ukraine-Politik vor einer angeblichen Wiederholung von Auschwitz. Unlängst übrigens kürte ein Think Tank Grybauskaitė zur größten Fürsprecherin der Ukraine (noch vor Präsident Poroschenko selbst).

Der Deutungskrieg setzte sich anlässlich des 70. Jahrestags des Kriegsendes in Europa fort. Als klar wurde, dass Putin den »Tag des Sieges« am 9. Mai mit einer Parade seiner neuesten Waffensysteme in Moskau begehen würde, sagten die westlichen Staatschefs ab. Sie wollten nicht zu Statisten einer Geschichtslektion werden, die Putins Politik kaschieren würde. Doch wie ein Kritiker zu Recht anmerkte: Das Dilemma ist, dass Putins Sicht der Dinge – und sei es zufällig – die historisch richtige ist. Jede Alternativveranstaltung läuft Gefahr, den Geschichtsrevisionismus und die Diskriminierung der russischsprachigen Minderheiten in Osteuropa zu befeuern. So wie Putins Ausschluss in Oświęcim den russischen Anteil an der Befreiung von Auschwitz vergessen machte, schmälerte der Boykott der Feier in Moskau den russischen Anteil am Sieg über Nazi-Deutschland.

Die Anti-Putin-Allianz traf sich am – historisch unbedeutenden – 7. Mai im polnischen Gdańsk (Danzig), um am 8. Mai nationale Gedenkveranstaltungen durchzuführen. So auch die Präsidentin von Litauen, wo der 9. Mai längst tabu ist. Da ihr das Mahnmal auf dem sowjetischen Soldatenfriedhof in Vilnius zuwider ist und das Kriegsende ohnehin als ambivalentes Ereignis gilt (weil es die sog. Besatzung Litauens durch die UdSSR zementierte), fiel Grybauskaitės Ortswahl auf die abgelegene Holocaust-Gedenkstätte in Ponar.

Dort gedachte die Präsidentin nicht nur der 70.000 in Ponar ermordeten Jüdinnen und Juden. Sie verneigte sich auch am Gedenkstein für die polnischen Mordopfer (darunter viele Angehörige der Armia Krajowa, die in der Region stark antikommunistisch und latent antisemitisch ausgerichtet war) und sogar am Gedenkstein für eine Gruppe litauischer Kollaborateure, die die Deutschen wegen Desertion erschossen hatten.

Doch Grybauskaitė ebnete nicht nur die Unterschiede zwischen den Gruppen ein und schwieg zur litauischen Komplizenschaft bei der Durchführung des Holocausts. Politisch schwerer wog, dass sie am 70. Jahrestag des Kriegsendes ausgerechnet den Gedenkstein unbeachtet ließ, der dem Anlass am angemessensten war: den für die 7.514 in Ponar ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen. Dass diese auch litauischer Herkunft waren, interessierte sie nicht. Für die letzten Veteran_innen und Partisan_innen war das ein weiterer Schlag ins Gesicht.

Was der 23. August, der Jahrestag des sog. Hitler-Stalin-Pakts, bringen würde, war bei Redaktionsschluss noch nicht absehbar. Die Erfahrung der letzten Jahre und die aktuelle Zuspitzung lassen jedenfalls nichts Gutes erwarten.

Kriegsgeschäfte mit den Nazis

geschrieben von Axel Holz

30. August 2015

Die Schweiz und Portugal gehörten zu den großen Profiteuren

 

Portugal nahm als neutrales Land nicht am Zweiten Weltkrieg teil, verlängerte ihn aber durch Wirtschaftsgeschäfte mit Hilfe der Lissaboner und der Schweizer Nationalbank mit Nazi-Gold. Zu diesem Schluss kommt der Wirtschaftshistoriker und Journalist, Antonio Louca, in seinem bereits 2000 in Portugal erschienenem Buch. Vorausgegangen war dem Buch eine Resolution des amerikanischen Repräsentantenhauses vom 3. Januar 1996, das die vollständige Offenlegung der gesamten Kriegsvergangenheit gegen Nazi-Deutschland forderte. In der Folge erschienen zahlreiche Kommissionsberichte einzelner Länder, deren Banken in den Handel mit dem Raubgold der Nazis verwickelt waren. Nazideutschland war zu Kriegsbeginn faktisch pleite und finanzierte den kommenden Krieg weitgehend mit Raubgold. Von 930 Mio. Dollar Reichsbankgold waren zu Kriegsende 753 Mio. Dollar Raubgold. Das Raubgold der Nazis hatte dreifachen Ursprung: die Bestände der Nationalbanken der von den Nazis überfallenen Staaten, geraubte private Devisen- und Goldeinlagen und das Raub-Gold der Nazi-Opfer aus den Konzentrationslagern.

Antonio Louca, Nazigold für Portugal. Hitler & Salazar, Wien 2002

Antonio Louca, Nazigold für Portugal. Hitler & Salazar, Wien 2002

Während letzeres in den türkischen Wirtschaftskreislauf eingespeist wurde, wurden die riesigen geraubten Gold-Bestände der europäischen Nationalbanken als Zahlungsmittel der Nazis in Wirtschaftsgeschäfte mit sogenannten neutralen Staaten eingebracht, vor allem mit Portugal und der Schweiz. Die Nazis ließen dazu Raubgold umschmelzen und brachten es mit veränderter Prägung auf den Markt, etwa um die unausgeglichene Handelsbilanz mit Portugal zu bedienen, die Wehrmacht mit portugiesischen Sardinen zu versorgen und vor allem, um kriegswichtige Rohstoffe zu importieren, über die Deutschland nicht verfügte. Darunter war auch portugiesisches Wolfram, ein Metall mit hohem Schmelzpunkt, dessen Legierungen für die Panzerung von Militärfahrzeugen unerlässlich waren.

Das Geschäft der Nazis mit dem portugiesischen Diktator Salazar wurde über die Schweiz abgewickelt. Von Kriegsbeginn bis 1942 flossen 517 Millionen Schweizer Franken nach Deutschland. Später erfolgte die Bezahlung aus Angst vor einer Abwertung des Schweizer Franken mit Gold aus weitgehend belgischer Herkunft. Das Raub-Gold der Nazis wurde über Depots der Schweizer Nationalbank ab Bern mit Lastwagen über Südfrankreich und Nordspanien nach Portugal gebracht. Insgesamt nennt der Bericht, der zur Aufklärung des Handels mit Nazigold eingesetzten portugiesischen Kommission unter der Leitung des ehemaligen sozialistischen Regierungschefs, Mario Soares, Geschäfte im Umfang von 42 Tonnen Nazi-Gold. Doch der Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses, Elan Steinberg, sprach 1999 von 110 Tonnen Nazigold, die nach Portugal flossen. Das war immerhin ein Kriegs-Geschäft Portugals im Wert von umgerechnet knapp einer Milliarde Euro. Portugal profitierte dabei beim Woframverkauf ähnlich wie Rumänien beim Erdölverkauf an Deutschland von überhöhten Preisen, die Nazi-Deutschland auf Grund fehlender Alternativen zahlen musste.

Auch der Handel der Schweiz mit Raubgold ist unübersehbar, denn der Wert des gehandelten Goldes erreicht fast das Dreifache des Wertes der Waren, die von Deutschland mit der Schweiz zwischen 1940 und 1944 mit anderen Gütern kompensiert wurden. Natürlich versuchten die Alliierten, die kriegswichtigen Wolframgeschäfte Portugals mit Deutschland lahmzulegen, zunächst mit Angeboten von Waffenlieferungen zu Dumpingpreisen, später mit einer Kampagne, um die deutschen Zahlungsmittel in Misskredit zu bringen. Schließlich attackierten die Alliierten Portugal mit einem Embargo der Wolframlieferungen und drohten schließlich Anfang 1943 und erneut 1944 mit der Beschlagnahme portugiesischer Vermögenswerte im Ausland. Doch Portugals Diktator Salazar ließ sich nicht beeindrucken, vertuschte die Nazigeschäfte und stellte sie erst ein, als mit dem Vormarsch der Alliierten nach der Eröffnung der zweiten Front der Weg für die Goldtransporte über Südfrankreich versperrt war. Zwei Motive leiteten Salazar dabei – Profite aus Kriegsgeschäften mit Nazi-Deutschland und der Antikommunismus, der beide faschistischen Regimes verband. Der Handel mit den deutschen Faschisten funktionierte auch in Kriegszeiten ausgezeichnet, die noch heute gern als Nationalsozialisten bezeichnet werden, indes aber kapitalistische Geschäfte reinsten Wassers betrieben. Selbst als Nazi-Deutschland 1943 größte wirtschaftliche Anstrengungen zur Kriegsproduktion unternehmen musste, wurde 40 Prozent dieser Produktion für internationale Waffengeschäfte eingesetzt. Das lohnt sich bis heute, ob mit oder ohne Krieg.

Einheitsfront und Partisanenkampf

geschrieben von Ulrich Schneider

30. August 2015

Die Rolle der Resistenza in der italienischen Geschichte

 

Ein zentrales historisches Narrativ der italienischen Gesellschaft ist der bewaffnete Widerstand in Mittel- und Norditalien gegen die deutsche Okkupation, die »Resistenza« von 1943 – 1945. Gerhard Feldbauer hat eine kurze Geschichte dieser Periode vorgelegt, die jedoch weit über den kurzen Zeitraum hinausreicht und die Voraussetzungen und Wirkungen ebenfalls beleuchtet.

Gerhard Feldbauer, Die Resistenza, Italien im II. Weltkrieg, Reihe Basiswissen, 126 S., PapyRossa Verlag, Köln 2014

Gerhard Feldbauer, Die Resistenza, Italien im II. Weltkrieg, Reihe Basiswissen, 126 S., PapyRossa Verlag, Köln 2014

In der gebotenen Kürze skizziert der Autor die Entstehung der faschistischen Herrschaft in Italien, die Übertragung der Macht an Benito Mussolini, den »Marsch auf Rom« der faschistischen »Schwarzhemden« und die Absprachen mit zentralen Kräften in Politik, Wirtschaft und Kirche. Die Reaktion der politischen Gegner und die Debatten innerhalb der Organisationen der Arbeiterbewegung auf die Etablierung des gewalttätigen Regimes werden ebenfalls nachgezeichnet.

Anders als später in Deutschland, kam es zur Formierung einer antifaschistischen Einheitsfront auch mit linksbürgerlichen Kräften, die sich zu einem »Antikriegskomitee« weiterentwickelte. Auf dieser Basis wurde im September 1943 selbst die neu gegründete Democrazia Cristiana (DC) in das Nationale Befreiungskomitee (CLN) integriert.

Zum antifaschistischen Widerstand in Italien vor dem Sommer 1943 gehörten auch Streikaktionen in den Rüstungsbetrieben, die sozialen und politischen Charakter besaßen. Vor dem Hintergrund der wachsenden Kriegsmüdigkeit und der sich ausweitenden antifaschistischen Bewegung, verbunden mit der militärischen Niederlage der italienischen Truppen in Nordafrika und der Landung der alliierten Truppen in Sizilien, kam es im Juli 1943 zum Sturz Mussolinis und zur Einsetzung der Regierung unter Marschall Pietro Badoglio. Diese nahm Kontakt zu den Alliierten auf und erklärte später dem faschistischen Deutschland den Krieg.

Als Reaktion darauf ließ das faschistische Deutschland Mussolini in einem Kommandounternehmen befreien, besetzen deutsche Truppen Nord- und Mittelitalien und errichteten – mit Mussolini als Marionette – eine »Republik von Salo«.

Aufgrund dieser Situation entstanden für die antifaschistischen Kräfte völlig neue Bedingungen. Der Charakter des Kampfes wechselte vom Widerstand gegen die eigene faschistische Herrschaft zu einer nationalen Befreiungsbewegung gegen eine fremde Okkupation. Im Aufruf zum 1. Oktober 1943 hieß es: »Heute gibt es für die Italiener nur noch eine Front: Gegen die Deutschen und die fünfte faschistische Kolonne.«

Zur Entwicklung des Widerstandes als Massenphänomen trug auch das brutale Vorgehen der deutschen Wehrmachts- und SS-Einheiten bei, die in den besetzten Gebieten zahlreiche Kriegsverbrechen und Massaker an Zivilisten und Partisanen begingen.

Feldbauer geht zwar auf einzelne militärische Aktionen der »Gruppi di Azione Patriottica« (GAP) ein, skizziert jedoch vorrangig die politischen Hauptlinien und wichtige strategische Optionen (»Wende von Salerno« und Gramscis »blocco storico«) für antifaschistisches Handeln. So erklärte die italienische KP »heute nicht für eine Diktatur des Proletariats zu kämpfen, sondern für eine progressive Demokratie«.

Zu den großen Ereignissen im nationalen Selbstverständnis gehört der Aufstand zur Befreiung Mailands und Norditaliens am 25. April 1944, bevor die alliierten Streitkräfte das Territorium Italiens erreichten. Die Partisaneneinheiten leisteten mit ihrer militärischen Offensive einen wichtigen Beitrag zum Sieg der Anti-Hitler-Koalition, der auch von den alliierten Kommandeuren anerkannt werden musste. Gleichzeitig hatten die Westalliierten keinerlei Interesse an einer sozialpolitischen Veränderung und betrachteten alle Bestrebungen einer volksdemokratischen Entwicklung als Bedrohung, so dass sie nach der Besetzung die sofortige Entwaffnung der Partisanen forderten.

In den Abschlusskapiteln wird Feldbauers kritische Einschätzung auch gegenüber der KP-Politik deutlich. Er spricht von einer »revolutionären Situation«, die jedoch nicht angemessen ausgenutzt worden sei, und kritisiert das »beschämende Schweigen« und weitere »Versäumnisse der IKP-Führung«.

Am Schluss dieses Überblickswerkes findet sich eine kurze Bilanz »Was erreicht wurde«. Hier nennt er das erfolgreiche Referendum für die republikanische Staatsform und den breite Konsens über eine antifaschistische Verfassung, die nicht nur grundlegende Freiheiten des Volkes fixiert, sondern auch weitergehende sozialpolitische Rechte (Recht auf Arbeit, angemessene Entlohnung etc.) enthält.

Feldbauer Überblickswerk ist ein wichtiger Beitrag gegen alle Versuche, die Resistenza »als wichtigste Wurzel der Italienischen Republik aus den Seiten der Geschichte zu löschen«.

Nicht den Gesetzen beugen

geschrieben von Gina Pietsch

30. August 2015

Mikis Theodorakis zum 90. Geburtstag

 

Am 29. Juli hatte er Geburtstag. Wir feierten damit 90 Jahre eines reichen, schweren, kämpferischen, widerständigen, widersprüchlichen Lebens. Unmöglich zu nennen all seine Aktivitäten in Politik und Kunst, in Freiheit und Gefangenschaft, geehrt und gefoltert, verbannt und in der Nähe seiner traditionsreichen Familie, als Politiker, als Dichter, als Komponist. Auffällig immer, schon durch Körpergröße, er ist 1,94. Und immer ist er unbequem, weil er, wie in seinem Lied, »sich nicht Gesetzen beugte«.

800px-Mikis2004

Seine Kindheit ist geprägt durch viele Umzüge, bedingt durch häufigen Arbeitswechsel des Vaters als Jurist und Staatsbeamter. Geboren wird er auf der Insel Chios. Aber er versteht sich als Kreter, als ein Kreter mit musikalischer und höchst politischer Vorgeschichte. Da ist der eine Stammvater der erste und letzte kretische General, den die Türken am Beginn der Kämpfe gegen sie verhungern ließen. Und da ist der andere der Schöpfer des Hauptliedes der kretischen Revolution »Pote tha kani xasteria«. Eine verschworene Sippe sind sie – meist Hirten, Bauern, Lyraspieler, Angestellte und, wie Theodorakis sagt, Antikommunisten bis auf die Knochen, aber über zwei Jahrhunderte an vorderster Front Kämpfer gegen die wechselnden Besatzer, Türken, Albaner, Italiener, Deutsche, Engländer, Amerikaner – und die Junta des eigenen Landes. Und so wird denn auch verständlich, wieso Theodorakis auf die Frage eines seiner Peiniger auf der Verbannungsinsel Makronisos, wer er denn sei, dass er die Reueerklärung nicht unterschreibe, nicht antwortet Weil ich Kommunist bin, was er doch war zu dieser Zeit, sondern, Weil ich Kreter bin.

Die Jahre 60 bis 67 kommen. Eine gute Zeit, für Mikis die produktivste und glücklichste.

Er spricht vom »Frühling in Griechenland«. Und er wird Komponist in 30 Filmen. »Alexis Zorbas« macht ihn weltbekannt. Mit dem Dichter, und Maler Jakobos Kambanellis verbindet Mikis viel, Schmerzen auch, die Lager und Verbannung hinterlassen haben, das bei der Folter gebrochene Bein, das zerschlagene Auge, und die Krämpfe, die jede Erinnerung an die Verbannungsinsel Makronisos begleiten. Was Wunder, dass er für die »Mauthausen-Kantate« die Gedichte von Kambanellis nimmt, die dieser über seine Zeit als Häftling im KZ Mauthausen schrieb.

Der 22. Mai 1963. Der Armenarzt Grigoris Lambrakis, der an der Spitze der griechischen Friedensbewegung steht, wird ermordet, woraufhin sich auf Mikis Anregung Künstler, Wissenschaftler mit vielen Jugendlichen zusammenschließen zum Demokratischen Jugendverband »Lambrakides«. Sie werden die stärkste Organisation Griechenlands, machen sich an die Arbeit, pflanzen Bäume, helfen Schulen gründen, richten Kulturzentren ein. 1967 rollen die Panzer. Für sieben Jahre fällt das Land unter die Diktatur der Junta.

Theodorakis verfasst 2 Tage nach dem Putsch den ersten Aufruf zum Widerstand, gründet die »Patriotische Front« und schreibt »Rebellenlieder«. Es hagelt Verbote, von Büchern, von langen Haaren, kurzen Röcken, den Beatles, der Homosexualität, der Modernen Musik, den Russen, der Friedenbewegung, dem Buchstaben »Z«, der Leben bedeutet, und – den Liedern von Mikis Theodorakis.

Der 13. April 1970 – die internationale Solidarität verhilft ihm zur Flucht nach Paris. Der diese Flucht organisiert, tut es mit den Worten, der Komponist Mikis Theodorakis ist nun kein Kommunist mehr. Nicht das erste Mal und später immer wieder bringt ihn die Frage nach seiner Partei-Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit, seiner kritischen Sicht auf die oder seiner Solidarität mit der kommunistischen Partei zwischen die Fronten, für die Konservativen ein Erzkommunist, für die Kommunisten ein Abweichler.

Am Ende der Junta und dem Beginn der Zivilregierung unter Karamanlis im Juli 74 kann Theodorakis nach Athen zurückkehren. Der Empfang auf dem Flughafen wird ebenso triumphal wie die folgenden großen Konzerte mit seinen Werken. Der Erfolg seiner politischen Arbeit, als unabhängiger Bürgermeisterkandidat oder Staatsminister, reicht nicht heran an den als Komponist. Als dieser weltberühmt und in Griechenland unerreicht, wird er aber dennoch nicht von allen akzeptiert, aufgrund des ewigen Widerspruchs zwischen Massenerfolg und Innovation, des bewusst Unelitär-sein-Wollens.

Was seine Landsleute heute beschäftigt, sieht Mikis sehr früh. Schon 1990 kommt er zu der Einschätzung: »Die Lage ist schlimmer als unter der Diktatur. Gewiss, es gibt keine Folter, keine willkürlichen Verhaftungen, aber heute geht es um Leben und Tod für Griechenland. Sie haben die Kassen geleert, sie haben die Herzen gelehrt, sie haben die Hirne geleert.« Und entgegen seiner Pläne, sich nur noch mit Musik zu beschäftigen, engagiert er sich, bleibt unbequem.

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten